29.04.11 | 16:04 | Abschied von ... | Barkultur | Kollegialitäten | Kommentare 2 Kommentare

Letzte Tage im Café Platzhirsch

Ausgeröööhhhrt!

Ausgeröööhhhrt! Mit DJ Ralf Zimmermann

Aus. Ende. Finito. Am Samstag macht das von mir leider viel zu spät erst entdeckte Café Platzhirsch (mit der schönen Münchner Innenstadtadresse: “Im Rosental 8″) seine Schotten dicht. Wieder mal so ein Sanierungsfall, wo Renovierung plus Optimierung und Gewinnmaximierung vor Lebens-, Trink- und Barkultur geht. Das Haus ist schon eingerüstet, jetzt wird es saniert, es gibt keine Laufzeitverlängerung: die Gastronomie muss raus – damit verliert die Münchner Innenstadt eine ihrer nettesten, lounge launtschigsten (oder wie man das schreibt) Café-Bars.

FFensterplatz am Viktualienmarkt

Fensterplatz am Viktualienmarkt

Gelegen im ersten Stock des Hauses an der Ecke Rosental / Prälat-Zistl-Straße – da, wo unten der Schmuckladen drin ist -, bietet es durch seine Panoramafensterscheiben einen grandiosen Blick auf und über den Viktualienmarkt. Man kann auf den breiten Fensterbänken auf Filzkissen sitzen und sich einfach nur satt sehen oder die Nase an den Scheiben platt drücken oder sich bei einem Cocktail gut unterhalten. Sind auch immer nette Leute da. Wie gestern zum Beispiel Thomas aus Eichstätt, der sagt: “Diese Räume haben gelebt.”

Seit 1979 war hier das Cafe Rosental zuhause, angeblich ein klassisches Oma-Café. Vor viereinhalb Jahren hat dann Christoph “Tchisi” Schlundt mit seinem Team die Räumlichkeiten übernommen, mitsamt den Möbeln und der ganzen herrlichen Kaffeehaus-Patina. Seither legen hier auch DJs auf – darunter mein lieber wuscheliger Kollege Ralf Zimmermann, Bildredakteur beim SZ-Magazin. Er war immer am letzten Donnerstag im Monat dran, so auch gestern wieder. Die Bilder sind allerdings vom Monat davor, da wollte ich längst schon über das Platzhirsch und DJ Ralf und das Unikum von Barchef bloggen. Aber na ja, man kennt mich ja (inzwischen) …

DJ Ralf "Platzhirsch" Zimmermann

DJ Ralf "Platzhirsch" Zimmermann

Jedenfalls legt Ralf Zimmermann – der übrigens mit seinem SZ-Magazin-Kollegen Thomas Kartsolis den Fotoblog DOPPELKLICK betreibt – sehr coole, sehr entspannte, einen sofort in gute (in meinem Fall oft auch redselige) Laune versetzende Musik auf: Disco, Soul, House. Sagen wir Frankie Knuckles zum Beispiel, oder Kevin Saunderson, wie ich vom SZ-Magazin-Fotografen Camillo Büchelmeier gesteckt bekam (danke für die Mail, Camillo Büchelmeier – was für ein toller Name!). Sehr easy, das alles. Und handaufgelegt, versteht sich. Mit Schallplatten aus dem Privatarchiv. Zuhause hat Ralf eine Sammlung von 2000 Stück.

Nicht zu vergessen Barchef Wolfgang “Wolfi” Götz, ein Münchner mit dem robusten Humor eines Oberpfälzers (was er aber definitiv nicht ist), dem blauen Arbeiterkittelhemd eines workaholischen Chinesen und etlichen bayerischen Entertainerqualitäten. Der verbreitet hinter dem Tresen eine derart gute Stimmung, während er gleichzeitig für fünf arbeitet, dass man sich dringend einen Platz an der Bar sichern – oder schleichend erobern – sollte.

Barchef Wolfgang "Wolfi" Götz

Barchef Wolfgang "Wolfi" Götz

Warum erzählt sie uns das erst jetzt, werden nun alle fragen … viel zu spät, werden alle sagen. Aber nein, wir müssen nur geduldig sein (und die Website oder das “Platzhirsch” auf Facebook verfolgen). Wolfi und die restliche Mannschaft sind heftig auf der Suche nach einer neuen Location. Wir müssen ihnen die Daumen drücken, dass sie bald fündig werden. Denn dann legt auch Ralf wieder bei ihnen auf.

So viel steht fest: Ralf Zimmermann bleibt, wo auch immer es sein wird, als DJ der Platzhirsch!

Also. Nicht vergessen: Heute und morgen letzte Tage im Café Platzhirsch – mit Restetrinken (“alles mus raus”).

Ich kann ja leider nicht. Aber viel Spaß!

Prost. Und auf ein baldiges Wiedersehen!

08.03.11 | 19:51 | Kritikerin unterwegs | Ortskunde | Salonkultur | Kommentare 3 Kommentare

Über den Dächern ´ne Pizza: Im Soho House Berlin

Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext /  Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst ...
Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext / Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst …

Was ich hier noch nachholen möchte: meinen Erstbesuch im Berliner Soho House, dem neuen Hot Spot der Kreativszene in unserer armen, aber ach so sexy Hauptstadt. Von Weimar aus bin ich nämlich anderntags nach Berlin rüber, was mir trotz der nachmittäglichen Spätfolgen des GDL-Streiks mit Verzögerungen und Verärgerungen irgendwie gelang. In Berlin sah ich – in meiner Eigenschaft als Mülheim-Jurorin – erst Oliver Klucks “Warteraum Zukunft” in der Box am DT (empfehlenswert!), und danach haben mich meine Freunde Wolfgang und Thomas in ihr neues Lieblingsdomizil, den exklusiven Soho House Club in Mitte, eingeladen. Man kommt da nämlich nur als Mitglied oder als Gast eines Mitglieds rein. Wolfgang und Thomas sind natürlich Mitglieder.

Wolfgang Macht, Chef von netzpiloten.de, ist mein ältester und bester Freund. Wir kennen uns seit der 5. Klasse am Gymnasium Fränkische Schweiz. Damals wollte der liebe Wolfgang noch MICH heiraten, inzwischen hat er seinen langjährigen Lebensgefährten, den Moderator, Autor und Comedian Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club) geehelicht. Was vollkommen in Ordnung ist. Echt! Ich bin sogar, gemeinsam mit Georg Uecker, die Trauzeugin der beiden. War übrigens eine Traumhochzeit … aber das ist ein anderes Thema.

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Wir nun also im Soho House. Torstraße 1, Ecke Prenzlauer Allee, direkt am Alexanderplatz. Wolfgang und Thomas finden: Muss ich unbedingt kennen lernen. Britischer “Private Member Club” auf acht Etagen, inklusive SPA, Fitnesscenter, Restaurant, Bars und 40 Hotelzimmer. Während der Berlinale hat Madonna hier genächtigt und das ganze Hotel gemietet. Großer Hype. Als der Club im Mai letzten Jahres eröffnet wurde, feierte Damien Hirst hier eine Riesenfete. Ganz großer Hype.

Stars wie Madonna und Hirst kennen den Laden natürlich aus London, da kommt dieser Privatclub her – mitsamt seinem innenarchitektonischen Laura-Ashley-Landhaus-Stil, also: Polstersessel mit Samtbezügen, Sofas mit Blumenmuster, heimelige Lese- und Kuschelecken, nicht zu vergessen den offenen Kamin. Die Berliner Dependance ist außerhalb Englands die einzige in Europa. Ansonsten gibt es noch Soho Häuser in New York, Florida und Hollywood. Mannomann, Berlin wieder! Ganz vorn dabei.

Schon von außen macht das riesige Haus mit seiner weißen Fassade im späten Bauhaus-Stil mords was her, und es hat auch eine eindrucksvolle Geschichte: Es war in den 20er Jahren ein Kaufhaus, dann waren die Nazis drin (Baldur von Schirach mit seiner Hitlerjugend), und nach dem Krieg zog die SED ein. Hier war der Tagungsort des Politbüros,  und so heißt die zweite Etage im Soho House – mit großer Terrasse raus zur Torstraße und einer eigenen Bar im gesetzten Hinterzimmer-Mauschel-Stil – immer noch, man kann es für private Partys mieten. Ultracool: seinen Geburtstag feiern im Politbüro. Oder, wie Thomas neulich, im sohohauseigenen Kuschel-Kino.

Essen tut man in der 7. Etage, wo auch die Club-Bar ist. Hier fläzt und launscht man in den Country-House-Sesseln und Wohlfühlsofas mit Panoramablick raus auf die nächtliche Stadt oder bestellt weiter hinten im sogenannten House-Kitchen-Bereich auf der langen Lederbank ein ordentliches Kalbsschnitzel mit Pommes. Die Speisekarte ist erfreulich normal, nichts Überkandideltes und auch nichts Überteuertes. Es gibt was für den großen Pizza- wie für den kleinen Snackhunger, und Clubsandwich goes without saying. Auch die Gäste sind alles andere als aufgetakelt, kaum Schickis, Businessmänner oder so gegelte Anzugträger.

Das sähe in München anders aus. Aber Berlins Kreativszene hat nun mal ihren eigenen Dresscode, und im Soho kann man ihn ganz gut studieren. Es dominieren: sorgfältiges Downstyling, ein selbstbewusster, selbst auferlegter Casual-Look, modisches Understatement bei dezenter Unterstreichung des eigenen Künstler- und Kreativpotenzials. Berliner Lässigkeit, comme il faut. Ist wahrscheinlich auch nicht immer ganz leicht, das so auffallend unauffällig hinzukriegen …

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Viele Frauen von Model-Zuschnitt. Groß, dünn und schön – mit einem hohen Bewusstsein von ihrer Außenwirkung. Na gut, haben wir in München auch. Nicht aber diese Internationalität … die ist hier wirklich was Besonderes. Ringsum wird genauso viel Englisch wie Deutsch gesprochen, und wenn man durch das Panoramafenster raus auf den Fernsehturm und die nächtlichen Lichter Berlins blickt, dann weht einen schon mal an, was man von keiner anderen deutschen Stadt in dieser Weise kennt: so ein kosmopolitsch kribbelndes Metropolen-Gefühl. In solchen Momenten möchte ich immer ganz unbedingt mein gemütliches Millionendorf verlassen und sofort ins urbane Berlin ziehen. Oder nach Paris. Oder New York. Einfach den Lichtern der Nacht und dem Glitzern der Stadt folgen … Das sind so Anflüge – falls Sie verstehen.

Ganz oben, auf der Terrasse im achten Stock: der viel beraunte Soho-Pool. Wolfgang und Thomas finden: muss ich unbedingt sehen. Es ist zwar Nacht und arschkalt, aber einen Eindruck kriegt man schon von diesem High-Community-Platz über den Dächern der Stadt. Tolle Aussicht. Und oho, wie cool, der Soho Pool! Der ist zwar längst nicht so riesig und chic, wie ich ihn mir ausgemalt hatte, aber ich kann mir so einen Happy-Few-Nachmittag auf dieser Dachterrasse ganz gut ausmalen: mit schönen Bikini-Grazien, die sich betont unbeteiligt auf den Liegestühlen räkeln, und genussvoll einen Cocktail schlürfenden Medien- und Projektmenschen an der Bar. Über ihnen der gestirnte Himmel, unter ihnen der Moloch … Da muss ich nicht dabei sein – aber ich wünsche allen Beteiligten schon mal einen super Sommer on the top of Berlin. Weiter unten in der Stadt sind die meisten ja schon froh, wenn sie einen Sommer vorm Balkon haben …

Drinnen darf man leider keine Fotos machen, das gehört zum Exklusivitäts-Prinzip. Ebenso wie die Türpolitik: Wer Mitglied im Soho House Club werden will, muss sich bewerben und bringt am besten die Empfehlungen zweier Schon-Mitglieder bei. Der Jahresbeitrag liegt bei 900 Euro.

Der Club ist noch kein Jahr alt, wurde aber von investigativen Szene-Reportern wie Stephan Lebert in der “Zeit” (sic!) schon ausführlichst gewürdigt, nachzulesen in einem Dossier unter der Überschrift “Das geheime Wohnzimmer” . Das dazugehörige Lebensgefühl fasst Kollege Lebert mit einem Begriff des Soziologen Heinz Bude zusammen: “Generation Berlin”.

München-Berlin, das ist jetzt nicht mehr nur der althergebrachte Bayern-Preußen-Gap mit den üblichen Begleiterscheinungen, sondern, so wie´s ausschaut,  ein regelrechter Generationenkonflikt.

13.11.10 | 00:06 | Dichtung & Wahrheit | Geht wieder | Kommentare 0 Kommentare

Bauer-Salon goes Aurora Bar

Kerstin Specht liest aus ihrer Paraphrase der Odysseus-Heimkehr

Kerstin Specht liest aus ihrem Stück "Odysseus!"

Jetzt sind schon wieder so viele Tage ins Land gegangen, und ich habe noch gar nichts über die erfolgreiche Wiederbelebung meines Kultursalons am vergangenen Samstag, dem 6. November, in der Münchner Aurora Bar geschrieben. Das muss jetzt schleunigst nachgeholt werden, das bin ich allein schon den beiden tollen Künstlern schuldig, die an dem Abend aufgetreten sind: die Dramatikerin Kerstin Specht und der Komponist Minas Borboudakis, denen ich hier noch mal von Herzen danken möchte. Ihr wart großartig!

Minas Borboudakis spielt sein Stück "Zykloiden I"

Minas Borboudakis spielt sein Stück "Zykloiden I"

Die Aurora Bar meines Freundes Anderl Lechner ist mit ihrem ebenso gemütlichen wie stilvollen Club-Ambiente für einen Kultursalon wie geschaffen – und war allein schon deshalb der richtige Austragungsort, weil dort, anders als bei mir im Wohnzimmer, ein Klavier steht. Außerdem kann man in die Aurora Bar natürlich viel mehr Leute einladen … und es kommen Überraschungsgäste vorbei, wie zum Beispiel an diesem Abend: Sepp Bierbichler.

Der Bauer-Salon – benannt nach meiner Straße, der Bauerstraße – wurde im Herbst 2008 bei mir zuhause im kleinen Kreis gegründet. Auftretender Künstler war damals kein anderer als Anderl Lechner, der jetzige Wirt.

So fing´s damals an: 1. Bauer-Salon mit Anderl Lechner und den Musikerinnen Fany Kammerlander (Cello) und Franziska Eimer (Harfe) in der Lesung "Frieda"

So fing´s damals an: 1. Bauer-Salon mit Anderl Lechner, Fany Kammerlander (Cello) und Franziska Eimer (Harfe) bei der Lesung "Frieda"

Er trug seinen Monolog “Frieda” vor, die Lebensgeschichte seiner Münchner Mutter, begleitet von der Cellistin Fany Kammerlander und der Harfenistin Franziska
Eimer. Also, was soll ich sagen … die Salon-Taufe war ein voller Erfolg! Dass der Bauer-Salon danach ins Koma fiel, muss allein der Salon-Bäuerin angelastet werden, die ständig in der Theaterlandschaft herumkurvt und nie Zeit hat. Aber jetzt ist sie wieder voller guter Vorsätze, welche durch die erfolgreiche aushäusige Reanimation des Salons aufs Schönste genährt werden.

Die Künstler des 2. Bauer-Salons: Minas Borboudakis und Kerstin Specht

Die Künstler des 2. Bauer-Salons: Minas Borboudakis und Kerstin Specht

Kerstin Specht und Minas Borboudakis ist es zu verdanken, dass es eine richtig professionelle, absolut hochkulturelle Veranstaltung wurde.

Minas Borboudakis, Jahrgang 1974, ist ein griechischer Komponist und Pianist, der bei seinen klangexperimentellen Schöpfungen auf antike Tonsysteme und altgriechische Muster ebenso zurückgreift, wie er mit Atonalität, elektroakustischen und perkussiven Elementen spielt. Er stammt aus Kreta, lebt aber seit vielen Jahren in München, wo ich ihn im Februar bei der Premierenfeier von Peter Eötvös´ Oper “Die Tragödie des Teufels” kennen lernte.

Minas Borboudakis in Aktion

Minas Borboudakis in Aktion

Beim Salon habe ich ihn zum ersten Mal live spielen hören – und spielen sehen: eine Wucht! Ich meine das im umfassenden Sinn des Wortes. Was – und auch: wie – er spielt, ist ungeheuer expressiv und intensiv, und er hat dabei die Körperspannung eines Raubtiers. Die zwei Eigenkompositionen, die er äußerst temperament- und kraftvoll zum Besten gab, tragen die Titel “Zykloiden I ” und “Palindromia”. Zwei Hammerstücke, nicht leicht eingängig, aber extrem fordernd und eindringlich.

Kerstin Specht, lesend

Kerstin Specht, sich vorbereitend

Kerstin Specht, die – wie ich – aus Oberfranken kommt und mit Stücken wie “Lila”, “Amiwiesen” und “Das glühend Männla” bekannt wurde, kenne ich als Theaterkritikerin natürlich schon länger. Wir waren vor vielen Jahren sogar mal gemeinsam mit einer Künstler- und Journalistengruppe der Bundeszentrale für politische Bildung in Israel unterwegs. Beim Salon las sie aus ihrem neuen, noch nicht uraufgeführten Stück “Odysseus!”, das sie zusammen mit Manolis Manussakis entwickelt hat, dem Wirt der bekannten Schwabinger Taverne Kalypso (dem Stammrestaurant von Dieter Dorn).

Kerstin Specht mit Manolis Manussakis, mit dem gemeinsam ihre "Odysseus"-Paraphrase entwickelt hat.

Kerstin Specht mit Manolis Manussakis, mit dem sie ihre "Odysseus"-Paraphrase entwickelt hat.

Das Stück ist eine lakonisch-melancholische Fortschreibung des Mythos aus heutiger Sicht. Es beginnt, wenn der Titelheld nach Ithaka zurückgekehrt ist. 20 Jahre war er weg – wie soll man da an frühere Zeiten, an die frühere Liebe anknüpfen können? Der gealterte Odysseus hält sich auch gar nicht lange bei und mit Penelope auf, sondern bricht gleich wieder auf: erst in einen vermeintlichen zweiten Frühling mit Helena, seinem Jugendschwarm, und dann weiter in die Illusionslosigkeit, in die Banalität der Realität und noch weiter bis zum Nordpol des Herzens.

Salon-Gast Sepp Bierbichler

Salon-Gast Sepp Bierbichler

Die Ruhe und nüchterne Klarheit, mit der Kerstin Specht diesen Text über das Altern von Menschen und Gefühlen vortrug, erzeugte einen schönen, trägen, die Geschichte sanft tragenden Fluss, auf dem man nicht nur den abgewrackten Odysseus, sondern auch so manch eigene Hoffnung dahinplätschern sah … Das hat sie wirklich gut gemacht.

Dass – rein zufällig – auch Sepp Bierbichler in der Aurora Bar vorbeischaute und dann zum Salon-Programm blieb, hat mich sehr gefreut, kann man sich ja denken.

Yep! So ungefähr stell ich mir das mit dem Salon vor. Austausch, Vernetzung, Geselligkeit, kreatives Beisammensein – alles ganz zwanglos, in lockerem, stilvollem Ambiente, und es kommen: gute Leute (ins Gespräch).

Anatol Regnier mit seiner Frau Anja

Anatol Regnier mit seiner Frau Anja

Salon-Gast war – neben vielen guten Freunden und einigen Kollegen – auch der Schriftsteller und Gitarrenprofessor Anatol Regnier, der Enkel von Frank Wedekind. Er hat über seinen Großvater die Biografie “Frank Wedekind – eine Männertragödie” geschrieben und auch ein Buch über Tilly Wedekind und ihre Töchter veröffentlicht, ein charmanter Herr mit feiner Ausstrahlung.

Und es war, last but not least, auch mein ehemaliger Dozent Hans-Martin Schönherr da, Professor für politische Philosophie an der LMU. Er, der mich durch seinen eigenen “philosophischen Rau(s)chsalon” überhaupt erst auf die Idee mit dem Kultursalon gebracht hat, ist Gründungsmitglied und Spiritus Rector des Bauer-Salons.

Dank an alle, die da waren und den Abend mit ihrer Anwesenheit belebt und bereichert haben. Es soll auf alle Fälle weitergehen.

Es lebe die Salon-Kultur!

08.07.10 | 19:57 | Geht doch! | Kulinarik | Kommentare 0 Kommentare

München-Kick II: Klubabend Aurora Bar

Aurora-Zigarren

Was wird´n jetzt mit den ganzen Rauchern, den Eckkneipen und Raucherbars? Als ich vom bestürzenden Ergebnis des Volksentscheids hörte, hab ich vom preußischen Norden aus gleich mal meinen Freund Anderl angerufen, Anderl Lechner, Betreiber der von mir sehr geschätzten und entsprechend protegierten Aurora Bar am Münchner Beethovenplatz – eine Künstlerbar mit Wohnzimmer-Charme und britischem Club-Ambiente, die im vergangenen November eröffnet hat (siehe Blog-Eintrag von damals) und sich definitiv als Rauchsalon versteht, ja, die überhaupt erst aus der Einführung des (ersten bayerischen) Rauchverbots hervorgegangen ist. Denn Anderl ist passionierter Zigarrenraucher, und als er nach dem ersten Rauchverbotsgesetz zum Whisky nirgends mehr eine paffen konnte, nicht einmal bei Schumann´s, da beschloss er zusammen mit seinem Freund, dem Gourmet-Koch Karl Ederer, einen Klubabend ins Leben zu rufen, zu dem alle paar Wochen Freunde und Bekannte per E-Mail eingeladen wurden: zum Reden und zum Rauchen.

Diese Raucher-Klubabende fanden in „Baumgartners Weinbar“ am Beethovenplatz 2 statt, der heutigen Aurora Bar – als Baumgartner letztes Jahr hinschmiss, da kaufte Anderl kurzerhand das Interieur und machte sein eigenes Ding. Die Klubabende hat er beibehalten. Und weil da immer die meisten (und die kuriosesten und lustigsten) Leute kommen, werden diese Klubabende vom Wirt immer häufiger angesetzt. Es herrscht dann geschlossene Gesellschaft – aber mit weit geöffneter Tür.

Aurora-Wirt Anderl Lechner

Aurora-Wirt Anderl Lechner

Anderl Lechners Anspruch als Wirt: “Hocken, rauchen, reden. Leute treffen und einen guten Wein trinken. Ohne so eine Abzocke in der Gastronomie.“ Klingt gut. Und könnte so einfach sein. Aber jetzt? Ich dachte, ich würde Anderl nach dem Volksentscheid in heller Fassungslosigkeit antreffen – aber es war eigentlich nur Ratlosigkeit. Der neue Wirt weiß selber nicht, was jetzt wird. Bis August wird jetzt erst mal weitergemacht wie bisher (“Durchpaffen bis August!”) – und dann, so Anderl, “schaun mer mol”. Und dann sehn mer scho. Anderl Lechner ist viel zu bairisch, um jetzt hysterisch aus dem Häuschen zu geraten. Es wird ihm schon was einfallen.

Wer weiß, vielleicht wird ja jene spontane Pissoir-Party Schule machen, die sich beim letzten Klubabend am Dienstag ergeben hat, als sich eine kleine Gästeschar schon mal auf die Suche nach (einem stillen) Örtchen machte, wo noch was geht.
Aurora_Intro

Alles ist Fluss

Alles ist Fluss

Zum heimlichen Rauchen aufs Klo – so weit sind wir jetzt in Bayern schon … und das, ich bitte es zu notieren, sagt eine, die selber gar nicht mehr raucht! Ich weiß die Vorzüge des Rauchverbots in Restaurants und vielen Bars und Gaststätten als Nichtmehrraucherin echt zu schätzen, aber ein Generalverbot – das geht total gegen mein Verständnis von Freiheit und Toleranz und Artenschutz!

Daher, liebe Raucher-Clubber: Solltet Ihr Euch künftig zum Paffen und Trinken aufs Männerklo verziehen, gebt mir Bescheid, ich komme mit! Denn so geht´s ja nicht.

Franz Meiller vor seinem Werk "Gütertrennung"

Franz Meiller vor seinem Werk "Gütertrennung"

Die Klo-Party hatte sich übrigens ganz flashmobmäßig ergeben, nachdem der Münchner Unternehmer Franz Meiller ein paar Gäste auf die Herrentoilette geführt hatte, um dort seine künstlerische WC-Fenstergestaltung vorzuführen: Das ins Fenster eingefügte fotoinstallatorische Werk stammt von ihm selber und trägt den Titel “Gütertrennung”.

Klofensterkunst - wer ko, der ko

Klofensterkunst - wer ko, der ko

Einer, es war Michael Haacke, Chef der FFS (Film- & Fernseh-Synchron GmbH), gab dann spontan die Losung aus: “In einer Stunde wieder hier!” und er hatte ein nettes Sprudelgetränk auf einem Samthocker organisiert, als eine Stunde später tatsächlich eine kleine Klo-Fete für Eingeweihte stieg.

Jedenfalls war der Klubabend nicht nur sehr lustig, sondern auch ein gutes Zeichen: Die Münchner werden immer ein Örtchen finden und sich vom Genius loci inspirieren lassen.

Aurora-Klo-Gruppe

Schönen Gruß übrigens nach Berlin. Von wegen die Schaubühne macht die einzigen Pissoir-Partys!

07.07.10 | 19:08 | Dies & das | Kulinarik | Off-Office | Kommentare 0 Kommentare

München-Kick I: Schumann´s backstage

Seeprom-Sommermohn

Drei Wochen Urlaub sind bereits vergangen, davon war ich eine Woche Jurorin beim Theatertreffen der Schauspielschulen in Leipzig (ich werde noch berichten) und danach bei Freunden in einem Haus am See nahe Potsdam, wo obiges Mohnwiesensommerfoto entstand und jegliches Bloggen geblockt wurde. Seit Montagabend bin ich wieder zurück in München …

Gleich mal zum Wiedereingewöhnen ins Schumann´s. Montags hat Ernst Fischer, ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der SZ, dort immer seinen Stammtisch. Zur festen Besetzung gehören die SZ-Karikaturisten und ein reisefreudiger Steuerberater, zur wechselnden die unterschiedlichsten Gäste aus den Bereichen Politik, Kultur, Medien und Medizin.

Ernst Fischer (rechts) mit den SZ-Karikaturisten Gabor Benedek, Luis Murschetz, Pepsch Gottscheber

Ernst Fischer (rechts oben) mit den SZ-Karikaturisten Gabor Benedek, Luis Murschetz, Pepsch Gottscheber

Im Sommer sitzen die wahren Kenner und Genießer nicht etwa im Getümmel vor dem Lokal mit Blick auf die Straße und den Odeonsplatz (das ist der eigentliche Bühnenbereich, hier gilt: sehen und gesehen werden) – im Sommer sitzen die wahren Connaisseure backstage. Soll heißen: Man geht hinten raus, in den Hofgarten, wo Charles unter schattigen Bäumen und bordeauxroten Sonnenschirmen Tische aufgestellt hat und mithin einen kleinen, feinen Biergarten betreibt, auch wenn Bier hier als Getränk eine eher nachgeordnete Rolle spielt. Schu-Hofgarten

Der Platz ist zum Draußensitzen herrlich, einer der schönsten in München – bzw. “… auf der Welt”, wie mich Anne Urbauer am Montag korrigierte, und die ist eine weit gereiste Journalistin und dürfte es also wissen. Man sitzt wahnsinnig lauschig zwischen den Arkadengängen und dem Hofgartengrün und kann staunend zusehen, wie der Münchner Abendhimmel dieser Stadt schmeichelt und sie zum Leuchten bringt. Ich hab hier immer so ein schönes feuchtwangerndes München-”Erfolgs”-Gefühl, aber gleichzeitig ist das Licht auf den Arkaden auch molto italiano.

Schu-Arkaden

Na jedenfalls hab ich mir nach meiner Rückkehr gleich wieder diesen München-Kick geben wollen – und es hat auch funktioniert.

Selbst Charles war gut aufgelegt und hatte seine oft so betont ausgestellte – und von etlichen weiblichen Gästen entsprechend beklagte – Misogynität in die Kiste mit den Regensachen gepackt. Wie man sehen konnte, läuft es auch wieder bestens mit seiner Maria. Gracias a dios!

Barchef Charles Schumann mit Stammgast Ernst Fischer

Barchef Charles Schumann mit Stammgast Ernst Fischer

Was gibt´s Neues in unserer kleinen Stadt? Ein paar Leute sind wählen gegangen und haben per Volksentscheid das öffentliche Rauchen ganz und gar verbieten lassen. Ich fass es nicht. Der neue Focus-Chef Wolfram Weimer hat den Schumann´s-Hofgarten auch schon raus. An einigen Tischen wird getuschelt – wie lange der´s wohl machen wird? Ob man ihn den Abwickler nennen muss? Im Moment lässt sich vom Vordertisch aus nur so viel sagen: Er ist riesengroß und schlaksig und hat so Haare. Die Münchner Abendzeitung gibt es übrigens auch noch – davon konnte man nicht mit Sicherheit ausgehen. Kent Nagano gibt es nach 2013 hier definitiv nicht mehr – das war am Montag noch Befürchtung und Gerücht. Gestern kam die Bestätigung.  Und Ulrike Hessler wird noch viel früher weg sein: nämlich schon ab August. Die Marketingchefin der Bayerischen Staatsoper wird dann Intendantin der Dresdner Semperoper. Im Schumann´s gab sie einen Empfang, der ganz nach Abschiedsfeier aussah. Aber es war eine Opern-Fundraising-Veranstaltung, ich habe nachgefragt: Geld auftun für die Junge Szene Dresden. Den Aperitif gab´s draußen. Drinnen war dann – ganz Schumann´s-untypisch – eine richtig feierliche Tafel gedeckt, mit weißer Tischdecke, Blumendekorationen und Pipapo und eine junge Sängerin sang den Herrschaften was vor.

Aber auch wenn das nicht Ulrike Hesslers Abschiedsfete war (dafür wünsch ich ihr dann doch mehr Partystimmung), hab ich schon mal ein Abschiedsfoto gemacht. Auf Wiederschaun, liebe Ulrike Hessler, pfüat eana! Viel Glück für Dresden. Und schöne Grüße an den Herrn Thielemann.

Ulrike Hessler, künftige Intendantin Semperoper Dresden

Ulrike Hessler, künftige Intendantin Semperoper Dresden

Am Ende, da war es schon dunkel, sagte Charles dann noch, dass er Tische mag, die einfach nur im Hof rumstehen, ohne Stuhl, ohne Zweck … Tische halt. Klingt gaga. Aber tatsächlich, wenn man genau hinschaut: Das hat absolut was.

Schu-leereTische2

Andere Wirte würden den Platz vollstopfen und gastronomisch ausnutzen bis zum Gehtnichtmehr. Charles Schumann macht seinen Gästen zwar wahrlich nicht den Hof – aber er (be)lässt ihn ihnen. Dafür danke.

20.11.09 | 22:15 | Nicht verpassen | Kommentare 3 Kommentare

Aurora – Bar mit Wichtelkunst

Andreas (“Anderl”) Lechner – als Schauspieler, Regisseur, Autor, Musiker, Filmemacher und Produzent ein echtes Münchner Unikum – hat jetzt seine eigene Bar eröffnet: die Aurora Bar am Beethovenplatz 2, etwas versteckt gelegen zwischen Altstadtring und Theresienwiese. Wer Anderl Lechner kennt, weiß: Der Mann hat Geschmack, er weiß, was Gastfreundschaft bedeutet, und das Wirts-Gen hat er auch – schon seine Vorfahren betrieben in München ein Hotel und verschiedene
Gaststätten (das Hotel Münchner Hof, den Bayerischen Löwen, die Sportschule Grünwald). Seine Aurora Bar hat mehr Wohnzimmer- denn Kneipencharakter. Sehr stilvoll das Interieur. Dunkles Holz, gemütliche Sessel und Sofas, rote Vorhänge an den Fenstern. Club-Atmosphäre. Unter den Gästen viele aus der Film- und Theaterszene. Ein Klavier gibt es auch, bei der Eröffnung spielte ein Jazz-Trio.

Auch eine Kuhfotoserie und drei der umstrittenen Gartenzwerge des Nürnberger Kunstprofessors Ottmar Hörl haben hier einen Platz gefunden: einer der inkriminierten Wichtel macht den Hitlergruß, einer – sein Name ist “Ben” – faltet die Hände zum Gebet, ein dritter zeigt hinter dem Tresen den Stinkefinger, alle drei in güldener Ausführung.

Aurora – so hieß der Panzerdeckkreuzer der russisch-zaristischen Marine, der 1917 den ersten Schuss zum Beginn der Oktoberrevolution abgab. Wie weit von der Aurora Bar revolutionäre Signale ausgehen, wird noch zu sehen sein. Aurora heißt aber auch die römische Göttin der Morgenröte, und es kann durchaus sein, dass man diese hier erblickt.