05.03.10 | 19:24 | Literatur | Preview | Theater | Kommentare 4 Kommentare

Helene Hegemanns “Axolotl” als Theaterstück

Axolotl

Das war ja nur eine Frage der Zeit: Helene Hegemanns entzauberter Wunderkind-Roman „Axolotl Roadkill“ kommt auf die Bühne! Das Hamburger Thalia Theater war am schnellsten und hat angeblich schon mit der Autorin über sein Inszenierungsvorhaben gesprochen … damit war die Bühne flinker noch als die Filmleute, die mit Sicherheit auch bald zuschlagen und bestimmt schon mit Vater und Tochter über die Drehbuchrechte verhandeln. Details zur geplanten Premiere gibt es vom Thalia Theater allerdings noch nicht. „Wir stecken noch in der Planung“, verkündete Sprecherin Ursula Steinbach heute über die Nachrichtenagentur DAPD. Anfang April werde das Theater dann mehr Infos rauslassen. Jetzt erst mal das Revier markieren und sich die Aufmerksamkeit sichern!

Eine 16-Jährige, sich selbst verlierend in einer Welt aus Sex, Exzessen, Drogen … fragt sich, wer der Regisseur/die Regisseurin der “Axolotl”-Bühnenadaption sein wird. René Pollesch, dessen entfesseltes Diskurshysterietheater die Dramaturgentochter Hegemann an der Berliner Volksbühne ja offenbar schon im zarten Kindesalter geprägt hat, René Pollesch inszeniert ja immer nur seine eigenen Texte und kommt damit also nicht in Frage … (und jene Verschwörungstheorie, die da besagt, das Buch “Axolotl Roadkill” sei ein Gemeinschaftswerk von theoriegestählten, mit Agamben und Foucault gewappneten Volksbühnen-Künstlern, ist ja wohl doch etwas abenteuerlich). Schlingensief hat genug zu tun mit seinem Opernhausbau in Burkina Faso, und Volksbühnen-Chef Frank Castorf wird wohl kaum in Hamburg beim Intendantenkollegen Joachim Lux inszenieren. Von dessen hauseigener Regisseursriege kommt wohl am ehesten Stefan Pucher in Frage, der ist Popregisseur genug und dürfte auf dem Gebiet des Drogenkonsums ausreichend Feldsstudienerfahrung mitbringen, um auf der Bühne mal so richtig das Berghain abgehen zu lassen. Sein aktuelles Projekt, das morgen am Thalia Premiere hat, heißt “Andersen – Trip zwischen Welten” und führt in die psychedelische Welt des Märchenschöpfers Hans Christian Andersen – für Pucher ein “Realitätstransformator auf Dauerstrom”. Wenn das kein halluzinogener Einstieg für “Axolotl Roadkill” ist!

13.02.10 | 16:41 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Publikationen | Kommentare 0 Kommentare

Helene Hegemann und der Schattenmann

Mein SZ-Kollege Thorsten Schmitz hat den Blogger Airen besucht, nachzulesen im Feuilleton der aktuellen Printausgabe (“Der Schattenmann”) und hier. Airen bleibt nach wie vor anonym. Sein aus seinem Blog hervorgegangenes Buch “Strobo”, aus dem Helene Hegemann ohne irgendwelche Verweise abgeschrieben hat, ist inzwischen vergriffen. Es ist in einer Auflage von nur 300 Exemplaren in dem kleinen Underground-Verlag Sukultur erschienen. Wäre nicht Hegemanns Plagiat aufgeflogen, hätte wohl kaum jemand davon Notiz genommen.

Dass Airen jetzt ein Stück des Kuchens abkriegt, wäre ihm schwer zu wünschen. Die Grundzutaten stammen schließlich von ihm, auch wenn ganz andere den Erfolg gebacken haben. Mit dem Ullstein-Verlag, in dem Helene Hegemanns “Axolotl Roadkill” erschien, wurde vereinbart, dass in künftigen Ausgaben jene Passagen erwähnt werden, die aus “Strobo” stammen. Angeblich will Ullstein dem Sukultur-Verlag auch eine kleine vierstellige Summe zahlen und von Herbst an “Strobo” in Lizenz als Taschenbuch herausgeben. Airen selbst darf über das Abkommen nicht reden. Über Hegemann, deren Buch er gut findet, sagt er: “Ich bin nicht sauer, dass sie von mir kopiert hat. Aber zu sagen, Kopieren sei ein Remix, ist nicht fair.”

Thorsten Schmitz´ Besuch bei Airen, findet an jenem Donnerstag statt, an dem Helene Hegemann in der Show von Harald Schmidt auftritt (siehe meinen vorherigen Blog-Eintrag). Airen sitzt vor dem Fernseher und sieht, wie er von Schmidt als der eigentliche Plagiator durch den Kakao gezogen wird. Sein Kommentar: “Was ist denn das für ein Scheiß!” Es gilt auch hier die alte Spruchweisheit: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen … Unfair? Aber ja! Airen moniert auch zurecht, dass Harald Schmidt das Buch von Hegemann mehrmals in die Kamera gehalten hat “und meines überhaupt nicht”. Und auch Hegemann hat seinen Namen wieder mal nicht erwähnt.

Die einen steh´n im Dunkeln, die andern steh´n im Licht, und man ehrt nur die im Lichte, die im Dunkeln ehrt man nicht … (Geklaut von Brecht und leicht abgewandelt.) Ist nun mal so. Auch wenn es hier gerade das Berghain-Dunkle ist, was da im Scheinwerferspot des Literaturbetriebs so gefeiert wird. Und die strahlende Jugend der Autorin natürlich. Unter dem Pseudonym Axel Lottel nimmt sich heute in einem Text in der Frankfurter Rundschau “ein prominenter Literaturkritiker, der namentlich nicht genannt werden möchte” (warum eigentlich nicht?), die unglückliche Rolle der Kritik in dieser Sache vor. Er schreibt:

“Hegemann ist denn auch gar nicht das Problem. Das Problem ist die Kritik. Der Literaturbetrieb zeigt sich in der gesamten Affäre in neuer Deutlichkeit. Der Literaturbetrieb, das ist das Peinliche, an das niemand rühren möchte, ist seinen eigenen Fiktionen aufgesessen. Der Literaturbetrieb hat sich eine junge Autorin einverleibt, die genau die Anforderungen erfüllte, von denen der Betrieb träumt.”

Zu der Frage übrigens, welche Rolle Papa Hegemann bei der Erfolgsgeschichte seiner Tochter spielt, muss man ganz klar sagen: selbstverständlich eine große. Professor Carl Hegemann, einst Chef-Ideologe an Castorfs Berliner Volksbühne, ist in der Theater-, Literatur- und Kunstszene super vernetzt und geschätzt. Und natürlich hat er seiner Tochter nicht nur für ihr Buch und dessen Besprechung zu wertvollen Kontakten verholfen, sondern ihr als Vater immer schon ein intellektuelles, künstlerisch-kreatives Umfeld und den damit zusammenhängenden Erfahrungs- und Wissensschatz geboten. Darauf mag neidisch sein, wer mag. Aber das kann man der davon profitierenden Tochter nun wirklich nicht vorwerfen.

Ich habe Helene Hegemann im März letzten Jahres am Wiener Burgtheater bei der Premiere von Schlingensiefs “Mea Culpa” kennen gelernt. Carl Hegemann war der Dramaturg der Produktion und hat seine Tochter damals allen möglichen Leuten vorgestellt: als 16-Jährige, die gerade einen tollen Film gemacht habe (“Torpedo”). Carl Hegemann schwärmte so begeistert davon, und andere, die den Film oder zumindest die begabte Tochter schon kannten, stimmten so bedeutsam raunend ein, dass ich mir das sogar auf einem Zettel notierte: Helene Hegemann “Torpedo”. Ich muss den Zettel dann verloren haben, jedenfalls vergaß ich die Begegnung – erst durch ihr Buch und die ganze Publicity stieß ich wieder auf das “Wunderkind” Hegemann.

Das Mädchen hat zweifellos eine Begabung, wenn auch nicht gerade zur Ehrlichkeit. Aber sie hat ja noch viel Zeit, sich zu entwickeln: als eigenständige Literatin wie als Mensch.

12.02.10 | 13:15 | Dichtung & Wahrheit | Fernsehkultur | Literatur | Kommentare 20 Kommentare

Helene Hegemann bei Harald Schmidt

Das Copy & Paste-Genie Helene Hegemann war gestern bei Harald Schmidt (siehe “Eine kleine Nachtkritik” von Ruth Schneeberger). Hab´s leider verpasst, weil ich im Real Life unterwegs war. Aber man konnte es ja nachsehen auf der Website des Ersten. (Meistens gibt´s von den Gastauftritten ein Extra-Video. Hier nicht. Man muss die ganze Sendung aufrufen -- und dann vorspulen auf 31:15, da beginnt der Hegemann-Auftritt. Hier der Link -- das Video ist  leider nur bis zum 26. Februar verfügbar.)

Inzwischen kann man den Auftritt bei YouTube sehen, aufgeteilt auf zwei Videos:

Lustig -- nein, eigentlich doch eher peinlich, wie onkelhaft sich Harald Schmidt an die 17-Jährige ranschmeißt. Mit so einer altväterlichen, hyperaffirmativen Bewunderung und Ergebenheit (“Bist Du wirklich erst siebzehn?????”, fünf Fragezeichen in der säuselnden Stimme) … iiieh! Diese anbiedernde Lobhudelei. Und dazu dieser Teddybärblick! (Wahrscheinlich hat er die Tochter nur in die Sendung gekriegt, indem er Papa Hegemann, dem Dramaturgie-Intellektuellen,  absolute Freundlichkeit und Jugendschutz garantierte). Immer wieder nennt er Hegemann “sehr intelligent, sehr eloquent”, eine “extrem eloquente, sehr wache junge Frau” (Sie, geschmeichelt: “Findest du?”). Ja, findet er. Und er findet es auch “total sympathisch, wie du dich präsentierst”. Er schilt mit semidramatischer Übertreibung die Medien (“schlimm!”), und ob er mal sagen solle, wie er, Schmidt, “die Situation” einschätze? Nämlich so: Die “Literatur-Mafia” (sic!) brauche “dringend eine Nachfolgerin für Charlotte Roche, medientechnisch”. Als Helene Hegemann später sagt, sie sei so aufgeregt, witzelt Schmidt: “Du kannst froh sein, dass Du nicht bei Wetten dass bist, da würde der Moderator schon auf dir sitzen!” Ha ha, dabei sitzt er doch selber schon bei Hegemann auf dem Schoß, medientechnisch.

Helene Hegemann  (Foto: dpa)

Helene Hegemann (Foto: dpa)

Die betont forsche Helene ist indes sichtlich um ihr Erscheinungsbild bemüht. Rechts neben ihr scheint sich ein Monitor zu befinden, in dem sie sich selber sieht. In den blickt sie immer wieder wie in einen Spiegel und nestelt ständig an ihrem (betont ungekämmten) Haar rum -- das heißt: wenn sie nicht gerade (betont burschikos) die Arme in die Hüften stemmt. Schmidt macht sich über die Journalisten lustig, die in den Porträts über Hegemann immer von ihren Haaren schreiben. Aber das mit den Haaren hat, wie man hier sehr schön sehen kann, schon seinen berechtigten Grund (und auch Schmidt muss HH auffordern, die Haare bitte vom Mikro wegzunehmen). Das Mädchen selbst sagt: “Die Haare zeigen meine Stimmung an”, das sei in der Gestik (also an welcher Strähne sie wann zieht und so) “alles viel subtiler”, als man vielleicht vermute.

Na ja, sie ist halt doch noch ein Teenager, das darf man nicht vergessen. Auch wenn man natürlich über vieles, was sie da bei Schmidt im Gestus der Abgeklärten äußert (viel Hohles und viel Widersprüchliches, alles wortreich verpackt), schon ein bisschen spotten möchte. Etwa über ihre Gedächtnislücken, Passagen ihres eigenen Buches betreffend. Oder darüber, dass Schmidt sie beim Stichwort Giorgio Agamben (René Polleschs Lieblingsphilosophen, den sie naseweiß in ihrem Buch namedroppen lässt) völlig blank antraf -- was vielleicht sogar eine Falle war. Hegemann versuchte die aufziehende Peinlichkeit dann cool aufzufangen mit den Worten: “Du, also bitte, nicht hier …” *Grins* Sehr aufschlussreich auch, was sie über den Berliner Superclub Berghain zu sagen hat, das Zentrum der von ihr in “Axolotl Roadkill” beschriebenen Drogen-, Sex- und Partyrausch-Exzesse: “… also es hat ein Konzept meines Erachtens. Ich weiß nicht genau, was für eins, aber es ist irgendwie da …” Ah ja.

Den Spott kriegte bei Harald Schmidt der Blogger und Buchautor Airen ab, von dem Helene Hegemann so arg- und hemmungslos geklaut hat. In einem Interview-Sketch (“Wer schreibt von wem ab?”) vor Hegemanns Auftritt wurde Airen, der nach wie vor anonym bleiben will, selber als Plagiator vorgeführt (wahrscheinlich weil er in seinem Buch “Strobo” Ernst Jünger erwähnt und in seinem Blog mal ein Gedicht von Gottfried Benn zitiert). Mit verstellter Stimme und schwarzem Pappbalken vor dem Gesicht verhohnepiepelte der Stuttgarter Schauspieler Christian Brey (Schmidts Regisseur im Stuttgarter “Hamlet”-Musical) diesen Blogger, der hier unter dem Pseudo-Pseudonym “Ayran” firmiert, als einen unbedarften Literaturdieb, der sich frisch und frei aus berühmten Werken bedient. Etwa aus Kafkas “Die Verwandlung” (“Als Gregor Samsa aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seiner eigenen Kotze wieder”) oder aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf” (“Ich mache mir die Welt ficke-ficke wie sie mir gefällt”) oder aus einem berühmten Rilke-Gedicht (“Wer jetzt kein Berghain hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt nicht reinkommt, bleibt für immer draußen.”).  Auf diese Weise kam das -- im Gespräch mit der Abschreiberin freundlichst ausgeparte -- Thema Plagiat zumindest mal vor in dieser Hegemann-Feier-Sendung, wenn auch in absoluter Verdrehung des Tatbestandes unter dem Deckel der Satire.

Der wahre, angesichts des medialen Wirbelsturms um ihn herum erstaunlich gelassene Airen kommt heute (unbekannt bleibend) in einem Interview in der FAZ zu Wort. Lesenswert!

Unbedingt auch den darunter stehenden Zitate-Vergleich ansehen! Auch wenn da (für die zartbesaiteten FAZ-Leser) steht: “Warnung: Die Zitate sind teilweise sexuell sehr explizit und könnten die Gefühle der Leser verletzen …” Die Kollegen haben sich die Mühe gemacht, Hegemanns “Axolotl Roadkill” mit Airens Buch “Strobo” und seinem Blog parallel zu lesen -- und dann haben sie alle ähnlichen Stellen aufgelistet: von schamlos abgekupfert bis leicht abgeändert. Ganz schön eindrucksvolle Diebstahlsliste!  (Siehe dazu auch Deef Pirmasens, der in seinem Popkulturblog “Die Gefühlskonserve” die Plagiatsvorwürfe als erster geäußert hat). Im direkten Vergleich wird einem erst richtig klar, was sich die kleine Hegemann da buchstäblich herausgenommen hat. Wie sie sich nicht nur die Sprache eines anderen, sondern auch dessen Lebensgefühl, dessen Erfahrungen, dessen gelebtes Leben aneignet. Und das originalgeniehaft als was (literarisch) Eigenes ausgibt. Schon dreist. Mit dem Verweis auf “Intertextualität” und den Mashup-Praktiken im Internetzeitalter jedenfalls ist das nicht hinreichend zu rechtfertigen …

Wer erwartet haben sollte, die Textdiebin Hegemann würde den Fernsehauftritt nutzen, um sich mehr oder weniger zerknirscht zu entschuldigen oder ihre Sicht der Dinge klarzumachen, lag falsch. Dafür entschuldigt sich der Blogger Don Alphonso im Namen des Feuilltons “beim Internet” für das “komplette Versagen” des Kulturbetriebs, nachzulesen hier.

“Das ist kein Roman, das war mein Leben”, sagt Airen im FAZ-Interview. “Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt.” Er sagt das ohne Wut und Vorwürfe. Und er erzählt, dass er keinen seiner Texte nüchtern geschrieben habe, das Buch sei “im Rausch erlebt und im Rausch geschrieben” -- das musste irgendwie raus. “Was ich geschrieben habe, habe ich durchlitten.”

Hier der Trailer zu “Strobo -- Technoprosa aus dem Berghain”:

Ganz anders Helene Hegemann: Bevor sie schreibe, so erzählte sie bei Schmidt, gehe sie am liebsten erst mal joggen. Sie brauche da “gar nicht diesen Leidensdruck”. Gut, das zu hören. Frische Luft und Bewegung! Man hatte sich ja schon Sorgen gemacht um dieses womöglich heillos abgefuckte, den Drogen und Sünden der Nacht verfallene Dramaturgen-Kind. Die Arme hat nun zwar “den Glauben an seriöse Berichterstattung verloren” (“Es gibt da überhaupt keinen Zweifel für den Angeklagten!”) -- aber ansonsten gehe es ihr “hervorragend”. Aber irgendwie auch wieder nicht (“Ich bin vollkommen überfordert…”).

Jedenfalls: Wenn sie das alles “halbwegs überstanden” habe, dann werde sie wahrscheinlich zur Bundeswehr gehen. Sagte sie wirklich. Und das ist, bei näherer Betrachtung, vielleicht gar keine schlechte Idee: Bei der Bundeswehr kann sie für das nächste Buch jene harten Extremerfahrungen sammeln, die sie jetzt noch klauen musste. Rohe Schweineleber essen, saufen bis zum Umfallen … wenn sie da erst mal durch ist, schreibt sich das nächste Buch ganz von alleine.

11.02.10 | 13:00 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

Pokalfinale: Brecht-Preis für Albert Ostermaier

Ganz Augsburg stand gestern im Zeichen des DFB-Pokal Viertelfinales. Ganz Augsburg? Jawohl! Im Goldenen Saal des Rathauses kam am frühen Abend zwar eine illustre Schar unbeugsamer Kulturliebhaber zusammen, die das entscheidende Pokalspiel zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Köln ausließ (wenn nicht vereinzelt sogar kalt ließ), um der Verleihung des Bertolt-Brecht-Preises 2010 beizuwohnen. Aber da nun mal dieser Preis an den Münchner Schriftsteller und Theaterautor Albert Ostermaier ging, blieb der Fußball auch in diesem ehrwürdigen Rahmen keineswegs ausgespart.

Preisträger Albert Ostermaier

Preisträger Albert Ostermaier

Ostermaier praktiziert diese Sportart nicht nur als Torwart der Autorennationalmannschaft, er kultiviert und poetisiert sie auch als Dichter. So hat er zum Beispiel schon mal eine “Ode an Kahn” verfasst. Ja, man kann wohl sagen: Ostermaier liebt den Fußball mindestens so leidenschaftlich, wie er Brecht liebt. Eine Ahnung davon bekam man in der anspielungsreich komischen, wohl nur den eingeweihten Team-Spielern ganz verständlichen Laudatio des Münchner Krimi-Autors Friedrich Ani: “Die Bank – Ein Spiel in Stimmen zu Ehren des Dichters Albert Ostermaier” nannte er das sprachgeschickt ins Absurde dribbelnde Dramolett zu Ehren seines Freundes.  Darin holt er den dichtenden Torwart Ostermaier von der Ersatzbank auf das Sprachfeld des Erfolges, auf dem dieser mit traumwandlerischer Sicherheit einen Pokal nach dem anderen holt: vom Kleist- und Toller-Preis bis hin jetzt zum Augsburger Brecht-Preis. Es treten in diesem Fußballstück auf: Ostermaier – Hansameyer – Libuda – Buddha – Masseurin – Masseuse – Onetti – Herr Achternbusch – Frau Haushofer – Zwei Bühnenarbeiter – Balljunge – Der Mann. Den Prolog spricht “Der Mann”, und zwar mit Albert-Ostermaier-Maske in einem leeren Stadion:

“An seinen Stücken zerschellen die Gehirne von Regisseuren und Intendanten und Dramaturgen und Kritikern, zerschellen und liegen herum in der Rollkragenpulloverwelt. Und jeder schneidet sich an den Scherben und flucht und winselt und blutet und verachtet sein Blut. Anstatt sich das Herz herauszureißen und es ins Drama zu schleudern, mit großer Gebärde, mutvoll und übermütig, auf dass es zu ihnen zurückrase und in ihnen einschlage wie ein lodernder Meteor, wickeln sie es in Butterbrotpapier und fächern sich allen Ernstes mit einem Fetzen Gehirn Luft zu und sind einer Meinung. (…) Von der Sehnsucht des Torwarts, das unhaltbare Leben mit beiden Händen fliegend zu umfassen und nie mehr loszulassen, nie mehr loszulassen – davon verstehen sie nichts auf den Rängen, sie applaudieren aus Gewohnheit und weil sie es können. Sie hängen ihm Preise um, weil sie es gern sehen, wenn er den Kopf vor ihnen beugt. (…)”

Und hier noch ein kleiner Szenen-Auszug aus Anis Dramolett:

LIBUDA

Ist das schwer: dichten?

OSTERMAIER

Es ist die Hölle.

BUDDHA

Immer diese katholischen Wahnvorstellungen.

LIBUDA

Lass ihn ausreden, Fettsack.

Buddha lächelt.

LIBUDA

Haben sie dich gezwungen, Dichter zu werden?

OSTERMAIER

Schreiben ist Notwehr, Schreiben ist der Strafraum, wenn dir einer zu nahe kommt, ziehst du die Notbremse. Und dann hältst du eigenhändig den Elfmeter. So läuft das.

HANSAMEYER

Bei mir hat er keinen einzigen Elfmeter gehalten. Er trinkt aus der Flasche.

OSTERMAIER

Weil mir die Stürmer egal waren. Ich ließ sie ins Leere laufen. Wenn der Schiri dann trotzdem pfiff, war er eine Pfeife, da blieb ich auf der Linie stehen und schrieb mein nächstes Stück. Die meisten Schiedsrichter sind blind, taub, dement und bestochen. Das wär eine Mannschaft für dich, Hansameyer, mit denen könntest du übers Kuckucksnest fliegen und sie mit deiner Taktik terrorisieren.

Herr Achternbusch tritt auf. Er trägt einen Zylinder und hat ein Messer in der Hand.

HERR ACHTERNBUSCH

Wer ist hier bestochen? Trau dich doch. Ich stech dich ab, du bist nicht der erste.

LIBUDA

Sie hab ich schon mal gesehen. Haben Sie nicht eine Talkshow bei Pro7?

HERR ACHTERNBUSCH

Sie brunzen ja aus dem Mund, Sie Depp.

LIBUDA

Ich glaub, ich habe Sie mit Arabella Kiesbauer verwechselt.

MASSEUSE

Is die oiwei no so schwarz?

OSTERMAIER

Herr Achternbusch hat schon mit Beckett Whiskey getrunken.

LIBUDA

Mit wem?

OSTERMAIER

Beckett.

LIBUDA

Mit wem hat der gespielt?

OSTERMAIER

Godot.

LIBUDA

Bordeaux?

OSTERMAIER

Godot.

HERR ACHTERNBUSCH

Wen muss ich jetzt erstechen?

OSTERMAIER

Mich.

HERR ACHTERNBUSCH

Sie sind doch ein bayerischer Dichter, Sie kann ich nicht abstechen, da geniere ich mich, ich würde lieber einen bayerischen Schauspieler abstechen.

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Bertolt Brecht war ja eher dem Boxsport zugeneigt. Aber Albert Ostermaier musste gar keine großen Haken schlagen, um in seiner Dankesrede den geschätzten B.B. mit dem Fußball  zusammen- und sogar noch DFB-Präsident Theo Zwanziger mit reinzubringen:

“Fußball ist wie Brecht, man weiß nie aus welcher Richtung der Ball kommt. Fußball ist politisch. Und das möchte ich hier einmal voller Bewunderung sagen: niemand weiß so aufrichtig, so mutig und entschieden, so geballten Herzens mit dem Fußball für das zu kämpfen, für das auch Brecht kämpfte, wie Theo Zwanziger. Sein Einsatz, seine Haltungsstärke gegen Diskriminierung und Rassismus, seine fordernden Freundlichkeit, das finde ich sehr brechtisch. Und er hätte es auch geschafft, dass sich Brecht für Fussball begeistert und uns in der Autorennationalmannschaft die Stammplätze streitig macht mit seinen Übersteigern und Traumpässen in die Tiefe des Raums.”

Überhaupt war das eine sehr schöne und sehr persönliche Dankesrede, in der Ostermaier den gebürtigen Augsburger Brecht als einen Dichter würdigte, der ihn von Anfang an fasziniert und ihn gelehrt habe, „das Leben zu lesen“:

“Brecht begeisterte mich von Anfang an, schon von der ersten Zeile an. Dieser junge Brecht, der sich als Marke inszenierte: der zu große Ledermantel, der geschorene Kopf, die lässige Beiläufigkeit, die provokanten Augen, die Verse wie präkordiale Faustschläge auf die Stillstandsseligkeit der Gesellschaft. Diese gespannten Sehnen kurz vor dem Sprung. Die Kälte aus den Gefrierkammern zwischen seinen Herzwänden. Der Sound seiner Zeilen, wie auf Stahlsaiten geschrieben, die Gitarre, die knurrige Stimme. Die schnellen Autos, die wechselnden Verträge, die Frauen und Lieben. Die Furchtlosigkeit vor dem Trivialen, der Hass auf das Bestehende und die Stehengebliebenen. Wenn man ihn so sieht und hört, den jungen Brecht, dann denkt man nicht, wie lange das her ist. Er liegt für mich weniger weit zurück als meine eigene Kindheit. Er ist jung geblieben und wird nicht älter, er bleibt Zeitgenosse. Man möchte ihn anrufen. (Er schriebe eine SMS zurück).

Brecht war von Anfang an Pop, ein Beatle vor den Beatles, ein Punk vor den Punks, ein Gangsterrapper vor allen Gangsterrappern, er hatte von Anfang an Streetcredibility und seine Hauspostille ist immer noch das beste Songbook, das es gibt. Unzählige junge Dichter haben und werden nach diesen Buch das Schreiben lernen und die Musikalität der Sprache. Und die Kraft, zu benennen und die Welt als veränderbar zu erfinden.”

Zuvor hatten im kalten, aber sehr prunkvollen Goldenen Rathaussaal, diesem Kulturdenkmal der Spätrenaissance, jene Schauspieler aus Gedichten von Brecht und Ostermaier vorgelesen, die trotz der Winterhindernisse nach Augsburg durchgekommen waren: Hannelore Elsner, Birgit Minichmayr und Axel Milberg. Minichmayr musste in Jeans auftreten, weil ihr Koffer mit dem kleinen Schwarzen nicht vom Flieger mitgeliefert wurde. Thomas Thieme hatte krankheitsbedingt ganz abgesagt. Aber es war ja die Grünen-Politikerin Claudia Roth da, die hat dann auch was mit vorgelesen. Ich bin leider mit meinem SZ-Kollegen Gerhard Matzig aufgrund von Stau und Schnee zu spät gekommen – und habe die ganze lyrische Vortragsrunde samt der Begrüßungsworte des Augsburger Oberbürgermeisters verpasst.

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall

Die Jury-Begründung habe ich aber mitbekommen. Darin hieß es, Albert Ostermaier sei ein Dichter sui generis, der in der kritischen Tradition Brechts stehe. Seine Werke seien “Kompositionen, in denen die Grenzen von Lyrik, Dramatik und Epik im doppelten Sinn aufgehoben” seien. Ostermaier  besteche durch „Inhalte, die das Gegenwärtige erfassen und transzendieren“ sowie durch eine „hochdifferenzierte formale Struktur“.  Der Jury gehörten u. a. die Literaturwissenschaftler Uwe Wittstock und Mathias Mayer, der Suhrkamp-Lektor Jürgen Drescher und die Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall an. Der Preis, der nur alle drei Jahre verliehen wird,  ist mit 15 000 Euro dotiert. Frühere Preisträger waren Franz Xaver Kroetz, Christoph Ransmayr, Robert Gernhardt, Urs Widmer und Dea Loher.

Mit der Vergabe dieses Preises an Albert Ostermaier schloss die Stadt Augsburg wieder jenen Leiter ihres Brecht-Festivals in die Arme, den sie 2008 abgeschossen hatte. Damals wollte der Augsburger Kulturreferent Ostermaier nach dreijähriger Tätigkeit partout nicht als Festivalchef verlängern. Jetzt wurde dem vormals Geschassten vom Oberbürgermeister bescheinigt, er habe mit seinem “ABC-Festival” das Brecht-Bild in der Stadt entkrampft:  „Durch ihn haben wir gelernt, den Stückeschreiber lebendig und zeitgemäß zu würdigen.“ Ostermaier, nun doch noch glücklicher Pokalsieger, bedankte sich herzlich und schien sich wirklich und aufrichtig zu freuen. Am Ende seiner Dankesrede sagte er:

Nichts ist so erfreulich und herzerfrischend wie eine unerwartete Freundlichkeit. ‘Und nimm dir sein Geld’, schreibt Brecht, ‘Du darfst es.’

29.01.10 | 00:01 | Glückwunsch! | Literatur | Theater | Kommentare 0 Kommentare

In memoriam Anton Tschechow

“Du fragst, was das Leben ist? Das ist das Gleiche, als würde man fragen, was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, und das ist alles.”

Tschechow2

Vor 150 Jahren, am 29. Januar 1860, wurde im südrussischen Taganrog Anton Tschechow geboren. Laut dem im Zarenreich gültigen Julianischen Kalender war der Geburtstag zwar bereits am 17. Januar – aber egal, wir feiern ihn hier und heute: Tschechow, den genialen Menschenbeobachter, Seelenforscher, Weltschmerzanalysten, Philantrophen, Mediziner, Novellisten – einen der großartigsten, tiefgründigsten Dramatiker der Welt.

Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten? – Das ist die Frage in und hinter allen Tschechow-Dramen. “Die Möwe”, “Onkel Wanja”, “Drei Schwestern”, “Der Kirschgarten” – viel an Handlung passiert darin ja nicht. Vielmehr sitzen die Menschen darin ihr Leben aus: abwarten und Tee trinken! Dabei reden und philosophieren sie, rauchen sie und legen Patiencen, langweilen und sehnen sie sich – und immer, immer verlieben sie sich in die Falschen. Wie erbärmlich, wie lächerlich, wie ausweglos … und wie abgrundtief komisch doch! All diese Vergeblichkeitsmenschen und “Man müsste doch!”-Theoretiker, in denen wir uns selber wiedererkennen. Man fühlt sich zuhause in einem Tschechow-Stück, warm umfangen und seelisch geborgen. Und irgendwie auch getröstet … weil einem diese Menschen so nahe gehen. Weil sie einem sagen: Du bist nicht allein.

Tschechow starb am 15. Juli 1904 im deutschen Kurort Badenweiler an Tuberkulose. Er wurde nur 44 Jahre alt. Es wird kolportiert, dass unmittelbar nach seinem letzten Atemzug die legendäre Champagnerflasche, die neben seinem Bett stand, regelrecht explodierte: Der Korken öffnete sich wie von Geisterhand und soll wie ein Raketengeschoss durch die Luft geflogen sein. Wie passend für einen Dramatiker, bei dem jede Tragödie den Kern einer Komödie birgt. Zum Schießen!

Begraben liegt Tschechow auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi. Ich war im Oktober letzten Jahres dort und habe auf seinem Grab eine Rose hinterlegt. A rose is a rose is a rose … so wie eine Mohrrübe eine Mohrrübe ist – und das Leben eben das Leben.

Tschechows Grab auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi

Tschechows Grab auf dem Moskauer Friedhof Nowodewitschi

Woody Allen: “Anton Tschechow ist überhaupt der Größte!” – “Bei Tschechow weinen die Leute und lachen im nächsten Moment.”

Samuell Beckett: “Ein Lächeln wie seines gab es kein zweites Mal.”

Jean-Louis Barrault: “Erster Akt: Der Kirschgarten muss vielleicht verkauft werden. Zweiter Akt: Der Kirschgarten wird verkauft werden. Dritter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft. Vierter Akt: Der Kirschgarten ist verkauft worden. Der Rest ist Leben.”

Leo Tolstoi: “Wenn ein betrunkener Arzt auf dem Sofa liegt und es draußen regnet, so wird das, nach Meinung Tschechows, ein Theaterstück.”

Maxim Gorki: “Von seinen Schauspielen sprach er als von >lustigen Stücken<, und mir scheint, er war aufrichtig davon überzeugt, dass er eben >lustige Stücke< schrieb.”

… und als aktuelle Stimme, weil so schön treffend:

Rüdiger Schaper (im “Tagesspiegel” vom 24.1.2010): “In seine Erzählungen und Theaterstücke tritt man ein wie in eine vertraute Welt, man glaubt sich da auszukennen und auf Verwandte und Bekannte zu treffen, was natürlich auch daran liegt, dass die besten Regisseure und Schauspieler des deutschsprachigen Theaters uns in den letzten Jahrzehnten mit ihren wunderbaren Tschechow-Aufführungen verwöhnt haben. Klaus Michael Grübers „An der großen Straße“, Peter Steins „Drei Schwestern“, Peter Zadeks „Iwanow“ und Jürgen Goschs Vermächtnis mit „Onkel Wanja“ und der „Möwe“: Sie haben Theatergeschichte geschrieben, an die sich die eigene Biografie anlehnt. Ebenso wenig wie man sich ein Leben ohne Theater und Literatur vorstellen kann, lässt sich das Theater ohne Tschechow denken. Es hätte weder Sinn noch Herz und Verstand.”

26.01.10 | 00:50 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Nicht verpassen | Kommentare 2 Kommentare

Frank Schätzing treffen in der Deutschen Bahn!

Der Autor Frank Schätzing hat jetzt endgültig den Durchbruch geschafft: Er ist auf dem Cover der aktuellen “mobil”, dem Magazin der Deutschen Bahn! Das könnte zu den 3,85 Millionen Käufern seines Bestsellers “Der Schwarm” noch einmal einen satten Schwarm von potentiellen Lesern seines neuen Romans “Limit” hinzubringen, ist es doch kaum möglich, seinem herausfordernden Beau-Blick vor halber Mondkugel auf einer längeren Zugfahrt zu entgehen.

Bahnmobil

Nichts gegen das Porträt des Schriftstellers von Christiane Winter; der Text ist bei aller Verwunderung darüber, “diesem schönen Mann plötzlich live gegenüberzustehen”, völlig okay. Im Editorial aber, wo sich die “mobil”-Redakteurin (und stellvertretende Chefredakteurin) an der Herzensseite des verehrten Schriftstellers mit bewunderndem Praktikantinnen-Blick vor dessen Apple-Notebook abbilden ließ, geht die Ergriffenheitspoesie doch mit ihr durch: “Hier hat er also gesessen”, schwärmt der Text. Gemeint ist der Eckplatz im vorderen Teil des Kölner Restaurants “Fonda”, wo Frank Schätzing einen Großteil seines neuen Mond-Thrillers “Limit” in guter alter Kaffeehaustradition geschrieben haben soll. Und auch Christiane Winter, so fährt der Text fort, “durfte beim Gespräch auf eben diesem hohen Stuhl sitzen und einen Blick ins Allerheiligste werfen: den Bauplan des Romans.” So was aber auch. Auf demselben Stuhl gesessen wie Frank Schätzing! In dessen Kölner Stammrestaurant!

Die Chancen stehen übrigens gut, in den folgenden Wochen in einem der DB-Züge auf demselben Platz zu sitzen, auf dem auch Frank Schätzing schon mal gesessen hat!!! Ja, vielleicht hat die eine oder andere Verehrerin sogar das Glück, im selben Abteil mit ihrem Schwarm zu fahren! Der supererfolgreiche, supergutaussehende und laut “mobil”-Porträt auch noch supernette (na gut: “Eine gewisse Eitelkeit gehört dazu …”) Schriftsteller tourt nämlich im Februar und im März mit der Deutschen Bahn durch Deutschland, um “Limit” vorzustellen – und zwar nicht in einer ordinären Lesung, sondern in einer ausgefeilten Multimediashow mit Filmausschnitten, kabarettistischen Einlagen, wissenschaftlichen Exkursen und einem von ihm selbst komponierten Soundtrack. Dieser Frank Schätzing! Entweder er ist der sagenumwobene Mann im Mond – oder einfach nur zu gut, um wahr zu sein.

Hier schon mal die Auftrittstermine – für die Streckenplanung:

24. Februar: Weimar, CCN Weimarhalle

25. Februar: Leipzig, Gewandhaus

28. Februar: Mannheim, Rosengarten

1. März: Frankfurt, Alte Oper

2. März: Nürnberg, Meistersingerhalle

3. März: Stuttgart, Liederhalle

7. März: Düsseldorf, Tonhalle

8. März: Hannover, Theater am Aegi

9. März: Berlin, Admiralspalast

10. März: Hamburg, Laeiszhalle

14. März: München, Herkulessaal in der Residenz

15. März: Dresden, Kulturpalast

17. März: Köln, Lanxess Arena

19. März: Bremen, Pier 2

20. März: Münster, Halle Münsterland

21. März: Dortmund, Konzerthaus

20.01.10 | 18:32 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

Kabarettreif: Hoferichter-Preis für Unterstöger und Pelzig

Preisverleihungen, das weiß jeder, können ganz schön öde sein. Wenn der Preis aber an einen Kabarettisten wie Erwin Pelzig geht und dazu auch noch an einen humoristischen Sprachlaboranten wie meinen verehrten SZ-Kollegen Hermann Unterstöger und beide diesen Preis aus den Händen des Münchner Oberkabarettisten Oberbürgermeisters Christian Ude entgegennehmen, welcher als Redekünstler wiederum abgelöst wird von dem ebenso stil- wie ironiesicheren Allerweltsbetrachter und Meisterkolumnenschreiber Axel Hacke – dann, liebe Leser, können Sie Gift darauf nehmen, dass es eine wunderbar charmante, geistreiche und hochkomische Angelegenheit ist! Soll heißen: Die gestrige Verleihung des Ernst-Hoferichter-Preises im Münchner Literaturhaus war absolut kabarettreif.

Der Münchner Ernst-Hoferichter-Preis wird seit 1975 jährlich an Autoren verliehen, die in ihrer Arbeit “Originalität mit Weltoffenheit und Humor” verbinden – insofern gehen die Preisträger Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger (gewürdigt als “Meister der kleinen Form”) auf alle Fälle in Ordnung, auch wenn sie nicht unbedingt als Jungspunde mit diesem “Förderpreis” geehrt wurden. Unterstöger ist fast 67, Barwasser wird in diesem Jahr 50. Ude in seiner seitenhieb- und stichfesten Rede: “Der Hoferichter-Preis ist meistens nicht der erste Preis, den einer bekommt, aber oft der letzte.”

Der Münchner OB Christian Ude mit den Preisträgern Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger.  Foto: Stephan Rumpf

Der Münchner OB Christian Ude mit den Preisträgern Frank-Markus Barwasser (alias Erwin Pelzig) und Hermann Unterstöger. Foto: Stephan Rumpf

Während der Unterfranke Frank-Markus Barwasser mit seinen kabarettistischen Soloprogrammen, seiner TV-Show “Pelzig unterhält sich” und dem Film “Vorne ist verdammt weit weg” einem breiten Publikum bekannt ist – zumindest unter dem Namen seiner fränkischen Kunstfigur Erwin Pelzig -, tritt SZ-Redakteur Hermann Unterstöger kaum je öffentlich und als “Streiflicht”-Autor nicht einmal namentlich in Erscheinung. Was ganz gut zu seinem bescheidenen Naturell passt, welches Laudator Axel Hacke – dereinst Unterstögers Kollege bei der “Süddeutschen” und selber Träger des Ernst-Hoferichter-Preises – in anschaulichen Szenen höchst amüsant zu beschreiben wusste.

Etwa, als er darlegte, wie sich SZ-Redakteure an manchen ereignislosen Tagen verlegen und ratlos unter ihren Zeitungen wegducken und wichtigste Termine vorschützen, wenn es bei der Morgenkonferenz darum geht, das “Streiflicht” zu vergeben. Und wie sich dann, in der größten Not, leise der Hermann meldet, mit langsam sich rötenden Wangen: “Es gäbe da vielleicht ein Thema, ein wirkliches Thema ist es nicht, eigentlich nur ein Achtelthema, aber man könnte zur Not . . .” So ist der Sprachfiesler Unterstöger in seinen 25 Jahren bei der SZ nicht nur zum Altmeister, sondern auch zum Fackelträger und Retter des “Streiflichts” geworden. Und man muss froh sein, dass er nicht dem Rat seines Lehrers gefolgt ist, der ihm einst anempfahl: “Mensch, Unterstöger, werd´ Friseur, da kannst du auch Kopfarbeit leisten!”

Laudator Axel Hacke, selber Ernst-Hofericht-Preisträger und Meister der kleinen Form.  Foto: Rumpf

Laudator Axel Hacke, selber ein Meister der kleinen Form. Foto: Stephan Rumpf

Unterstöger indes hat seinen Rückzug ins heimatliche Altötting schon eingefädelt und das Preisgeld dem Fliesenleger versprochen, der ihm das Bad verlegt. Im Ruhestand, so verriet er in seiner streiflichtwürdigen Dankesrede, werde er sich dann einem dreibändigen Langzeitstudienprojekt widmen. Titel: “Wenn Altötting das Herz Bayerns ist, was ist dann München?” Im Dunstkreis der berühmten Kapelle an seinem Alterswohnsitz wird Unterstöger dann vielleicht auch jene göttliche Gnade erfahren, die ihm ein frommes Altöttinger Großmütterchen einst absprach, als sie ihn fragte: “San Sie immer noch bei dem Kommunistenblattl?” (gemeint war die SZ), und als Unterstöger diese seine Tätigkeit nicht leugnete, richtete die Alte den Finger gen Himmel mit den Worten: “Jeder muss sich amol verantworten – dort drobn!” So viel zum (niederbayerischen) Background des stets so ab- und tiefgründig ausgeschrittenen Spannungsfeldes “Gott und die Welt” in Unterstögers Texten.

Die Laudatio auf den Preisträger Pelzig hielt die Kritikerin Beate Kayser, die ehemalige Feuilletonchefin der Münchner “tz”. Von Pelzigs Spießeroutfit mit Cordhut und Herrenhandtasche auf Barwassers “blitzschnelles Switching” kommend, porträtierte sie den fränkischen Kabarettisten als gespaltene Künstlerpersönlichkeit von hohem Unterhaltungs-, Erkenntnis- und Überraschungswert: Er stelle seinen Gästen jene Fragen, “die der Zuschauer sich selbst zu stellen nie getraut hätte”, und er kitzle Seiten heraus, “die keiner vermutet hätte” – aber, so Frau Kayser: “nie mit diesen Bratwurstthemen”.

Pelzig erregt sich.   Foto: Rumpf

Pelzig erregt sich. Foto: Rumpf

Der solcherart Gelobte zeigte zum Dank den Wolf im Schaf-Pelzig, indem er sich immer mehr in Rage redete, bis er von den Themen Preisgeld, München und Gerechtigkeit auf verarmte Milliardäre, die fehlende Protestkultur in Deutschland und auf Westerwelles FDP kam: Er wolle ja nicht sagen, dass die FDP käuflich sei, “aber man kann sie mieten”. Pelzig ist dagegen unbezahlbar.

23.12.09 | 13:59 | Dichtung & Wahrheit | Literatur | Kommentare 0 Kommentare

Weihnachts-Haiku

In unserer kleinen lyrischen Reihe zur Förderung der japanischen Gedichtform heute ein Weihnachts-Haiku meines fränkischen Landsmannes Fitzgerald Kusz (eines, das die klassische Haiku-Form in aller Gemütsruhe sprengt):

in dä warmä boodwannä hoggn
„here comes the sun“ vo di beatles horng
und enn schdernlässchbeiä oozindn

Hochdeutsche Roh-Übersetzung:

in der warmen badewanne sitzen
“here comes the sun” von den beatles hören
und eine wunderkerze anzünden

Mit herzlichem Dank an www.beatstories.de

25.10.09 | 17:48 | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

10 Jahre Suchers Leidenschaften

Sucher ist der mit der roten Hose

Sucher ist der mit der roten Hose

Früher war er selber Kritiker und als solcher mein Theaterchef bei der “Süddeutschen Zeitung”: C. Bernd Sucher, lange Jahre Redakteur im Feuilleton der SZ, inzwischen desertiert und als Vortragskünstler auf die andere Seite gewechselt: von der fünften Reihe Parkett auf die Bühne. “Ich bin angekommen”, kommentiert er den Übersprung. Mit seiner Reihe “Suchers Leidenschaften” zieht er seit zehn Jahren durch die Lande, tritt an Theatern in München, Hamburg, Wien und Weimar auf und vermarktet das Ganze in Form von Büchern und CDs.

Wer Sucher kennt, weiß: Dieser Mann hat viele Leidenschaften. Frankreich zum Beispiel, kulinarische Abende mit illustren Gästen oder schrille Sakkos von Comme des Garçons. Nicht zu vergessen seine Vorliebe für rote Hosen und schmutzige Witze. Bei “Suchers Leidenschaften” spielt das zwar auch mit rein, aber vornehmlich geht es um Literatur. Das Konzept ist so einfach wie effektiv: Sucher hält einen Vortrag über einen Dichter/eine Dichterin seiner Wahl – er tut das nicht literaturwissenschaftlich-professoral, sondern sehr unterhaltsam und leidenschaftlich-subjektiv. Dazu sitzen Schauspieler auf der Bühne – und zwar nicht die schlechtesten - und lesen an den entsprechenden Stellen sozusagen die O-Töne ein: Zitate aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Stücken. Wobei Suchers Hauptleidenschaft immer den Liebes- und Bettgeschichten und damit auch, wie er das nennt, den “Ferkeleien” gilt.

Bei der Gala “10 Jahre Suchers Leidenschaften” im Münchner Prinzregententheater ging es um das (Liebes-)Werk so unterschiedlich enthemmter Literaten wie Thomas Mann, Gertrude Stein, Franz Kafka, Oscar Wilde oder Simone de Beauvoir – eine Reader´s Digest-Version vergangener Leidenschaften. Zwischendurch gab es Szenen aus Bernsteins “West Side Story”, aufgeführt von Musical-Studenten der Bayerischen Theaterakademie. Bisschen lang. Aber sehr nett. Als Lese-Assistenten an Bistrotischchen fungierte eine ganze Riege namhafter Schauspielkünstler:  Hildegard Schmahl von den Münchner Kammerspielen, Sunnyi Melles, Stefan Hunstein und Thomas Loibl vom Bayerischen Staatsschauspiel, Elisabeth Augustin und Markus Meyer vom Burgtheater Wien – und nicht zuletzt Angela Winkler und Otto Sander, die aus Berlin angereist kamen. Früher, sagte Sander hinterher auf der Raucherterrasse, habe der Sucher ihn ja oft verrissen – aber was verzeihe man nicht alles aus Leidenschaft für die Sache (seine Sache war es an diesem Abend,  Textbeispiele von Arthur Miller zu lesen, was er einigermaßen fahrig tat).

Und weil es nun mal Bernd Suchers Lieblingslied aus der “West Side Story” ist, gibt´s hier zum Grande Finale den Song “Tonight”:

http://www.youtube.com/watch?v=jfxGoq8MkYA