17.11.10 | 23:20 | Dies & das | Kritikerin unterwegs | Publikationen | Kommentare 1 Kommentar

Heimliche Zwillinge, von Geburt an getrennt

Blog-Schmidt3

Auf dem Titelbild der aktuellen “Mobil”, dem unverzichtbaren Fachmagazin aller Bahnreisenden, ist … ähm … wer gleich noch mal abgebildet?

Schon zweimal ertappte ich mich beim flüchtigen Draufgucken bei dem Gedanken, das sei Edmund Stoiber. – I mean … Stoiber, you remember?

Aber nein: Der im ungewöhnlichen Seitenprofil lachend abgelichtete Titelheld ist Harald Schmidt. – Harald Schmidt, you remember? Es gibt im Moment eigentlich rein gar keinen Anlass oder Bedarf, ein Interview mit Harald Schmidt zu lesen. Oder sollte ich mich da täuschen? Nun je, ich kann inhaltlich eigentlich gar nichts dazu sagen, denn ich habe das Interview tatsächlich nicht gelesen. Die Zeit ist knapp, das Titelbild langweilig, und man hat ja so viele andere Sachen zu lesen – gerade im Zug.

Ich habe das Heft zunächst einfach nur deshalb abfotografiert, weil es mir so unzeitgemäß stoiberhaft erschien …

Dann kam ich nach Nämberch, ins schöne Frankenland, und erlebte den auf Anhieb wahreren, erkennbareren Harald Schmidt: Klaus Kusenberg, Schauspielintendant am Staatstheater Nürnberg, ein Mann von echtem Schmidt-Muster.

Hier mal zum Vergleich:

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Zur Verdeutlichung: Links, das ist Klaus Kusenberg vom Theater in Nürnberg – rechts, das ist Harald Schmidt von Bahn Mobil, oder na ja: Schmidt mobil eben. Die Ähnlichkeit ist frappierend, und Kusenberg, von mir darauf angesprochen, muss beinahe gähnen, weil das für ihn nun wirklich nichts Neues ist. Mit Schmidt, sagt er, werde er schon seit Jahren verwechselt. Eine Zeit lang hätten sie eine fast identische Frisur gehabt, da sei es besonders schlimm gewesen. Aber er stehe da längst drüber.

Klaus Kusenberg

Klaus Kusenberg

Was man unbedingt zu Kusenberg anmerken muss: Er ist derzeit einer der glücklichsten Schauspieldirektoren Deutschlands, wenn nicht der allerglücklichste. Hat er doch in Zeiten, in denen anderswo Sparpakete in Millionenhöhe geschnürt werden (siehe aktuell: Bonn), ein super schönes, rundum erneuertes, technisch hochmodernes Haus hingestellt bekommen (siehe meinen Blog-Eintrag vom 26.10.), in dem man es jetzt theatermäßig mal so richtig krachen lassen kann. Süß, wie er sich freut.

Der “Mobil”-Titel mit Schmidt lautet übrigens: “Ich will kein Upgrade”. Ist ja echt mal eine Nachricht! Die kann das Nürnberger Theater aber kein bisschen jucken, denn das hat ja eins.

06.03.10 | 02:10 | Fernsehkultur | Kommentare 4 Kommentare

Birgit Minichmayr bei Harald Schmidt

Habe vorhin die Wiederholung der Harald Schmidt Show vom Donnerstag gesehen. Zu Gast diesmal: die Schauspielerin Birgit Minichmayr, deren Film “Alle anderen” (Regie: Maren Ade) jetzt auf DVD erscheint -- das war der Anlass. Toller Film übrigens, mit subkutaner Wirkung, auch Minichmayrs Filmpartner Lars Eidinger ist darin super.

Auftritt Birgit Minichmayr: pumuckelig, mit rotem, zausigem Wellenhaar, royalblauem Seidenkleid, Signalmund im blassen Gesicht -- sehr stark geschminkt. Schmidt, in aufrichtiger Verehrung und mit fachkundig-interessiertem Eleven-Blick, lobt sie über den grünen Klee. Auf so viel Schmeichelei kann man als Gerühmter ja immer schlecht was sagen, genauso wie auf die Eingangsfrage: “Warum sind Sie eigentlich so gut?”

Schmidt lobt Minichmayr noch ein bisschen, für ihre Leichtigkeit in “Alle anderen” und überhaupt … und findet dann (mit echter, wirklich echter Bewunderung): “Auf dem Theater sind Sie mindestens noch toller!!!” Tja, da kann man als Schauspielerin nur geschmeichelt lächeln und sich bedanken und hoffen, dass jetzt mal ein Gespräch losgeht …  und das tut es dann auch. Birgit Minichmayr erzählt von dem Regisseur Klaus Michael Grüber, mit dem sie als Anfängerin unbedingt hatte arbeiten wollen -- was ihr natürlich, wie scheinbar alles bisher, gelungen ist. Und sie erzählt von Klaus Maria Brandauer, ihrem “Entdecker”, wie Schmidt ihn anführt.

Entdecker? Na ja, vielleicht nicht unbedingt Entdecker, signalisiert Minichmayr, aber: “Förderer, Mentor, wichtiger Wegbegleiter” -- und immer noch ein guter Freund. Minichmayr hatte ihn als Lehrer am Wiener Max-Reinhardt-Institut, KMB hatte das Ausnahmetalent der burschikosen Linzerin gleich erkannt. 2002 besetzte er sie als Ophelia in seiner “Hamlet”-Inszenierung am Burgtheater. Damals, bei den Proben in Wien, habe ich Birgit Minichmayr kennengelernt und sie für meine Brandauer-Biographie (“Die Kunst der Verführung”) auch interviewt: als ehemalige Schülerin, die begeistert von Brandauers “Religionsstunden” erzählte, von seinem Improvisationsunterricht, von der Art, wie er die Leute fordert, herausfordert, provoziert. Mit dem Hamlet Michael Maertens wurde sie damals übrigens auch privat ein Paar. 2006 war Birgit Minichmayr dann auch bei Brandauers Inszenierung der “Dreigroschenoper” im Berliner Admiralspalast dabei. Sie spielte die Polly und schlug sich in dem Debakel sehr wacker. Mit ihrem Mackie Messer alias Campino wurde sie damals auch privat ein Paar …

Aber zurück zu Schmidt. Minichmayr wird dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen die neue Buhlschaft spielen und erzählte, dass sie sich schon mal darauf einstelle, “wie eine Mozartkugel behandelt und dauernd fotografiert” zu werden. Dabei sei sie nicht der Typ Schauspielerin, der bei jeder “Strumpfhosenshoperöffnung” oder “Krautfleckerl-Verkostung” dabei sein müsse. Lustig, wie bei dem Wort “Krautfleckerl-Verkostung” ihr breites Österreichisch durchkam -- das hat sie sonst aber inzwischen ganz gut im Griff. Und sollte sie etwa tatsächlich, wie letztes Jahr in einigen Interviews angekündigt, mit dem Rauchen aufgehört haben? Oder warum klang Minichmayrs sonst so kratzige Reibeisenstimme hier so zivil?

Sie haben dann noch über Frank Castorf und die Berliner Volksbühne geplaudert, wo die Minichmayr ja auch mal eine Zeit lang künstlerisch beheimatet war, bevor sie 2008 wieder an die Burg zurückkehrte. Sie rühmt das Volksbühnen-Ensemble als “autonom, sehr eigenständig, selbstbewusst”, das habe ihr gut gefallen: dass man da als Schauspieler “nicht so zum Material verkommt”.

Ein neuer Film ist vorerst offenbar nicht in Sicht. Birgit Minichmayr sagt, man merke hier die Auswirkungen der Krise: Sperrige Filmprojekte seien derzeit schwer zu finanzieren. Und sie nehme sich den Luxus heraus, auf die Projekte zu warten, die sie wirklich interessieren.

Das ist natürlich sehr sympathisch. Aber sie kann es sich ja auch leisten. -- “Genau!”, würde sie jetzt wohl sagen, so wie sie diesen Ausdruck der Zustimmung die ganze Zeit über in der Sendung gebraucht hat: “Genau!” Für jeden journalistischen Interviewer wäre so eine Dauergesprächsreaktion der Bejahung und Affirmation ein Armutszeugnis. Nicht für Harald Schmidt, denn bei ihm geht es im Gespräch um -- genau: Akklamation.

Siehe dazu hier den lustigen “Genau!-”-Zusammenschnitt auf YouTube:

“Ging ja schnell”, sagte Birgit Minichmayer am Ende sichtlich erleichtert (denn sie war natürlich aufgeregt, worüber ihre allzu betont lockere Schmollmund-Frische nicht hinwegtäuschen konnte). Es klang wie nach einem unerwartet schmerzfreien Zahnarztbesuch. Dabei zieht Harald Schmidt doch längst keine Zähne mehr. Vielmehr dürfen die Gäste sich freuen: Er schmiert ihnen Honig um den Mund.

13.02.10 | 16:41 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Publikationen | Kommentare 0 Kommentare

Helene Hegemann und der Schattenmann

Mein SZ-Kollege Thorsten Schmitz hat den Blogger Airen besucht, nachzulesen im Feuilleton der aktuellen Printausgabe (“Der Schattenmann”) und hier. Airen bleibt nach wie vor anonym. Sein aus seinem Blog hervorgegangenes Buch “Strobo”, aus dem Helene Hegemann ohne irgendwelche Verweise abgeschrieben hat, ist inzwischen vergriffen. Es ist in einer Auflage von nur 300 Exemplaren in dem kleinen Underground-Verlag Sukultur erschienen. Wäre nicht Hegemanns Plagiat aufgeflogen, hätte wohl kaum jemand davon Notiz genommen.

Dass Airen jetzt ein Stück des Kuchens abkriegt, wäre ihm schwer zu wünschen. Die Grundzutaten stammen schließlich von ihm, auch wenn ganz andere den Erfolg gebacken haben. Mit dem Ullstein-Verlag, in dem Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill” erschien, wurde vereinbart, dass in künftigen Ausgaben jene Passagen erwähnt werden, die aus “Strobo” stammen. Angeblich will Ullstein dem Sukultur-Verlag auch eine kleine vierstellige Summe zahlen und von Herbst an “Strobo” in Lizenz als Taschenbuch herausgeben. Airen selbst darf über das Abkommen nicht reden. Über Hegemann, deren Buch er gut findet, sagt er: “Ich bin nicht sauer, dass sie von mir kopiert hat. Aber zu sagen, Kopieren sei ein Remix, ist nicht fair.”

Thorsten Schmitz´ Besuch bei Airen, findet an jenem Donnerstag statt, an dem Helene Hegemann in der Show von Harald Schmidt auftritt (siehe meinen vorherigen Blog-Eintrag). Airen sitzt vor dem Fernseher und sieht, wie er von Schmidt als der eigentliche Plagiator durch den Kakao gezogen wird. Sein Kommentar: “Was ist denn das für ein Scheiß!” Es gilt auch hier die alte Spruchweisheit: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen … Unfair? Aber ja! Airen moniert auch zurecht, dass Harald Schmidt das Buch von Hegemann mehrmals in die Kamera gehalten hat “und meines überhaupt nicht”. Und auch Hegemann hat seinen Namen wieder mal nicht erwähnt.

Die einen steh´n im Dunkeln, die andern steh´n im Licht, und man ehrt nur die im Lichte, die im Dunkeln ehrt man nicht … (Geklaut von Brecht und leicht abgewandelt.) Ist nun mal so. Auch wenn es hier gerade das Berghain-Dunkle ist, was da im Scheinwerferspot des Literaturbetriebs so gefeiert wird. Und die strahlende Jugend der Autorin natürlich. Unter dem Pseudonym Axel Lottel nimmt sich heute in einem Text in der Frankfurter Rundschau “ein prominenter Literaturkritiker, der namentlich nicht genannt werden möchte” (warum eigentlich nicht?), die unglückliche Rolle der Kritik in dieser Sache vor. Er schreibt:

“Hegemann ist denn auch gar nicht das Problem. Das Problem ist die Kritik. Der Literaturbetrieb zeigt sich in der gesamten Affäre in neuer Deutlichkeit. Der Literaturbetrieb, das ist das Peinliche, an das niemand rühren möchte, ist seinen eigenen Fiktionen aufgesessen. Der Literaturbetrieb hat sich eine junge Autorin einverleibt, die genau die Anforderungen erfüllte, von denen der Betrieb träumt.”

Zu der Frage übrigens, welche Rolle Papa Hegemann bei der Erfolgsgeschichte seiner Tochter spielt, muss man ganz klar sagen: selbstverständlich eine große. Professor Carl Hegemann, einst Chef-Ideologe an Castorfs Berliner Volksbühne, ist in der Theater-, Literatur- und Kunstszene super vernetzt und geschätzt. Und natürlich hat er seiner Tochter nicht nur für ihr Buch und dessen Besprechung zu wertvollen Kontakten verholfen, sondern ihr als Vater immer schon ein intellektuelles, künstlerisch-kreatives Umfeld und den damit zusammenhängenden Erfahrungs- und Wissensschatz geboten. Darauf mag neidisch sein, wer mag. Aber das kann man der davon profitierenden Tochter nun wirklich nicht vorwerfen.

Ich habe Helene Hegemann im März letzten Jahres am Wiener Burgtheater bei der Premiere von Schlingensiefs “Mea Culpa” kennen gelernt. Carl Hegemann war der Dramaturg der Produktion und hat seine Tochter damals allen möglichen Leuten vorgestellt: als 16-Jährige, die gerade einen tollen Film gemacht habe (“Torpedo”). Carl Hegemann schwärmte so begeistert davon, und andere, die den Film oder zumindest die begabte Tochter schon kannten, stimmten so bedeutsam raunend ein, dass ich mir das sogar auf einem Zettel notierte: Helene Hegemann “Torpedo”. Ich muss den Zettel dann verloren haben, jedenfalls vergaß ich die Begegnung – erst durch ihr Buch und die ganze Publicity stieß ich wieder auf das “Wunderkind” Hegemann.

Das Mädchen hat zweifellos eine Begabung, wenn auch nicht gerade zur Ehrlichkeit. Aber sie hat ja noch viel Zeit, sich zu entwickeln: als eigenständige Literatin wie als Mensch.

12.02.10 | 13:15 | Dichtung & Wahrheit | Fernsehkultur | Literatur | Kommentare 20 Kommentare

Helene Hegemann bei Harald Schmidt

Das Copy & Paste-Genie Helene Hegemann war gestern bei Harald Schmidt (siehe “Eine kleine Nachtkritik” von Ruth Schneeberger). Hab´s leider verpasst, weil ich im Real Life unterwegs war. Aber man konnte es ja nachsehen auf der Website des Ersten. (Meistens gibt´s von den Gastauftritten ein Extra-Video. Hier nicht. Man muss die ganze Sendung aufrufen -- und dann vorspulen auf 31:15, da beginnt der Hegemann-Auftritt. Hier der Link -- das Video ist  leider nur bis zum 26. Februar verfügbar.)

Inzwischen kann man den Auftritt bei YouTube sehen, aufgeteilt auf zwei Videos:

Lustig -- nein, eigentlich doch eher peinlich, wie onkelhaft sich Harald Schmidt an die 17-Jährige ranschmeißt. Mit so einer altväterlichen, hyperaffirmativen Bewunderung und Ergebenheit (“Bist Du wirklich erst siebzehn?????”, fünf Fragezeichen in der säuselnden Stimme) … iiieh! Diese anbiedernde Lobhudelei. Und dazu dieser Teddybärblick! (Wahrscheinlich hat er die Tochter nur in die Sendung gekriegt, indem er Papa Hegemann, dem Dramaturgie-Intellektuellen,  absolute Freundlichkeit und Jugendschutz garantierte). Immer wieder nennt er Hegemann “sehr intelligent, sehr eloquent”, eine “extrem eloquente, sehr wache junge Frau” (Sie, geschmeichelt: “Findest du?”). Ja, findet er. Und er findet es auch “total sympathisch, wie du dich präsentierst”. Er schilt mit semidramatischer Übertreibung die Medien (“schlimm!”), und ob er mal sagen solle, wie er, Schmidt, “die Situation” einschätze? Nämlich so: Die “Literatur-Mafia” (sic!) brauche “dringend eine Nachfolgerin für Charlotte Roche, medientechnisch”. Als Helene Hegemann später sagt, sie sei so aufgeregt, witzelt Schmidt: “Du kannst froh sein, dass Du nicht bei Wetten dass bist, da würde der Moderator schon auf dir sitzen!” Ha ha, dabei sitzt er doch selber schon bei Hegemann auf dem Schoß, medientechnisch.

Helene Hegemann  (Foto: dpa)

Helene Hegemann (Foto: dpa)

Die betont forsche Helene ist indes sichtlich um ihr Erscheinungsbild bemüht. Rechts neben ihr scheint sich ein Monitor zu befinden, in dem sie sich selber sieht. In den blickt sie immer wieder wie in einen Spiegel und nestelt ständig an ihrem (betont ungekämmten) Haar rum -- das heißt: wenn sie nicht gerade (betont burschikos) die Arme in die Hüften stemmt. Schmidt macht sich über die Journalisten lustig, die in den Porträts über Hegemann immer von ihren Haaren schreiben. Aber das mit den Haaren hat, wie man hier sehr schön sehen kann, schon seinen berechtigten Grund (und auch Schmidt muss HH auffordern, die Haare bitte vom Mikro wegzunehmen). Das Mädchen selbst sagt: “Die Haare zeigen meine Stimmung an”, das sei in der Gestik (also an welcher Strähne sie wann zieht und so) “alles viel subtiler”, als man vielleicht vermute.

Na ja, sie ist halt doch noch ein Teenager, das darf man nicht vergessen. Auch wenn man natürlich über vieles, was sie da bei Schmidt im Gestus der Abgeklärten äußert (viel Hohles und viel Widersprüchliches, alles wortreich verpackt), schon ein bisschen spotten möchte. Etwa über ihre Gedächtnislücken, Passagen ihres eigenen Buches betreffend. Oder darüber, dass Schmidt sie beim Stichwort Giorgio Agamben (René Polleschs Lieblingsphilosophen, den sie naseweiß in ihrem Buch namedroppen lässt) völlig blank antraf -- was vielleicht sogar eine Falle war. Hegemann versuchte die aufziehende Peinlichkeit dann cool aufzufangen mit den Worten: “Du, also bitte, nicht hier …” *Grins* Sehr aufschlussreich auch, was sie über den Berliner Superclub Berghain zu sagen hat, das Zentrum der von ihr in “Axolotl Roadkill” beschriebenen Drogen-, Sex- und Partyrausch-Exzesse: “… also es hat ein Konzept meines Erachtens. Ich weiß nicht genau, was für eins, aber es ist irgendwie da …” Ah ja.

Den Spott kriegte bei Harald Schmidt der Blogger und Buchautor Airen ab, von dem Helene Hegemann so arg- und hemmungslos geklaut hat. In einem Interview-Sketch (“Wer schreibt von wem ab?”) vor Hegemanns Auftritt wurde Airen, der nach wie vor anonym bleiben will, selber als Plagiator vorgeführt (wahrscheinlich weil er in seinem Buch “Strobo” Ernst Jünger erwähnt und in seinem Blog mal ein Gedicht von Gottfried Benn zitiert). Mit verstellter Stimme und schwarzem Pappbalken vor dem Gesicht verhohnepiepelte der Stuttgarter Schauspieler Christian Brey (Schmidts Regisseur im Stuttgarter “Hamlet”-Musical) diesen Blogger, der hier unter dem Pseudo-Pseudonym “Ayran” firmiert, als einen unbedarften Literaturdieb, der sich frisch und frei aus berühmten Werken bedient. Etwa aus Kafkas “Die Verwandlung” (“Als Gregor Samsa aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seiner eigenen Kotze wieder”) oder aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf” (“Ich mache mir die Welt ficke-ficke wie sie mir gefällt”) oder aus einem berühmten Rilke-Gedicht (“Wer jetzt kein Berghain hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt nicht reinkommt, bleibt für immer draußen.”).  Auf diese Weise kam das -- im Gespräch mit der Abschreiberin freundlichst ausgeparte -- Thema Plagiat zumindest mal vor in dieser Hegemann-Feier-Sendung, wenn auch in absoluter Verdrehung des Tatbestandes unter dem Deckel der Satire.

Der wahre, angesichts des medialen Wirbelsturms um ihn herum erstaunlich gelassene Airen kommt heute (unbekannt bleibend) in einem Interview in der FAZ zu Wort. Lesenswert!

Unbedingt auch den darunter stehenden Zitate-Vergleich ansehen! Auch wenn da (für die zartbesaiteten FAZ-Leser) steht: “Warnung: Die Zitate sind teilweise sexuell sehr explizit und könnten die Gefühle der Leser verletzen …” Die Kollegen haben sich die Mühe gemacht, Hegemanns “Axolotl Roadkill” mit Airens Buch “Strobo” und seinem Blog parallel zu lesen -- und dann haben sie alle ähnlichen Stellen aufgelistet: von schamlos abgekupfert bis leicht abgeändert. Ganz schön eindrucksvolle Diebstahlsliste!  (Siehe dazu auch Deef Pirmasens, der in seinem Popkulturblog “Die Gefühlskonserve” die Plagiatsvorwürfe als erster geäußert hat). Im direkten Vergleich wird einem erst richtig klar, was sich die kleine Hegemann da buchstäblich herausgenommen hat. Wie sie sich nicht nur die Sprache eines anderen, sondern auch dessen Lebensgefühl, dessen Erfahrungen, dessen gelebtes Leben aneignet. Und das originalgeniehaft als was (literarisch) Eigenes ausgibt. Schon dreist. Mit dem Verweis auf “Intertextualität” und den Mashup-Praktiken im Internetzeitalter jedenfalls ist das nicht hinreichend zu rechtfertigen …

Wer erwartet haben sollte, die Textdiebin Hegemann würde den Fernsehauftritt nutzen, um sich mehr oder weniger zerknirscht zu entschuldigen oder ihre Sicht der Dinge klarzumachen, lag falsch. Dafür entschuldigt sich der Blogger Don Alphonso im Namen des Feuilltons “beim Internet” für das “komplette Versagen” des Kulturbetriebs, nachzulesen hier.

“Das ist kein Roman, das war mein Leben”, sagt Airen im FAZ-Interview. “Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt.” Er sagt das ohne Wut und Vorwürfe. Und er erzählt, dass er keinen seiner Texte nüchtern geschrieben habe, das Buch sei “im Rausch erlebt und im Rausch geschrieben” -- das musste irgendwie raus. “Was ich geschrieben habe, habe ich durchlitten.”

Hier der Trailer zu “Strobo -- Technoprosa aus dem Berghain”:

Ganz anders Helene Hegemann: Bevor sie schreibe, so erzählte sie bei Schmidt, gehe sie am liebsten erst mal joggen. Sie brauche da “gar nicht diesen Leidensdruck”. Gut, das zu hören. Frische Luft und Bewegung! Man hatte sich ja schon Sorgen gemacht um dieses womöglich heillos abgefuckte, den Drogen und Sünden der Nacht verfallene Dramaturgen-Kind. Die Arme hat nun zwar “den Glauben an seriöse Berichterstattung verloren” (“Es gibt da überhaupt keinen Zweifel für den Angeklagten!”) -- aber ansonsten gehe es ihr “hervorragend”. Aber irgendwie auch wieder nicht (“Ich bin vollkommen überfordert…”).

Jedenfalls: Wenn sie das alles “halbwegs überstanden” habe, dann werde sie wahrscheinlich zur Bundeswehr gehen. Sagte sie wirklich. Und das ist, bei näherer Betrachtung, vielleicht gar keine schlechte Idee: Bei der Bundeswehr kann sie für das nächste Buch jene harten Extremerfahrungen sammeln, die sie jetzt noch klauen musste. Rohe Schweineleber essen, saufen bis zum Umfallen … wenn sie da erst mal durch ist, schreibt sich das nächste Buch ganz von alleine.

19.01.10 | 14:51 | Geht gar nicht | Kino | Kommentare 5 Kommentare

Mann trägt wieder Bart

Glückwunsch übrigens noch an Christoph Waltz! Dass der österreichische Schauspieler für seine SS-Rolle in Quentin Tarantinos “Inglourious Basterds” einen Golden Globe als bester Nebendarsteller bekam, ist natürlich eine feine Sache. Er hat sich bei der Preisverleihung ja auch gefreut wie ein Schneekönig und seine Dankesworte in bestem Englisch platziert. Aber – hilfe! – wie sah er denn dabei aus?! Woher plötzlich dieses Stoppelkinn?

Foto: afp

Waltz bei den Golden Globe Awards Foto: afp

Okay, es kann zwar sein, dass dieses Gesichtsgestrüpp keiner Geschmacksverirrung, sondern Waltz´ nächster Rolle geschuldet ist: In David Cronenbergs Verfilmung von Christopher Hamptons Theaterstück “The Talking Cure” wird er als Sigmund Freud vor der Kamera stehen. Aber grundsätzlich ist Waltz´ Kinnbehaarung ja wohl der augenfälligste Beweis dafür, dass sich der Schauspieler bereits bestens in Hollywood akklimatisiert hat. Das Role Model, dem er ganz offensichtlich nacheifert, ist kein Geringerer als George “Stachelbart” Clooney:

Clooney bei den Golden Globe Awards   Foto: AP

Clooney bei den Golden Globe Awards Foto: AP

Ohnehin war es die Siegernacht der graumelierten Stoppelträger. Auch Jeff Bridges, ausgezeichnet als bester männlicher Bartträger Hauptdarsteller für seine Rolle in “Crazy Heart”, konnte mit einem stattlichen – im Vergleich mit den anderen ziemlich stylishen – Exemplar aufwarten:

Jeff Bridges bei den Golden Globe Awards  Foto: AP

Jeff Bridges bei den Golden Globe Awards Foto: afp

All diese Barttrachten sind natürlich nur ein Gestoppel gegen den nachgerade göttlichen Rauschebart von Preisträger Michael Haneke (“Das weiße Band”), auch er ein Ösi wie Waltz – inzwischen fast schon mit der Anmutung eines alpenländischen Öhis:

Michael Haneke bei den Golden Globe Awards  Foto: afp

Michael Haneke bei den Golden Globe Awards Foto: afp

Und in Deutschland? Da versucht Harald Schmidt ja schon seit längerem, den Trend durchzusetzen. Bislang, gottlob, ohne größeren Erfolg. Woran´s wohl liegen mag?

Auch Harald Schmidt progagiert das Stoppelkinn.   Foto: ddp

Auch Harald Schmidt progagiert das Stoppelkinn. Foto: ddp

Ausgerecht Harald Schmidt war es, der 2005 in seiner “Focus”-Kolumne mit der Forderung “Bart ab!” gegen den damaligen Superstar der SPD Matthias Platzeck zu Felde zog: “Das mehrfach melierte Kurzgestrüpp in der unteren Gesichtshälfte von Matthias Platzeck geht gar nicht!”, schrieb Schmidt und schlug vor, Steinbrück solle da mal “mit dem Rasenmäher drübergehen”.

Schmidt weiter, in aller satirischen Glätte: “Wer Deutschland in die Zukunft führen will, sollte optisch unterscheidbar sein von einem Lyriker aus dem Kosovo, den die politischen Verhältnisse zum Gewerkschaftsidol gemacht haben. Ist wichtig, ehrlich, in unserer Mediengesellschaft.” Ja ja … aber was kümmert einen Spaßbartisanen schon seine Rasur von gestern.

15.01.10 | 01:15 | Fernsehkultur | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Thomas Thieme bei Harald Schmidt

Wie lasch war das denn? In der Reihe “Bekannte Theaterschauspieler bei Harald Schmidt” war gestern Abend Thomas Thieme zu Gast im Ersten. Theaterfan Schmidt, der am Ende gestand, Thieme noch nie auf der Bühne gesehen zu haben, wusste leider rein gar nichts mit dem hier völlig zahm (und auch optisch seriös, ganz ohne sein Baseballkäppi) auftretenden Extremschauspieler anzufangen. Thomas Thieme ist ein radikaler, alle hehre Verwandlungs- und Einfühlungskunst ablehnender Kraftschauspieler, der die Schauspielerei als Grenzüberschreitung, als körperlichen und sprachlichen Exzess betreibt. Nichts davon kam auch nur andeutungsweise in dieser Sendung herüber. Es gab nicht einmal einen Zuspieler, etwa aus Luk Percevals Inszenierung “Molière. Eine Passion”, der einen Eindruck von Thiemes Expressivität vermittelt hätte. Wie zum Beispiel hier:

Schmidt führte gar nicht erst ein Gespräch mit Thieme. Stattdessen bloße Terminabfragerei, völlig inhaltsleer: letzte Vorstellung (“Othello” am Schauspielhaus Hamburg -- Übernahme von den Münchner Kammerspielen), nächste Vorstellung (Berliner Schaubühne: “Tod eines Handlungsreisenden”), Hinweis auf den nächsten “Tatort” mit Thieme (31. Januar) und auf ein (namenloses) Projekt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, das noch gar nicht verhandelt ist … Na super. Immerhin erfuhr man, dass Thieme in dem fünfstündigen “Molière”-Projekt -- dem großen Sprach- und Testosteron-Exzess eines ordinären alten Sackes -- einen TELEPROMPTER als Textstütze benutzte. Da schau an!

Dazwischen unbeholfene, langweilige Laienfragen, die man bei einem Mann wie Schmidt, der selber Theater spielt, nicht erwartet hätte: Ob es nicht schwierig sei, einen Text aufzufrischen, wenn man das Stück lange nicht gespielt habe … (Antwort: “Nicht schwierig, weil man ihn gelernt hat.”) Oder: “Haben Sie Spaß am Theaterspielen?” (Antwort: “Hin und wieder. Ist differenzierter geworden im Alter, das muss ich Ihnen nicht sagen.”) Und ob das anders sei, wenn Thieme selber Regie führe; ob er da etwa -- grins -- zu den jungen Schauspielern auf der Probe gleich mal sage “Zieht Euch mal aus!”? (Antwort: “Sollte man so handhaben.”)

Dann erzählte Thieme noch ein bisschen was über sein Revolutionsprojekt “Büchner/Leipzig/Revolte”, das er letzten Herbst zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution am Centraltheater Leipzig leider mehr in den Sand gesetzt als stringent zugespitzt und szenisch ausformuliert hat, wobei er selber zugab, dass er da “irgendwie kurz vorm Ziel doch in erhebliche Schwierigkeiten geraten” sei. Doch was das Ziel war, worum es ihm, dem gebürtigen Weimarer, dabei ging und was ihn überhaupt antreibt -- das erfuhr man nicht. Wie es natürlich ohnehin schwierig ist, im Fernsehen über eine spezifische Theaterinszenierung zu sprechen, ohne etwas davon gesehen zu haben. Weshalb man sich schnell auf den ehemaligen Fußballprofi Jimmy Hartwig kaprizierte, der in Thiemes Revolutionsprojekt den Woyzeck spielte (was er, der Laie, übrigens super gemacht hat!).

Zu Thiemes Rolle als Altkanzler Helmut Kohl in der ZDF-Produktion “Der Mann aus der Pfalz” (ausgestrahlt im Oktober 2009) gab es von Schmidt zwar keinerlei Fragen, aber dafür eine mit Kohls Pfälzisch unterlegte, als “historisch wichtig” angekündigte Gerichtsszene, die angeblich aus dem Film herausgefallen sei: “Matula” Claus Theo Gärtner alias Heiner Geißler (hier in Polizeiuniform) wird darin schwer abgekanzelt. Ich hab die Komik nicht kapiert.

Direkt nach dem Zuspieler fragte Harald Schmidt seinen Gast, ob nach der Oscar-Verleihung noch so richtig gefeiert worden sei. Ähm … wie meinen? Die Überleitung hatte der müde Gastgeber glatt vergessen: Es ging jetzt nämlich um den oscarprämierten Film “Das Leben der Anderen”, in dem Thieme den bösen Kulturminister Hempf verkörperte.

Also, wer Thieme nicht kennt, der hat hier gar nichts kapiert. Und wer ihn kennt, wurde maßlos enttäuscht.

Kleiner Tipp für alle, die Thomas Thieme kennen lernen wollen: Nikolai Ebert liefert in dem Film “Thieme -- King of Pain” (2008), entstanden während der Proben zu “Molière. Eine Passion”, ein eindrucksvolles Porträt des Schauspielers. Ansonsten würde ich mal sagen: Erleben Sie Thomas Thieme ganz einfach im Theater! Zum Beispiel als Willy Loman in Arthur Millers “Tod eines Handlungsreisenden”, inszeniert von Luk Perceval an der Berliner Schaubühne (wieder heute, 15.01.), oder als ausgebrannten Berater in Falk Richters “Unter Eis”, ebenfalls an der Schaubühne (nächste Termine: 17.01., 05.02.).

21.11.09 | 01:30 | Fernsehkultur | Kommentare 1 Kommentar

Anne Tismer bei Harald Schmidt

Ist ja schon sehr cool, wie unerschrocken und von keinem Quotendruck beunruhigt Harald Schmidt gegen alle Populärfernsehgesetze Theaterleute in seine Show lädt, um kollegial mit ihnen zu fachsimpeln -- auf Augenhöhe, versteht sich, er ist inzwischen ja selber Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Stuttgart. Neulich war der Schauspieler Ulrich Matthes bei ihm zu Gast, und sie redeten so selbstverständlich über den verstorbenen Jürgen Gosch, als sei dieser auch außerhalb der Theaterszene jener berühmte Regiemeister, als der er in der deutschsprachigen Bühnenlandschaft verehrt wurde -- und als der er fehlt.

Und nun also Anne Tismer, die jetzt bei Schmidt überhaupt zum ersten Mal in einer Fernsehtalkshow auftrat. Ich fürchtete ja erst, sie würde in ihrer immer sehr ungeschützten, manchmal so zerbrechlich und kindlich naiv wirkenden, völlig fernsehstaruntauglichen, masseninkompatiblen, für die meisten wohl etwas durchgeknallten Künstlerinnenart ausgestellt und vorgeführt werden. Aber auch wenn man ihr die TV-Unerfahrenheit natürlich anmerkte, und zwar bis hinein in ihr glucksendes Kinderlachen, schlug sich Tismer wacker: einfach durch Authentizität. Dazu gehörte, dass sie von selber gleich mal einräumte, dass sie “eine leichte Form von Asperger” habe, also eine Form von Autismus, und dass sie deshalb oft “nicht so viel mitkriege” und alles “wie unter einer Glasglocke” erlebe, auch bei Proben und auf der Bühne. Es gäbe dann durchaus Kritik von den Kollegen, aber diese Kritik, sagte Anne Tismer, die verstehe sie oft gar nicht -- oder erst ein paar Jahre später. Aber Barack Obama müsse ja auch viel Kritik einstecken. Na dann …

Das Gespräch gibt es inzwischen als Video auf YouTube:

Die Theaterprobe, die Anne Tismer dann mit einem leidenschaftlich furzend sich ins Zeug werfenden Harald Schmidt aufführte (“Hitlerine in der afrikanischen Wüste”), hat mich aber, bei aller Liebe, wirklich abgehängt. Voll strange. Schwer zu sagen, worum es da -- außer um einen vollgekackten Jeep -- ging und wo der tote Fötus mit Nabelschnur herkam. Tja, und lustig war Schmidts Performance als Ameise auch nicht. Aber sehen Sie selbst:

Tismers “Hitlerine” hat am 31. Januar in der Berliner Volksbühne Premiere. Hier ein Link auf Anne Tismers Website, wo man sich einen Reim machen kann auf ihre Arbeitsphilosophie:

ich fang so an eine sache zu schreiben
von so themen die mich interessieren
oder wo ich nicht mit zurande komm
und dann bau ich mir noch zeug dazu
damit ich das bildlich vor mir habe
und dann stell ich das alles zusammen auf
manchmal alleine und manchmal mit burkart
und manchmal mit den andern von “gutestun”
und manchmal in lomé mit meinen freunden da
und dann wurschtel ich da so rum
und geh durch alles immer wieder durch
bis ich das kann und die andern auch
und so kommt das dann zustande

(anne tismer)