Ganz Augsburg stand gestern im Zeichen des DFB-Pokal Viertelfinales. Ganz Augsburg? Jawohl! Im Goldenen Saal des Rathauses kam am frühen Abend zwar eine illustre Schar unbeugsamer Kulturliebhaber zusammen, die das entscheidende Pokalspiel zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Köln ausließ (wenn nicht vereinzelt sogar kalt ließ), um der Verleihung des Bertolt-Brecht-Preises 2010 beizuwohnen. Aber da nun mal dieser Preis an den Münchner Schriftsteller und Theaterautor Albert Ostermaier ging, blieb der Fußball auch in diesem ehrwürdigen Rahmen keineswegs ausgespart.

Preisträger Albert Ostermaier
Ostermaier praktiziert diese Sportart nicht nur als Torwart der Autorennationalmannschaft, er kultiviert und poetisiert sie auch als Dichter. So hat er zum Beispiel schon mal eine “Ode an Kahn” verfasst. Ja, man kann wohl sagen: Ostermaier liebt den Fußball mindestens so leidenschaftlich, wie er Brecht liebt. Eine Ahnung davon bekam man in der anspielungsreich komischen, wohl nur den eingeweihten Team-Spielern ganz verständlichen Laudatio des Münchner Krimi-Autors Friedrich Ani: “Die Bank – Ein Spiel in Stimmen zu Ehren des Dichters Albert Ostermaier” nannte er das sprachgeschickt ins Absurde dribbelnde Dramolett zu Ehren seines Freundes. Darin holt er den dichtenden Torwart Ostermaier von der Ersatzbank auf das Sprachfeld des Erfolges, auf dem dieser mit traumwandlerischer Sicherheit einen Pokal nach dem anderen holt: vom Kleist- und Toller-Preis bis hin jetzt zum Augsburger Brecht-Preis. Es treten in diesem Fußballstück auf: Ostermaier – Hansameyer – Libuda – Buddha – Masseurin – Masseuse – Onetti – Herr Achternbusch – Frau Haushofer – Zwei Bühnenarbeiter – Balljunge – Der Mann. Den Prolog spricht “Der Mann”, und zwar mit Albert-Ostermaier-Maske in einem leeren Stadion:
“An seinen Stücken zerschellen die Gehirne von Regisseuren und Intendanten und Dramaturgen und Kritikern, zerschellen und liegen herum in der Rollkragenpulloverwelt. Und jeder schneidet sich an den Scherben und flucht und winselt und blutet und verachtet sein Blut. Anstatt sich das Herz herauszureißen und es ins Drama zu schleudern, mit großer Gebärde, mutvoll und übermütig, auf dass es zu ihnen zurückrase und in ihnen einschlage wie ein lodernder Meteor, wickeln sie es in Butterbrotpapier und fächern sich allen Ernstes mit einem Fetzen Gehirn Luft zu und sind einer Meinung. (…) Von der Sehnsucht des Torwarts, das unhaltbare Leben mit beiden Händen fliegend zu umfassen und nie mehr loszulassen, nie mehr loszulassen – davon verstehen sie nichts auf den Rängen, sie applaudieren aus Gewohnheit und weil sie es können. Sie hängen ihm Preise um, weil sie es gern sehen, wenn er den Kopf vor ihnen beugt. (…)”
Und hier noch ein kleiner Szenen-Auszug aus Anis Dramolett:
LIBUDA
Ist das schwer: dichten?
OSTERMAIER
Es ist die Hölle.
BUDDHA
Immer diese katholischen Wahnvorstellungen.
LIBUDA
Lass ihn ausreden, Fettsack.
Buddha lächelt.
LIBUDA
Haben sie dich gezwungen, Dichter zu werden?
OSTERMAIER
Schreiben ist Notwehr, Schreiben ist der Strafraum, wenn dir einer zu nahe kommt, ziehst du die Notbremse. Und dann hältst du eigenhändig den Elfmeter. So läuft das.
HANSAMEYER
Bei mir hat er keinen einzigen Elfmeter gehalten. Er trinkt aus der Flasche.
OSTERMAIER
Weil mir die Stürmer egal waren. Ich ließ sie ins Leere laufen. Wenn der Schiri dann trotzdem pfiff, war er eine Pfeife, da blieb ich auf der Linie stehen und schrieb mein nächstes Stück. Die meisten Schiedsrichter sind blind, taub, dement und bestochen. Das wär eine Mannschaft für dich, Hansameyer, mit denen könntest du übers Kuckucksnest fliegen und sie mit deiner Taktik terrorisieren.
Herr Achternbusch tritt auf. Er trägt einen Zylinder und hat ein Messer in der Hand.
HERR ACHTERNBUSCH
Wer ist hier bestochen? Trau dich doch. Ich stech dich ab, du bist nicht der erste.
LIBUDA
Sie hab ich schon mal gesehen. Haben Sie nicht eine Talkshow bei Pro7?
HERR ACHTERNBUSCH
Sie brunzen ja aus dem Mund, Sie Depp.
LIBUDA
Ich glaub, ich habe Sie mit Arabella Kiesbauer verwechselt.
MASSEUSE
Is die oiwei no so schwarz?
OSTERMAIER
Herr Achternbusch hat schon mit Beckett Whiskey getrunken.
LIBUDA
Mit wem?
OSTERMAIER
Beckett.
LIBUDA
Mit wem hat der gespielt?
OSTERMAIER
Godot.
LIBUDA
Bordeaux?
OSTERMAIER
Godot.
HERR ACHTERNBUSCH
Wen muss ich jetzt erstechen?
OSTERMAIER
Mich.
HERR ACHTERNBUSCH
Sie sind doch ein bayerischer Dichter, Sie kann ich nicht abstechen, da geniere ich mich, ich würde lieber einen bayerischen Schauspieler abstechen.
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Bertolt Brecht war ja eher dem Boxsport zugeneigt. Aber Albert Ostermaier musste gar keine großen Haken schlagen, um in seiner Dankesrede den geschätzten B.B. mit dem Fußball zusammen- und sogar noch DFB-Präsident Theo Zwanziger mit reinzubringen:
“Fußball ist wie Brecht, man weiß nie aus welcher Richtung der Ball kommt. Fußball ist politisch. Und das möchte ich hier einmal voller Bewunderung sagen: niemand weiß so aufrichtig, so mutig und entschieden, so geballten Herzens mit dem Fußball für das zu kämpfen, für das auch Brecht kämpfte, wie Theo Zwanziger. Sein Einsatz, seine Haltungsstärke gegen Diskriminierung und Rassismus, seine fordernden Freundlichkeit, das finde ich sehr brechtisch. Und er hätte es auch geschafft, dass sich Brecht für Fussball begeistert und uns in der Autorennationalmannschaft die Stammplätze streitig macht mit seinen Übersteigern und Traumpässen in die Tiefe des Raums.”
Überhaupt war das eine sehr schöne und sehr persönliche Dankesrede, in der Ostermaier den gebürtigen Augsburger Brecht als einen Dichter würdigte, der ihn von Anfang an fasziniert und ihn gelehrt habe, „das Leben zu lesen“:
“Brecht begeisterte mich von Anfang an, schon von der ersten Zeile an. Dieser junge Brecht, der sich als Marke inszenierte: der zu große Ledermantel, der geschorene Kopf, die lässige Beiläufigkeit, die provokanten Augen, die Verse wie präkordiale Faustschläge auf die Stillstandsseligkeit der Gesellschaft. Diese gespannten Sehnen kurz vor dem Sprung. Die Kälte aus den Gefrierkammern zwischen seinen Herzwänden. Der Sound seiner Zeilen, wie auf Stahlsaiten geschrieben, die Gitarre, die knurrige Stimme. Die schnellen Autos, die wechselnden Verträge, die Frauen und Lieben. Die Furchtlosigkeit vor dem Trivialen, der Hass auf das Bestehende und die Stehengebliebenen. Wenn man ihn so sieht und hört, den jungen Brecht, dann denkt man nicht, wie lange das her ist. Er liegt für mich weniger weit zurück als meine eigene Kindheit. Er ist jung geblieben und wird nicht älter, er bleibt Zeitgenosse. Man möchte ihn anrufen. (Er schriebe eine SMS zurück).
Brecht war von Anfang an Pop, ein Beatle vor den Beatles, ein Punk vor den Punks, ein Gangsterrapper vor allen Gangsterrappern, er hatte von Anfang an Streetcredibility und seine Hauspostille ist immer noch das beste Songbook, das es gibt. Unzählige junge Dichter haben und werden nach diesen Buch das Schreiben lernen und die Musikalität der Sprache. Und die Kraft, zu benennen und die Welt als veränderbar zu erfinden.”
Zuvor hatten im kalten, aber sehr prunkvollen Goldenen Rathaussaal, diesem Kulturdenkmal der Spätrenaissance, jene Schauspieler aus Gedichten von Brecht und Ostermaier vorgelesen, die trotz der Winterhindernisse nach Augsburg durchgekommen waren: Hannelore Elsner, Birgit Minichmayr und Axel Milberg. Minichmayr musste in Jeans auftreten, weil ihr Koffer mit dem kleinen Schwarzen nicht vom Flieger mitgeliefert wurde. Thomas Thieme hatte krankheitsbedingt ganz abgesagt. Aber es war ja die Grünen-Politikerin Claudia Roth da, die hat dann auch was mit vorgelesen. Ich bin leider mit meinem SZ-Kollegen Gerhard Matzig aufgrund von Stau und Schnee zu spät gekommen – und habe die ganze lyrische Vortragsrunde samt der Begrüßungsworte des Augsburger Oberbürgermeisters verpasst.

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall
Die Jury-Begründung habe ich aber mitbekommen. Darin hieß es, Albert Ostermaier sei ein Dichter sui generis, der in der kritischen Tradition Brechts stehe. Seine Werke seien “Kompositionen, in denen die Grenzen von Lyrik, Dramatik und Epik im doppelten Sinn aufgehoben” seien. Ostermaier besteche durch „Inhalte, die das Gegenwärtige erfassen und transzendieren“ sowie durch eine „hochdifferenzierte formale Struktur“. Der Jury gehörten u. a. die Literaturwissenschaftler Uwe Wittstock und Mathias Mayer, der Suhrkamp-Lektor Jürgen Drescher und die Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall an. Der Preis, der nur alle drei Jahre verliehen wird, ist mit 15 000 Euro dotiert. Frühere Preisträger waren Franz Xaver Kroetz, Christoph Ransmayr, Robert Gernhardt, Urs Widmer und Dea Loher.
Mit der Vergabe dieses Preises an Albert Ostermaier schloss die Stadt Augsburg wieder jenen Leiter ihres Brecht-Festivals in die Arme, den sie 2008 abgeschossen hatte. Damals wollte der Augsburger Kulturreferent Ostermaier nach dreijähriger Tätigkeit partout nicht als Festivalchef verlängern. Jetzt wurde dem vormals Geschassten vom Oberbürgermeister bescheinigt, er habe mit seinem “ABC-Festival” das Brecht-Bild in der Stadt entkrampft: „Durch ihn haben wir gelernt, den Stückeschreiber lebendig und zeitgemäß zu würdigen.“ Ostermaier, nun doch noch glücklicher Pokalsieger, bedankte sich herzlich und schien sich wirklich und aufrichtig zu freuen. Am Ende seiner Dankesrede sagte er:
Nichts ist so erfreulich und herzerfrischend wie eine unerwartete Freundlichkeit. ‘Und nimm dir sein Geld’, schreibt Brecht, ‘Du darfst es.’
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Preisträger Albert Ostermaier
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Preisverleihung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses
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Die berühmte Kassettendecke – Spätrenaissance
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Münchner Literaten: Friedrich Ani, Armin Kratzert
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Der Preisträger
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Claudia Roth … durfte natürlich nicht fehlen
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Stefan Gabányi (Schumann´s), Jürgen Drescher (Suhrkamp), Albert Ostermaier
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Hannelore Elsner
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Axel Milberg mit den Damen vom Catering (Fotos: cd)