21.08.10 | 22:43 | Abschied von ... | Harte Realitäten | Kritikerfrust | Kommentare 1 Kommentar

Christoph Schlingensief ist gestorben

Meese-Rupertinum

Christoph Schlingensief ist tot. Keine Kunstaktion! Er ist jetzt tatsächlich tot. Vom Krebs niedergerungen, weggebissen, dahingerafft.

Ja, ich weiß, die Nachricht war irgendwann zu befürchten – und doch trifft sie einen wie ein Schlag. Wie unfassbar traurig das ist! Wie entsetzlich realistisch und ungerecht! Wie gemein! Ich kann gar nicht anders, als um Christoph weinen. Er war ein herzensguter, freundlicher, charismatischer Mensch, einer der charmantesten, entwaffnendsten, umwerfendsten, die ich je kennen lernen durfte. Er war ein wahrhaftiger Künstler, ein Künstler durch und durch, fiebernd, zweifelnd, suchend, fragend. So anregend, anstoßend, frappierend, irritierend … so originell und schnell. Auch anstrengend – neurotisch, liebesbedürftig, paranoid … Aber total authentisch. Er war so aufrichtig, unverbogen, unverdorben. Er hat sich als Künstler die Welt nicht nur zur Brust genommen, sondern vor allem auch zu Herzen.

Ich war im Salzburger Museum Rupertinum und habe das oben abgebildete Manifest von Jonathan Meese fotografiert (“Kunst ungleich Kultur”), als just in diesem Moment mein Handy klingelte. 17.52 Uhr. Am Telefon Steinfeld, mein Chef aus dem Feuilleton, der mitteilt, dass Schlingensief gestorben sei. Blitz ins Hirn. Beißende Helle. Schlagartiger Realitätseinbruch, gefolgt von roboterhaft nüchterner Reaktion: Okay, Salzburgaufenthalt abbrechen, zurück ins Hotel, nächsten Zug nach München nehmen, morgen in die Redaktion, Nachruf schreiben, Stimmen sammeln … “Schon was vorbereitet?” – “Nein, nichts.”

Aber jetzt bin ich zuhause und möchte gerade einfach nur heulen. Das Manifest von Meese ist übrigens total im Sinne von Schlingensief: “Kunst als rechtsfreier Raum”, als “Freispiel der Kräfte” – “keine Limitierungen”, “Hermetik und Hingabe” und über allem: “Liebe (keinerlei Hochmut)” …

Christoph Schlingensief wird uns sehr fehlen, nicht nur in der Theater- und Kunstlandschaft, er wird diesem Land fehlen, auch wenn es dieses Land mal wieder gar nicht merken wird. Er hat uns so verdammt gut getan.

Ich höre “Te Deum” von Arvo Pärt. (Jetzt bloß kein Wagner!) Ich höre es in Gedanken an Dich, Christoph. Und ich bete für Dich, wie Katholiken es tun: Ruhe in Frieden.

04.05.10 | 16:39 | Dies & das | Harte Realitäten | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Das Imaginarium des Dr. Gollum

Auch die Schauspielkunst unterliegt dem Wandel der Zeit. Das behauptet zumindest Andy Serkis – ein Londoner Schauspieler, Jahrgang 1964, hat viel Theater gespielt, aber als er 35 Jahre alt war, 1999, wartete er immer noch auf seinen großen Druchbruch. Den hat er auch erlebt – als Gollum in Peter Jacksons “Herr der Ringe”-Filmen; und als Jacksons “King Kong”. Gut, das waren jetzt keine Rollen, mit denen sein Gesicht berühmt wurde – aber aus der Mischform von Schauspiel und Computeranimation hat er tatsächlich eine eigene Kunstform gemacht. Und nun will er, so steht`s im Guardian, auch anderen beibringen, wie das geht – und gründet deswegen eine Schauspielschule für computergenerierte Charakterrollen, das Imaginarium, wo man lernt, sich in nicht existenten Räumen in dreidimensionale oder auch nur irgendwie verwachsene Figuren einzufinden. Sie haben unseren Schatz gestohlen…

28.03.10 | 23:02 | Geht doch! | Harte Realitäten | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Solidarität mit dem Schauspielhaus Wuppertal

Wuppertal-Button

Am Samstag war Welttheatertag, und die deutschen Bühnen nutzten diesen sonst eher vergessenen Termin für eine Mobilmachung in eigener Sache. Fast 60 Theater aus der ganzen Republik schickten Einsatzkommandos nach Wuppertal, um mit Lesungen, Reden und szenischen Beiträgen gegen die Schließung des dortigen Schauspielhauses zu protestieren. Denn ja: Die Stadt Wuppertal plant allen Ernstes, ihr Theater dichtzumachen! Und weil in diesen finanzkrisengebeutelten Zeiten auch andere Stadttheater um ihre Existenz fürchten müssen, haben die im Deutschen Bühnenverein organisierten Intendanten zu einer Protestaktion aufgerufen.

Mit enormer Resonanz. Es war die bisher größte Solidaritätsdemonstration deutscher Bühnen, die da am Samstag zustande kam, ein theatralischer Großkampftag.

Kleine Theater wie die Burghofbühne Dinslaken, das Stadttheater Gießen oder das ebenfalls von Schließung bedrohte Schlosstheater Moers nahmen ebenso daran teil wie das Schauspielhaus Düsseldorf, das Staatstheater Stuttgart, das Nationaltheater Mannheim oder das Berliner Ensemble. Das Hamburger Schauspielhaus schickte den wütenden Hartz IV-Chor aus Volker Löschs Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“, das Schauspiel Köln den „Engel der Geschichte“ aus Elfriede Jelineks Wirtschaftskrisenkomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Und für den Schauspieler Ulrich Matthes vom Deutschen Theater Berlin war es eine Ehrensache, seine Unterstützung für das Wuppertaler Schauspielhaus mit einer Tschechow-Lesung auszudrücken. Matthes hatte schon vor Weihnachten dem Wuppertaler Oberbürgermeister einen mehrseitigen Brief geschrieben, in dem er ihm vom traurigen Tod des Berliner Schiller-Theaters berichtete und von dem Phantomschmerz, den diese Theaterschließung hinterließ. Matthes hat nie eine Antwort erhalten.

Hier seine Kurzansprache in Wuppertal, leider sieht man sein Gesicht nicht:

Ein Theater zu liquidieren, ist eine hässliche, folgenschwere Angelegenheit. Für jeden Politiker eine denkbar unpopuläre Maßnahme – aber auszuschließen ist sie nicht. Die Lage in Wuppertal ist so bitter ernst, wie die Stadt pleite ist. In der Regel machen die Kommunen ihre Theater nicht gleich ganz dicht, sondern zehren sie aus: fahren sie finanziell und damit auch personell runter, streichen ihnen die Etats zusammen, schließen einzelne Sparten, bürden ihnen neue und immer neue Kosten auf und sparen sie so langsam kaputt. In den letzten 15 Jahren wurden im deutschen Theater 7000 Arbeitsplätze gestrichen. Da ist kein Speck mehr abzutragen, das ist ausgedünnt. Wenn man so weitermacht, ist es ein Tod auf Raten.

Es gibt ein Menetekel: das Berliner Schiller-Theater – nicht nur für Ulrich Matthes eine offene Wunde. 1993 wurde es geschlossen, ein Haus mit wirklich großer Tradition – das waren immerhin mal die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. Auch damals wollte das mit der Schließung erst keiner glauben. Auch damals wurde demonstriert. Holk Freytag, der Vorsitzende der Intendanten im Deutschen Bühnenverein, war zu jener Zeit Intendant am heute so gebeutelten Wuppertaler Haus. Er erzählt, wie alle NRW-Intendanten geschlossen nach Berlin gereist sind, um lautstark gegen die Schließung des Schiller-Theaters zu protestieren. Nie mehr, so schwuren sie, würden sie mit einer Aufführung nach Berlin kommen! Keine Zusammenarbeit, kein Gastspiel, keine Pina Bausch sollte es dort mehr geben! Selbst das Theatertreffen wollten sie boykottieren! Nun ja, man weiß, was aus der stolzen Androhung geworden ist, und wenn das Wuppertaler Protestspektakel vom Samstag so effektiv ist wie die Demonstration damals in Berlin, dann gute Nacht …

Die SMS, die Holk Freytag heute Mittag geschickt hat – wir waren wegen eines Artikels in Kontakt, den ich fürs Feuilleton geschrieben habe –, ist allerdings voller Zuversicht. Es klingt darin jener euphorische Optimismus an, den jeder kennt, der, gestärkt von der beglückenden Erfahrung menschlicher Solidarität, von einer Groß-Demo für eine gute Sache zurückkommt.

Hier also die Nachricht des Hauptorganisators:

„Es war ganz toll gestern, und es ging bis weit nach Mitternacht. Es waren Tausende auf der Straße, selbst die drei Kilometer lange Menschenkette vom Schauspiel- zum Opernhaus hat geklappt. Vielleicht schaffen wir da ja doch was .“

„Vielleicht schaffen wir ja doch was“ … ja! Das ist schön! Das wäre zu wünschen.

Ich war am Samstagabend nicht in Wuppertal, sondern bei der Premiere von “Don Carlos” am Staatsschauspiel Dresden (da, wo Holk Freytag zuletzt Intendant war, bevor Wilfried Schulz ihn ablöste). Beim Schlussapplaus, der mit Fug und Recht begeistert und sehr ausgiebig war, zeigte sich Regisseur Roger Vontobel im gelben Wuppertal-Solidarität-T-Shirt. Die Dresdner Schauspiel-Gesandtschaft hatte es frisch von der Wuppertaler Protestaktion mitgebracht. Fand ich gut.

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos"  (Fotos: cd)

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos" (Fotos: cd)

Nach der Vorstellung, die bis zwanzig nach elf ging (die Sommerzeitumstellung mit einkalkuliert, war es fast schon halb eins – so viel zu den Arbeitszeiten einer Theaterkritikerin!), also nach der Vorstellung lief ich dem Intendanten Wilfried Schulz über den Weg. Der trug einen Wuppertal-Solidaritäts-Button – und außerdem von der linken Schulter bis zum Arm einen nicht zu übersehenden Klettschienenverband. Was für ein Kämpfer! Sah aus, als wäre er selber bei der Wuppertaler Demo dabei gewesen und hätte sich dort ganz schön ins Zeug gelegt, ja regelrecht fürs Theater geschlagen.

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Nein, so weit ist es natürlich nicht gekommen. Er ist beim Skifahren gestürzt, der Arme. Letzter Tag, letzte Abfahrt, alles schon gepackt, Auto stand abfahrbereit, einmal noch rauf … und dann das: Trümmerbruch. Schulz, dieser wirklich nette Mensch mit dem lustigen Kiebich-Gesicht, legt auch bei dieser Unglücksschilderung einen milden Ton und sein immer so freundlich scheues Lächeln auf. Diese deutschen Intendanten! Hart im Nehmen sind sie ja schon. Einfach nicht kleinzukriegen.

Wäre doch gelacht, wenn mit denen der Kampf gegen den Theatertod nicht zu gewinnen wäre.

22.03.10 | 21:05 | Begegnung mit ... | Harte Realitäten | Musikalitäten | Kommentare 3 Kommentare

Schlingensief über sich … und Wolfgang Wagner

Christoph Schlingensief   (Foto: dpa)

Christoph Schlingensief (Foto: dpa)

Ich habe heute – auf der Suche nach Stimmen zum Tod von Wolfgang Wagner – mit Christoph Schlingensief telefoniert. Er ist gerade in Oberhausen bei seiner Mutter, und es geht ihm “so lala”. Man ist ja immer etwas befangen, wenn man jemanden auf seine Krebserkrankung anspricht … ich zumindest bin das. Ein einfaches “Wie geht es Dir denn?” erscheint mir in einem so ernsten Fall zu wenig, zu gewöhnlich. Aber ich kann doch auch nicht einfach fragen: Sind die Metastasen wieder da???

Schlingensief weiß das – und nimmt einem sofort jegliches Gefühl der Betretenheit. Er plappert einfach los, spricht völlig frei von der Leber weg: über seinen nerven- und kräftezehrenden “Endloskampf”, seine letzte Chemo, die “total nach hinten losgegangen” sei (Riesenallergie, Zusammenbruch, Bronchitis), dann “wieder in die Röhre”,  festgestellt: “Die Metastasen wachsen weiter”, immer dasselbe, aber jetzt nehme er wieder diese eine Tablette, die überhaupt nur bei zwei Prozent (!) aller Krebsleidenden länger als einen Monat wirke und das in der Regel auch nur bei Menschen aus dem asiatischen Raum – bei ihm, Schlingensief, wirke sie erstaunlicherweise aber auch, zumindest wenn er zwischendurch damit pausiere, seltsam, er müsse da irgendeinen asiatischen Vorfahren in der Verwandschaftslinie haben … jedenfalls ein Riesenglück, aber diese Tablette habe ihn auch sehr schlapp gemacht, und er habe eben eine “wahnsinnige Depression – permanent”, ohne Aino wäre das alles gar nicht zu ertragen, die Liebe zu dieser wunderbaren Frau helfe ihm sehr, aber ihre Beziehung sei natürlich auch von der Situation belastet (“man weiß ja nie, was morgen ist”), alles sei ja doch sehr “niederschmetternd”, andererseits sei es für ihn das größte Glück, “dass ich das alles reflektieren kann”, er brauche das: denken zu können, und auch die Afrika-Sache sei einfach ein “wahnsinniges Glück” …

Tja, und dann geht es pausen- und atemlos weiter im Schlingensiefschen Textfluss: Jetzt ist er bei seinem Opernhaus-Projekt in Burkina Faso und erzählt von der “eigenen Dramaturgie” dieses Ortes und von einer Projekteröffnungsfeierlichkeit mit afrikanischen Müttern, Kindern und sage und schreibe 12 Häuptlingen, und der Oberhäuptling habe eine Rede gehalten, in der er kundtat, dass sie von ihren Göttern und Ahnen die Zustimmung eingeholt und auch tatsächlich bekommen hätten, und das sei so eine Freude, auch wenn er, Schlingensief, ganz klar sagen müsse, dass das “permanente Missverständnis zwischen uns und denen” nie zu überwinden sein werde, man müssse sich da nichts vormachen: “Wir gehören nicht zusammen”, 95 Prozent aller Bilder aus und über Afrika, die wir gesehen und in unserem Kof haben, stammten “von Weißnasen”, das sei immer ein weißer Blick, und es gebe auch jede Menge Ethnologen und selbst ernannte Experten, die jetzt mit Tipps und guten Ratschlägen auf ihn zukämen, sich förmlich aufdrängten  … na, jedenfalls: Er fährt jetzt diese Woche wieder für zehn Tage “runter” und macht an einer Tanzschule ein Casting für ein Theaterprojekt mit dem Arbeitstitel “Via Intoleranza”, so eine “kleinere Sache”. Soll am 15. Mai beim Kunstfestival in Brüssel herauskommen, dann auf Kampnagel, dann bei Bachler in München: im neuen “Pavillon 21 Mini Opera Space” der Bayerischen Staatsoper auf dem Marstallplatz …

Es ist einfach der Wahnsinn, mit Schlingensief zu telefonieren!!! Mir schwirrt jetzt noch der Kopf. Ich kenne ihn jetzt echt schon lange, und doch frappiert mich seine intensive, hochemotionale, sprudelnd mitteilsame Art immer wieder. Er ist der offenste, verwundbarste, red- und leutseligste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und wer das als “Masche” abtut, hat diesen Menschen nicht kapiert.

Jedenfalls musste ich ihn dann unterbrechen und seinen unablässigen Redefluss regelrecht abwürgen, denn es war bereits 16.10 Uhr, und ich wollte doch eigentlich mit ihm über den verstorbenen Bayreuther Festspielchef Wolfgang Wagner reden! Ein Statement einholen! Fürs Feuilleton ! In der Printausgabe, die gleich in Druck gehen musste!! Über Wagner und den Grünen Hügel, wo Schlingensief dereinst den “Parsifal” inszenierte, wusste er dann noch ein paar schöne Anekdoten zu berichten. Und er hatte für den alten Maestro durchaus dankbare und warme Worte übrig (anders als für dessen verstorbene Frau Gudrun).

"W" wie Wagner: Trauerbeflaggung am Grünen Hügel mit der so genannten Festspielfahne zu Ehren des am Sonntag verstorbenen Wolfgang Wagner (Foto: ddp)

"W" wie Wagner: Trauerbeflaggung am Grünen Hügel mit der so genannten Festspielfahne zu Ehren des am Sonntag verstorbenen Wolfgang Wagner (Foto: ddp)

Aber lesen Sie selbst! Schlingensief hat in seinem Schlingenblog einen Text zu Wolfgang Wagner verfasst und mir die Erlaubnis gegeben, ihn hier zu veröffentlichen.  Danke, lieber Christoph, und von Herzen gute & nachhaltige Besserung!

>>Das letzte Mal sah ich Wolfgang Wagner bei der Trauerfeier von Gudrun Wagner. Das war sehr traurig und sehr anrührend wie er da saß… das letzte Mal gesehen und auch gesprochen habe ich ihn im letzten Jahr von Parsifal kurz vor Eröffnung der Festspiele 2007.

Es gab da damals diesen kleinen Konferenzsaal, in dem die Königsfamilie Wagner in den Pausen gerne einige Auserwählte zu einem kleinen Plausch einlud. Und in diesem Raum fanden auch die Sitzungen für neue, aber auch laufende Produktionen statt. Da müssen also alle mal gesessen haben. Jedenfalls in den letzten 20 Jahren. Zu Beginn der Besprechungen zum Parsifal bekamen wir großartige Schnittchen mit Lachs, Leberwurst vom feinsten, hervorragende Fleischwaren, Getränke rund um den Globus und sogar zum Kaffee noch hervorragende Pralinen oder Kuchenstücke, die ihres gleichen suchten.

Im Verlaufe der Produktion stürzten wir aber ab und saßen bereits im zweiten Jahr nur noch mit einer von jenen Keksdosen am Konferenztisch, die man normalerweise von schlecht sehenden Großtanten kennt. Irgendwelche zerbrochenen, ausgetrockneten Plätzchen mit leicht grauer Schokoladenfüllung oder merkwürdigem Käsegeschmack. Diese Reduzierung aufs Mindeste hatte nicht nur mit der finanziellen Situation zu tun, die auch bewirkte, dass mir jedes Jahr schriftlich mitgeteilt wurde, dass nur 1000 Euro für Kostüm- oder Bühnenänderungen zur Verfügung stünden, sondern vor allem mit der dadurch sinnfällig werdenden Tatsache, dass man in der Gunst von Gudrun extrem abgestürzt war. Aber auch das war egal, weil es ja um die Arbeit ging und nicht um irgendwelche Schnittchen.

Und genau diese Arbeit, und das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich noch einmal wiederholen, weil es noch immer irgendwelche Hofschranzen gibt, die behaupten, ich wäre undankbar und wolle Bayreuth nur noch schlecht reden, weil sie damit ihre Chance wittern irgendwann zum inneren Zirkel des großen Wagnerkuchens zu gehören, überhaupt nicht verstanden haben, bzw. eben immer nur Informationen aus zweiter Hand haben; denn die Arbeit in Bayreuth war, egal wie groß der Stress und die Gehässigkeiten, die Verachtung und der Widerwille an diesem Ort geschürt wurden, für mich die größte Freude, die man mir jemals bereitet hat. Die Momente, über die so viele Gerüchte kursieren, einmal live erlebt zu haben, ist eine Belohnung, die ich nicht missen möchte.

Der Prinzipal Wolfgang Wagner während seiner Verabschiedung im August 2008. Im Hintergrund sieht man seine Töchter Katharina und Eva, sie sind seine Nachfolgerinnen in der Festspielleitung.  (Foto: ap)

Der Prinzipal Wolfgang Wagner während seiner Verabschiedung im August 2008. Im Hintergrund sieht man seine Töchter Katharina und Eva, sie sind seine Nachfolgerinnen in der Festspielleitung. (Foto: ap)

Was war das für eine helle Freude, wenn Wolfgang Wagner selbst gegen den Willen seiner Frau mit mir Kontakt aufnahm, um dann ganz großartige Geschichten über die Wollunterhose von Winnie zu berichten oder über Furtwängler, der fast vom Mähdrescher auf der Judenwiese bei dem Versuch ein weiteres Blumenmädchen zu verführen, überrollt worden wäre. Da lachte Wolfgang, da blitzten seine Augen. Oder wenn er erzählte, wie er es schaffte Gelder vom Marshallplan so umzuleiten, dass sie in der Bayreuther Scheune landeten. Der Mann war ein Schlitzohr und das genoss er jede Stunde! Immer wieder tauchte er auf –  nicht nur bei mir – und sagte: “Machen Sie doch was Sie wollen. Sie haben künstlerische Freiheit! Das interessiert mich nicht mehr!”

Ich weiß noch, wie er vor der ersten Probe im zweiten Jahr auf die Probebühne kam und schrie: „Was soll das? Ist jetzt schon schlechter als im letzten Jahr!“ Da hörte man ihn in seinem tiefsten Inneren regelrecht gröhlen. Denn er liebte seine Kommentare, seine Geschichten, seine Auf- und Abtritte. Wenn er dann die große Bühne “endgültig” verließ und schrie, dass es auch der Letzte in der letzten Reihe hören konnte: “Machen Sie doch was Sie wollen. Das interessiert mich nicht mehr!”, so saß er schon 2 Minuten später wieder auf seinem eigenen Inspizientenstuhl auf der linken Seite (vom Zuschauerraum aus gesehen) oder er marschierte gleich zu Gudrun, die in ihrem Zimmer sämtliche Überwachungskameras oder Abhörmikrophone bedienen konnte.

Es war wirklich viel los in diesem kleinen Königshaus, was nicht mit Geld zu bezahlen ist. Und wenn ich dann lese, ich würde die Hand meines Arbeitgebers schlagen oder so was… dann lache ich noch lauter als Wolfgang, denn zum einen lebe und arbeite ich mittlerweile woanders und zum anderen war die Zeit mit Wolfgang so ziemlich das Tollste, was ich überhaupt je auf einer Bühne erlebt habe. Alleine in den ersten zwei Jahren Pierre Boulez erleben und von ihm lernen zu dürfen, dann zu sehen was passiert, wenn der neue Parsifalsänger plötzlich anfängt zu leben, ein wirklicher Mensch zu sein, oder im dritten Jahr zu lernen, wie einige Sänger nicht mehr über eine Verlängerung informiert wurden, weil sie sich kritisch über das Haus geäußert hatten und deshalb plötzlich umbesetzt wurden… das waren Sternstunden der Musikausbildung!

Und das Tollste war Wolfgang, der zwar im dritten Jahr stark vernachlässigt mit Löchern in der Hose durchs Haus stolperte bis sich dann Katharina für ihren Vater einsetzte und dafür sorgte, dass er nicht jeden zweiten Tag die Treppe runterfiel, wenn er immer wieder durch “sein Haus” und somit “sein Werk” schritt! Ja, so muss ich es sagen. Bei allen Alterserscheinungen fand er immer wieder Kraft in seiner Scheune, in seinen Probenräumen, den Konferenzen, den kleinen und großen Kriegen.

Wolfgang war wirklich Bayreuth! Und über Gudrun muss ich ja nichts schreiben. Aber Wolfgang hat mich sehr beeindruckt, und nach vier Jahren, als dann auch der eine Sänger nicht mehr mit am Tisch essen durfte und unser Parsifal mittlerweile mehr als positiv denn als negativ für die Entwicklung Bayreuths eingestuft wurde, (worüber nicht nur ich mich gefreut habe, sondern auch Wolfgang und Katharina), da war der Laden schon wieder ein bisschen weicher geworden. Da war es teilweise sogar richtig angenehm.

Und da endet dann auch meine kleine Geschichte über die Parsifalzeit in Bayreuth. Wir saßen wieder in diesem verwanzten Konferenzzimmer… und diesmal wurden wir mit Tramezinis der allerbesten Art überschüttet. Wolfgang und ich saßen uns gegenüber. Gudrun links, mein Team rechts und links an meiner Seite. Und Wolfgang und ich haben vor lauter Glück, dass kein männlicher Intrigant mehr am Tisch saß, sondern plötzlich so ein kleiner Frieden eintrat, unzählige dieser Toastdinger in uns reingestopft. Es brach sozusagen ein großer gemeinsamer Hunger aus. Ein Hochgenuss sozusagen, bis Gudrun dann irgendwann sagte: „Wolfgang, du bist mal wieder dein bester Gast!”, und da hörte Wolfang Wagner auf zu essen, wischte sich den Mund ab, stand auf, deutete mir an, dass er mich vorne an der Türe sehen wollte,… ich folgte ihm und dort, bei geöffneter Türe wohlgemerkt, sagte er zu mir: „Gell, das war schon toll! Das war eine tolle Sache mit uns. Wir waren doch immer Freunde, nicht wahr?”… und da habe ich „Ja, Herr Wagner” gemurmelt und musste fast heulen. Wir haben uns sogar kurz in den Arm genommen. Kurz, aber herzlich, und ich bin dann wie benommen davongegangen.

Ob die anderen noch weiter gegessen haben, weiß ich nicht mehr… und ich rufe dem alten Herren zu: AUF WIEDERSEHEN! Das ist für alle Menschen die schönste Drohung, die man so aussprechen kann. Und in diesem Falle wäre es sogar eine sehr schöne Drohung, auch wenn die Hofschranzen daraus wieder etwas Böses lesen wollen… Ich mag Bayreuth und ich bin sehr gespannt, was daraus werden wird. Auch wenn die Zeichen momentan eher auf Keksdose stehen! <<  – Christoph Schlingensief

09.02.10 | 19:24 | Harte Realitäten | Kritikerin unterwegs | Kommentare 0 Kommentare

Berlin – ein gefährliches Pflaster

Komme gerade (mit verspätetem Flieger) aus Berlin zurück – was für ein gefährliches Pflaster! Die Gehwege: total vereist. Die Straßen: von Eisbänken verkrustet. Überall Glatteisgefahr. Rutschende, schlitternde Menschen. Mit dem Rollkoffer zum Hotel zu laufen, war eine einzige Rutschpartie. Ich bin froh, heil wieder aus dieser Stadt herausgekommen zu sein. Dort sind sie dem harten Winter echt nicht Herr geworden. Hunderte Berliner sind schon schwer gestürzt und mit Knochenbrüchen im Krankenhaus gelandet.

Der “Tagesspiegel” machte das Eis-Chaos in seiner heutigen Ausgabe auf der Titelseite zum Thema – Schlagzeile: “Der Fall Berlin”. Im Lokalteil erfährt man unter der Überschrift “Glatt versagt”, dass allein am vergangenen Wochenende 108 Patienten behandelt wurden, die auf dem Eis ausgerutscht waren. Aber es wird auch Hoffnung gestreut: “Die Stadtreinigung (BSR) räumt oder bestreut nun auch Gehwege, Haltestellen oder Plätze, für die sie nicht zuständig ist. So wurde und wird auch auf eisige Nebenstraßen Splitt gestreut.” Ein Obdachloser hat aus der Not immerhin eine Notunterkunft gemacht – und sich am Nollendorfplatz ein Iglu gebaut.

02.02.10 | 19:50 | Harte Realitäten | Theater | Kommentare 2 Kommentare

Quelle des Übels, Quelle des Glücks

Der letzte seiner Art: Quellekatalog Herbst/Winter 2009/10 (Foto: cd)

Der letzte seiner Art: Quellekatalog Herbst/Winter 2009/10 (Foto: cd)

Aus. Vorbei. Geschichte. Die Firma Quelle ist nicht mehr. Tausende haben ihren Arbeitsplatz verloren, davon viele ihre ganze Existenzgrundlage. Neun dieser “Ehemaligen” sind gestern im Stadttheater Fürth auf die Bühne getreten, um vom Erfolg, Niedergang und dem plötzlichen Aus ihrer Firma und damit von sich selbst zu erzählen: in Liedern, Geschichten, Märchen, Gedichten und in ganz persönlichen Erfahrungsberichten (siehe auch meinen Artikel im SZ-Feuilleton in der Printausgabe vom 3. Februar).

“Die Menschen von Primondo und Quelle” hieß dieser Bürgertheaterabend, der einem Trauer- und Gedenkgottesdienst glich – mit all den emotionalen Ups and Downs, den so eine Abschlussveranstaltung hat. Selige Erinnerung, Trauer, Freude, Stolz: “Man hielt zusammen wie in einer richtigen Familie. Man lebte von und für die Quelle.” Der Blick nach vorn. Selbst auferlegte Hoffnung, trotzige Zuversicht, neue Pläne: “Ich vertraue auf meine Stärke” – “Vielleicht geht was in Richtung Werbung …” Aber auch eine große Wut brach sich da Bahn und wurde ausgelassen an den letzten Quellekatalogen, die sich auf der Bühne stapelten. Der Slogan auf der Titelseite wirkt im Nachhinein wie ein Hohn: “Tausend Wünsche. Eine Quelle.” Die Gültigkeit des Kataloges, dieses letzten seiner Art, ist mit dem 31.01.2010 abgelaufen – so wie auch der Arbeitsvertrag des IT-Spezialisten Winfried Lernet (Quelle Itellium), der auf der Bühne seinen ersten Tag als Arbeitsloser mit Gongschlägen einläutete und mit Klangschalen wimmernde, meditative Töne erzeugte. Statt selber zu reden, zeigte er seine persönliche Art der Aufarbeitung als Powerpointpräsentation:

“Was nehme ich aus der Zeit bei Quelle und Itellium mit? – Verbundenheit mit der Quelle. Engagement für die Quelle. Zielgerichtete Zusammenarbeit. Wertschätzung der Kolleginnen / der Arbeit.”

Zur Einstimmung auf den Abend gab es einen Film, der die Geschichte der Quelle vom blühenden Versandhandelsunternehmen über die zuletzt gestorbene Hoffnung bis hin zum Ausverkauf an den Wühltischen kurz und gefühlsbündig zusammenfasst:

Später wurde die Leinwand dann für andere Einblendungen freigegeben: Fotos aus dem täglichen Arbeitsleben, Gruppenbilder, Mitarbeiter- und Umsatzzahlen. Lautes Gelächter im Publikum, als ein riesiges Schwarz-Weiß-Foto von Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz erscheint. Daneben zu lesen:  “Ich muss beim Discounter kaufen und in der Pizzeria um die Ecke essen, denn mein 3 Mrd.-Euro-Aktienpaket ist nur noch 27 Mio Euro wert.” Folgt eine lange Betonkopf-Galerie all der Topmanager, die das Unternehmen von 1983 bis 2009 auf Vordermann bringen sollten. “Es war ein endloser Kreislauf, von einer Idee zur nächsten Vision”, erzählt Lisa Hallmeier aus der Quelle-Markenkommunikation in ihrem ziemlich lustigen Vortrag über die ewige “Baustelle Quelle”:  “Manager kamen und gingen und mit ihnen die Ideen und Konzepte.”

Monika Follmer, Disposition Einkauf / Abteilung Kinderkonfektion, erzählt ihre persönliche Quelle-Geschichte als ein Märchen, das in Erfüllung ging: Es handelt von einem jungen Mädchen aus einem kleinen rumänischen Dorf, das beim Durchblättern ihres ersten Quellekatalogs wahre Glücksgefühle erlebte. So musste das Schlaraffenland aussehen! Als sie dann vor 19 Jahren selber zu dem Unternehmen kam, empfand sie das als “eine große Ehre”.

Während die Einkäuferin Follmer verträumt im Quellekatalog blättert, haut Beatrix Zensner die Exemplare wütend auf den Boden und lässt all ihren Zorn und Frust daran aus. Sie war Callcenter-Mitarbeiterin und Betriebsrätin bei Quelle und erzählt mit Wut in der Stimme von ihrem aussichtslosen Kampf: “Nachts habe ich geheult und geschrien … habe dann gelernt, darüber zu reden, mitzureden, habe mich an ignoranten Wänden kalt geschlagen, bin an der Ohnmächtigkeit und der auferlegten Verantwortung beinahe zugrunde gegangen.” Sie sei auch ein Opfer: “ein Opfer von Druck und Ausbeutung und mangelnder Anerkennung”.

Ehemalige Quelle-Mitarbeiter lassen ihre Wut raus ... und am Katalog aus.  (Foto: ddp)

Ehemalige Quelle-Mitarbeiter lassen ihre Wut raus ... und am Katalog aus. (Foto: ddp)

Musikalisch begleitet wurde der Abend kritisch-lyrisch-traurig-trotzig von dem fränkischen Trio B3B1B (“Bach drei Barden eine Band”). Zwei der Bandmitglieder, der Sänger und Texter Armin Bachhuber und Bassist Stefan Kugler, waren selber bei der Quelle beschäftigt. Sie haben drei Lieder eigens für die Quellianer geschrieben: “Ich bin”, “Der lange Weg” und “Leistung lohnt sich wieder”.

Hier ein Auszug aus dem “Ich bin”-Song:

Der Herr Vorstand hat gemeint / er hätt gestern fast geweint / und es tät ihm furchtbar leid / liebe Leut / die Firma hat sich heut / von euch befreit / keine andre Möglichkeit / der Markt ist halt noch nicht so weit / der Schaden ist kollateral / nicht fatal / das Gesicht, das dieses spricht / ist so banal …

Und der Refrain:

Denn ich bin noch nicht tot / Ich bin noch am Lebn / Ich bin nicht tot / Ich werd nicht aufgebn / Denn ich bin / Ich bin / Ich bin nicht kleinzukriegen

Am Ende formierten sich alle 13 Darsteller (vier davon waren Schauspieler) zu einem antiken Schlusschor und skandierten einen Text,  den der Fürther Schriftsteller Ewald Arenz für sie geschrieben hat: eine Stillstandsbeschreibung im griechischen Versmaß. Über Schreibtische, die leer geräumt, Schränke, die ein letztes Mal geöffnet werden, Staub, der sich festsetzt – “und nichts kann mehr glitzern in diesen Tagen”. Am Ende aber heißt es:

“Nicht mit gesenktem Kopf / kann man leben / Erhobenen Blicks erst / sieht man das Licht”

Bewegte Gesichter. Standing Ovations. Das Leben wird weitergehen. Es muss.