12.01.10 | 17:46 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Kommentare 0 Kommentare

Die schönste Oper & die Superhymne

Zugegeben, ich habe die Wette verloren: Nicht Mozarts “Zauberflöte” hat das 3sat-Wettrennen um die “schönste Oper aller Zeiten” gemacht, sondern Verdis “La Traviata”. Die “Zauberflöte” führt als traditioneller Favorit der Deutschen zwar alle Opernspielpläne an, aber was ich nicht bedacht habe: Bei so einer TV-Chart-Show fällt natürlich ganz stark das, was gezeigt wird, ins Gewicht -- und da ist der Star- und Glamourfaktor, ja, auch der emotionale Faktor bei Verdis “La Traviata” doch sehr viel größer (und fernsehkompatibler) als bei der “Zauberflöte” -- zumal wenn, wie hier, Willy Deckers furiose Inszenierung für die Salzburger Festspiele aus dem Jahr 2005 ins Rennen geschickt wird: mit der fabelhaften Anna Netrebko und dem temperamentvollen, um nicht zu sagen: supersüßen Ronaldo Villazón. Was hier gewählt wurde, ist nicht zuletzt das schönste Operntraumpaar aller Zeiten.

Hier noch mal zum Reinhören und Sattsehen:

Die Finalshow selbst unter der Moderation des Stargeigers Daniel Hope konnte ich -- geburtstagsbedingt -- leider nicht sehen, habe aber nicht viel Rühmliches gehört. War es wirklich so grotesk, wie Freunde mir berichteten? Egal: Der Weg war das Ziel, und der hatte für alle Opernfreunde sein Gutes.

Zur selben Zeit, als Deutschland noch die Superoper suchte, präsentierte das Ruhrgebiet stolz seine neue Superhymne, komponiert, getextet und gesungen vom Pott-Barden Herbert Grönemeyer: “Komm zur Ruhr” -- der offizielle Bauchpinsel- und Wohlfühlsong zur Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Ruhr reimt sich darin verlässlich auf “ur”, aber auch auf “stur” und “Natur” -- fehlt eigentlich nur das Wort “Kultur”. Mit der Oper verbindet den Hymnus die orchestrale Begleitung und der Umstand, dass man den Text schwer versteht:

“Wo man nicht im Scheine ringt …???”  -  “Wo man gleich den Kern beleckt …???”  -  Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich versteh auch immer “schnackellos weil verliebt wetterfest …”  Und was hat es mit dieser Schaum(er)schlägerei auf sich?

Für alle Fälle: Hier der reine Wortlaut in aller Reimakrobatik, ohne Gesangsgenuschel. So weit, so ur … (tümlich):

Komm zur Ruhr

Wo ein rauhes Wort dich trägt,
weil dich hier kein Schaum erschlägt
wo man nicht dem Schein erliegt
weil man nur auf Sein was gibt.
Wo man gleich den Kern benennt
und das Kind beim Namen kennt
Von klarer offner Natur
Urverlässlich, sonnig stur
Leichter Schwur,
komm zur Ruhr
Schnörkellos ballverliebt wetterfest und schlicht
geradeaus, warm, treu und laut
hier das Leben da der Mensch, dicht an dicht
Jeder kommt für jeden auf, in Stahl gebaut.
Und der Hang, zum dürretrockenen Humor
Und der Gang, lässig und stark
Wer morgens verzagt hat’s mittags längst bereut
Es ist wie es ist, es wird Nacht und es wird Tag.
Wo ein rauhes Wort dich trägt,
weil dich hier kein Schaum erschlägt
wo man nicht dem Schein erliegt
weil man nur auf Sein was gibt.
Wo man gleich den Kern benennt
und das Kind beim Namen kennt
Von klarer offner Natur
Urverlässlich, sonnig stur
So weit so pur,
komm zur Ruhr.
Leute geben
Leute sehn
Sie bewegen
sie verstehn.
Alle vom Flussrevier
Dass der Rhein sich neu genießt
liegt an diesem Glücksgebiet
Alles fließt alles von hier
Wo ein Wort ohne Worte zählt,
Dir das Herz in die Arme fällt
Wo woher kein Thema ist
Man sich mischt und sich nicht misst
Wo man gleich den Kern benennt
und das Kind beim Namen kennt
Von klarer offner Natur
Urverlässlich, sonnig stur
Das ist Ruhr,
Seelenruhr
Von schwerverlässlicher Natur
Urverlässlich, sonnig, stur
So weit, so ur
Seelenruhr.
Ich mein ja nur
Komm zur Ruhr

28.12.09 | 12:17 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Nicht verpassen | Kommentare 10 Kommentare

Die schönste Oper aller Zeiten

Persönliche Bestenlisten anzulegen, macht Spaß und durchaus auch Sinn, wie wir nicht erst seit Nick Hornbys Roman “High Fidelity” wissen. Egal, ob man seine „Top Five in Brüche gegangener Beziehungen“ festlegt, wie Hornbys Romanheld Rob Gordon, oder sich in leidenschaftlicher Selbstbefragung zu zehn Lieblingfilmen oder Lebensbüchern durchringt – es verlangt Entscheidungsfreude und Bekennertum, man muss Prioritäten setzen, und das schafft Ordnung im Herzen und im Hirn. Es kann natürlich auch in einen ultimativen Chartshow-Wahnsinn ausarten (“Die erfolgreichsten Cover-Songs/ Rock Classics/ Casting-Stars/ Grand-Prix-Songs/ Après-Ski-Hits/ Rock-Pop-Christmas-Songs etc. … aller Zeiten”), wie ihn etwa RTL seit Jahren in endlosschleifender Fortsetzungsbeliebigkeit betreibt.

Jetzt hat auch das Kulturfernsehen das Prinzip Hitparade entdeckt. Nachdem bereits ARTE 2008 den größten Dramatiker aller Zeiten wählen ließ (die Wahl fiel selbstverständlich auf Mister Shakespeare), zeigt 3sat im Verbund mit dem ZDFtheaterkanal “Die schönsten Opern aller Zeiten” – mit dem Ziel, die allerschönste zu küren. Es sei, so loben sich die Sender, “ein Schwerpunkt zum Thema Opern, wie es ihn in dieser Dichte und Qualität im Fernsehen noch nie gegeben hat”.

Zehn Opern, die in einer Vorauswahl per Zuschauerabstimmung ermittelt wurden, stehen zur Auswahl, als da wären:

Die zehn Werke werden zur Zeit auf 3sat, dem ZDFtheaterkanal und auf dem Kabelmusiksender Classica in verschiedenen Inszenierungen ausgestrahlt, davor gibt es jeweils eine Dokumentation zur Einführung in die entsprechende Oper. Bildungsfernsehen par excellence.

Wagners “Lohengrin” in der Inszenierung von Richard Jones an der Bayerischen Staatsoper machte am Samstag den Anfang, gefolgt von der Strauss-Oper “Der Rosenkavalier” am gestrigen Sonntag. Heute geht es weiter mit Beethovens “Fidelio” in einer Inszenierung von Pierluigi Pier’Alli (Valencia 2006). Musikalische Leitung: Zubin Mehta. Mit Peter Seiffert, Waltraud Meier, Matti Salminen. Erstausstrahlung auf 3sat um 20.15 Uhr.  Die Einführung beginnt um 19.20 Uhr.

Hier noch ein schneller Programmüberblick über die nächsten Operntermine auf 3sat:

Di, 29. 12.: Puccini “Tosca”

Mi, 30.12.: Verdi “Aida”

Fr, 01.01.: Mozart “Don Giovanni” (es handelt sich um Martin Kusejs Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2006, mit Thomas Hampson und Christine Schäfer)

Sa, 02.01.: Puccini “La Bohème” (Robert Dornhelms empfehlenswerte Opernverfilmung mit Anna Netrebko und Rolando Villazón, hab ich neulich erst im TV gesehen)

So, 03.01.: Mozart “Die Zauberflöte”

Mo, 04.01.: Bizet “Carmen”

Di, 05.01.: Verdi “La Traviata” (Willy Deckers gerühmte Inszenierung für die Salzburger Festspiele 2005 – mit dem Operntraumpaar Netrebko und Villazón)

Die “schönste Oper aller Zeiten” wird in einer großen Finalshow am Samstag, den 9. Januar um 20.15 Uhr live in 3sat
ermittelt (Wiederholung am 10. Januar, 19.40 Uhr im ZDFtheaterkanal).  Abstimmen können Sie hier, wenn Sie auf das rote “Voting”-Fenster klicken.

Fragt sich nur, wie das Kritierium “schön” zu handhaben ist. Was macht eine Oper zur “schönsten”? Wenn sie, wie bei Mozart, viele Noten und einen märchenhaften Zauber oder wenn sie, wie bei Verdi, ein trauriges Frauenschicksal zum Thema (und am besten noch die Netrebko in der weiblichen Hauptrolle) hat? Zählen die Tränen, die man dabei unterdrückt oder die Arien zum Mitsummen? Ich will damit sagen: “Schön” ist als Wettbewerbs-Kriterium natürlich ein Quatsch, wir sind hier schließlich nicht bei einer Miss-Wahl. Es kann bei diesem Opern-Ranking allenfalls um Beliebtheit gehen.

Daher mein Tipp: Mozarts “Zauberflöte” wird das Rennen machen – vor Verdis “La Traviata”. Gemäß der Statistik des Deutschen Bühnenvereins war “Die Zauberflöte” im vergangenen Jahrzehnt die meistgespielte Oper in Deutschland und auch weltweit steht sie ganz oben auf der Beliebtheitsskala.

13.11.09 | 23:15 | Fernsehkultur | Kommentare 0 Kommentare

Stürmen und drängen

“Ich hab mich verliebt. Das Leben hat einen Sinn.”

Hach, das sind Sätze … Glücklich, wer sie sprechen kann! So wie Goethes Werther, der am Mittwoch bei 3sat in der modernen Gestalt von Stefan Konarske so himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt seiner Lotte hinterherschmachtete. Eine ganze Woche lang hat der Sender im Verbund mit dem ZDF-Theaterkanal den Programmschwerpunkt “Sturm und Drang” angesetzt: “Die jungen Wilden des 18. Jahrhunderts” -- und ihre Strahlkraft auf die Hormonberauschten der Gegenwart. Soll´s ja tatsächlich noch geben.

Leander Haußmanns supergefühlspathetische Verfilmung von “Kabale und Liebe” aus dem Schillerjahr 2005 war da zum Beispiel noch mal zu sehen -- sehr passend zu den Geburtstagsfeierlichkeiten dieser Woche, denn wir haben ja schon wieder Schillerjahr. Das bürgerliche Trauerspiel als echter Schmachtfetzen á la “Shakespeare in Love”: ein Film im pochenden Rhythmus der Herzen, großartig besetzt mit dem immer so herrlich übernächtigten August Diehl (als Giftlimomischer Ferdinand), der engelsholden Paula Kalenberg (Luise), einem sagenhaft verdrucksten Detlev Buck (fieser Wurm) und wem nicht alles von Götz George bis Katja Flint … Herrje, und dazu dieser hemmungslos romantische Soundtrack -- wer sich dieser Manipulation entziehen kann, muss ein herzloser Philister sein. Oder gar ein Philologe.

Die Entdeckung dieser Reihe aber war für mich der junge Schauspieler Barnaby Metschurat in “Lenz”, einer Neuverfilmung der Büchner-Novelle von Andreas Morell, ins Heute übertragen von Thomas Wendrich. Sehr ambitionierte Angelegenheit, mit Flashbacks, Brüchen, surrealen Sequenzen. Wie traumverloren und irre leuchtend Barnaby Metschurat hier den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz spielt … das ist groß. Wie selig er manchmal lächelt -- oder ist sein Lächeln meschugge? Irgendwas zwischendrin. Denn einerseits ist dieser Lenz total durchgeknallt, andererseits einfach nur (und pur) das, was er einen “Sternengucker” nennt: “mit dem Gesicht zum Himmel”.

Die “Sturm und Drang”-Reihe stürmt morgen, also Samstag, mit “Annettes DaschSalon” ihrem Ende zu (22.50 Uhr): eine Aufzeichnung aus dem Berliner Radialsystem, wo die Sopranistin Annette Dasch seit zwei Jahren regelmäßig ihren Liedersalon veranstaltet. Ihre Gäste diesmal zum Thema Freiheit: Schauspielerin Julia Jentsch, Bassbariton Thomas Quasthoff, Sängerin Celina Bostic. Könnte man ja mal reinschauen. Soll zumindest musikalisch sehr ergiebig sein. — Dazu fällt mir Orsino ein, aus Shakespeares “Was ihr wollt”:

“Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter! Gebt mir volles Maß! Dass so die übersatte Lust erkrank’ und sterbe.” -- Hach, ja …