16.03.11 | 23:38 | Dies & das | Trouvaillen | Kommentare 2 Kommentare

Media Markt to go

Gesehen am Münchner Flughafen, Terminal 1

Gesehen am Münchner Flughafen, Terminal 1

Zigarettenautomaten sind ja schwer auf dem Rückmarsch. Und wo hätte man zuletzt einen Kaugummiautomaten gesehen? Dafür kann man sich jetzt schnell mal einen iPod oder ein neues Handy aus dem Automaten ziehen: im “Media Markt to go”, wie das “Ich bin doch nicht blöd”-Unternehmen seine Verkaufsautomaten für Elektronikartikel nennt. Seit November testet Media Markt, ob der schnelle en-passant-Verkauf aus der öffentlichen Vitrine bei der Kundschaft zieht. Mir ist der rote Kasten am Münchner Flughafen (Terminal 1) erst neulich aufgefallen, als ich nach Düsseldorf geflogen bin. Am Münchner Hauptbahnhof soll es noch ein zweites Exemplar geben, da bin ich aber offenbar immer dran vorbeigehetzt.

Auch an diesem Teil war ich schon vorbei, als irgendwelche Gehirnrezeptoren meldeten: Hey, das war ja gar nichts Essbares, keine Chips, kein Twix – was dann? Ich also noch mal umgekehrt, um die Produktlage zu sondieren. (Obwohl ich es bereits geschafft hatte, diesmal schnurstracks, mit eisern nach vorne gerichtetem Blick am Duty Free vorbeizustromern, das ist am Flughafen meine gefährlichste Kaufsuchtfalle.) Das Sortiment im Bauch des Automaten: Digitalkameras, Ladekabel, externe Festplatten, Kopfhörer, elektrische Zahnbürsten, Batterien … gottlob keine große Kaufgefahr. Das Angebot richtet sich wohl eher an Urlauber, die was vergessen haben. Und an Reisefrustkäufer, die so elektronikversessen sind wie ich kosmetikaffin.

Ich jedenfalls hab mir nichts gezogen, schon gar keine Digicam, hatte ja meine eigene dabei – damit hab ich dann schnell dieses Foto gemacht, und dann schaun wir mal, ob die Elektronik-Automaten ihre Testphase bestehen.

14.03.11 | 23:13 | Dramatik | Festivals | Jurytätigkeiten | Kommentare 0 Kommentare

Mülheimer Theatertage 2011: Hier informiert die Jury-Sprecherin

Warten auf die "Stücke" ...

Warten auf die "Stücke" ...

Als Sprecherin des Auswahlgremiums der 36. Mülheimer Theatertage musste ich nun also letzte Woche bei der Pressekonferenz Rede und Antwort stehen, Interviews wie dieses hier für die Online-Plattform “Kultiversum” geben und vorher schnell auch noch schriftlich eine Zusammenfassung samt Auffälligkeiten und Tendenzen des aktuellen Stücke-Jahrgangs für die versammelte Journalistenschar erstellen. Dieses Paper bildet nun das Vorwort für den Programm-Flyer und sei für alle, die´s interessiert, auch hier veröffentlicht – als Einordnung von det Janzem:

>>Es sind Stücke aus der Arbeitswelt, die die Auswahl für die 36. Mülheimer Theatertage prägen – und damit wohl auch einen generellen Trend widerspiegeln. Stücke, die von den ökonomischen An- und Herausforderungen unserer Zeit erzählen; vom Zwang, unsere Haut zu Markte zu tragen, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen – und was das mit uns macht. Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg, die Anpassung des flexiblen Menschen an die Ökonomie, die Auswirkung von Finanz- und globalen Krisen auf das eigene (Arbeits-)Leben – das sind zentrale Themen.

Vier der sieben ausgewählten Stücke handeln mehr oder weniger direkt von solchen Ängsten und prekären Arbeitsverhältnissen. Ganz explizit: „Warteraum Zukunft“ von Oliver Kluck und „Die Firma dankt“ von Lutz Hübner, die beide direkt hineinführen in das Firmen- und Angestelltenleben. Aber auch die sprachfuriose Au-pair-Farce „Gespräche mit Astronauten“ von Felicia Zeller fällt in diese Kategorie, ebenso wie Fritz Katers groß angelegtes Gesellschafts- und Umweltpanorama „we are blood“, das vom Aderlass einer Gegend nach dem Wegzug der Ökonomie erzählt.

Ein weiteres Thema, das in der zeitgenössischen Dramatik immer mehr Raum einnimmt, der Komplex Migration / Integration, ist in unserer Auswahl durch „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje vertreten, den Überraschungsknaller vom kleinen Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg. Eine Lehrerin zwingt darin ihrer migrantischen Rabaukenklasse mit vorgehaltener Pistole Schiller auf.

Europa und unser Verhältnis zu Afrika – mehrere Autoren haben sich im zurückliegenden Stücke-Jahr damit beschäftigt, haben versucht, unsere Rat- und Hilflosigkeit im Umgang damit auszudrücken. Eingeladen haben wir Kevin Rittbergers kluge Reflexion zu diesem schwierigen Komplex: „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ vom Schauspielhaus Wien.

Last but not least: die unermüdliche Elfriede Jelinek, in diesem Jahr zum 15. Mal dabei – drei Mal war die österreichische Nobelpreisträgerin auch schon Mülheim-Preisträgerin. Eingeladen ist sie mit dem Stück „Winterreise“, uraufgeführt von Johan Simons, dem neuen Intendanten der Münchner Kammerspiele – die damit zum 20. Mal in Mülheim vertreten sind. Die „Winterreise“ ist eine Reise durch den Jelinek-Kosmos. Der Text wirkt wie eine Kompilation ihrer bisherigen Stücke, weil er die gewohnten Jelinek-Themen, alle bekannten Jelinek-Facetten multiperspektivisch einkreist und auf kompakte Weise versammelt. Und doch ist es ihr bisher privatestes, persönlichstes Stück.

Zur Auswahl standen 119 Uraufführungen deutschsprachiger Stücke – wobei die derzeit überaus beliebten Roman- und Filmadaptionen, die an den Theatern in der Regel ebenfalls als „Uraufführungen“ firmieren, nicht von uns berücksichtigt wurden. Wir bewerten originäre Dramentexte von lebenden Autoren, keine Romanbearbeitungen. „Verrücktes Blut“ schöpft seine Grundstruktur zwar aus einer Filmvorlage, überzeugt dann aber als eigenständiges Werk von hoher Authentizität und Brisanz.

Es ist ein erfreulich reicher, lebendiger, vielgestaltiger Jahrgang, bei dem eines positiv auffällt: Die meisten Stücke sind nicht nur uraufgeführt, sondern bereits nachgespielt worden oder werden noch nachgespielt. Das zeugt nicht nur von der Qualität der Stücke, sondern insgesamt von einem guten und fruchtbaren Klima für die Gegenwartsdramatik.<<

So begrüßenswert das übrigens ist, dass die Stücke immer häufiger und sehr rasch nach der Uraufführung nachgespielt werden – das ist wirklich neu! -, für uns Juroren bedeutet das noch viel mehr Aufwand und Reiserei. Wir sind als Jury bestrebt, alle Inszenierungen eines neuen Stückes anzusehen, um die jeweils beste, dem Stück angemessenste einzuladen. Für ein Stück wie Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes” habe ich, nur zum Beispiel, drei Theaterabende in drei verschiedenen Städten verbracht … und es wurde von uns am Ende dann gar nicht ausgewählt. Rittberger, Kluck, Zeller, Palmetshofer, Löhle – alle wurden sie nachgespielt. Wie viel Reiserei und Planerei das erfordert! Und wie schwierig das oft mit den Terminen hinzukriegen ist … Sie wird nicht einfacher, die Juriererei.


13.03.11 | 23:38 | Dramatik | Festivals | Jurytätigkeiten | Kommentare 0 Kommentare

Mülheimer Theatertage 2011: Die Auswahl der Stücke

Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb

Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb

Am Aschermittwoch war die Schluss-Sitzung unserer Mülheim-Jury. Neben mir gehören diesem Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage meine Kritikerkollegen Barbara Burckhardt (“Theater heute”), Peter Michalzik (“Frankfurter Rundschau”), Wolfgang Kralicek (“Falter”, Wien) und Till Briegleb (“Süddeutsche Zeitung”, Kulturkorrespondent Hamburg) an. Unsere Aufgabe: die sieben besten uraufgeführten deutschsprachigen Stücke innerhalb eines Jahres zu küren, indem wir sie zu den Mülheimer Theatertagen einladen. Zu diesem Zweck lesen wir viele, sehr viele Stücke, reisen herum, tauschen uns per Mail und in einem internen Stücke-Forum im Internet aus und treffen uns regelmäßig zu Jurysitzungen, bei denen das Gesehene und Gelesene diskutiert und auch schon aussortiert wird.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.

In diesem Jahr standen 119 uraufgeführte Stücke zur Diskussion – musikalische Abende, Film- und Romanadaptionen nicht eingerechnet. Es galt also, sieben beste Stücke aus 119 zu wählen. Keine ganz leichte Aufgabe, weil es ein reicher und guter Jahrgang war, aus dem man locker ein Festival mit zehn oder gar zwölf Stücken bestreiten könnte. Bei unserer Schluss-Sitzung hatten wir noch 23 Stücke
auf der Liste: das knappe Dutzend, das bis zuletzt hart diskutiert wurde und dazu jene Texte, die noch gar nicht diskutiert worden waren, weil sie erst in den wochen nach unserer letzten Sitzung Anfang Februar oder – wie Nis-Momme Stockmanns “Expedition und Psychiatrie” in Heidelberg oder Marianna Salzmanns “Satt” in München – in den letzten paar Tagen uraufgeführt wurden.

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"

War vor der Sitzung alles noch ein Riesenstress … allein die Geschichte, wie total umständlich und verspätet ich an einem Lokführerstreiktag zur Stockmann-Uraufführung nach Heidelberg gekommen bin! Aber das erzähle ich ein anderes Mal …

Schluss-Sitzung nun also. Teilnehmer: Wir fünf vom Auswahlgremium plus Festivalleiter Udo Balzer-Reher und seine Dramaturgin und PR-Verantwortliche Stephanie Steinberg. Die beiden SIND das Festival, aber sie sind natürlich ohne Stimmrecht – die Auswahl trifft allein die Jury. Ort: Weinzimmer in der Stadthalle in Mülheim an der Ruhr, das zur Zeit noch ungemütlicher ist als sonst, weil die halbe Stadt umgebaut wird. Wo könnte man den Aschermittwoch besser verbringen?

Krali und Till

Krali und Till

Für Essen ist gesorgt. Es gibt neben dem Konferenztisch ein kleines Buffet mit gefüllten Omeletts, Gemüse und Schweinelendchen in Chafing-Dishes. Wir treffen uns mittags, essen erst was und diskutieren dann ungefähr vier Stunden. Drei Stücke waren eh sonnenklar, auf die nächsten zwei haben wir uns auch relativ schnell geeinigt – aber bei den letzten zwei Positionen wird´s dann halt schon eng. Da entscheidet am Ende das Stimmzettelverfahren – von drei Stücken, die nach diversen Ausschlussverfahren noch im Rennen waren, mussten dann zwei fliegen, die mit den wenigsten Stimmen. Ewald Palmetshofers “tier. man wird doch bitte unterschicht” und Philipp Löhles “Supernova (wie Gold entsteht)” schieden auf diese Weise aus.

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...

Klar, als Juror(in) weint man da schon  mal dem einen oder anderen Stück eine Träne nach (wie begeistert bin ich zum Beispiel von Jelineks “Ein Sturz” in Köln, welches wir zugunsten ihrer “Winterreise” nicht nominiert haben), aber wir konnten nun mal nur sieben Stücke wählen, und unsere Auswahl, das muss man schon auch sagen, ist eine wirklich gute, insgesamt auch sehr politische.

Hier die Nominierten, beginnend mit den drei Mülheim-Neulingen:

1.) „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ von Kevin Rittberger (Jahrgang 1977, ein gebürtiger Stuttgarter), in der Inszenierung von Felicitas Brucker am Schauspielhaus Wien. Ein Stück über Afrika und die Flüchtlingsdramen, die sich täglich an der Grenze zur Festung Europa abspielen. Mit der tragischen Geschichte der jungen Nigerianerin Blessing erzählt Rittberger im ersten Teil, der explizit als “Lehrstück” im Sinne Brechts ausgewiesen ist, ein exemplarisches Flüchtlingsschicksal. Um dann im zweiten Teil die Perspektive und den Erzählton komplett zu wechseln und auf die Medien zu zoomen, die von solchen Schicksalen berichten und dabei hefitgst an ihre Grenzen stoßen. Wobei Rittberger keineswegs so tut, als könne er dem Problem beikommen oder irgendwie gerecht werden. Und das ist auch gut so.

2.) “Warteraum Zukunft” von Oliver Kluck (Jahrgang 1980, er stammt aus Rügen). Das Stück beschreibt einen Tag im Leben eines Angestellten aus der Generation der heute Dreißigjährigen: des Ingenieurs Daniel Putkammer, mit dessen Rezeptoren wir hier den Büroalltag und ein Besäufnis am Abend bis hin zu einem schlimmen Unfall erleben, wahrgenommen als ein polyphones Stimmenkonzert im Kopf des Erzählers. Es wurde bei den Ruhrfestspielen in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt und bereits von drei weiteren Bühnen nachgespielt. Wir haben uns für die Inszenierung von Daniela Kranz am Nationaltheater Weimar entschieden, weil aus dieser Inszenierung, wie wir es nannten, die größte “Wutkraft” spricht.

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg

3.) “Verrücktes Blut” von Nurkan Erpulat (geboren 1974 in Ankara) und Jens Hillje, dem einstigen Schaubühnen-Dramaturgen. Eine Lehrerin nimmt ihre migrantische Rabaukenklasse in Geiselhaft und zwingt den Problemkids mit vorgehaltener Pistole Schiller auf. Das Stück kam als Ko-Produktion mit der Ruhrtriennale zuerst in Duisburg heraus und ist jetzt der Renner am Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg – als solcher der Überraschungsknaller der Saison, eingeladen auch zum Berliner Theatertreffen und zum Münchner Festival Radikal jung. Zwar beruht die Grundstruktur des Textes auf einer Filmvorlage, es ist daraus aber, wie wir finden, ein eigenständiges Stück von großer Authentizität und Kraft entstanden.

4.) “Die Firma dankt”  von Lutz Hübner, mit 47 Jahren wahrlich kein Jungautor mehr, aber einer der produktivsten – erst zum zweiten Mal in Mülheim vertreten. Seine Spezialität sind themenbezogene Gesellschaftskomödien wie diese hier, uraufgeführt von Susanne Lietzow am Staatsschauspiel Dresden. Ein Stück aus dem Inneren des Firmenlebens in Zeiten der Umstrukturierung. Wie hier ein Old School-Angestellter auf die New Economy trifft, hat groteske bis kafkaeske Züge.

5.) “Gespräche mit Astronauten” von Felicia Zeller (Jahrgang 1970). Auch sie war schon einmal in Mülheim zu Gast. 2008 erhielt die Frau mit der roten Brille den Publikumspreis für „Kaspar Häuser Meer“, diese hysterische Groteske über drei überforderte Sozialarbeiterinnen. Wie damals hat Zeller auch für „Gespräche mit Astronauten“ gut recherchiert und viele Interviews geführt – in diesem Fall mit zahlreichen Au-pairs und ihren berufstätigen Gastmüttern. Denn es geht hier nicht um Raumfahrt, sondern um das Au-pair-Wesen in Deutschland, hier lustigerweise  „Knautschland“ genannt. Uraufgeführt wurde diese sprachfuriose Textoper von Burkhard C. Kosminski auf der großen Bühne in Mannheim, und in dieser Ur-Inszenierung laden wir sie auch ein, obwohl es an Kosminskis kracherter Regie einiges zu kritisieren gibt.

6.) “we are blood” von Fritz Kater alias Armin Petras. Er ist als Autor zum siebten Mal in Mülheim vertreten. Diesmal aber nicht mit seiner eigenen Uraufführungsinszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin, sondern in der unserer Meinung nach stimmigeren Nachinszenierung von Sascha Hawemann am
Centraltheater Leipzig. Petras wird damit leben können, er inszeniert ja selber oft
in Leipzig und macht mit dem Centraltheater viele Koproduktionen. Außerdem hat
Hawemann wirklich ein feines Gespür für die Wehmut und Melancholie in Katers/ Petras´ Text und unterstreicht sehr schön dessen Tschechowhaftigkeit. “we are blood” ist, wie frühere Stücke von ihm auch, ein ostdeutsches Stück – Schauplatz: Wittenberge -, ein Stück über die Verlierer der Nachwendezeit, über geplatzte Hoffnungen und Träume, über den Ausverkauf und Stillstand einer Landschaft – ein großangelegtes Gesellschafts- und Umweltporträt.

7.) “Winterreise” von Elfriede Jelinek – in der leider suboptimalen, etwas grobklotzigen Uraufführungsregie von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen.  Jelinek ist damit zum 15. Mal in Mülheim dabei, aber erst drei Mal hat sie den Dramatikerpreis erhalten. In der “Winterreise” greift Jelinek noch mal all ihre Lieblingsthemen auf, da geht es um Gewalt, Missbrauch, die Bankenkrise, den Fall Natascha Kampusch – das alles in andeutungsweiser
Bezugnahme auf Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Doch so sehr dieses Stück auch an der Außenwelt mit ihren bekannten Skandalen andockt, so privat und intim  ist es auch – Jelineks persönlichstes Stück, in dem sie mit sich selbst hart ins Gericht geht. Bei unserer Jury-Diskussion wurde es als ein “Hauptwerk” von ihr eingestuft, deshalb unterlag auch ihr (am Schauspielhaus Köln inszenatorisch ohnehin an Jelineks bereits preisgekröntes Stück “Das Werk” gekoppelter) Text “Ein Sturz” über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

Nach unserer Jurysitzung sind die anderen wieder heimgereist, nur ich musste bleiben, um in meiner – nicht ganz freiwillig angetretenen – Funktion als Sprecherin des Auswahlgremiums am nächsten Tag bei der Pressekonferenz unsere Auswahl vorzustellen und Rede und Antwort zu stehen. Dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag.

08.03.11 | 19:51 | Kritikerin unterwegs | Ortskunde | Salonkultur | Kommentare 3 Kommentare

Über den Dächern ´ne Pizza: Im Soho House Berlin

Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext /  Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst ...
Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext / Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst …

Was ich hier noch nachholen möchte: meinen Erstbesuch im Berliner Soho House, dem neuen Hot Spot der Kreativszene in unserer armen, aber ach so sexy Hauptstadt. Von Weimar aus bin ich nämlich anderntags nach Berlin rüber, was mir trotz der nachmittäglichen Spätfolgen des GDL-Streiks mit Verzögerungen und Verärgerungen irgendwie gelang. In Berlin sah ich – in meiner Eigenschaft als Mülheim-Jurorin – erst Oliver Klucks “Warteraum Zukunft” in der Box am DT (empfehlenswert!), und danach haben mich meine Freunde Wolfgang und Thomas in ihr neues Lieblingsdomizil, den exklusiven Soho House Club in Mitte, eingeladen. Man kommt da nämlich nur als Mitglied oder als Gast eines Mitglieds rein. Wolfgang und Thomas sind natürlich Mitglieder.

Wolfgang Macht, Chef von netzpiloten.de, ist mein ältester und bester Freund. Wir kennen uns seit der 5. Klasse am Gymnasium Fränkische Schweiz. Damals wollte der liebe Wolfgang noch MICH heiraten, inzwischen hat er seinen langjährigen Lebensgefährten, den Moderator, Autor und Comedian Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club) geehelicht. Was vollkommen in Ordnung ist. Echt! Ich bin sogar, gemeinsam mit Georg Uecker, die Trauzeugin der beiden. War übrigens eine Traumhochzeit … aber das ist ein anderes Thema.

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Wir nun also im Soho House. Torstraße 1, Ecke Prenzlauer Allee, direkt am Alexanderplatz. Wolfgang und Thomas finden: Muss ich unbedingt kennen lernen. Britischer “Private Member Club” auf acht Etagen, inklusive SPA, Fitnesscenter, Restaurant, Bars und 40 Hotelzimmer. Während der Berlinale hat Madonna hier genächtigt und das ganze Hotel gemietet. Großer Hype. Als der Club im Mai letzten Jahres eröffnet wurde, feierte Damien Hirst hier eine Riesenfete. Ganz großer Hype.

Stars wie Madonna und Hirst kennen den Laden natürlich aus London, da kommt dieser Privatclub her – mitsamt seinem innenarchitektonischen Laura-Ashley-Landhaus-Stil, also: Polstersessel mit Samtbezügen, Sofas mit Blumenmuster, heimelige Lese- und Kuschelecken, nicht zu vergessen den offenen Kamin. Die Berliner Dependance ist außerhalb Englands die einzige in Europa. Ansonsten gibt es noch Soho Häuser in New York, Florida und Hollywood. Mannomann, Berlin wieder! Ganz vorn dabei.

Schon von außen macht das riesige Haus mit seiner weißen Fassade im späten Bauhaus-Stil mords was her, und es hat auch eine eindrucksvolle Geschichte: Es war in den 20er Jahren ein Kaufhaus, dann waren die Nazis drin (Baldur von Schirach mit seiner Hitlerjugend), und nach dem Krieg zog die SED ein. Hier war der Tagungsort des Politbüros,  und so heißt die zweite Etage im Soho House – mit großer Terrasse raus zur Torstraße und einer eigenen Bar im gesetzten Hinterzimmer-Mauschel-Stil – immer noch, man kann es für private Partys mieten. Ultracool: seinen Geburtstag feiern im Politbüro. Oder, wie Thomas neulich, im sohohauseigenen Kuschel-Kino.

Essen tut man in der 7. Etage, wo auch die Club-Bar ist. Hier fläzt und launscht man in den Country-House-Sesseln und Wohlfühlsofas mit Panoramablick raus auf die nächtliche Stadt oder bestellt weiter hinten im sogenannten House-Kitchen-Bereich auf der langen Lederbank ein ordentliches Kalbsschnitzel mit Pommes. Die Speisekarte ist erfreulich normal, nichts Überkandideltes und auch nichts Überteuertes. Es gibt was für den großen Pizza- wie für den kleinen Snackhunger, und Clubsandwich goes without saying. Auch die Gäste sind alles andere als aufgetakelt, kaum Schickis, Businessmänner oder so gegelte Anzugträger.

Das sähe in München anders aus. Aber Berlins Kreativszene hat nun mal ihren eigenen Dresscode, und im Soho kann man ihn ganz gut studieren. Es dominieren: sorgfältiges Downstyling, ein selbstbewusster, selbst auferlegter Casual-Look, modisches Understatement bei dezenter Unterstreichung des eigenen Künstler- und Kreativpotenzials. Berliner Lässigkeit, comme il faut. Ist wahrscheinlich auch nicht immer ganz leicht, das so auffallend unauffällig hinzukriegen …

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Viele Frauen von Model-Zuschnitt. Groß, dünn und schön – mit einem hohen Bewusstsein von ihrer Außenwirkung. Na gut, haben wir in München auch. Nicht aber diese Internationalität … die ist hier wirklich was Besonderes. Ringsum wird genauso viel Englisch wie Deutsch gesprochen, und wenn man durch das Panoramafenster raus auf den Fernsehturm und die nächtlichen Lichter Berlins blickt, dann weht einen schon mal an, was man von keiner anderen deutschen Stadt in dieser Weise kennt: so ein kosmopolitsch kribbelndes Metropolen-Gefühl. In solchen Momenten möchte ich immer ganz unbedingt mein gemütliches Millionendorf verlassen und sofort ins urbane Berlin ziehen. Oder nach Paris. Oder New York. Einfach den Lichtern der Nacht und dem Glitzern der Stadt folgen … Das sind so Anflüge – falls Sie verstehen.

Ganz oben, auf der Terrasse im achten Stock: der viel beraunte Soho-Pool. Wolfgang und Thomas finden: muss ich unbedingt sehen. Es ist zwar Nacht und arschkalt, aber einen Eindruck kriegt man schon von diesem High-Community-Platz über den Dächern der Stadt. Tolle Aussicht. Und oho, wie cool, der Soho Pool! Der ist zwar längst nicht so riesig und chic, wie ich ihn mir ausgemalt hatte, aber ich kann mir so einen Happy-Few-Nachmittag auf dieser Dachterrasse ganz gut ausmalen: mit schönen Bikini-Grazien, die sich betont unbeteiligt auf den Liegestühlen räkeln, und genussvoll einen Cocktail schlürfenden Medien- und Projektmenschen an der Bar. Über ihnen der gestirnte Himmel, unter ihnen der Moloch … Da muss ich nicht dabei sein – aber ich wünsche allen Beteiligten schon mal einen super Sommer on the top of Berlin. Weiter unten in der Stadt sind die meisten ja schon froh, wenn sie einen Sommer vorm Balkon haben …

Drinnen darf man leider keine Fotos machen, das gehört zum Exklusivitäts-Prinzip. Ebenso wie die Türpolitik: Wer Mitglied im Soho House Club werden will, muss sich bewerben und bringt am besten die Empfehlungen zweier Schon-Mitglieder bei. Der Jahresbeitrag liegt bei 900 Euro.

Der Club ist noch kein Jahr alt, wurde aber von investigativen Szene-Reportern wie Stephan Lebert in der “Zeit” (sic!) schon ausführlichst gewürdigt, nachzulesen in einem Dossier unter der Überschrift “Das geheime Wohnzimmer” . Das dazugehörige Lebensgefühl fasst Kollege Lebert mit einem Begriff des Soziologen Heinz Bude zusammen: “Generation Berlin”.

München-Berlin, das ist jetzt nicht mehr nur der althergebrachte Bayern-Preußen-Gap mit den üblichen Begleiterscheinungen, sondern, so wie´s ausschaut,  ein regelrechter Generationenkonflikt.

02.03.11 | 16:32 | Begegnung mit ... | Dramatik | Kommentare 2 Kommentare

Einige Nachrichten über Wolfram Lotz

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Am vergangenen Freitag kam am Nationaltheater Weimar das Stück “Einige Nachrichten an das All” von dem jungen Autor Wolfram Lotz zur Uraufführung. Die läppische Inszenierung von Annette Pullen ist nicht der Rede wert, jedenfalls nicht an dieser Stelle (meine Kritik dazu ist am Wochenende, 26./27.02., im Feuilleton erschienen), aber dem skurrilen Herrn Lotz, Jahrgang 1981, sei hier ein Blog-Beitrag gewidmet.

Er stammt aus Hamburg, studiert seit 2007 Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und wurde für sein erstes (noch nicht aufgeführtes) Stück „Der große Marsch“ im Januar mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatik ausgezeichnet – im Kleist-Jahr natürlich eine besondere Ehre. Es war just dieses Stück, mit dem Lotz letztes Jahr beim Stückemarkt des Berliner

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Deshalb setzt er zum Beispiel abstruse Fußnoten. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Theatertreffens sowohl den Publikums- als auch den Werkauftragspreis gewann. Aus diesem Auftrag ist nun sein Stück „Einige Nachrichten an das All“ hervorgegangen – ein ziemlich unmodischer, existenzialistischer, surreal dadaistischer Text im Geiste des absurden Theaters, in dem es um die Zumutungen, den Sinn und die Sinnlosigkeit des Lebens geht und um die folgenschwere Erkenntnis, dass wir alle sterben müssen. Viele, wie das Mädchen Hilda oder der Dichter Kleist, sind schon gestorben. Sie dürfen in dem Stück trotzdem auftreten, gemeinsam mit anderen Kandidaten, wie zum Beispiel dem Politiker Ronald Pofalla oder der “dicken Frau, die Gast in der Talkshow Britt war”. Sie alle werden vom  LDF (“Leiter des Fortgangs”) in einer Art Show gebeten, ihre Geschichten zu erzählen und diese, komprimiert auf ein einzelnes Wort, über eine spezielle Apparatur ins All hinaus zu schicken – als Essenz des Menschendaseins gewissermaßen.

In Stephan Märkis Intendantenzimmer - links sieht man Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo W. Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

In Stephan Märkis Weimarer Intendantenbüro - die Blonde links ist Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo Wolfram Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

Es ist (bei allen postpubertären Anflügen) ein sympathisches, ambitioniertes,  erfrischend unorthodoxes Stück, das buchstäblich nach etwas Höherem, Universalem strebt. Und der Autor ist – auch wenn die Uraufführungsinszenierung nicht mit diesem seinem Streben mithalten konnte und wollte – sehr ernst zu nehmen. Auch und gerade in seinem lakonischen Witz. Das zeigte schon die Lesung, zu der Stephan Märki eine Stunde vor der Premiere in sein Intendantenzimmer lud. Wolfram Lotz las dort an Märkis schönem, rundem Intendantentisch aus seinen “kleinen Erzählungen” vor. Diese Erzählungen sind wirklich klein, manche bestehen nur aus zwei bis drei Sätzen, und sie nehmen Bezug auf Wissenschaft und Historie. Das ist Kurz- und Kürzestprosa, in deren extremer Welt- und Lebensverknappung ein böser, grausamer Witz liegt.

Ein paar dieser Mini-Erzählugen seien hier – mit freundlicher Genehmigung des Autors – wiedergegeben:

Donaghho

Im Jahr 1940 hörte der Ornithologe Walter Raymond Donaghho bei einer Wanderung auf dem Hawaii-Archipel Kaua´i einen Gesang, der vermutlich der des bereits ausgestorbenen Schuppenkehlmohos gewesen sein könnte. Er war sich anschließend aber nicht mehr sicher.

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Volcher Coiter

Über den im Jahre 1543 geborenen niederländischen Vogelkundler Volcher Coiter ist, abgesehen von dem hier bereits Gesagten, nichts bekannt.

Murnau

Der heute völlig unbekannte Kunsthistoriker Albrecht Murnau verbrachte sein ganzes Leben damit, ein womöglich verschollenes Meisterwerk Rembrandts zu suchen. Er fand es nicht und starb.

Amundsen

Im Jahre 1911, nach einer langen und äußerst entbehrungsreichen Reise, erreichte der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol. Es war ein eisiger Punkt im Nichts.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift. Ziert eine Wand in Märkis Büro.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: Der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift ziert eine Wand in Märkis Büro.

Edison und Topsy

Der berühmte Erfinder Edison versuchte die Öffentlichkeit von der Schädlichkeit des von seinem Konkurrenten Westinghouse propagierten Wechselstroms zu überzeugen. Zu diesem Zweck exekutierte er vor laufender Kamera den Zirkuselefanten Topsy auf äußerst effektive Weise mit einer Wechselspannung. Das Verfahren war so beeindruckend, dass die amerikanische Regierung prompt die Entwicklung des elektrischen Stuhls bei Edison in Auftrag gab, der dankend annahm.


Hunter

Im Jahre 1767 versuchte der Anatom John Hunter in einem aufsehenerregenden Selbstversuch, Syphilis und die als Tripper bekannte Erkrankung Gonorrhoe als unterschiedliche Ausformungen einer einzigen Krankheit zu belegen. Zu diesem Zweck brachte er Eiter aus der Harnröhre eines Tripperkranken mit einem Skalpell in seinen eigenen Penis ein. Aufgrund eines kleinen methodischen Fehlers – der Spender hatte nicht nur einen Tripper, sondern auch Syphilis – glaubte Hunter, der nun typisch syphilitische Symptome entwickelte, den gemeinsamen Ursprung bewiesen zu haben. Im Gefühl des Triumphes starb Hunter kurz darauf an den Folgen.

16.02.11 | 23:37 | Diskussion | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Theatertreffen 2011: Kampnagel im Höhenflug

Die freie Szene, beim diesjährigen Theatertreffen vertreten durch Kooperationspartner wie HAU, Kampnagel und das FFT in Düsseldorf, fühlt sich durch die Auswahl für die Best-of-Schau in Berlin schwer im Aufwind.

“Ihr wart innovativ wie nie! Glückwunsch!”, lobt Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard die Jury auf Facebook. “Und Glückwunsch an She She Pop zur Einladung von Das Testament, einer grandios heutigen Lear-Annäherung! Und an Herbert Fritsch, schön! Und an Nurkan Erpulat und Shermin Langhoff! Ihr alle beim Theatertreffen, ich fasse es nur allmählich …”

Auch ich gratuliere! Und rate: Jetzt bloß nicht übermütig werden! Hier der Kampnagel-Newsletter, der mich heute Abend per Mail erreichte (sympathischerweise haben sie selber in die Betreffzeile “Angeberei” geschrieben):

Überhebliche Lehren aus Theatertreffen und Sport

Liebe Hamburger Theater,

warum habt ihr euch gestern nicht gemeldet, den Sünkel mal ausgenommen? Die ganze Welt rief an und gratulierte uns, dass zwei Kampnagel-Produktionen zum Theatertreffen 2011 eingeladen wurden: Christoph Schlingensiefs letztes Welttheater-Stück VIA INTOLLERANZA II und She She Pops King Lear Erneuerung TESTAMENT. Ist euch unser Erfolg unheimlich? Habt ihr zu viel Stefan Grund gelesen (von Kampnagel nicht beschäftigter Hobby-Regisseur, Schriftsteller bei DIE WELT und überregional durch diesen Newsletter bekannt)? Oder seid ihr wirklich so phlegmatisch, wie das Abendblatt euch das heute HIER vorwirft.

Die trinkfesten Mitarbeiter des Abendblättchens hacken da mal wieder auf Hamburg rum und suchen die Schuld für’s kulturelle Siechtum bei der Kultur selbst. Dass auch das Abendblatt vergessen hat, auf uns als Lichtblick in der Wüste hinzuweisen, reiht sie nur in ihren eigenen Klagekanon ein. Dabei wissen alle Newsletter-Leser: Ex Kampnagel lux. Auf Kampnagel gehen die Sonne und Thalia-Luxy auf; wir sind die dicke Mutti mit dem großen Schoß, in dem sich auch ein Bürgermeister mal ausweinen darf.

Die Schockstarre der Theater wegen der diesjährigen Theatertreffen-Auswahl (viel freie Szene, Stefan Bachmanns Kampusch-Stück als Spiegel für die Österreicher, etwas Stadt-Theater Alibi wie Karin Beierhenkel usw.) liegt auch an der Zeitenwende, die diese ankündigt: Die Peripherie ist zum Zentrum geworden, Maßstäbe in Spiel und Spaß setzen schon seit längerem internationale Koproduktions-Zentren für schönere Künste wie das Berliner HAU oder wir. Die Theater mit ihren Roman- und Filmdramatisierungen liegen erschöpft und ideenlos auf dem Boden der Phantasie.

Aber Kulturpessimismus ist unsere Sache nicht, wir geben euch Theatern einen Rat von Dramaspezialist Lothar Matthäus (neustes Projekt: Ariadne, 23): „Es wird sich aber leider niemals verhindern lassen, dass man sich auch mal auf die Taktik des Gegners einstellen muss.“ (Nachzulesen HIER auf seiner Homepage, die noch Liliana, auch 23, gewidmet ist).
Wir kümmern uns solange um den Theaternachwuchs mit der zweiten Diplominszenierung der Theaterakademie, und widmen uns unserer neuen Sparte Sport mit Accordion-Wrestling.

Viele Grüße,
Dein Kampnagel

16.02.11 | 22:20 | Geht doch! | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Die Auswahl zum Berliner Theatertreffen 2011

Die Auswahl zum diesjährigen Berliner Theatertreffen ist überraschend unorthodox – das stieß, wie man den heutigen Reaktionen entnehmen konnte, allgemein auf sehr viel Anerkennung, wenn nicht auf große Freude (außer bei Gerhard Stadelmaier natürlich, der allerdings noch nie eine Auswahl zum TT gut fand, sondern in der Liste immer einen Anlass für Spott und Häme findet). Es schlug schon lange keiner TT-Jury mehr so viel Wohlwollen und Respekt entgegen. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Jurorin … und wie frustrierend ich das rituelle Abwatschen der Jury nach getaner Arbeit empfand.

Diesmal aber große Zustimmung, sogar von den selbst ernannten Gegenkritikern auf nachtkritik.de. Auch, weil kaum einer die Sachen kennt.

Hier, nur mal als Beispiel, der fast schon überschwängliche Kommentar des sonst eher nüchternen Hartmut Krug auf Deutschlandradio Kultur.

Auch ich habe die Auswahl in der heutigen Printausgabe der SZ vorgestellt und kommentiert – aber das gibt´s natürlich mal wieder nicht online auf sueddeutsche.de, weil Theater ja deren Meinung nach total unsexy ist und keine Klickzahl-Quoten bringt.

Daher setze ich meinen Text jetzt mal selber hier rein:

(Achtung: Der Einstieg meines Artikels ist ironisch gemeint! Nein, ich vermisse Marthalers “Meine faire Dame” nicht beim Theatertreffen, wie nachtkritik.de in der Zusammenfassung meines Textes behauptet.)

In memoriam Schlingensief

Die Auswahl zum Theatertreffen in Berlin birgt Überraschungen

Die größte Überraschung zuerst: Christoph Marthaler ist in diesem Jahr nicht beim Berliner Theatertreffen vertreten!

Na sowas. Dabei hat der Schweizer, der in den letzten Jahren so etwas wie ein Dauerticket für Berlin zu haben schien, in Basel doch einen sehr gewitzten „Sprachlabor“-Abend mit dem schönen Titel „Meine faire Dame“ inszeniert, der bestimmt auch wieder einladungswürdig gewesen wäre, wie ja fast jeder Marthaler. Aber nein, in diesem Jahr ist alles anders. Kein Stemann, kein Kriegenburg, kein Stelldichein der üblichen Verdächtigen. Die Theatertreffen-Jury kreißte und gebar eine Liste der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres“, auf der sich erstaunlich viele Überraschungskandidaten finden. Darunter ein Toter: der im August letzten Jahres an seinem Krebsleiden verstorbene Christoph Schlingensief, der mit seiner letzten Arbeit „Via Intolleranza II“ posthum noch einmal gefeiert werden soll.

„Via Intolleranza II“, uraufgeführt beim Kunstenfestival in Brüssel, erzählt von Schlingensiefs afrikanischem Operndorf-Projekt Remdoogo. Die Aufführung zeigt (in Filmen) Schlingensief selbst und seine Arbeit daran; sie hinterfragt diese Arbeit und unser aller Verhältnis zu Afrika aber auch und erzählt – mit Tänzern, Sängern und Musikern aus Burkina Faso – von Helfersyndromen, Hilflosigkeit und vom Scheitern. Schlingensief wirkte bis kurz vor seinem Tod selber auf der Bühne mit, hatte in vielen Szenen aber auch Stefan Kolosko als Alter Ego. Ihm, dem viel zu früh Verstorbenen, und seinem künstlerischen Vermächtnis hier noch einmal so (be)greifbar und direkt begegnen zu können, ist tröstlich – und ein Geschenk des Theatertreffens.

Einen Sieger gibt es schon jetzt bei der Berliner Best-of-Schau vom 6. bis zum 22. Mai, er heißt Herbert Fritsch. Der Schauspieler, einst ein unerschrockener Recke des Castorf-Theaters, reüssiert neuerdings an diversen Bühnen nicht minder unerschrocken als Regisseur und wurde jetzt gleich mit zwei seiner Inszenierungen nominiert: mit Hauptmanns „Der Biberpelz“ (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin) und Ibsens „Nora“ (Theater Oberhausen), womit auch gleich die Felder „Provinz“ und „Osten“ abgedeckt wären. Zweimal Fritsch – das erscheint, bei allem Respekt, nun doch ein bisschen übertrieben, da hätte man schon noch eine Position für einen anderen Namen, eine andere Handschrift frei räumen können. Für eine(n) von den Jungen zum Beispiel, die beim Theatertreffen nie so recht zum Zug kommen. Immerhin hat es jetzt endlich Roger Vontobel mal in die Auswahl geschafft – und zwar mit seiner meisterlichen „Don Carlos“-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden. Die junge Jette Steckel jedoch, die am Thalia Theater Hamburg vor kurzem einen mindestens ebenso guten, wenn nicht zündenderen, in seiner politischen Stoßrichtung aktuelleren „Don Carlos“ herausgebracht hat, sie ging leer aus.

Kaum überraschend, da bereits schwer im Kultstatusbereich: „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat (der auch Regie geführt hat) und Jens Hillje, eine Koproduktion des Kreuzberger Off-Theaters Ballhaus Naunynstraße mit der Ruhrtriennale. Das Stück, auf das es in Berlin einen regelrechten Run gibt, ist der heißeste Beitrag des Theaters zur Sarrazin- und Integrationsdebatte. Es erzählt, bitterböse und komisch, von einer durchgeknallten Deutschlehrerin, die einem Haufen türkischer Jugendlicher (und die sind so authentisch, als kämen sie geradewegs von der Straße) mit vorgehaltener Knarre Schiller aufzwingt.

Die freie Szene (Kampnagel Hamburg / Berliner Hau / FFT Düsseldorf’) ist darüber hinaus mit „Testament“ von She She Pop vertreten. Es handelt sich um eine „Lear“-Überschreibung, in der Performerinnen ihre eigenen Väter auf die Bühne bringen und mit ihnen die Themen und Motive aus Shakespeares „König Lear“ diskutieren – eine sehr private Auseinandersetzung mit dem Generationenvertrag und seinen Pflegefällen.

Münchner Kammerspiele, Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, Schauspiel Frankfurt – Fehlanzeige. Von den führenden deutschen Bühnen ist nur das Schauspiel Köln, das amtierende „Theater des Jahres“, wieder vertreten – und das gleich zweimal: mit Karin Beiers fulminantem Jelinek-Abend „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ – daran kam die Jury nicht vorbei – sowie mit Karin Henkels jüngst erst dort herausgebrachter, grell-zirzensisch in die Gegenwart geholter Tschechow-Inszenierung „Der Kirschgarten“.

Vom Schauspielhaus Zürich kommt der mit sieben Ja-Stimmen angeblich sicherste Kandidat von allen: Stefan Pucher mit seiner Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, die in einem detailgetreuen 50er-Jahre-Setting vom amerikanischen (Konsum-)Traum erzählt. Und auch das Wiener Burgtheater ist dabei: mit Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“, einer medialen Umkreisung des Falls Natascha Kampusch in indirekter Rede, die Stefan Bachmann in kongeniale Bilder umgesetzt haben soll. Ein Gegenwartsstück, das erfolgreich nachgespielt wurde . . . es geht also doch!

Insgesamt recht interessant, diese Mischung. Mal was anderes. Und vielleicht auch ein Denkanstoß für die wie wild produzierenden Großbühnen, mal wieder durchzuschnaufen und sich auf das Eine, Besondere zu besinnen. Denn weniger ist oftmals mehr.

16.02.11 | 16:50 | Kulinarik | Kommentare 2 Kommentare

Brot für die SZ

Brotlieferung in der Redaktion

Der Brotbote von der Handwerkskammer mit seiner Lieferung.

Mmmmh, was das heute für ein Duft hier ist! Das ganze Feuilleton riecht nach frischem Brot. Und es riecht nicht nur so – es schaut hier auch aus wie in einer Bäckerei. Es gibt leckere Butterbrezn und Krapfen en masse. Schokokrapfen, Vanillekrapfen, klassische Krapfen, Himbeerkrapfen … alles, was das Schleckermaul begehrt. Und dazu Brot. Brot in rauen Mengen: Hausbrot, Vollkornbrot, Kastenbrot, Bauernbrot, Sechskornbrot … darunter riesige Laiber, echte Kaliber. Frisch gebacken, warm noch – und alles andere als industrielle Fertigteigprodukte, sondern echte Handwerksarbeiten aus Münchner Bäckerbetrieben.

Und wie und warum kommt das jetzt alles ins SZ-Feuilleton?

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er haut sich gern auch Brezen rein ...

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, es dürfen gerne auch Krapfen und Brezn sein

Tja, das war heute die große Überraschung! Es rief am Vormittag jemand von der Pforte hoch und sagte, ein Herr von der Handwerkskammer habe eine Lieferung für mich. Ich hielt das erst für ein Missverständnis – ich meine: Was hab ich mit der Handwerkskammer zu schaffen? -, aber nein, man bestand darauf: Die Adressatin sei tatsächlich ich. Unten, im Eingangsbereich, erwartete mich dann ein Chauffeur mit einem ganzen Auto voller frischer Backwaren. Mit schönen Grüßen von einem Herrn Heinrich Traublinger, seines Zeichens Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern.

Da dämmerte mir schon, dass das mit der “Null acht neun”-Kolumne zu tun haben muss, die ich neulich im Lokalteil schrieb. Darin hab ich mich für das gute Münchner Pfisterbrot und überhaupt: für die Handwerksbäckereien ausgesprochen – und gegen all die fiesen Discount-Bäcker, die in der Innenstadt überall aus dem Boden schießen und so grässliche Namen tragen wie “Back-Factory” oder “Mr. Baker”.

Welch schöne Exmeplare! Danke der Handwerkskammer und den Münchner Traditionsbäckereien!

Welch schöne Exemplare! Danke der Handwerkskammer und den Münchner Traditionsbäckereien!

Im beigefügten Brief schickt Herr Traublinger “namens des bayerischen und des Münchner Bäckerhandwerks” ein “herzliches Vergelt´s Gott” für mein”Loblied auf handwerklich hergestelltes Brot”. Wenngleich meine Präferenz “den Produkten unseres Mitgliedsbetriebes, der Hofpfisterei” gelte,  so werde doch deutlich, dass damit auch generell die traditionelle Handwerksbäckerei gemeint sei und dass ich deren “breites Sortiment”, “verbunden mit freundlicher Bedienung” sehr zu schätzen wisse.

Ist das nicht großartig? Herzlichen Dank, lieber Herr Traublinger und liebe Münchner Bäckereien. Das gab vielleicht ein “Hallo!” heute in der Redaktion! Es wurden Scharen von Redakteuren und Mitarbeitern gespeist … und es ist immer noch was da.

Fast wollte ich schon sagen, sowas gibt´s wahrscheinlich nur in München, da kommt mit der Nachmittagspost ein Extra-Paket aus dem fränkischen Herzogenaurach, von einer Bäckerei Lang, die mir einen riesigen, herrlichen FRANKENLAIB schickt – mein in der Kolumne erwähntes Lieblingsbrot -, mit den Worten: ” …. damit Sie nicht so lange Schlange stehen müssen, hier ein garantiert fränkischer Frankenlaib! Wir hoffen, er schmeckt Ihnen.”

Sonderlieferung der Bäckerei Lang aus Herzogenaurach: Ein schöner großer Frankenlaib für die fränkische Kolumnistin. Dangschää!

Sonderlieferung der Bäckerei Lang aus Herzogenaurach: Ein schöner großer Frankenlaib für die fränkische Kolumnistin. Dangschää!

Also sowas, ich bin echt gerührt. Dank nach Franken! Danke allen! Das hat heute eine so gute Laune gemacht … Toll.

Und hier, zum Nachlesen, besagte Kolumne, die in der Wochenendausgabe vom 5./6. Februar im Lokalteil erschien:

Warten auf
den Frankenlaib

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das ist schon wahr, gutes Brot aber muss sein, sonst kann man auch den Aufstrich vergessen. Wir Münchner waren in dieser Hinsicht immer schon privilegierter als die Bewohner trüberer Städte, gibt es hier doch seit kaiserlichen Zeiten (14. Jahrhundert!) die Hofpfisterei mit dem weltbesten Natursauerteigbrotsortiment. Das Pfister-Brot gehörte neben der Maß und der Leberkässemmel lange Zeit zu den ernährungstechnischen Alleinstellungsmerkmalen unserer schönen Stadt, und hätte die Hofpfisterei nicht vier Filialen in Berlin eröffnet, hätten wir den Preußen mindestens vier weitere Punkte auf der urbanen Lebenswert-Liste voraus. Andererseits sei ihnen unser Brot gegönnt, den Berlinern, haben sie doch sonst kaum kulinarische Freuden, und jetzt muss man den Freunden in der Hauptstadt wenigstens nicht mehr bei jedem Besuch einen frischen Laib Öko-Spezial mitbringen.

Nun muss das Lob auf die Hofpfisterei – und generell auf die traditionelle Handwerks-Bäckerei – hier aber allein schon deshalb angestimmt werden, weil die Semmel im Zeitalter ihrer industriellen Reproduzierbarkeit zum laffen Fertigteigling verkommt und der Siegeszug der Discount-Bäcker nicht mehr aufzuhalten ist. Überall schießen diese Back-Aldis wie Pilze aus dem Boden. Sie nennen sich Back-Factory, Back-Shop oder Mr. Baker, bieten Brot und Brezn zu Dumpingpreisen, setzen auf Selbstbedienung und Nusshörnchen-to-go. Sie haben null Charme, und es riecht komisch, wenn man daran vorbeigeht, nach Fett, Emulgatoren und Schmalz, aber ihre Industrieteigwaren gehen weg wie – nun ja – halt doch wie warme Semmeln. Billiger geht´s nicht. Und lange anstehen muss man auch nicht.

Aber selbst, wenn es dort Rosinenschnecken umsonst geben sollte, liebe Teiggenossen und Mitesser, so sei hier versichert: Gebäck von McBack kommt mir nicht in die Tüte!

Lieber wieder das Samstags-Ritual in meiner kleinen Pfister-Filiale am Hohenzollernplatz: Schlange stehen bis raus auf die Straße, eine gefühlte Wartezeit von fünfzehn Minuten lässig in Kauf nehmen, sich drinnen auf engstem Raum an die Wand drücken und dann, um Nachdrängende reinzulassen, nach hinten wechseln, was eine Zweiteilung der Schlange und fast immer eine gewisse Konfusion bewirkt, dabei stets das letzte Stück Frankenlaib fest im Blick haltend, in der Hoffnung, der Kerl vor einem schnappe es einem nicht weg. Was er, sofern es kurz vor Ladenschluss ist, aber garantiert tut. Aber was soll´s . . . Sein Brot muss man sich nun mal hart verdienen.

06.02.11 | 11:19 | Haiku | Kommentare 0 Kommentare

Winteraustreib-Haiku

Es geht voran. Dieser Blog regt sich wieder. Einige Ereignisse aus dem Januar werde ich dieser Tage noch nachholen. Jetzt muss ich erst mal nach Mannheim. Danke nochmals für alle guten Zusprüche!

Und auch Fitzgerald Kusz kommt wie gerufen, um mit einem seiner herrlichen Franken-Haikus den Winter auszutreiben – und diesen Blog lyrisch zu bereichern.

Schön, lieber Herr Kusz, dass Sie auch noch dabei sind. Dangschää nach Franggn. Grüßen Sie mir die Heimat.

fitzgerald kusz:

windäausdreib-haiku

hobb, lichd, laichd!

ohne mein schaddn

gäihi ned assm haus

Hochdeutsche Rohübersetzung:

los, licht, leuchte!

ohne meinen schatten

geh ich nicht aus dem haus

05.02.11 | 23:06 | Salonkultur | Kommentare 1 Kommentar

Bauer-Salon mit Hannes Beckmann und Helmut Ruge

Mein "Bauer-Salon" ist nach seinem Gründungsort, der Münchner Bauerstraße, benannt - und so wird er auch weiterhin heißen, auch wenn er nicht mehr dort stattfindet. Mit Stall- und Feldarbeit hat der Bauer-Salon jedenfalls nichts zu tun, wie man auf dem Foto ganz gut sehen kann. In Zukunft wird der Salon wohl auf Wanderschaft gehen. Wer geeignete Bars / Räumlichkeiten weiß: bitte melden!

Mein "Bauer-Salon" ist nach seinem Gründungsort, der Münchner Bauerstraße, benannt - und so wird er auch weiterhin heißen, auch wenn er nicht mehr dort stattfindet. Mit Stall- und Feldarbeit hat der Bauer-Salon jedenfalls nichts zu tun, wie man auf dem Foto ganz gut sehen kann. In Zukunft wird der Salon wohl auf Wanderschaft gehen. Wer geeignete Bars / Räumlichkeiten weiß: bitte melden!

Mein Kultursalon ist zwar noch jung, aber er läuft schon ziemlich super. Bei der dritten Ausgabe des “Bauer-Salons” am 9. Januar, dem Vorabend meines Geburtstags, waren wieder tolle Künstler zu Gast: der “Teufelsgeiger” Hannes Beckmann, auf dem Klavier begleitet von seinem langjährigen musikalischen Kompagnon Edgar Wilson aus Mozambique, sowie der hochkarätige Kabarettist Helmut Ruge, mit seinen 70 Jahren ein Urgestein der Satirekunst.

"Teufelsgeiger" Hannes Beckmann in Aktion

"Teufelsgeiger" Hannes Beckmann in Aktion

Dass diese Künstler auf das Herzlichste bereit waren, den Salongedanken zu unterstützen und “bei mir” im Salon aufzutreten (übrigens durchaus auch “für mich” – und das, wohlgemerkt, ohne Honorar!), ist einfach wunderbar und zeigt, dass München in dieser Hinsicht viel lässiger, spontaner und kreativer ist als sein Ruf. Es gibt hier richtig gute, begeisterte und sich begeisternde Leute, mit denen man tatsächlich off-the-Hochkultur und ohne Etat im Sinne der Sache spontan was auf die Beine stellen und neue Vernetzungen schaffen kann. Das ist großartig! An dieser Stelle: vielen herzlichen Dank, lieber Hannes, lieber Edgar, lieber Herr Ruge!

"Weil i wui, dass sich was rührt ...": Kabarettist Helmut Ruge

"Weil i wui, dass sich was rührt ...": Kabarettist Helmut Ruge

Veranstaltungsort war zum zweiten Mal die Aurora Bar, bei deren Betreiber ich mich diesmal allerdings nicht bedanken kann – im Gegenteil! -, da er sich komplett verweigert und auf unschöne Weise versucht hat, den Salon auflaufen zu lassen bzw. zu hintertreiben. Das hat mir sehr zugesetzt – wir waren immerhin seit vielen Jahren gute Freunde … aber  ein Erfolg wurde der Salon trotzdem (und es dürfte für den Herrn Wirt auch die Kasse ganz schön geklingelt haben, was inzwischen offenbar die eigentliche Musik ist in seinen Ohren).

Jazzsänger Thomas de Lates (rechts) baut für Helmut Ruge eine Mikrofonanlage auf. Der schaut beeindruckt zu.

Jazz- und Swing-Sänger Thomas de Lates (rechts) baut für Helmut Ruge eine Mikrofonanlage auf. Der schaut mit seiner Frau sehr genau zu.

Selbst das Problem mit dem nicht vorhandenen Mikrofon für Ruges Lesung konnte spontan behoben werden – dank des beherzten Einsatzes von Thomas de Lates, der eigentlich nur als Zuhörer gekommen war, sich aber sofort bereit erklärte, nach Hause zu fahren und seine Mikrofonanlage zu holen. Thomas de Lates, von Beruf IT-Journalist, ist ein leidenschaftlicher Sänger und bezeichnet sich auf seiner Homepage selbst als “Münchens Schmuse-Bariton für Jazz und Swing”. Als solcher tritt er seit 2003 reglmäßig öffentlich auf – und verfügt über eine Mikrofonanlage allererster Sahne, die er herbeischaffte und aufbaute, so dass wir technisch dann doch noch bestens gerüstet waren.

Geht doch!

Geht doch!

Und so war Helmut Ruge, der gebürtige Stuttgarter, bis in den hintersten Winkel der Bar zu hören, als er sich seinen bitteren Spottreim auf die Finanzkrise machte oder (auf gut zugroast Bairisch) seinen vor Tatkraft strotzenden “Lebensblues” losließ:

“Ich brauch a Leben in meim Leben / und koa Friedhofsruha. / Ich muass es kracha lassn, / weil I wui, dass sich was rührt. / Bis mi der Deifi, der oide Hund, / aufn Anger führt …”

In seinem “Zeit”-Gedicht wiederum, in welchem Ruge, der selbst ernannte “Maultaschenphilosph”, Gedanken über die Zeit anstellt (man kann sie totschlagen/ einhalten/ festhalten/ schinden … oder auch finden), baute er mit dem Schluss-Satz “Und jetzt ist Dössel-Zeit” sogar ein Extra-Zeitfensterchen für die Salon-Bäuerin ein. Was natürlich sehr charmant war.

Salongäste lauschen Ruges Vortrag

Salongäste lauschen Ruges Vortrag

Nach seinem letzten offiziellen Bühnenprogramm “Mit Siebzig in die Kurve” schlägt Ruge nun immer stärker den Weg ins Lyrisch-Philosphisch-Aphoristische ein. Das steht ihm gut. Am kommenden Montag, den 7. Februar, feiert er seinen 71. Geburtstag … und zwar mit einem Lyrik- und Chanson-Abend in der Aurora Bar, mit dem er gewissermaßen (so entnehme ich es der Einladung) eine “neue Schaffensphase” eröffnen möchte. Für diesen Weg, lieber Herr Ruge, wünsche ich Ihnen auf alle Fälle schon mal viel Erfolg und Glück!

Tja, und dann der wilde Hannes Beckmann, der nicht umsonst den Beinamen “Teufelsgeiger” trägt – einer der besten Jazzgeiger, die es gibt. Früher, als ich als Pauschalistin noch für die “Münchner Kultur” arbeitete, hab ich hin und wieder über ihn geschrieben. Daher kennen wir uns. Und dann sind wir uns ganz zufällig vor zwei Monaten im “Kalypso” wieder begegnet …

Hannes Beckmann lässt die Saiten glühen

Hannes Beckmann bearbeitet die Saiten

Immer noch voller Leidenschaft, dieser Mann. Und immer wieder mitreißend, mit welchem Furor und Temperament er sich seinem Instrument hingibt. Wie ein Rennfahrer, der sich mit dem Fuß auf dem Gasdpedal volle Pulle in die Kurven legt … mit geschlossenern Augen sich ganz dem Gefühl des Augenblicks hingebend. Wenn Beckmann spielt, ist das Ekstase pur.

Die Salon-Bäuerin mit Edgar Wilson und Hannes Beckmann

Die Salon-Bäuerin mit den Musikern Edgar Wilson und Hannes Beckmann

Schon toll, was er an dem Abend abgeliefert hat. Seine Stücke sind extrem stilübergreifend und verbinden ethnische Einflüsse aus Mitteleuropa, dem Balkan, Brasilien, Afrika und fast aller Herren Länder mit Elementen der Klassik und des Jazz.

So ist auch sein Weltmusikprojekt “Canto Migrando” entstanden, aus dem er beim Salon frei variierend was vortrug: eine von Beckmann komponierte “Suite für großes, ungewöhnlich besetztes Orchester”, von der es eine Live-Aufnahme auf CD gibt – mit Instrumentalsolisten aus sieben Ländern und drei Kontinenten, Orchester, Chor und etlichen migrantische Jugendlichen. Inspiriert wurde Beckmann dazu durch die zunehmend orientalischen Einflüsse im Münchner Westend, dem Viertel um die Landwehrstraße, in dem er wohnt.

Salongastrunde mit Michaela Metz, Sabina Sakoh, Franz Meiller, Frederik Mayet und Laura Weissmüller

Salongastrunde mit Michaela Metz, Sabina Sakoh, Franz Meiller, Frederik Mayet und Laura Weissmüller

Klezmer, Jazz, Balkan Gipsy, europäische, orientalische und arbische Rhythmen – alles vermischt sich in dieser eklektizistischen Großkomposition zu einer monumentalen, manchmal auch etwas schrägen, um nicht zu sagen: kruden Vielstimmigkeit, in der eine gefühlsselige “Migration Hymn” mit Rapper-Text genauso Platz hat wie ein jazzig-fetziger Konzerttango.

.Edgar Wilson spielt noch ein bisschen ... und fliegt mich zu dem Mond

.Edgar Wilson spielt noch ein bisschen ... und fliegt mich zu dem Mond

Zu meinem Geburtstag gab es um Mitternacht noch eine Extra-Einlage, und auch der unermüdliche Tastenvirtuose Edgar Wilson gab spät noch ein Special-Wunschkonzert.

War sehr schön! Danke allen. Der Salon lebt.

Selbst der Oberammergauer Jesus (vulgo: Frederik Mayet) war da. Denn wo zwei oder drei im Namen der Kultur versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen.

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