06.11.10 | 00:26 | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Wider die Laubsauger!

Bei uns im Hof: Laub erlaubt - keiner saugt

Bei uns im Hof: Laub erlaubt, keiner saugt - und das taugt.

Weil doch Herr Kusz im vorangegangenen Blog-Eintrag so schön den goldenen Herbst be(kurz)dichtet hat: Ich liebe ja auch den Wechsel der Jahreszeiten – samt seinen natürlichen Niederschlägen, seien es Pollen, Blütenblätter, Schnee oder, wie jetzt allenthalben, das Herbstlaub, welches so safranfarben, satt und sanft die Straßen, Höfe und Wege bedeckt. Oh, goldene Oktobertage, von der Sonne mild beschienen!

Wie herrlich wäre das Säuseln, Knistern und Wispern der fallenden, gefallenen Blätter, gäbe es nicht überall diesen Laubsauger-Terror.Herbst-Laubsauger

Ganz und gar grässlich, diese Dinger! Ohrenbetäubend, nervenzerrüttend, kleintier- und umweltzerhäckselnd. Sie heißen Hurricane, Atika, Grizzly oder Ultra Blower, und bei manchen dieser Geräte beträgt die Geräuschentwicklung mehr als 110 Dezibel. Eine einzige Katastrophe! Kaum hat der eine Nachbar einen, machen´s ihm die umliegenden nach. Es ist eine regelrechte  Mode. Betrieben von Männern, das muss man auch mal sagen. Oder haben Sie schon mal eine Frau laubsaugen sehen?

Der ratternde Motor und der unsägliche Lärm, den er erzeugt, scheint dem Mann als solchen – warum auch immer – eine gewisse Befriedigung zu verschaffen, zumal die Dinger Waffen gleichen, wenn nicht Kanonenrohren, und von der Handhaltung her wirken sie wie die Verlängerung jenes Teils, mit dem der Mann ohnehin glaubt, die Welt beherrschen zu können …

Ich war am vergangenen Wochenende mit der “Nullachtneun”-Kolumne für den SZ-Lokalteil dran und hatte beschlossen, über den Herbst und seine lautstarke Laubaussaugung zu schreiben. Justament, als ich mich zuhause daran setzte – bevor ich zum Zug nach Köln musste (zur Jelinek-Premiere) – ging draußen, ich schwöre es, ein Höllenlärm los. Ich konnte es kaum fassen, aber es war tatsächlich: ein Mann mit Laubsauger im Nachbarhof (siehe Beweisfotos). Es war ein Wahnsinns-Krach, eine einzige Bestätigung meines Schreibvorhabens, aber leider war ans Schreiben nun nicht mehr zu denken, denn so eine Laubsaugerei zieht sich extrem lange hin, mit An und Aus und An und Aus und wieder An und Aus … es ist zum Davonlaufen. Ich habe die München-Kolumne dann im Zug geschrieben. Und will sie hier auch gar nicht vorenthalten:

Rrrrrooooooaaaaaaarrrrrr!!!!!!!!!

Rrrrrooooooaaaaaaarrrrrr!!!!!!!!!

Rilke, vom Laubsauger verschluckt

Wenn man aus hässlicheren Gefilden, sagen wir mal: Kassel, zurück nach München kommt, weiß man die Schönheit dieser Stadt wieder so richtig zu schätzen. Eine große Dankbarkeit kommt dann auf: hier leben zu dürfen. Gerade jetzt, in diesen goldenen Herbsttagen, wo die Berge sich in majestätischer Eleganz vor dem SZ-Hochhausfenster im 19. Stock abzeichnen, als lägen sie direkt vor der Stadt – gerade jetzt kann man schon mal einen München-Flash kriegen und braucht sich deshalb nicht gleich lokalpatriotischer Überheblichkeit oder gar voralpenländischer Arroganz zu schämen. Nirgends fällt das Licht milder,  italienischer auf das Ocker der Blätter, nirgendwo sonst betört so ein bayerisch-expressionistischer Farbenrausch die Sinne.

Man muss das genießen wie ein Gedicht von Rilke: dieses warme Leuchten vor dem langen Grau des Winters, das sanfte Säuseln des segelnden Laubes, das Rascheln des Blätterteppichs unter den Füßen – diese herbstliche Ruhe nach einem plärrenden Sommer der Bagger und der Bauarbeiten.

Ruhe? Rilke? Herbst-Gesäusel? Von wegen! Schon röhrt es wieder ohrenbetäubend aus dem Nachbarhof, wo einer dieser Vorgarten-Cowboys dem Blättermeer mit einem Laubsauger zu Leibe rückt, als ginge es gegen einen Kriegsfeind. Das Ding bläst mit der Dezibelstärke eines Presslufthammers, häckselt den Herbst kurz und klein und saugt alles ein, was da kreucht und fleucht. Im Gegenzug haut es Abgase raus. Laubsauger sind Terrorinstrumente der modernen Gartenunkultur, die keine Besen, Rechen und Harken mehr kennt; Folterwerkzeuge frustrierter Hausmeister und verhinderter Heckenschützen, die sich lautstark rächen statt mal zu rechen. Die umweltfeindlichen Krachmacher sind überall auf dem Vormarsch. Das Internet ist voll davon, es gibt sie im Angebot bei Obi und bei Otto. Manche rufen bei Agenturen an und lassen sie kommen, die Sauger, Häcksler und Bläser, diese poesielosen Herbstaustreiber.

Es gab mal eine Tatort-Folge, in der ein Hausmeister, der frühmorgens im Hof so ein Gerät in Gang gesetzt hatte, erschossen wurde. Andrea Sawatzki dachte erst, da sei ein Amokschütze am Werk, aber es war nur ein schwer genervter Mieter.

Herr: es ist Zeit. / Der Sommer war sehr groß / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren / und auf den Fluren / lass keine Bläser los.

23.01.10 | 17:18 | Kritikerfrust | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Knistern im Parkett

Gestern im Essener Grillo-Theater, Premiere von Ibsens “Peer Gynt”. Neben mir eine beleibte Kritikerin, bei der auch der Spiralblock ein etwas größeres Format hat: Sie benutzt nicht den kleinen Block (DIN A6), den fast alle Kritiker für ihre Notizen verwenden und der als Corpus delicti in der Spiralblock-Affäre (= die Attacke des Schauspielers Thomas Lawinky auf den FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier im Jahr 2006) zu ungewohnter Berühmtheit gelangte – sein Platz im Theatermuseum ist ihm seither sicher. Der Block der Essener Kritikerin hat Halbblatt-Format (DIN A5), und weil die Frau Kollegin ihre Notizen im Halbdunkel sehr großzügig über das Papier verteilt, muss sie den Block ständig umblättern, was natürlich Geraschel verursacht, welches sie dadurch zu verringern sucht, dass sie die Blätter unendlich langsam, in einer Art Dauerverzögerungsgeblätter, umschlägt. Das hat geradezu den gegenteiligen Effekt: statt des kurzen Geräusches eines zügigen Umblätterns ein permanentes Geknister. Sorry, aber da musste ich dann doch mal einschreiten …

Spiralblock-Blog

Ohnehin ist es im Theater Usus, gerade durch vermeintliche  Geräuschvermeidungsstrategien störende Rascheleien zu erzeugen. Jeder, der schon mal erlebt hat, wie sich ein Zuschauer ein Hustenbonbon aus der Tasche fieselt, weiß, was ich meine: Statt den Bonbon in einem kurzen, natürliche Geräusche produzierenden Prozess herauszuholen (raus und runter damit – und a Ruh is), wird er in umständlichster, minutenlang sich hinziehender Krämerei herausgefingert und langsamst aus dem Papier gepuhlt, um nur ja nicht zu stören. Das Gegenteil ist meist der Fall.

Und wenn ich schon mal beim Thema bin: Gerade Damen älteren Semesters haben ja die Angewohnheit, ihr Handtäschchen während der Vorstellung liebevoll auf ihrem Schoß zu platzieren und gerne auch zu umklammern. Das Kroko- und Rindsledergeknirsche ist ein ganz spezielles … knisternde Spannung im Parkett wird damit jedenfalls eher unterlaufen als erzeugt, wenn ich das mal sagen darf.

Mein aktueller Kritikerblock ist übrigens ein kleines kanarienvogelgelbes “Universal-Notizbuch”, das ausschaut wie ein Reclamheft. Finde ich sehr chic (“Sie wollten immer schon zum illustren Kreis der Reclam-Autoren zählen?”, witzelt auf der Rückseite der Klappentext). Das Büchlein ist auch sehr geräuscharm. Nur leider fällt es jetzt schon auseinander und wird zur Loseblattsammlung. So werde ich wohl oder übel doch wieder zum guten alten Spiralblock zurückkehren. Und ihn fest umklammern wie eine Handtasche, damit ihn mir niemand entreißt.

12.11.09 | 16:57 | Geht gar nicht | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Geruchsproblem

Gestern im Münchner Volkstheater. Es gastierte die hochgelobte Inszenierung “Dritte Generation” von Yael Ronen & the Company, eine Koproduktion der Berliner Schaubühne mit dem Habima Nationaltheater Tel Aviv. Plötzlich ein olfaktorischer Angriff, der definitiv nicht von der Bühne, sondern von einem der Sitznachbarn kommt. Sehr unangenehm in der Nase. Da scheint jemand seine Darmgase nicht unter Kontrolle gehabt zu haben. Okay, kann man nichts machen. Fart happens. Nase zu und durch. Aber nein, jetzt schon wieder! Schwallweise zieht der Mief heran. Eine einzige Geruchsbelästigung. Ich inspiziere den Herrn im Anzug rechts von mir näher – und was muss ich feststellen? Er hat seine Schuhe ausgezogen und sitzt strumpfsockig im Stuhl! Es ist sein Fußschweiß, der da heranweht. Sag mal, geht´s noch?!

Ich ziehe den Kragen meines Pullovers über die Nase, rücke deutlich von dem Stinker ab, nicht ohne seine Füße demonstrativ in den Blick zu nehmen – alles in der Hoffnung, er würde meine Reaktionen zu deuten wissen. Aber nix da. Während ich total abgelenkt bin, schaut er konzentriert auf die Bühne. Das ärgert mich noch mehr. Also auf zum Frontalangriff:

Ich (auf seine Schulter klopfend): “Entschuldigen Sie, ziehen Sie im Theater immer Ihre Schuhe aus?” – Er (selbstbewusst): “Ja! Stört Sie das?” – Ich (maliziös): “Ehrlich gesagt, schon. Vor allem der Geruch.” – Treffer. Vielleicht nicht gerade die feine englische Art, aber effektiv: Er zieht seine Schuhe wieder an. Lustigerweise geht es just in diesem Moment auf der Bühne gerade um den penetranten Gestank von irgendetwas, das ich leider nicht mitgekriegt habe.

Nachdem das Geruchsproblem behoben war, war ich aber wieder voll dabei. Deshalb hier kurz noch eine Empfehlung für die “Dritte Generation”: Wer Gelegenheit hat, das Stück zu sehen, sollte sich das nicht entgehen lassen. Das ist eine wirklich sehr gescheite, kritisch-witzige, befreiend sarkastische und bitterkomische Inszenierung jenseits aller political correctness – entstanden als work in progress mit jungen deutschen, palästinensischen und israelischen Schauspielern, die sich wie bei einer Gruppentherapie all ihre Familiengeschichten, Vorurteile, Schuldkomplexe und Klischees um die Ohren hauen (und zwar in ihrer jeweiligen Landessprache).  Sie alle gehören der “dritten Generation” nach der Shoa an und versuchen irgendwie, die Vergangenheit “aufzuarbeiten”, wobei sie ständig auf unsägliche Peinlichkeiten, Widersprüche und natürlich an ihre Grenzen stoßen. Total unverschämt, dieses Theater. An der Berliner Schaubühne wieder am 12., 14., 19. und 20. Dezember zu sehen. Und, bitte: Lassen Sie Ihre Schuhe an!