12.12.10 | 22:31 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kommentare 0 Kommentare

Kilz nimmt Abschied von der SZ

Zum Abschied schneidet sich Chefredakteur Hans Werner Kilz ein Stück aus der SZ-Torte. Er hatte diese Zeitung immer schon zum Fressen gern. (Foto: Stefan Rumpf)

Zum Abschied schneidet sich Chefredakteur Hans Werner Kilz ein dickes Stück aus der SZ-Torte. Er hatte diese Zeitung schon immer zum Fressen gern. (Die Fotos sind diesmal alle von Stefan Rumpf, da meine Kamera mit sämtlichen Bildern verloren gegangen ist ...)

Am Freitag war das SZ-Abschiedsfest für unseren Chefredakteur Hans Werner Kilz, im Folgenden HWK genannt. Es handelte sich dabei um den Höhepunkt der Kilz-Abschiedsfeierlichkeiten, die zwei Wochen zuvor mit einer offiziösen, von den Verlegern ausgerichteten, aber doch überraschend atmosphärischen Dinner-Party in der “Alten Gärtnerei” in Taufkirchen bei München begannen – einer übrigens sehr schönen, grünzeugumrankten Location, die gerne für Hochzeiten genutzt wird.

Going glowing: Hans Werner Kilz mit seiner Frau Bettina Musall (Foto: Stefan Rumpf)

Going glowing: Hans Werner Kilz mit seiner Frau Bettina Musall (Foto: Stefan Rumpf)

Waren bei jenem Verleger-Fest im Glashaus hauptsächlich Verlagschefs, SZ-Ressortleiter und ausgewählte Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur geladen (von Kilz-Freund Mario Adorf über Marietta Slomka, Giovanni di Lorenzo, Helmut Markwort mit Patricia Riekel bis hin zu Roland Berger und Edmund Stoiber), war das Gärtnerei-Fest also gewissermaßen der “Staatsakt”, so kann man die SZ-Feier vom vergangenen Freitag, den 10. Dezember, getrost eine Familienfete nennen: mit allen Brüdern, Schwestern, Kindern, Stiefkindern, Bastards und etlichen – zum Teil extra angereisten – Großonkeln, Cousinen, Gouvernanten, Opas und Omas der SZ.

SZ-Redakteurin Christiane Schlötzer stellt die 12-seitige Sonderausgabe für Hans Werner Kilz vor. (Foto: Stefsan Rumpf)

SZ-Redakteurin Christiane Schlötzer stellt die Sonderausgabe für Hans Werner Kilz vor. (Foto: Stefan Rumpf)

Sie alle kamen, um jenen Mann zu feiern, der die SZ 15 Jahre lang geleitet und geprägt hat, länger als jeder andere Chefredakteur davor. Die “Süddeutsche Zeitung”, so wie sie heute ausschaut – das ist im Wesentlichen das Werk von Hans Werner Kilz, der diese Zeitung nach und nach umgestaltet, verändert, verbessert und zuletzt durch schwere Krisen gesteuert hat. Er war ein guter Chefredakteur, ein sehr guter. Höchstwahrscheinlich der beste. Jetzt, wo er geht, kann man das getrost mal sagen, ohne gleich der Schleimerei geziehen zu werden. Und ich steh mit dieser Meinung ja beileibe nicht allein.

Extrablatt! Kassian Stroh (aus der Redaktion "Themen des Tages") als Zeitungsbote mit der Kilz-Sonderausgabe vom 10. Dezember 2010. (Foto: Rumpf)

Extrablatt! Kassian Stroh (aus der Redaktion "Themen des Tages") als Zeitungsbote mit der Kilz-Sonderausgabe vom 10. Dezember 2010. (Foto: Rumpf)

Man muss nur mal in die 12-seitige SZ-Sonderausgabe schauen, die die Redaktion für den scheidenden HWK geschrieben und gedruckt hat: ein Werk der Liebe, der Anerkennung und des größten Respekts, durchzogen von jenem Humor, der schon immer den Charme der SZ ausmachte. Vom Unterstöger-Streiflicht über die Seite 2 mit dem “Thema des Tages” (Kilz und der Fußball) bis hin zum großen SZ-Wochenende-Interview auf der letzten Seite (Mario Adorf über: KILZ) ist diese Sonderausgabe ein echtes SZ-Blatt.

In einschlägigen Erfahrungsberichten, kleinen Meldungen, lustigen Editorials und meinungsfesten Kommentaren erfährt man da alles über HWK:

Wer sie sieht, liest sie gleich: die HWK-Sonderausgabe

Wer sie sieht, liest sie gleich: die HWK-Sonderausgabe

seine Herkunft aus Worms, seine Vorliebe für den HSV, die Osteria Italiana und italienischen Rotwein der Marke Brunello; alles über sein Verhältnis zu Geld, Volontären, Frauen, zu Angela Merkel und Fehlern im Blatt. Heribert Prantl nennt Kilz in seinem Editorial “die Amaryllis unter den Chefredakteuren” (als solche: eher “pflegeleicht”), Willi Winkler ehrt ihn als den “letzten Live-Rock´n´Roller”. Es gibt eine Karikatur von Hanitzsch und eine Extra-Zeichnung von Rattelschneck, und auf einer Doppelseite ist die ganze schöne Rede dokumentiert, die Kurt Kister beim Verlegerfest im Gewächshaus für Kilz gehalten hat, illustriert mit einer Zeichnung von Luis Murschetz, auf der Kilz als Lotse von Bord eine SZ-Papierfliegers geht.

Kilz kriegt die SZ-Torte überreicht, eine kalorienreiche Spezialanfertigung. Mit im Bild: SZ-Mitarbeiter Titus Arnu und der zehnjährige Kilz-Sohn Leo.

Kilz kriegt die SZ-Torte überreicht, eine kalorienreiche Spezialanfertigung.

Aber nicht nur in Papier-, sondern auch in Teigform gab es an diesem Abend eine SZ-Spezialausgabe. Der Redaktionsausschuss hatte die SZ-Titelseite vom 15. /16. März 2003 als Torte nachbacken lassen: jene denkwürdige Ausgabe, in der das Streiflicht nur in einer Miniform von 29 halbspaltigen Zeilen erschien – aus Protest gegen die Schließung der NRW-Redaktion. Es war eine redaktionelle Protestmaßnahme, die dem Chefredakteur leicht den Kopf hätte kosten können, denn die Geschäftsführung, die vorab davon Wind bekommen hatte, was not amused …  Gegessen! Kilz hat die Affäre überlebt. Und so verspeiste man an seinem Abschiedsfest siebeneinhalb Jahre später genüsslich ein Stück SZ-Geschichte.

SZ-Sonderausgabe in Tortenform  (Foto: Rumpf)

SZ-Sonderausgabe in Tortenform

Viel SZ-Geschichte auch in der Kaiser-Rede. Nachdem Kurt Kister, Kilzens Nachfolger als SZ-Boss (und schon bisher die Nummer 2), bereits auf dem Verlegerfest in der Taufkirchener Gärtnerei eine Rede gehalten hatte – eine überaus glanzvolle, treffende, bewegende Rede im Verbund mit Seite-3-Chef Alexander Gorkow, der dazu begleitend die O-Töne Kilz vortrug -, nachdem Kister also schon vorgelegt hatte, zog nun als Festredner Joachim Kaiser nach, der ehrwürdige Doyen der SZ, mit seinen nun bald 82 Jahren der dienstälteste Kollege überhaupt. Seit 1959 gehört Kaiser der Redaktion an, das muss man sich mal vorstellen! Kein Wunder also, dass es ihm ein Leichtes war, eine kleine Typologie aller bisherigen SZ-Chefredakteure, angefangen bei Werner Friedmann über Hermann Proebst, Hans Heigert und Dieter Schröder bis hin zu Hans Werner Kilz, zum Besten zu geben.

Joachim Kaiser hält eine Lobesrede auf Kilz. Kaiser hat sämtliche SZ-Chefredakteure er- und zum Teil auch überlebt. (Foto: Rumpf)

Joachim Kaiser hält eine Lobesrede auf Kilz. Kaiser hat sämtliche SZ-Chefredakteure er- und zum Teil auch überlebt. (Fotos: Rumpf)

Was denn eigentlich ein Chefredakteur sei, fragte Kaiser. Um sogleich zu antworten: “Ein Chefredakteur ist ein Mann, der anderer bedarf.” Und dann zog er noch den Vergleich mit der Ehe. Sei das Verhältnis zwischen Redaktion und Chefredaktion allzu harmonisch, so Kaiser, dann bedeute dies: “Einer hat resigniert. In der Ehe ist das meistens der Mann.” Nun ja – Kaiser darf solche Witze machen.

HWK lobte er als einen “leidenschaftlichen Zeitungsmacher und Ressortumgestalter”, als homo politicus mit “Feuilletonverstand”, als einen Menschen, mit “mindestens zwei, wenn nicht fünf bis sechs Seelen” in seiner Brust, und für all das brachte Kaiser auch Beispiele bei.

Deadline, die SZ-Redaktionsband, gibt ein Abschiedskonzert für Kilz (Foto: Stefan Rumpf)

Deadline, die SZ-Redaktionsband, gibt ein Abschiedskonzert für Kilz

Dass er tatsächlich ein Kulturmensch ist, bewies Kilz nicht nur durch die Gründung der Nibelungen-Festspiele in seiner Geburtsstadt Worms. Wie HWK bei seinem Abschiedsfest erstmals kundtat, hat er überhaupt ganz früh schon als Theatermann begonnen: Als Wormser Dreikäsehoch spielte er den Wichtel Bums im “Schneewittchen” und wurde dafür als Schauspieler ausgezeichnet. Aktuell kommt jetzt auch noch der Preis für sein journalistisches Lebenswerk dazu. Und im Januar erhält Kilz – für besondere Verdienste um die deutsche Sprache – die Carl-Zuckmayer-Medaille.

"Deadline" rockt die Redaktion. Hier tanzt Kilz mit seiner Frau Bettina Musall. (Foto: Rumpf)

Deadline rockt die Redaktion. Hier tanzt Kilz mit seiner Frau Bettina Musall. (Fotos: Rumpf)

Ach ja, es war wirklich ein schönes, stimmungsvolles, sehr persönliches Fest, ausgerichtet vom Redaktionsausschuss in der SZ-Hochhaus-Kantine – so locker und familiär, wie Kilz sich das gewünscht hatte. Musikalisch bestritten wurde es von der hauseigenen Redaktionsband Deadline, die Kilz zu Ehren extra ein paar neue Cover-Songs einstudiert hatte, darunter “Lady Madonna” von den Beatles, “Don´t stop thinking about tomorrow” von Fleetwood Mac und – der absolute Chef-Hammersong – “Sledgehammer” von Peter Gabriel. Bei “Locomotive Breath” von Jethro Tull spielte

Polizeireporterin Susi Wimmer singt "My Way" für Kilz, auf der Ukulele begleitet von Gerhard Summer (Redaktion Starnberg). Foto: Rumpf

Polizeireporterin Susi Wimmer singt "My Way" für Kilz, auf der Ukulele begleitet von Gerhard Summer (Redaktion Starnberg). Fotos: Rumpf

Feuilletonchef Thomas Steinfeld nicht nur, wie gewohnt, Bass, sondern brachte erstmals auch die Querflöte zum Einsatz. Ich warte darauf, dass er demnächst auf dem Theremin debütiert. Oder zumindest auf der Oboe. Ich glaube, Dinge, die er nicht kann, ärgern ihn …

Deadline hat inzwischen schon ein stattliches Repertoire, und wenn die lieben Kollegen so richtig aufdrehen, dann rockt das ganze Hochhaus. Egal, wenn da nicht jeder Ton sitzt. Die Stimmung war jedenfalls super.

Tolle Stimmung beim "Deadline"-Konzert. Und wen hält Kilz hier schon wieder im Arm? Es ist Lucia Stock, die rechte Hand von Herrn Kaiser, una bella donna italiana. (Foto: Stefan Rumpf)

Tolle Stimmung beim Deadline-Konzert. Und wen hält Kilz hier im Arm? Es ist Lucia Stock, die rechte Hand von Herrn Kaiser, una bella donna italiana.

P.S.: Ich habe von dem Fest sehr sehr viele Fotos gemacht, schöne Fotos, lustige Fotos, Fotos nicht nur vom scheidenden, feiernden, tanzenden Kilz, sondern von der ganzen Mischpoke. Und wo sind sie? Weg! Alle mit der Kamera verloren. Denn, ja: Diesmal ist mein Fotoaparat, meine kleine Canon Ixus 850, tatsächlich verloren gegangen. Nein, nicht auf dem SZ-Fest, sondern hinterher, im Taxi oder in einer dieser beiden Bars, wohin ein harter Kern hernach leider noch entschwand. Zu blöd! Ich bin untröstlich, das kann ich versichern. Habe die Taxizentrale heiß gemacht und überall angerufen … ohne Erfolg. Diesmal ist sie tatsächlich weg. Mit Fotos von einem einmaligen, unwiderbringlichen Ereignis …

P.S. Mein Dank geht an den SZ-Fotografen Stefan Rumpf, dessen Fotos ich hier verwenden darf. Und ich entschuldige mich bei allen, denen ich Bilder versprochen habe.

17.12.09 | 22:10 | Kollegialitäten | Musikalitäten | Nicht verpassen | Kommentare 0 Kommentare

Deadline!

Die Deadline ist für Journalisten gemeinhin ja ein Graus: sitzt einem im verspannten Nacken und löst Adrenalinschübe aus. Nicht so bei der SZ: Da hat der Terminus buchstäblich einen sehr erfreulichen Klang, ja, es gibt sogar eingefleischte Deadline-Fans, die voll darauf abfahren, denn wenn bei uns ein Deadline-Termin ansteht, bedeutet das alles andere als Stress – dann rockt hier die Redaktion!

15 Kollegen, die nicht nur des gehaltvollen Schreibens, sondern auch des ungehemmten Musizierens mächtig sind, bilden jene ressortübergreifende Band, die sich im Spätsommer letzten Jahres spontan gegründet hat, als es darum ging, das Abschiedsfest zum Auszug der “Süddeutschen” aus der Sendlinger Straße zu gestalten. “The Last Time” von den Rolling Stones war damals der sentimentale Höhepunkt, aber auch mit Rockklassikern wie “Me and Bobby McGee”, “Time Warp” oder “Brown Sugar” heizten einem die Deadliners – darunter meine Feuilletonchefs Andrian Kreye (Saxophon) und Thomas Steinfeld (Bass) – ganz schön ein.  Mannomann, war das eine Stimmung! Was als einmaliger Auftritt unter Kollegen und Freunden gedacht war, stieß auf eine derartige Begeisterung, dass das Fortbestehen der Band geradezu eingefordert wurde. Im neuen Hochaus hat man den Redaktionsrockern sofort einen Probenraum eingerichtet, und als Deadline in diesem Sommer bei der “SZ-Nacht der Autoren” auftrat, waren alle ganz aus dem Hochhäuschen.

Wer erleben möchte, wie die SZ abgeht, wenn sie rockt, hat an diesem Wochenende auf dem Münchner Winter-Tollwood-Festival Gelegenheit dazu: Am Samstag, 19. Dezember, gibt die Redaktionsband ab 19.30 Uhr  im Weltsalon auf der Theresienwiese ihr (mittlerweile bereits zweites) Tollwood-Benefizkonzert. Der Eintritt ist frei, es wird jedoch um Spenden für die Aktion “Zivilcourage statt Zivilblamage” der Lichterkette e.v. gebeten. Deadline-Coverhits wie “Summertime”, “You can leave your hat on” oder “Summer of ´69″ sind ebenso garantiert wie die bayerisch-souveräne Coolness von Bandleader Karl (“Charly”) Forster, der als “James Last der SZ” seine Truppe fast so gut im Griff hat wie die Tastatur seiner Hammondorgel. Als Gast an der Gitarre präsentiert Deadline diesmal Mister Conrad Tribble, den US-Generalkonsul in München. Rhythm ist it – und Dabeisein ist alles!

Toi toi toi, liebe Kollegen, Ihr seid großartig!