12.04.10 | 13:33 | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Couch ohne Casting

Im Guardian hat am Wochenende das feministische Enfant terrible Germaine Greer über einen Sommer mit Fellini geschrieben – unter besonderer Berücksichtigung der Affäre, die sie damals mit ihm hatte, dass sie ihn traf, weil er sie besetzen wollte, ist Nebensache. Das ist vielleicht mehr Information über Fellini, als man unbedingt haben möchte, aber sie muss das schon am Rande erwähnen, um über ihn schreiben zu können – die Story mit der Fledermaus funktioniert sonst nicht. Das schönste an Greers Geschichte aber ist die Episode zum Schluss – Fellini erklärt Greer, dass er im Studio vor den Toren Roms, der Cinecittà, Maisfelder nachbauen lässt, weil im Kino ein nachgebautes Maisfeld eben natürlicher aussieht als ein natürliches Maisfeld, und – weil in der Cinecittà so viele Leute arbeiten, die brauchen was zu tun. War 1975 wahrscheinlich ein ganz logischer Satz. Da hat die Cinecittà funktioniert wie das alte Studiosystem in Hollywood – eine Heerschaar von Arbeitern stand bereit, jeden Traum in aller Opulenz zu bebildern. Die Filme, die dabei herauskamen, waren grandios, es ergab gesellschaftspolitisch durchaus einen Sinn, und die Studiobesitzer des Golden Age waren ausgesprochen reich. Aber halt nicht annähernd so reich wie die Studiobesitzer von heute.

24.03.10 | 10:45 | Dichtung & Wahrheit | Kommentare 4 Kommentare

Frühling, ja du bist´s

Foto: ddp

Foto: ddp

Jetzt aber!!! Der Frühling hat nicht nur kalendarisch begonnen, sondern tatsächlich Einzug gehalten, was zuletzt ja kaum mehr zu erwarten war.  Hier nun also, wie versprochen, mein Lieblings-Frühlingsgedicht, das eigentlich ein Frühling-geht-in-den-Sommer-geht-in-den-Herbst-Gedicht ist, weshalb es auch “Jahreszeiten” heißt (wobei es den Winter schlichtweg unterschlägt). Es ist von Karl Krolow. Ich liebe es schon seit langem und kann es auswendig — finde ja, dass jeder ein paar Gedichte auswendig können sollte …

Jahreszeiten

Jeder Frühling beginnt mit Übertreibungen.

Wie atemlos dieses Rascheln. Ein Farbstift

wird unruhig, und ein Staatsstreich kommt

aus der Luft, die Marseillaise

der Vögel – ein unwiderstehlicher Text.

Über Nacht kennt ihn jeder. Früher seufzte man,

man hatte mehr Zeit.

Heute ist alles rasch und endgültig grün.

Danach das ruhige Rauschen:

Der Sommer.

Vorbei die vertauschte Prinzessin / der bittere Faulbaum.

Das alles wurde bedichtet. Doch

nun schützt sich ein jeder, so gut er kann,

vor dem Durst.

Und der Traklsche Herbst

/ fängt an.

Karl Krolow

29.01.10 | 00:01 | Glückwunsch! | Literatur | Theater | Kommentare 0 Kommentare

In memoriam Anton Tschechow

“Du fragst, was das Leben ist? Das ist das Gleiche, als würde man fragen, was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, und das ist alles.”

Tschechow2

Vor 150 Jahren, am 29. Januar 1860, wurde im südrussischen Taganrog Anton Tschechow geboren. Laut dem im Zarenreich gültigen Julianischen Kalender war der Geburtstag zwar bereits am 17. Januar – aber egal, wir feiern ihn hier und heute: Tschechow, den genialen Menschenbeobachter, Seelenforscher, Weltschmerzanalysten, Philantrophen, Mediziner, Novellisten – einen der großartigsten, tiefgründigsten Dramatiker der Welt.

Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten? – Das ist die Frage in und hinter allen Tschechow-Dramen. “Die Möwe”, “Onkel Wanja”, “Drei Schwestern”, “Der Kirschgarten” – viel an Handlung passiert darin ja nicht. Vielmehr sitzen die Menschen darin ihr Leben aus: abwarten und Tee trinken! Dabei reden und philosophieren sie, rauchen sie und legen Patiencen, langweilen und sehnen sie sich – und immer, immer verlieben sie sich in die Falschen. Wie erbärmlich, wie lächerlich, wie ausweglos … und wie abgrundtief komisch doch! All diese Vergeblichkeitsmenschen und “Man müsste doch!”-Theoretiker, in denen wir uns selber wiedererkennen. Man fühlt sich zuhause in einem Tschechow-Stück, warm umfangen und seelisch geborgen. Und irgendwie auch getröstet … weil einem diese Menschen so nahe gehen. Weil sie einem sagen: Du bist nicht allein.

Tschechow starb am 15. Juli 1904 im deutschen Kurort Badenweiler an Tuberkulose. Er wurde nur 44 Jahre alt. Es wird kolportiert, dass unmittelbar nach seinem letzten Atemzug die legendäre Champagnerflasche, die neben seinem Bett stand, regelrecht explodierte: Der Korken öffnete sich wie von Geisterhand und soll wie ein Raketengeschoss durch die Luft geflogen sein. Wie passend für einen Dramatiker, bei dem jede Tragödie den Kern einer Komödie birgt. Zum Schießen!

Begraben liegt Tschechow auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi. Ich war im Oktober letzten Jahres dort und habe auf seinem Grab eine Rose hinterlegt. A rose is a rose is a rose … so wie eine Mohrrübe eine Mohrrübe ist – und das Leben eben das Leben.

Tschechows Grab auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi

Tschechows Grab auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi

Woody Allen: “Anton Tschechow ist überhaupt der Größte!” – “Bei Tschechow weinen die Leute und lachen im nächsten Moment.”

Samuell Beckett: “Ein Lächeln wie seines gab es kein zweites Mal.”

Jean-Louis Barrault: “Erster Akt: Der Kirschgarten muss vielleicht verkauft werden. Zweiter Akt: Der Kirschgarten wird verkauft werden. Dritter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft. Vierter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft worden. Der Rest ist Leben.”

Leo Tolstoi: “Wenn ein betrunkener Arzt auf dem Sofa liegt und es draußen regnet, so wird das, nach Meinung Tschechows, ein Theaterstück.”

Maxim Gorki: “Von seinen Schauspielen sprach er als von >lustigen Stücken<, und mir scheint, er war aufrichtig davon überzeugt, dass er eben >lustige Stücke< schrieb.”

… und als aktuelle Stimme, weil so schön treffend:

Rüdiger Schaper (im “Tagesspiegel” vom 24.1.2010): “In seine Erzählungen und Theaterstücke tritt man ein wie in eine vertraute Welt, man glaubt sich da auszukennen und auf Verwandte und Bekannte zu treffen, was natürlich auch daran liegt, dass die besten Regisseure und Schauspieler des deutschsprachigen Theaters uns in den letzten Jahrzehnten mit ihren wunderbaren Tschechow-Aufführungen verwöhnt haben. Klaus Michael Grübers „An der großen Straße“, Peter Steins „Drei Schwestern“, Peter Zadeks „Iwanow“ und Jürgen Goschs Vermächtnis mit „Onkel Wanja“ und der „Möwe“: Sie haben Theatergeschichte geschrieben, an die sich die eigene Biografie anlehnt. Ebenso wenig wie man sich ein Leben ohne Theater und Literatur vorstellen kann, lässt sich das Theater ohne Tschechow denken. Es hätte weder Sinn noch Herz und Verstand.”

27.01.10 | 17:35 | Fernsehkultur | Geht gar nicht | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Der Coco-Krieg: Leno vs. O´Brien

Zu den größten Merkwürdigkeiten des jungen Jahres 2010 gehört der Kampf des amerikanischen Fernsehgottes Jay Leno mit seinem Nachfolger Conan O´Brien. Kurz zusammengefasst: Nach mehrjährigen vertraglich abgesicherten Vorlauf hat O´Brien im Juni 2009 die “Tonight Show” übernommen, jene legendäre Talkshow, die angeblich Harald Schmidt inspiriert hat. Jay Leno bekam eine andere Sendung, und weil das alles insgesamt quotentechnisch suboptimal lief, ging es nach Weihnachten zur Sache und der Sender machte kurzen, aber lautstarken Prozess: Jay Leno ist wieder Jay Leno, und Conan O´Brien ist Geschichte, alles vollzogen unter reger medialer Anteilnahme und Boykottaufrufen (gegen Leno, die Coco-Fans sind irgendwie brachial). Wer die Details wissen will: Die Geschichte hat es inzwsichen zu einem eigenen Wikipedia gebracht – “2010 Tonight Show host and timeslot conflict”.
Ach, sind wir doch ein friedlich Fernsehvolk!! Vielleicht liegt es auch bloß daran, dass im deutschen Fernsehen keiner arbeitet, der solche Leidenschaften entfesselt, dass es eine echte Schlammschlacht gibt wegen einer….Fernsehsendung. Siehe hier.

25.10.09 | 17:48 | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

10 Jahre Suchers Leidenschaften

Sucher ist der mit der roten Hose

Sucher ist der mit der roten Hose

Früher war er selber Kritiker und als solcher mein Theaterchef bei der “Süddeutschen Zeitung”: C. Bernd Sucher, lange Jahre Redakteur im Feuilleton der SZ, inzwischen desertiert und als Vortragskünstler auf die andere Seite gewechselt: von der fünften Reihe Parkett auf die Bühne. “Ich bin angekommen”, kommentiert er den Übersprung. Mit seiner Reihe “Suchers Leidenschaften” zieht er seit zehn Jahren durch die Lande, tritt an Theatern in München, Hamburg, Wien und Weimar auf und vermarktet das Ganze in Form von Büchern und CDs.

Wer Sucher kennt, weiß: Dieser Mann hat viele Leidenschaften. Frankreich zum Beispiel, kulinarische Abende mit illustren Gästen oder schrille Sakkos von Comme des Garçons. Nicht zu vergessen seine Vorliebe für rote Hosen und schmutzige Witze. Bei “Suchers Leidenschaften” spielt das zwar auch mit rein, aber vornehmlich geht es um Literatur. Das Konzept ist so einfach wie effektiv: Sucher hält einen Vortrag über einen Dichter/eine Dichterin seiner Wahl – er tut das nicht literaturwissenschaftlich-professoral, sondern sehr unterhaltsam und leidenschaftlich-subjektiv. Dazu sitzen Schauspieler auf der Bühne – und zwar nicht die schlechtesten - und lesen an den entsprechenden Stellen sozusagen die O-Töne ein: Zitate aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Stücken. Wobei Suchers Hauptleidenschaft immer den Liebes- und Bettgeschichten und damit auch, wie er das nennt, den “Ferkeleien” gilt.

Bei der Gala “10 Jahre Suchers Leidenschaften” im Münchner Prinzregententheater ging es um das (Liebes-)Werk so unterschiedlich enthemmter Literaten wie Thomas Mann, Gertrude Stein, Franz Kafka, Oscar Wilde oder Simone de Beauvoir – eine Reader´s Digest-Version vergangener Leidenschaften. Zwischendurch gab es Szenen aus Bernsteins “West Side Story”, aufgeführt von Musical-Studenten der Bayerischen Theaterakademie. Bisschen lang. Aber sehr nett. Als Lese-Assistenten an Bistrotischchen fungierte eine ganze Riege namhafter Schauspielkünstler:  Hildegard Schmahl von den Münchner Kammerspielen, Sunnyi Melles, Stefan Hunstein und Thomas Loibl vom Bayerischen Staatsschauspiel, Elisabeth Augustin und Markus Meyer vom Burgtheater Wien – und nicht zuletzt Angela Winkler und Otto Sander, die aus Berlin angereist kamen. Früher, sagte Sander hinterher auf der Raucherterrasse, habe der Sucher ihn ja oft verrissen – aber was verzeihe man nicht alles aus Leidenschaft für die Sache (seine Sache war es an diesem Abend,  Textbeispiele von Arthur Miller zu lesen, was er einigermaßen fahrig tat).

Und weil es nun mal Bernd Suchers Lieblingslied aus der “West Side Story” ist, gibt´s hier zum Grande Finale den Song “Tonight”:

http://www.youtube.com/watch?v=jfxGoq8MkYA