21.11.11 | 22:45 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 2 Kommentare

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (2)

Zum Abschied von Benjamin Hemrichs von der Zeitung (siehe vorherigen Blog-Eintrag), möchte ich hier gerne – mit seinem Einverständnis natürlich – eine Kolumne von ihm veröffentlichen. Sie erschien am 11. Dezember 2004 im SZ-Wochenende unter der damaligen Rubrik “Theater? Theater!”. Henrichs trägt eine Kopie davon in seiner Jackentasche und zieht den Text gerne wie ein Beweisstück oder einen ärztlichen Befund hervor, wenn er mal wieder gefragt wird, was er denn jetzt, im Ruhestand, zu tun gedenke. Zum Beispiel würde er gerne bei Marthaler den Lear spielen. Und außerdem fühlt er sich gar nicht alt … Aber lesen Sie selbst.  

 

Theater? Theater!

Wenn ich einmal alt bin

von Benjamin Henrichs

Wer von uns würde nicht mit Rührung zurückdenken an die Tage, da er achtzehn war? Und wen würde nicht ein Grauen würgen, wenn er an sein Leben mit achtzig denkt?

So denken wir alle, doch wahrscheinlich denken wir falsch. Denn erstens war die Zeit mit achtzehn, wenn man sie einmal nicht durchs Auge der Rührung betrachtet, so wundervoll nicht. Nein, für viele waren es die lausigsten Tage jenes lausigen Lebensabschnitts, den man die Pubertät nennt. Und zweitens (und auch schon letztens) wird unsere Zeit mit achtzig womöglich unsere beste Zeit werden. Ein nahezu ungeheuerlicher Gedanke – welchen wir aber nicht der eigenen Geisteskraft verdanken, sondern dem deutschen Dichter Tankred Dorst. Der, wie nun wohl allgemein bekannt ist, mit genau achtzig Jahren seine erste Premiere als Opernregisseur haben wird – und das gleich mit dem gewaltigsten aller Opernwerke, Richard Wagners „Ring des Nibelungen”. Bayreuth, im Sommer 2006.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Dorst, ausgerechnet Dorst. Den doch viele schon vor Jahrzehnten abgeschrieben hatten. Als, zum Beispiel, im Januar 1975 Dorsts welkes Familiendrama „Auf dem Chimborazo” uraufgeführt wurde, schmähte Hellmuth Karasek den Dichter unvergesslich als „Karstadt-Beckett”sowie „Neckermann-Strindberg”. Karasek, dies nebenbei, ist mittlerweile auch schon rüstig unterwegs Richtung achtzig – in nicht nachlassender Fröhlichkeit schreibend, plaudernd, zechend.

Zurück zu Dorst. Gleich nach seiner Inthronisation als „Ring”-Regisseur gab der gute Mann, soeben von einer Hüftoperation genesen, putzmuntere Interviews, und vor allem ein Satz darin hat mich total begeistert, wenn nicht mein Leben verändert. Dorst: „Ich habe mich früher nie jung gefühlt und fühle mich jetzt auch nicht besonders alt.” Es ist Zeit für ein Geständnis: Mir geht es ebenso. So richtig jung (jedenfalls im Sinne des Jungen Theaters e.V.) bin ich wohl nie gewesen. Schon mit sechzehn war ich Theaterchefkritiker der Schülerzeitung und erging mich weitschweifig und schwerfüßig zum Thema „Sophokles”.

Was also werde ich tun, wenn ich dereinst achtzig bin? Der „Ring”? Nicht mein Fall, weil leider zu laut.

Aber den König Lear würde ich sehr gern spielen, am liebsten unter Marthaler. Natürlich würde mein Lear in einer Marthaler-Inszenierung nicht sein Königreich an seine Töchter verteilen. Sondern, zum Beispiel, seine famose Plattensammlung. Zuerst würde die Sache gut laufen, doch dann, bei der Frage, wer den Klavier-Kaiser bekommt, würde tödlicher Streit ausbrechen unter den drei Weibern. Ich säße drei Theaterstunden lang still auf meinem Thron und würde allmählich in einer Traumwelt aus Schlaf und Musik versinken.

Genauso gut gefällt mir die Idee, mit achtzig eine Theatertalkshow aufzuziehen, am liebsten mit dem Kollegen Gerhard Stadelmaier zusammen. Unser Thema: Die goldenen Zeiten des Theaters. Titel der Sendung: „Lieben Sie Mnouchkine?”. Wir beide sollten hierbei auf einem riesigen Rudolf-Noelte-Sofa sitzen oder (als Hommage an Beckett) in zwei silbern glitzernden Mülltonnen.

Dritte und für heute letzte Idee: Ich beginne mit achtzig endlich meine Fußballkarriere und zwar als Bundestrainerberater mit dem Titel Chefideologe.

Hierfür prädestiniert bin ich erstens durch meine dann 76-jährigen Fußball-Erfahrungen und zweitens durch meine vielfach erprobte Motivationskunst. Wer dreißig Jahre lang das deutsche Theater starkgeredet hat (sogar in dessen schwächsten Tagen), der kann auch eine Fußballmannschaft „heißmachen”, wie die Fußballer gern sagen.

So wird es sein, wenn ich achtzig bin. Geil. Und noch etwas: Wenn ich achtzig bin, im Jahre 2026, ist Tankred Dorst dann hundert. Kein Alter heutzutage.

20.11.11 | 00:19 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 1 Kommentar

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (1)

"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen".      (Alle Fotos wie immer: von mir)

"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen". (Alle Fotos wie immer: von mir)

Hätte Kollege Hilmar Klute nicht diese eine Mail geschickt, ich hätt´s ja mal wieder nicht mitbekommen: Benjamin Henrichs, so war darin zu lesen, sei bereits Ende Juli in den Ruhestand gegangen. Und damit sein Abschied von der SZ nicht so sang- und klanglose bleibe, gebe es am 10. November ein kleines redaktionelles Abschiedsfest. Für “Kulinarik und Ansprachen” werde gesorgt.

Es war dann wirklich nur ein ausgesprochen kleines Abschiedsfest, abgehalten im “Kleinen Konferenzsaal” im 25. Stock unseres nüchtern-funktionalen, für gemütliche Feier-Runden wahrlich nicht geeigneten SZ-Hochhauses mit seiner vollautomatisierten Licht- und Jalousienregelung. Ein bisschen traurig, das alles.

Viele Kollegen waren verhindert, andere gar nicht erst eingeladen/ erschienen, oder sie mussten gleich wieder auf einen Abendtermin, es fanden mal wieder fünfzehn Sachen gleichzeitig statt. Literaturfest-Eröffnung zum Beipiel – egal. Habe ich gecancelt. Zu Henrichs Abschied zu kommen, betrachte ich als Ehrensache. Obwohl er nie ein Förderer war, und wir bei der SZ eigentlich auch überhaupt nichts miteinander zu tun hatten. Weiterhin als  Theaterkritiker tätig zu sein, weigerte sich B.H. hartnäckig von Anfang an, seit er 1998 von der ZEIT zur SZ gewechselt war. Er hatte damit abgeschlossen und sich eine stumme, aber doch sehr beredte Art zugelegt, uns SZ-Theaterschreibern mitzuteilen, was er von uns hielt: nämlich eher …  nichts. Schon klar: Wenn man einmal Kritikergott war und jede Menge ZEIT hatte, kann und will man sich nicht plötzlich als ordinärer SZ-Vasall in den täglichen Nah- und Tageskampf stürzen und sich die Nöte des Platz- und ZEITmangels antun – oder überhaupt: der veränderten Zeit.

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)

Ich meine das gar nicht böse, ich konstatiere das nur. Mit dem journalistischen Abtritt von Benjamin Henrichs – und er sagt, dieser sein Abgang sei tatsächlich endgültig -, tröpfelt auch die Zeit der so genannten (und selbst ernannten) GROSSKRITIKER aus, als deren letzte Vertreter neben unserem hoch verehrten, im Moment leider gesundheitlich angeschlagenen Joachim Kaiser vielleicht nur noch Marcel Reich-Ranicki und der FAZ-Theaterredakteur Gerhard Stadelmaier gelten dürfen: die letzen Dinosaurier. Große, rhetorisch brillante Schlachten in großen, teils Seiten füllenden Kritiken haben sie geschlagen und dabei mit dem Theater immer auch sich selbst gefeiert - in Feuilletons, die dem Rezensionswesen geweiht und gewidmet waren, zur Feier der Hochkultur.

Wahnsinn, was sich da alles geändert hat in den letzten zwanzig Jahren – aber das ist ein anderes Thema. Hier soll es um die Person Benjamin Henrichs gehen, einen der letzten wirklich großen Kritiker des Theaters, einen Begnadeten seiner Zunft, der Held unserer Jugend – den wir alle, die wir schon ein gewisses Alter erreicht haben – und jetzt mindestens mit einer “4″ in der Angabe umgehen müssen -, für seine Rezensionen bewundert, geschätzt, ja: regelrecht geliebt haben. Sie waren Meisterwerke der Beobachtungs- und Sprachkunst, der Leidenschaft, Sensibilität und Empathie. Man konnte sich hineinträumen, hineinverlieben in sie und gedanklich auf´s Schönste, Genießerischste darin spazieren. Man konnte das Theater verstehen und lieben in diesen Rezensionen – und durch sie hindurch. Sie waren poetische, literarisch wertvolle Vergegenwärtigungen, als sei der Theaterabend in sprachliches Bernstein gebannt. Und gelernt hat man dabei auch immer was.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.

Dass Henrichs seinen Hamburger Wochenzeitungs-Luxusposten bei der ZEIT aufgab und 1998 zu jener Tageszeitung zurückkehrte, bei der er, der Sohn des Regisseurs und Münchner Intendanten Helmut Henrichs, dereinst als junger Mann begonnen hatte, lag an einer Frau: an Sigrid Löffler, der neuen Feuilletonchefin der ZEIT (1996 bis 1999), mit der er alles andere als harmonierte. Keine Ahnung, was die beiden miteinander ausgefochten haben – der Zwist, oder besser: Hass scheint jedenfalls tief gesessen zu haben – und zu sitzen. SZ-Chefredakteur Kurt Kister erzählte bei der Abschiedsfeier, wie er einmal in der Berliner Redaktion, der Henrichs in den ersten Jahren seiner SZ-Rückkehr angehörte, an einer Weihnachtsfeier der Kollegen teilnahm. Als er damals Henrichs mit ein paar flapsigen “Bemerkungen in Zusammenhang mit Frau Löffler” aufziehen wollte, habe dieser erst ein “unstetes Flackern in den Augen” aufgewiesen und ihm dann unvermittelt ein Glas Wasser ins Gesicht gekippt. So viel dazu.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.

Der Job, den der Rückkehrer und ZEIT-Flüchtling Benjamin Henrichs bei der SZ ausgehandelt hatte, war wieder ein Luxusposten. BH war direkt der Chefredaktion – damals: Kilz – unterstellt, war dem gemeinen Tagesgeschäft (mit Konferenzen, Blattmachen etc.) entzogen und konnte in Ruhe und für ein damals “exorbitant hohes Gehalt” – wie seit jeher der Flurfunk kolportiert hatte und nun auch SZ-Chef Kister nicht unterließ zu erwähnen – seinen journalistischen Liebhabereien nachgehen: Streiflichtern, Kolumnen, essayistischen Betrachtungen oder den gelegentlichen Reportagen eines Flaneurs.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth, seit einem Jahr selber im Ruhestand und tatsächlich nicht mehr schreiberisch tätig, lässt sich kaum mehr im SZ-Gebäude blicken, zu Henrichs Abschied aber war er gekommen - nicht zuletzt, um in einer Ansprache von den Eigenheiten des Streiflicht-Kollegen Henrichs zu berichten. Von dessen “Qualen” und “Sorgen” zum Beispiel, wenn bis mittags kein Streiflicht-Thema da war … bis dann der unerschütterliche Hermann Unterstöger irgendeinen Text aus seiner “Vorsorge-Schublade” zog. Henrichs selbst habe, wenn er ein Streiflicht schrieb, in der Regel immer schon am ‘Tag vorher das Thema gewusst. Als sanft und sensibel muss man sich ihn vorstellen, den (Streiflicht-)Autor Henrichs, aber auch als äußerst penibel.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.

Als dann bei seiner Abschiedsfeier Henrichs selbst das Wort ergriff, verriet er erst mal seinen Jugendtraum: SZ-Chefreporter der “Seite Drei” wollte er werden, in direkter Nachfolge von Hans Ulrich Kempski – drunter macht es ein Henrichs offenbar nicht. Die Alternative war dann, Kritiker zu werden (der Bub war ja theatralisch vorgeprägt durch seinen Vater); aber immer schon mit dem Wunsch und dem Anliegen: “Wenn nicht Kritik, dann Komödie.” In den letzten 13 Jahren bei der Süddeutschen, sagt Henrichs, habe er das schlussendlich umgesetzt: “Ich war so etwas wie ein journalistischer Komödienautor.” Etwa in der Kolumne “Theaterwahn”, die er im Jahr 2002 einen Monat lang täglich im Feuilleton bespielte – für Henrichs seine “schönste Kolumne überhaupt” (und er war, wohlgemerkt, bei der ZEIT ja auch Autor der Finis-Kolumne). Henrichs lobt die SZ dafür, dass sie solchen Leuten – wie ihn – immer eine Oase, ein Refugium geboten habe, und er fragt sich aber auch, ob dieser Typus nicht vom Aussterben bedroht sei: “Leute, die keine richtigen Journalisten, aber auch keine Schriftsteller sind …”

Seine Streiflichter, sagt Henrichs, habe er wie Kurzdramen konzipiert: “Vorhang auf – Action – Vorhang zu – Schlusspointe.” Und in der SZ-Wochenend-Beilage hat er solche Ministücke dann ja auch tatsächlich in Dramenform gebracht, meist mit dem Setting: Älteres Ehepaar sitzt am Frühstückstisch, liest Zeitung und stößt dabei auf ein (mehr oder weniger existenzielles) Gesprächs- und Gesprächspausen-Thema. Nicht selten winkten Tschechow oder Beckett um die Ecke, und Fußball kam auch immer drin vor.

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch im Feuilleton tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".

Dass er tatsächlich nicht mehr für die Zeitung oder das Theater arbeiten möchte, will man kaum glauben, aber Henrichs, der jetzt 65 ist, meint es ernst. Erstens, sagt er, sei da sein Augenproblem, er sehe viel zu schlecht – in den letzten Jahren konnte Henrichs nur noch mit einer Lupe lesen, und er behauptet, keine Gesichter zu erkennen; Theater gehe daher schon mal gar nicht. Und zweitens habe er “diesen unheilvollen Ehrgeiz, nicht aufhören zu können”, noch nie gut gefunden: “Irgendwann wird´s peinlich.” Selbst die besten Leute ihres Fachs würden im Alter schlechter werden, sagt Henrichs, “das ging ja selbst Goethe so”.

Da ihm, Henrichs, aber keiner den Rückzug glauben wolle und er ständig mit Fragen zu seinem zukünftigen Tun bombardiert werde, habe er sich eine befriedigende Antwort zurecht gelegt. Sie lautet:  ”Geld zählen – oder Geld ausgeben.” Na dann …

Drei Tage nach seiner SZ-Verabschiedung, am Sonntag, 13.November, hielt Henrichs seine angeblich letzte Theater-Laudatio: Sie galt dem langjährigen Peymann-Dramaturgen Hermann Beil, der in Bochum den Bernhard-Minetti-Preis 2011 verliehen bekam. BH sagte dazu am Tag seines SZ-Abschiedsfests ganz nüchtern: “Heute beende ich mein Zeitungsleben und am Sonntag mein Theaterleben.” Hm. Und jetzt?

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).

Er schreibt natürlich schon noch, alles andere wäre doch verwunderlich gewesen. Henrichs schreibt Kurzgeschichten, schon lange. Er druckt sie aus und steckt sie weg.  Demnächst hat er bestimmt mal Zeit, sie wieder hervorzuholen. Und um weitere zu verfassen: Zwei Schreibstunden am Tag hat er sich vorgenommen, immer von acht bis zehn. Henrichs, elegisch lächelnd: “Ich bin jetzt freier Schriftsteller: 90 Prozent frei und 10 Prozent Schriftsteller.”  Einen Lektüre-Tipp krieg ich auch noch von ihm: die “Handtellergeschichten” von Yasunari Kawabata. Der japanische Autor ist eine Art “Vorbild oder Idol” von ihm.

Einen Weg gäbe es ja schon, ihn aus dem Ruhestand zurückzuholen – und zwar direkt ins Scheinwerferlicht auf der Bühne: Wenn ihm jemand die Rolle des King Lear anböte! Diesen verwirrten, erzürnten, im greisen Alter zu einer schmerzhaften, Lebenserkenntnis stiftenden Passion gezwungenen  Shakespeare-Helden würde Henrichs gerne spielen: am liebsten in einer Marthaler-Inszenierung (siehe auch nächsten Blog-Eintrag).

Na bitte! Angebote nehme ich hier gerne entgegen und leite sie an Herrn Henrichs weiter, auch wenn das nicht so leicht werden dürfte, da er nach eigenen Angaben weder über ein Handy noch über eine E-Mail-Adresse verfügt. Soll es geben. Außerdem wird er seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Hamburg verlegen.

Alles Gute, Herr Henrichs! Das Theater hatte mit Ihnen eine große Zeit. Hoffen wir, dass es wichtig bleibt und überlebt.

03.11.10 | 01:00 | Geht doch! | Kritikerlust | Nicht verpassen | Kommentare 3 Kommentare

Köln, wie es sinkt und zusammenkracht

Beim tosenden Schlussapplaus stapfte das Inszenierungs-Team in Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz

Beim tosenden Schlussapplaus stapft das Inszenierungs-Team mit Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz.

Am Ende ist die ganze Bühne überschwemmt, und das Dreckswasser steht den Schauspielern bis zu den Knöcheln. Aber auch das Publikum steht – es jubelt, johlt, spendet Standing Ovations. Beeindruckend, so ein tosender Applaus. Aber Vorsicht, da wackelt ja das Haus!

Der Jelinek-Abend, den Karin Beier am Schauspiel Köln herausgebracht hat, ist aber auch wirklich fulminant! Möchte den am liebsten sofort noch einmal sehen … und kann ihn nur weiterempfehlen. Ganz großes Theater! Und das heißt hier auch: ganz großes Stadttheater. Stadttheater at its best. Ein Theaterabend, der auf die spezielle Verfasstheit der Stadt hin gedacht und gemacht ist und die Finger direkt in die Wunden legt, was so schmerzvoll ist wie seelenheilsam. Kathartisch geradezu. Weil man das braucht: dass eine(r) Worte und Bilder und einen Furor findet für das Lähmende, Beschämende, das Unfassbare. Weil es gut ist, das Angestaute rauszulassen, die Wut, den Frust, das Unverdaute. Weil es gesund ist, über das Unglück lachen zu können, aus der Katastrophe Funken der Komik herauszuschlagen. Weil schwarzer Humor immer besser ist als gar keiner. Und weil nach wie vor gilt, dass die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, die Komödie ist.

Waste Land: Die Kölner Bühne nach dem Schlussapplaus

Waste Land: Die Kölner Bühne am Premierenabend nach dem Schlussapplaus

“Das Werk / Im Bus / Ein Sturz”: drei Stücke über das Bauen, Bohren und Stauen, das ewige Vorwärtsdrängen des Menschen, sein gewaltsames Eindringen in die Natur, seiner eigenen folgend. Gerade in Köln, wo das eingestürzte Stadtarchiv eine klaffende Wunde und ein abgrundtiefes Trauma in der Stadt hinterlassen hat; hier, wo niemals jemand Verantwortung für die Katastrophe übernommen hat; in Köln, wo der geplante Abriss des Schauspielhauses nur durch vehemente Bürgerproteste zugunsten einer Generalsanierung verhindert werden konnte, gerade hier ist dieses Thema wahnsinnig wichtig und goldrichtig. Und so hochnotkomisch und grimmig böse, wie Karin Beier das Schauspielhaus an diesem Abend ins Wackeln und Rieseln bringt und schlussendlich die ganze Bühne flutet, ist das auch ein gewaltiges Stück Wut- und Drecksarbeit – wobei das einhergeht mit der nötigen (seelenhygienischen) Aufräum- und Bewältigungsarbeit. Wo sich ja sonst keiner in Köln daran macht …

Ich bin auch schon wieder mal ganz begeistert von Frau Jelinek. Wie sie doch immer zur richtigen Zeit die richtigen Themen anpackt! Wie ihre grandios nervigen, kalauernden, die Sprache unablässig drehenden, biegenden, wendenden Textschwallflächen hartnäckig am Puls der Zeit pochen und doch immer tief hinabbohren in die Gräber der Geschichte – das ist schon sehr beeindruckend. Es ist gesellschaftlich relevant, brisant, und es ist immer total politisch. Jelinek scheint da mit einer geradezu seismographischen Sensibilität begabt zu sein. Ich bewundere das.

“Ein Sturz”, das Stück, das sie jetzt extra für Köln geschrieben hat, wortstrudelt zwar einerseits ganz konkret (und in vielen Details: betont banal) um den Einsturz des Stadtarchivs im März 2009 herum, führt andererseits aber auch weit darüber hinaus: nach Stuttgart 21 ebenso wie nach Schmalkalden in Thüringen, wo sich gerade – kurios und erschreckend genug – die Erde aufgetan hat … und noch weiter führt dieses Jelinek-Stück, in dem die Erde direkt angesprochen wird, adressiert von einem hochmütigen, genervten, klagenden, schimpfenden, überheblichen Menschenchor (“Erde, was machst du denn da? … Was soll das, Erde? … Erde, bleib, wo du bist … du blöde Erde”). Es führt ins Innere des Erdballs, führt in die Erde, die Angesprochene, Geschundene, Vergewaltigte, selbst, und es konfrontiert diese mit dem menschlichen Fortschritts- und Machbarkeitswahn, dem ewigen “Muss doch!”, diesem technologischen “Geht nicht? Geht nicht!”.  – “Alles reißen wir ein, warum?/ Weil wir es können!” – Für mich ist “Ein Sturz” das erste wirklich moderne, globale Umweltdrama. “Erde, du hast verloren, du bist verloren. Bist du jetzt zufrieden?”

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... So siegt man nicht!"

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... Du willst nur vom Wasser gefickt werden, Erde? ... So siegt man nicht!"

Die Erde, die lange alles mit sich hat machen lassen, die sich vom Menschen hat untertan machen und ausbeuten lassen, die Erde – Mutter Erde – ist aufgewühlt, ausgelaugt, krank; sie spurt nicht mehr, sie reißt Löcher, bricht ein, verbindet sich mit dem Wasser zu unheilvollem Tun. Und die Menschen beschwören sie nun, heben an zum großen Schimpf- und Klage-Chor – wobei Jelinek da ganz groß ansetzt und in Ton und Gestus die griechische Tragödie zitiert – diese auch ironisiert und persifliert. Mit hohem Fleh- und Jammer-Pathos (“Oh Los des Erdendaseins!”/ “Hinopfert ihr Kind, die schöne Baustelle, die eigene Frucht, die Frucht eigenen Tuns, das eigene Werk?”/ “O weh, o weh, Haus, du Haus!”).

Ich finde das super, richtig groß. Zynisch-böse und anrührend auch. Und dass Karin Beier in ihrer Uraufführung die von den Menschen litaneihaft angerufene, beschimpfte, end- und ehrlos zugequatschte Erde tatsächlich als Figur auftreten lässt (bei Jelinek gibt´s ja wieder nur eine Textflut), ist eine sehr sinnige und sinnliche Idee. Zumal die drahtige Schauspielerin Kathrin Wehlisch sich in dieser Rolle weder schont noch sich was schenkt, so artistisch-rabiat, wie sie – lehmverschmiert und nackt – über die Bühne tobt, rutscht, tanzt, schlittert, von allen gestoßen, geschubst, getriezt. Das Wasser, mit dem ihr der Chor einen orgiastischen “Fick” unterstellt, verkörpert ein gut gebauter Tänzer, mit dem die personifizierte Erde einen letztlich tödlichen erotischen Pas de deux hinlegt.

Ach, eigentlich will ich hier drin ja keine Kritiken schreiben. Aber ich bin noch so begeistert. Und wollte die Fotos nachreichen, die ich am Ende der Premiere von der gefluteten Kölner Baustellen-Bühne gemacht habe. Eine Johannes-Schütz-Bühne: Moderne Schreibtische, Computer, Bürosessel auf weiter schwarzer Flur, nach und nach vom Wasser überschwemmt, welches aus einer Grube im Boden sprudelt (diese Grube schaut aus wie ein Grab, und die Erde verreckt schlussendlich darin), aber auch aus einem Rohr, das von rechts hereinragt. Dieses Rohr haben die heillos überforderten Bauaufsichtsamts-Beamten, die Karin Beier in ihrer düster-satirischen Verwaltungs-Performance vorführt, zwar irgendwann vorsichtshalber gestopft – in einem Anflug von plötzlichem Katastrophen-Verhinderungs-Aktionismus -, aber das Gurgeln, Gluckern und Blubbern, das sich später unheilvoll ankündigt, bricht in Form eines Wasserschwalls dann doch just aus diesem Rohr. Ein Brüller, versteht sich.

Schon im ersten Teil des Abends, “Das Werk”, gab es herrlich inszenierte Wasserspiele des Ensembles, alles mundgegurgelt, handabgefüllt. Gespuckt, gespritzt, geblasen. Karin Beier hat den Jelinek-Text wahnsinnig gut rhythmisiert und orchestriert, der ganze Abend, das muss auch noch gesagt werden, ist ungeheuer musikalisch.

In “Das Werk” geht es um Kaprun, um den Bau des riesigen Kraftwerks dort und die Todesopfer, die er gefordert hat, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter.  Und auch die Toten des Kapruner Seilbahnunglücks des Jahres 2000 mischen in dem Sprechchor der Untoten mit, den Jelinek lospoltern lässt (bei Beier: ein Männerchor in Unterhemden) – neben all den anderen Sprachmonstern, die hier ohne Unterlass ratschen, raunen, reden: faustische Tatmenschen und fortschrittsoptimistische Ingenieure, Heidi und Peter, Hänsel und “Tretel”, Tüchtige und sich körperlich Ertüchtigende. Ein gigantisches Kraftwerks-Oratorium, anschwellend zum großen, finalen Memento Mori.

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Auch im “Bus”, dem kleinen Zwischenstück, das Beier wie ein Satyrspiel zwischen das tatkräftige  Aufbau-”Werk” und den jammervollen “Ein Sturz” setzt, geht es um den Zusammenprall von Mensch und Natur. Dieser hier mutet lächerlich an: Ein voll besetzter Bus stürzt wegen eines U-Bahn-Baus mitsamt der Straßendecke in den Abgrund. Hä? Gab´s aber tatsächlich: geschehen 1994 in München-Trudering. Bei Jelinek sind die Bauarbeiter, denen plötzlich ein Bus auf den Kopf plumpst, zynische Totengräber – und die Regisseurin Beier macht daraus ein karnevaleskes Trio mit grotesken Clowns-Fressen. Fratzenhaft.

Nun je … man könnte noch so viel von diesem denkwürdigen Kölner Abend erzählen. Die wunderbaren, absolut (ein)bruchsicheren und wasserfesten Schauspieler habe ich hier zum Beispiel noch gar nicht gewürdigt. Und habe ich eigentlich erwähnt, wie ausgesprochen musikalisch, wie gekonnt rhythmisiert diese Inszenierung ist?

Aber Schluss jetzt. Hingehen. Selber sehen! Ich will auch noch mal.

28.05.10 | 12:39 | Begegnung mit ... | Kritikerlust | Theater | Kommentare 1 Kommentar

John Malkovich in “The Infernal Comedy”

Foto: dpa

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Sieht man dem Kino dabei zu, wie es entsteht, ist das meistens eine ziemlich langweilige Sache: Viele Menschen tun sehr wenig, und wie die Szene aussehen soll, die da gedreht wird, geschweige denn der ganze Film, kann man nicht einmal erahnen. Vielleicht ist das ja, wenn man John Malkovich beim Drehen zuschaut, anders – ihm bei einer Theaterprobe zusehen ist jedenfalls ein Zuckerl.
Ich durfte zusehen, wie er im Ronacher in Wien das Stück “The Infernal Comedy” probte – Malkovich als Jack Unterweger, der österreichische Prostitutiertenmörder, der sich 1991
Malkovichs Unterweger liest in dem Stück aus einem Buch, dass er nach seinem Tod geschrieben hat, erzählt aus seinem Leben, und zwei Sopranistinnen begleiten das in wechselnden Rollen – und werden immer mal wieder von ihm mit ihrem Büstenhalter gemeuchelt. Im Ronacher probte er als mit Aleksandra Zamojska, außer dem Regisseur (und Autor) Michael Sturminger waren nur noch zwei Leute von der Produktion dabei – wenn man da als Journalistin drin sitzt ist, ist man also mangels Konkurrenz das Publikum. So direkt angespielt wird man im Theater natürlich nie, selbst wenn ein Schauspieler das tut, würde man es nicht merken.
Bei Malkovich, der zu allem, auch zu sich selbst und ganz besonders zu Jack Unterweger eine ironische Distanz hat, ist das jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis: Der große Löwe…ganz ruhig und im nächsten Moment furchterregend. Wenn man ihm zusieht, ist auch klar, warum der Mann immer sagt, er nehme seine Charaktere – anders als viele Schauspieler – abends nicht mit heim, denn er legt sie von einer Sekunde auf die andere ab. Die Figuren, die er spielt, gehen durch ihn hindurch, sagt Malkovich achselzuckend im Interview, dass der Anlass gewesen ist für den Probenbesuch (erscheint in der SZ am Wochenende vom 29. Mai).
In Deutschland ist das Stück vom 2. bis zum 6. Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen. Gerne, sagten Malkovich und Sturminger, wären sie mit der “Infernal Comedy” auch nach München gekommen – aber bislang hat kein Münchner Theater sie eingeladen.

03.03.10 | 12:32 | Geht wieder | Kino | Kritikerlust | Kommentare 0 Kommentare

Der Anfang von Alice

Alle Bilder, die man zu Lewis Carrolls “Alice im Wunderland” im Kopf hat, sind immer inspiriert von denen von Sir John Tenniel. Carroll, eigentlich Charles Lutwidge Dodgson, hatte die Geschichte für Alice Lidell erfunden, die Tochter eines Freundes; 1865 wurde sie erstmals veröffentlicht, und Tenniel hat sie illustriert.

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Die Bilder hatten eindeutig auch die beiden Stummfilmregisseure im Kopf, die die allererste Film-Alice gemacht haben, 1903 -- das British Film Institute hat den Film nun restauriert und anlässlich der Premiere von Tim Burtons “Alice in Wonderland” in dieser Woche ins Netz gestellt. Auch wenn echte Katzen sich selten ein Grinsen abschwatzen lassen -- das Wunderland war auch vor der Erfindung der Computertricks schon fürs Kino gemacht.

21.01.10 | 13:18 | Dichtung & Wahrheit | Kino | Kritikerlust | Preview | Kommentare 0 Kommentare

Unbezwingbar

Clint Eastwood hat eine poetische Ader, in “Million Dollar Baby” und “The Bridges of Madison County” hat er Gedichte von William Butler Yates verwendet. Sein neuer Film handelt von Nelson Mandela -- da finden Wahrheit und Dichtung sozusagen zueinander, der Film heißt nach Mandelas Lieblingsgedicht, “Invictus”, von William Ernest Henley.
Die letzten Zeilen haben in den Trailer gefunden.

Aber das ganze Gedicht, das Henley, 1902 gestorben, geschrieben hatte, als er krank war, ist natürlich noch schöner -- Mandela hat es während seiner Inhaftierung immer wieder rezitiert. Und es passt auch besser zu Mandela als zu dem rechtsextremistischen Terroristen Timothy McVeigh -- der Attentäter von Oklahoma City -- , der eine handgeschriebene Kopie just dieses Gedichts vor seiner Hinrichtung als letztes Statement hinterlassen hat.

Invictus

Out of the night that covers me,
Black as the Pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds, and shall find, me unafraid.

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll.
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.