08.03.11 | 19:51 | Kritikerin unterwegs | Ortskunde | Salonkultur | Kommentare 3 Kommentare

Über den Dächern ´ne Pizza: Im Soho House Berlin

Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext /  Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst ...
Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext / Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst …

Was ich hier noch nachholen möchte: meinen Erstbesuch im Berliner Soho House, dem neuen Hot Spot der Kreativszene in unserer armen, aber ach so sexy Hauptstadt. Von Weimar aus bin ich nämlich anderntags nach Berlin rüber, was mir trotz der nachmittäglichen Spätfolgen des GDL-Streiks mit Verzögerungen und Verärgerungen irgendwie gelang. In Berlin sah ich – in meiner Eigenschaft als Mülheim-Jurorin – erst Oliver Klucks “Warteraum Zukunft” in der Box am DT (empfehlenswert!), und danach haben mich meine Freunde Wolfgang und Thomas in ihr neues Lieblingsdomizil, den exklusiven Soho House Club in Mitte, eingeladen. Man kommt da nämlich nur als Mitglied oder als Gast eines Mitglieds rein. Wolfgang und Thomas sind natürlich Mitglieder.

Wolfgang Macht, Chef von netzpiloten.de, ist mein ältester und bester Freund. Wir kennen uns seit der 5. Klasse am Gymnasium Fränkische Schweiz. Damals wollte der liebe Wolfgang noch MICH heiraten, inzwischen hat er seinen langjährigen Lebensgefährten, den Moderator, Autor und Comedian Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club) geehelicht. Was vollkommen in Ordnung ist. Echt! Ich bin sogar, gemeinsam mit Georg Uecker, die Trauzeugin der beiden. War übrigens eine Traumhochzeit … aber das ist ein anderes Thema.

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Wir nun also im Soho House. Torstraße 1, Ecke Prenzlauer Allee, direkt am Alexanderplatz. Wolfgang und Thomas finden: Muss ich unbedingt kennen lernen. Britischer “Private Member Club” auf acht Etagen, inklusive SPA, Fitnesscenter, Restaurant, Bars und 40 Hotelzimmer. Während der Berlinale hat Madonna hier genächtigt und das ganze Hotel gemietet. Großer Hype. Als der Club im Mai letzten Jahres eröffnet wurde, feierte Damien Hirst hier eine Riesenfete. Ganz großer Hype.

Stars wie Madonna und Hirst kennen den Laden natürlich aus London, da kommt dieser Privatclub her – mitsamt seinem innenarchitektonischen Laura-Ashley-Landhaus-Stil, also: Polstersessel mit Samtbezügen, Sofas mit Blumenmuster, heimelige Lese- und Kuschelecken, nicht zu vergessen den offenen Kamin. Die Berliner Dependance ist außerhalb Englands die einzige in Europa. Ansonsten gibt es noch Soho Häuser in New York, Florida und Hollywood. Mannomann, Berlin wieder! Ganz vorn dabei.

Schon von außen macht das riesige Haus mit seiner weißen Fassade im späten Bauhaus-Stil mords was her, und es hat auch eine eindrucksvolle Geschichte: Es war in den 20er Jahren ein Kaufhaus, dann waren die Nazis drin (Baldur von Schirach mit seiner Hitlerjugend), und nach dem Krieg zog die SED ein. Hier war der Tagungsort des Politbüros,  und so heißt die zweite Etage im Soho House – mit großer Terrasse raus zur Torstraße und einer eigenen Bar im gesetzten Hinterzimmer-Mauschel-Stil – immer noch, man kann es für private Partys mieten. Ultracool: seinen Geburtstag feiern im Politbüro. Oder, wie Thomas neulich, im sohohauseigenen Kuschel-Kino.

Essen tut man in der 7. Etage, wo auch die Club-Bar ist. Hier fläzt und launscht man in den Country-House-Sesseln und Wohlfühlsofas mit Panoramablick raus auf die nächtliche Stadt oder bestellt weiter hinten im sogenannten House-Kitchen-Bereich auf der langen Lederbank ein ordentliches Kalbsschnitzel mit Pommes. Die Speisekarte ist erfreulich normal, nichts Überkandideltes und auch nichts Überteuertes. Es gibt was für den großen Pizza- wie für den kleinen Snackhunger, und Clubsandwich goes without saying. Auch die Gäste sind alles andere als aufgetakelt, kaum Schickis, Businessmänner oder so gegelte Anzugträger.

Das sähe in München anders aus. Aber Berlins Kreativszene hat nun mal ihren eigenen Dresscode, und im Soho kann man ihn ganz gut studieren. Es dominieren: sorgfältiges Downstyling, ein selbstbewusster, selbst auferlegter Casual-Look, modisches Understatement bei dezenter Unterstreichung des eigenen Künstler- und Kreativpotenzials. Berliner Lässigkeit, comme il faut. Ist wahrscheinlich auch nicht immer ganz leicht, das so auffallend unauffällig hinzukriegen …

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Viele Frauen von Model-Zuschnitt. Groß, dünn und schön – mit einem hohen Bewusstsein von ihrer Außenwirkung. Na gut, haben wir in München auch. Nicht aber diese Internationalität … die ist hier wirklich was Besonderes. Ringsum wird genauso viel Englisch wie Deutsch gesprochen, und wenn man durch das Panoramafenster raus auf den Fernsehturm und die nächtlichen Lichter Berlins blickt, dann weht einen schon mal an, was man von keiner anderen deutschen Stadt in dieser Weise kennt: so ein kosmopolitsch kribbelndes Metropolen-Gefühl. In solchen Momenten möchte ich immer ganz unbedingt mein gemütliches Millionendorf verlassen und sofort ins urbane Berlin ziehen. Oder nach Paris. Oder New York. Einfach den Lichtern der Nacht und dem Glitzern der Stadt folgen … Das sind so Anflüge – falls Sie verstehen.

Ganz oben, auf der Terrasse im achten Stock: der viel beraunte Soho-Pool. Wolfgang und Thomas finden: muss ich unbedingt sehen. Es ist zwar Nacht und arschkalt, aber einen Eindruck kriegt man schon von diesem High-Community-Platz über den Dächern der Stadt. Tolle Aussicht. Und oho, wie cool, der Soho Pool! Der ist zwar längst nicht so riesig und chic, wie ich ihn mir ausgemalt hatte, aber ich kann mir so einen Happy-Few-Nachmittag auf dieser Dachterrasse ganz gut ausmalen: mit schönen Bikini-Grazien, die sich betont unbeteiligt auf den Liegestühlen räkeln, und genussvoll einen Cocktail schlürfenden Medien- und Projektmenschen an der Bar. Über ihnen der gestirnte Himmel, unter ihnen der Moloch … Da muss ich nicht dabei sein – aber ich wünsche allen Beteiligten schon mal einen super Sommer on the top of Berlin. Weiter unten in der Stadt sind die meisten ja schon froh, wenn sie einen Sommer vorm Balkon haben …

Drinnen darf man leider keine Fotos machen, das gehört zum Exklusivitäts-Prinzip. Ebenso wie die Türpolitik: Wer Mitglied im Soho House Club werden will, muss sich bewerben und bringt am besten die Empfehlungen zweier Schon-Mitglieder bei. Der Jahresbeitrag liegt bei 900 Euro.

Der Club ist noch kein Jahr alt, wurde aber von investigativen Szene-Reportern wie Stephan Lebert in der “Zeit” (sic!) schon ausführlichst gewürdigt, nachzulesen in einem Dossier unter der Überschrift “Das geheime Wohnzimmer” . Das dazugehörige Lebensgefühl fasst Kollege Lebert mit einem Begriff des Soziologen Heinz Bude zusammen: “Generation Berlin”.

München-Berlin, das ist jetzt nicht mehr nur der althergebrachte Bayern-Preußen-Gap mit den üblichen Begleiterscheinungen, sondern, so wie´s ausschaut,  ein regelrechter Generationenkonflikt.

16.02.11 | 23:37 | Diskussion | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Theatertreffen 2011: Kampnagel im Höhenflug

Die freie Szene, beim diesjährigen Theatertreffen vertreten durch Kooperationspartner wie HAU, Kampnagel und das FFT in Düsseldorf, fühlt sich durch die Auswahl für die Best-of-Schau in Berlin schwer im Aufwind.

“Ihr wart innovativ wie nie! Glückwunsch!”, lobt Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard die Jury auf Facebook. “Und Glückwunsch an She She Pop zur Einladung von Das Testament, einer grandios heutigen Lear-Annäherung! Und an Herbert Fritsch, schön! Und an Nurkan Erpulat und Shermin Langhoff! Ihr alle beim Theatertreffen, ich fasse es nur allmählich …”

Auch ich gratuliere! Und rate: Jetzt bloß nicht übermütig werden! Hier der Kampnagel-Newsletter, der mich heute Abend per Mail erreichte (sympathischerweise haben sie selber in die Betreffzeile “Angeberei” geschrieben):

Überhebliche Lehren aus Theatertreffen und Sport

Liebe Hamburger Theater,

warum habt ihr euch gestern nicht gemeldet, den Sünkel mal ausgenommen? Die ganze Welt rief an und gratulierte uns, dass zwei Kampnagel-Produktionen zum Theatertreffen 2011 eingeladen wurden: Christoph Schlingensiefs letztes Welttheater-Stück VIA INTOLLERANZA II und She She Pops King Lear Erneuerung TESTAMENT. Ist euch unser Erfolg unheimlich? Habt ihr zu viel Stefan Grund gelesen (von Kampnagel nicht beschäftigter Hobby-Regisseur, Schriftsteller bei DIE WELT und überregional durch diesen Newsletter bekannt)? Oder seid ihr wirklich so phlegmatisch, wie das Abendblatt euch das heute HIER vorwirft.

Die trinkfesten Mitarbeiter des Abendblättchens hacken da mal wieder auf Hamburg rum und suchen die Schuld für’s kulturelle Siechtum bei der Kultur selbst. Dass auch das Abendblatt vergessen hat, auf uns als Lichtblick in der Wüste hinzuweisen, reiht sie nur in ihren eigenen Klagekanon ein. Dabei wissen alle Newsletter-Leser: Ex Kampnagel lux. Auf Kampnagel gehen die Sonne und Thalia-Luxy auf; wir sind die dicke Mutti mit dem großen Schoß, in dem sich auch ein Bürgermeister mal ausweinen darf.

Die Schockstarre der Theater wegen der diesjährigen Theatertreffen-Auswahl (viel freie Szene, Stefan Bachmanns Kampusch-Stück als Spiegel für die Österreicher, etwas Stadt-Theater Alibi wie Karin Beierhenkel usw.) liegt auch an der Zeitenwende, die diese ankündigt: Die Peripherie ist zum Zentrum geworden, Maßstäbe in Spiel und Spaß setzen schon seit längerem internationale Koproduktions-Zentren für schönere Künste wie das Berliner HAU oder wir. Die Theater mit ihren Roman- und Filmdramatisierungen liegen erschöpft und ideenlos auf dem Boden der Phantasie.

Aber Kulturpessimismus ist unsere Sache nicht, wir geben euch Theatern einen Rat von Dramaspezialist Lothar Matthäus (neustes Projekt: Ariadne, 23): „Es wird sich aber leider niemals verhindern lassen, dass man sich auch mal auf die Taktik des Gegners einstellen muss.“ (Nachzulesen HIER auf seiner Homepage, die noch Liliana, auch 23, gewidmet ist).
Wir kümmern uns solange um den Theaternachwuchs mit der zweiten Diplominszenierung der Theaterakademie, und widmen uns unserer neuen Sparte Sport mit Accordion-Wrestling.

Viele Grüße,
Dein Kampnagel

22.11.10 | 19:26 | Geht doch! | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Berlin ändert sich – zum Glück

An dem Abend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes gesehen hatte, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm der Spaßteufel Ulrich Matthes für dieses Foto aufsetzte.

An dem Berliner Premierenabend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes sah, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm Spaßteufel Ulrich Matthes aufsetzte.

Letzten Freitag, nach der Premiere von Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes”, ist mir im Deutschen Theater Berlin meine Kamera abhanden gekommen. Ich hatte sie im Damenklo liegen lassen. Als ich den Verlust bemerkte und an Ort und Stelle nachschaute, war sie weg. Natürlich. Klar. War ja Berlin.

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere gibt es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Man hätte mich in meiner Aufgeregtheit, Wut und Verzweiflung fluchen und auf dieses Scheiß-Berlin schimpfen hören müssen, während ich, den Tränen nahe, alles absuchte und dann zum Pförtner eilte, um den Verlust anzumelden und – für alle Fälle – meine Telefonnummer zu hinterlassen. Die Hoffnung, meine Kamera könnte beim Pförtner abgegeben worden sein, hegte ich gar nicht erst. Ich meine: war ja Berlin. Da wird doch nichts abgegeben! Da klauen sie dir doch, wenn du nicht aufpasst, sogar deinen vollgekritzelten Notizblock oder deine Visitenkarten oder was weiß ich für nen Kram unter den Fingern weg.

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Und es war ja auch tatsächlich beim Pförtner nichts abgegeben worden. Klar. Berlin eben. Ohweh, war ich bitter! In München, dachte ich und sagte es allen, die es nicht wissen wollten, in München würde das nicht passieren. Da würde das anders laufen. Da würde so eine auf der Damentoilette vergessene Kamera mit freundlichsten Grüßen an die Besitzerin abgegeben werden! In München hab ich letztes Jahr doch sogar die Einkaufstasche mit den Klamotten zurückbekommen, die ich in der S-Bahn hatte stehen lassen – ein Anruf bei der MVG genügte, um zu erfahren: Ja, die Tasche sei gefunden worden und könne am Ostbahnhof abgeholt werden. Muss man sich mal vorstellen!

Meine an diesem Abend zahlreich vertretenen Kritikerkollegen trösteten mich mit erbaulichen Weisheiten über das Hinnehmenkönnenmüssen  … und dass es sich ja “nur” um einen Fotoapparat handle, den man also nachkaufen könne – womit klar war, dass sie keinen blassen Schimmer von meiner innigen Beziehung zu meiner digitalen Canon haben.

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Hätte ich sie doch bloß nicht rausgeholt an diesem Abend! Erst hatte ich ja auch gar keine Lust, Bilder zu machen. War viel zu sehr ins Gespräch verwickelt mit x Leuten, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte …  Berlin eben … war schon länger nicht mehr da.

Seit er hier alleiniger Juror bei den Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer so, Dich zu sehen!

Seit er hier alleiniger Juror bei den diesjährigen Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen regelmäßig ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer, Dich zu sehen!

Aber dann entdeckte ich die an diesem Abend umwerfend aussehende Ulrike Folkerts (die ich mit langen Haaren erst auf den zweiten Blick als Ulrike Folkerts erkannte), und mein lieber Freund Georg Uecker fand, ich müsse ein Foto machen, welches er dann auch arrangierte. Tja, und bei dieser Gelegenheit hab ich dann auch gleich ein paar Kollegen abgelichtet, sieht man ja nicht alle Tage so viele auf einem Haufen.

Und wenig später war sie also weg, die Kamera. Und meine Laune auch. Und ich musste daran denken, dass und wie ich in Berlin schon zwei Mal bestohlen wurde. Und zwar so richtig: Tasche weg mit Geldbeutel, Ausweis, Kreditkarte und allem, wirklich allem. Einmal war´s im Kumpelnest – nun gut, solche zweifelhaften Orte sollte man, zumindest mit Allesdrin-Tasche, vielleicht besser meiden. Aber das andere Mal war´s im Foyer der Schaubühne! In der Schaubühne! Beim F.I.N.D.-Festival vor vielen Jahren! Eine Sauerei.

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Ich bin also in dieser Hinsicht ein gebranntes … ähm … beklautes Kind und bitte meine Berlin-Frust-und-Schimpftirade vor diesem Hintergrund zu verstehen. Ohne einen Funken Hoffnung, einfach nur, um am Ende nichts unversucht gelassen zu haben, begab ich mich, bevor ich das DT zu verlassen gedachte, hinüber in die Bar des Kammerspiele-Foyers, wo die eigentliche Premierenfeier mit DJ und so stattfand, und fragte an der Bar nach, ob nicht vielleicht eine Digitalkamera …

Höret nun, liebe Leser, Freunde und Feinde, und staunet über die frohe vorweihnachtliche Botschaft: Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Meine Kamera war tatsächlich an der Bar abgegeben worden und wurde mir mit einer stummen, coolen Geste von einer jungen Barfrau überreicht. Ich war baff. Schlichtweg baff. Vor Freude kamen mir fast die Tränen. Wie großartig das ist, etwas verloren Geglaubtes zurückzukriegen. Was für ein schönes Gefühl! Was für ein gutes Zeichen das ja auch ist! Man bekommt sofort den Glauben an die Menschheit zurück. Und an Berlin!

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (von links): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (v. l.): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Als ich mich, überglücklich, mit meiner just wiedererlangten Kamera umdrehte, standen da Ulrich Matthes und der Bühnenbildner Johannes Schütz, grinsend, als seien sie selber die Glückspilze, und gratulierten mir. Und so entstand das obige Foto mit den beiden. Für mich das reine Glückspilzbild.

Welche ehrliche Frau auch immer meine Kamera gefunden und an der Bar abgegeben hat: Ich danke ihr von Herzen und wünsche ihr ebensoviel Glück; wünsche ihr, dass die gute Energie, die sie erzeugt hat, auf sie selber zurückwirkt. Und auf die ganze schöne Stadt Berlin.

21.02.10 | 22:07 | Dies & das | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (3): Umjubelte Weltpremieren, überall

Zu den Rätseln des Festivalalltag gehört die Wahrnehmung, gehören die Wahrnehmungsverschiebungen der Menschen, die in die Filme, die dort laufen, ihr Herzblut gesteckt haben – oder doch wenigstens ihr Geld. Nun ist das Publikum in den Galas oft großzügiger als das Fachpublikum, das den Film ein paar Stunden vorher gesehen hat, besonders jener Teil des Publikums, der für die Karten stundenlang angestanden hat. Man wundert sich, wenn man als Kritiker mal die Seiten wechselt und in der Gala sitzt, hinterher oft, was einem in Nachhinein als “tosender Applaus” beschrieben wird. Wirklich gern dabei gewesen wäre ich bei der Vorführung von “Jud Süß” am Abend – mittags wurde er vom Fachpublikum kräftig ausgebuht. Die Reaktion des Galapublikums beschreibt offensichtlich jeder anders: Verhalten, sagen die einen. Einiges an Applaus, sagen die anderen. Der Verleih sagt jedenfalls: Bejubelt!!
In Venedig, bei der Mostra, gibt es ein ganz eigenartiges Phänomen: Man kann in der Sala Grande, in der die Galavorstellungen laufen, die Schauspieler und Regisseure, die zur Vorführung kommen, nicht sehen – weswegen auch Filme, die so richtig böse durchgefallen sind, in der Erinnerung ihrer Schöpfer gern mit einer stehenden Ovation gefeiert wurden.

16.02.10 | 16:35 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (2): Das Kino lebt

Das Kino, wird gern behauptet, sei eine tote Kunst – einmal auf Film gebannt, verändert sich nichts mehr. Das stimmt nicht, man sieht Dinge mit immer neuen Augen. Zu meinen persönlichen Lieblingsterminen auf der diesjährigen Berlinale gehörte die Aufführung von “Mary Reilly” von Stephen Frears in der Retrospektive Play it again, in der Filme aus sechzig Jahren Berlinale laufen, ausgewählt vom Filmhistoriker David Thomson. Dass er sich auf “Mary Reilly” kapriziert hat, konnte nicht einmal Stephen Frears verstehen. Eine “Mary Reilly”-Szene, die mir beim Wiedersehen besonders gut gefallen hat: wie Mary Dr. Jekyll erzählt, wie ihr Vater ihr die Narben beigebracht hat, und Jekyll wissen will, warum sie ihren Vater nicht hasst. Das hat einem Kollegen, der “Mary”, wie so viele, in schlechter Erinnerung hat, schon als Erzählung gefallen. Es war damals einfach so: Vor 14 Jahren galt Julia Roberts als hübsche, schlechte Schauspielerin, und keiner hat verstanden, was Stephen Frears eingefallen ist, sie in so einer Rolle zu besetzen und dann auch noch ungeschminkt zu filmen – von heute aus betrachtet, muss man sagen: wie weise. Und die vorsichtigen Special Effects sind – hey, wir haben inzwischen alles Mögliche gesehen, von “Herr der Ringe” bis “Transformers!” – ungemein … diskret.

15.02.10 | 23:37 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (1): Ich ruf mir ein Tiertaxi

Das zweitgrößte Rätsel der Berlinale, was genau sich Martin Scorsese bei “Shutter Island” gedacht hat, bleibt ungelöst. Aber das größte ist endlich aufgeklärt. Am Freitag, zu Beginn des Festivals, wurde die neue Restaurierung von “Metropolis”, nun fast wieder ganz in der Premierenfassung von 1927 zu haben, im Friedrichsstadtpalast vorgestellt, und via Arte auch überall sonst. Nur hat überall sonst etwas gefehlt: erstens das 78köpfige Live-Orchester, sowas gibt´s nicht alle Tage – wäre die Frage, wie oft Gottfried Huppertz´Originalmusik seit 1927 überhaupt je in voller Besetzung gespielt wurde. Und dann war da noch was: Bei den vorab gezeigten Geburtstagskurzfilmen für die 60. Filmfestspiele erschienen im Friedrichsstadtpalast eigenartig losgelöste Untertitel. In diesen Filmen lobt Armin Rohde die Berlinale und Tilda Swinton versucht, sechzig Mal “Happy birthday” zu sagen, und drunter standen merkwürdige Zeilen zu lesen: “Die kenn ich doch gar nicht”, “Sollen wir uns das Bier teilen?”, “Ich ruf mir jetzt ein Tiertaxi”.
Tiertaxi?
Ich dachte schon, ich werde bis zu meinem Lebensende drüber grübeln müssen, in welchem Film wohl ein Tiertaxi vorkommt, aber ich habe ihn inzwischen gefunden: Ben Stiller teilt sich in ´Greenberg` ein Bier und ruft sich ein Tiertaxi. Der Film läuft im Wettbewerb der Berlinale; da gehört er zwar nicht hin, aber ich bin trotzdem froh, dass die Sache geklärt ist.

09.02.10 | 19:24 | Harte Realitäten | Kritikerin unterwegs | Kommentare 0 Kommentare

Berlin – ein gefährliches Pflaster

Komme gerade (mit verspätetem Flieger) aus Berlin zurück – was für ein gefährliches Pflaster! Die Gehwege: total vereist. Die Straßen: von Eisbänken verkrustet. Überall Glatteisgefahr. Rutschende, schlitternde Menschen. Mit dem Rollkoffer zum Hotel zu laufen, war eine einzige Rutschpartie. Ich bin froh, heil wieder aus dieser Stadt herausgekommen zu sein. Dort sind sie dem harten Winter echt nicht Herr geworden. Hunderte Berliner sind schon schwer gestürzt und mit Knochenbrüchen im Krankenhaus gelandet.

Der “Tagesspiegel” machte das Eis-Chaos in seiner heutigen Ausgabe auf der Titelseite zum Thema – Schlagzeile: “Der Fall Berlin”. Im Lokalteil erfährt man unter der Überschrift “Glatt versagt”, dass allein am vergangenen Wochenende 108 Patienten behandelt wurden, die auf dem Eis ausgerutscht waren. Aber es wird auch Hoffnung gestreut: “Die Stadtreinigung (BSR) räumt oder bestreut nun auch Gehwege, Haltestellen oder Plätze, für die sie nicht zuständig ist. So wurde und wird auch auf eisige Nebenstraßen Splitt gestreut.” Ein Obdachloser hat aus der Not immerhin eine Notunterkunft gemacht – und sich am Nollendorfplatz ein Iglu gebaut.

28.10.09 | 00:32 | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Premierenfeier auf dem Männerklo

Premierenfeier auf der Herrentoilette

Premierenfeier auf der Herrentoilette

Hier verpisst man sich zum Tanzen aufs Klo: Die Berliner Schaubühne hat ihre Premierenfeiern in die Herrentoilette im Untergeschoss verlegt. Getanzt wird auf Kacheln zwischen Waschbecken und Pissoirs. Keine Sorge: Da fließt kein Urin, sondern allenfalls Alkohol.

Der Schauspieler Lars Eidinger war im Frühjahr der erste, der als DJ spaßeshalber hierher auswich. Inzwischen hat die Schaubühnen-Leitung die Vorzüge der neuen Partyzone erkannt: Zwar ist das Herren-WC nun wahrlich kein stilles Örtchen mehr, dafür kann man sich oben, im Schaubühnen-Café, besser unterhalten. “Da verstand man doch oft sein eigenes Wort nicht mehr”, sagt Alt-Direktor Jürgen Schitthelm, den die laute Musik im Café sowieso immer nervte. Und die Beschwerden der Anwohner wegen Lärmbelästigung, die sei man mit der Klo-Lösung auch los.

Der Lokus als neue Location

Der Lokus als neue Location

Partyfeiern auf dem Abort ist natürlich Geschmackssache, und nicht jedem muss sich auf dem Lokus gleich der genius loci erschließen. Die Frage ist: Wo verrichten jetzt die Herren ihre Geschäfte? Letzte Rettung finden sie wahrscheinlich mal wieder nur bei den Damen.