23.03.11 | 21:16 | Kollegialitäten | Publikationen | Kommentare 2 Kommentare

Die Moral des Dr. Dr. Rainer Erlinger

Frisch auf dem Buchmarkt: "Moral. Wie man richtig gut lebt" von Dr. Dr. Rainer Erlinger

Frisch auf dem Buchmarkt: "Moral. Wie man richtig gut lebt" von Dr. Dr. Rainer Erlinger

“Moral, das ist, wenn man moralisch ist”, sagt der Hauptmann in Büchners “Woyzeck”. So einfach macht es sich Rainer Erlinger natürlich nicht, obwohl auch er einige Dinge pointiert zuspitzen kann. In seinem neuen Buch “Moral. Wie man richtig gut lebt” spürt der Gewissens-Kolumnist des SZ-Magazins den Grundsätzen nach, die unser Zusammenleben bestimmen -- und bestimmen sollten, um dieses angenehmer zu machen. Das geht von der Frage, ob man in bestimmten Situationen lügen darf, bis hin zu unserer Haltung zu Konsum, Geld oder Fleischverzehr. Es gibt Kapitel “Über Egoismus”, “Über Toleranz”, Über Sexualität und Beziehung” und dergleichen Moralfallen mehr. Es gibt aber auch ein Kapitel über die ethischen Theorien, insofern ist das Buch auch ein kleiner Anfängerkurs in Sachen Moralphilosophie.

Rainer Erlinger beim Signieren. Eigentlich bräuchte er nur reinzuschreiben "Alles Gute!" - hat bei ihm doch gleich eine viel tiefere Bedeutung.

Rainer Erlinger beim Signieren seines Buchs. Eigentlich bräuchte er nur reinzuschreiben "Alles Gute!" - hat bei ihm doch gleich eine viel tiefere Bedeutung als bei unsereinem.

Die offizielle Buchvorstellung war am Montag im Münchner Literaturhaus. Der liebe Rainer ist zwar schon vor geraumer Zeit nach Berlin gezogen, aber das SZ-Magazin, in dem seit neun (!) Jahren seine Kolumne “Die Gewissensfrage” erscheint, ist nun mal in München beheimatet, wo Rainer früher auch selber gerne lebte -- und auch wenn sein Buch keine Kolumnen-Sammlung ist, so ist doch die wöchentliche “Gewissensfrage” an den Doppel-Doktor Erlinger (hat er nun, ach!, Medizin und Juristerei … durchaus studiert) die Grundlage des Bandes. Oder, wie der Autor es am Montag formulierte: Das Buch sei vergleichbar mit einem Gefäß, das unter dem Schreibtisch stand, während er über den Gewissensfragen brütete, “und da sind dann die Essenzen reingetröpfelt”.

Demnach handelt es sich also um etwas Essentielles, im buchstäblichen Sinn: Wegweisendes -- um einen Leitfaden für rechtes Verhalten im Alltagsleben. Wobei der Populärethiker Rainer Erlinger Wert legt auf die Feststellung, “kein moralischer Gesetzgeber” zu sein oder sein zu wollen. Daher betont er den -- hübsch doppelsinnigen -- Untertitel seines Buches: “Wie man richtig gut lebt”. Das ist ein Untertitel, der den schweren Keulen-Begriff “Moral” sanft auffängt und in etwas Wünschenswertes bettet.

Kommt das nun in der Buchhandlung in die Abteilung “Philosophie für Anfänger”  … oder ins allseits beliebte, schwer überfüllte Ratgeber-Regal? Hm … Am besten, so sei es dem Autor gewünscht, auf den Tisch in der Mitte -- da wo die Bestseller der Saison ausliegen.

Gewissens-Kolumnist Rainer Erlinger im Gespräch mit Johannes Waechter vom SZ-Magazin

Gewissens-Kolumnist Rainer Erlinger im Gespräch mit Johannes Waechter vom SZ-Magazin

Vorgestellt hat Rainer Erlinger sein Buch im Duo mit SZ-Magazin-Redakteur Johannes Waechter, seinem Kolumnen-Betreuer in der Redaktion. Der moderierte den Abend, indem er das Buch kommentierend zusammenfasste und dem Autor zwischen dessen Vorleserunden Fragen stellte -- und zwar so seelenruhig und akkurat, wie es in der aufgeregten Literaturbetriebsamkeit allemal selten ist. Ein ZEN-Meister ist ein Quirl dagegen.

Was Waechter an dem Buch hervorhob, nämlich seinen Alltags- und Praxisbezug, vermittelte sich auch bei der Lesung als ein positves Charakteristikum. Und es fiel der Wille des Autos auf, unterhaltsam, verständlich und anschaulich zu schreiben und niemanden (weder moralisch noch philosophisch) zu überfordern. Daher bringt er nicht nur viele sinnfällige Beispiele, sondern auch etliche Witze rein. Wie zum Beispiel diesen hier:

Moses kommt vom Berg Sinai zurück mit zwei Tafeln in der Hand und begrüßt das Volk mit den Worten, dass er eine gute und eine schlechte Nachricht habe. Die gute: “Ich habe ihn auf zehn runter”. Die schlechte: “Ehebruch ist immer noch drinnen.”

Unverbrüchlich ist für Erlinger eins: “Die Moral ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Moral.” Das sei einer der wirklich zentralen Sätze einer jeglichen Beschäftigung mit Moral.

Man müsse deshalb auch nicht Mutter Teresa mit ihren “supererogatorischen Handlungen” (so nennt man in der Moralphilosophie Taten, die schon wieder zu gut sind, als dass man sie allen Menschen abverlangen könnte) als Maßstab für sein eigenes Handeln heranziehen. So wie man den 50 Arbeitern im havarierten Atomkraftwerk von Fukushima auch nicht moralisch abverlangen könne, sich für Japan und den Rest der Welt aufzuopfern.

Rainer Erlinger hinterher im "Oskar Maria": ganz privat

Rainer hinterher im "Oskar Maria": ganz privat

“Jeder hat das Recht, seine Belange zu vertreten und sich nicht völlig aufzuopfern”, schreibt Erlinger einleitend -- und will dem Leser damit erst mal den Rücken stärken und ihn somit gewinnen, weiß er doch wie “unbeliebt” die Moral ist: “weil man automatisch ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man das Wort nur hört”. Von diesem schlechten Gewissen will der Autor den Leser befreien -- mehr noch, ich denke mal, er will den Moralbegriff auch mit einem gewissen Lustgewinn aufladen (wie gut es sein kann, gut zu sein -- und darüber nachzudenken). Und er scheint die Zeit auf seiner Seite zu haben: Es gibt in der heutigen Gesellschaft ein gesteigertes Interesse an Ethik und moralischen Fragen, ja, “eine Sehnsucht nach Regeln” hat Rainer Erlinger festgestellt.

Das Buch, das im ersten Teil “Grundsätzliches” und im zweiten Teil die “Moral im Alltagsleben” behandelt, kommt in Teil III schließlich auf die “Grundpfeiler einer zeitgemäßen Moral”, als welche der Autor folgende drei ausmacht:

1.) Achtung      2.) Rücksicht      3.) Verständnis

So weit, so gut(menschlich). Schadet bestimmt nicht, sich diese Trias hin und wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Zeitlos gültig als Anleitung für moralisches Handeln ist natürlich -- das bestreitet auch Erlinger nicht -- die sogenannte GOLDENE REGEL, die man schon als Kind im Religions- oder Ethikuntericht lernt -- gewissermaßen die subjektivistische Basis des Kategorischen Imperativs:

>> WAS DU NICHT WILLST, DAS MAN DIR TU

DAS FÜG AUCH KEINEM ANDERN ZU <<

Eigentlich ganz einfach, irgendwie …

Und zu guter Letzt gibt´s hier noch einen moralischen YouTube-Trailer zu dem Buch:

02.03.11 | 16:32 | Begegnung mit ... | Dramatik | Kommentare 2 Kommentare

Einige Nachrichten über Wolfram Lotz

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Am vergangenen Freitag kam am Nationaltheater Weimar das Stück “Einige Nachrichten an das All” von dem jungen Autor Wolfram Lotz zur Uraufführung. Die läppische Inszenierung von Annette Pullen ist nicht der Rede wert, jedenfalls nicht an dieser Stelle (meine Kritik dazu ist am Wochenende, 26./27.02., im Feuilleton erschienen), aber dem skurrilen Herrn Lotz, Jahrgang 1981, sei hier ein Blog-Beitrag gewidmet.

Er stammt aus Hamburg, studiert seit 2007 Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und wurde für sein erstes (noch nicht aufgeführtes) Stück „Der große Marsch“ im Januar mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatik ausgezeichnet – im Kleist-Jahr natürlich eine besondere Ehre. Es war just dieses Stück, mit dem Lotz letztes Jahr beim Stückemarkt des Berliner

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Deshalb setzt er zum Beispiel abstruse Fußnoten. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Theatertreffens sowohl den Publikums- als auch den Werkauftragspreis gewann. Aus diesem Auftrag ist nun sein Stück „Einige Nachrichten an das All“ hervorgegangen – ein ziemlich unmodischer, existenzialistischer, surreal dadaistischer Text im Geiste des absurden Theaters, in dem es um die Zumutungen, den Sinn und die Sinnlosigkeit des Lebens geht und um die folgenschwere Erkenntnis, dass wir alle sterben müssen. Viele, wie das Mädchen Hilda oder der Dichter Kleist, sind schon gestorben. Sie dürfen in dem Stück trotzdem auftreten, gemeinsam mit anderen Kandidaten, wie zum Beispiel dem Politiker Ronald Pofalla oder der “dicken Frau, die Gast in der Talkshow Britt war”. Sie alle werden vom  LDF (“Leiter des Fortgangs”) in einer Art Show gebeten, ihre Geschichten zu erzählen und diese, komprimiert auf ein einzelnes Wort, über eine spezielle Apparatur ins All hinaus zu schicken – als Essenz des Menschendaseins gewissermaßen.

In Stephan Märkis Intendantenzimmer - links sieht man Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo W. Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

In Stephan Märkis Weimarer Intendantenbüro - die Blonde links ist Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo Wolfram Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

Es ist (bei allen postpubertären Anflügen) ein sympathisches, ambitioniertes,  erfrischend unorthodoxes Stück, das buchstäblich nach etwas Höherem, Universalem strebt. Und der Autor ist – auch wenn die Uraufführungsinszenierung nicht mit diesem seinem Streben mithalten konnte und wollte – sehr ernst zu nehmen. Auch und gerade in seinem lakonischen Witz. Das zeigte schon die Lesung, zu der Stephan Märki eine Stunde vor der Premiere in sein Intendantenzimmer lud. Wolfram Lotz las dort an Märkis schönem, rundem Intendantentisch aus seinen “kleinen Erzählungen” vor. Diese Erzählungen sind wirklich klein, manche bestehen nur aus zwei bis drei Sätzen, und sie nehmen Bezug auf Wissenschaft und Historie. Das ist Kurz- und Kürzestprosa, in deren extremer Welt- und Lebensverknappung ein böser, grausamer Witz liegt.

Ein paar dieser Mini-Erzählugen seien hier – mit freundlicher Genehmigung des Autors – wiedergegeben:

Donaghho

Im Jahr 1940 hörte der Ornithologe Walter Raymond Donaghho bei einer Wanderung auf dem Hawaii-Archipel Kaua´i einen Gesang, der vermutlich der des bereits ausgestorbenen Schuppenkehlmohos gewesen sein könnte. Er war sich anschließend aber nicht mehr sicher.

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Volcher Coiter

Über den im Jahre 1543 geborenen niederländischen Vogelkundler Volcher Coiter ist, abgesehen von dem hier bereits Gesagten, nichts bekannt.

Murnau

Der heute völlig unbekannte Kunsthistoriker Albrecht Murnau verbrachte sein ganzes Leben damit, ein womöglich verschollenes Meisterwerk Rembrandts zu suchen. Er fand es nicht und starb.

Amundsen

Im Jahre 1911, nach einer langen und äußerst entbehrungsreichen Reise, erreichte der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol. Es war ein eisiger Punkt im Nichts.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift. Ziert eine Wand in Märkis Büro.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: Der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift ziert eine Wand in Märkis Büro.

Edison und Topsy

Der berühmte Erfinder Edison versuchte die Öffentlichkeit von der Schädlichkeit des von seinem Konkurrenten Westinghouse propagierten Wechselstroms zu überzeugen. Zu diesem Zweck exekutierte er vor laufender Kamera den Zirkuselefanten Topsy auf äußerst effektive Weise mit einer Wechselspannung. Das Verfahren war so beeindruckend, dass die amerikanische Regierung prompt die Entwicklung des elektrischen Stuhls bei Edison in Auftrag gab, der dankend annahm.


Hunter

Im Jahre 1767 versuchte der Anatom John Hunter in einem aufsehenerregenden Selbstversuch, Syphilis und die als Tripper bekannte Erkrankung Gonorrhoe als unterschiedliche Ausformungen einer einzigen Krankheit zu belegen. Zu diesem Zweck brachte er Eiter aus der Harnröhre eines Tripperkranken mit einem Skalpell in seinen eigenen Penis ein. Aufgrund eines kleinen methodischen Fehlers – der Spender hatte nicht nur einen Tripper, sondern auch Syphilis – glaubte Hunter, der nun typisch syphilitische Symptome entwickelte, den gemeinsamen Ursprung bewiesen zu haben. Im Gefühl des Triumphes starb Hunter kurz darauf an den Folgen.

05.02.11 | 23:06 | Salonkultur | Kommentare 1 Kommentar

Bauer-Salon mit Hannes Beckmann und Helmut Ruge

Mein "Bauer-Salon" ist nach seinem Gründungsort, der Münchner Bauerstraße, benannt - und so wird er auch weiterhin heißen, auch wenn er nicht mehr dort stattfindet. Mit Stall- und Feldarbeit hat der Bauer-Salon jedenfalls nichts zu tun, wie man auf dem Foto ganz gut sehen kann. In Zukunft wird der Salon wohl auf Wanderschaft gehen. Wer geeignete Bars / Räumlichkeiten weiß: bitte melden!

Mein "Bauer-Salon" ist nach seinem Gründungsort, der Münchner Bauerstraße, benannt - und so wird er auch weiterhin heißen, auch wenn er nicht mehr dort stattfindet. Mit Stall- und Feldarbeit hat der Bauer-Salon jedenfalls nichts zu tun, wie man auf dem Foto ganz gut sehen kann. In Zukunft wird der Salon wohl auf Wanderschaft gehen. Wer geeignete Bars / Räumlichkeiten weiß: bitte melden!

Mein Kultursalon ist zwar noch jung, aber er läuft schon ziemlich super. Bei der dritten Ausgabe des “Bauer-Salons” am 9. Januar, dem Vorabend meines Geburtstags, waren wieder tolle Künstler zu Gast: der “Teufelsgeiger” Hannes Beckmann, auf dem Klavier begleitet von seinem langjährigen musikalischen Kompagnon Edgar Wilson aus Mozambique, sowie der hochkarätige Kabarettist Helmut Ruge, mit seinen 70 Jahren ein Urgestein der Satirekunst.

"Teufelsgeiger" Hannes Beckmann in Aktion

"Teufelsgeiger" Hannes Beckmann in Aktion

Dass diese Künstler auf das Herzlichste bereit waren, den Salongedanken zu unterstützen und “bei mir” im Salon aufzutreten (übrigens durchaus auch “für mich” – und das, wohlgemerkt, ohne Honorar!), ist einfach wunderbar und zeigt, dass München in dieser Hinsicht viel lässiger, spontaner und kreativer ist als sein Ruf. Es gibt hier richtig gute, begeisterte und sich begeisternde Leute, mit denen man tatsächlich off-the-Hochkultur und ohne Etat im Sinne der Sache spontan was auf die Beine stellen und neue Vernetzungen schaffen kann. Das ist großartig! An dieser Stelle: vielen herzlichen Dank, lieber Hannes, lieber Edgar, lieber Herr Ruge!

"Weil i wui, dass sich was rührt ...": Kabarettist Helmut Ruge

"Weil i wui, dass sich was rührt ...": Kabarettist Helmut Ruge

Veranstaltungsort war zum zweiten Mal die Aurora Bar, bei deren Betreiber ich mich diesmal allerdings nicht bedanken kann – im Gegenteil! -, da er sich komplett verweigert und auf unschöne Weise versucht hat, den Salon auflaufen zu lassen bzw. zu hintertreiben. Das hat mir sehr zugesetzt – wir waren immerhin seit vielen Jahren gute Freunde … aber  ein Erfolg wurde der Salon trotzdem (und es dürfte für den Herrn Wirt auch die Kasse ganz schön geklingelt haben, was inzwischen offenbar die eigentliche Musik ist in seinen Ohren).

Jazzsänger Thomas de Lates (rechts) baut für Helmut Ruge eine Mikrofonanlage auf. Der schaut beeindruckt zu.

Jazz- und Swing-Sänger Thomas de Lates (rechts) baut für Helmut Ruge eine Mikrofonanlage auf. Der schaut mit seiner Frau sehr genau zu.

Selbst das Problem mit dem nicht vorhandenen Mikrofon für Ruges Lesung konnte spontan behoben werden – dank des beherzten Einsatzes von Thomas de Lates, der eigentlich nur als Zuhörer gekommen war, sich aber sofort bereit erklärte, nach Hause zu fahren und seine Mikrofonanlage zu holen. Thomas de Lates, von Beruf IT-Journalist, ist ein leidenschaftlicher Sänger und bezeichnet sich auf seiner Homepage selbst als “Münchens Schmuse-Bariton für Jazz und Swing”. Als solcher tritt er seit 2003 reglmäßig öffentlich auf – und verfügt über eine Mikrofonanlage allererster Sahne, die er herbeischaffte und aufbaute, so dass wir technisch dann doch noch bestens gerüstet waren.

Geht doch!

Geht doch!

Und so war Helmut Ruge, der gebürtige Stuttgarter, bis in den hintersten Winkel der Bar zu hören, als er sich seinen bitteren Spottreim auf die Finanzkrise machte oder (auf gut zugroast Bairisch) seinen vor Tatkraft strotzenden “Lebensblues” losließ:

“Ich brauch a Leben in meim Leben / und koa Friedhofsruha. / Ich muass es kracha lassn, / weil I wui, dass sich was rührt. / Bis mi der Deifi, der oide Hund, / aufn Anger führt …”

In seinem “Zeit”-Gedicht wiederum, in welchem Ruge, der selbst ernannte “Maultaschenphilosph”, Gedanken über die Zeit anstellt (man kann sie totschlagen/ einhalten/ festhalten/ schinden … oder auch finden), baute er mit dem Schluss-Satz “Und jetzt ist Dössel-Zeit” sogar ein Extra-Zeitfensterchen für die Salon-Bäuerin ein. Was natürlich sehr charmant war.

Salongäste lauschen Ruges Vortrag

Salongäste lauschen Ruges Vortrag

Nach seinem letzten offiziellen Bühnenprogramm “Mit Siebzig in die Kurve” schlägt Ruge nun immer stärker den Weg ins Lyrisch-Philosphisch-Aphoristische ein. Das steht ihm gut. Am kommenden Montag, den 7. Februar, feiert er seinen 71. Geburtstag … und zwar mit einem Lyrik- und Chanson-Abend in der Aurora Bar, mit dem er gewissermaßen (so entnehme ich es der Einladung) eine “neue Schaffensphase” eröffnen möchte. Für diesen Weg, lieber Herr Ruge, wünsche ich Ihnen auf alle Fälle schon mal viel Erfolg und Glück!

Tja, und dann der wilde Hannes Beckmann, der nicht umsonst den Beinamen “Teufelsgeiger” trägt – einer der besten Jazzgeiger, die es gibt. Früher, als ich als Pauschalistin noch für die “Münchner Kultur” arbeitete, hab ich hin und wieder über ihn geschrieben. Daher kennen wir uns. Und dann sind wir uns ganz zufällig vor zwei Monaten im “Kalypso” wieder begegnet …

Hannes Beckmann lässt die Saiten glühen

Hannes Beckmann bearbeitet die Saiten

Immer noch voller Leidenschaft, dieser Mann. Und immer wieder mitreißend, mit welchem Furor und Temperament er sich seinem Instrument hingibt. Wie ein Rennfahrer, der sich mit dem Fuß auf dem Gasdpedal volle Pulle in die Kurven legt … mit geschlossenern Augen sich ganz dem Gefühl des Augenblicks hingebend. Wenn Beckmann spielt, ist das Ekstase pur.

Die Salon-Bäuerin mit Edgar Wilson und Hannes Beckmann

Die Salon-Bäuerin mit den Musikern Edgar Wilson und Hannes Beckmann

Schon toll, was er an dem Abend abgeliefert hat. Seine Stücke sind extrem stilübergreifend und verbinden ethnische Einflüsse aus Mitteleuropa, dem Balkan, Brasilien, Afrika und fast aller Herren Länder mit Elementen der Klassik und des Jazz.

So ist auch sein Weltmusikprojekt “Canto Migrando” entstanden, aus dem er beim Salon frei variierend was vortrug: eine von Beckmann komponierte “Suite für großes, ungewöhnlich besetztes Orchester”, von der es eine Live-Aufnahme auf CD gibt – mit Instrumentalsolisten aus sieben Ländern und drei Kontinenten, Orchester, Chor und etlichen migrantische Jugendlichen. Inspiriert wurde Beckmann dazu durch die zunehmend orientalischen Einflüsse im Münchner Westend, dem Viertel um die Landwehrstraße, in dem er wohnt.

Salongastrunde mit Michaela Metz, Sabina Sakoh, Franz Meiller, Frederik Mayet und Laura Weissmüller

Salongastrunde mit Michaela Metz, Sabina Sakoh, Franz Meiller, Frederik Mayet und Laura Weissmüller

Klezmer, Jazz, Balkan Gipsy, europäische, orientalische und arbische Rhythmen – alles vermischt sich in dieser eklektizistischen Großkomposition zu einer monumentalen, manchmal auch etwas schrägen, um nicht zu sagen: kruden Vielstimmigkeit, in der eine gefühlsselige “Migration Hymn” mit Rapper-Text genauso Platz hat wie ein jazzig-fetziger Konzerttango.

.Edgar Wilson spielt noch ein bisschen ... und fliegt mich zu dem Mond

.Edgar Wilson spielt noch ein bisschen ... und fliegt mich zu dem Mond

Zu meinem Geburtstag gab es um Mitternacht noch eine Extra-Einlage, und auch der unermüdliche Tastenvirtuose Edgar Wilson gab spät noch ein Special-Wunschkonzert.

War sehr schön! Danke allen. Der Salon lebt.

Selbst der Oberammergauer Jesus (vulgo: Frederik Mayet) war da. Denn wo zwei oder drei im Namen der Kultur versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen.

13.11.10 | 00:06 | Dichtung & Wahrheit | Geht wieder | Kommentare 0 Kommentare

Bauer-Salon goes Aurora Bar

Kerstin Specht liest aus ihrer Paraphrase der Odysseus-Heimkehr

Kerstin Specht liest aus ihrem Stück "Odysseus!"

Jetzt sind schon wieder so viele Tage ins Land gegangen, und ich habe noch gar nichts über die erfolgreiche Wiederbelebung meines Kultursalons am vergangenen Samstag, dem 6. November, in der Münchner Aurora Bar geschrieben. Das muss jetzt schleunigst nachgeholt werden, das bin ich allein schon den beiden tollen Künstlern schuldig, die an dem Abend aufgetreten sind: die Dramatikerin Kerstin Specht und der Komponist Minas Borboudakis, denen ich hier noch mal von Herzen danken möchte. Ihr wart großartig!

Minas Borboudakis spielt sein Stück "Zykloiden I"

Minas Borboudakis spielt sein Stück "Zykloiden I"

Die Aurora Bar meines Freundes Anderl Lechner ist mit ihrem ebenso gemütlichen wie stilvollen Club-Ambiente für einen Kultursalon wie geschaffen – und war allein schon deshalb der richtige Austragungsort, weil dort, anders als bei mir im Wohnzimmer, ein Klavier steht. Außerdem kann man in die Aurora Bar natürlich viel mehr Leute einladen … und es kommen Überraschungsgäste vorbei, wie zum Beispiel an diesem Abend: Sepp Bierbichler.

Der Bauer-Salon – benannt nach meiner Straße, der Bauerstraße – wurde im Herbst 2008 bei mir zuhause im kleinen Kreis gegründet. Auftretender Künstler war damals kein anderer als Anderl Lechner, der jetzige Wirt.

So fing´s damals an: 1. Bauer-Salon mit Anderl Lechner und den Musikerinnen Fany Kammerlander (Cello) und Franziska Eimer (Harfe) in der Lesung "Frieda"

So fing´s damals an: 1. Bauer-Salon mit Anderl Lechner, Fany Kammerlander (Cello) und Franziska Eimer (Harfe) bei der Lesung "Frieda"

Er trug seinen Monolog “Frieda” vor, die Lebensgeschichte seiner Münchner Mutter, begleitet von der Cellistin Fany Kammerlander und der Harfenistin Franziska
Eimer. Also, was soll ich sagen … die Salon-Taufe war ein voller Erfolg! Dass der Bauer-Salon danach ins Koma fiel, muss allein der Salon-Bäuerin angelastet werden, die ständig in der Theaterlandschaft herumkurvt und nie Zeit hat. Aber jetzt ist sie wieder voller guter Vorsätze, welche durch die erfolgreiche aushäusige Reanimation des Salons aufs Schönste genährt werden.

Die Künstler des 2. Bauer-Salons: Minas Borboudakis und Kerstin Specht

Die Künstler des 2. Bauer-Salons: Minas Borboudakis und Kerstin Specht

Kerstin Specht und Minas Borboudakis ist es zu verdanken, dass es eine richtig professionelle, absolut hochkulturelle Veranstaltung wurde.

Minas Borboudakis, Jahrgang 1974, ist ein griechischer Komponist und Pianist, der bei seinen klangexperimentellen Schöpfungen auf antike Tonsysteme und altgriechische Muster ebenso zurückgreift, wie er mit Atonalität, elektroakustischen und perkussiven Elementen spielt. Er stammt aus Kreta, lebt aber seit vielen Jahren in München, wo ich ihn im Februar bei der Premierenfeier von Peter Eötvös´ Oper “Die Tragödie des Teufels” kennen lernte.

Minas Borboudakis in Aktion

Minas Borboudakis in Aktion

Beim Salon habe ich ihn zum ersten Mal live spielen hören – und spielen sehen: eine Wucht! Ich meine das im umfassenden Sinn des Wortes. Was – und auch: wie – er spielt, ist ungeheuer expressiv und intensiv, und er hat dabei die Körperspannung eines Raubtiers. Die zwei Eigenkompositionen, die er äußerst temperament- und kraftvoll zum Besten gab, tragen die Titel “Zykloiden I ” und “Palindromia”. Zwei Hammerstücke, nicht leicht eingängig, aber extrem fordernd und eindringlich.

Kerstin Specht, lesend

Kerstin Specht, sich vorbereitend

Kerstin Specht, die – wie ich – aus Oberfranken kommt und mit Stücken wie “Lila”, “Amiwiesen” und “Das glühend Männla” bekannt wurde, kenne ich als Theaterkritikerin natürlich schon länger. Wir waren vor vielen Jahren sogar mal gemeinsam mit einer Künstler- und Journalistengruppe der Bundeszentrale für politische Bildung in Israel unterwegs. Beim Salon las sie aus ihrem neuen, noch nicht uraufgeführten Stück “Odysseus!”, das sie zusammen mit Manolis Manussakis entwickelt hat, dem Wirt der bekannten Schwabinger Taverne Kalypso (dem Stammrestaurant von Dieter Dorn).

Kerstin Specht mit Manolis Manussakis, mit dem gemeinsam ihre "Odysseus"-Paraphrase entwickelt hat.

Kerstin Specht mit Manolis Manussakis, mit dem sie ihre "Odysseus"-Paraphrase entwickelt hat.

Das Stück ist eine lakonisch-melancholische Fortschreibung des Mythos aus heutiger Sicht. Es beginnt, wenn der Titelheld nach Ithaka zurückgekehrt ist. 20 Jahre war er weg – wie soll man da an frühere Zeiten, an die frühere Liebe anknüpfen können? Der gealterte Odysseus hält sich auch gar nicht lange bei und mit Penelope auf, sondern bricht gleich wieder auf: erst in einen vermeintlichen zweiten Frühling mit Helena, seinem Jugendschwarm, und dann weiter in die Illusionslosigkeit, in die Banalität der Realität und noch weiter bis zum Nordpol des Herzens.

Salon-Gast Sepp Bierbichler

Salon-Gast Sepp Bierbichler

Die Ruhe und nüchterne Klarheit, mit der Kerstin Specht diesen Text über das Altern von Menschen und Gefühlen vortrug, erzeugte einen schönen, trägen, die Geschichte sanft tragenden Fluss, auf dem man nicht nur den abgewrackten Odysseus, sondern auch so manch eigene Hoffnung dahinplätschern sah … Das hat sie wirklich gut gemacht.

Dass – rein zufällig – auch Sepp Bierbichler in der Aurora Bar vorbeischaute und dann zum Salon-Programm blieb, hat mich sehr gefreut, kann man sich ja denken.

Yep! So ungefähr stell ich mir das mit dem Salon vor. Austausch, Vernetzung, Geselligkeit, kreatives Beisammensein – alles ganz zwanglos, in lockerem, stilvollem Ambiente, und es kommen: gute Leute (ins Gespräch).

Anatol Regnier mit seiner Frau Anja

Anatol Regnier mit seiner Frau Anja

Salon-Gast war – neben vielen guten Freunden und einigen Kollegen – auch der Schriftsteller und Gitarrenprofessor Anatol Regnier, der Enkel von Frank Wedekind. Er hat über seinen Großvater die Biografie “Frank Wedekind – eine Männertragödie” geschrieben und auch ein Buch über Tilly Wedekind und ihre Töchter veröffentlicht, ein charmanter Herr mit feiner Ausstrahlung.

Und es war, last but not least, auch mein ehemaliger Dozent Hans-Martin Schönherr da, Professor für politische Philosophie an der LMU. Er, der mich durch seinen eigenen “philosophischen Rau(s)chsalon” überhaupt erst auf die Idee mit dem Kultursalon gebracht hat, ist Gründungsmitglied und Spiritus Rector des Bauer-Salons.

Dank an alle, die da waren und den Abend mit ihrer Anwesenheit belebt und bereichert haben. Es soll auf alle Fälle weitergehen.

Es lebe die Salon-Kultur!

26.01.10 | 00:50 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Nicht verpassen | Kommentare 2 Kommentare

Frank Schätzing treffen in der Deutschen Bahn!

Der Autor Frank Schätzing hat jetzt endgültig den Durchbruch geschafft: Er ist auf dem Cover der aktuellen “mobil”, dem Magazin der Deutschen Bahn! Das könnte zu den 3,85 Millionen Käufern seines Bestsellers “Der Schwarm” noch einmal einen satten Schwarm von potentiellen Lesern seines neuen Romans “Limit” hinzubringen, ist es doch kaum möglich, seinem herausfordernden Beau-Blick vor halber Mondkugel auf einer längeren Zugfahrt zu entgehen.

Bahnmobil

Nichts gegen das Porträt des Schriftstellers von Christiane Winter; der Text ist bei aller Verwunderung darüber, “diesem schönen Mann plötzlich live gegenüberzustehen”, völlig okay. Im Editorial aber, wo sich die “mobil”-Redakteurin (und stellvertretende Chefredakteurin) an der Herzensseite des verehrten Schriftstellers mit bewunderndem Praktikantinnen-Blick vor dessen Apple-Notebook abbilden ließ, geht die Ergriffenheitspoesie doch mit ihr durch: “Hier hat er also gesessen”, schwärmt der Text. Gemeint ist der Eckplatz im vorderen Teil des Kölner Restaurants “Fonda”, wo Frank Schätzing einen Großteil seines neuen Mond-Thrillers “Limit” in guter alter Kaffeehaustradition geschrieben haben soll. Und auch Christiane Winter, so fährt der Text fort, “durfte beim Gespräch auf eben diesem hohen Stuhl sitzen und einen Blick ins Allerheiligste werfen: den Bauplan des Romans.” So was aber auch. Auf demselben Stuhl gesessen wie Frank Schätzing! In dessen Kölner Stammrestaurant!

Die Chancen stehen übrigens gut, in den folgenden Wochen in einem der DB-Züge auf demselben Platz zu sitzen, auf dem auch Frank Schätzing schon mal gesessen hat!!! Ja, vielleicht hat die eine oder andere Verehrerin sogar das Glück, im selben Abteil mit ihrem Schwarm zu fahren! Der supererfolgreiche, supergutaussehende und laut “mobil”-Porträt auch noch supernette (na gut: “Eine gewisse Eitelkeit gehört dazu …”) Schriftsteller tourt nämlich im Februar und im März mit der Deutschen Bahn durch Deutschland, um “Limit” vorzustellen – und zwar nicht in einer ordinären Lesung, sondern in einer ausgefeilten Multimediashow mit Filmausschnitten, kabarettistischen Einlagen, wissenschaftlichen Exkursen und einem von ihm selbst komponierten Soundtrack. Dieser Frank Schätzing! Entweder er ist der sagenumwobene Mann im Mond – oder einfach nur zu gut, um wahr zu sein.

Hier schon mal die Auftrittstermine – für die Streckenplanung:

24. Februar: Weimar, CCN Weimarhalle

25. Februar: Leipzig, Gewandhaus

28. Februar: Mannheim, Rosengarten

1. März: Frankfurt, Alte Oper

2. März: Nürnberg, Meistersingerhalle

3. März: Stuttgart, Liederhalle

7. März: Düsseldorf, Tonhalle

8. März: Hannover, Theater am Aegi

9. März: Berlin, Admiralspalast

10. März: Hamburg, Laeiszhalle

14. März: München, Herkulessaal in der Residenz

15. März: Dresden, Kulturpalast

17. März: Köln, Lanxess Arena

19. März: Bremen, Pier 2

20. März: Münster, Halle Münsterland

21. März: Dortmund, Konzerthaus

09.11.09 | 23:54 | Kollegialitäten | Kommentare 0 Kommentare

Die lieben Kollegen im Drugstore

Franziska Augstein und Heribert Prantl lesen aus ihren Texten

Franziska Augstein und Heribert Prantl lesen im Schwabinger Theater Heppel & Ettlich

Komme gerade von einer Lesung meiner SZ-Kollegen Franziska Augstein und Heribert Prantl im Theater Heppel & Ettlich zurück. Die Schwabinger Bühne hat jetzt ein neues Domizil im “Drugstore” (Feilitzschstr. 12) an der Münchner Freiheit. Zwar gibt es dort nicht mehr die berühmten “Buletten” (gemeint sind: Fleischpflanzerl) wie früher in der Kaiserstraße, aber Theater, Kabarett, Film und Musik bieten die beiden Ex-Berliner Henry Heppel und Wolfgang Ettlich immer noch. Und auch die SZ-Autoren-Lesungen haben sie beibehalten.

Franziska Augstein (Feuilleton) und Heribert Prantl (Ressortleiter Innenpolitik) sind nicht nur Kollegen, sondern auch ein Paar. Wenn die beiden nun also unter dem Motto “Deutschland, was nun?” Politikerporträts vorlesen (über Helmut Kohl, Angela Merkel, Otto Schily, Guido Westerwelle) und SIE dabei in Bezug auf die seinigen befindet: “Du bist viel lieber als ich”, woraufhin ER mit vielsagendem Blick bestätigt: “Stimmt!” – dann dürfen daraus wohl Schlüsse gezogen werden …

Zwar ist Franziskas Text über Otto Schily tatsächlich vernichtend, aber es war ein Artikel von Prantl, auf den der ehemalige Innenminister mit einem Leserbrief reagierte, in dem er zürnte: “Heribert Prantl ist ein Mann mit großen Talenten, die er leider immer wieder auf grässliche Weise missbraucht.” Sogar ein Gesetzbuch soll Schily ihm schon mal hinterhergeschmissen haben, nachdem Prantl sein Büro verlassen hatte. So wurde es zumindest von ministerieller Mitarbeiterseite kolportiert. Die Lesung endete mit einem Prantl-Text über das sich gerade neu erfindende Bayern, für den ihm die CSU bestimmt auch so einiges hinterherwerfen möchte.

Unten im “Drugstore” gibt es übrigens einen Kiosk, der bis ein Uhr morgens geöffnet hat. In München!

Das neue Heppel & Ettlich im ersten Stock des Münchner "Drugstore"

Das neue Heppel & Ettlich im 1. Stock des Münchner "Drugstore". Früher war hier das "Bel Etage"

P.S.:  Morgen, am Dienstag, liest SZ-Kollege Harald Eggebrecht a.a.O. – es soll um Karl May gehen. “Egge”, wie wir ihn nennen, ist einer der größten Karl-May-Fans überhaupt und so etwas wie der Old Shatterhand des Feuilletons.

25.10.09 | 17:48 | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

10 Jahre Suchers Leidenschaften

Sucher ist der mit der roten Hose

Sucher ist der mit der roten Hose

Früher war er selber Kritiker und als solcher mein Theaterchef bei der “Süddeutschen Zeitung”: C. Bernd Sucher, lange Jahre Redakteur im Feuilleton der SZ, inzwischen desertiert und als Vortragskünstler auf die andere Seite gewechselt: von der fünften Reihe Parkett auf die Bühne. “Ich bin angekommen”, kommentiert er den Übersprung. Mit seiner Reihe “Suchers Leidenschaften” zieht er seit zehn Jahren durch die Lande, tritt an Theatern in München, Hamburg, Wien und Weimar auf und vermarktet das Ganze in Form von Büchern und CDs.

Wer Sucher kennt, weiß: Dieser Mann hat viele Leidenschaften. Frankreich zum Beispiel, kulinarische Abende mit illustren Gästen oder schrille Sakkos von Comme des Garçons. Nicht zu vergessen seine Vorliebe für rote Hosen und schmutzige Witze. Bei “Suchers Leidenschaften” spielt das zwar auch mit rein, aber vornehmlich geht es um Literatur. Das Konzept ist so einfach wie effektiv: Sucher hält einen Vortrag über einen Dichter/eine Dichterin seiner Wahl – er tut das nicht literaturwissenschaftlich-professoral, sondern sehr unterhaltsam und leidenschaftlich-subjektiv. Dazu sitzen Schauspieler auf der Bühne – und zwar nicht die schlechtesten - und lesen an den entsprechenden Stellen sozusagen die O-Töne ein: Zitate aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Stücken. Wobei Suchers Hauptleidenschaft immer den Liebes- und Bettgeschichten und damit auch, wie er das nennt, den “Ferkeleien” gilt.

Bei der Gala “10 Jahre Suchers Leidenschaften” im Münchner Prinzregententheater ging es um das (Liebes-)Werk so unterschiedlich enthemmter Literaten wie Thomas Mann, Gertrude Stein, Franz Kafka, Oscar Wilde oder Simone de Beauvoir – eine Reader´s Digest-Version vergangener Leidenschaften. Zwischendurch gab es Szenen aus Bernsteins “West Side Story”, aufgeführt von Musical-Studenten der Bayerischen Theaterakademie. Bisschen lang. Aber sehr nett. Als Lese-Assistenten an Bistrotischchen fungierte eine ganze Riege namhafter Schauspielkünstler:  Hildegard Schmahl von den Münchner Kammerspielen, Sunnyi Melles, Stefan Hunstein und Thomas Loibl vom Bayerischen Staatsschauspiel, Elisabeth Augustin und Markus Meyer vom Burgtheater Wien – und nicht zuletzt Angela Winkler und Otto Sander, die aus Berlin angereist kamen. Früher, sagte Sander hinterher auf der Raucherterrasse, habe der Sucher ihn ja oft verrissen – aber was verzeihe man nicht alles aus Leidenschaft für die Sache (seine Sache war es an diesem Abend,  Textbeispiele von Arthur Miller zu lesen, was er einigermaßen fahrig tat).

Und weil es nun mal Bernd Suchers Lieblingslied aus der “West Side Story” ist, gibt´s hier zum Grande Finale den Song “Tonight”:

http://www.youtube.com/watch?v=jfxGoq8MkYA