06.10.10 | 15:31 | Dies & das | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Curtis, der Öko-Fascho

Richard Curtis ist so ziemlich der größte Drehbuchautor, den England zu bieten hat, er hat “Vier Hochzeiten und ein Todesfall” und “Notting Hill” geschrieben, und dann auch noch den nächsten Spielberg, der noch in Arbeit ist, “War Horse”. Wie der wird, weiß man ja nicht, aber dass Curtis nicht immer geschmackssicher ist, das sieht man an “Tatsächlich Liebe” , jenem Hugh-Grant-Film, den er nicht nur geschrieben, sondern auch ohne übergeordnete Instanz, inszeniert hat. Das Ergebnis ist an manchen Stellen der reine Kitsch. Aber man kann sich ja auf die unterschiedlichsten Arten geschmacklich verirren. Für die britische Öko-Kampagne 10 : 10 hat Richard Curtis einen Werbefilm gedreht, der am vergangenen Wochenende online gestellt wurde -- und dann, ein paar Stunden später, im Giftschrank landete. Curtis outet sich da als echter Öko-Faschist, für die Kampagne wurde etwas weniger blutrünstige Überzeugungsarbeit erwartet; “No Pressure” heißt das Ding, gemeint ist wohl das Gegenteil. Der Film wurde zurückgezogen, aber im Netz geht ja nichts verloren.

22.03.10 | 12:52 | Glückwunsch! | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Das Kino hat Geburtstag

Am 22. März 1895 haben die Brüder Lumière erstmals einen ihrer Erstversuche mit bewegten Bilder vor Publikum getestet -- keine öffentliche Vorführung, eher eine Präsentation, bei der Société d’Encouragement à l’Industrie Nationale. Nicht den berühmten “L`arrivée d`un train à La Ciotat”, sie zeigten “Arbeiter verlassen die Lumière-Werke”, “La sortie de l’usine Lumière à Lyon”.

21.02.10 | 22:07 | Dies & das | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (3): Umjubelte Weltpremieren, überall

Zu den Rätseln des Festivalalltag gehört die Wahrnehmung, gehören die Wahrnehmungsverschiebungen der Menschen, die in die Filme, die dort laufen, ihr Herzblut gesteckt haben – oder doch wenigstens ihr Geld. Nun ist das Publikum in den Galas oft großzügiger als das Fachpublikum, das den Film ein paar Stunden vorher gesehen hat, besonders jener Teil des Publikums, der für die Karten stundenlang angestanden hat. Man wundert sich, wenn man als Kritiker mal die Seiten wechselt und in der Gala sitzt, hinterher oft, was einem in Nachhinein als “tosender Applaus” beschrieben wird. Wirklich gern dabei gewesen wäre ich bei der Vorführung von “Jud Süß” am Abend – mittags wurde er vom Fachpublikum kräftig ausgebuht. Die Reaktion des Galapublikums beschreibt offensichtlich jeder anders: Verhalten, sagen die einen. Einiges an Applaus, sagen die anderen. Der Verleih sagt jedenfalls: Bejubelt!!
In Venedig, bei der Mostra, gibt es ein ganz eigenartiges Phänomen: Man kann in der Sala Grande, in der die Galavorstellungen laufen, die Schauspieler und Regisseure, die zur Vorführung kommen, nicht sehen – weswegen auch Filme, die so richtig böse durchgefallen sind, in der Erinnerung ihrer Schöpfer gern mit einer stehenden Ovation gefeiert wurden.

16.02.10 | 16:35 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (2): Das Kino lebt

Das Kino, wird gern behauptet, sei eine tote Kunst – einmal auf Film gebannt, verändert sich nichts mehr. Das stimmt nicht, man sieht Dinge mit immer neuen Augen. Zu meinen persönlichen Lieblingsterminen auf der diesjährigen Berlinale gehörte die Aufführung von “Mary Reilly” von Stephen Frears in der Retrospektive Play it again, in der Filme aus sechzig Jahren Berlinale laufen, ausgewählt vom Filmhistoriker David Thomson. Dass er sich auf “Mary Reilly” kapriziert hat, konnte nicht einmal Stephen Frears verstehen. Eine “Mary Reilly”-Szene, die mir beim Wiedersehen besonders gut gefallen hat: wie Mary Dr. Jekyll erzählt, wie ihr Vater ihr die Narben beigebracht hat, und Jekyll wissen will, warum sie ihren Vater nicht hasst. Das hat einem Kollegen, der “Mary”, wie so viele, in schlechter Erinnerung hat, schon als Erzählung gefallen. Es war damals einfach so: Vor 14 Jahren galt Julia Roberts als hübsche, schlechte Schauspielerin, und keiner hat verstanden, was Stephen Frears eingefallen ist, sie in so einer Rolle zu besetzen und dann auch noch ungeschminkt zu filmen – von heute aus betrachtet, muss man sagen: wie weise. Und die vorsichtigen Special Effects sind – hey, wir haben inzwischen alles Mögliche gesehen, von “Herr der Ringe” bis “Transformers!” – ungemein … diskret.

15.02.10 | 23:37 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (1): Ich ruf mir ein Tiertaxi

Das zweitgrößte Rätsel der Berlinale, was genau sich Martin Scorsese bei “Shutter Island” gedacht hat, bleibt ungelöst. Aber das größte ist endlich aufgeklärt. Am Freitag, zu Beginn des Festivals, wurde die neue Restaurierung von “Metropolis”, nun fast wieder ganz in der Premierenfassung von 1927 zu haben, im Friedrichsstadtpalast vorgestellt, und via Arte auch überall sonst. Nur hat überall sonst etwas gefehlt: erstens das 78köpfige Live-Orchester, sowas gibt´s nicht alle Tage – wäre die Frage, wie oft Gottfried Huppertz´Originalmusik seit 1927 überhaupt je in voller Besetzung gespielt wurde. Und dann war da noch was: Bei den vorab gezeigten Geburtstagskurzfilmen für die 60. Filmfestspiele erschienen im Friedrichsstadtpalast eigenartig losgelöste Untertitel. In diesen Filmen lobt Armin Rohde die Berlinale und Tilda Swinton versucht, sechzig Mal “Happy birthday” zu sagen, und drunter standen merkwürdige Zeilen zu lesen: “Die kenn ich doch gar nicht”, “Sollen wir uns das Bier teilen?”, “Ich ruf mir jetzt ein Tiertaxi”.
Tiertaxi?
Ich dachte schon, ich werde bis zu meinem Lebensende drüber grübeln müssen, in welchem Film wohl ein Tiertaxi vorkommt, aber ich habe ihn inzwischen gefunden: Ben Stiller teilt sich in ´Greenberg` ein Bier und ruft sich ein Tiertaxi. Der Film läuft im Wettbewerb der Berlinale; da gehört er zwar nicht hin, aber ich bin trotzdem froh, dass die Sache geklärt ist.

03.02.10 | 18:00 | Geht gar nicht | Kino | Kritikerfrust | Kommentare 0 Kommentare

Aus der virtuellen Schreckenskammer

Ist das

wirklich schlimmer als das?

Roberto Benigni als hysterisch quasselnder Pinocchio -- das ist wirklich grauenhaft, und steht nicht mal auf der Liste: Das britische Filmmagazin Empire hat über die fünzfig schlechtesten Filme aller Zeiten abstimmen lassen, “The 50 worst movies ever made”. Und es ist natürlich irgendwie klar, was dabei herauskommt: Über Geschmack lässt sich nicht streiten, oder doch wenigstens nur unter Alkoholeinfluss. Dass Paul Verhoevens “Showgirls” (Platz 48) da hineinfindet, ist keine Überraschung -- man braucht schon ein großes Herz für Trash, um den zu mögen. Jaja, “Gigli” (Platz 19) und das unvergessliche Madonna-Guy-Ritchie-Debakel “Swept Away” (Platz 20), was natürlich in Wirklichkeit ein Dokument reiner, wenn auch endlicher Liebe ist -- Madonna hätte jeden Clip-Regisseur, der sie so alt aussehen lässt, enthaupten lassen. Aber wer “Batman und Robin” (Platz 1) -- das ist der fürchterliche Clooney-Batman mit den schlechten Psycho-Einlagen -- für den schlechtesten Film aller Zeiten hält, war einfach nicht oft genug im Kino.
Und “Heaven´s Gate” (Platz 6) hat auf einer solchen Liste einfach nichts verloren. Hier das ganze Ding.

21.01.10 | 13:18 | Dichtung & Wahrheit | Kino | Kritikerlust | Preview | Kommentare 0 Kommentare

Unbezwingbar

Clint Eastwood hat eine poetische Ader, in “Million Dollar Baby” und “The Bridges of Madison County” hat er Gedichte von William Butler Yates verwendet. Sein neuer Film handelt von Nelson Mandela -- da finden Wahrheit und Dichtung sozusagen zueinander, der Film heißt nach Mandelas Lieblingsgedicht, “Invictus”, von William Ernest Henley.
Die letzten Zeilen haben in den Trailer gefunden.

Aber das ganze Gedicht, das Henley, 1902 gestorben, geschrieben hatte, als er krank war, ist natürlich noch schöner -- Mandela hat es während seiner Inhaftierung immer wieder rezitiert. Und es passt auch besser zu Mandela als zu dem rechtsextremistischen Terroristen Timothy McVeigh -- der Attentäter von Oklahoma City -- , der eine handgeschriebene Kopie just dieses Gedichts vor seiner Hinrichtung als letztes Statement hinterlassen hat.

Invictus

Out of the night that covers me,
Black as the Pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds, and shall find, me unafraid.

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll.
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

16.12.09 | 18:52 | Geht gar nicht | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Von Frauen für Frauen?

Die Filmkritikerin der New York Times, Manohla Dargis, hat in einem Artikel das Thema Frauen in Hollywood sehr kompakt zusammengefasst – warum 2009 zwar, was Frauen und das amerikanische Kino betrifft, ein guter Jahrgang war, es aber trotzdem keinen Grund zum Jubeln gibt. Es gab in diesem Jahr eine ganze Reihe von Filmen, die für die wichtigen amerikanischen Filmpreise, Oscars inklusive, in Frage kämen, und Kathryn Bigelows ´The Hurt Locker` hat auch schon ein paar kleinere Auszeichnungen bekommen. Aber der erste Regieoscar für eine Frau ist wohl trotzdem noch weit weg.
Was Dargis aufgeschrieben hat, ist alles nicht neu – vor ein paar Jahren waren tatsächlich die Hälfte aller wichtigen Studiochefs Frauen, und es hat nichts genützt. Die Spielregeln für Frauen bleiben völlig andere. Dargis vergleicht Michael Mann und Kathryn Bigelow – wie lange man wegen eines Flops auf die Reservebank muss, ist offensichtlich unter anderem eine Frage des Geschlechts. Man könnte aber auch Elaine May mit irgendwem vergleichen, denn die hat, weil ihr ´Ishtar´in den Achtzigern absoff, nie wieder Regie geführt.

04.12.09 | 18:26 | Geht wieder | Kommentare 0 Kommentare

Online reanimiert

Ist einem das Kino in den Achtzigern mit der Filmzeitschrift Premiere ans Herz gewachsen, dann betrauert man ihr Verschwinden – ist schon einige Jahre her – immer noch. In Deutschland läuft die Auseinandersetzung mit dem Kino traditionsgemäß anders. Ein Filmmagazin, das die Filmindustrie als Industrie erkennt und trotzdem dem Autorenfilm huldigt, eines, das witzig ist und sinnlich und trotzdem nicht blöd, das sich ohne Bedauern darüber im Klaren ist, dass die Zuschauer Brad Pitt lieben, aber nicht notwendigerweise für seine Schauspielkunst, eines, das irgendwie elegant einen Balanceakt hinbekommt zwischen klug und glamourös – das hat es hier nie gegeben. Premiere war so, mit wunderbaren Essays und Reportagen (Peter Biskind, der Autor von Easy Riders, Raging Bulls gehörte zu den Stammautoren) – seufz. Der Versuch, online weiterzumachen, scheiterte. Und dann gab es da noch – Movieline. War nicht ganz so grandios wie die Premiere, aber ziemlich witzig und manchmal ein bisschen bösartig. Wurde aufgekauft, in ein Klatschmagazin umgemodelt und dann in diesem Jahr eingestellt. Aber hier gibt es jetzt auch einen hoffnungsvollen Versuch, im Netz an alte Zeiten anzuknüpfen. Die Überschrift “He Killed Da Rabbit” über der Meldung, dass Steven Spielberg sein Remake vom Jimmy-Stewart-Hasenfilm “Harvey” gekippt hat, klingt doch zumindest vielversprechend.

10.11.09 | 18:40 | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Kaffeekranz

Tee, hat übrigens ein chinesischer Kaiser gesagt, weckt den guten Geist und die weisen Gedanken. Dies vorweg.

Trotzdem: John Malkovich ist einfach göttlich. Obwohl er bei Proben -- ich durfte unlängst einer beiwohnen -- nicht annähernd so elegant ist. Und sich -- anders als George Clooney -- für Interviews nicht extra aufrüscht.  Malkovich  macht aber auch in Räuberzivil noch eine, äh … eindrucksvolle und irgendwie anziehende Figur.

Ist eigentlich, muss man im Nachhinein sagen, wirklich schade, dass die Coens in Burn After Reading -- die  Ziegenkäse-Affäre! -- nicht mehr aus dieser Paarung herausgeholt haben.

Sitzen jetzt schon zwei Dutzend Drehbuchautoren in Hollywood mit glasigen Augen vorm Computer und schreiben am Treatment für eine George-C looney-John-Malkovich-Komödie?

Allmächtiger! Fast schon hatte ich mich an Morgan Freeman -- Bruce Almighty -- in der Rolle gewöhnt; John Malkovich ist allerdings komischer.

Möglicherweise sind die Agenten jetzt etwas angefressen, die die Gage für die beiden ausgehandelt haben. Aber, um noch mal auf Morgan Freeman zurückzukommen: Steht das  mit den weißen Anzügen eigentlich irgendwo in der Bibel?

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