08.03.11 | 19:51 | Kritikerin unterwegs | Ortskunde | Salonkultur | Kommentare 3 Kommentare

Über den Dächern ´ne Pizza: Im Soho House Berlin

Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext /  Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst ...
Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext / Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst …

Was ich hier noch nachholen möchte: meinen Erstbesuch im Berliner Soho House, dem neuen Hot Spot der Kreativszene in unserer armen, aber ach so sexy Hauptstadt. Von Weimar aus bin ich nämlich anderntags nach Berlin rüber, was mir trotz der nachmittäglichen Spätfolgen des GDL-Streiks mit Verzögerungen und Verärgerungen irgendwie gelang. In Berlin sah ich – in meiner Eigenschaft als Mülheim-Jurorin – erst Oliver Klucks “Warteraum Zukunft” in der Box am DT (empfehlenswert!), und danach haben mich meine Freunde Wolfgang und Thomas in ihr neues Lieblingsdomizil, den exklusiven Soho House Club in Mitte, eingeladen. Man kommt da nämlich nur als Mitglied oder als Gast eines Mitglieds rein. Wolfgang und Thomas sind natürlich Mitglieder.

Wolfgang Macht, Chef von netzpiloten.de, ist mein ältester und bester Freund. Wir kennen uns seit der 5. Klasse am Gymnasium Fränkische Schweiz. Damals wollte der liebe Wolfgang noch MICH heiraten, inzwischen hat er seinen langjährigen Lebensgefährten, den Moderator, Autor und Comedian Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club) geehelicht. Was vollkommen in Ordnung ist. Echt! Ich bin sogar, gemeinsam mit Georg Uecker, die Trauzeugin der beiden. War übrigens eine Traumhochzeit … aber das ist ein anderes Thema.

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Wir nun also im Soho House. Torstraße 1, Ecke Prenzlauer Allee, direkt am Alexanderplatz. Wolfgang und Thomas finden: Muss ich unbedingt kennen lernen. Britischer “Private Member Club” auf acht Etagen, inklusive SPA, Fitnesscenter, Restaurant, Bars und 40 Hotelzimmer. Während der Berlinale hat Madonna hier genächtigt und das ganze Hotel gemietet. Großer Hype. Als der Club im Mai letzten Jahres eröffnet wurde, feierte Damien Hirst hier eine Riesenfete. Ganz großer Hype.

Stars wie Madonna und Hirst kennen den Laden natürlich aus London, da kommt dieser Privatclub her – mitsamt seinem innenarchitektonischen Laura-Ashley-Landhaus-Stil, also: Polstersessel mit Samtbezügen, Sofas mit Blumenmuster, heimelige Lese- und Kuschelecken, nicht zu vergessen den offenen Kamin. Die Berliner Dependance ist außerhalb Englands die einzige in Europa. Ansonsten gibt es noch Soho Häuser in New York, Florida und Hollywood. Mannomann, Berlin wieder! Ganz vorn dabei.

Schon von außen macht das riesige Haus mit seiner weißen Fassade im späten Bauhaus-Stil mords was her, und es hat auch eine eindrucksvolle Geschichte: Es war in den 20er Jahren ein Kaufhaus, dann waren die Nazis drin (Baldur von Schirach mit seiner Hitlerjugend), und nach dem Krieg zog die SED ein. Hier war der Tagungsort des Politbüros,  und so heißt die zweite Etage im Soho House – mit großer Terrasse raus zur Torstraße und einer eigenen Bar im gesetzten Hinterzimmer-Mauschel-Stil – immer noch, man kann es für private Partys mieten. Ultracool: seinen Geburtstag feiern im Politbüro. Oder, wie Thomas neulich, im sohohauseigenen Kuschel-Kino.

Essen tut man in der 7. Etage, wo auch die Club-Bar ist. Hier fläzt und launscht man in den Country-House-Sesseln und Wohlfühlsofas mit Panoramablick raus auf die nächtliche Stadt oder bestellt weiter hinten im sogenannten House-Kitchen-Bereich auf der langen Lederbank ein ordentliches Kalbsschnitzel mit Pommes. Die Speisekarte ist erfreulich normal, nichts Überkandideltes und auch nichts Überteuertes. Es gibt was für den großen Pizza- wie für den kleinen Snackhunger, und Clubsandwich goes without saying. Auch die Gäste sind alles andere als aufgetakelt, kaum Schickis, Businessmänner oder so gegelte Anzugträger.

Das sähe in München anders aus. Aber Berlins Kreativszene hat nun mal ihren eigenen Dresscode, und im Soho kann man ihn ganz gut studieren. Es dominieren: sorgfältiges Downstyling, ein selbstbewusster, selbst auferlegter Casual-Look, modisches Understatement bei dezenter Unterstreichung des eigenen Künstler- und Kreativpotenzials. Berliner Lässigkeit, comme il faut. Ist wahrscheinlich auch nicht immer ganz leicht, das so auffallend unauffällig hinzukriegen …

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Viele Frauen von Model-Zuschnitt. Groß, dünn und schön – mit einem hohen Bewusstsein von ihrer Außenwirkung. Na gut, haben wir in München auch. Nicht aber diese Internationalität … die ist hier wirklich was Besonderes. Ringsum wird genauso viel Englisch wie Deutsch gesprochen, und wenn man durch das Panoramafenster raus auf den Fernsehturm und die nächtlichen Lichter Berlins blickt, dann weht einen schon mal an, was man von keiner anderen deutschen Stadt in dieser Weise kennt: so ein kosmopolitsch kribbelndes Metropolen-Gefühl. In solchen Momenten möchte ich immer ganz unbedingt mein gemütliches Millionendorf verlassen und sofort ins urbane Berlin ziehen. Oder nach Paris. Oder New York. Einfach den Lichtern der Nacht und dem Glitzern der Stadt folgen … Das sind so Anflüge – falls Sie verstehen.

Ganz oben, auf der Terrasse im achten Stock: der viel beraunte Soho-Pool. Wolfgang und Thomas finden: muss ich unbedingt sehen. Es ist zwar Nacht und arschkalt, aber einen Eindruck kriegt man schon von diesem High-Community-Platz über den Dächern der Stadt. Tolle Aussicht. Und oho, wie cool, der Soho Pool! Der ist zwar längst nicht so riesig und chic, wie ich ihn mir ausgemalt hatte, aber ich kann mir so einen Happy-Few-Nachmittag auf dieser Dachterrasse ganz gut ausmalen: mit schönen Bikini-Grazien, die sich betont unbeteiligt auf den Liegestühlen räkeln, und genussvoll einen Cocktail schlürfenden Medien- und Projektmenschen an der Bar. Über ihnen der gestirnte Himmel, unter ihnen der Moloch … Da muss ich nicht dabei sein – aber ich wünsche allen Beteiligten schon mal einen super Sommer on the top of Berlin. Weiter unten in der Stadt sind die meisten ja schon froh, wenn sie einen Sommer vorm Balkon haben …

Drinnen darf man leider keine Fotos machen, das gehört zum Exklusivitäts-Prinzip. Ebenso wie die Türpolitik: Wer Mitglied im Soho House Club werden will, muss sich bewerben und bringt am besten die Empfehlungen zweier Schon-Mitglieder bei. Der Jahresbeitrag liegt bei 900 Euro.

Der Club ist noch kein Jahr alt, wurde aber von investigativen Szene-Reportern wie Stephan Lebert in der “Zeit” (sic!) schon ausführlichst gewürdigt, nachzulesen in einem Dossier unter der Überschrift “Das geheime Wohnzimmer” . Das dazugehörige Lebensgefühl fasst Kollege Lebert mit einem Begriff des Soziologen Heinz Bude zusammen: “Generation Berlin”.

München-Berlin, das ist jetzt nicht mehr nur der althergebrachte Bayern-Preußen-Gap mit den üblichen Begleiterscheinungen, sondern, so wie´s ausschaut,  ein regelrechter Generationenkonflikt.

05.02.11 | 23:06 | Salonkultur | Kommentare 1 Kommentar

Bauer-Salon mit Hannes Beckmann und Helmut Ruge

Mein "Bauer-Salon" ist nach seinem Gründungsort, der Münchner Bauerstraße, benannt - und so wird er auch weiterhin heißen, auch wenn er nicht mehr dort stattfindet. Mit Stall- und Feldarbeit hat der Bauer-Salon jedenfalls nichts zu tun, wie man auf dem Foto ganz gut sehen kann. In Zukunft wird der Salon wohl auf Wanderschaft gehen. Wer geeignete Bars / Räumlichkeiten weiß: bitte melden!

Mein "Bauer-Salon" ist nach seinem Gründungsort, der Münchner Bauerstraße, benannt - und so wird er auch weiterhin heißen, auch wenn er nicht mehr dort stattfindet. Mit Stall- und Feldarbeit hat der Bauer-Salon jedenfalls nichts zu tun, wie man auf dem Foto ganz gut sehen kann. In Zukunft wird der Salon wohl auf Wanderschaft gehen. Wer geeignete Bars / Räumlichkeiten weiß: bitte melden!

Mein Kultursalon ist zwar noch jung, aber er läuft schon ziemlich super. Bei der dritten Ausgabe des “Bauer-Salons” am 9. Januar, dem Vorabend meines Geburtstags, waren wieder tolle Künstler zu Gast: der “Teufelsgeiger” Hannes Beckmann, auf dem Klavier begleitet von seinem langjährigen musikalischen Kompagnon Edgar Wilson aus Mozambique, sowie der hochkarätige Kabarettist Helmut Ruge, mit seinen 70 Jahren ein Urgestein der Satirekunst.

"Teufelsgeiger" Hannes Beckmann in Aktion

"Teufelsgeiger" Hannes Beckmann in Aktion

Dass diese Künstler auf das Herzlichste bereit waren, den Salongedanken zu unterstützen und “bei mir” im Salon aufzutreten (übrigens durchaus auch “für mich” – und das, wohlgemerkt, ohne Honorar!), ist einfach wunderbar und zeigt, dass München in dieser Hinsicht viel lässiger, spontaner und kreativer ist als sein Ruf. Es gibt hier richtig gute, begeisterte und sich begeisternde Leute, mit denen man tatsächlich off-the-Hochkultur und ohne Etat im Sinne der Sache spontan was auf die Beine stellen und neue Vernetzungen schaffen kann. Das ist großartig! An dieser Stelle: vielen herzlichen Dank, lieber Hannes, lieber Edgar, lieber Herr Ruge!

"Weil i wui, dass sich was rührt ...": Kabarettist Helmut Ruge

"Weil i wui, dass sich was rührt ...": Kabarettist Helmut Ruge

Veranstaltungsort war zum zweiten Mal die Aurora Bar, bei deren Betreiber ich mich diesmal allerdings nicht bedanken kann – im Gegenteil! -, da er sich komplett verweigert und auf unschöne Weise versucht hat, den Salon auflaufen zu lassen bzw. zu hintertreiben. Das hat mir sehr zugesetzt – wir waren immerhin seit vielen Jahren gute Freunde … aber  ein Erfolg wurde der Salon trotzdem (und es dürfte für den Herrn Wirt auch die Kasse ganz schön geklingelt haben, was inzwischen offenbar die eigentliche Musik ist in seinen Ohren).

Jazzsänger Thomas de Lates (rechts) baut für Helmut Ruge eine Mikrofonanlage auf. Der schaut beeindruckt zu.

Jazz- und Swing-Sänger Thomas de Lates (rechts) baut für Helmut Ruge eine Mikrofonanlage auf. Der schaut mit seiner Frau sehr genau zu.

Selbst das Problem mit dem nicht vorhandenen Mikrofon für Ruges Lesung konnte spontan behoben werden – dank des beherzten Einsatzes von Thomas de Lates, der eigentlich nur als Zuhörer gekommen war, sich aber sofort bereit erklärte, nach Hause zu fahren und seine Mikrofonanlage zu holen. Thomas de Lates, von Beruf IT-Journalist, ist ein leidenschaftlicher Sänger und bezeichnet sich auf seiner Homepage selbst als “Münchens Schmuse-Bariton für Jazz und Swing”. Als solcher tritt er seit 2003 reglmäßig öffentlich auf – und verfügt über eine Mikrofonanlage allererster Sahne, die er herbeischaffte und aufbaute, so dass wir technisch dann doch noch bestens gerüstet waren.

Geht doch!

Geht doch!

Und so war Helmut Ruge, der gebürtige Stuttgarter, bis in den hintersten Winkel der Bar zu hören, als er sich seinen bitteren Spottreim auf die Finanzkrise machte oder (auf gut zugroast Bairisch) seinen vor Tatkraft strotzenden “Lebensblues” losließ:

“Ich brauch a Leben in meim Leben / und koa Friedhofsruha. / Ich muass es kracha lassn, / weil I wui, dass sich was rührt. / Bis mi der Deifi, der oide Hund, / aufn Anger führt …”

In seinem “Zeit”-Gedicht wiederum, in welchem Ruge, der selbst ernannte “Maultaschenphilosph”, Gedanken über die Zeit anstellt (man kann sie totschlagen/ einhalten/ festhalten/ schinden … oder auch finden), baute er mit dem Schluss-Satz “Und jetzt ist Dössel-Zeit” sogar ein Extra-Zeitfensterchen für die Salon-Bäuerin ein. Was natürlich sehr charmant war.

Salongäste lauschen Ruges Vortrag

Salongäste lauschen Ruges Vortrag

Nach seinem letzten offiziellen Bühnenprogramm “Mit Siebzig in die Kurve” schlägt Ruge nun immer stärker den Weg ins Lyrisch-Philosphisch-Aphoristische ein. Das steht ihm gut. Am kommenden Montag, den 7. Februar, feiert er seinen 71. Geburtstag … und zwar mit einem Lyrik- und Chanson-Abend in der Aurora Bar, mit dem er gewissermaßen (so entnehme ich es der Einladung) eine “neue Schaffensphase” eröffnen möchte. Für diesen Weg, lieber Herr Ruge, wünsche ich Ihnen auf alle Fälle schon mal viel Erfolg und Glück!

Tja, und dann der wilde Hannes Beckmann, der nicht umsonst den Beinamen “Teufelsgeiger” trägt – einer der besten Jazzgeiger, die es gibt. Früher, als ich als Pauschalistin noch für die “Münchner Kultur” arbeitete, hab ich hin und wieder über ihn geschrieben. Daher kennen wir uns. Und dann sind wir uns ganz zufällig vor zwei Monaten im “Kalypso” wieder begegnet …

Hannes Beckmann lässt die Saiten glühen

Hannes Beckmann bearbeitet die Saiten

Immer noch voller Leidenschaft, dieser Mann. Und immer wieder mitreißend, mit welchem Furor und Temperament er sich seinem Instrument hingibt. Wie ein Rennfahrer, der sich mit dem Fuß auf dem Gasdpedal volle Pulle in die Kurven legt … mit geschlossenern Augen sich ganz dem Gefühl des Augenblicks hingebend. Wenn Beckmann spielt, ist das Ekstase pur.

Die Salon-Bäuerin mit Edgar Wilson und Hannes Beckmann

Die Salon-Bäuerin mit den Musikern Edgar Wilson und Hannes Beckmann

Schon toll, was er an dem Abend abgeliefert hat. Seine Stücke sind extrem stilübergreifend und verbinden ethnische Einflüsse aus Mitteleuropa, dem Balkan, Brasilien, Afrika und fast aller Herren Länder mit Elementen der Klassik und des Jazz.

So ist auch sein Weltmusikprojekt “Canto Migrando” entstanden, aus dem er beim Salon frei variierend was vortrug: eine von Beckmann komponierte “Suite für großes, ungewöhnlich besetztes Orchester”, von der es eine Live-Aufnahme auf CD gibt – mit Instrumentalsolisten aus sieben Ländern und drei Kontinenten, Orchester, Chor und etlichen migrantische Jugendlichen. Inspiriert wurde Beckmann dazu durch die zunehmend orientalischen Einflüsse im Münchner Westend, dem Viertel um die Landwehrstraße, in dem er wohnt.

Salongastrunde mit Michaela Metz, Sabina Sakoh, Franz Meiller, Frederik Mayet und Laura Weissmüller

Salongastrunde mit Michaela Metz, Sabina Sakoh, Franz Meiller, Frederik Mayet und Laura Weissmüller

Klezmer, Jazz, Balkan Gipsy, europäische, orientalische und arbische Rhythmen – alles vermischt sich in dieser eklektizistischen Großkomposition zu einer monumentalen, manchmal auch etwas schrägen, um nicht zu sagen: kruden Vielstimmigkeit, in der eine gefühlsselige “Migration Hymn” mit Rapper-Text genauso Platz hat wie ein jazzig-fetziger Konzerttango.

.Edgar Wilson spielt noch ein bisschen ... und fliegt mich zu dem Mond

.Edgar Wilson spielt noch ein bisschen ... und fliegt mich zu dem Mond

Zu meinem Geburtstag gab es um Mitternacht noch eine Extra-Einlage, und auch der unermüdliche Tastenvirtuose Edgar Wilson gab spät noch ein Special-Wunschkonzert.

War sehr schön! Danke allen. Der Salon lebt.

Selbst der Oberammergauer Jesus (vulgo: Frederik Mayet) war da. Denn wo zwei oder drei im Namen der Kultur versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen.