Conan O´Brien, der geschasste Tonight-Show-Talkmaster, der seinen Sessel für seinen eigenen Vorgänger Jay Leno räumen musste, geht nun nicht mehr auf Sendung, dafür aber auf Tour. Dreißig amerikanische Städte will er mit seiner “Legally Prohibited From Being Funny on Television Tour” heimsuchen. Ins Fernsehen darf er nämlich bis September nicht mehr, das hat ihm sein Ex-Sender untersagt – im Rahmen einer vertraglichen Vereinbarung, welche nicht nur die Fernsehabstinenz regelte, sondern auch im Gegenzug O´Brien das runde Sümmchen von 32 Millionen Dollar (ja, zweiunddreißig) zusicherte. Acht Monate nicht arbeiten für 32 Millionen Dollar – eine echte Zumutung, findet O´Brien, da fühlt er sich echt gemaßregelt.
Wenn das keine leicht verdrehte Wahrnehmung ist…dann ist vielleicht das eine:
Wahrnehmungsverschiebung II:
Der Spiegel berichtet in dieser Woche bierernst, der National Enquirer, ein Käseblatt, wie es die deutsche Presse gar nicht zu bieten hat, sei im Gespräch für einen Pulitzer Preis. Der National Enquirer, die letzte amerikanische Institution, bei der man sich noch Gehör verschaffen kann ohne einen Aufenthalt in einer Gummizelle zu riskieren, wenn man grüne Männchen und fliegende Untertassen sieht, hat nämlich eine ganz grandiose Geschichte enthüllt – John Edwards, 2004 Kandidat als US-Vizepräsident und zuletzt Präsidentschaftskandidatenanwärter, hat eine Geliebte und ein unehehliches Kind, und das, obwohl seine kranke Gattin in Amerika ausgesprochen populär war; und dann hat er, drauf angesprochen, auch noch gelogen. Jetzt finden einige seiner US-Kollegen – man kann die Details in der New York Times nachlesen -, dafür habe der Enquirer doch echt endlich einen Preis verdient, und manche sind nicht so begeistert, weil der National Enquirer für Informationen zahlt, auch für Teile der Edwards-Recherche, wenn auch nicht für den eingereichten Enthüllungsartikel.
Wäre es nicht eigenartig, sollte es im Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise im bis zur Hüfte in den Irakkrieg verstrickten Amerika wirklich keine wichtigere Lüge zu enttarnen geben als die, dass ein Mann, der sowieso nicht Präsident geworden ist, eine Geliebte hatte?
Lena, twelve points. Lena, douze points … Na, wer sagt´s denn! Herzlichen Glückwunsch, liebe Lena. Dann vertrete uns mal schön charmant und keck-prägnant in Oslo und gib uns wieder ein bisschen Stolz zurück! Beim Eurovision Song Contest musste man sich zuletzt ja nur noch für sein Land schämen. Das war schon nicht mehr zum Aushalten … Dieses Jahr am 29. Mai sind wir aber wieder dabei, versprochen! Und drücken für “Satellite” auch die Daumen. Schlecht ist der Song ja nicht, wenn auch nicht so unverwechselbar speziell wie seine Interpretin.
Das Schöne an Lena ist ja, dass sie so eigenwillig ist -- keines von diesen glatten 0-8-15-Glamour-Sternchen, wie man sie bei DSDS und auch sonst so gern in den Fernsehshows züchtet und protegiert. Lena hat Kopf und Charakter, zumindest wirkt sie so -- wie eine junge Frau mit Persönlichkeit (und bald auch mit Abitur). Schon die eher exzentrische Auswahl ihrer Songs war immer was Besonderes. Ihr Styling: stilvoll individueller Kreativ-Chic, nicht vordergründig auf Sex-Appeal und Primärreize ausgerichtet. Sie wirkt keck, cool, selbstbewusst, weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen. Sie ist keine von diesen hochgeschminkten Kreisch- und “I love you all”-Lieseln, die auf Big Star machen und ihre Idole eilfertig kopieren. Sie ist Lena Meyer-Landrut, Meyer mit “ey” (auch wenn sie aussieht wie die kleine Schwester von Nora Tschirner). Sie kommt aus Hannover und kann einen kuriosen British-English-Suburb-Akzent, mit dem singend zu kokettieren ihr hörbar Spaß macht. Überhaupt singt sie sehr kapriziös. Sie ist, kurzum, schon sehr bezaubernd, und sie versteht es, mit dieser originellen Kombi ein ziemlich breites Publikum zu mobilisieren, darunter, so denk´ ich mal, durchaus auch eine weniger fernsehaffine Kultur- und Intellektuellen-Klientel.
Schämen muss man sich am 29. Mai jedenfalls nicht für unseren Star aus Deutschland. Damit ist schon mal viel Land gewonnen.
Nachtrag vom 15.03, 15.35 Uhr:
Wie die Nachrichtenagentur ddp soeben meldet, hat Lena einen neuen
Charts-Rekord aufgestellt. Noch nie verkaufte sich nach Angaben von
Media Control ein Musik-Download innerhalb von drei Tagen so oft wie
das Siegerlied „Satellite“, mit dem die 18-Jährige in Oslo antreten wird. Zwischen Freitag und Sonntag verkaufte sich „Satellite“ demnach mehr als doppelt so häufig wie Lenas zweiter (eigentlich ja besserer) Song „Love Me“. Beide Songs machten zusammengerechnet fast die
Hälfte aller Top-Ten-Verkäufe bei den Download-Singles aus. Respekt!
Habe vorhin die Wiederholung der Harald Schmidt Show vom Donnerstag gesehen. Zu Gast diesmal: die Schauspielerin Birgit Minichmayr, deren Film “Alle anderen” (Regie: Maren Ade) jetzt auf DVD erscheint -- das war der Anlass. Toller Film übrigens, mit subkutaner Wirkung, auch Minichmayrs Filmpartner Lars Eidinger ist darin super.
Auftritt Birgit Minichmayr: pumuckelig, mit rotem, zausigem Wellenhaar, royalblauem Seidenkleid, Signalmund im blassen Gesicht -- sehr stark geschminkt. Schmidt, in aufrichtiger Verehrung und mit fachkundig-interessiertem Eleven-Blick, lobt sie über den grünen Klee. Auf so viel Schmeichelei kann man als Gerühmter ja immer schlecht was sagen, genauso wie auf die Eingangsfrage: “Warum sind Sie eigentlich so gut?”
Schmidt lobt Minichmayr noch ein bisschen, für ihre Leichtigkeit in “Alle anderen” und überhaupt … und findet dann (mit echter, wirklich echter Bewunderung): “Auf dem Theater sind Sie mindestens noch toller!!!” Tja, da kann man als Schauspielerin nur geschmeichelt lächeln und sich bedanken und hoffen, dass jetzt mal ein Gespräch losgeht … und das tut es dann auch. Birgit Minichmayr erzählt von dem Regisseur Klaus Michael Grüber, mit dem sie als Anfängerin unbedingt hatte arbeiten wollen -- was ihr natürlich, wie scheinbar alles bisher, gelungen ist. Und sie erzählt von Klaus Maria Brandauer, ihrem “Entdecker”, wie Schmidt ihn anführt.
Entdecker? Na ja, vielleicht nicht unbedingt Entdecker, signalisiert Minichmayr, aber: “Förderer, Mentor, wichtiger Wegbegleiter” -- und immer noch ein guter Freund. Minichmayr hatte ihn als Lehrer am Wiener Max-Reinhardt-Institut, KMB hatte das Ausnahmetalent der burschikosen Linzerin gleich erkannt. 2002 besetzte er sie als Ophelia in seiner “Hamlet”-Inszenierung am Burgtheater. Damals, bei den Proben in Wien, habe ich Birgit Minichmayr kennengelernt und sie für meine Brandauer-Biographie (“Die Kunst der Verführung”) auch interviewt: als ehemalige Schülerin, die begeistert von Brandauers “Religionsstunden” erzählte, von seinem Improvisationsunterricht, von der Art, wie er die Leute fordert, herausfordert, provoziert. Mit dem Hamlet Michael Maertens wurde sie damals übrigens auch privat ein Paar. 2006 war Birgit Minichmayr dann auch bei Brandauers Inszenierung der “Dreigroschenoper” im Berliner Admiralspalast dabei. Sie spielte die Polly und schlug sich in dem Debakel sehr wacker. Mit ihrem Mackie Messer alias Campino wurde sie damals auch privat ein Paar …
Aber zurück zu Schmidt. Minichmayr wird dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen die neue Buhlschaft spielen und erzählte, dass sie sich schon mal darauf einstelle, “wie eine Mozartkugel behandelt und dauernd fotografiert” zu werden. Dabei sei sie nicht der Typ Schauspielerin, der bei jeder “Strumpfhosenshoperöffnung” oder “Krautfleckerl-Verkostung” dabei sein müsse. Lustig, wie bei dem Wort “Krautfleckerl-Verkostung” ihr breites Österreichisch durchkam -- das hat sie sonst aber inzwischen ganz gut im Griff. Und sollte sie etwa tatsächlich, wie letztes Jahr in einigen Interviews angekündigt, mit dem Rauchen aufgehört haben? Oder warum klang Minichmayrs sonst so kratzige Reibeisenstimme hier so zivil?
Sie haben dann noch über Frank Castorf und die Berliner Volksbühne geplaudert, wo die Minichmayr ja auch mal eine Zeit lang künstlerisch beheimatet war, bevor sie 2008 wieder an die Burg zurückkehrte. Sie rühmt das Volksbühnen-Ensemble als “autonom, sehr eigenständig, selbstbewusst”, das habe ihr gut gefallen: dass man da als Schauspieler “nicht so zum Material verkommt”.
Ein neuer Film ist vorerst offenbar nicht in Sicht. Birgit Minichmayr sagt, man merke hier die Auswirkungen der Krise: Sperrige Filmprojekte seien derzeit schwer zu finanzieren. Und sie nehme sich den Luxus heraus, auf die Projekte zu warten, die sie wirklich interessieren.
Das ist natürlich sehr sympathisch. Aber sie kann es sich ja auch leisten. -- “Genau!”, würde sie jetzt wohl sagen, so wie sie diesen Ausdruck der Zustimmung die ganze Zeit über in der Sendung gebraucht hat: “Genau!” Für jeden journalistischen Interviewer wäre so eine Dauergesprächsreaktion der Bejahung und Affirmation ein Armutszeugnis. Nicht für Harald Schmidt, denn bei ihm geht es im Gespräch um -- genau: Akklamation.
Siehe dazu hier den lustigen “Genau!-”-Zusammenschnitt auf YouTube:
“Ging ja schnell”, sagte Birgit Minichmayer am Ende sichtlich erleichtert (denn sie war natürlich aufgeregt, worüber ihre allzu betont lockere Schmollmund-Frische nicht hinwegtäuschen konnte). Es klang wie nach einem unerwartet schmerzfreien Zahnarztbesuch. Dabei zieht Harald Schmidt doch längst keine Zähne mehr. Vielmehr dürfen die Gäste sich freuen: Er schmiert ihnen Honig um den Mund.
Habe gerade auf Pro Sieben -- in grober Missachtung meines mir heute selbst auferlegten Fernsehverbots -- in Stefan Raabs Castingshow “Unser Star für Oslo” reingezappt. Und da bin ich auf ein absolut bezauberndes Wesen namens Lena Meyer-Landrut gestoßen, mit süßem Mini-Hängerchen und hochgesteckten Haaren -- eine Mischung aus Audrey Hepburn, Nora Tschirner, bisschen Björk und was sehr Eigenem. Mag sein, dass schon alle von ihr reden und nur ich wieder nichts mitbekommen habe. Jedenfalls haben mich der Song, mit dem die 18-Jährige auftrat, und ihre eigenwillig-charmante, angenehm DSDS-untypische Performance/ Erscheinung/ Interpretation spontan begeistert: “Diamond Dave” von The Bird and The Bee. Kannte ich überhaupt nicht … gleich bei YouTube gesucht. Zu hören hier:
P.S.: Ich habe erstmals bei so einer Castingshow eine sms geschickt: an die Nummer 40400. Mit dem Buchstaben “I” -- “I” stand für Lena!