Herzlichen Glückwunsch, lieber Fitzgerald Kusz!
Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)
Heute feiert der Frankendichter Fitzgerald Kusz, mein so liebenswürdiger, geschätzter Landsmann, der diesen Blog seit Anbeginn mit seinen wunderbaren Haikus unterstützt, seinen 67. Geburtstag. Aus diesem Anlass sei hier das Porträt veröffentlicht, das ich vor einem Jahr im SZ-Feuilleton über ihn geschrieben habe (SZ vom 27.11.2010). Ich habe Herrn Kusz dafür in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser besucht, es liegt in unmittelbarer Nähe zum riesigen Gebäudekomplex der Agentur für Arbeit. Anlass für den Artikel war der Austausch seines unverwüstlichen Langzeitrenners “Schweig, Bub!” auf dem Spielplan des Nürnberger Theaters gegen ein neues – und neuzeitiges – Kusz-Stück mit dem weihnachtlichen Titel “Lametta”. Dass ich diese Uraufführung (in der grobmotorisch plärrigen Anti-Franken-Regie von Frank Behnke) nicht sonderlich gut fand – und das natürlich auch schrieb -, hat mir Kusz erst ein bisschen krumm genommen. Völlig zu unrecht! Denn eigentlich – jetzt mal ehrlich, Herr Kusz – kann man meinen Text gar nicht anders verstehen als das, was er sein soll und ist: eine Liebeserklärung und Hommage. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Fitzgerald Kusz! Und ich freue mich schon auf neue Haikus, denn jetzt regt er sich wieder, dieser Blog.
Auf´s Maul geschaut
Ein Porträt des fränkischen Dichters Fitzgerald Kusz
Der Franke als solcher ist ein eher nüchterner Mensch mit grundsätzlich pessimistischer Weltsicht. Überschwänglichkeiten sind nicht so sehr sein Fall, er macht auch kein Aufhebens von sich selber. Im Tiefstapeln ist er Deutschlandmeister, doch im Hochdeutschen ist für ihn kein Pokal zu holen. Das „R“ macht er sich rollend gefügig, aber das harte „P“ und das harte „T“ sind und bleiben seine Feinde. Generell ist der Franke eher maulfaul. Die große Klappe überlässt er ehrgeizlos den Bayern und Preußen. Sein dazugehöriges Diktum lautet: „Iich sog nix, iich denk ma mein Teil . . .“ Aber wehe, wenn er mal loslegt, der Franke, dann kommt er umstandslos zur Sache und ist so unverblümt, derb und direkt, dass man froh sein muss, wenn ihn nicht alle verstehen.
„nu ä wodd / und du hasd / dein ledzdn / schiiß gloun“ (noch ein wort / und du hast / deinen letzten / Furz gelassen)
Wer die fränkische Mund- und Wesensart derart konzise in einen Versrhythmus und auf den Punkt zu bringen versteht wie Fitzgerald Kusz, der kennt und liebt seine Pappenheimer und weiß sie beim (gesprochenen) Wort zu nehmen. Der Nürnberger Dichter, Jahrgang 1944, erbringt seit nun schon vier Jahrzehnten den Beweis, dass „das Fränggische“ sehr wohl auch zur lebendigen Literatursprache taugt, so wie zum Beispiel das Katalanische, oder nehmen wir Suaheli.

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)
„Der fränkische Dialekt hat eine tolle Bildhaftigkeit“, weiß Kusz an seiner Muttersprache zu schätzen. Als Sohn einer waschechten Fränkin und eines gelernten Opernsängers aus Berlin ist er im mittelfränkischen Forth gewissermaßen zweisprachig aufgewachsen. Das Berlinerische mag er auch, aber das Fränkische, findet er, „ist die absolute Dialogsprache.“
Der 66-Jährige mit der lustigen Knubbelnase sitzt an einem großen Holztisch in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser und schaut mit seiner rundlichen Pullunder-Gestalt und den Pantoffeln an seinen Füßen wie ein braver Pensionär aus. Wenn da nicht dieses listige, spitzbübische Grinsen wäre. Oder dieses „Schimpf-Sonett“ aus eigener Feder, das er gerade zum Beweis der Anschaulichkeit der fränkischen Sprache vorgetragen hat. „In der Jazzer-Sprache würde man sagen: Fränkisch groovt“, sagt der Jazz-und Blues-Fan Kusz. Man nehme allein die Synkopen: „Wenn auf einen kurzen Takt ein längerer kommt: gmacht statt gemacht, gsunga statt gesungen.“ In der Verknappung liegt Musik drin. Der Rhythmus macht’s.
Kusz ist der Pionier, wenn nicht der Vater der fränkischen Mundartdichtung – nicht einfach nur ein Heimatdichter, sondern ein professioneller, höchst geistreicher, nicht selten hinterfotziger Lyriker und Dramatiker, dessen Dialektgedichte regelmäßig im „Jahrbuch der Lyrik“ erscheinen und dessen Texte nicht nur in andere deutsche Mundarten wie zum Beispiel ins Hessische oder Plattdeutsche übertragen werden, sondern auch in englischen, italienischen und sogar türkischen Übersetzungen vorliegen.

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg
Weit über das Frankenland hinaus bekannt und in selbigem weltberühmt wurde Fitzgerald Kusz 1976 mit seinem Volksstück „Schweig, Bub!“, dem Franken-Klassiker schlechthin. Das Drama schaut einer kleinbürgerlichen Nürnberger Verwandtschaftsrunde anlässlich der Konfirmationsfeier des 14-jährigen „Fritzla“ beim Reden und Essen aufs Maul. Dabei werden von der „selbä gmachtn Lebagnödlasuppm“ über „Schweinebrodn“ und fränkische Klöß bis hin zu den obligatorischen „Brodwärscht“ jede Menge regionaler Speisen nebst Unmengen von Alkohol konsumiert. Mehr ist das eigentlich gar nicht: ein großes Familienfressen. Aber auch: ein Gefressenwerden und Schwer-Angefressensein. Geschrieben ist das so böse, entlarvend und hundsgemein komisch, mit so zur Kenntlichkeit entstellten Figuren, deren deftiges Fränkisch Waffe und Wundbrand zugleich ist, dass dem kleinen Fress-und- Sauf-Stück eine sensationelle Karriere beschieden war. 34 Jahre lang stand es bis zum Juni dieses Jahres allein am Theater Nürnberg auf dem Programm. Ein absoluter Bühnenrenner.
„Das ist der Wahnsinn“, sagt Schauspielchef Klaus Kusenberg, der von Eltern berichtet, die da schon als Jugendliche drin waren und jetzt wieder mit ihren eigenen Kindern kommen. Oder besser gesagt: kamen. Denn nach 730 Vorstellungen in der Urinszenierung von 1976 (die kurioserweise von Friedrich Schirmer, dem späteren Stuttgarter und Hamburger Intendanten, stammt) soll das Stück nicht wieder aufgenommen werden. Damit schweigt der Bub, dem die Erwachsenen ständig übers Maul fahren und ihm dieses mit Knödeln stopfen, nun endgültig. Die – in all der Zeit vielfach umbesetzte – Inszenierung war „in keinem ordentlichen Zustand mehr“, wie Kusenberg das ausdrückt. Der Autor selbst sagt: „Die Luft war raus.“

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.
Kein Problem, sollte man meinen. Kusz hat ja für Nachschub gesorgt und mit „Lametta“ eine Art Fortsetzung geschrieben. Wieder eine Familiengroteske, diesmal aufgehängt an Weihnachten – wenn nicht sogar buchstäblich am dazugehörigen Baum, dessen fehlendes Lametta für die Oma das Symbol des Niedergangs ist. Und es ist ja auch tatsächlich nichts mehr, wie es war: Wurden in „Schweig, Bub!“ der Schein und die Scheinmoral nach außen hin tapfer aufrecht erhalten und nur von der Sprache decouvriert, sind die Familienbande in „Lametta“ von vornherein zerrissen. Weihnachten im Jahr 2010 – das ist inzwischen eben auch in Franken das Fest der Rest- und Patchwork-Familien.
In diesem Fall ist es so, dass die Babs, die Neue vom Sparkassenfilialleiter Werner, ihr erstes Weihnachten mit dem Zukünftigen gerne bei einem „Brigitte-Menü für Zwei“ verbringen würde. Woraus natürlich nichts wird in diesem boulevardesken Tür-auf-Tür-zu-Theater. Einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen: Werners Sohn, Werners Mutter, Werners Ex, dazu der Babs ihre eigene Tochter, der Babs ihr Ex und dann auch noch dessen neue Frau, eine zweifache „Miss Franken“ von minderem IQ („Ich will definitiv ned störn. Echt ned.“).
„Anders scho, besser ned“: Omas Urteil über die neue Hängung am Christbaum gilt leider auch für Kusz’ Weihnachtsstück, das im Vergleich zu „Schweig, Bub!“ doch viel an Süffisanz und hintergründiger Brillanz missen lässt. In „Lametta“ tun sich keine Abgründe, sondern im Wesentlichen nur Mäuler auf. Das Stück begnügt sich mit der Situation selbst, ohne dass sich die Sprache – wie in „Schweig, Bub!“ und den besseren Kusz-Dramen – zur eigentlichen Protagonistin aufschwänge. Vorbilder schwarzen britischen Humors wie Michael Frayn oder Alan Ayckbourn („Schöne Bescherungen“) zwar durchaus im Blick habend, gerät Kusz’ Komödiantik hier aber doch zu banal und beliebig, manchmal sogar lieblich, etwa wenn der Verkündigungsengel an der Krippe den Zoff in Form eines gebrochenen „Flüchellä“ (Flügelchen) abkriegt und der Hausherr mit Kleber rummacht, als habe er keine anderen Sorgen: „Etz kriegt mei Engellä erscht widder sei Flüchellä.“

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger. Den Namen Fitzgerald hat sich Kusz in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.
Zur Ehrenrettung des Stücks muss man allerdings auch sagen, dass Regisseur Frank Behnke in seiner lärmigen, prolligen und dabei auch holprigen Uraufführung komplett die ätzende Farce verpasst hat, die darin stecken könnte. Dass er die Figuren breitärschig ausstopfen und in grässliche Kostüme und Perücken aus dem Fundus der Geschmacksverirrung stecken ließ, müsste ihm das Frankenpublikum eigentlich übel nehmen. So wie man als Franke irritiert registriert, dass die Schauspieler ja gar kein Fränkisch sprechen, sondern: das, was sie dafür halten. Aber Fakt ist: Es gibt keine Franken im Nürnberger Ensemble. Die Schauspieler haben für „Lametta“ extra Sprachunterricht erhalten.
Aber auch, wenn sich das mit dem Idiom mit der Zeit bessern sollte: Einschlagen wie „Schweig, Bub!“ wird „ Lametta“ wohl nicht. An die 80 Profi-Inszenierungen gibt es von Kusz’ frühem Hit, „und die Amateuraufführungen zählt mein Verlag schon gar nicht mehr“, sagt der Autor. Das Gute, wenn man so einen Erfolg gelandet hat, ist: Man kann davon leben. Zumindest konnte der im SDS und in den 68er-Studentenkämpfen an der Uni Erlangen politisch gestählte Kusz schon 1982 seinen Beruf als Studienrat für Deutsch und Englisch an den Nagel hängen und sich ganz dem Schreiben widmen.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.
Seither hat er zwanzig abendfüllende Stücke verfasst, darunter Zwei-Personen-Dramen wie „Burning Love“ und „Höchste Eisenbahn“, die sehr lustigen „Witwendramen“ oder auch „Der Fränkische Jedermann“. Viele davon sind Hits im Volks- und Amateurtheaterbereich und auch wirklich pointiert geschrieben. (Die ins Türkische übersetzten ”Witwendramen” wurden am 20.10. 2011 in Üsküdar, dem asiatischen Teil Istanbuls, zum 100sten Mal aufgeführt, wie Kusz im Oktober per Mail mitteilte. Mit dem Zusatz: “Wird das mein türkischer ,Schweig, Bub!´?”)
Die eigentliche Meisterschaft des Fitzgerald Kusz, der mit Vornamen eigentlich Rüdiger heißt – den Fitzgerald hat er sich in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von „John Fitzgerald Kennedy“ entliehen –, die größte Meisterschaft dieses Frankendichters liegt jedoch in der literarischen Miniatur. Seine fränkischen Haikus sind großartig, und wenn er mit seinen „Bluesbrothers“, dem Gitarristen Klaus Brandl und dem Mundharmonika-Spieler Chris Schmitt, lyrisch-musikalische „Blues & Kusz“-Programme macht, dann weiß man, dass die Melancholie aus Franken kommt.
„der vollmond über nämberch / is aa blouß / ä lebkoung“, heißt es in einem Franken-Haiku von Kusz (Der Vollmond über Nürnberg ist auch nur ein Lebkuchen). Na dann, schönen Christkindlesmarkt!



































































