
Klaus Maria Brandauer am Sonntag in der Espressobar Paulo in der Münchner Türkenstraße. (Foto: cd)
Heute vormittag habe ich in München Klaus Maria Brandauer getroffen. Während im Arri Kino sein Film “Georg Elser – Einer aus Deutschland” aus dem Jahr 1989 gezeigt wurde, saßen wir ein paar Häuser weiter in der sehr netten Espressobar “Paulo” in der Türkenstraße. Eigentlich wollte ich mir den Film über den Hitler-Attentäter Elser selber noch mal anschauen, auf großer Leinwand habe ich ihn noch nie gesehen; aber da Brandauer hinterher – nach einer Diskussion mit dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude – gleich wieder zum Flughafen und ich in die Redaktion musste und es sonst nur bei einem kurzen Hallo geblieben wäre, nahm ich seine spontane Einladung auf einen Kaffee gerne an. So oft sehen wir uns schließlich nicht, obwohl wir einander seit den vielen Gesprächen für die Biographie “Klaus Maria Brandauer – Die Kunst der Verführung” doch sehr liebgewonnen haben. Einfach war diese Annäherung wahrlich nicht, wir haben sie uns hart erstritten! In meinem Buch mache ich keinen Hehl daraus, wie schwierig Brandauer sein kann – und wie schwierig die Zusammenarbeit mit ihm oft war. Gerade was das moderne Regietheater angeht, haben wir doch sehr unterschiedliche Auffassungen …
Aber, hier sei es noch einmal gestanden: Ich mag und schätze ihn sehr! Und wenn Brandauer so gut aufgelegt ist wie an diesem Sonntag und auf seine saftige österreichische Art ins Erzählen kommt, ist er sowieso wunderbar. “Ist es nicht schön, auf der Welt zu sein?”, strahlt er mich und Ingolf Müller an, seinen früheren Assistenten, der auch mit dabei sitzt. “Ich freu´ mich so, dass ich lebe!” Klingt nach einem Mann, der rundum zufrieden ist mit dem, was er darstellt und tut. Und der sehr entspannt darob ist, nicht mehr so “dieses Karriere-Ding” im Kopf zu haben, endlich “durchschnaufen zu können”.
Läuft ja auch alles bestens bei KMB. Mit seinem Dorfrichter Adam, den er in Peter Steins Inszenierung von Kleists “Der zerbrochne Krug” am Berliner Ensemble spielt, gastierte er jüngst am Hamburger Schauspielhaus – zur Freude des Hamburger Publikums, das ihn mit einem begeisterten Klatschchor feierte (während Intendant Friedrich Schirmer gar nicht da war). Dabei hatte Brandauer anfangs schon befürchtet, die gackernden Hühner auf der Bühne würden ihm die Schau stehlen, sahnte das flatternd sich sträubende Federvieh doch gleich große Lacher und den ersten Beifall ab. Die nächste Inszenierung mit Peter Stein steht auch schon fest: “Ödipus auf Kolonos” von Sophokles kommt nächstes Jahr (in Koproduktion mit dem Berliner Ensemble) bei den Salzburger Festspielen auf der Pernerinsel heraus – 20 Jahre nachdem Brandauer auf dem Salzburger Domplatz seine letzte Vorstellung als “Jedermann” gegeben hat.
Und dann kommt ja auch bald schon (am 12. Dezember) der neue Coppola ins Kino. “Tetro” heißt der Film, der in Cannes vorgestellt wurde: eine in Buenos Aires angesiedelte Familiengeschichte in Schwarz-Weiß, in der Brandauer einen egomanischen Stardirigenten, den dominanten Vater zweier Söhne, spielt. Schon komisch, sagt Brandauer, kaum arbeite man mal wieder mit einem berühmten Regisseur wie Francis Ford Coppola, schon hagle es Angebote und Anfragen … und alle wollen von ihm wissen, wie es denn so sei, mit Coppola zu drehen, wann und wie sie sich kennen gelernt hätten und überhaupt … “Das darf doch wohl nicht wahr sein!” – Brandauer lacht sein hochamüsiertes Mephisto-Lachen, wenn er sich lustig darüber macht, wie er jetzt plötzlich von vielen “entdeckt” zu werden scheint. Als habe er nicht schon viel größere Rollen in Hollywood gespielt. “Jenseits von Afrika”, “Das Feuerschiff”, “Das Russlandhaus”, sein James-Bond-Bösewicht in “Sag niemals nie” – alles vergessen?
Nein, keineswegs. Schon kommt ein Café-Gast auf Brandauer zu und bringt seine Verehrung für den Schauspielstar zum Ausdruck. Ganz besonders, sagt der Mann, liebe er den Film “Oberst Redl” . Das freut Brandauer, denn er hält “Oberst Redl” selber für seinen besten Film (gedreht hat er ihn, wie “Mephisto” und “Hanussen”, mit seinem Freund István Szabo). Eigentlich, sagt Brandauer, nachdem er den Gast verabschiedet und dessen Töchterchen in die Wangen gezwickt hat, eigentlich würde er selber gerne mal wieder einen Film drehen. Er hat sich bereits vor Jahren die Rechte an Fernando Pessoas Buch “Der anarchistische Bankier” gesichert und zusammen mit Esther Vilar sogar schon mal eine Drehbuchfassung entwickelt – aber dann kam keine Finanzierung zustande, und naja, wie es eben so ist: Das Projekt blieb liegen. “Schade”, sagt Brandauer. Gerade jetzt wäre diese Verfilmung brandaktuell. Mit Pessoas Schlussfolgerung, dass der “wahre Anarchist” ein Bankier werden müsse, träfe sie absolut den Nerv der Zeit.

Und hier noch ein Beweisfoto
Brandauer muss los zur Diskussion mit Ude – und dann gleich weiter nach Wien, wo er am Abend am Burgtheater aus Texten von Dietrich Bonhoeffer liest, dem evangelischen Theologen, der von den Nazis hingerichtet wurde. (Am Montag liest er Bonhoeffer auch in Berlin am BE). Am Burgtheater, seiner Hausbühne, ist Brandauer schon ewig nicht mehr aufgetreten, obwohl er Ehrenmitglied im Ensemble ist. Auf Lebenszeit, versteht sich. Ob es Pläne für Wien gibt – wo Brandauer, trotz einer neuen Wohnung in Berlin, nach wie vor lebt -, würde man ja schon gerne wissen … Hierzu nur so viel: Er ist mit Matthias Hartmann, dem neuen Intendanten, im Gespräch.
Später, da ist er schon in Wien gelandet, ruft Brandauer noch mal an: Die Diskussion über den “Elser”-Film sei ganz gut gewesen und Ude schwer in Ordnung, auch wenn er, Brandauer, sich nicht beim Handschlag mit dem OB habe fotografieren lassen (“Das ist doch hier kein Staatsbesuch!”). Ansonsten gelte, was bei solchen Diskussionen immer gilt: “Alle, die unserer Meinung sind, sind an Deck. Und die, die man eigentlich erreichen möchte, die erreicht man nicht.” Ein Film, sagt Brandauer, sei letztlich immer “ein Märchen”. Zivilcourage müsse man schon auch noch anders einfordern als künstlerisch. Dann erzählt er noch, dass es während des Fluges heftige Turbulenzen gab. Er fliegt schon so nicht gerne – und dann auch noch diese Erschütterungen … Na, jedenfalls: Es ist gut gegangen, und er müsse noch einmal sagen: “Ich bin saufroh, dass ich lebe!”