08.03.11 | 19:51 | Kritikerin unterwegs | Ortskunde | Salonkultur | Kommentare 3 Kommentare

Über den Dächern ´ne Pizza: Im Soho House Berlin

Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext /  Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst ...
Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext / Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst …

Was ich hier noch nachholen möchte: meinen Erstbesuch im Berliner Soho House, dem neuen Hot Spot der Kreativszene in unserer armen, aber ach so sexy Hauptstadt. Von Weimar aus bin ich nämlich anderntags nach Berlin rüber, was mir trotz der nachmittäglichen Spätfolgen des GDL-Streiks mit Verzögerungen und Verärgerungen irgendwie gelang. In Berlin sah ich – in meiner Eigenschaft als Mülheim-Jurorin – erst Oliver Klucks “Warteraum Zukunft” in der Box am DT (empfehlenswert!), und danach haben mich meine Freunde Wolfgang und Thomas in ihr neues Lieblingsdomizil, den exklusiven Soho House Club in Mitte, eingeladen. Man kommt da nämlich nur als Mitglied oder als Gast eines Mitglieds rein. Wolfgang und Thomas sind natürlich Mitglieder.

Wolfgang Macht, Chef von netzpiloten.de, ist mein ältester und bester Freund. Wir kennen uns seit der 5. Klasse am Gymnasium Fränkische Schweiz. Damals wollte der liebe Wolfgang noch MICH heiraten, inzwischen hat er seinen langjährigen Lebensgefährten, den Moderator, Autor und Comedian Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club) geehelicht. Was vollkommen in Ordnung ist. Echt! Ich bin sogar, gemeinsam mit Georg Uecker, die Trauzeugin der beiden. War übrigens eine Traumhochzeit … aber das ist ein anderes Thema.

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Wir nun also im Soho House. Torstraße 1, Ecke Prenzlauer Allee, direkt am Alexanderplatz. Wolfgang und Thomas finden: Muss ich unbedingt kennen lernen. Britischer “Private Member Club” auf acht Etagen, inklusive SPA, Fitnesscenter, Restaurant, Bars und 40 Hotelzimmer. Während der Berlinale hat Madonna hier genächtigt und das ganze Hotel gemietet. Großer Hype. Als der Club im Mai letzten Jahres eröffnet wurde, feierte Damien Hirst hier eine Riesenfete. Ganz großer Hype.

Stars wie Madonna und Hirst kennen den Laden natürlich aus London, da kommt dieser Privatclub her – mitsamt seinem innenarchitektonischen Laura-Ashley-Landhaus-Stil, also: Polstersessel mit Samtbezügen, Sofas mit Blumenmuster, heimelige Lese- und Kuschelecken, nicht zu vergessen den offenen Kamin. Die Berliner Dependance ist außerhalb Englands die einzige in Europa. Ansonsten gibt es noch Soho Häuser in New York, Florida und Hollywood. Mannomann, Berlin wieder! Ganz vorn dabei.

Schon von außen macht das riesige Haus mit seiner weißen Fassade im späten Bauhaus-Stil mords was her, und es hat auch eine eindrucksvolle Geschichte: Es war in den 20er Jahren ein Kaufhaus, dann waren die Nazis drin (Baldur von Schirach mit seiner Hitlerjugend), und nach dem Krieg zog die SED ein. Hier war der Tagungsort des Politbüros,  und so heißt die zweite Etage im Soho House – mit großer Terrasse raus zur Torstraße und einer eigenen Bar im gesetzten Hinterzimmer-Mauschel-Stil – immer noch, man kann es für private Partys mieten. Ultracool: seinen Geburtstag feiern im Politbüro. Oder, wie Thomas neulich, im sohohauseigenen Kuschel-Kino.

Essen tut man in der 7. Etage, wo auch die Club-Bar ist. Hier fläzt und launscht man in den Country-House-Sesseln und Wohlfühlsofas mit Panoramablick raus auf die nächtliche Stadt oder bestellt weiter hinten im sogenannten House-Kitchen-Bereich auf der langen Lederbank ein ordentliches Kalbsschnitzel mit Pommes. Die Speisekarte ist erfreulich normal, nichts Überkandideltes und auch nichts Überteuertes. Es gibt was für den großen Pizza- wie für den kleinen Snackhunger, und Clubsandwich goes without saying. Auch die Gäste sind alles andere als aufgetakelt, kaum Schickis, Businessmänner oder so gegelte Anzugträger.

Das sähe in München anders aus. Aber Berlins Kreativszene hat nun mal ihren eigenen Dresscode, und im Soho kann man ihn ganz gut studieren. Es dominieren: sorgfältiges Downstyling, ein selbstbewusster, selbst auferlegter Casual-Look, modisches Understatement bei dezenter Unterstreichung des eigenen Künstler- und Kreativpotenzials. Berliner Lässigkeit, comme il faut. Ist wahrscheinlich auch nicht immer ganz leicht, das so auffallend unauffällig hinzukriegen …

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Viele Frauen von Model-Zuschnitt. Groß, dünn und schön – mit einem hohen Bewusstsein von ihrer Außenwirkung. Na gut, haben wir in München auch. Nicht aber diese Internationalität … die ist hier wirklich was Besonderes. Ringsum wird genauso viel Englisch wie Deutsch gesprochen, und wenn man durch das Panoramafenster raus auf den Fernsehturm und die nächtlichen Lichter Berlins blickt, dann weht einen schon mal an, was man von keiner anderen deutschen Stadt in dieser Weise kennt: so ein kosmopolitsch kribbelndes Metropolen-Gefühl. In solchen Momenten möchte ich immer ganz unbedingt mein gemütliches Millionendorf verlassen und sofort ins urbane Berlin ziehen. Oder nach Paris. Oder New York. Einfach den Lichtern der Nacht und dem Glitzern der Stadt folgen … Das sind so Anflüge – falls Sie verstehen.

Ganz oben, auf der Terrasse im achten Stock: der viel beraunte Soho-Pool. Wolfgang und Thomas finden: muss ich unbedingt sehen. Es ist zwar Nacht und arschkalt, aber einen Eindruck kriegt man schon von diesem High-Community-Platz über den Dächern der Stadt. Tolle Aussicht. Und oho, wie cool, der Soho Pool! Der ist zwar längst nicht so riesig und chic, wie ich ihn mir ausgemalt hatte, aber ich kann mir so einen Happy-Few-Nachmittag auf dieser Dachterrasse ganz gut ausmalen: mit schönen Bikini-Grazien, die sich betont unbeteiligt auf den Liegestühlen räkeln, und genussvoll einen Cocktail schlürfenden Medien- und Projektmenschen an der Bar. Über ihnen der gestirnte Himmel, unter ihnen der Moloch … Da muss ich nicht dabei sein – aber ich wünsche allen Beteiligten schon mal einen super Sommer on the top of Berlin. Weiter unten in der Stadt sind die meisten ja schon froh, wenn sie einen Sommer vorm Balkon haben …

Drinnen darf man leider keine Fotos machen, das gehört zum Exklusivitäts-Prinzip. Ebenso wie die Türpolitik: Wer Mitglied im Soho House Club werden will, muss sich bewerben und bringt am besten die Empfehlungen zweier Schon-Mitglieder bei. Der Jahresbeitrag liegt bei 900 Euro.

Der Club ist noch kein Jahr alt, wurde aber von investigativen Szene-Reportern wie Stephan Lebert in der “Zeit” (sic!) schon ausführlichst gewürdigt, nachzulesen in einem Dossier unter der Überschrift “Das geheime Wohnzimmer” . Das dazugehörige Lebensgefühl fasst Kollege Lebert mit einem Begriff des Soziologen Heinz Bude zusammen: “Generation Berlin”.

München-Berlin, das ist jetzt nicht mehr nur der althergebrachte Bayern-Preußen-Gap mit den üblichen Begleiterscheinungen, sondern, so wie´s ausschaut,  ein regelrechter Generationenkonflikt.

23.11.10 | 23:49 | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Hamburg (Thalia): Der kunterbunte Kater

Blog-Thallia-Kater-Logo

Wie schon gesagt: Ich bin wegen “Peggy Pickit” nach Hamburg gekommen. Aber dann betritt man das Thalia Theater und wird sinnlich sofort in Beschlag genommen vom “Gestiefelten Kater”, welcher in hundertfacher kunterbunter Ausführung die Wände tapeziert.

Kater-Stimmung im Foyer

Kater-Stimmung im Foyer

Lauter Miezekatzenbilder, gemalt von Kinderhand: unglaublich süß, witzig, kurios, kreativ, originell, manche zum Schreien komisch und alle wahnsinnig schön, wirklich schön  – eine Augenweide, ein Lachmuskel- und Sinnenreiz, eine farbenfrohe Fantasie-Attacke. Man meint auf Anhieb, Horden von Kindern durch das Theater stieben und diese typische Kindergarten- und Pausenhof-Geräuschkulisse produzieren zu sehen, und das ist eine sehr schöne Vorstellung, da so von Leben, Freude, Aufregung erfüllt.

Das Thalia Theater hat anlässich der Weihnachtsmärchenproduktion “Der gestiefelte Kater”, die am 7. November Premiere hatte, zu dieser Malaktion aufgerufen.

Kunterbunte Miezekatzen, farblich sortiert: hier die rote Hängung

Kunterbunte Miezekatzen, farblich sortiert: hier die rote Hängung

Die Vorgaben für alle teilnehmungswilligen Kids lauteten: Wachsmalkreide, ein weißes Din-A3-Blatt im Hochformat und die Aufgabe, mit dem Porträt des Katers das ganze Format zu füllen. Auf diese Weise konnte das Theater diesen gelungenen seriellen Charakter bei der “Hängung” erzeugen.

850 Katzen-Bilder hängen da nun bis Januar im unteren, oberen und im Mittelrang-Foyer des Thalia Theaters aus und verbreiten gute Laune.

Cats in Hamburg: immer ein Erfolg!

Cats in Hamburg: immer ein Erfolg!

Das Grimmsche Märchen vom “Gestiefelten Kater” läuft in Hamburg in einer Fassung von Wolf-Dietrich Sprenger, der auch Regie geführt hat. Den Kater spielt Philipp Hochmair, und weil das ein hochenergetischer, hypermotorischer, hochsympathischer Schauspieler ist, der sich da gewiss nichts schenkt, wird er den ausgehängten Katzen-Bildern gewiss in mindestens 850 Facetten entsprechen.

Als ich am Sonntagabend bei der Premiere von “Axolotl Roadkill” im Thalia in der Gaußstraße war, lief mir Philipp Hochmair – der in “Axolotl” gar nicht mitspielt – hinterher im Hof zufällig über den Weg, und da habe ich ihn mir gleich gekrallt, he he, um ihn für diesen Mieze-Blog abzulichten.

Philipp Hochmair, der leibhaftige Kater. Etwa gar ein Kinderschreck?

Philipp Hochmair, der leibhaftige Kater. Etwa gar ein Kinderschreck?

Damit wir hier auch mal den leibhaftigen Hamburger Stiefelkaterkönig zu sehen kriegen! Hochmair spielt ihn übrigens oben ohne – und untenrum mit schwanzbesetzter Fellhose, er demonstrierte mir das mit iPhone-Fotos.

Jedenfalls: ein Pussykätzchen ist das nicht. Wenn Hochmair so böse fauchend seine Krallen streckt wie hier bei mir … dann, na ja, weiß ich auch nicht, ob er nicht so manches zartbesaitete Hamburger Schmusekätzchenkind gehörig verschreckt.

Aber ich sag mal, liebe Kids, da müsst ihr durch! Das Theater ist nicht umsonst eine harte Schule des Lebens. Lasst euch das mal von Tante Christine gesagt sein.

23.11.10 | 20:00 | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Hamburg (Schauspielhaus): Er aber, sag´s ihm, er kann mich . . .

Blog-HH-Schauspielhaus-Fassade

Die zweite Inszenierung von Schimmelpfennigs neuem Stück “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes” führte mich am vergangenen Wochenende von Berlin nach Hamburg. Dort hat Wilfried Minks das Stück – gleich einen Tag nach der deutschsprachigen Erstaufführung durch Martin Kusej in Berlin – am Thalia Theater herausgebracht (siehe meine Doppelkritik im SZ-Feuilleton von gestern). Hier abgebildet ist aber das – vorerst gerettete – Hamburger Schauspielhaus.

Denn: Wenn man mit dem Zug in HH ankommt und zur Kirchenallee hin aus dem Hauptbahnhof tritt, dann hat man dieses große, schöne Theater schräg vis-a-vis sofort im Blick. Das gibt es so offensiv in keiner anderen deutschen Stadt: das Theater, majestätisch, einladend und ganz ohne Dünkel, mitten im Bahnhofsviertel! Das Theater: ein klares Statement! Und für jeden Ankommenden ein erster starker Eindruck.

Und das Haifisch-Logo, das hat Zähne ...

Und das Haifisch-Logo, das hat Zähne ...

Seit der glücklose Intendant Friedrich Schirmer zu Beginn der Spielzeit vorzeitig von Bord gegangen ist und den Riesendampfer seinem Schicksal überlassen hat und dieses Schicksal in Gestalt eines sparhammermäßigen Unkultursenators über das (leider auch künstlerisch) dahindümpelnde Haus düster hereingebrochen ist … seit diesen heftigen Stürmen und der dadurch drohenden Havarie gibt man sich am Hamburger Schauspielhaus höchst kämpferisch.

Mich ergeben?! Ha! Das Hamburger Schauspielhaus zeigt´s seinem "Hauptmann".

Mich ergeben?! Ha! Das Hamburger Schauspielhaus zeigt´s seinem "Hauptmann".

Schirmers vormaliges Logo, der liebliche Delphin, hat jetzt Haifischflossen und die entsprechenden Zähne bekommen. Und das Plakat zur Inszenierung von Goethes “Götz von Berlichingen” prangt in zorniger Eindeutigkeit an der Schauspielhausfassade. Darauf: Hauptdarsteller Markus John mit der Anmutung eines gestandenen CDU-Politikers der Bonner Kohl-Republik – und mit Ritterbeil. Offenbar mit eiserner Hand entschlossen, in die Schlacht zu ziehen. Und das berühmte Götz-Zitat darf hier natürlich auch nicht fehlen. Man kann sich den Adressaten sofort denken, wenn es in Sachen “Mich ergeben!?” in Richtung “Hauptmann” heißt: “Er aber, sag´s ihm, er kann mich im Arsch lecken.” Hat was.

17.11.10 | 23:20 | Dies & das | Kritikerin unterwegs | Publikationen | Kommentare 1 Kommentar

Heimliche Zwillinge, von Geburt an getrennt

Blog-Schmidt3

Auf dem Titelbild der aktuellen “Mobil”, dem unverzichtbaren Fachmagazin aller Bahnreisenden, ist … ähm … wer gleich noch mal abgebildet?

Schon zweimal ertappte ich mich beim flüchtigen Draufgucken bei dem Gedanken, das sei Edmund Stoiber. – I mean … Stoiber, you remember?

Aber nein: Der im ungewöhnlichen Seitenprofil lachend abgelichtete Titelheld ist Harald Schmidt. – Harald Schmidt, you remember? Es gibt im Moment eigentlich rein gar keinen Anlass oder Bedarf, ein Interview mit Harald Schmidt zu lesen. Oder sollte ich mich da täuschen? Nun je, ich kann inhaltlich eigentlich gar nichts dazu sagen, denn ich habe das Interview tatsächlich nicht gelesen. Die Zeit ist knapp, das Titelbild langweilig, und man hat ja so viele andere Sachen zu lesen – gerade im Zug.

Ich habe das Heft zunächst einfach nur deshalb abfotografiert, weil es mir so unzeitgemäß stoiberhaft erschien …

Dann kam ich nach Nämberch, ins schöne Frankenland, und erlebte den auf Anhieb wahreren, erkennbareren Harald Schmidt: Klaus Kusenberg, Schauspielintendant am Staatstheater Nürnberg, ein Mann von echtem Schmidt-Muster.

Hier mal zum Vergleich:

Blog-Kusenberg1Blog-Schmidt2

—–
Zur Verdeutlichung: Links, das ist Klaus Kusenberg vom Theater in Nürnberg – rechts, das ist Harald Schmidt von Bahn Mobil, oder na ja: Schmidt mobil eben. Die Ähnlichkeit ist frappierend, und Kusenberg, von mir darauf angesprochen, muss beinahe gähnen, weil das für ihn nun wirklich nichts Neues ist. Mit Schmidt, sagt er, werde er schon seit Jahren verwechselt. Eine Zeit lang hätten sie eine fast identische Frisur gehabt, da sei es besonders schlimm gewesen. Aber er stehe da längst drüber.

Klaus Kusenberg

Klaus Kusenberg

Was man unbedingt zu Kusenberg anmerken muss: Er ist derzeit einer der glücklichsten Schauspieldirektoren Deutschlands, wenn nicht der allerglücklichste. Hat er doch in Zeiten, in denen anderswo Sparpakete in Millionenhöhe geschnürt werden (siehe aktuell: Bonn), ein super schönes, rundum erneuertes, technisch hochmodernes Haus hingestellt bekommen (siehe meinen Blog-Eintrag vom 26.10.), in dem man es jetzt theatermäßig mal so richtig krachen lassen kann. Süß, wie er sich freut.

Der “Mobil”-Titel mit Schmidt lautet übrigens: “Ich will kein Upgrade”. Ist ja echt mal eine Nachricht! Die kann das Nürnberger Theater aber kein bisschen jucken, denn das hat ja eins.

15.11.10 | 01:05 | Begegnung mit ... | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 10 Kommentare

Frankfurt – immer ein Klassiker!

Panoramabar-Blick im Frankfurter Schauspiel

Panoramabar-Blick im Frankfurter Schauspiel

Das Frankfurter Schauspiel unter der Intendanz von Oliver Reese stand bisher ja nicht so auf meiner Reiseroute. Hat sich am Anfang bei dem geballten Neustart von gleich sieben Intendanten irgendwie nicht ergeben – und inzwischen, nun ja … ich muss gestehen: Dieser einseitige Klassiker-Spielplan reizt mich einfach nicht so sehr.

Alles Off-Mäßige, Experimentelle haben sie in Frankfurt abgeschafft. Design und Branding – und so manchen Regisseur – hat Reese einfach vom DT in Berlin mitgebracht, da, wo er herkam.

Huch! Ist das der Geist von Elisabeth Schweeger? Man dachte ja, den hätten sie in Frankfurt gründlich ausgetrieben. Aber immerhin: Ihr Haarstil lebt fort!

Huch! Ist das der Geist von Elisabeth Schweeger? Man dachte ja, den hätten sie in Frankfurt gründlich ausgetrieben. Aber immerhin: Ihr Haarstil lebt fort!

Und dann immer diese Aufgeregtheit der FAZ bei jeder Frankfurter Goethe-Schiller-Kleist-Premiere. Na, ich weiß nicht … da ist vielleicht besser eine gewisse Münchner Skepsis angebracht.

Elisabeth Schweegers Geist wurde jedenfalls gründlich ausgetrieben – in manchen hysterischen Zügen (speziell in den Pressekommentaren gewisser männlicher Kollegen) glich das fast schon einer Hexenaustreibung. Umso erstaunter war ich, als ich sie jetzt unter den Premierengästen zu sichten glaubte, als ich von hinten eine dunkelhaarige Frau mit Hochstecknestfrisur im Schweeger-Stil sah. Es war dann zwar doch nicht die Schweeger, aber dass eine junge Frau – und wenn auch unbeabsichtigt – zumindest Schweegers Haarstil fortsetzt, das hat mich doch gefreut. Und die junge Dame ließ sich auch gerne für diesen Blog fotografieren.

Frankfurt-KlassikerJetzt, in seiner zweiten Saison, geht Reese mit seinen ewigen Klassikern in die Offensive. “KLASSIKER!” – Ausrufezeichen! -, schrillt das Spielzeitmotto in Großbuchstaben. So etwas nennt man wohl Vorneverteidigung. Auf den begleitenden Postkarten – es gibt drei Varianten – ist dann jeweils ein Klassiker aus der (huch: zeitgenössischen!) Objektwelt abgebildet, als da wären: ein Flipflop in Pink, ein Äppelwoi-Glas und, ja tatsächlich: ein Fläschchen “4711″, obwohl das doch eindeutig der Stadt Köln zuzuordnen wäre. Hm, was man sich in Frankfurt nicht alles von anderswoher einverleibt …

Hier sagt die Körpersprache alles: Nis-Momme Stockmann mit seinem Uraufführungsregisseur Martin Klöpfer

Hier sagt die Körpersprache alles: Nis-Momme Stockmann mit seinem Uraufführungsregisseur Martin Klöpfer (rechts)

Nun hat Frankfurt aber auch einen lebenden Hausautor – und mit Nis-Momme Stockmann wahrlich nicht den schlechtesten. Zur Uraufführung seines neuen Stücks “Die Ängstlichen und die Brutalen” bin ich angereist. Ehrensache. Ich schätze Nis-Momme Stockmann sehr, halte ihn für ein wirklich herausragendes, ernstzunehmendes Talent, mag die Wärme, Menschlichkeit und Anteilnahme in seinen Stücken – und mag ihn, Stockmann, seit ich ihn in der Heidelberg-Jury (und bei all dem Ärger, der damit zusammenhing) näher kennen gelernt habe, auch als Mensch. Mag seine Klugheit, seine Ernsthaftigkeit, die erwachsene Art, wie er nachdenkt, redet und dann doch ganz jung für etwas brennt. (Unter dem Titel »Stockmanns Appendix« schreibt er fürs Frankfurter Schauspiel auch einen Blog.)

Zwar sind “Die Ängstlichen und die Brutalen” sicherlich nicht sein stärkstes Stück, aber dass es ausgerechnet an Stockmanns Hausbühne derart arglos in den Sand gesetzt wird wie von dem Regisseur Martin Klöpfer, der für das Brüder-Drama rein gar kein Gespür hatte, das ist schon traurig und auch ärgerlich – zumal ja auch schon Stockmanns Stück “Das blaue blaue Meer” in Frankfurt von der Regie verspielt wurde. Die sollten dort nicht nur ihre Klassiker, sondern schon auch ihren Hausautor pflegen.

Der freundliche Herr Fritsch findet Frankfurt freilich freakig

Der freundliche Herr Fritsch findet Frankfurt freilich nicht sehr freakig

Dann hatte ich an dem Abend noch das Vergnügen, durch die Frankfurter Kritikerin Eva-Maria Magel den äußerst sympathischen und erfrischenden Herrn Fritsch kennen zu lernen. Gemeint ist Herbert Fritsch, der einst so wilde Volksbühnen-Schauspieler (übrigens: ein Oberpfälzer!), der derzeit nur noch als Regisseur arbeitet, dies aber recht erfolgreich. Von seinem “Biberpelz” in Schwerin und seiner “Nora” in Oberhausen hört man viel Gutes, hört man zum Beispiel auch, dass Teile der Theatertreffen-Jury schon zur Besichtigung angereist sind (und zwar in beiden Fällen).

Der kampferprobte Herr Fritsch kann wunderbare Geschichten aus seiner Zeit als Castorf-Schauspieler erzählen, wurde als solcher von aufgebrachten Zuschauern beschimpft und beschmissen und hat auch schon erlebt, wie ein Backstein nach vorne flog und Zuschauer die Bühne stürmten. Es sei für ihn als Schauspieler bei Castorf immer so gewesen, als stünde er an einem Abgrund und müsse springen … und dann, sagt Fritsch, sei er gesprungen. Klarer Fall.

Ich denke mal, da kommt noch was ... von Stockmann und Fritsch. Klingt wie ein Komiker-Duo - und schaut auch so aus.

Ich denke mal, da kommt noch was ... von Stockmann und Fritsch. Klingt wie ein Komiker-Duo - und schaut auch so aus.

Lustigerweise kennen sich auch Fritsch und Stockmann, mehr noch: Sie haben sich angefreundet und sind offenbar auch projektmäßig an einer Sache dran. Wo, frage ich die beiden, haben sie sich denn kennen gelernt? Die Antwort: an einem frustreichen Abend beim Heidelberger Stückemarkt.

07.06.10 | 00:09 | Geht wieder | Kritikerfrust | Kritikerin unterwegs | Kommentare 1 Kommentar

Hass … und dann doch wieder: Liebe

HASS-Boxer

Viel Hass erfahren in der letzten Zeit. Zornigen, geifernden, blindwütigen Hass. Abgelassen von anonymen Hassern auf nachtkritik.de, wo es unter dem Deckmäntelchen einer “Debatte” zur Heidelberger Juryentscheidung am Ende nur noch darum ging, mich als Kritikerin und Person schlecht zu reden und fertig zu machen. Es war echt übel: all diese persönlichen Diffamierungen, ehrverletzenden Attacken, verbalen Herabsetzungen – das geht nicht spurlos an einem vorüber. Das war längst keine Debatte mehr über Autorenförderung und eine problematische Jury-Entscheidung (wir waren übrigens drei Juroren!) – das ging nur noch gegen mich persönlich. Erschreckend, wie viele Feinde man als Theaterkritikerin hat …

Na jedenfalls saß ich neulich mit dieser noch ganz frisch in mir arbeitenden Hasserfahrung im Zug nach Wien (zwei Termine bei den Festwochen), als sich in Linz ein Mann zu mir an den Tisch setzte, ein Schwarzer, sehr freundlich, mit Aktentasche, Leuchtmarkern und Papieren. Und da ich offenbar nicht meine Abwehrmaske im Gesicht trug – die muss man sich unbedingt zulegen als reisende Kritikerin, damit man es schafft, in Ruhe gelassen zu werden und im Zug all die Stücke und das Material zu lesen, was man sich für eine Fahrt vorgenommen hat -, da ich also einigermaßen freundlich und ansprechbar dreingeschaut haben muss, kamen wir ins Gespräch. Es war ein sehr gutes, intensives Gespräch. Ein Gespräch – über die Liebe. Tatsächlich! Ich mit all der Hass-Erfahrung in mir treffe auf einen wildfremden Mann aus dem Kongo, dessen wissenschaftliche Studien im Bereich der Soziologie – er ist Soziologe an der Universität Wien -  letzten Endes auf die Erkenntnis hinauslaufen, dass es tatsächlich DIE LIEBE gibt, und zwar, wie er sagte, eine bedingungslose, uneigennützige, absolute, zu Brüchen mit den Eltern und der ganzen Familie führende, Dich gesellschaftlich einsam machende, aber menschlich komplett erfüllende Liebe. Sein Forschungsgebiet: “Domino-Beziehungen”, das heißt: Beziehungen zwischen schwarz und weiß.

Sehr interessant, was er von seinen Forschungssubjekten zu berichten hatte – sind ja in der Regel Extrem-Fälle -, und wie die schwierigen Umstände, all diese Vorurteile, die Restriktionen, das Misstrauen diese Paare zusammenschweißen. Wie sich in solchen Fällen (vermutlich viel klarer und entschiedener als sonst im Leben) Liebe erweist, ja be-weist. Komisch, irgendwie war es mir fast peinlich, dass ein Fremder so  freimütig mit mir über die Liebe spricht. Allein diese Selbstverständlichkeit, mit der er sie als erwiesen ansah …

Das “Liebes”-Gespräch mit dem freundlichen Herrn Soziologen war um so kurioser, als ich just an diesem Abend bei den Wiener Festwochen – passend zu meiner Grundgestimmtheit – für das Gegenteil gebucht war:  “Hass”, eine Produktion von Volker Schmidt nach dem gleichnamigen französischen Kultfilm (“La Haine”) von Mathieu Kassovitz aus den neunziger Jahren.

Treffpunkt war das “brut” im Künstlerhaus nähe Karlsplatz. Von dort wurden die Zuschauer mit zwei Bussen zum Gaswerk Leopoldau gekarrt, das ist eine Industriebrache an der Stadtgrenze von Wien, die für diese das ganze Gelände mit einbeziehende Inszenierung als Banlieue dient – trister Vorort von irgendeiner Großstadt irgendwo in Europa.

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (v. l.); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa.    (Fotos: Theresa Rauter)

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (von links); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa. (Fotos: Theresa Rauter / Wiener Festwochen)

Die Geschichte: Drei “asoziale” Jugendliche ohne Job und Zukunft irren mit einer gefundenen Polizeiwaffe wie tickende Zeitbomben durch eine drogenbenebelte, von schrägen Vögeln bevölkerte Stadtrand-Tristesse – bis die Situation eskaliert. Der junge Regisseur Volker Schmidt erzählt das mit einem internationalen Ensemble: Mehrsprachige Schauspieler und Jugendliche mit Migrationshintergrund führen die (bei der Premiere für dieses freiluftige Stationentheater mehrheitlich überhaupt nicht gerüstete) Festwochen-Besucherschar auch bei schlechtestem Matsch- und Regenwetter durch ihr “Viertel”, vorbei an Wohnwägen, ausgebrannten Autos, herumlungernden Straßenkids. Man begegnet Streetdancern, Freaks und einem Politiker, der für konservative Werte wirbt; nimmt von außen – höchst voyeuristisch – Einblick in das Zimmer von Karim (Karim Cherif), begibt sich mit dem Schwarzafrikaner David (David Wurawa) in dessen abgefackelte Fitnesshalle und folgt den flotten Sprüchen des Halbrussen Daniel (Daniel Wagner), der mit seinem nicht unbeleibten Körper so tut, als habe er die Coolness überhaupt erst erfunden. Die drei Schauspieler sind toll! Ungeheuer kraftvoll, charmant, pulsierend und … ja, in ihrer Wirkung wahnsinnig authentisch. Über sie funktioniert dieser Geländewanderabend auch dort, wo er seine Schwächen offenbart. Über sie wird Hass in Zuneigung, Verständnis, Sympathie verwandelt, man schließt dieses in seiner Möchtegern-Coolness so tapsige wie komische Trio in sein Herz, das ist auch im Film so. Um so größer die Fallhöhe hin zum explosiven Schluss – mit einem knallharten Schuss.

In der Gruppe, die der freundliche David Wurawa aus Simbabwe anfangs über das Gelände führte, war übrigens ich es, die er sich herausgriff, um den anderen mit mir als Probandin gewisse Box-Grundübungen vorzuführen: Fäuste ballen – federn – Angriff – Schutz – Verteidigung. Ging ganz gut. Er fragte, ob ich das schon öfters gemacht habe, worauf ich antwortete: “Only with words.” Also denn, liebe Feinde, ich bin gewappnet! Halte beide Fäuste beweglich vor dem Gesicht und federe sprungbereit in den Knieen! Gebt´s mir! Kommt nur! Ich bin bereit! Auf Facebook hat mir außerdem ein lustiger Bekannter einen Freundschaftslink zu Vladimir Klitschko geschickt. Für alle Fälle …

Was seither geschah?

Vladimir Klitschko hat meine Freundschaftsanfrage leider nicht bestätigt. Nachtkritik.de hat am Wochenende nach meinem Wiener “Hass”-Training die Heidelberg-Debatte, also: diesen Hass-Thread gegen mich, abrupt geschlossen. Und die Liebe? Soll es geben.

21.05.10 | 13:36 | Festivals | Geht gar nicht | Kritikerin unterwegs | Kommentare 0 Kommentare

Cannes (1): Schöner Foltern

Ken Loach, der in Cannes schon einmal eine Goldene Palme gewonnen hat, ist mit seinem Film “Route Irish” in den Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals nachgerückt – gerade noch rechtzeitig fertig geworden, allerdings dann doch so spät, dass er in keinem Programmheft auftauchte. Es geht um einen britischen Söldner, der im Irak für einen Sicherheitsdienst gearbeitet hat und aufklären will, wie sein alter Freund, den er auch zu diesem Job überredet hat, dort umgekommen ist. Dabei bedient er sich dessen, was er gelernt hat – wenn einer nicht von allein sagt, was er weiß, muss man halt mit Gewalt nachhelfen. Ken Loach ist ein aufrechter Mann, und mal abgesehen davon, dass er dann im Film schon klarstellt, dass man mit Folter zwar Informationen bekommt, aber nicht notwendigerweise die richtigen, hatte er offensichtlich wenig Freude daran, eine solche Szene zu drehen. Waterboarding bei Loach sieht so aus: Der Gefangene bekommt einen Waschlappen übers Gesicht, und dann gießt man eine Tasse Wasser drüber.
Sowas gibt´s nur im Kino – der Gefangene, selbst Ex-Soldat und ein Riesenpaket von etwa zwei Metern Höhe und zwei Metern Breite, gibt schon nach der ersten Tasse auf und packt aus.
Nun ist es ja ganz rührend, wenn ein Filmemacher Berührungsängste mit Folterszenen hat, aber …
Nach der Vorführung, im Kino nebenan, kurz vor dem nächsten Wettbewerbsfilm, unterhielten sich zwei amerikanische Kollegen. Dieses Waterboarding, sagte der eine, ist doch wohl aber wirklich nicht so schlimm, sagte der eine. Der andere hatte immerhin Zweifel und sagte: Ich glaube, so wird das in Wirklichkeit auch nicht gemacht.
Fazit: Wenn man keine Folterszenen drehen möchte – dann sollte man es auch nicht tun.

09.02.10 | 19:24 | Harte Realitäten | Kritikerin unterwegs | Kommentare 0 Kommentare

Berlin – ein gefährliches Pflaster

Komme gerade (mit verspätetem Flieger) aus Berlin zurück – was für ein gefährliches Pflaster! Die Gehwege: total vereist. Die Straßen: von Eisbänken verkrustet. Überall Glatteisgefahr. Rutschende, schlitternde Menschen. Mit dem Rollkoffer zum Hotel zu laufen, war eine einzige Rutschpartie. Ich bin froh, heil wieder aus dieser Stadt herausgekommen zu sein. Dort sind sie dem harten Winter echt nicht Herr geworden. Hunderte Berliner sind schon schwer gestürzt und mit Knochenbrüchen im Krankenhaus gelandet.

Der “Tagesspiegel” machte das Eis-Chaos in seiner heutigen Ausgabe auf der Titelseite zum Thema – Schlagzeile: “Der Fall Berlin”. Im Lokalteil erfährt man unter der Überschrift “Glatt versagt”, dass allein am vergangenen Wochenende 108 Patienten behandelt wurden, die auf dem Eis ausgerutscht waren. Aber es wird auch Hoffnung gestreut: “Die Stadtreinigung (BSR) räumt oder bestreut nun auch Gehwege, Haltestellen oder Plätze, für die sie nicht zuständig ist. So wurde und wird auch auf eisige Nebenstraßen Splitt gestreut.” Ein Obdachloser hat aus der Not immerhin eine Notunterkunft gemacht – und sich am Nollendorfplatz ein Iglu gebaut.

09.02.10 | 18:04 | Kritikerin unterwegs | Kulinarik | Kommentare 3 Kommentare

Württemberger wollen Wulle

Ich war am Sonntag in Stuttgart und möchte hier nicht versäumen, zu vermelden, dass es dort ein neues altes Kult-Bier gibt: Wulle. Das klingt mehr nach Berlin als nach dem Schwabendländle, ist aber ein traditionsreicher Name: Ernst Imanuel Wulle (1832-1902) war ein schwäbischer Brauerei-Unternehmer, dessen Wulle-Brauerei (gegründet 1861) Anfang der 70er von Dinkelacker übernommen wurde. Damit verschwand das Wulle-Bier. Im März letzten Jahres wurde es aber wieder eingeführt – in Bügelflaschen und mit dem alten Schriftzug.

Wulle-Bier

Die Flasche im Retro-Look macht “Plopp”, wenn man sie öffnet, und dabei entfährt einem schon mal ein “Huch!”. Schmecken tut dieses “Vollbier” wirklich sehr passabel, nicht zu bitter, eher mild, eigentlich richtig süffig. Besser jedenfalls als dieses badische “Tannenzäpfle”-Bier, das sie sonst in Stuttgart trinken. Ich meine: Bitteschön, wie kann man ein Bier “Tannenzäpfle” nennen?! Jetzt macht in Stuttgart wieder der alte Wulle-Slogan die Runde: “Wir wollen Wulle!” 

24.01.10 | 17:51 | Dies & das | Kritikerin unterwegs | Preview | Kommentare 1 Kommentar

Essen – die Einkaufs-Kulturhauptstadt

Weil ich doch gerade in Essen war: Die Stadt ist ja, stellvertretend für das Ruhrgebiet, Kulturhauptstadt Europas 2010. Und wie merkt man ihr das bei der Ankunft an? Erst mal gar nicht. Wenn man aus dem – innen erweiterten, außen gleichgeblieben scheußlichen – Bahnhof tritt, präsentiert sich die Stadt nach wie vor in großen Lettern als “DIE EINKAUFSSTADT”, als die sich immer schon gerühmt hat:

Essen-Einkaufsstadt

Keine Ahnung, warum ausgerechnet Essen “die Einkaufsstadt” sein soll. Vielleicht weil die Kettwiger Straße mit ihren vielen Geschäften seit den 20er Jahren als die erste offizielle Fußgängerzone Deutschlands gilt. Oder weil 1913 in Essen Schonnebeck der erste Aldi mit einer Größe von 35 Quadratmetern eröffnete. Jedenfalls findet sich das erste sichtbare offizielle “Kulturhauptstadt”-Signet passenderweise an der Fassade des Kaufhofs:

Essen-Kaufhof

Profaner geht´s kaum. Man sah die Essener dann auch fleißig bei der Schnäppchenjagd (Big Sale!), und ich habe es ihnen gleichgetan und mir eine Jacke aus der Winterkollektion, reduziert um 50 Prozent, gekauft. Mein Beitrag zum Kulturhauptstadteinkaufsjahr!

Gut, man hätte sich auch um ein Ticket für das Kulturhauptstadt-Projekt „Still-Leben Ruhrschnellweg“ bemühen können – es läuft gerade die zweite Bewerbungsrunde. Bei dem Kulturfest am 18. Juli soll der sogenannte Ruhrschnellweg (Autobahn 40 / Bundesstraße 1) auf einer Strecke von 60 Kilometern gesperrt werden – und dann werden auf der Fahrbahn von Dortmund nach Duisburg 20 000 Tische aufgestellt: für ein Massenpicknick auf der Autobahn. Das Straßenfest soll gemäß einer Graphik von Ruhr.2010 ungefähr so aussehen:

stillleben_gross_99641

Am Essener Schauspiel hat man unterdessen mit Anna Seghers´ “Transit” und Ibsens “Peer Gynt” (Kritik folgt im Feuilleton) schon mal recht kulturhauptstadtwürdig das Thema “Oyssee Europa” eingeleitet, das Ende Februar in einem gleichnamigen, groß angelegten Schauspielprojekt gipfeln wird: einer Theaterirrfahrt durch das Ruhrgebiet (und “durch Raum und Zeit”) auf den Spuren von Odysseus, an der sich vom kleinen Schlosstheater Moers bis hin zum Schauspielhaus Bochum sechs Ruhr-Bühnen beteiligen werden. Infos unter www.odyssee-europa.de.

Spätabends, beim Verlassen des Grillo-Theaters, stieß ich dann noch auf den “Mercator Bücherschrank”: eine aufklappbare Glasvitrine voller gebrauchter Bücher (Romane, Bestseller, Ratgeber, Jutta Ditfurth), die offen dazu einladen, sie mitgehen zu lassen. Genau das ist auch der Sinn der Sache! Auf einem Zettel an der Vitrine heißt es:

“Gefällt Ihnen ein Buch? Nehmen Sie es heraus und mit ins nächste Café oder nach Hause. Lesen Sie es durch und stellen Sie es danach wieder zurück. Gerne können Sie auch eigene Bücher in den Schrank stellen.”

Take-away-Literatur: Ein Essener am "Offenen Bücherschrank"   (Fotos: cd)

Take-away Literatur: Ein Essener am "Offenen Bücherschrank" (Fotos: cd)

Na sowas, ein Bücher-Take-away-and-Fill-up! Es soll diese “offenen Bücherschränke” auch in anderen Städten Deutschlands, zum Beispiel in Bonn und Hannover, geben. Sie wollen eine “sinnvolle Ergänzung” zu Buchhandlungen und Stadtbibliotheken darstellen und einen “soziokommunikativen Prozess sowie die Leseförderung der Bürger” anregen.

Ich frage einen jungen Typen mit Ziegenbart, welches Buch er sich da gerade rausgenommen hat. Er zeigt es mir. Es ist ein fetter, antiquarischer Band: “Der stille Don” von Michail Scholochow, Band eins.  Ich frage: Und wenn es so gut ist, dass du unbedingt wissen willst, wie es weitergeht? Er: “Dann besorge ich mir den zweiten Band.” Wenn das kein Indiz für die kulturelle Verfasstheit der Einkaufsstadt Essen ist!

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