14.03.11 | 23:13 | Dramatik | Festivals | Jurytätigkeiten | Kommentare 0 Kommentare

Mülheimer Theatertage 2011: Hier informiert die Jury-Sprecherin

Warten auf die "Stücke" ...

Warten auf die "Stücke" ...

Als Sprecherin des Auswahlgremiums der 36. Mülheimer Theatertage musste ich nun also letzte Woche bei der Pressekonferenz Rede und Antwort stehen, Interviews wie dieses hier für die Online-Plattform “Kultiversum” geben und vorher schnell auch noch schriftlich eine Zusammenfassung samt Auffälligkeiten und Tendenzen des aktuellen Stücke-Jahrgangs für die versammelte Journalistenschar erstellen. Dieses Paper bildet nun das Vorwort für den Programm-Flyer und sei für alle, die´s interessiert, auch hier veröffentlicht – als Einordnung von det Janzem:

>>Es sind Stücke aus der Arbeitswelt, die die Auswahl für die 36. Mülheimer Theatertage prägen – und damit wohl auch einen generellen Trend widerspiegeln. Stücke, die von den ökonomischen An- und Herausforderungen unserer Zeit erzählen; vom Zwang, unsere Haut zu Markte zu tragen, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen – und was das mit uns macht. Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg, die Anpassung des flexiblen Menschen an die Ökonomie, die Auswirkung von Finanz- und globalen Krisen auf das eigene (Arbeits-)Leben – das sind zentrale Themen.

Vier der sieben ausgewählten Stücke handeln mehr oder weniger direkt von solchen Ängsten und prekären Arbeitsverhältnissen. Ganz explizit: „Warteraum Zukunft“ von Oliver Kluck und „Die Firma dankt“ von Lutz Hübner, die beide direkt hineinführen in das Firmen- und Angestelltenleben. Aber auch die sprachfuriose Au-pair-Farce „Gespräche mit Astronauten“ von Felicia Zeller fällt in diese Kategorie, ebenso wie Fritz Katers groß angelegtes Gesellschafts- und Umweltpanorama „we are blood“, das vom Aderlass einer Gegend nach dem Wegzug der Ökonomie erzählt.

Ein weiteres Thema, das in der zeitgenössischen Dramatik immer mehr Raum einnimmt, der Komplex Migration / Integration, ist in unserer Auswahl durch „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje vertreten, den Überraschungsknaller vom kleinen Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg. Eine Lehrerin zwingt darin ihrer migrantischen Rabaukenklasse mit vorgehaltener Pistole Schiller auf.

Europa und unser Verhältnis zu Afrika – mehrere Autoren haben sich im zurückliegenden Stücke-Jahr damit beschäftigt, haben versucht, unsere Rat- und Hilflosigkeit im Umgang damit auszudrücken. Eingeladen haben wir Kevin Rittbergers kluge Reflexion zu diesem schwierigen Komplex: „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ vom Schauspielhaus Wien.

Last but not least: die unermüdliche Elfriede Jelinek, in diesem Jahr zum 15. Mal dabei – drei Mal war die österreichische Nobelpreisträgerin auch schon Mülheim-Preisträgerin. Eingeladen ist sie mit dem Stück „Winterreise“, uraufgeführt von Johan Simons, dem neuen Intendanten der Münchner Kammerspiele – die damit zum 20. Mal in Mülheim vertreten sind. Die „Winterreise“ ist eine Reise durch den Jelinek-Kosmos. Der Text wirkt wie eine Kompilation ihrer bisherigen Stücke, weil er die gewohnten Jelinek-Themen, alle bekannten Jelinek-Facetten multiperspektivisch einkreist und auf kompakte Weise versammelt. Und doch ist es ihr bisher privatestes, persönlichstes Stück.

Zur Auswahl standen 119 Uraufführungen deutschsprachiger Stücke – wobei die derzeit überaus beliebten Roman- und Filmadaptionen, die an den Theatern in der Regel ebenfalls als „Uraufführungen“ firmieren, nicht von uns berücksichtigt wurden. Wir bewerten originäre Dramentexte von lebenden Autoren, keine Romanbearbeitungen. „Verrücktes Blut“ schöpft seine Grundstruktur zwar aus einer Filmvorlage, überzeugt dann aber als eigenständiges Werk von hoher Authentizität und Brisanz.

Es ist ein erfreulich reicher, lebendiger, vielgestaltiger Jahrgang, bei dem eines positiv auffällt: Die meisten Stücke sind nicht nur uraufgeführt, sondern bereits nachgespielt worden oder werden noch nachgespielt. Das zeugt nicht nur von der Qualität der Stücke, sondern insgesamt von einem guten und fruchtbaren Klima für die Gegenwartsdramatik.<<

So begrüßenswert das übrigens ist, dass die Stücke immer häufiger und sehr rasch nach der Uraufführung nachgespielt werden – das ist wirklich neu! -, für uns Juroren bedeutet das noch viel mehr Aufwand und Reiserei. Wir sind als Jury bestrebt, alle Inszenierungen eines neuen Stückes anzusehen, um die jeweils beste, dem Stück angemessenste einzuladen. Für ein Stück wie Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes” habe ich, nur zum Beispiel, drei Theaterabende in drei verschiedenen Städten verbracht … und es wurde von uns am Ende dann gar nicht ausgewählt. Rittberger, Kluck, Zeller, Palmetshofer, Löhle – alle wurden sie nachgespielt. Wie viel Reiserei und Planerei das erfordert! Und wie schwierig das oft mit den Terminen hinzukriegen ist … Sie wird nicht einfacher, die Juriererei.


13.03.11 | 23:38 | Dramatik | Festivals | Jurytätigkeiten | Kommentare 0 Kommentare

Mülheimer Theatertage 2011: Die Auswahl der Stücke

Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb

Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb

Am Aschermittwoch war die Schluss-Sitzung unserer Mülheim-Jury. Neben mir gehören diesem Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage meine Kritikerkollegen Barbara Burckhardt (“Theater heute”), Peter Michalzik (“Frankfurter Rundschau”), Wolfgang Kralicek (“Falter”, Wien) und Till Briegleb (“Süddeutsche Zeitung”, Kulturkorrespondent Hamburg) an. Unsere Aufgabe: die sieben besten uraufgeführten deutschsprachigen Stücke innerhalb eines Jahres zu küren, indem wir sie zu den Mülheimer Theatertagen einladen. Zu diesem Zweck lesen wir viele, sehr viele Stücke, reisen herum, tauschen uns per Mail und in einem internen Stücke-Forum im Internet aus und treffen uns regelmäßig zu Jurysitzungen, bei denen das Gesehene und Gelesene diskutiert und auch schon aussortiert wird.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.

In diesem Jahr standen 119 uraufgeführte Stücke zur Diskussion – musikalische Abende, Film- und Romanadaptionen nicht eingerechnet. Es galt also, sieben beste Stücke aus 119 zu wählen. Keine ganz leichte Aufgabe, weil es ein reicher und guter Jahrgang war, aus dem man locker ein Festival mit zehn oder gar zwölf Stücken bestreiten könnte. Bei unserer Schluss-Sitzung hatten wir noch 23 Stücke
auf der Liste: das knappe Dutzend, das bis zuletzt hart diskutiert wurde und dazu jene Texte, die noch gar nicht diskutiert worden waren, weil sie erst in den wochen nach unserer letzten Sitzung Anfang Februar oder – wie Nis-Momme Stockmanns “Expedition und Psychiatrie” in Heidelberg oder Marianna Salzmanns “Satt” in München – in den letzten paar Tagen uraufgeführt wurden.

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"

War vor der Sitzung alles noch ein Riesenstress … allein die Geschichte, wie total umständlich und verspätet ich an einem Lokführerstreiktag zur Stockmann-Uraufführung nach Heidelberg gekommen bin! Aber das erzähle ich ein anderes Mal …

Schluss-Sitzung nun also. Teilnehmer: Wir fünf vom Auswahlgremium plus Festivalleiter Udo Balzer-Reher und seine Dramaturgin und PR-Verantwortliche Stephanie Steinberg. Die beiden SIND das Festival, aber sie sind natürlich ohne Stimmrecht – die Auswahl trifft allein die Jury. Ort: Weinzimmer in der Stadthalle in Mülheim an der Ruhr, das zur Zeit noch ungemütlicher ist als sonst, weil die halbe Stadt umgebaut wird. Wo könnte man den Aschermittwoch besser verbringen?

Krali und Till

Krali und Till

Für Essen ist gesorgt. Es gibt neben dem Konferenztisch ein kleines Buffet mit gefüllten Omeletts, Gemüse und Schweinelendchen in Chafing-Dishes. Wir treffen uns mittags, essen erst was und diskutieren dann ungefähr vier Stunden. Drei Stücke waren eh sonnenklar, auf die nächsten zwei haben wir uns auch relativ schnell geeinigt – aber bei den letzten zwei Positionen wird´s dann halt schon eng. Da entscheidet am Ende das Stimmzettelverfahren – von drei Stücken, die nach diversen Ausschlussverfahren noch im Rennen waren, mussten dann zwei fliegen, die mit den wenigsten Stimmen. Ewald Palmetshofers “tier. man wird doch bitte unterschicht” und Philipp Löhles “Supernova (wie Gold entsteht)” schieden auf diese Weise aus.

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...

Klar, als Juror(in) weint man da schon  mal dem einen oder anderen Stück eine Träne nach (wie begeistert bin ich zum Beispiel von Jelineks “Ein Sturz” in Köln, welches wir zugunsten ihrer “Winterreise” nicht nominiert haben), aber wir konnten nun mal nur sieben Stücke wählen, und unsere Auswahl, das muss man schon auch sagen, ist eine wirklich gute, insgesamt auch sehr politische.

Hier die Nominierten, beginnend mit den drei Mülheim-Neulingen:

1.) „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ von Kevin Rittberger (Jahrgang 1977, ein gebürtiger Stuttgarter), in der Inszenierung von Felicitas Brucker am Schauspielhaus Wien. Ein Stück über Afrika und die Flüchtlingsdramen, die sich täglich an der Grenze zur Festung Europa abspielen. Mit der tragischen Geschichte der jungen Nigerianerin Blessing erzählt Rittberger im ersten Teil, der explizit als “Lehrstück” im Sinne Brechts ausgewiesen ist, ein exemplarisches Flüchtlingsschicksal. Um dann im zweiten Teil die Perspektive und den Erzählton komplett zu wechseln und auf die Medien zu zoomen, die von solchen Schicksalen berichten und dabei hefitgst an ihre Grenzen stoßen. Wobei Rittberger keineswegs so tut, als könne er dem Problem beikommen oder irgendwie gerecht werden. Und das ist auch gut so.

2.) “Warteraum Zukunft” von Oliver Kluck (Jahrgang 1980, er stammt aus Rügen). Das Stück beschreibt einen Tag im Leben eines Angestellten aus der Generation der heute Dreißigjährigen: des Ingenieurs Daniel Putkammer, mit dessen Rezeptoren wir hier den Büroalltag und ein Besäufnis am Abend bis hin zu einem schlimmen Unfall erleben, wahrgenommen als ein polyphones Stimmenkonzert im Kopf des Erzählers. Es wurde bei den Ruhrfestspielen in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt und bereits von drei weiteren Bühnen nachgespielt. Wir haben uns für die Inszenierung von Daniela Kranz am Nationaltheater Weimar entschieden, weil aus dieser Inszenierung, wie wir es nannten, die größte “Wutkraft” spricht.

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg

3.) “Verrücktes Blut” von Nurkan Erpulat (geboren 1974 in Ankara) und Jens Hillje, dem einstigen Schaubühnen-Dramaturgen. Eine Lehrerin nimmt ihre migrantische Rabaukenklasse in Geiselhaft und zwingt den Problemkids mit vorgehaltener Pistole Schiller auf. Das Stück kam als Ko-Produktion mit der Ruhrtriennale zuerst in Duisburg heraus und ist jetzt der Renner am Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg – als solcher der Überraschungsknaller der Saison, eingeladen auch zum Berliner Theatertreffen und zum Münchner Festival Radikal jung. Zwar beruht die Grundstruktur des Textes auf einer Filmvorlage, es ist daraus aber, wie wir finden, ein eigenständiges Stück von großer Authentizität und Kraft entstanden.

4.) “Die Firma dankt”  von Lutz Hübner, mit 47 Jahren wahrlich kein Jungautor mehr, aber einer der produktivsten – erst zum zweiten Mal in Mülheim vertreten. Seine Spezialität sind themenbezogene Gesellschaftskomödien wie diese hier, uraufgeführt von Susanne Lietzow am Staatsschauspiel Dresden. Ein Stück aus dem Inneren des Firmenlebens in Zeiten der Umstrukturierung. Wie hier ein Old School-Angestellter auf die New Economy trifft, hat groteske bis kafkaeske Züge.

5.) “Gespräche mit Astronauten” von Felicia Zeller (Jahrgang 1970). Auch sie war schon einmal in Mülheim zu Gast. 2008 erhielt die Frau mit der roten Brille den Publikumspreis für „Kaspar Häuser Meer“, diese hysterische Groteske über drei überforderte Sozialarbeiterinnen. Wie damals hat Zeller auch für „Gespräche mit Astronauten“ gut recherchiert und viele Interviews geführt – in diesem Fall mit zahlreichen Au-pairs und ihren berufstätigen Gastmüttern. Denn es geht hier nicht um Raumfahrt, sondern um das Au-pair-Wesen in Deutschland, hier lustigerweise  „Knautschland“ genannt. Uraufgeführt wurde diese sprachfuriose Textoper von Burkhard C. Kosminski auf der großen Bühne in Mannheim, und in dieser Ur-Inszenierung laden wir sie auch ein, obwohl es an Kosminskis kracherter Regie einiges zu kritisieren gibt.

6.) “we are blood” von Fritz Kater alias Armin Petras. Er ist als Autor zum siebten Mal in Mülheim vertreten. Diesmal aber nicht mit seiner eigenen Uraufführungsinszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin, sondern in der unserer Meinung nach stimmigeren Nachinszenierung von Sascha Hawemann am
Centraltheater Leipzig. Petras wird damit leben können, er inszeniert ja selber oft
in Leipzig und macht mit dem Centraltheater viele Koproduktionen. Außerdem hat
Hawemann wirklich ein feines Gespür für die Wehmut und Melancholie in Katers/ Petras´ Text und unterstreicht sehr schön dessen Tschechowhaftigkeit. “we are blood” ist, wie frühere Stücke von ihm auch, ein ostdeutsches Stück – Schauplatz: Wittenberge -, ein Stück über die Verlierer der Nachwendezeit, über geplatzte Hoffnungen und Träume, über den Ausverkauf und Stillstand einer Landschaft – ein großangelegtes Gesellschafts- und Umweltporträt.

7.) “Winterreise” von Elfriede Jelinek – in der leider suboptimalen, etwas grobklotzigen Uraufführungsregie von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen.  Jelinek ist damit zum 15. Mal in Mülheim dabei, aber erst drei Mal hat sie den Dramatikerpreis erhalten. In der “Winterreise” greift Jelinek noch mal all ihre Lieblingsthemen auf, da geht es um Gewalt, Missbrauch, die Bankenkrise, den Fall Natascha Kampusch – das alles in andeutungsweiser
Bezugnahme auf Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Doch so sehr dieses Stück auch an der Außenwelt mit ihren bekannten Skandalen andockt, so privat und intim  ist es auch – Jelineks persönlichstes Stück, in dem sie mit sich selbst hart ins Gericht geht. Bei unserer Jury-Diskussion wurde es als ein “Hauptwerk” von ihr eingestuft, deshalb unterlag auch ihr (am Schauspielhaus Köln inszenatorisch ohnehin an Jelineks bereits preisgekröntes Stück “Das Werk” gekoppelter) Text “Ein Sturz” über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

Nach unserer Jurysitzung sind die anderen wieder heimgereist, nur ich musste bleiben, um in meiner – nicht ganz freiwillig angetretenen – Funktion als Sprecherin des Auswahlgremiums am nächsten Tag bei der Pressekonferenz unsere Auswahl vorzustellen und Rede und Antwort zu stehen. Dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag.