01.08.10 | 21:33 | Festivals | Kunstgeschehen | Kommentare 0 Kommentare

Salzburger Festspiele (3): Jonathan Meese

Meeses Tunnelblick

Meeses Tunnelblick

Jonathan Meese ist derzeit in Salzburg nicht nur als Bühnenbildkünstler in Wolfgang Rihms “Dionysos” präsent – es hängen auch großfomatige, plakative Bilder von ihm im Fußgängertunnel des Neutors. Ich habe sie alle fotografiert, um sie hier im Blog auszustellen.

Dazwischen ein paar Wortlaut-Zitate von Meese aus einem – sicherlich schriftlich geführten – Interview mit den “Salzburger Nachrichten” (31.7.2010), die den deutschen Künstler als einen “höflichen und lieben Menschen” beschreiben.

Meese1

“Es gibt Tendenzen in der Kunst zum Realen hin. Ich halte das für absolut falsch, denn in der Kunst ist immer alles künstlich, sonst ist es Realitätsillustration, dann will man sozusagen die schreckliche Realität einholen, indem man noch schrecklicher wird.”

Meese2

“Theater kann nie böse, falsch, unwahr sein. Es ist der Ort, an dem gespielt wird, eine Spielwiese, ein Versuchsfeld. Spiel kann und muss radikal sein, macht alles brisant und ultimativ, gefährlich. Ein wahres Spiel beendet sich aber immer so, dass alle müde nach Hause gehen und glücklich sind, ohne Verlierer und Gewinner. Dass einer böse ist, weil er verloren hat, gibt es nur in der Realität.”

Meese3

“Im Wort Kultur schwingt kultivieren, einordnen, züchten, die Zucht mit, Begriffe, die in der Realität vorhanden sind. In der Kunst ist nichts züchtbar, nichts berechenbar, nichts kultivierbar.”

Meese4

“Kunst ist im Gegensatz zur Kultur nicht instrumentalisierbar. Kultur kann eingesetzt werden, um etwas zu erreichen, mit Kunst erreicht man nichts. Kunst ist mit Atmung vergleichbar, sie ist gekoppelt an Lebensnotwendigkeiten, an das, was ich tun muss, nicht was ich tun kann. Was ich tun kann, ist der Kunst egal, in der Kultur hingegen ist Können in Ordnung. Kunst ist total, totalst, Kultur ist ein Segment.”

Meese5

“Nicht der Mensch gestaltet, sondern die Kunst, der Mensch ist verpflichtet, die radikalste Sprache an sich abspielen zu lassen. Demokratische Sprache ist für Kunst total ungeeignet, denn diese will Kompromiss, Konsens, Diplomatie, das optimale Mittelmaß. Das hat mit Kunst nichts zu tun. In der Kultur gibt es das, denn Kultur muss sich ja auch immer verschachteln, überall reinkriechen. Das muss die Kunst nicht. Kunst ist Stoffwechsel, Osmose, Atmung, Fließen, Diffundieren. Sie ist unabdingbar, ein metabolischer Prozess.”

Meese6

“Salzburg muss die schreckliche Realität verdrängen und sich ausdehnen, groß wie die ganze Welt werden. Und darüber hinaus. Die Bühne muss rattenscharf klargemacht werden für die Zukunft, alles muss Bühne werden, jeder Flecken Erde.”

30.07.10 | 23:02 | Festivals | Kunstgeschehen | Premierenallerlei | Kommentare 0 Kommentare

Salzburger Festspiele (2): YDP-Empfang in der Galerie Ropac

Daniel Richter in der Galerie Thaddaeus Ropac. 15 Werke des deutschen Malers sind hier während der Festspiele ausgestellt - unter dem Titel "Spagotzen".

Daniel Richter in der Galerie Thaddaeus Ropac. 15 Werke des deutschen Malers sind hier während der Festspiele ausgestellt - unter dem kryptischen Titel "Spagotzen".

Es gehört zu den Gepflogenheiten bei den Salzburger Festspielen, dass die Edelfüllerfirma Montblanc, Sponsor der experimentellen Schauspielreihe Young Directors Project (YDP), zur Eröffnung des Projekts einen Weltstar nach Salzburg lädt. Der muss dann für sein zweifellos fürstliches Honorar jeweils ein paar Foto-und Promotion-Termine absolvieren, abends blitzlichtumflutet die YDP-Premiere im Republic besuchen und sich hernach beim obligatorischen Empfang in der Galerie von Thaddaeus Ropac blicken lassen. Letztes Jahr wurde auf diese Weise Dita Von Teese zum Theaterbesuch verdonnert, 2008 das James-Bond-Girl Eva Green aus “Casino Royal”.

YDP-Empfang in der Galerie von Thaddaeus Ropac

YDP-Empfang in der Galerie von Thaddaeus Ropac

So ärgerlich es insbesondere beim Auftritt der Montblanc-Klunker-behangenen Eva Green war, dass sich schon beim Premierenapplaus alles nur noch um sie und nicht etwa um die Künstler drehte, so unauffällig schlich sich der diesjährige Stargast heran und wieder weg – wenn er die Aufführung von Jakop Ahlboms “Innenschau” denn überhaupt ganz angesehen hat: der US-Schauspieler Val Kilmer, der übrigens selber als Theaterschauspieler begann (sogar in klassischen Rollen wie Orest, Richard III. und Macbeth) und mich persönlich vor allem als Jim Morrison in Oliver Stones Film “The Doors” beeindruckt hat.

Galerist und Festspiel-Liebling Thaddaeus Ropac mit, nein, keiner Heilsarmeeschwester an seiner Seite, sondern der Brillen-Lady und Kunstsammlerin Inge Rodenstock.

Galerist und Festspiel-Liebling Thaddaeus Ropac mit, nein, keiner Heilsarmeeschwester an seiner Seite, sondern der Brillen-Lady und Kunstsammlerin Inge Rodenstock.

Auf die Salzburger Montblanc-PR-Tour schien er jedenfalls keine große Lust gehabt zu haben. Einen Promotion-Termin am Morgen muss der Schauspieler buchstäblich verschlafen haben, ins Theater sah man ihn am Abend nur kurz hineinhuschen (wer weiß, ob er nicht durch einen Hinterausgang gleich wieder rausgehuscht ist), und auf dem Ropac-Empfang nach der YDP-Premiere erschien er auch nicht. Dabei soll Val Kilmer ein ausgesprochener Kunstkenner sein, wie mir Ingrid Roosen-Trinks, die Direktorin der Montblanc Cultural Foundation, nicht unbeeindruckt erzählte. Sie traf ihn dereinst auf der ART Basel, wo die Idee entstand, ihn nach Salzburg einzuladen. Ob sie jetzt so glücklich mit ihrem Stargast war?

Ja! Das ist die Farben-, Frauen- und Festdirndlpracht von Salzburg.

Ja! Das ist die Farben-, Frauen- und Festdirndlpracht von Salzburg. Selbstverständlich Hautevolee.

Der traditionelle Empfang in der edlen Galerie von Thaddaeus Ropac, dieses bei den Festspielen und der feinen Gesellschaft so umtriebigen und allgegenwärtigen Kunst-Entrepreneurs (er ist auch Mitglied in der Jury des YDP), war jedenfalls nicht ganz so feierlich, promireich und glamourös wie in früheren Jahren. Der Gastgeber selbst kam erst spät, weil er an diesem Abend gar nicht in Jakop Ahlboms surrealistischer “Innenschau” im Republic, sondern in der Opernpremiere von Wolgang Rihms “Dionysos” war.

Auch dabei: das deutsche Künstlerpaar Eva & Adele

Auch dabei: das deutsche Künstlerpaar Eva & Adele

Da das Wetter trüb war, verlagerte sich die Feier auch nicht auf die schöne Terrasse der Galerie mit dem wunderbaren Blick auf den Mirabellgarten und den nächtlichen Mönchsberg. Ropacs Festspiel-Freundin Bianca Jagger huschte nur kurz durch die Menge und entschwand angeblich etwas derangiert nach oben (ich selbst habe sie gar nicht gesehen), und es hielt erstaunlicherweise auch niemand eine Rede.

Die lieben Kritiker-Kollegen aus Wien: Karin Cerny und Wolfgang Kralicek

Die lieben Kritiker-Kollegen aus Wien: Karin Cerny und Wolfgang Kralicek

Kollege Peter Kümmel von der "Zeit"

Kollege Peter Kümmel von der "Zeit"

Was aber immer wieder fasziniert, ist die Location an sich, dieses herrliche Barockpalais mit einer jeweils aktuell zur Festspielzeit frisch eröffneten Ausstellung (in diesem Jahr: Daniel Richter) – und Ropacs Gelassenheit, sie für einen Festspielempfang zu öffnen. Was ja bedeutet, das all die geladenen Menschen mit Sektgläsern und Semmelknödel-Schwammerl-Verköstigung oder mit diesem leckeren Kaiserschmarrn in der Hand durch die Galerieräume hatschen und die Kunstwerke jederzeit beschädigen, beschmieren, bekleckern könnten. Das zuzulassen , ist schon sehr cool.

Gila geht die Treppe hoch (sie ist meine Freundin), und das wirkt doch sehr malerisch.

Gila geht die Treppe hoch (sie ist meine Freundin), und das wirkt doch sehr malerisch.

Vor zwei Jahren war hier zur Festspielzeit Anselm Kiefers Zyklus “Maria durch ein Dornwald ging” ausgestellt, und ich sah Damen, die mit ihrer Feinstrumpfhose oder ihrem Tüllgewand im Dornengestrüpp einer Kiefer-Skulptur hängen blieben.

Dieses Jahr ist Daniel Richter bei Ropac ausgestellt. Er hat das Bühnenbild für Alban Bergs “Lulu” in der Inszenierung von Vera Nemirova geschaffen und ist damit also ein echter, “offizieller” Festspielkünstler.

Richter liebt knallige Farben, grüne Männchen und den Menschen in der Errettung aus rot glühendem Lavagestein (… oder sind die Figuren doch eher kurz vor dem Absturz?). Seine Bilder  – bei Ropac versammelt unter der kryptischen Überschrift “Spagotzen” – sind von einer kindlichen Naivität und zielen direkt auf das sensorische Langzeitgedächntnis. Aber das sind alles nur erste Eindrücke. So richtig erschlossen hat sich mir seine Arbeit noch nicht.

Ropac-Wurm-1

Wenn man in den ersten Stock der Galerie hochgeht, finden sich Werke weiterer Ropac-Künstler – etwa des von mir verehrten Erwin Wurm (siehe Foto rechts) oder auch von Tony Cragg, Stephan Balkenhol -, lauter tolle Sachen. Ist schon immer wieder beeindruckend, was und wen Ropac als Galerist alles versammelt.

Früher oder später trifft man sie in Salzburg alle - hier: Thomas Demand (links), Springer-Chef Mathias Döpfner (Mitte) und das Ehepaar Bettina und Thomas Oberender.

Früher oder später trifft man sie in Salzburg alle - hier: Thomas Demand (links), Springer-Chef Mathias Döpfner (Mitte) und das Ehepaar Bettina und Thomas Oberender.

Daniel Richter war an diesem Abend nur eingangs kurz zu sehen. Dafür war am Ende Thomas Demand da – und zwar in Begleitung von Springer-Chef Mathias Döpfner. Sie kamen von der “Dionysos”-Premiere. Auch für diese Oper hat ein Künstler das Bühnenbild entworfen: Jonathan Meese. Aber der kriegt noch einen eigenen Blog-Eintrag.

09.07.10 | 10:51 | Festivitäten | Off-Office | Kommentare 0 Kommentare

München-Kick III: Sommerfest Stadtmuseum

Stadtmuseum-Plakat

Meine letzte Urlaubswoche neigt sich dem Ende zu, und noch immer gebe ich mir nach den Aufenthalten im Sächsischen und Brandenburgischen den speziellen München-Kick. Gestern, beim Sommerfest des Stadtmuseums und des dazugehörigen Cafés, war das gleich ein richtiggehender München-Flash: Prä-Oktoberfeststimmung, Maßkrüge, Dirndl, Lederhosen. Mit Live-Voixmusik, aufgspuit vom “Niederbayerischen Musikantenstammtisch”.

Stadtmuseum-Blasmusi

Minga at its very best. Ich mit Trägertop und Sommerröckchen komplett underdressed. Aber seit wann trägt man denn Dirndl zum Stadtcafé-Sommerfest?

Ach so: Das trachtlerische Outfit vieler Gäste war der neuen Ausstellung im Stadtmuseum geschuldet, die bei diesem Sommerfest mit der obligatorischen Ude-Einlage und einer weiteren Rede der neuen Stadtmuseumsdirektorin Isabella Fehle eröffnet wurde: “Das Oktoberfest 1810-2010″ – eine Ausstellung zur Jubiläums-Wiesn.

Stadtmuseum-Tanz

Da ich erst um neun eingeradelt bin und mich dann gleich festgequatscht habe, habe ich leider nicht nur die neue Direktorin, sondern auch den Rundgang durch die Ausstellung versäumt. Als ich rein wollte, haben sie gerade zugemacht. Aber ich hab wenigstens das bescheuerte Plakat fotografiert, siehe oben. Das gelbe Kautschuktier hielt ich auf den ersten Blick für einen von einem Lebkuchenherzen verdeckten Gummi-Quietsch-Elefanten – aber es handelt sich bei näherer Betrachtung um ein Hendl.

Stadtmuseum-Sommerfest

Weil ich doch neulich den Schumann´s-Garten im Hofgarten so gelobt habe: Der Innenhof des Stadtcafés darf in dieser Hinsicht nicht ungerühmt bleiben, gehört er doch ebenfalls zu den schönsten gastronomischen Sitzplatzoasen unserer kleinen Stadt, und als die Süddeutsche noch im Zentrum zuhause war, da, wo eine Zeitung hingehört, da verbrachten weiß Gott viele SZ-ler hier ihren Feierabend … und so manche feucht-fröhliche Stunde danach. Wir befürchteten ja schon, das Stadtcafé würde ohne uns eingehen, aber, nun ja – jetzt muss man froh sein, wenn einen die Kellner noch kennen und der nette Paul einem ein Freibier ausgibt.

Servusheimat

Minga, I mog di. Mit all deinem Hendl-Herzerl-Devotionalienkitsch. Und die Oktoberfest-Ausstellung schau ich mir auch noch an. Aber das hat Zeit – draußen lockt der Sommer.

20.04.10 | 12:14 | Kunstgeschehen | Kommentare 3 Kommentare

Neo Rauch und seine Begleiter

Rauch-Logo

Gestern Vernissage der Neo-Rauch-Ausstellung “Begleiter” in der Münchner Pinakothek der Moderne. Ein wahnsinniger Ansturm! Da haben sich bestimmt mehr als 2000 Menschen in den Räumen gedrängelt. Und immer wieder entfuhr ihnen vor den monumentalen Bildern des Leipziger Großkünstlers ein befriedigtes, beeindrucktes, abnickendes, den Künstler Neo Rauch wie auch den Kunstkenner in sich selbst bestätigendes “Ah ja!”.

Neo Rauch mit seiner Frau Rosa Loy bei der Eröffnung der Ausstellung (Foto: Alessandra Schellnegger / SZ Lokales - Alle anderen Fotos sind von mir)

Neo Rauch mit seiner Frau Rosa Loy bei der Eröffnung der Ausstellung (Foto: Alessandra Schellnegger / SZ Lokales - Alle anderen Fotos sind von mir)

Rauch-Masse

Rauch-Besucher

“Begleiter” ist eine Werkschau zum 50. Geburtstag von Neo Rauch – eine Doppel-Retrospektive, verteilt auf zwei Ausstellungsorte: Leipzig und München. 120 Bilder sind zu sehen, 60 je hier und dort. Mehr dazu hier.

.

Die Ausstellungseröffnung im Leipziger Museum der bildenden Künste war bereits am Sonntag. 1500 Gäste müssen es auch dort gewesen sein, und danach wurde gefeiert in Rauchs Atelier.

.

.

Neo Rauch, Superstar der Leipziger Schule,  ist ein Darling der internationalen Kunstszene und wird im Ausland – vor allem in Amerika – hoch gehandelt. Für seine Werke zahlen Kunstliebhaber Höchstpreise. Wie zu hören war, sind vulkanaschenwolkenbedingt etliche Sammler, die zur Ausstellungseröffnung anreisen wollten, auf der Strecke geblieben. Fiel in dem Massenandrang aber nicht weiter auf. Und es waren wahrlich noch genügend Cracks und Koryphäen da, die diese Vernissage zu einem Groß-Event machten.

Rauch-Halt

Rauch-Gemaelde
Jeder Raum ist mit einem Schlagwort versehen:  “Halt”, “Das Blaue”, “Das Unreine”, entnommen jeweils einem der darin ausgestellten Rauch-Gemälde.

Die Bilder selbst sind so rätselhaft wie gigantisch – und sie zogen mich trotz ihrer doch etwas postsozialistischen Anmutung und ihrer seltsamen surrealen Konkretion viel stärker in ihren Bann, als ich das vorab vermutet hatte.

"Das Blaue" (2006) - Ausschnitt

"Das Blaue" (2006) - Ausschnitt

Das Erstaunliche an diesen Bildern ist – und das erschließt sich einem erst so richtig, wenn man vor ihnen steht: Sie sind Theater! Sie stellen tatsächlich Bühnen dar, auf denen (über)lebensgroße Figuren auftreten und hochdramatische Szenen stattfinden. Das ist alles sehr plastisch und drastisch und alptraumhaft … man steht davor und versucht diese Bilder als Geschichten zu lesen, als Dramen.

"Nexus", mein Lieblingsbild in der Ausstellung. Großes Theater!

"Nexus", mein Lieblingsbild in der Ausstellung. Großes Theater!

Nach der offiziellen Ausstellungseröffnung in der Pinakothek der Moderne gab es gegenüber, in der Halle der Alten Pinakothek, noch einen Empfang im kleinen, ausgewählten Kreis (mit Sammlern, Sponsoren, Galeristen, Museumsdirektoren). Ich gehöre zwar nicht zur Kunstszene, wurde aber freundlicherweise von Gerd Harry Lybke von der Galerie Eigen+Art (Leipzig / Berlin) eingeladen, das ist Neo Rauchs Galerist und einer seiner Entdecker. Ich habe den sehr lustigen, geschäftigen und überaus kommunikativen Lybke, den alle Welt “Judy” nennt, vor kurzem nach einer Theaterpremiere in Hannover kennen gelernt, im dortigen Kunstverein. Es war an diesem Abend eine Ausstellung des Künstlers David Schnell eröffnet worden, und danach gab es im Kunstverein noch eine Party, bei der David Schnell selber Platten auflegte.

Neo Rauch (Mitte) beim Empfang in der Alten Pinakothek

Neo Rauch (Mitte) beim Empfang in der Alten Pinakothek

Meine Fotos sind leider unscharf (und ich wollte auch nicht so viel herumknipsen), aber ich kann bezeugen: Neo Rauch sah ziemlich gut aus, auffallend rank und schlank, offenes weißes Hemd, dunkle Jeans,  edles blaues Sakko (mit weißem Einstecktuch) und als Schuhwerk: exzentrische,  silberglänzende, sehr spitze Schlangenlederstiefel. Die 50 sieht man diesem Mann nicht an. Jemand vermutete an diesem Abend sogar, Rauch habe “vielleicht was machen lassen” – oder warum sonst wirke sein Gesicht so “maskenhaft”? Stimmt schon, ein wenig masken- bzw. statuenhaft wirkt Neo Rauchs Gesicht tatsächlich, zumindest im Profil. Als sei er eine Figur aus seinen Bildern. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass er so tiefernst wirkt (und das wahrscheinlich auch ist). Ich habe ihn jedenfalls überhaupt nie lachen sehen.

Genau! So stelle ich mir Vernissagen vor! Hübsche Frauen, die auch was auf dem Kasten haben. In diesem Fall (von links): Corinna Wolfin (PR Galerie Eigen + Art), Sarah Melischko (PR Pinakothek der Moderne), Claudia Schwind (Prestel Verlag)

Genau! So stelle ich mir Vernissagen vor! Hübsche Frauen, die auch was auf dem Kasten haben. In diesem Fall (von links): Corinna Wolfin (PR Galerie Eigen + Art), Sarah Melischko (PR Pinakothek der Moderne), Claudia Schwind (Prestel Verlag)

Ich weiß nicht mehr, wen ich da alles fotografiert habe, aber die charmante Brünette in der Mitte ist Maria Koehn, die den Katalog zur Ausstellung gemacht hat!

Ich weiß nicht mehr, wen ich da alles fotografiert habe, aber die charmante Brünette in der Mitte ist Maria Koehn, die den Katalog zur Ausstellung gemacht hat!

Der lustige Gerd Harry Lybke, genannt "Judy", Entdecker von Neo Rauch und mit seiner Galerie Eigen + Art einer der erfolgreichsten Galeristen Deutschlands

Der lustige Gerd Harry Lybke, genannt "Judy", Entdecker von Neo Rauch und mit seiner Galerie Eigen + Art einer der erfolgreichsten Galeristen Deutschlands

Der neue "Rolling Stone", ab Donnerstag am Kiosk, das Titelbild hat Neo Rauch gestaltet, und es gibt im Heft auch ein Interview mit ihm.

Der neue "Rolling Stone", ab Donnerstag am Kiosk, das Titelbild hat Neo Rauch gestaltet, und es gibt im Heft auch ein Interview mit ihm.

Neo Rauch, ins Gespräch vertieft mit einer Galeristin

Neo Rauch, ins Gespräch vertieft mit einer Galeristin

Kunstkritikerin Eva Karcher mit dem Kurator Ulf Küster von der Fondation Beyeler

Kunstkritikerin Eva Karcher mit dem Kurator Ulf Küster von der Fondation Beyeler

Der Künstler verabschiedet sich von einem amerikanischen Sammlerpaar, das es trotz Vulkanaschenwolke nach München geschafft hat.

Der Künstler verabschiedet sich von einem amerikanischen Sammlerpaar, das es trotz Vulkanaschenwolke nach München geschafft hat.

Neo Rauch mit der Kunstkritikerin und SZ-Mitarbeiterin Eva Karcher. Sorry, da posiert der Künstler auf meine Bitte hin extra für ein Foto - und ich krieg´s nicht besser hin ... Mein Metier ist aber auch eher das Wort, möchte ich hier mal zur Entschuldigung sagen (komme mir mit der Kamera ohnehin immer ein wenig wie eine Paparazza vor ...).

Neo Rauch mit der Kunstkritikerin und SZ-Mitarbeiterin Eva Karcher. Sorry, da posiert der Künstler auf meine Bitte hin extra für ein Foto - und ich krieg´s nicht besser hin ... Mein Metier ist aber auch eher das Wort, möchte ich hier mal zur Entschuldigung sagen (komme mir mit der Kamera ohnehin immer ein wenig wie eine Paparazza vor ...).

Bernhart Schwenk von der Pinakothek der Moderne. Er ist der Kurator der Münchner Neo-Rauch-Ausstellung.

Bernhart Schwenk von der Pinakothek der Moderne. Er ist der Kurator der Münchner Neo-Rauch-Ausstellung.

Und hier sehen wir Bernhart Schwenk, den Kurator der Ausstellung, noch einmal - mit einer Dame, deren Namen ich leider nicht erfragt habe. Sie soll, wie ich später hörte, Belgierin und auf allen wichtigen Vernissagen zugegen sein. Ich habe sie natürlich wegen ihres tollen exzentrischen Halsschmuckes fotografiert - der ist von dem belgischen Modedesigner Dries Van Noten.

Und hier sehen wir Bernhart Schwenk, den Kurator der Ausstellung, noch einmal - mit einer Dame, deren Namen ich leider nicht erfragt habe. Sie soll, wie ich später hörte, Belgierin und auf allen wichtigen Vernissagen zugegen sein. Ich habe sie natürlich wegen ihres tollen exzentrischen Halsschmuckes fotografiert - der ist von dem belgischen Modedesigner Dries Van Noten.

Ich habe mich an diesem Tisch festgequatscht, daher: schon wieder Eva Karcher, diesmal mit Harald Spengler, den sie mir als einen der wichtigsten Sammler Münchens vorgestellt hat. Seiner Visitenkarte ist nicht zu entnehmen, was er sonst so macht. Er kommt aus Oberfranken wie ich (er: aus Erlangen), daher haben wir nur über über Fränkisches geredet ...

Ich habe mich an diesem Tisch festgequatscht, daher: schon wieder Eva Karcher, diesmal mit Harald Spengler, den sie mir als einen der wichtigsten Sammler Münchens vorgestellt hat. Seiner Visitenkarte ist nicht zu entnehmen, was er sonst so macht. Er kommt aus Oberfranken wie ich (er: aus Erlangen), daher haben wir nur über Fränkisches geredet ...

Zum Abschied noch mal ein Foto mit dem "Eigen + Art"-Galeristen Gerd Harry Lybke (Mitte). Vor dem Sammler Ramon Luis Lugo aus Puerto Rico (dem Herrn im Rollstuhl mit dem Silberknauf-Stock) ist er buchstäblich in die Knie gegangen.

Zum Abschied noch mal ein Foto mit dem "Eigen + Art"-Galeristen Gerd Harry Lybke (Mitte). Vor dem Sammler Ramon Luis Lugo aus Puerto Rico (dem Herrn im Rollstuhl mit dem Silberknauf-Stock) ist er buchstäblich in die Knie gegangen.

05.02.10 | 19:25 | Kunstgeschehen | Kommentare 0 Kommentare

“Schön war´s!”

“Schön war´s!” – mit Anführungszeichen und Ausrufezeichen! – heißt der neue Bilderzyklus von Stefan Hunstein, seines Zeichens Schauspieler am Bayerischen Staatsschauspiel München, aber auch Fotokünstler, seit 1977 schon. “Schön war´s!”: Dieser Ausdruck heller oder vielleicht auch nur gewollter Begeisterung stand, handgeschrieben von deutschen Urlaubern, auf vielen der Postkarten aus den 50er und 60er Jahren, die Hunstein fleißig zusammengetragen hat. Er fand sie auf Flohmärkten, bei Haushaltsauflösungen, in privaten Archiven. Die markantesten, aussagekräftigsten dieser Ansichtskarten hat er abfotografiert und jener Manipulationstechnik unterzogen, mit der er bisher vor allem Originalfotos aus der Nazizeit verfremdete (so z.B. in seinen Bilderserien “Wen Gott lieb hat, lässt er fallen, ins Berchtesgad’ner Land”  oder “Blondi”).

Stefan Hunstein präsentiert eine scheinbar heile 50er-Jahre-Welt. (Foto: SZ / Robert Haas)

Stefan Hunstein präsentiert eine scheinbar heile 50er-Jahre-Welt. (Foto: SZ / Robert Haas)

Hunstein vergrößert, verzerrt und entschärft diese Fotos, koloriert sie teilweise nach, bearbeitet Details – und entstellt sie so zu neuer Kenntlichkeit. Es ist der Betrachtungsvorgang selbst, den er dabei hinterfragt; ihm geht es um den “zweiten Blick”. Was ist Wahrheit, was Progpaganda, Lüge, Erfindung? Durch seine Verunschärfungsmethoden zwingt Hunstein den Betrachter, das Bild mit dem eigenen Blick zu vervollständigen, Geschichte zu entdecken in den Geschichten.

In “Schön war`s” hat er nun die junge Bundesrepublik ins Visier genommen, die Zeit des Wirtschaftswunders und des wachsenden Wohlstands in den 50er und frühen 60er Jahren. Denn davon künden diese bildtechnisch manipulierten Ansichtskarten: von Aufbruch, Stolz, Neuanfang. Von Fortschrittseifer, architektonischen Nachkriegsleistungen (vieles einfach nur: Bausünden) und einer neuen Mobilität. Wir leisten uns was! Wir sind wieder wer! Wir können auch anders … (als Krieg zu führen)! Ordentliche Vorgärten, Geranien auf dem Balkon, vor dem Haus der VW-Käfer: Es ist das Kleinbürgerglück der Reihenhaushälfte, das hier seinen Ausdruck findet. Eine (scheinbar) heile Welt. Mit Pool und Tulpenrabatten.  Alles so sauber … alles so kleinkariert. Der Deutsche im Urlaub an der Ostsee oder im Harz. Die Städte protzen mit neuen Bahnhöfen und Einkaufszentren, man gibt und fühlt sich hochmodern. Schön war´s! Schön musste es einfach sein!!

Hauptbahnhof, München. Aus: "Schön war's!" 2007-2009 c) Stefan Hunstein

Hauptbahnhof, München. Aus: "Schön war's!" 2007-2009 c) Stefan Hunstein

100 Fotoarbeiten sind so entstanden, die zusammengenommen ein erhellendes Panorama ergeben: auf das Selbstempfinden und die Selbstdarstellung einer Republik, die sich gerade erst aus dem Trauma und den Trümmern des Krieges erhoben hat. Und die von diesem Krieg nichts mehr wissen will. “Die Ansichtskarte zeigt immer eine geschönte Seite”, sagt Hunstein. “Man erkennt da, wie reingemalt, die Vorstelleungsweise der Menschen. Das Traumatische bleibt völlig ausgeschaltet. Das ist wie eine Erzählung.”

Mein Reihenhaus, meine Hecke, mein Ziegeldach: "Schön war´s!" c) Stefan Hunstein

Mein Reihenhaus, meine Buxbaumhecke, mein Ziegeldach: "Schön war´s!" c) Stefan Hunstein

Gezeigt wurden die Bilder gestern in einer Kurzausstellung im Münchner Haus der Kunst: einen Abend lang – und jetzt sind sie schon wieder abgehängt. Der Museumsleiter Chris Dercon will das in Zukunft öfers so praktizieren: schnelle, kurze Ausstellungen, 1 Tag, 1 Nacht … hin und weg. Nach dem Motto: Immer schön flexibel bleiben! Muss ja nicht immer ein Blockbuster sein.

Der Andrang war trotzdem groß. Opel sponsorte Wein und Brot und hatte direkt vor dem Haus einen weißen Opel Kadett der Reihe A Limousine geparkt, Baujahr ´63.

Stefan Hunstein mit seiner Frau, der Schauspielerin Sophie von Kessel. Das von ihm verfremdete und vergrößerte Postkartenbild zeigt das Höhencafe Pension Schmeusser / Donzdorf.   (Foto: lok/ Robert Haas)

Stefan Hunstein mit seiner Frau, der Schauspielerin Sophie von Kessel. Das von ihm verfremdete und vergrößerte Postkartenbild zeigt das Höhencafe Pension Schmeusser / Donzdorf. (Foto: lok/ Robert Haas)

Vorgestellt wurde an dem Abend auch das gleichnamige Buch, das zu der Arbeit erschienen ist: “Schön war´s!” – Aus den frühen Jahren der Republik, herausgegeben von Petra Giloy-Hirtz im Verlag Hatje Cantz und von Hunstein selbst gestaltet. Der war an dem Abend zwar fiebrig krank und musste mit Penicillin hochgepäppelt werden, strahlte aber vor Glück.

Den Text “Es wird etwas geschehen” von Heinrich Böll, den er vorlesen wollte, hatte er vor Aufregung im Taxi liegen lassen. Er hat dann in Windeseile einen Auszug aus Thomas Bernhards Roman “Auslöschung” besorgt und dann eben den vorgelesen:

“Ich hasse Fotografie”, schimpft Bernhard darin in einer seiner üblichen Tiraden. Die Fotografie sei eine “niederträchtige Leidenschaft”, eine “Krankheit”, eine “perverse Verzerrung der Welt”, kurz: “das größte Unglück des 20. Jahrhunderts”. Sehr lustig. Man kann das natürlich auch anders sehen. Zumindest auf den “zweiten Blick”.

21.11.09 | 21:39 | Kunstgeschehen | Kommentare 3 Kommentare

Bitte nicht berühren!

Es ist ein hartes Los, die Ai Weiwei-Ausstellung “So sorry” im Münchner Haus der Kunst zu besuchen. Wie sehr laden die eindrucksvollen Exponate des chinesischen Künstlers doch ein, sie anzufassen, zu betasten, zu befühlen, daran entlang zu streicheln, sie zu spüren! Aber es gilt, wie immer im Museum, das Verdikt “Don´t touch!” Das ist ja schon ein bisschen bitter, um nicht zu sagen: unbefriedigend. Diese Riesenschale mit den Süßwasserperlen zum Beispiel: Ist sie nicht geradezu eine Aufforderung, hineinzugrapschen, mit beiden Händen reinzuwühlen, die Perlen durch die Finger gleiten zu lassen und gerade dadurch ein Gefühl dafür zu bekommen? Oder gleich daneben, dieser Ameisenhügel aus Sonnenblumenkernen, alle handgefertigt aus Porzellan: eine einzige haptische Verführung! Aber nein: anfassen strengstens verboten! Und die Aufseher wachen mit Argusaugen darüber, dass der Tastsinn auch ja mit niemandem durchgeht. So sorry! Das einzige, was sie einem erlauben: an dem Kubus aus einer Tonne gepressten Tees zu schnuppern. Und ja, tatsächlich: Man hat so was Earl-Grey-Artiges in der Nase.

Sonnenblumenkerne, handgefertigt aus Porzellan

Sonnenblumenkerne, handgefertigt aus Porzellan. Bloß nicht reinfassen!

Auch einer der 100 Baumwurzelstämme aus der Installation “Rooted upon” in der großen Ausstellungshalle riecht – und zwar erdig und feucht-frisch -, aber es riecht wirklich nur dieser eine, wie uns ein Aufseher erklärt, was wir ihm mal glauben wollen (wir haben das nicht an allen 100 Baumstrünken nachgeprüft). Aber kaum tritt man näher an die Stämme heran und spürt dieses weiche, flauschige Polstergefühl unter den Füßen, wird man schon wieder zurückgepfiffen: Teppich betreten verboten! Dabei fühlt es sich wirklich gut an, plötzlich von den harten Fliesen auf den “Soft Ground” zu treten, den Ai Weiwei eigens für diese Ausstellung hat fertigen lassen: 380 m² textile Flauschfläche, auf der die 969 Solnhofener Fußbodenplatten des Raums originalgetreu nachgebildet sind, mit all ihren Schattierungen und Abnutzungserscheinungen. Jede einzelne Steinplatte wurde dafür vorher abfotografiert und dann mit chinesischer Kopierfertigkeit in der Provinz Hebei nachgewoben.

Installation "Rooted upon" auf Teppichboden ("Soft Ground"). Betreten verboten!

Installation "Rooted upon" auf Teppichboden ("Soft Ground"). Betreten verboten!

Was wird mit diesem Teppich eigentlich nach der Ausstellung geschehen? Und darf man ihn saugen? Der Aufseher mit dem russischen Akzent hat das Betreten-Verbot jedenfalls so begründet: “Erstens: ist Kunst. Und wenn dreckig, man muss putzen.”

Hier noch der Link zum Ai Weiwei Blog vom Haus der Kunst. Jeder kann mitbloggen.