
Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb
Am Aschermittwoch war die Schluss-Sitzung unserer Mülheim-Jury. Neben mir gehören diesem Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage meine Kritikerkollegen Barbara Burckhardt (“Theater heute”), Peter Michalzik (“Frankfurter Rundschau”), Wolfgang Kralicek (“Falter”, Wien) und Till Briegleb (“Süddeutsche Zeitung”, Kulturkorrespondent Hamburg) an. Unsere Aufgabe: die sieben besten uraufgeführten deutschsprachigen Stücke innerhalb eines Jahres zu küren, indem wir sie zu den Mülheimer Theatertagen einladen. Zu diesem Zweck lesen wir viele, sehr viele Stücke, reisen herum, tauschen uns per Mail und in einem internen Stücke-Forum im Internet aus und treffen uns regelmäßig zu Jurysitzungen, bei denen das Gesehene und Gelesene diskutiert und auch schon aussortiert wird.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.
In diesem Jahr standen 119 uraufgeführte Stücke zur Diskussion – musikalische Abende, Film- und Romanadaptionen nicht eingerechnet. Es galt also, sieben beste Stücke aus 119 zu wählen. Keine ganz leichte Aufgabe, weil es ein reicher und guter Jahrgang war, aus dem man locker ein Festival mit zehn oder gar zwölf Stücken bestreiten könnte. Bei unserer Schluss-Sitzung hatten wir noch 23 Stücke
auf der Liste: das knappe Dutzend, das bis zuletzt hart diskutiert wurde und dazu jene Texte, die noch gar nicht diskutiert worden waren, weil sie erst in den wochen nach unserer letzten Sitzung Anfang Februar oder – wie Nis-Momme Stockmanns “Expedition und Psychiatrie” in Heidelberg oder Marianna Salzmanns “Satt” in München – in den letzten paar Tagen uraufgeführt wurden.

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"
War vor der Sitzung alles noch ein Riesenstress … allein die Geschichte, wie total umständlich und verspätet ich an einem Lokführerstreiktag zur Stockmann-Uraufführung nach Heidelberg gekommen bin! Aber das erzähle ich ein anderes Mal …
Schluss-Sitzung nun also. Teilnehmer: Wir fünf vom Auswahlgremium plus Festivalleiter Udo Balzer-Reher und seine Dramaturgin und PR-Verantwortliche Stephanie Steinberg. Die beiden SIND das Festival, aber sie sind natürlich ohne Stimmrecht – die Auswahl trifft allein die Jury. Ort: Weinzimmer in der Stadthalle in Mülheim an der Ruhr, das zur Zeit noch ungemütlicher ist als sonst, weil die halbe Stadt umgebaut wird. Wo könnte man den Aschermittwoch besser verbringen?

Krali und Till
Für Essen ist gesorgt. Es gibt neben dem Konferenztisch ein kleines Buffet mit gefüllten Omeletts, Gemüse und Schweinelendchen in Chafing-Dishes. Wir treffen uns mittags, essen erst was und diskutieren dann ungefähr vier Stunden. Drei Stücke waren eh sonnenklar, auf die nächsten zwei haben wir uns auch relativ schnell geeinigt – aber bei den letzten zwei Positionen wird´s dann halt schon eng. Da entscheidet am Ende das Stimmzettelverfahren – von drei Stücken, die nach diversen Ausschlussverfahren noch im Rennen waren, mussten dann zwei fliegen, die mit den wenigsten Stimmen. Ewald Palmetshofers “tier. man wird doch bitte unterschicht” und Philipp Löhles “Supernova (wie Gold entsteht)” schieden auf diese Weise aus.

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...
Klar, als Juror(in) weint man da schon mal dem einen oder anderen Stück eine Träne nach (wie begeistert bin ich zum Beispiel von Jelineks “Ein Sturz” in Köln, welches wir zugunsten ihrer “Winterreise” nicht nominiert haben), aber wir konnten nun mal nur sieben Stücke wählen, und unsere Auswahl, das muss man schon auch sagen, ist eine wirklich gute, insgesamt auch sehr politische.
Hier die Nominierten, beginnend mit den drei Mülheim-Neulingen:
1.) „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ von Kevin Rittberger (Jahrgang 1977, ein gebürtiger Stuttgarter), in der Inszenierung von Felicitas Brucker am Schauspielhaus Wien. Ein Stück über Afrika und die Flüchtlingsdramen, die sich täglich an der Grenze zur Festung Europa abspielen. Mit der tragischen Geschichte der jungen Nigerianerin Blessing erzählt Rittberger im ersten Teil, der explizit als “Lehrstück” im Sinne Brechts ausgewiesen ist, ein exemplarisches Flüchtlingsschicksal. Um dann im zweiten Teil die Perspektive und den Erzählton komplett zu wechseln und auf die Medien zu zoomen, die von solchen Schicksalen berichten und dabei hefitgst an ihre Grenzen stoßen. Wobei Rittberger keineswegs so tut, als könne er dem Problem beikommen oder irgendwie gerecht werden. Und das ist auch gut so.
2.) “Warteraum Zukunft” von Oliver Kluck (Jahrgang 1980, er stammt aus Rügen). Das Stück beschreibt einen Tag im Leben eines Angestellten aus der Generation der heute Dreißigjährigen: des Ingenieurs Daniel Putkammer, mit dessen Rezeptoren wir hier den Büroalltag und ein Besäufnis am Abend bis hin zu einem schlimmen Unfall erleben, wahrgenommen als ein polyphones Stimmenkonzert im Kopf des Erzählers. Es wurde bei den Ruhrfestspielen in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt und bereits von drei weiteren Bühnen nachgespielt. Wir haben uns für die Inszenierung von Daniela Kranz am Nationaltheater Weimar entschieden, weil aus dieser Inszenierung, wie wir es nannten, die größte “Wutkraft” spricht.

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg
3.) “Verrücktes Blut” von Nurkan Erpulat (geboren 1974 in Ankara) und Jens Hillje, dem einstigen Schaubühnen-Dramaturgen. Eine Lehrerin nimmt ihre migrantische Rabaukenklasse in Geiselhaft und zwingt den Problemkids mit vorgehaltener Pistole Schiller auf. Das Stück kam als Ko-Produktion mit der Ruhrtriennale zuerst in Duisburg heraus und ist jetzt der Renner am Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg – als solcher der Überraschungsknaller der Saison, eingeladen auch zum Berliner Theatertreffen und zum Münchner Festival Radikal jung. Zwar beruht die Grundstruktur des Textes auf einer Filmvorlage, es ist daraus aber, wie wir finden, ein eigenständiges Stück von großer Authentizität und Kraft entstanden.
4.) “Die Firma dankt” von Lutz Hübner, mit 47 Jahren wahrlich kein Jungautor mehr, aber einer der produktivsten – erst zum zweiten Mal in Mülheim vertreten. Seine Spezialität sind themenbezogene Gesellschaftskomödien wie diese hier, uraufgeführt von Susanne Lietzow am Staatsschauspiel Dresden. Ein Stück aus dem Inneren des Firmenlebens in Zeiten der Umstrukturierung. Wie hier ein Old School-Angestellter auf die New Economy trifft, hat groteske bis kafkaeske Züge.
5.) “Gespräche mit Astronauten” von Felicia Zeller (Jahrgang 1970). Auch sie war schon einmal in Mülheim zu Gast. 2008 erhielt die Frau mit der roten Brille den Publikumspreis für „Kaspar Häuser Meer“, diese hysterische Groteske über drei überforderte Sozialarbeiterinnen. Wie damals hat Zeller auch für „Gespräche mit Astronauten“ gut recherchiert und viele Interviews geführt – in diesem Fall mit zahlreichen Au-pairs und ihren berufstätigen Gastmüttern. Denn es geht hier nicht um Raumfahrt, sondern um das Au-pair-Wesen in Deutschland, hier lustigerweise „Knautschland“ genannt. Uraufgeführt wurde diese sprachfuriose Textoper von Burkhard C. Kosminski auf der großen Bühne in Mannheim, und in dieser Ur-Inszenierung laden wir sie auch ein, obwohl es an Kosminskis kracherter Regie einiges zu kritisieren gibt.
6.) “we are blood” von Fritz Kater alias Armin Petras. Er ist als Autor zum siebten Mal in Mülheim vertreten. Diesmal aber nicht mit seiner eigenen Uraufführungsinszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin, sondern in der unserer Meinung nach stimmigeren Nachinszenierung von Sascha Hawemann am
Centraltheater Leipzig. Petras wird damit leben können, er inszeniert ja selber oft
in Leipzig und macht mit dem Centraltheater viele Koproduktionen. Außerdem hat
Hawemann wirklich ein feines Gespür für die Wehmut und Melancholie in Katers/ Petras´ Text und unterstreicht sehr schön dessen Tschechowhaftigkeit. “we are blood” ist, wie frühere Stücke von ihm auch, ein ostdeutsches Stück – Schauplatz: Wittenberge -, ein Stück über die Verlierer der Nachwendezeit, über geplatzte Hoffnungen und Träume, über den Ausverkauf und Stillstand einer Landschaft – ein großangelegtes Gesellschafts- und Umweltporträt.
7.) “Winterreise” von Elfriede Jelinek – in der leider suboptimalen, etwas grobklotzigen Uraufführungsregie von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen. Jelinek ist damit zum 15. Mal in Mülheim dabei, aber erst drei Mal hat sie den Dramatikerpreis erhalten. In der “Winterreise” greift Jelinek noch mal all ihre Lieblingsthemen auf, da geht es um Gewalt, Missbrauch, die Bankenkrise, den Fall Natascha Kampusch – das alles in andeutungsweiser
Bezugnahme auf Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Doch so sehr dieses Stück auch an der Außenwelt mit ihren bekannten Skandalen andockt, so privat und intim ist es auch – Jelineks persönlichstes Stück, in dem sie mit sich selbst hart ins Gericht geht. Bei unserer Jury-Diskussion wurde es als ein “Hauptwerk” von ihr eingestuft, deshalb unterlag auch ihr (am Schauspielhaus Köln inszenatorisch ohnehin an Jelineks bereits preisgekröntes Stück “Das Werk” gekoppelter) Text “Ein Sturz” über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.
Nach unserer Jurysitzung sind die anderen wieder heimgereist, nur ich musste bleiben, um in meiner – nicht ganz freiwillig angetretenen – Funktion als Sprecherin des Auswahlgremiums am nächsten Tag bei der Pressekonferenz unsere Auswahl vorzustellen und Rede und Antwort zu stehen. Dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag.