02.02.11 | 22:38 | Geht wieder | Kommentare 8 Kommentare

Wieder da!

Gesehen und fotografiert im Nymphenburger Schlossgarten Anfang Januar.

Gesehen und fotografiert im Nymphenburger Schlossgarten Anfang Januar.

Entschuldigung, liebe Blog-Leser,

… die es ja gottlob doch (noch) gibt!

Ich weiß, ich bin eine schlechte Bloggerin … mit entsprechend schlechtem Gewissen. Das darf eigentlich nicht sein: dass ich seit Weihnachten nichts mehr gepostet habe …

Aber nicht, weil ich kein Material oder nichts zu sagen, zu kommentieren oder zu berichten oder mich aus dem Theater-Journalistenleben verabschiedet hätte! Mitnichten. Im Gegenteil! Ich habe seitdem schon so viele Fotos konfiguriert und hier hochgeladen – für Beiträge, die ich eigentlich unbedingt veröffentlichen wollte. Die ich zum Teil auch Leuten  fest versprochen hatte. Aber ich weiß auch nicht … Es ging dann nicht. Ich bin irgendwie komplett aus der Spur geraten.

Es fing an mit dem Tod von Konrad, einem meiner besten Freunde. Konrad, ein großer, leidenschaftlicher Theaterliebhaber, ging so abrupt, so unverhofft und ohne jede Verabschiedung aus meinem Leben, dass ich das bis jetzt nicht richtig gerafft, kapiert, geschweige denn irgendwie verarbeitet habe. Das war Ende des Jahres. Und dann kam Anfang Januar auch gleich die Beerdigung (im tiefen Westerwald), an die ich – was wahrscheinlich unklug war – nahtlos eine Theater-Jury-Reise nach Dresden und Mannheim angeschlossen hatte, um sodann gleich in meinen Geburtstag überzugehen, verbunden mit meinem neuen Kultur-Salon, den ich wegen der vorab ausgehandelten Künstler-Verabredungen keinesfalls verschieben konnte; nicht zu vergessen meine damals akute Erkältungserkrankung und meinen (anhaltenden) Hand-Arm-Schulter-Schmerz mit diesen ärgerlichen Taubheitsgefühlen rechterhand, ein unhaltbarer Zustand, welcher permanent Arztbesuche erfordet (für die ich nun wirklich keine Zeit habe – und man bedenke: Die SZ residiert inzwischen im Osten Münchens, also weitab von allen Arztpraxen in der Münchner Innenstadt …) – all das, verbunden mit der Tatsache, dass ich im Moment für meine Mülheim-Jury verstärkt in Aktion treten muss (wir haben Schluss-Sitzung am 9. März – bis dahin müssen noch viele Uraufführungen abgereist und nachgesessen werden), all das hat bei mir zu einer merkwürdigen Blogging-Lähmung geführt.

Kann´s gar nicht so richtig erklären. Ich renne, reise, hetze, plane, habe Redaktionsdienst, organisiere, funktioniere – treffe gute, interessante, auch aufregende Leute, viele, wirklich viele, vielleicht zu viele … nicht nur im Theater, bei den Premieren oder auf anschließenden Geburtstags-, Premieren- oder sonstigen Feiern, sondern auch: im Zug, im Flughafenbus, am Flughafen, in der S-Bahn, im Hotel, überall – es ist alles unglaublich reich und voll und viel. Wirklich schön und viel. Aber vielleicht zu voll und zu viel … zu viel Input, zu viel und zu voll in zu kurzer Zeit!?

Jedenfalls kam ich zuletzt nicht mehr nach mit all dem. Und das ist jetzt wirklich  ehrlich hier dahin geschrieben. Ich hab´s einfach nicht mehr geschafft … war nicht in  der Lage, war zu müde, zu schlaff, zu unmotiviert, wieder mal nicht online oder hatte schlicht: keine Zeit, das alles zu notieren, zu kommentieren oder gar zu ironisieren. Und je länger man nichts schreibt, desto komplizierter wird das alles, da man dann ja denkt, man müsse jetzt erst noch dies und das und jenes nachholen, bevor man über das Aktuelle, das Jetzige, das gegenwärtig Erlebte schreiben kann …

Ehrlich gesagt: Ich war auch verunsichert, überfordert -  und habe ernsthaft überlegt, das Bloggen sein zu lassen. Ich frage mich: Wen kümmert´s? Und, das ist nicht zu leugnen: Es schafft einen immensen zusätzlichen Stress – einen Druck, der obendrein auch noch selbstgemacht ist. Und dann kriegt man, wenn überhaupt, ja doch eher nur blöde Kommentare und wird der bloßen Eitelkeit verdächtigt. Und Susan bloggt ja auch schon längst nicht mehr …

Aber irgendwie, weiß auch nicht … will ich diese Form doch (noch) nicht aufgeben. Sie hat was. Und ich glaube, sie liegt mir – und meinem Mitteilungsbedürfnis. Und sie deckt doch vieles ab, was in der Zeitung verloren gehen würde. Muss nur wieder reinkommen, in die Spur kommen … vielleicht auch nur: aus meiner Lähmung heraus wieder in Fahrt kommen. Ich danke daher allen treuen Lesern. Und vor allem danke ich all denen, die mich auffordern, weiterzumachen, weiterzubloggen, die mich ermuntern und ermutigen. Lieber Wolfgang Schreiber, Dir an dieser Stelle ein ganz besonders herzliches Dankeschön!

Also denn: Hiermit melde ich mich zurück. Und ich bitte um Nachsicht, wenn ich ein paar Sachen aus dem Monat Januar erst in den nächsten Tagen noch nachholen werde.

Und übrigens: Ich wünsche mir selbst und Euch/ Ihnen allen ein sehr gesundes und in jeder Hinsicht glückliches, erfolgreiches, intensives, kreatives und gewinnbringendes neues Jahr mit wundervollen (Theater-)Erlebnissen – und einem beglückenden Happy-End! Und vor allem natürlich: dass wir´s er- und überleben!

Eure/ Ihre
Christine Dössel

07.06.10 | 00:09 | Geht wieder | Kritikerfrust | Kritikerin unterwegs | Kommentare 1 Kommentar

Hass … und dann doch wieder: Liebe

HASS-Boxer

Viel Hass erfahren in der letzten Zeit. Zornigen, geifernden, blindwütigen Hass. Abgelassen von anonymen Hassern auf nachtkritik.de, wo es unter dem Deckmäntelchen einer “Debatte” zur Heidelberger Juryentscheidung am Ende nur noch darum ging, mich als Kritikerin und Person schlecht zu reden und fertig zu machen. Es war echt übel: all diese persönlichen Diffamierungen, ehrverletzenden Attacken, verbalen Herabsetzungen – das geht nicht spurlos an einem vorüber. Das war längst keine Debatte mehr über Autorenförderung und eine problematische Jury-Entscheidung (wir waren übrigens drei Juroren!) – das ging nur noch gegen mich persönlich. Erschreckend, wie viele Feinde man als Theaterkritikerin hat …

Na jedenfalls saß ich neulich mit dieser noch ganz frisch in mir arbeitenden Hasserfahrung im Zug nach Wien (zwei Termine bei den Festwochen), als sich in Linz ein Mann zu mir an den Tisch setzte, ein Schwarzer, sehr freundlich, mit Aktentasche, Leuchtmarkern und Papieren. Und da ich offenbar nicht meine Abwehrmaske im Gesicht trug – die muss man sich unbedingt zulegen als reisende Kritikerin, damit man es schafft, in Ruhe gelassen zu werden und im Zug all die Stücke und das Material zu lesen, was man sich für eine Fahrt vorgenommen hat -, da ich also einigermaßen freundlich und ansprechbar dreingeschaut haben muss, kamen wir ins Gespräch. Es war ein sehr gutes, intensives Gespräch. Ein Gespräch – über die Liebe. Tatsächlich! Ich mit all der Hass-Erfahrung in mir treffe auf einen wildfremden Mann aus dem Kongo, dessen wissenschaftliche Studien im Bereich der Soziologie – er ist Soziologe an der Universität Wien -  letzten Endes auf die Erkenntnis hinauslaufen, dass es tatsächlich DIE LIEBE gibt, und zwar, wie er sagte, eine bedingungslose, uneigennützige, absolute, zu Brüchen mit den Eltern und der ganzen Familie führende, Dich gesellschaftlich einsam machende, aber menschlich komplett erfüllende Liebe. Sein Forschungsgebiet: “Domino-Beziehungen”, das heißt: Beziehungen zwischen schwarz und weiß.

Sehr interessant, was er von seinen Forschungssubjekten zu berichten hatte – sind ja in der Regel Extrem-Fälle -, und wie die schwierigen Umstände, all diese Vorurteile, die Restriktionen, das Misstrauen diese Paare zusammenschweißen. Wie sich in solchen Fällen (vermutlich viel klarer und entschiedener als sonst im Leben) Liebe erweist, ja be-weist. Komisch, irgendwie war es mir fast peinlich, dass ein Fremder so  freimütig mit mir über die Liebe spricht. Allein diese Selbstverständlichkeit, mit der er sie als erwiesen ansah …

Das “Liebes”-Gespräch mit dem freundlichen Herrn Soziologen war um so kurioser, als ich just an diesem Abend bei den Wiener Festwochen – passend zu meiner Grundgestimmtheit – für das Gegenteil gebucht war:  “Hass”, eine Produktion von Volker Schmidt nach dem gleichnamigen französischen Kultfilm (“La Haine”) von Mathieu Kassovitz aus den neunziger Jahren.

Treffpunkt war das “brut” im Künstlerhaus nähe Karlsplatz. Von dort wurden die Zuschauer mit zwei Bussen zum Gaswerk Leopoldau gekarrt, das ist eine Industriebrache an der Stadtgrenze von Wien, die für diese das ganze Gelände mit einbeziehende Inszenierung als Banlieue dient – trister Vorort von irgendeiner Großstadt irgendwo in Europa.

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (v. l.); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa.    (Fotos: Theresa Rauter)

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (von links); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa. (Fotos: Theresa Rauter / Wiener Festwochen)

Die Geschichte: Drei “asoziale” Jugendliche ohne Job und Zukunft irren mit einer gefundenen Polizeiwaffe wie tickende Zeitbomben durch eine drogenbenebelte, von schrägen Vögeln bevölkerte Stadtrand-Tristesse – bis die Situation eskaliert. Der junge Regisseur Volker Schmidt erzählt das mit einem internationalen Ensemble: Mehrsprachige Schauspieler und Jugendliche mit Migrationshintergrund führen die (bei der Premiere für dieses freiluftige Stationentheater mehrheitlich überhaupt nicht gerüstete) Festwochen-Besucherschar auch bei schlechtestem Matsch- und Regenwetter durch ihr “Viertel”, vorbei an Wohnwägen, ausgebrannten Autos, herumlungernden Straßenkids. Man begegnet Streetdancern, Freaks und einem Politiker, der für konservative Werte wirbt; nimmt von außen – höchst voyeuristisch – Einblick in das Zimmer von Karim (Karim Cherif), begibt sich mit dem Schwarzafrikaner David (David Wurawa) in dessen abgefackelte Fitnesshalle und folgt den flotten Sprüchen des Halbrussen Daniel (Daniel Wagner), der mit seinem nicht unbeleibten Körper so tut, als habe er die Coolness überhaupt erst erfunden. Die drei Schauspieler sind toll! Ungeheuer kraftvoll, charmant, pulsierend und … ja, in ihrer Wirkung wahnsinnig authentisch. Über sie funktioniert dieser Geländewanderabend auch dort, wo er seine Schwächen offenbart. Über sie wird Hass in Zuneigung, Verständnis, Sympathie verwandelt, man schließt dieses in seiner Möchtegern-Coolness so tapsige wie komische Trio in sein Herz, das ist auch im Film so. Um so größer die Fallhöhe hin zum explosiven Schluss – mit einem knallharten Schuss.

In der Gruppe, die der freundliche David Wurawa aus Simbabwe anfangs über das Gelände führte, war übrigens ich es, die er sich herausgriff, um den anderen mit mir als Probandin gewisse Box-Grundübungen vorzuführen: Fäuste ballen – federn – Angriff – Schutz – Verteidigung. Ging ganz gut. Er fragte, ob ich das schon öfters gemacht habe, worauf ich antwortete: “Only with words.” Also denn, liebe Feinde, ich bin gewappnet! Halte beide Fäuste beweglich vor dem Gesicht und federe sprungbereit in den Knieen! Gebt´s mir! Kommt nur! Ich bin bereit! Auf Facebook hat mir außerdem ein lustiger Bekannter einen Freundschaftslink zu Vladimir Klitschko geschickt. Für alle Fälle …

Was seither geschah?

Vladimir Klitschko hat meine Freundschaftsanfrage leider nicht bestätigt. Nachtkritik.de hat am Wochenende nach meinem Wiener “Hass”-Training die Heidelberg-Debatte, also: diesen Hass-Thread gegen mich, abrupt geschlossen. Und die Liebe? Soll es geben.

13.02.10 | 16:41 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Publikationen | Kommentare 0 Kommentare

Helene Hegemann und der Schattenmann

Mein SZ-Kollege Thorsten Schmitz hat den Blogger Airen besucht, nachzulesen im Feuilleton der aktuellen Printausgabe (“Der Schattenmann”) und hier. Airen bleibt nach wie vor anonym. Sein aus seinem Blog hervorgegangenes Buch “Strobo”, aus dem Helene Hegemann ohne irgendwelche Verweise abgeschrieben hat, ist inzwischen vergriffen. Es ist in einer Auflage von nur 300 Exemplaren in dem kleinen Underground-Verlag Sukultur erschienen. Wäre nicht Hegemanns Plagiat aufgeflogen, hätte wohl kaum jemand davon Notiz genommen.

Dass Airen jetzt ein Stück des Kuchens abkriegt, wäre ihm schwer zu wünschen. Die Grundzutaten stammen schließlich von ihm, auch wenn ganz andere den Erfolg gebacken haben. Mit dem Ullstein-Verlag, in dem Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill” erschien, wurde vereinbart, dass in künftigen Ausgaben jene Passagen erwähnt werden, die aus “Strobo” stammen. Angeblich will Ullstein dem Sukultur-Verlag auch eine kleine vierstellige Summe zahlen und von Herbst an “Strobo” in Lizenz als Taschenbuch herausgeben. Airen selbst darf über das Abkommen nicht reden. Über Hegemann, deren Buch er gut findet, sagt er: “Ich bin nicht sauer, dass sie von mir kopiert hat. Aber zu sagen, Kopieren sei ein Remix, ist nicht fair.”

Thorsten Schmitz´ Besuch bei Airen, findet an jenem Donnerstag statt, an dem Helene Hegemann in der Show von Harald Schmidt auftritt (siehe meinen vorherigen Blog-Eintrag). Airen sitzt vor dem Fernseher und sieht, wie er von Schmidt als der eigentliche Plagiator durch den Kakao gezogen wird. Sein Kommentar: “Was ist denn das für ein Scheiß!” Es gilt auch hier die alte Spruchweisheit: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen … Unfair? Aber ja! Airen moniert auch zurecht, dass Harald Schmidt das Buch von Hegemann mehrmals in die Kamera gehalten hat “und meines überhaupt nicht”. Und auch Hegemann hat seinen Namen wieder mal nicht erwähnt.

Die einen steh´n im Dunkeln, die andern steh´n im Licht, und man ehrt nur die im Lichte, die im Dunkeln ehrt man nicht … (Geklaut von Brecht und leicht abgewandelt.) Ist nun mal so. Auch wenn es hier gerade das Berghain-Dunkle ist, was da im Scheinwerferspot des Literaturbetriebs so gefeiert wird. Und die strahlende Jugend der Autorin natürlich. Unter dem Pseudonym Axel Lottel nimmt sich heute in einem Text in der Frankfurter Rundschau “ein prominenter Literaturkritiker, der namentlich nicht genannt werden möchte” (warum eigentlich nicht?), die unglückliche Rolle der Kritik in dieser Sache vor. Er schreibt:

“Hegemann ist denn auch gar nicht das Problem. Das Problem ist die Kritik. Der Literaturbetrieb zeigt sich in der gesamten Affäre in neuer Deutlichkeit. Der Literaturbetrieb, das ist das Peinliche, an das niemand rühren möchte, ist seinen eigenen Fiktionen aufgesessen. Der Literaturbetrieb hat sich eine junge Autorin einverleibt, die genau die Anforderungen erfüllte, von denen der Betrieb träumt.”

Zu der Frage übrigens, welche Rolle Papa Hegemann bei der Erfolgsgeschichte seiner Tochter spielt, muss man ganz klar sagen: selbstverständlich eine große. Professor Carl Hegemann, einst Chef-Ideologe an Castorfs Berliner Volksbühne, ist in der Theater-, Literatur- und Kunstszene super vernetzt und geschätzt. Und natürlich hat er seiner Tochter nicht nur für ihr Buch und dessen Besprechung zu wertvollen Kontakten verholfen, sondern ihr als Vater immer schon ein intellektuelles, künstlerisch-kreatives Umfeld und den damit zusammenhängenden Erfahrungs- und Wissensschatz geboten. Darauf mag neidisch sein, wer mag. Aber das kann man der davon profitierenden Tochter nun wirklich nicht vorwerfen.

Ich habe Helene Hegemann im März letzten Jahres am Wiener Burgtheater bei der Premiere von Schlingensiefs “Mea Culpa” kennen gelernt. Carl Hegemann war der Dramaturg der Produktion und hat seine Tochter damals allen möglichen Leuten vorgestellt: als 16-Jährige, die gerade einen tollen Film gemacht habe (“Torpedo”). Carl Hegemann schwärmte so begeistert davon, und andere, die den Film oder zumindest die begabte Tochter schon kannten, stimmten so bedeutsam raunend ein, dass ich mir das sogar auf einem Zettel notierte: Helene Hegemann “Torpedo”. Ich muss den Zettel dann verloren haben, jedenfalls vergaß ich die Begegnung – erst durch ihr Buch und die ganze Publicity stieß ich wieder auf das “Wunderkind” Hegemann.

Das Mädchen hat zweifellos eine Begabung, wenn auch nicht gerade zur Ehrlichkeit. Aber sie hat ja noch viel Zeit, sich zu entwickeln: als eigenständige Literatin wie als Mensch.

12.02.10 | 13:15 | Dichtung & Wahrheit | Fernsehkultur | Literatur | Kommentare 20 Kommentare

Helene Hegemann bei Harald Schmidt

Das Copy & Paste-Genie Helene Hegemann war gestern bei Harald Schmidt (siehe “Eine kleine Nachtkritik” von Ruth Schneeberger). Hab´s leider verpasst, weil ich im Real Life unterwegs war. Aber man konnte es ja nachsehen auf der Website des Ersten. (Meistens gibt´s von den Gastauftritten ein Extra-Video. Hier nicht. Man muss die ganze Sendung aufrufen -- und dann vorspulen auf 31:15, da beginnt der Hegemann-Auftritt. Hier der Link -- das Video ist  leider nur bis zum 26. Februar verfügbar.)

Inzwischen kann man den Auftritt bei YouTube sehen, aufgeteilt auf zwei Videos:

Lustig -- nein, eigentlich doch eher peinlich, wie onkelhaft sich Harald Schmidt an die 17-Jährige ranschmeißt. Mit so einer altväterlichen, hyperaffirmativen Bewunderung und Ergebenheit (“Bist Du wirklich erst siebzehn?????”, fünf Fragezeichen in der säuselnden Stimme) … iiieh! Diese anbiedernde Lobhudelei. Und dazu dieser Teddybärblick! (Wahrscheinlich hat er die Tochter nur in die Sendung gekriegt, indem er Papa Hegemann, dem Dramaturgie-Intellektuellen,  absolute Freundlichkeit und Jugendschutz garantierte). Immer wieder nennt er Hegemann “sehr intelligent, sehr eloquent”, eine “extrem eloquente, sehr wache junge Frau” (Sie, geschmeichelt: “Findest du?”). Ja, findet er. Und er findet es auch “total sympathisch, wie du dich präsentierst”. Er schilt mit semidramatischer Übertreibung die Medien (“schlimm!”), und ob er mal sagen solle, wie er, Schmidt, “die Situation” einschätze? Nämlich so: Die “Literatur-Mafia” (sic!) brauche “dringend eine Nachfolgerin für Charlotte Roche, medientechnisch”. Als Helene Hegemann später sagt, sie sei so aufgeregt, witzelt Schmidt: “Du kannst froh sein, dass Du nicht bei Wetten dass bist, da würde der Moderator schon auf dir sitzen!” Ha ha, dabei sitzt er doch selber schon bei Hegemann auf dem Schoß, medientechnisch.

Helene Hegemann  (Foto: dpa)

Helene Hegemann (Foto: dpa)

Die betont forsche Helene ist indes sichtlich um ihr Erscheinungsbild bemüht. Rechts neben ihr scheint sich ein Monitor zu befinden, in dem sie sich selber sieht. In den blickt sie immer wieder wie in einen Spiegel und nestelt ständig an ihrem (betont ungekämmten) Haar rum -- das heißt: wenn sie nicht gerade (betont burschikos) die Arme in die Hüften stemmt. Schmidt macht sich über die Journalisten lustig, die in den Porträts über Hegemann immer von ihren Haaren schreiben. Aber das mit den Haaren hat, wie man hier sehr schön sehen kann, schon seinen berechtigten Grund (und auch Schmidt muss HH auffordern, die Haare bitte vom Mikro wegzunehmen). Das Mädchen selbst sagt: “Die Haare zeigen meine Stimmung an”, das sei in der Gestik (also an welcher Strähne sie wann zieht und so) “alles viel subtiler”, als man vielleicht vermute.

Na ja, sie ist halt doch noch ein Teenager, das darf man nicht vergessen. Auch wenn man natürlich über vieles, was sie da bei Schmidt im Gestus der Abgeklärten äußert (viel Hohles und viel Widersprüchliches, alles wortreich verpackt), schon ein bisschen spotten möchte. Etwa über ihre Gedächtnislücken, Passagen ihres eigenen Buches betreffend. Oder darüber, dass Schmidt sie beim Stichwort Giorgio Agamben (René Polleschs Lieblingsphilosophen, den sie naseweiß in ihrem Buch namedroppen lässt) völlig blank antraf -- was vielleicht sogar eine Falle war. Hegemann versuchte die aufziehende Peinlichkeit dann cool aufzufangen mit den Worten: “Du, also bitte, nicht hier …” *Grins* Sehr aufschlussreich auch, was sie über den Berliner Superclub Berghain zu sagen hat, das Zentrum der von ihr in “Axolotl Roadkill” beschriebenen Drogen-, Sex- und Partyrausch-Exzesse: “… also es hat ein Konzept meines Erachtens. Ich weiß nicht genau, was für eins, aber es ist irgendwie da …” Ah ja.

Den Spott kriegte bei Harald Schmidt der Blogger und Buchautor Airen ab, von dem Helene Hegemann so arg- und hemmungslos geklaut hat. In einem Interview-Sketch (“Wer schreibt von wem ab?”) vor Hegemanns Auftritt wurde Airen, der nach wie vor anonym bleiben will, selber als Plagiator vorgeführt (wahrscheinlich weil er in seinem Buch “Strobo” Ernst Jünger erwähnt und in seinem Blog mal ein Gedicht von Gottfried Benn zitiert). Mit verstellter Stimme und schwarzem Pappbalken vor dem Gesicht verhohnepiepelte der Stuttgarter Schauspieler Christian Brey (Schmidts Regisseur im Stuttgarter “Hamlet”-Musical) diesen Blogger, der hier unter dem Pseudo-Pseudonym “Ayran” firmiert, als einen unbedarften Literaturdieb, der sich frisch und frei aus berühmten Werken bedient. Etwa aus Kafkas “Die Verwandlung” (“Als Gregor Samsa aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seiner eigenen Kotze wieder”) oder aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf” (“Ich mache mir die Welt ficke-ficke wie sie mir gefällt”) oder aus einem berühmten Rilke-Gedicht (“Wer jetzt kein Berghain hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt nicht reinkommt, bleibt für immer draußen.”).  Auf diese Weise kam das -- im Gespräch mit der Abschreiberin freundlichst ausgeparte -- Thema Plagiat zumindest mal vor in dieser Hegemann-Feier-Sendung, wenn auch in absoluter Verdrehung des Tatbestandes unter dem Deckel der Satire.

Der wahre, angesichts des medialen Wirbelsturms um ihn herum erstaunlich gelassene Airen kommt heute (unbekannt bleibend) in einem Interview in der FAZ zu Wort. Lesenswert!

Unbedingt auch den darunter stehenden Zitate-Vergleich ansehen! Auch wenn da (für die zartbesaiteten FAZ-Leser) steht: “Warnung: Die Zitate sind teilweise sexuell sehr explizit und könnten die Gefühle der Leser verletzen …” Die Kollegen haben sich die Mühe gemacht, Hegemanns “Axolotl Roadkill” mit Airens Buch “Strobo” und seinem Blog parallel zu lesen -- und dann haben sie alle ähnlichen Stellen aufgelistet: von schamlos abgekupfert bis leicht abgeändert. Ganz schön eindrucksvolle Diebstahlsliste!  (Siehe dazu auch Deef Pirmasens, der in seinem Popkulturblog “Die Gefühlskonserve” die Plagiatsvorwürfe als erster geäußert hat). Im direkten Vergleich wird einem erst richtig klar, was sich die kleine Hegemann da buchstäblich herausgenommen hat. Wie sie sich nicht nur die Sprache eines anderen, sondern auch dessen Lebensgefühl, dessen Erfahrungen, dessen gelebtes Leben aneignet. Und das originalgeniehaft als was (literarisch) Eigenes ausgibt. Schon dreist. Mit dem Verweis auf “Intertextualität” und den Mashup-Praktiken im Internetzeitalter jedenfalls ist das nicht hinreichend zu rechtfertigen …

Wer erwartet haben sollte, die Textdiebin Hegemann würde den Fernsehauftritt nutzen, um sich mehr oder weniger zerknirscht zu entschuldigen oder ihre Sicht der Dinge klarzumachen, lag falsch. Dafür entschuldigt sich der Blogger Don Alphonso im Namen des Feuilltons “beim Internet” für das “komplette Versagen” des Kulturbetriebs, nachzulesen hier.

“Das ist kein Roman, das war mein Leben”, sagt Airen im FAZ-Interview. “Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt.” Er sagt das ohne Wut und Vorwürfe. Und er erzählt, dass er keinen seiner Texte nüchtern geschrieben habe, das Buch sei “im Rausch erlebt und im Rausch geschrieben” -- das musste irgendwie raus. “Was ich geschrieben habe, habe ich durchlitten.”

Hier der Trailer zu “Strobo -- Technoprosa aus dem Berghain”:

Ganz anders Helene Hegemann: Bevor sie schreibe, so erzählte sie bei Schmidt, gehe sie am liebsten erst mal joggen. Sie brauche da “gar nicht diesen Leidensdruck”. Gut, das zu hören. Frische Luft und Bewegung! Man hatte sich ja schon Sorgen gemacht um dieses womöglich heillos abgefuckte, den Drogen und Sünden der Nacht verfallene Dramaturgen-Kind. Die Arme hat nun zwar “den Glauben an seriöse Berichterstattung verloren” (“Es gibt da überhaupt keinen Zweifel für den Angeklagten!”) -- aber ansonsten gehe es ihr “hervorragend”. Aber irgendwie auch wieder nicht (“Ich bin vollkommen überfordert…”).

Jedenfalls: Wenn sie das alles “halbwegs überstanden” habe, dann werde sie wahrscheinlich zur Bundeswehr gehen. Sagte sie wirklich. Und das ist, bei näherer Betrachtung, vielleicht gar keine schlechte Idee: Bei der Bundeswehr kann sie für das nächste Buch jene harten Extremerfahrungen sammeln, die sie jetzt noch klauen musste. Rohe Schweineleber essen, saufen bis zum Umfallen … wenn sie da erst mal durch ist, schreibt sich das nächste Buch ganz von alleine.

22.12.09 | 14:41 | Kollegialitäten | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Matusseks Suchtblogger-Dramolett

Matthias Matussek vom Spiegel ist ja im Grunde ein verhinderter Theaterkritiker. In seinem wöchentlichen Videoblog auf Spiegel online lebt er daher nicht nur sein kulturjournalistisches Ego, sondern vor allem auch seine Leidenschaft für die Bühne aus, die ihm die verhassten Ekel- und Regietheaterfritzen so oft vergällen. Diese Regie-Rabauken können ihn alle mal! In seinem Blog schafft Matussek seine eigenen, garantiert texttreuen Inszenierungen – mit sich selbst als Autor und Hauptdarsteller. Inzwischen ist er in der Kunst der Selbstinszenierung derart vorangeschritten, dass er seine Solonummern zu richtigen Einaktern ausbaut und dafür schon mal Nebendarsteller engagiert, welche er sogar zu Wort kommen lässt. Na ja, zumindest dann, wenn er glaubt, dass sie, wie BILD-Chef Kai Diekmann, seinem Format entsprechen. Mit dem aktuellen Video-Dramolett “Jahrestreffen der Anonymen Blogger” ist somit ein veritabler Schwank von ebenso selbstironischer wie zeit(ungs)diagnostischer Qualität entstanden.

Gekonnt spielt der Regisseur mit der Krankheit als Metapher, um gerade dadurch die Suchtblogger als die Superblogger und sich selbst als den Oberblogger zu entlarven – wobei Rollen-, Sitz-  und Textverteilung seiner ehrenwerten Herrenrunde keinen Zweifel daran lassen, dass es neben ihm, Matussek, allenfalls einen geben kann: BILD-Blogger Diekmann, dessen Redaktionskonferenzraum nicht von ungefähr als Bühnenbild dient. Dass er die Kollegen Harald Martenstein, Jan Fleischhauer, Alan Posener und Christoph Schwennicke dennoch als willige Statisten gewinnen konnte, indem er sie offensichtlich bei ihrem Alphatierrudelinstinkt zu packen wusste, spricht für Matusseks Besetzungskunst. Auch wie hier die Nichtrepräsentanz von Frauen kritisch unterlaufen und durch eine blonde Vorzeige-Sekretärin im amerikanischen Serienstil aufgefangen wird, muss man dem Stück als gendertechnische Volte anrechnen. Wäre natürlich noch ausbaufähig …