“Du fragst, was das Leben ist? Das ist das Gleiche, als würde man fragen, was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, und das ist alles.”

Vor 150 Jahren, am 29. Januar 1860, wurde im südrussischen Taganrog Anton Tschechow geboren. Laut dem im Zarenreich gültigen Julianischen Kalender war der Geburtstag zwar bereits am 17. Januar – aber egal, wir feiern ihn hier und heute: Tschechow, den genialen Menschenbeobachter, Seelenforscher, Weltschmerzanalysten, Philantrophen, Mediziner, Novellisten – einen der großartigsten, tiefgründigsten Dramatiker der Welt.
Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten? – Das ist die Frage in und hinter allen Tschechow-Dramen. “Die Möwe”, “Onkel Wanja”, “Drei Schwestern”, “Der Kirschgarten” – viel an Handlung passiert darin ja nicht. Vielmehr sitzen die Menschen darin ihr Leben aus: abwarten und Tee trinken! Dabei reden und philosophieren sie, rauchen sie und legen Patiencen, langweilen und sehnen sie sich – und immer, immer verlieben sie sich in die Falschen. Wie erbärmlich, wie lächerlich, wie ausweglos … und wie abgrundtief komisch doch! All diese Vergeblichkeitsmenschen und “Man müsste doch!”-Theoretiker, in denen wir uns selber wiedererkennen. Man fühlt sich zuhause in einem Tschechow-Stück, warm umfangen und seelisch geborgen. Und irgendwie auch getröstet … weil einem diese Menschen so nahe gehen. Weil sie einem sagen: Du bist nicht allein.
Tschechow starb am 15. Juli 1904 im deutschen Kurort Badenweiler an Tuberkulose. Er wurde nur 44 Jahre alt. Es wird kolportiert, dass unmittelbar nach seinem letzten Atemzug die legendäre Champagnerflasche, die neben seinem Bett stand, regelrecht explodierte: Der Korken öffnete sich wie von Geisterhand und soll wie ein Raketengeschoss durch die Luft geflogen sein. Wie passend für einen Dramatiker, bei dem jede Tragödie den Kern einer Komödie birgt. Zum Schießen!
Begraben liegt Tschechow auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi. Ich war im Oktober letzten Jahres dort und habe auf seinem Grab eine Rose hinterlegt. A rose is a rose is a rose … so wie eine Mohrrübe eine Mohrrübe ist – und das Leben eben das Leben.

Tschechows Grab auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi
Woody Allen: “Anton Tschechow ist überhaupt der Größte!” – “Bei Tschechow weinen die Leute und lachen im nächsten Moment.”
Samuell Beckett: “Ein Lächeln wie seines gab es kein zweites Mal.”
Jean-Louis Barrault: “Erster Akt: Der Kirschgarten muss vielleicht verkauft werden. Zweiter Akt: Der Kirschgarten wird verkauft werden. Dritter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft. Vierter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft worden. Der Rest ist Leben.”
Leo Tolstoi: “Wenn ein betrunkener Arzt auf dem Sofa liegt und es draußen regnet, so wird das, nach Meinung Tschechows, ein Theaterstück.”
Maxim Gorki: “Von seinen Schauspielen sprach er als von >lustigen Stücken<, und mir scheint, er war aufrichtig davon überzeugt, dass er eben >lustige Stücke< schrieb.”
… und als aktuelle Stimme, weil so schön treffend:
Rüdiger Schaper (im “Tagesspiegel” vom 24.1.2010): “In seine Erzählungen und Theaterstücke tritt man ein wie in eine vertraute Welt, man glaubt sich da auszukennen und auf Verwandte und Bekannte zu treffen, was natürlich auch daran liegt, dass die besten Regisseure und Schauspieler des deutschsprachigen Theaters uns in den letzten Jahrzehnten mit ihren wunderbaren Tschechow-Aufführungen verwöhnt haben. Klaus Michael Grübers „An der großen Straße“, Peter Steins „Drei Schwestern“, Peter Zadeks „Iwanow“ und Jürgen Goschs Vermächtnis mit „Onkel Wanja“ und der „Möwe“: Sie haben Theatergeschichte geschrieben, an die sich die eigene Biografie anlehnt. Ebenso wenig wie man sich ein Leben ohne Theater und Literatur vorstellen kann, lässt sich das Theater ohne Tschechow denken. Es hätte weder Sinn noch Herz und Verstand.”