08.07.10 | 13:38 | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Spätes Experiment

Viele große Regisseure haben mit Dokumentarfilmen angefangen, aber Sir Ridley Scott – für “Alien” und “Blade Runner” von der Queen geadelt, für “Gladiator” und “Black Hawk Down” und “Thelma und Louise” oscarnominiert – war immer schon für Fiktionen zuständig. Jetzt hat er aber ein neues Projekt – er arbeitet doch tatsächlich, mit immerhin 72 Jahren, an einem experimentellen Dokumentarfilm, der “Life in a Day” heißen soll und den er zusammenstellen will aus von seinem Publikum gespendeten Bildmaterial – das soll am 24. Juli auf Youtube hochgeladen werden. Man kann auch das Filmemachen globalisieren. Sir Ridley betreut das Projekt zusammen mit dem FIlmemacher Kevin MacDonald – der, unter anderem, den oscarprämierten Dokumentarfilm “Ein Tag im September” über das Olympia-Attentat in München gemacht hat und die Spielfilme “Last King of Scotland” (Forest Whitaker als Idi Amin) und “State of Play” (Russell Crowe als der letzte echte Zeitungsmann). Außerdem wird es jede Menge Co- Regisseure geben, die genannt werden- alle nämlich, die Material liefern, dass es in den Film schafft. Sehr demokratisch. “Life in a Day” soll einen Tag im Leben ganz unterschiedlicher Menschen dokumentieren, das Ergebnis wird auf jeden Fall Anfang nächsten Jahres beim Filmfestival in Sundance gezeigt.

21.06.10 | 13:32 | Kino | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Kate Kampusch

Wahre Schönheit ist alterslos, und ein richtig guter Schauspieler kann einfach alles spielen, zur Not auch ein Kind… Der Guardian trägt das Gerücht in die Welt - und ich trag´s weiter! – Bernd Eichinger wolle in seinem Film über das österreichische Entführungsopfer Natascha Kampusch die Hauptrolle mit…Kate Winslet besetzen. Eine grandiose Idee, die an Todd Solondzs wunderbares filmisches Experiment “Palindromes” erinnert – da lässt er die Hauptfigur, ein kleines weißes Mädchen, von acht verschiedenen Schauspielern darstellen, unter anderem von einem schwarzen Jungen und Jennifer Jason Leigh, die noch ein paar Jahre älter ist als Kate Winslet – seltsamerweise akzeptiert man irgendwann alle in der Rolle. Trotzdem: selbst Todd Haynes´sechsfacher Bob Dylan in “I´m Not There” ist harmlos und zugänglich dagegen.

23.05.10 | 21:33 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Cannes (2):

Der französische Publizist, Philosoph und Kinoliebhaber Bernard-Henry Levy setzt sich auf seiner Website für die Freilassung von Jafar Panahi. Panahi, der iranische Regisseur, der bei der Berlinale 2006 mit “Offside” den Silbernen Bären gewonnen hat, sitzt in Teheran in Haft wegen seines neuen Filmprojekts; er wurde schon mal vorab festgenommen, damit er ihn erst gar nicht drehen kann. Während der Filmfestspiele in Cannes wurde ein offener Brief von Panahi veröffentlicht, der Filmemacher ist inzwischen im Hungerstreik. Schon Ende April haben einige amerikanische Filmemacher eine Petition zu Panahis Freilassung unterschrieben – eine ziemlich exquisite Liste: Steven Spielberg, Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Robert De Niro, Robert Redford, die Coens, Ang Lee, Oliver Stone….

04.05.10 | 16:39 | Dies & das | Harte Realitäten | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Das Imaginarium des Dr. Gollum

Auch die Schauspielkunst unterliegt dem Wandel der Zeit. Das behauptet zumindest Andy Serkis – ein Londoner Schauspieler, Jahrgang 1964, hat viel Theater gespielt, aber als er 35 Jahre alt war, 1999, wartete er immer noch auf seinen großen Druchbruch. Den hat er auch erlebt – als Gollum in Peter Jacksons “Herr der Ringe”-Filmen; und als Jacksons “King Kong”. Gut, das waren jetzt keine Rollen, mit denen sein Gesicht berühmt wurde – aber aus der Mischform von Schauspiel und Computeranimation hat er tatsächlich eine eigene Kunstform gemacht. Und nun will er, so steht`s im Guardian, auch anderen beibringen, wie das geht – und gründet deswegen eine Schauspielschule für computergenerierte Charakterrollen, das Imaginarium, wo man lernt, sich in nicht existenten Räumen in dreidimensionale oder auch nur irgendwie verwachsene Figuren einzufinden. Sie haben unseren Schatz gestohlen…

13.04.10 | 17:02 | Festivals | Kino | Kommentare 1 Kommentar

Cannes ohne Drei

Bevor der Direktor des größten Filmfests von allen, jenem in Cannes, im fernen Paris verkündet, was er zu zeigen gedenkt, gibt es alljährliches Rätselraten, wer und was denn nun dabei sein wird. Das Festival 2010 beginnt am 12. Mai, und am Donnerstag wird der Wettbewerb vorgestellt – und obwohl es im Netz bereits Gerüchte gibt, Tom Tykwer sei mit seinem neuen Film “Drei” dabei: Das wird ganz sicher nicht der Fall sein, denn er ist noch gar nicht fertig, sagt sein Produzent, und der sollte es eigentlich wissen. Zu den üblichen Verdächtigen würde auch Clint Eastwood gehören – aber der ist mit “Hereafter” heißt es, auch noch nicht fertig. Dafür kann man sich einigermaßen darauf verlassen, dass Oliver Stones “Wall Street”-Nachfolger “Money Never Sleeps” in irgendeiner Form in Cannes läuft, sonst wäre der Starttermin umsonst verschoben worden.

12.04.10 | 13:33 | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Couch ohne Casting

Im Guardian hat am Wochenende das feministische Enfant terrible Germaine Greer über einen Sommer mit Fellini geschrieben – unter besonderer Berücksichtigung der Affäre, die sie damals mit ihm hatte, dass sie ihn traf, weil er sie besetzen wollte, ist Nebensache. Das ist vielleicht mehr Information über Fellini, als man unbedingt haben möchte, aber sie muss das schon am Rande erwähnen, um über ihn schreiben zu können – die Story mit der Fledermaus funktioniert sonst nicht. Das schönste an Greers Geschichte aber ist die Episode zum Schluss – Fellini erklärt Greer, dass er im Studio vor den Toren Roms, der Cinecittà, Maisfelder nachbauen lässt, weil im Kino ein nachgebautes Maisfeld eben natürlicher aussieht als ein natürliches Maisfeld, und – weil in der Cinecittà so viele Leute arbeiten, die brauchen was zu tun. War 1975 wahrscheinlich ein ganz logischer Satz. Da hat die Cinecittà funktioniert wie das alte Studiosystem in Hollywood – eine Heerschaar von Arbeitern stand bereit, jeden Traum in aller Opulenz zu bebildern. Die Filme, die dabei herauskamen, waren grandios, es ergab gesellschaftspolitisch durchaus einen Sinn, und die Studiobesitzer des Golden Age waren ausgesprochen reich. Aber halt nicht annähernd so reich wie die Studiobesitzer von heute.

22.03.10 | 12:52 | Glückwunsch! | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Das Kino hat Geburtstag

Am 22. März 1895 haben die Brüder Lumière erstmals einen ihrer Erstversuche mit bewegten Bilder vor Publikum getestet – keine öffentliche Vorführung, eher eine Präsentation, bei der Société d’Encouragement à l’Industrie Nationale. Nicht den berühmten “L`arrivée d`un train à La Ciotat”, sie zeigten “Arbeiter verlassen die Lumière-Werke”, “La sortie de l’usine Lumière à Lyon”.

03.03.10 | 12:32 | Geht wieder | Kino | Kritikerlust | Kommentare 0 Kommentare

Der Anfang von Alice

Alle Bilder, die man zu Lewis Carrolls “Alice im Wunderland” im Kopf hat, sind immer inspiriert von denen von Sir John Tenniel. Carroll, eigentlich Charles Lutwidge Dodgson, hatte die Geschichte für Alice Lidell erfunden, die Tochter eines Freundes; 1865 wurde sie erstmals veröffentlicht, und Tenniel hat sie illustriert.

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Die Bilder hatten eindeutig auch die beiden Stummfilmregisseure im Kopf, die die allererste Film-Alice gemacht haben, 1903 – das British Film Institute hat den Film nun restauriert und anlässlich der Premiere von Tim Burtons “Alice in Wonderland” in dieser Woche ins Netz gestellt. Auch wenn echte Katzen sich selten ein Grinsen abschwatzen lassen – das Wunderland war auch vor der Erfindung der Computertricks schon fürs Kino gemacht.

21.02.10 | 22:07 | Dies & das | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (3): Umjubelte Weltpremieren, überall

Zu den Rätseln des Festivalalltag gehört die Wahrnehmung, gehören die Wahrnehmungsverschiebungen der Menschen, die in die Filme, die dort laufen, ihr Herzblut gesteckt haben – oder doch wenigstens ihr Geld. Nun ist das Publikum in den Galas oft großzügiger als das Fachpublikum, das den Film ein paar Stunden vorher gesehen hat, besonders jener Teil des Publikums, der für die Karten stundenlang angestanden hat. Man wundert sich, wenn man als Kritiker mal die Seiten wechselt und in der Gala sitzt, hinterher oft, was einem in Nachhinein als “tosender Applaus” beschrieben wird. Wirklich gern dabei gewesen wäre ich bei der Vorführung von “Jud Süß” am Abend – mittags wurde er vom Fachpublikum kräftig ausgebuht. Die Reaktion des Galapublikums beschreibt offensichtlich jeder anders: Verhalten, sagen die einen. Einiges an Applaus, sagen die anderen. Der Verleih sagt jedenfalls: Bejubelt!!
In Venedig, bei der Mostra, gibt es ein ganz eigenartiges Phänomen: Man kann in der Sala Grande, in der die Galavorstellungen laufen, die Schauspieler und Regisseure, die zur Vorführung kommen, nicht sehen – weswegen auch Filme, die so richtig böse durchgefallen sind, in der Erinnerung ihrer Schöpfer gern mit einer stehenden Ovation gefeiert wurden.

16.02.10 | 16:35 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Berlinale (2): Das Kino lebt

Das Kino, wird gern behauptet, sei eine tote Kunst – einmal auf Film gebannt, verändert sich nichts mehr. Das stimmt nicht, man sieht Dinge mit immer neuen Augen. Zu meinen persönlichen Lieblingsterminen auf der diesjährigen Berlinale gehörte die Aufführung von “Mary Reilly” von Stephen Frears in der Retrospektive Play it again, in der Filme aus sechzig Jahren Berlinale laufen, ausgewählt vom Filmhistoriker David Thomson. Dass er sich auf “Mary Reilly” kapriziert hat, konnte nicht einmal Stephen Frears verstehen. Eine “Mary Reilly”-Szene, die mir beim Wiedersehen besonders gut gefallen hat: wie Mary Dr. Jekyll erzählt, wie ihr Vater ihr die Narben beigebracht hat, und Jekyll wissen will, warum sie ihren Vater nicht hasst. Das hat einem Kollegen, der “Mary”, wie so viele, in schlechter Erinnerung hat, schon als Erzählung gefallen. Es war damals einfach so: Vor 14 Jahren galt Julia Roberts als hübsche, schlechte Schauspielerin, und keiner hat verstanden, was Stephen Frears eingefallen ist, sie in so einer Rolle zu besetzen und dann auch noch ungeschminkt zu filmen – von heute aus betrachtet, muss man sagen: wie weise. Und die vorsichtigen Special Effects sind – hey, wir haben inzwischen alles Mögliche gesehen, von “Herr der Ringe” bis “Transformers!” – ungemein … diskret.

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