17.11.11 | 22:01 | Begegnung mit ... | Dramatik | Glückwunsch! | Haiku | Kommentare 1 Kommentar

Herzlichen Glückwunsch, lieber Fitzgerald Kusz!

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Heute feiert der Frankendichter Fitzgerald Kusz, mein so liebenswürdiger, geschätzter Landsmann, der diesen Blog seit Anbeginn mit seinen wunderbaren Haikus unterstützt, seinen 67. Geburtstag. Aus diesem Anlass sei hier das Porträt veröffentlicht, das ich vor einem Jahr im SZ-Feuilleton über ihn geschrieben habe (SZ vom 27.11.2010). Ich habe Herrn Kusz dafür in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser besucht, es liegt in unmittelbarer Nähe zum riesigen Gebäudekomplex der Agentur für Arbeit. Anlass für den Artikel war der Austausch seines unverwüstlichen Langzeitrenners “Schweig, Bub!” auf dem Spielplan des Nürnberger Theaters gegen ein neues – und neuzeitiges – Kusz-Stück mit dem weihnachtlichen Titel “Lametta”. Dass ich diese Uraufführung (in der grobmotorisch plärrigen Anti-Franken-Regie von Frank Behnke) nicht sonderlich gut fand – und das natürlich auch schrieb -, hat mir Kusz erst ein bisschen krumm genommen. Völlig zu unrecht! Denn eigentlich – jetzt mal ehrlich, Herr Kusz – kann man meinen Text gar nicht anders verstehen als das, was er sein soll und ist: eine Liebeserklärung und Hommage. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Fitzgerald Kusz! Und ich freue mich schon auf neue Haikus, denn jetzt regt er sich wieder, dieser Blog.

Auf´s Maul geschaut

Ein Porträt des fränkischen Dichters Fitzgerald Kusz

Der Franke als solcher ist ein eher nüchterner Mensch mit grundsätzlich pessimistischer Weltsicht. Überschwänglichkeiten sind nicht so sehr sein Fall, er macht auch kein Aufhebens von sich selber. Im Tiefstapeln ist er Deutschlandmeister, doch im Hochdeutschen ist für ihn kein Pokal zu holen. Das „R“ macht er sich rollend gefügig, aber das harte „P“ und das harte „T“ sind und bleiben seine Feinde. Generell ist der Franke eher maulfaul. Die große Klappe überlässt er ehrgeizlos den Bayern und Preußen. Sein dazugehöriges Diktum lautet: „Iich sog nix, iich denk ma mein Teil . . .“ Aber wehe, wenn er mal loslegt, der Franke, dann kommt er umstandslos zur Sache und ist so unverblümt, derb und direkt, dass man froh sein muss, wenn ihn nicht alle verstehen.

nu ä wodd / und du hasd / dein ledzdn / schiiß gloun“ (noch ein wort / und du hast / deinen letzten / Furz gelassen)

Wer die fränkische Mund- und Wesensart derart konzise in einen Versrhythmus und auf den Punkt zu bringen versteht wie Fitzgerald Kusz, der kennt und liebt seine Pappenheimer und weiß sie beim (gesprochenen) Wort zu nehmen. Der Nürnberger Dichter, Jahrgang 1944, erbringt seit nun schon vier Jahrzehnten den Beweis, dass „das Fränggische“ sehr wohl auch zur lebendigen Literatursprache taugt, so wie zum Beispiel das Katalanische, oder nehmen wir Suaheli.

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

„Der fränkische Dialekt hat eine tolle Bildhaftigkeit“, weiß Kusz an seiner Muttersprache zu schätzen. Als Sohn einer waschechten Fränkin und eines gelernten Opernsängers aus Berlin ist er im mittelfränkischen Forth gewissermaßen zweisprachig aufgewachsen. Das Berlinerische mag er auch, aber das Fränkische, findet er, „ist die absolute Dialogsprache.“

Der 66-Jährige mit der lustigen Knubbelnase sitzt an einem großen Holztisch in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser und schaut mit seiner rundlichen Pullunder-Gestalt und den Pantoffeln an seinen Füßen wie ein braver Pensionär aus. Wenn da nicht dieses listige, spitzbübische Grinsen wäre. Oder dieses „Schimpf-Sonett“ aus eigener Feder, das er gerade zum Beweis der Anschaulichkeit der fränkischen Sprache vorgetragen hat. „In der Jazzer-Sprache würde man sagen: Fränkisch groovt“, sagt der Jazz-und Blues-Fan Kusz. Man nehme allein die Synkopen: „Wenn auf einen kurzen Takt ein längerer kommt: gmacht statt gemacht, gsunga statt gesungen.“ In der Verknappung liegt Musik drin. Der Rhythmus macht’s.

Kusz ist der Pionier, wenn nicht der Vater der fränkischen Mundartdichtung – nicht einfach nur ein Heimatdichter, sondern ein professioneller, höchst geistreicher, nicht selten hinterfotziger Lyriker und Dramatiker, dessen Dialektgedichte regelmäßig im „Jahrbuch der Lyrik“ erscheinen und dessen Texte nicht nur in andere deutsche Mundarten wie zum Beispiel ins Hessische oder Plattdeutsche übertragen werden, sondern auch in englischen, italienischen und sogar türkischen Übersetzungen vorliegen.

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Weit über das Frankenland hinaus bekannt und in selbigem weltberühmt wurde Fitzgerald Kusz 1976 mit seinem Volksstück „Schweig, Bub!“, dem Franken-Klassiker schlechthin. Das Drama schaut einer kleinbürgerlichen Nürnberger Verwandtschaftsrunde anlässlich der Konfirmationsfeier des 14-jährigen „Fritzla“ beim Reden und Essen aufs Maul. Dabei werden von der „selbä gmachtn Lebagnödlasuppm“ über „Schweinebrodn“ und fränkische Klöß bis hin zu den obligatorischen „Brodwärscht“ jede Menge regionaler Speisen nebst Unmengen von Alkohol konsumiert. Mehr ist das eigentlich gar nicht: ein großes Familienfressen. Aber auch: ein Gefressenwerden und Schwer-Angefressensein. Geschrieben ist das so böse, entlarvend und hundsgemein komisch, mit so zur Kenntlichkeit entstellten Figuren, deren deftiges Fränkisch Waffe und Wundbrand zugleich ist, dass dem kleinen Fress-und- Sauf-Stück eine sensationelle Karriere beschieden war. 34 Jahre lang stand es bis zum Juni dieses Jahres allein am Theater Nürnberg auf dem Programm. Ein absoluter Bühnenrenner.

„Das ist der Wahnsinn“, sagt Schauspielchef Klaus Kusenberg, der von Eltern berichtet, die da schon als Jugendliche drin waren und jetzt wieder mit ihren eigenen Kindern kommen. Oder besser gesagt: kamen. Denn nach 730 Vorstellungen in der Urinszenierung von 1976 (die kurioserweise von Friedrich Schirmer, dem späteren Stuttgarter und Hamburger Intendanten, stammt) soll das Stück nicht wieder aufgenommen werden. Damit schweigt der Bub, dem die Erwachsenen ständig übers Maul fahren und ihm dieses mit Knödeln stopfen, nun endgültig. Die – in all der Zeit vielfach umbesetzte – Inszenierung war „in keinem ordentlichen Zustand mehr“, wie Kusenberg das ausdrückt. Der Autor selbst sagt: „Die Luft war raus.“

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

Kein Problem, sollte man meinen. Kusz hat ja für Nachschub gesorgt und mit „Lametta“ eine Art Fortsetzung geschrieben. Wieder eine Familiengroteske, diesmal aufgehängt an Weihnachten – wenn nicht sogar buchstäblich am dazugehörigen Baum, dessen fehlendes Lametta für die Oma das Symbol des Niedergangs ist. Und es ist ja auch tatsächlich nichts mehr, wie es war: Wurden in „Schweig, Bub!“ der Schein und die Scheinmoral nach außen hin tapfer aufrecht erhalten und nur von der Sprache decouvriert, sind die Familienbande in „Lametta“ von vornherein zerrissen. Weihnachten im Jahr 2010 – das ist inzwischen eben auch in Franken das Fest der Rest- und Patchwork-Familien.

In diesem Fall ist es so, dass die Babs, die Neue vom Sparkassenfilialleiter Werner, ihr erstes Weihnachten mit dem Zukünftigen gerne bei einem „Brigitte-Menü für Zwei“ verbringen würde. Woraus natürlich nichts wird in diesem boulevardesken Tür-auf-Tür-zu-Theater. Einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen: Werners Sohn, Werners Mutter, Werners Ex, dazu der Babs ihre eigene Tochter, der Babs ihr Ex und dann auch noch dessen neue Frau, eine zweifache „Miss Franken“ von minderem IQ („Ich will definitiv ned störn. Echt ned.“).

„Anders scho, besser ned“: Omas Urteil über die neue Hängung am Christbaum gilt leider auch für Kusz’ Weihnachtsstück, das im Vergleich zu „Schweig, Bub!“ doch viel an Süffisanz und hintergründiger Brillanz missen lässt. In „Lametta“ tun sich keine Abgründe, sondern im Wesentlichen nur Mäuler auf. Das Stück begnügt sich mit der Situation selbst, ohne dass sich die Sprache – wie in „Schweig, Bub!“ und den besseren Kusz-Dramen – zur eigentlichen Protagonistin aufschwänge. Vorbilder schwarzen britischen Humors wie Michael Frayn oder Alan Ayckbourn („Schöne Bescherungen“) zwar durchaus im Blick habend, gerät Kusz’ Komödiantik hier aber doch zu banal und beliebig, manchmal sogar lieblich, etwa wenn der Verkündigungsengel an der Krippe den Zoff in Form eines gebrochenen „Flüchellä“ (Flügelchen) abkriegt und der Hausherr mit Kleber rummacht, als habe er keine anderen Sorgen: „Etz kriegt mei Engellä erscht widder sei Flüchellä.“

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger: Rüdiger Hans Dieter Kusz. Den Namen Fitzgerald hat er sich ins einer wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger. Den Namen Fitzgerald hat sich Kusz in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Zur Ehrenrettung des Stücks muss man allerdings auch sagen, dass Regisseur Frank Behnke in seiner lärmigen, prolligen und dabei auch holprigen Uraufführung komplett die ätzende Farce verpasst hat, die darin stecken könnte. Dass er die Figuren breitärschig ausstopfen und in grässliche Kostüme und Perücken aus dem Fundus der Geschmacksverirrung stecken ließ, müsste ihm das Frankenpublikum eigentlich übel nehmen. So wie man als Franke irritiert registriert, dass die Schauspieler ja gar kein Fränkisch sprechen, sondern: das, was sie dafür halten. Aber Fakt ist: Es gibt keine Franken im Nürnberger Ensemble. Die Schauspieler haben für „Lametta“ extra Sprachunterricht erhalten.

Aber auch, wenn sich das mit dem Idiom mit der Zeit bessern sollte: Einschlagen wie „Schweig, Bub!“ wird „ Lametta“ wohl nicht. An die 80 Profi-Inszenierungen gibt es von Kusz’ frühem Hit, „und die Amateuraufführungen zählt mein Verlag schon gar nicht mehr“, sagt der Autor. Das Gute, wenn man so einen Erfolg gelandet hat, ist: Man kann davon leben. Zumindest konnte  der im SDS und in den 68er-Studentenkämpfen an der Uni Erlangen politisch gestählte Kusz schon 1982 seinen Beruf als Studienrat für Deutsch und Englisch an den Nagel hängen und sich ganz dem Schreiben widmen.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Seither hat er zwanzig abendfüllende Stücke verfasst, darunter Zwei-Personen-Dramen wie „Burning Love“ und „Höchste Eisenbahn“, die sehr lustigen „Witwendramen“ oder auch „Der Fränkische Jedermann“. Viele davon sind Hits im Volks- und Amateurtheaterbereich und auch wirklich pointiert geschrieben. (Die ins Türkische übersetzten ”Witwendramen” wurden am 20.10. 2011 in Üsküdar, dem asiatischen Teil Istanbuls, zum 100sten Mal aufgeführt, wie Kusz im Oktober per Mail mitteilte. Mit dem Zusatz: “Wird das mein türkischer ,Schweig, Bub!´?”)

Die eigentliche Meisterschaft des Fitzgerald Kusz, der mit Vornamen eigentlich Rüdiger heißt – den Fitzgerald hat er sich in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von „John Fitzgerald Kennedy“ entliehen –, die größte Meisterschaft dieses Frankendichters liegt jedoch in der literarischen Miniatur. Seine fränkischen Haikus sind großartig, und wenn er mit seinen „Bluesbrothers“, dem Gitarristen Klaus Brandl und dem Mundharmonika-Spieler Chris Schmitt, lyrisch-musikalische „Blues & Kusz“-Programme macht, dann weiß man, dass die Melancholie aus Franken kommt.

„der vollmond über nämberch / is aa blouß / ä lebkoung“, heißt es in einem Franken-Haiku von Kusz (Der Vollmond über Nürnberg ist auch nur ein Lebkuchen). Na dann, schönen Christkindlesmarkt!

08.08.11 | 01:51 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 1 Kommentar

“Der Passionierte” – Laudatio auf Christian Stückl

Regisseur und Intendant Christian Stückl (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld. (Alle Fotos: von mir)

Regisseur und Intendant Christian Stückl erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro Preisgeld.

So, und hier nun also meine Laudatio auf Christian Stückl anlässlich des Oberbayerischen Kulturpreises 2011.

Der Passionierte

Wer den Menschen und Theaterkünstler Christian Stückl würdigen möchte, kommt um den Raucher Stückl nicht herum. Die Art, wie Christian Stückl raucht, hängt unmittelbar damit zusammen, wie er arbeitet und lebt, nämlich ziemlich intensiv. Jeder, der den Oberammergauer Passionsleiter und Münchner Volkstheater-Intendanten schon einmal hat qualmen sehen, weiß: Er zieht nicht nur an einer Zigarette, er saugt daran – heftig, hektisch, manchmal mit einem derart zischenden Inhalationsgeräusch, dass man den Lungenzug förmlich hört. Ungefähr so muss man sich den Kettenraucher Stückl auch als Theaterleiter und Regisseur vorstellen: gierig alles auf- und in sich hineinsaugend, glühend, leidenschaftlich, unbedingt. Christian Stückl ist ein Süchtiger, vor allem als Theatermacher. Er arbeitet, wie er raucht: auf Lunge.

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)

Die Laudatorin beim Laudatieren (Foto: Wolfgang Englmaier)

Die Puste ausgehen tut ihm darob aber nicht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Energie dieser Mann hat. Als er in den letzten Wochen und Monaten Thomas Manns Mammutroman „Joseph und seine Brüder“  auf die Oberammergauer Passionsbühne stemmte – in einer eigenen Fassung, versteht sich –, da inszenierte er zwischendurch auch schnell noch die Wiederaufnahme von Hans Pfitzners sperriger Oper „Palestrina“. Diesmal nicht am Münchner Nationaltheater, wo Stückls Inszenierung bereits 2009 Premiere hatte, sondern – in neuer Besetzung – an der Hamburger Staatsoper. Und dann hat dieser unermüdliche Spieltriebtäter mit dem Münchner Volkstheater ja auch noch hauptberuflich ein Theater zu leiten. Das tut er mit so einschlägigem Erfolg, dass die Stadt München seinen Vertrag im Februar vorzeitig bis zum Jahr 2015 verlängert hat. Wohlweislich. Damit er ihr auch ja nicht ausbüchst, dieser Stückl, der für das dahinkriselnde Haus die Rettung war und, so darf man ohne Übertreibung hinzufügen, ein Segen ist.

Logo Volkstheater

Logo Münchner Volkstheater

Als Nachfolger von Ruth Drexel hat Christian Stückl das Münchner Volkstheater derart umgekrempelt und verjüngt, dass es trotz seiner finanziellen Zwergenhaftigkeit zwischen den zwei Schauspielriesen der Stadt, dem Residenztheater und den Kammerspielen, klein, aber fein aufgestellt und schwerlich zu übersehen ist. Schon vom Spielplan her hat sich das Haus den anderen beiden Bühnen selbstbewusst angenähert, denn wo „Volkstheater“ draufsteht, da ist für Stückl ganz gewiss nicht automatisch ein Volksstückl drin. Sondern: Shakespeare, Schiller, Kleist, klassische wie zeitgenössische Dramatik – das ganze Repertoire, bayerische Kultstücke wie „Der Brandner Kaspar“ oder „Der Räuber Kneißl“ nicht ausgeschlossen, denn die sind Stückls Spezialität und fast immer ein Publikumsrenner, so wie neuerdings auch seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“. Stückl ist als Regisseur ein Stürmer und Dränger. Er erzählt seine Geschichten saftig, sinnlich, süffig, aus einer unbändigen – manchmal auch ungebändigten – Spielfreude heraus.

Stückl signiert

Stückl signiert

Seit seinem Amtsantritt 2002 hat Stückl die Einnahmen am Volkstheater kontinuierlich gesteigert. Der Laden läuft, es kommen 110 000 Zuschauer im Jahr. Das muss man erst einmal hinkriegen mit so einem Mini-Etat. Stückl hat es von Anfang an verstanden, aus der Not seines kleinen Hauses eine Tugend zu machen und mit Jugend zu punkten: mit jungen, hochbegabten Schauspielern, die er frisch von der Schauspielschule weg engagiert (und er hat ein exzellentes Gespür für Talente!); mit jungen, spannenden Regisseuren, denen er eine Plattform bietet; und nicht zuletzt mit dem famosen Festival „Radikal jung“, mit dem das Volkstheater längst überregionale Strahlkraft erlangt hat. Da wundert es einen nicht, dass den Intendanten manchmal der Frust überkommt, weil er gerne mehr machen, expandieren, das Festival ausbauen möchte, das Geld dafür aber hinten und vorne nicht langt.

Dass er sich trotzdem in seinem kreativen Elan nicht bremsen lässt, hat mit dem speziellen Schmieröl zu tun, das Stückls Motor am Laufen hält – und das ist seine sprudelnde, leidenschaftliche, Begeisterungsfähigkeit. Mit ihr stürzt er sich aufs Theater genauso wie auf Menschen oder die Auslegung der Bibel, und wer immer es dann mit ihm zu tun bekommt, sei gewarnt: Es besteht höchste Ansteckungsgefahr!

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.

Stückl beim SZ-Interview im Vorfeld der Passionspremiere 2010. Wir sprachen damals über die Antijudaismen im althergebrachten Passionstext.

Das ist eine große Qualität des rastlosen Wirtssohns aus Oberammergau: dass er nicht nur für eine Sache brennen, sondern dass er auch andere Menschen entzünden, sie für sich und seine Sache begeistern kann. Stückl ist ein Menschenfänger, ein Talentefischer. Und wie dieser Jesus aus Nazareth, mit dem er sich so oft beschäftigt, sammelt auch er immer eine Schar von Jüngern um sich herum.

In Indien, nach Obernbayern sein Lieblingsland, ließ er sich einmal von einem Wahrsager aus der Hand lesen. Er müsse ein Künstler sein, sagte der Wahrsager zu Stückl, ein Künstler aus dem Bereich Theater oder Musik, es habe auf alle Fälle etwas mit Menschen zu tun. Stückl, der den Mann auf die Probe stellen wollte, sagte: „Ich bin Geschäftsführer einer GmbH.“ (Womit er nicht gelogen hat – das Münchner Volkstheater ist als GmbH strukturiert.) Darauf antwortete ihm der Inder: „Damit werden Sie nicht glücklich werden.“

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl

Oberammergauer Passionsspiel 2010, zum dritten Mal geleitet von Stückl

„Es muss auf alle Fälle was mit Menschen zu tun haben . . .“ – Insofern hat der gelernte Holzbildhauer Christian Stückl absolut den richtigen Beruf ergriffen und kommt eigentlich nur seiner Bestimmung nach, wenn er als Massenregisseur und –dompteur im Passionstheater von Oberammergau Heerscharen von Darstellern arrangiert und inszeniert; Schafe, Tauben und Kamele inklusive. Er kann das wie kein anderer.

An die 2000 Mitwirkende waren es auch letztes Jahr wieder, beim Passionsspiel 2010, dem professionellsten, staunenswürdigsten, chorisch wie choreographisch eindrucksvollsten Laientheater, das man je zu sehen bekam. Eine grandiose Leistung, mehr große Oper als folkloristisches Dorftheater.

Oberammergau 2010 - beim Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.

Oberammergau 2010 - bei einem Vorab-Interview mit dem Jesus-Darsteller Frederik Mayet (vorne) und dem Regissseur Stückl, der gerade draußen vor dem Thetercafé eine raucht.

Stückl war nach 1990 und 2000 bereits zum dritten Mal der Spielleiter und konnte endlich all das durchsetzen, wofür er seit fast 25 Jahren in seinem Heimatort hartnäckig gekämpft hatte: die Modernisierung des Bühnenbildes und des überkommenen Textes mit seinen vielen Antijudaismen;  die freie Besetzung der Hauptrollen ohne Gemeinderatsbevormundung; selbst das unantastbare Nachtspielverbot war per Bürgerentscheid aufgehoben worden, so dass die Passionsspiele erstmals in ihrer langen Geschichte in die Abendstunden hinein verlagert werden konnten – was  Stückl atmosphärisch und lichtdramaturgisch natürlich sehr schön zu nutzen verstand.

Stückl, der gelernte Herrgottschnitzer, ist ein theatralisches Naturtalent. Ein Theaterviech. Weder hat er je eine Regieschule besucht noch sich als Assistent an den Bühnen des Landes hochgedient. Aber zugehört hat er, als in den siebziger Jahren im Gasthof der Eltern, der „Rose“, immerfort über die Passionsspiele und deren mögliche Reform diskutiert wurde. Stückl war damals Feuer und Flamme. Ein echter Passions-Passionierter.

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben

Der elterliche Gasthof in Oberammergau wird inzwischen von Stückls Schwester betrieben

Schon beim Bibelspiel von 1970 war er als Achtjähriger ununterbrochen im Passionstheater und nicht von der Bühne runterzukriegen. „Bühnenschreck“ nannten sie ihn damals. Das war nicht nur liebevoll gemeint. Klein-Stückl war derart theaterbesessen, dass er sich Kostüme grapschte und sich eigenmächtig in jedes „lebende Bild“ reinstellte. Als er deswegen vom Spielleiter eine Watschen fing, rannte der Stöpsel empört nach Hause und verkündete zornig: „ Wenn i amol Spielleiter bin, hau i zruck!“  Damit stand sein Berufswunsch fest, „aus niederen Beweggründen“, wie Stückl heute feixt.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.

Die neuerdings mit Glas überdachte Passionstheaterbühne bei der Premiere Anfang Mai 2010. Es war saukalt an dem Tag, am Ende hatte es minus vier Grad.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er die Passionsspiele leiten würde. Vorher gründete er noch eine eigene Theatergruppe, mit der er in Oberammergau nicht etwa Bauernkomödien, sondern Stücke von Molière, Büchner und Shakespeare inszenierte, zum Beispiel 1986 den „Sommernachtstraum“. Ein Feriengast aus München, der Publizist Erich Kuby, war davon derart angetan, dass er den jungen Amateurregisseur nach München an die Kammerspiele empfahl. Das war ein Hammer und dürfte die Gemeinderatswahl von 1987 einigermaßen  beeinflusst haben. Damals wurde Stückl mit 25 Jahren zum Spielleiter für die 1990er Passion berufen, dem jüngsten aller Zeiten – zwar nur ganz knapp, mit neun zu acht Stimmen, aber gewählt ist gewählt.

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!

Das Publikum bei der Passions-Premiere 2010, eingepackt in Ski- und Daunenjacken, gewärmt mit Mützen und Decken. Im Mai, wohl gemerkt!

Das war so fortschrittlich von den Oberammergauern, dass es ihnen hernach selber nicht ganz geheuer war. Von den Anfeindungen, Daumenschrauben, Verweigerungs- und Verhinderungsakten, die darauf folgten, kann Stückl herrliche Geschichten erzählen (Ruf aus dem renitenten Darstellerheer: „Wos wuin´ des Oarschloch da vorn?“). Dafür, dass er das alles ausgehalten und durchgestanden hat, verdient er allein schon einen Preis. Und man darf den Oberammergauern gratulieren zu ihrem unnachgiebigen „Bühnenschreck“ – diesem „Fachmann fürs Katholische“, wie Jürgen Flimm ihn nannte, als er Stückl zu den Salzburger Festspielen holte, wo es 2002 ebenfalls ein geistliches Spiel zu reformieren galt: den „Jedermann“.

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers

Der Oberammergauer Bürgermeister Arno Nunn (Partei: "unabhängig") mit Roswitha und Peter Stückl, den Eltern des Preisträgers

Festlegen auf den Katholizismus und sein Bayerntum sollte man Stückl aber nicht. Das hieße, diesen sehr offenen, neugierigen, liberal und tolerant denkenden Menschen, diesen leidenschaftlichen Shakespeare-Fan und Indien-Fahrer, Geschichten- und Menschensammler doch sehr zu verkennen. Aber es passiert dann doch immer wieder, dass er gewissen Vorurteilen ausgesetzt ist, was manchmal allein schon an seinem Dialekt liegt, diesem schönen, unverdorbenen Bairisch, das der Stückl spricht.

Es war nicht an den Theatern in Frankfurt, Bonn oder Hannover, sondern ausgerechnet an den Münchner Kammerspielen, wo man ihn einst bei der Vorstellung fragte: „Herr Stückl, denken Sie, Sie können sich unseren Schauspielern in norddeutscher Sprache verständlich machen?“ Stückl war so perplex, dass er erstmal nur antwortete: „I moan scho.“ Inzwischen wurde er für seine ungenierte Verwendung des Dialekts in der Öffentlichkeit mit der  „Bairischen Sprachwurzel“ ausgezeichnet. Womit wir schon wieder bei der katholischen Kirche wären. Denn auch Papst Benedikt XVI. ist Träger dieses Preises.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.

Stückl mit seinem Regieassistenten Abdullah Kenan Karaca aus Oberammergau. Er war mit zur Preisverleihung gekommen.

Kein Wunder also, wenn manch einer diesen Stückl missionarischer Bestrebungen verdächtigt. Als er vor der 2000er Passion den muslimischen Vater des kleinen Abdullah aufsuchte, um ihn zu überreden, dass er seinen Jungen unbedingt mitspielen lassen müsse, da sagte der Türke: „Okay, wenn Chef sagt, Abdullah soll spielen, dann soll Abdullah spielen. ABER MACH MICH NICHT KATHOLISCH!“

Zehn Jahre später stand der herangewachsene Abdullah Kenan Karaca vor der Tür des Münchner Volkstheaters und hatte nur ein Begehr: ans Theater zu gehen. Er ist jetzt bei Stückl Regieassistent – ein neuer Jünger.

07.08.11 | 22:45 | Ausgezeichnet! | Fernsehkultur | Glückwunsch! | Kommentare 12 Kommentare

“Schuldig!” – Laudatio von Hans Well auf Dieter Wieland

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro Preisgeld.          (Alle Fotos: von mir)

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro. (Alle Fotos: von mir)

Hier nun also, wie vorangehend angekündigt und mit freundlicher Genehmigung des geschätzten Autors, die Laudatio von Hans Well (“Biermösl Blosn”) auf seinen guten alten Freund, den Autor, Journalisten und Dokumentarfilmer Dieter Wieland (Jahrgang 1937), Kämpfer gegen Landschaftsverschandelung,​ Begradigung und Verödung, der Schrecken aller Flurbereinigugsapologeten, bekannt für Sendereihen (meistens für den Bayerischen Rundfunk) wie “Topographie”, “Bauen und Bewahren”, “Die große Kunst, ein kleines Haus zu bauen” oder “Hauslandschaften”. 

 

Er is schuld!

Ich kann`s nicht anders sagen, dieser Preisträger hat sich schuldig gemacht, dass ich durch keine Landschaft oder Dörfer mehr fahren kann, ohne meine Mitfahrer durch permanente Hinweise auf schöne, alte, meistens verfallende Häuser zu nerven, dass ich unter seinem Einfluss denkmalgeschützte Häuser hergerichtet und dabei Weib und Kinder vernachlässigt hab, dass ich in Abbruchhäusern unter teils lebensgefährlichen Umständen beim Ausbau alter Türen, Fensterbeschläge, Balken, Bodenbretter herumgekraxelt bin. Er ist schuld daran, dass der BR wegen des durch ihn inspirierten Baywa-Liedes zehn Jahre ohne uns Biermösl senden musste , schuld, dass ich mich im Gegensatz zur Mehrheit meiner Klasse nicht für die Lehren von Mao oder Lenin, sondern für die Auswirkungen der Flurbereinigung interessiert hab, dass ich heute morgen gegen meine Natur um 8 Uhr aufgestanden bin für einen Veranstalter, wo ich normalerweis nie und nimmer . . .  na ja, ich bin zwar nicht nachtragend, aber vergessen tu ich auch nix, er is schuld, dass Edeka in meiner Heimatgemeinde Türkenfeld . . .

„I hob ma de ganze Zeit denkt, woher kenn i bloß de Stimm! Jetz woaß i´s wieda!“

Zum Auftakt seiner Rede gibt Hans Well ein biermösltypisches Gstanzl zum besten - eingangs trompetend begleitend von seinem Sohn Lukas, der sich "leider im Stimmbruch befindet, der Sauhund", weshalb er den kritisch-stimmlichen Part ganz dem Vater überlassen musste.

Zum Auftakt seiner Rede gibt Hans Well ein biermösltypisches Gstanzl zum besten - trompetend begleitet von seinem Sohn Lukas, der sich "leider im Stimmbruch befindet, der Sauhund", weshalb er den kritisch-stimmlichen Part ganz dem Vater überlassen musste.

Dieses Heureka einer Kellnerin im vollbesetzten Saal des Unterwirts  zu Türkenfeld nach seinem Plädoyer gegen die Außenansiedlung eines Edeka-Supermarktes „vor Ort“ sagt viel über den Wirkungsradius von Dieter Wieland. Seine wohlklingende Stimme aus dem Fernseh-Off, vor allem aber die Wortgewalt, mit der dieser Abraham de Santa Clara bayerischer Architektur und Heimatpflege gegen die Flurbereinigung traditioneller Kulturräume und die Unkultur von Kitsch und Einheitsbaustil zu Felde zog und dabei den Begriff Heimat entstaubte, sprach alle sozialen, Bildungs- und Altersschichten an.

Einem breiten Fernsehpublikum bekannt wurde Dieter Wieland 1972 durch die Sendereihe „Topographien“ mit so provokanten Titeln wie „Unser Dorf soll hässlicher werden“, später „Bauen und Bewahren“. Filme wie der über das Isental schufen ein Bewusstsein für den Verlust von Heimat zu einer Zeit, in der für die Begradigung von Bächen und Landschaft zur Flurbereinigung mehr Sprengstoff verbraucht wurde als für die gesamte Bundeswehr.

Seine ca. 180 Filme sind der Beweis, dass höchstes Niveau höchsten Einschaltquoten keineswegs widersprechen muss. Seine Publikationen sind längst Standartwerke nostalgieferner traditionsbewusster moderner Heimatpflege. Wegen der starken Nachfrage entschied sich das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz bei der Denkmalbroschüre „Bauen und Bewahren auf dem Lande“ , die 1978 erstmals erschienen war, 2003 in der inzwischen 10. Neuauflage! Ohne Übertreibung kann man sagen, dass mit ihm heute einer der bedeutendsten Bayern der letzten 50 Jahre geehrt wird.

Dabei wurde Dieter Wieland am 16. März 1937 in Berlin Dahlem geboren.  Dieses kleine biographische Missgeschick korrigierte die Vorsehung allerdings fundamental durch eine Kindheit und Jugend in Landshut. Nach dem Abitur ´56 in München und dem Studium der Bayrischen Landesgeschichte sowie der Neueren Geschichte und Kunstgeschichte an der Uni München betätigte er sich ab 1964 hauptsächlich als freier Autor und Fernsehregisseur beim BR, ein Glücksfall für die Zuschauer dieses Senders.

Laudator Hans Well von den "Biermösl Blosn"

Laudator Hans Well von den "Biermösl Blosn"

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ausgestorben in den 70ern die Dorfstraßen waren, wenn eine seiner “Topographien” lief. Wie sich Bauerngärten nach einer Sendung zu diesem Thema in mit traditionell gefertigten Zäunen umgebene blühende Oasen wandelten, alte Häuser – vorher als “oids Glump” missachtet – wieder hergerichtet wurden. Mit seinen Filmen und Schriften, die nie besserwisserisch belehrten, sondern mit Beispielen überzeugten, hielt dieser Mann die kulturelle Zerstörung bayrischer Lebensräume vorübergehend auf.

Sprossenfenster, Haustüren, einheimische Baumsorten, mäandernde Bäche hatten auf einmal wieder ihren Wert. Die Langweiligkeit des akurat Geraden, die feindselige Schärfe eckiger Putzkanten, die Hässlichkeit drahtgeriffelter Aluminiumhaustüren – es fiel einem wie Schuppen von den Augen. Seine Gegenüberstellung von Bildern stimmiger Häuser mit verhunzten Alt- oder Neubauten, unterlegt mit Sätzen von präziser Wucht, schlugen ein.

Beispielhaft der lakonische Kommentar zum Bild eines eternitversauten Wirtshauses: „Aus alt mach neu. Aus echt mach Synthetik. Gesims weg. Verzierung weg. Proportion und Baukörper weg. Eingesargt!“

Die „Renovierung“ alter Häuser mit  großen, gleich leeren Augenhöhlen in die Fassade gestanzten Fenstern und Türen aus Aluprofilen nennt er „Hausschlachtung“! Viele seiner Formulierungen gängiger Bausünden wie der Glasbaustein-„Harakirischlitz“, der  „Warzenputz“, die „Bajonettbepflanzung“ mit Blautannen und Koniferen wurden Volksgut. Auf einmal genierte man sich für seine Plastikzäune oder Waschbetontröge, „den Grünersatz in Dosen“ vor dem Haus, sah ihre Schäbigkeit, entwickelte wieder ein Selbstbewusstsein für traditionell Gewachsenes.

Die Medaille mit dem Wappen des Bezirks Oberbayern

Die Medaille mit dem Wappen des Bezirks Oberbayern

Seine Arbeit wirkte in der Bevölkerung, man diskutierte in Wirtshäusern über seine Sendungen. Weniger Erfolg allerdings hatte er bei Politik und Baubehörden, den Keimzellen der normativen Kraft des Faktischen. Schon vor 30 Jahren warnte Dieter Wieland in der Denkmalbroschüre „Bauen und Bewahren auf dem Lande vor dem gleichen Schicksal der Dörfer, wie es den Städten widerfahren war. Zitat:

Städte haben wir verpfuscht. Was gut war an Ihnen ,das kompakte Nebeneinander von Wohnen, Geschäft und Gewerbe -die Stadt der kurzen Wege,  die haben wir zerschlagen, …autogerecht zerhackt und mit Monotonie und Gesichtslosigkeit, mit überall gleichen Kaufhäusern, Bankhäusern, Parkhäusern aufgefüllt.“ Und von dort aus „…wuchern Geschwüre von Vorstädten, Schlafstätten, Satellitenstädten hinaus über Dörfer, Wiesen und Felder. Siedlingsbrei ohne Form und Format, ohne Ziel und Ende. Behausungen, Fabriken, Supermärkte, alle gleich lieblos, hässlich und kalt…“

Logisch: so eine neue Heimat braucht große Straßen und Flughäfen und Ersatzdrogen wie den Musikantenstadl oder Hansi Hinterseerkitsch, um ihrer Trostlosigkeit zu entfliehen und Museen, in denen die Überreste von Heimat aufgebahrt werden.

Das Ehepaar Wieland lauscht der Laudatio von Hans Well, einem langjährigen Freund der Familie.

Das Ehepaar Wieland lauscht der Laudatio von Hans Well, einem langjährigen Freund der Familie.

Seit Mitte der 90er Jahre sieht man Dieter Wieland selten im FS, seine Sendungen werden kaum wiederholt. Und das hat Folgen: nicht bloß die von „Dahoam is Dahoam“, sondern vor allem in der ungebremsten Vandalisierung unseres Kultur- und Lebensraumes, die von den Profiteuren genormter 0815-Baukultur + ihren politischen Handlangern wie Zeil oder Bocklet z. B. über den neuen Landesentwicklungsplan vorangetrieben wird. All die Lidl, Media Märkte, Praktiker, XXLutz, Obi und Co haben inzwischen längst die Legislative übernommen, bestimmen, wo und wie gebaut wird, und die Politik opfert ihnen die schönsten Filetstücke unseres Landes. Weithin sichtbar wie am Irschenberg der MacDonalds. Jede Gemeinde konkurriert mit der nächsten um Gewerbesteuer, flächendeckend.

Im Vorwort zur Neuauflage der Broschüre „Gebaute Lebensräume“, die 2009 erschien, beschreibt Dieter Wieland die landauf landab sichtbaren Folgen: „Es wurde nicht mit Bedacht geplant, sondern mit Subventionen geklotzt. Diskounterketten, Baumärkte, Möblhäuser, Outlets . . . nagelneue Einfamilienwüsten . . . Die Altstädte hängen heute am Tropf . . . Dazu ein Städtebau, der Energie geradezu verschleudert. Ein Flächenverbrauch wie nie zuvor. Mit alptraumhaften Konsequenzen für Umwelt, Klima und Ressourcen.“

Bitteres Resümee für jemand, der schon 30 Jahre vorher bei der Erstauflage der Broschüre gewarnt hatte: „Ein Kahlschlag geht durchs Land. Begradigung. Bereinigung. Erschließung. Neuordnung. Verordnung. Verödung. Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet. Am Ende bleibt nur das Korsett des öden Rasters. Der Triumpf des rechten Winkels. Serienlandschaft.“

Dieter Wieland (re.) mit dem anderen Preisträger, dem Regisseur Christian Stückl.

Dieter Wieland mit dem anderen Preisträger, dem Regisseur Christian Stückl.

Während meines Engagements gegen die Edeka Planung „vor Ort“ in Türkenfeld hatte ich das Vergnügen, den Geschäftsführer des Planungsverbandes München Christian Breu kennenzulernen. Als er mir weismachen wollte, der spornartige Auswuchs von Edeka auf den Endmoränenhügel vor Türkenfeld stelle eine Verschönerung des Orts-und Landschaftsbildes dar, bekam ich eine Ahnung davon, wie frustrierend es für Dieter Wieland sein muss, unsere Heimat bei solchen Koryphäen aufgehoben zu wissen. Was nützen schließlich die besten Gesetze und Dorf-Entwicklungsprogramme (die er ja stark geprägt hat), wenn Regierung,  bürokratische Gschwollschädl und gewerbesteuergeile Kommunalpolitiker sie ignorieren. Wenn dieselben, welche die  Autobahn durchs Isental gerade genehmigt haben, also das bayr. Kabinett,  fünf Minuten später scheinheilig den Flächenverbrauch in Bayern beklagen.

Legendär die Begründung des Innenministers Hermann zum Bau der Isentalautobahn: „Juristisch ist diese Autobahn völlig in Ordnung“. Die sofortige Suspendierung dieses Ministers nach so einer Blödheit allerdings ist offenkundig juristisch völlig in Unordnung.

Bayern verändert sich in nie dagewesener Weise, verkommt rasant zum gesichtslosen Gewerbemischgebiet. Das Gegenrezept zu dieser Katastrophe wird heute geehrt. Dieter Wieland ist ein Aufklärer und Volkspädagoge im besten Sinn, ein feiner Mensch, bescheiden, wie besonders kluge Menschen eben sind. Er ist ein Evoluzzer, zum Revoluzzer stand ihm wohl sein humanistisches Weltbild im Weg. Er ist ein sehr politischer Mensch der sich auch im Bund Naturschutz oder als Kreisrat einbringt.

Vor kurzem hab ich den Essay von Stephanie Hessel „Empört Euch!“ gelesen. Aus allen Schriften, Filmen und Ausstellungen wie „Grün kaputt“ von Dieter Wieland spricht dieselbe Forderung, sich zu empören. Dagegen, dass unsere Lebensräume weiterhin geplündert und verschandelt werden, dass eine skrupellose Politik unsere Heimat, Lebensqualität und Zukunft an Auto-, Bau- und Lebensmittelkonzerne verscherbelt.

Hans Well mit seiner Frau Sabeeka, die aus Indien stammt, genauer: aus Kolkata / Kalkutta

Hans Well mit seiner Frau Sabeeka, die aus Indien stammt, genauer: aus Kolkata / Kalkutta

Dieter Wieland hat nie Architektur studiert, aber er hat Architektur als Raum der Geborgenheit und des Sich-Wohlfühlens wieder vom Kopf auf bodenständige Füße gestellt. Am besten ehrt man ihn nicht nur mit Preisen, sondern indem man seine Thesen zur Maxime bayerischer Landesentwicklung macht. Könner wie er sind ein seltener Glücksfall. Es braucht viel Dieter Wieland im Fernsehen, in den Ämtern, Zeitungen, an den Schulen. Zeigt seine Filme, bekniet ihn, neue zu machen! Die Rettung des „Seidl Parks“ in Murnau beweist, welche Energie dieser Mann nach wie vor hat. Er muss mit seinen Werken wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft, der jungen Leute, sonst verlieren wir uns noch ganz.

Übrigens : Edeka hat  seine Außenansiedlungspläne für Türkenfeld im Juni zurückgezogen. Das Prinzip Heimat, das Prinzip Dieter Wieland hat in diesem Fall gesiegt.

07.08.11 | 22:12 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 0 Kommentare

Oberbayerischer Kulturpreis 2011, verliehen in Eichstätt

Bei der Verleihung des Oberbayerischen Kulturpreises 2011 spielte das Martina Eisenreich Quartett, eine echte Entdeckung. Die Band rund um die namensgebende Geigerin ist musikalisch nicht auf einen Stil festzulegen. Man könnte sagen: Die Vier bummeln musikalisch zwischen den Welten - wenn das nicht viel zu lahm klingen würde für die Rasanz und das Temperament dieses Quartetts.

Bei der Verleihung des Oberbayerischen Kulturpreises 2011 spielte das Martina Eisenreich Quartett, eine echte Entdeckung. Die Band rund um die namensgebende Geigerin ist musikalisch nicht auf einen Stil festzulegen. Man könnte sagen: Die Vier bummeln musikalisch zwischen den Welten - wenn das nicht viel zu lahm klingen würde für die Rasanz und das Temperament dieses Quartetts.

Und schon wieder habe ich eine Laudatio gehalten. Sonst nie, und dann gleich zwei in einem Monat (das war noch im Juli). Ich veröffentliche den Text – leider mal wieder verspätet – in meinem übernächsten Blog-Beitrag, siehe weiter oben.

Diesmal galt die Lobrede dem Regisseur Christian Stückl, dem Intendanten des Münchner Volkstheaters und Oberammergauer Passions-Spielleiter der letzten drei Jahrzehnte. Wir kennen uns schon lange. Ein toller Typ. Absoluter Theatermensch. Als solcher: Naturtalent, Kettenraucher, Sinnenmensch, Workaholiker. Ich mag und schätze ihn sehr, und wenn ich ihn treffe, geht mir immer irgendwie das Herz auf. Er ist so leidenschaftlich, offen, unverstellt, so erdverbunden-bairisch und authentisch, einfach grundsympathisch. Und er hat ein großartiges Gespür für gute Geschichten und talentierte Menschen, so einen humorvollen, sinnlich-prallen Theaterblick.

Christian Stückl mit seinen Eltern Roswitha und Peter Stückl aus Oberammergau. Der Vater spielt zur Zeit in "Joseph und seine Brüder" den "Fremden", und das macht er sehr eindrucksvoll.

Christian Stückl mit seinen Eltern Roswitha und Peter Stückl aus Oberammergau. Der Vater spielt zur Zeit in "Joseph und seine Brüder" den "Fremden", und das macht er sehr eindrucksvoll.

Schon am  20. Juli  hat Stückl den Bayerischen Verdienstorden bekommen – und vier Tage später den Oberbayerischen Kulturpreis. Den gibt es seit 1980, und geehrt werden damit jährlich zwei Persönlichkeiten, die sich besonders um die Kultur in Oberbayern verdient gemacht haben. In diesem Jahr neben Christian Stückl: der Dokumentarfilmer und BR-Journalist Dieter Wieland. Den Rahmen der Preisverleihung bildeten die Oberbayerischen Kulturtage, die in diesem Jahr bis zum 30. Juli in Eichstätt über diverse Bühnen und Plätze der Stadt gingen.

Die Preisverleihung war am Sonntag, 24. Juli, um 11 Uhr im Festsaal des Alten Stadttheaters in Eichstätt. Mein Namenstag, Papas Geburtstag – aber das nur nebenbei. Ich bin bereits am Abend zuvor angereist, wollte gemütlich mit dem Zug anrollen und dabei die in voller Pracht stehenden Hopfenfelder in der Holledau im Vorbeifahren genießen. Aber mach nur einen Plan mit der Deutschen Bahn …

Preisverleihung im Alten Stadttheater von Eichstätt. Links von mir: Preisträger Christian Stückl, rechts: Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Laudator Hans Well und Preisträger Dieter Wieland (Foto: Wolfgang Engelmaier / Bezirk Oberbayern)

Preisverleihung im Alten Stadttheater von Eichstätt. Links von mir: Preisträger Christian Stückl, rechts: Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Laudator Hans Well und Preisträger Dieter Wieland (Foto: Wolfgang Engelmaier / Bezirk Oberbayern)

Die Strecke zwischen München und Ingolstadt ist wegen Bauarbeiten lahmgelegt, es herrscht Schienenersatzverkehr, und das heißt: Du musst den Bus nehmen. Dieser ist heillos überfüllt, in meinem Fall leider auch mit einer präpotent grölenden, Bier und Flachmann kippenden Jungs-Gruppe, die was von Schulausflug faselt. Es fehlen aber die Mädels. Es sind nur Jungs – und zwar in einem schrecklichen Stadium auf dem Weg hin zu dem, was sie für Männlichkeit halten. Ich erobere den letzten Sitzplatz im Bus, leider mitten zwischen den Präpotenten, deren Alphatier den Sitz direkt hinter mir belegt. Diejenigen, die keinen Sitzplatz mehr ergattert haben, müssen allen Ernstes aussteigen, denn Stehen im Bus, so verkündet es der Fahrer, ist verboten. Nicht zu fassen! Die solcherart ermahnten steigen tatsächlich aus. Sie steigen nicht etwa um in einen zweiten Bus, denn es gibt gar keinen – nein, sie müssen eine geschlagene Stunde warten, bis der nächste Bus abfährt. Geht´s noch?!

Die Klimaanlage funktioniert nicht, es ist drückend heiß, laut und eng. An Zeitungslektüre ist nicht zu denken, dafür gelingt es mir, den explosiven Sitzplatz zu tauschen, und ich komme mit meiner 29-jährigen Sitznachbarin ins Gespräch, einer sehr speziellen, stark geschminkten Chemielaborantin aus Salzburg mit unfassbar guter Haut, von der ich alles über Nacktkatzen erfahre (ja: NACKTkatzen!), hässliche, alienhaft felllose, hart herangezüchtete und offenbar auch noch sündhaft teure Vierbeiner für Katzenliebhaber mit Katzenallergie … irgendwie pervers.

Nach einer Stunde zwanzig: Umsteigen am Bfh Ingolstadt in die Regionalbahn nach Eichstätt. Sie fährt nach “Eichstätt Bahnhof”. Wenn man dort aussteigt, ist man (keine Übertreibung!) voll in der Pampa, umringt von dichtem Grün. Ich suche den Ausgang, sehe aber nur Wald und Wiesen und Felsen und frage verdutzt: “Wo ist denn hier die Stadt?”

Die Stadt, die ist hier nicht! Um sie zu erreichen, erklärt mir ein junger Mann, müsse man umsteigen in die Stadtbahn – er deutet nach links auf ein Regio-Züglein, dass ich gar nicht wahrgenommen hatte -, mit dieser Bahn komme man (wenn sie denn dann endlich mal abführe) nach Eichstätt Stadt.

Künstlerisch gestaltetes Haus in Eichstätt. Schaut aus wie vollgeschneit, aber das sind keine Schneeflocken, sondern Schmetterlinge aus Papier

Künstlerisch gestaltetes Haus in Eichstätt. Schaut aus wie vollgeschneit, aber das sind keine Schneeflocken, sondern Schmetterlinge aus Papier

Es war die Anreise also eine etwas erschwerte, aber das ist man ja gewohnt von der DB, also Schwamm drüber, einchecken im “Hotel Adler” am Marktplatz, vier Sterne – the place to be in Eichstätt City – und dann auch noch Schwammerl drüber, als da wären: frische Pfifferlinge auf Salat im alteingesessenen, gemütlich rustikalen Restaurant Paradeis schräg gegenüber (empfehlenswert).

Eichstätt selbst macht einen schmucken, sympathischen Eindruck. Schöne barocke Altstadt mit eindrucksvoll ihre renovierte Pracht behauptenden Plätzen. Allerdings sehr frauenabsatzunfreundlich. High Heeels sollte man besser meiden.

Was mir als alter Oberfränkin aber auf Anhieb gut gefiel, war diese nicht
zu leugnende, mich sofort anspringende (anheimelnde) fränkische Anmutung des Altmühltals. Ich kann gar nicht genau benennen, was es ist – die typischen Juragesteinsfelsformationen vielleicht, diese atmosphärische Geballtheit, der irgendwie tiefere, plastischere, erdennähere Himmel, das Schlichtere, Dichtere, Ehrlichere in der Gesamtanschauung . . .  -, man merkt jedenfalls sofort, dass das nicht annähernd Oberbayern ist. Sondern Altfranken. Und das ist schön so.

Chinesische Künstler in der Lithographie-Werkstatt Eichstätt: Prof. Li Wang (rechts) und Prof. Kou Jianghui aus Tianjin. Beide unterrichten in ihrer Heimat Druckgrafik. In Eichstätt haben sie mit dem Stein aus Solnhofen gearbeitet, der als bestes Werkmaterial für den Lithografiedruck gilt.

Chinesische Künstler in der Lithographie-Werkstatt Eichstätt: Prof. Li Wang (rechts) und Prof. Kou Jianghui aus Tianjin. Beide unterrichten in ihrer Heimat Druckgrafik. In Eichstätt haben sie mit dem Stein aus Solnhofen gearbeitet, der als bestes Werkmaterial für den Lithografiedruck gilt.

Es gab dann am Abend noch eine Ausstellungseröffnung (“Stein-Schreiben”) in der Lithographie-Werkstatt um die Ecke, da sind die Chinesen zu Gast – in der interdisziplinären Reihe “Eichstätt und China”. Zu sehen sind Steindruke der chinesischen Künstler Li Wang und Kou Jianghui, die in Eichstätt entstanden sind und daher auch Eichstätter Stadt-Motive aufgreifen. Bei der Vernissage drängelte sich alles auf dem engen Vorhof vor der Tür der Werkstatt, so dass von den diversen Reden, Geschenkübergaben und musikalischen Darbietungen im und vor dem Türrahmen kaum etwasn zu hören oder zu sehen war.  Nennen wir das vorsichtig: suboptimal. Die Veranstaltung schien (vielleicht erfahrungsgemäß) für 15 Leute ausgelegt gewesen zu sein. Es kamen aber wesentlich mehr.

Egal, ich verplappere mich … Switch zur Preisverleihung am nächsten Vormittag im Festsaal des Alten Stadttheaters.

Stückl kam in Begleitung seines jungen Assistenten Abdullah (lustig, ich hatte Abdullah, den muslimischen Jungen aus Oberammergau, eh in meine Rede eingebaut) – und er kam total erkältet. Und überarbeitet wirkte er auch, aber das ist ja kein Wunder:

Hanitzsch-Karikatur von Stückl - hängt in der Kantine des Passionstheaters in Oberammergau

Hanitzsch-Karikatur von Stückl - hängt in der Kantine des Passionstheaters in Oberammergau

Erst vor kurzem hat Stückl in Oberammergau “Joseph und seine Brüder” nach dem Mammutroman von Thomas Mann auf die Passionbühne gewuchtet, wieder mit seinen Oberammergauer Laien. Die Bühnenfassung hat er selber erstellt, das allein ist bei dieser Riesen-Tetralogie ja schon ein Wahnsinn. Kaum war ”Joseph und seine Brüder” draußen, musste Stückl weiter nach Salzburg und dort an der Wiederaufnahme seines “Jedermann” proben. Und dazwischen diverse Preisverleihungen. Nach dem Bayerischen Verdienstorden und dem Oberbayerischen Kulturpreis erhielt er in Salzburg für zehn Jahre “Jedermann” auch noch das Große Verdienstzeichen des Landes – all das kurz hintereinander.

Den anderen Preisträger, den Fernsehjournalisten und Dokumentarfilmer Dieter Wieland, hatte ich mit seiner Frau schon im Frühstücksraum des Hotels begrüßt. Wir kannten uns nicht, er-kannten uns jedoch sogleich an unserer in diesem Umfeld höchst “offiziellen” Kleidung. Alle anderen im Raum trugen Turnschuhe und Mountainbiker-Klamotten.

Dieter Wieland ist ein auf Anhieb hochsympathischer Mensch mit liebevoll-verschmitztem Blick und einer einnehmend sonoren Stimme. Seine legendäre Reihe “Topographie” (ab 1972 im Bayerischen Fernsehen mit ca. 150 Folgen) sagte mir gar nicht so viel; andere Sendereihen dieses Landschafts- und Architektur-Freaks hießen “Bauen und Bewahren” (seit 1979) oder “Die große Kunst, ein kleines Haus zu bauen” (ab 1984).

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro.         (Alle Fotos: von mir)

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro. (Alle Fotos: von mir)

Aber gut, als Kinder haben wir die BR-Reihe “Unter unserem Himmel”, in der Wielands Filme zumeist liefen, ja leider sehr oft und sehr trotzig boykottiert – weil der Vater das jeden Sonntag mit diktatorischer Bestimmtheit und basisundemokratischer Alternativlosigkeit einschaltete, egal, was die Töchter sagten oder wollten. Verzeihen Sie also, lieber Dieter Wieland, dass sie somit wohl unter unser grausames geschwisterliches “Spießer-Sender!”-Verdikt fielen.

Aber man muss zum Beispiel nur auf Facebook posten, dass der Oberbayerische Kulturpreis an Christian Stückl und Dieter Wieland ging, dann kommen von Alters- und Berufsgenossinnen ganz begeisterte Reaktionen wie diese hier:

Dieter Wieland? ist das nicht der großartige Mensch, der Ende der 70er in seiner “Topographie” den ganzen bayerischen Neubausiedlungshorror abgefahren und unermüdlich ästhetisch analysiert und skandalisiert hat ? Wenn er’s is, dann: Hoch, Hoch, Hoch! Und Tusch!”

Oder: “der wieland ist mein held. ohne ihn wäre mein leben anders verlaufen. wahnsinnsknabe, vorbild, streiter für gesunden menschenverstand. »Unser Dorf soll hässlich werden« und »grün kaputt«, würde ich gerne mal auf dvd sehen. kann man sowas nicht anregen?”

Familie Hans Well, mit Vater, Mutter Sabeeka und Sohn Jakob, rechts im Bild: der Stückl

Familie Hans Well, mit Vater, Mutter Sabeeka und Sohn Jakob, rechts im Bild: der Stückl

Der Wieland hat zurecht solche Fans. Er ist wirklich toll – und hat als Mahner und Bewahrer auf bayerischen Fluren sehr viel bewirkt. Und die saftige Laudatio, die Hans Well, der älteste von den geschätzten Well-Brüdern (“Biermösl Blosn”), auf ihn gehalten hat, ließ auch gar keinen Zweifel daran. Hans Well hat mir seinen Rede-Text zugemailt mit der ausdrücklichen Erlaubnis, ihn in meinem Blog abdrucken zu dürfen (siehe Beitrag weiter oben). Das freut und ehrt mich sehr.  Leider kann ich hier nicht das politisch-spitze Akkordeon-Gstanzl wiedergeben, mit dem Hans Well seine Rede eingeleitet hat. Instrumental begleitet wurde er von seinem pubertierenden Sohn Jakob, der leider gesanglich verhindert war, “weil er im Stimmbruch is, der Sauhund”, so der Papa.

Auch Marianne Sägebrecht war gekommen, als "Ehemalige". Sie bekam den Oberbayerischen Kulturpreis 2009.

Auch Marianne Sägebrecht war gekommen, als "Ehemalige". Sie bekam den Oberbayerischen Kulturpreis 2009.

Es war insgesamt eine erstaunlich lockere, stimmungsvolle und auch unterhaltsame Preisverleihung, das muss man wirklich sagen. Mich hat man – da Bezirkstagspräsident Mederer vergessen hatte, mich beruflich vorzustellen – für eine Schauspielerin gehalten. Ich nehme das mal als Kompliment.
Zu der angenehmen Atmosphäre trug wesentlich auch die musikalische Untermalung durch das Martina Eisenreich Quartett bei, eine Formation rund um eine flammend rothaarige Extrememotionalgeigerin, die ihrem Instrument hexenkunstartig ganze Klangwelten entlockt, so vielfältig wie romantisch-exotisch und in ihrem Stilmix immer wieder überraschend. Da kann sich in eine uralte mongolische Melodie schon mal Led Zeppelin mischen, und Weltmusik goes Rock & Pop. Was außerdem höchst apart ist am Auftritt der Violinistin  Martina Eisenreich: wie die Farbe ihrer Lockenhaarmähne mit ihrem Instrument – und mit dem Kontrabass – harmoniert!

Ein Teil der Gästeschar ist am Ende noch in den Skulpturenpark von Alf Lechner (Kulturpreisträger 2008)  in Obereichstätt gefahren. Ich war dabei, und sollte ich endlich mal ein bisschen mehr Zeit haben, dann werde ich Fotos davon veröffentlichen, denn dieser Stahlskulpturenpark rund um Lechners Wohnsitz ist ein Hammer.

07.07.11 | 16:52 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Laudatio auf Brigitte Hobmeier

Brigitte Hobmeier auf dem Plakat im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele

Brigitte Hobmeier auf dem Plakat im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele

Gestern hat die Schauspielerin Brigitte Hobmeier den Theaterpreis der Stadt München erhalten. Die Preisverleihung fand im Anschluss an die Vorstellung “Hotel Savoy” in der Spielhalle der Kammerspiele statt. Hier auf vielfachen Wunsch meine Laudatio  – mit der ich mich wieder zurückmelde in diesem Blog.

(Die lange Sendepause tut mir leid, das hatte persönliche und technische Gründe. Heute habe ich leider schon wieder keine Zeit, aber ich werde – sorry lieber Herr FAZ-Kollege! – schon auch noch jene Preisverleihung nachholen, die seit Mai überfällig ist: die Auszeichnung Gerhard Stadelmaiers mit dem Herbert-Riehl-Heyse-Preis)

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Preisträgerin,

Als ich mich letzte Woche zur Vorbereitung auf diese Laudatio mit Brigitte Hobmeier im Blauen Haus traf, da trat ein älterer Herr an unseren Tisch und bat die Schauspielerin in aller Ehrerbietung um ein Autogramm. Er hatte sich dafür eines der neuen Spielzeithefte der Kammerspiele geschnappt, die auf den Tischen ausliegen, und er hatte die Seite mit dem ernsten, asketisch-strengen, fast ikonisch wirkenden Schwarz-Weiß-Porträt von Hobmeier aufgeschlagen. In meine Richtung sagte er erklärend, er habe sie in „Hotel Savoy“ gesehen, da spiele sie „15 Rollen“.

Die rote "Gitti", von der Probe kommend - letzte Woche bei unserem Treffen im Blauen Haus

Die rote "Gitti", von der Probe kommend - letzte Woche bei unserem Treffen im Blauen Haus

Wie wir soeben sehen konnten, sind es nicht 15 Rollen, die Brigitte Hobmeier in „Hotel Savoy“ spielt, sondern „nur“ sieben, genau genommen: acht, aber die Intensität und virtuose Wandlungsfähigkeit, mit der sie diese Minirollen darstellt und zu grandiosen Kabinettstückchen aufwertet, ihre Knallchargenresitenz und komödiantische Durchschlagskraft – all das reicht natürlich locker für 15 und ist in dieser Aufführung so unübersehbar ausfüllend, dass man den Eindruck des begeisterten Autogrammjägers ohne Weiteres nachvollziehen kann.

Schon einmal habe ich mich mit Brigitte Hobmeier für ein längeres Gespräch getroffen, das war 2004 für ein Porträt in der Fachzeitschrift „Theater heute“. Damals war sie 28 und der Star am Münchner Volkstheater, und auf die Frage, was ihr berufliches Fernziel sei, antwortete sie: „Ich möchte gerne eine außergewöhnliche Schauspielerin werden.“ Und, „ja, doch“, auch Berühmtheit strebe sie an. Aber (Zitat): „Ich möchte kein Star sein nur um der Berühmtheit willen, sondern als Künstlerin etwas Besonderes.“

Tja, da kann man eigentlich nur gratulieren, denn wenn Brigitte Hobmeier etwas geworden ist, dann sicher eine außergewöhnliche Schauspielerin – die sie übrigens auch damals schon war. Etwas Besonderes. Eine Auffallende. Eine auffallend Unmodische, Untypische, Unverbogene . . . Rothaarige. Kussmündige. Bayerisch-Bodenständige. Inbrünstige.

1. Reihe: Die Familie Hobmeier (Brigitte, Bruder, Mutter, Vater), der Rede lauschend

1. Reihe: Die Familie Hobmeier aus Ismaning (Brigitte mit Bruder, Mutter und Vater), der Rede lauschend

Diese sehr besondere Schauspielerin Brigitte Hobmeier ist mit 35 Jahren die bislang jüngste Trägerin des Münchner Theaterpreises, einer Auszeichnung, für die nur Künstlerinnen und Künstler in Frage kommen, „die ihre Wirkungsstätte in München oder der Region haben und ⁄ oder deren Schaffen mit dem Theaterleben Münchens eng verknüpft ist“.

Dass München sie gewonnen hat und wir sie heute überhaupt hier ehren können, verdankt sich einem harten Entscheidungsfindungsprozess, den Brigitte Hobmeier vor neun / zehn Jahren durchgemacht hat. Damals hatte sie gerade zwei Jahre im „Faust“-Ensemble von Peter Stein hinter sich gebracht, in Winzigrollen als Nymphe, Hexe, Wassergeist, Äffchen oder – jawohl! – als „Gemurmel“. Jetzt wollte sie spielen, endlich spielen! Aber wo: am Schauspielhaus Düsseldorf oder am Münchner Volkstheater? Von beiden Theatern hatte sie ein Angebot, in Düsseldorf stand sie damals sogar schon auf der Bühne, als Ismene in einer „Antigone“-Inszenierung der Intendantin Anna Badora. Es war eine Entscheidung zwischen einem großen und einem sehr kleinen Haus, zwischen Bundes- und Lokalliga, Nordrhein-Westfalen und Bayern, zwischen abgesichertem Stadttheaterbetrieb und einem ungesicherten Neuanfang, denn am damals siechenden Münchner Volkstheater übernahm im Herbst 2002 Christian Stückl die Intendanz, und noch wusste keiner, wo das hinführen würde.

Bürgermeisterin Christine Strobl liest die Jurybegründung vor. Sie kam direkt vom Marienplatz, wo an diesem Tag die Olympia-Entscheidung für Südkorea hingenommen werden musste

Bürgermeisterin Christine Strobl liest die Jurybegründung vor. Sie kam direkt vom Marienplatz, wo an diesem Tag die Olympia-Entscheidung für Südkorea hingenommen und verkraftet werden musste.

Brigitte Hobmeier nimmt solche Lebensweichenstellungen alles andere als leicht. Sie ist eine „Entweder/Oder-Frau“ – das, wofür sie sich entscheidet, gilt hundertprozentig, voll und ganz, und da haut sich sich dann auch entsprechend rein. Das muss also gut überlegt sein.

Wenn sie von den „verzweifelten Nächten“ erzählt, in denen sie damals mit sich gerungen hat, klingt das kein bisschen übertrieben. Sie sagt, die Verzweiflung sei ihr derart ins Gesicht geschrieben gestanden, dass sie ein Polaroid von sich machen musste: ein Porträtfoto als „Mahnmal“ für diesen existenziellen Zustand. Dieses Bild würde man gerne einmal sehen: Brigitte Hobmeiers schönes, expressionistisches Stummfilmdiven-Gesicht in selbst erzeugter München-Düsseldorf-Tragik, wahrscheinlich noch blässer als sonst, mit dunklen, weit aufgerissenen Augen wie Höhlen, darin die Angst, etwas komplett falsch zu machen …

Aber sie hat sich gottlob ja richtig entschieden – nämlich indem sie ihrem Herzen und dem Ruf der Heimat gefolgt ist. Es mag pathetisch klingen, aber Brigitte Hobmeier spricht tatsächlich von „Sehnsucht nach der Heimat“ und „heimkommen wollen“, wenn sie von ihrer Entscheidungsfindung damals erzählt.

Sie ist in Ismaning geboren, eine waschechte Bayerin, Münchnerin – mit Wurzeln in Niederbayern, von wo ihre Eltern stammen, aus Wendelskirchen, um genau zu sein, 20 Kilometer von Landshut entfernt, das ist tiefstes Martin-Sperr-Gebiet. Hier, in diesem Landstrich, wo sie ihre Kindheit und alle Ferien verbrachte, ist die Hobmeierin verwurzelt. Sie beherrscht den derbsten, g´schertesten Dialekt mit all den einschlägigen Schimpf- und Kraftausdrücken; sie verfügt über urbayerische Tugenden wie Sturheit, Erdung, Trotz, Widerborstigkeit, Eigensinn; und sie sagt Sätze wie: „Dieser Boden hier tut mir gut.”

Familie Hobmeier mit Hausarzt (rechts)

Familie Hobmeier mit Hausarzt (rechts)

Dass Brigitte Hobmeier, die ihre Schauspielausbildung an der Folkwangschule in Essen absolviert hat und danach fast zwei Jahre mit Steins „Faust“-Ensemble herumgetingelt ist, dass dieses weggezogene Münchner Kindl überhaupt von Stückls Neuanfang am Volkstheater erfuhr, ist Johan Adam Oest zu verdanken, dem Schauspieler vom Wiener Burgtheater, der in Steins Expo-„Faust“ einer der beiden Mephistos war. Er hat Brigitte Hobmeier gesagt: Du, da soll in München so ein Verrückter das Volkstheater übernehmen, das wär doch was für Dich . . .

Die Geschichte von Hobmeiers Vorsprechen am Volkstheater sollte man sich am besten von Christian Stückl erzählen lassen. Der weiß zwar nicht mehr, was die „Gitti“ ihm damals vorgespielt hat, dafür aber noch sehr genau, wie. Sie hatte nämlich eine Quarktasche dabei, und die muss sie so eindrucksvoll ausgepackt und auf der Bühne verspeist haben, dass Stückl sofort wusste: „Die wui i ham!“ 170 Schauspieler waren zu diesem Vorsprechen geladen, aber die Hobmeierin war die einzige, bei der er sich sofort sicher war. Es war übrigens die Restaurantszene aus Friederike Roths „Die einzige Geschichte“, die sie damals so quarktaschenverstärkt vorgetragen hat, und dann noch was aus der „Bernauerin“.

Preisträgerin mit Bürgermeisterin und Laudatorin

Preisträgerin mit Bürgermeisterin und Laudatorin

Hobmeier und Stückl – die beiden schienen in ihrer saftigen bayerischen Art wie für einander geschaffen, und wenn Stückl über die Hobmeierin sagt, sie sei ein „Theaterviech“, dann gilt das natürlich umgekehrt auch für ihn. Am Volkstheater avancierte Brigitte Hobmeier mit bayerischer Grandezza gleich in ihrer ersten Rolle, als Geierwally, zum Publikumsliebling – und dann sehr schnell zum Star des jungen Ensembles.

Als die „Gitti“, wie ihre Kollegen und Freunde sie nennen, in ihrer dritten Spielzeit dann wieder diesen Drang in sich spürte, der sie fort- und vorantreibt, da kündigte sie. Kündigte, ohne etwas Neues zu haben – aber sich auf Erfolgen auszuruhen, das ist ihre Sache nicht. Zum Abschied spielte sie bei Stückl noch die Lulu. Eine Paraderolle, weil diese Wedekind-Figur ähnliche Gegensätze in sich vereint, wie Brigitte Hobmeier sie als Schauspielerin ohnehin mitbringt: changierend zwischen Kindfrau und Vamp, Unschuldsengel und Mordsweib, zwischen Frömmigkeit und Frivolität, Entrücktheit, Derbheit und Arroganz – all das, was den speziellen Hobmeier-Mix ausmacht, dieses bayerisch-sommersprossig-bleichgesichtig-rothaarig-katholisch-ätherisch-Robuste, wenn Sie verstehen, was ich meine . . .

Die Ausgezeichnete beim Fototermin mit blauem Sofa

Die Ausgezeichnete beim Fototermin mit blauem Sofa

(Lassen sie mich an dieser Stelle einen aktuellen Einschub machen. Denn als ich heute auf Facebook auf diese Preisverleihung hingewiesen habe, da postete der Berliner Schauspieler Thomas Arnold einen Kommentar, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Er schrieb:

„Eine Kollegin, die den Glanz der früheren Zeit und den Heiligenschein ins Theater zurückgebracht hat – als Theater noch etwas Besonderes, Außerordentliches war. Sternenstaub und Handwerk sind hier wieder vereint.“)

Als sie 2005 an die Kammerspiele wechselte – sie selbst hat sich an dem Haus beworben –, da sagte der Intendant Frank Baumbauer zu ihr: „Hier werden Sie´s nicht so gut haben wie am Volkstheater.“  Wohl wahr, wenn man bedenkt, wie klein sie in diesem Edel-Ensemble angefangen hat. In Tschechows „Kirschgarten“ spielte sie 2006 die Anja, zu der Tschechow einmal in einem Brief anmerkte: Sie ist eine so unwichtige Figur, mir ist ganz egal, wer sie spielt.

Oder dann ihre Rolle in dieser grässlichen Fosse-Inszenierung von Laurent Chétouane!

Und noch mal die Hobmeierin

Und noch mal die schöne Hobmeierin

Aber Brigitte Hobmeier wollte es ja wissen, wollte nicht, wie sie es selbst ausdrückt, „Prinzessin sein im geschützten Hort“, sondern sich messen, sich stellen, herausgefordert werden an einem großen Haus mit vielen Stars und tollen Leuten. Und sie hat ja auch das Beste daraus gemacht, hat sich – wie auch jetzt wieder in „Hotel Savoy“ – mit der ihr eigenen Unbedingtheit in diese Minirollen gestürzt, ihnen Aufmerksamkeit, Bedeutung erspielt. Sie ist zwar eine geborene Hauptdarstellerin, aber eben auch eine großartige Supporterin – von wegen „Diva“!

Die Saison 2006/07 wurde dann ihre Spielzeit, da hat Brigitte Hobmeier ihre Kammerspiele-Chance erhalten. Zunächst als Elisabeth in Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, diesem unsentimentalen Sozialstaats-Totentanz, inszeniert von Stephan Kimmig. Hobmeier, einst Herzerlverkäuferin auf dem Oktoberfest (damit verdiente sie sich ihr Schauspielstudium), war die Idealbesetzung für Horváths traurige Glücksritterin: eine kraftvolle Unterschichtskämpferin, die sich taff, kokett und überaus trotzig zur Wehr setzt gegen die Zumutungen des Lebens. Die nie Glück hat – und trotzdem weitermacht. Bis sie sich am Ende bäuchlings auf der Bühne in einer Pfütze ertränken will, aber nicht einmal dieses Glück wird ihr gewährt. Ihr Japsen klingt einem bis heute in den Ohren. Was für eine Szene! Nicht umsonst hat sie für diese Rolle den „Faust“ als beste Darstellerin erhalten.

Dann kam Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, gebürtiger Niederbayer, aufgewachsen in Landshut, mit der Hobmeierin sofort auf einer Wellenlänge. Er inszenierte mit ihr als erotischen Fixstern Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“. Das war ein Abend, an dem sie aufs Schönste ihren kühlen Sex-Appeal ausspielen konnte und einen mit ihrer Hanna-Schygullahaftigkeit schier verblüffte.

Große Kolleginnen: Gundi Ellert, Doris Dörrie und (Hobmeiers erste "Filmmutti") Ulrike Kriener

Große Kolleginnen: Gundi Ellert, Doris Dörrie und (Hobmeiers erste "Filmmutti") Ulrike Kriener

Es war übrigens diese Rolle, in der sie Flo, ihr Mann, zum ersten Mal auf der Bühne sah. Kein Witz! Sie hatte es ihm verboten, sie im Theater zu sehen, wollte das Berufliche stets raushalten aus ihrer Beziehung. Und er hatte sich bis zu dieser Premiere auch immer daran gehalten. Nun aber ging er in einen Kostümverleih, klebte sich einen Schnurrbart an und kam: inkognito.

So viel zu den Eigentümlichkeiten in der Hobmeier-Ehe. Der Mann, ein Münchner, ist übrigens studierter Mathematiker, aber innerlich ein berufener Schriftsteller – als solcher hat er sich im Moment nach Berlin zurückgezogen, um seinen ersten Roman zu schreiben. Sollte er wider Erwarten heute Abend hier sein, dann sicher in guter Verkleidung. – Die beiden haben übrigens einen Sohn miteinander, den kleinen August. Er wird im September sechs.

Im April 2009 folgte, wieder mit Ostermeier, „Susn“ von Herbert Achternbusch, ein Stück aus den achtziger Jahren, aber wie geschrieben für die Hobmeier. Sie hat den Text dieser weiblichen Passionsgeschichte nicht einfach nur gespielt, sie hat ihn durchdrungen, ihn sich mit Leib und bayerischer Seele anverwandelt – und die Titelfigur dann auch gleich in allen Altersstufen gespielt. Es ist eine Wandlung über vier Lebensalter hinweg: vom aufmüpfigen Dorfmädchen im Beichtstuhl über die zornig-depressive Studentin in der Großstadt, die an der Seite des lieblosen Herbert verkümmert – bis hin zur vergrämten alten Alkoholikerin auf der Kloschüssel.

Es war ein brillanter Soloabend. Rau, ehrlich, schonungslos. Völlig uneitel. Ein Abend, der auch über die Videolandschaftsbilder sehr viel von Heimat erzählte, von Bayern, von dieser waidwunden Sehnsucht derer, die dieses Land lieben und hassen und fliehen wollen – und ihm doch nie entkommen. Brigitte Hobmeier hat diese Rolle ein „Geschenk“ genannt, weil sie da nicht nur aus dem Vollen, sondern auch aus ihrem Innersten schöpfen und sich mit all ihrer Spielgier hineinschmeißen konnte.

Brigitte Hobmeier zeigt maiken Hagemeister das Geschenk von Sepp Bierbichler: Eine Erstausgabe von Achternbuschs "Susn". Er hat sie, wie eine Widmung zeigt, von Achternbusch selbst bekommen. Nun gab er das Buch an die Susn-Darstellerin Hobmeier weiter, verpackt in einem Gefrierbeutel und versehen mit der Widmung "Servus Howe" (so nennt er die Hobmeierin auf gut Bayerisch).

Brigitte Hobmeier zeigt der Kammerspiele-Pressefrau Maiken Hagemeister das Geschenk von Sepp Bierbichler: eine Erstausgabe von Achternbuschs "Susn". Er hat sie, wie eine Widmung zeigt, von Achternbusch selbst bekommen. Nun gab er das Buch an die Susn-Darstellerin weiter, verpackt in einem Gefrierbeutel und versehen mit der Widmung "Servus Howe" (so nennt er die Hobmeierin auf gut Bayerisch).

Auch für uns Zuschauer war der Abend ein Geschenk, und so möchte ich Johan Simons, den neuen Intendanten, an diesem Abend herzlichst ersuchen, „Susn“ doch bitte wieder in den Spielplan zu nehmen. Auch wenn das vielleicht nur Bayern verstehen . . . aber diese Inszenierung rührt an unsere ureigensten Empfindungen und Prägungen. Sie erzählt davon, dass Bayern weniger ein Land als ein Zustand ist. Man würde diesen Abend gerne noch da haben und besuchen können, wie eine Andacht oder einen guten alten Bekannten. Und so schön es ist, Brigitte Hobmeier als Sissi in „Ludwig II.“ zu sehen – als Susn hätten wir noch viel mehr von ihr.

Aber wir müssen ja schon froh sein, dass sie uns überhaupt erhalten geblieben ist. Ostermeier wollte sie an die Berliner Schaubühne abziehen (sie hat dort bei ihm in den „Dämonen“ von Lars Norén gespielt), auch Film und Fernsehen kommen immer wieder auf sie zurück (erst im Mai lief mit ihr der viel beachtete ZDF-Film „Die Hebamme“), und das ist ja alles auch kein Wunder bei dieser Ausnahmeschauspielerin mit diesem Ausnahmegesicht.

Noch ein Wort dazu, dass es manchmal heißt, sie sei schwierig oder zickig. Wahrscheinlich ist das nur ihrer Unbedingtheit und ihrer niederbayerischen „Wuidheit“ geschuldet. Brigitte Hobmeier sagt: „Ich lass mich ungern komplett fremd bestimmen.“ Und sie verweist auf den raueren, viel direkteren Umgangston, mit dem sie, das Arbeiterkind, aufgewachsen ist.

Wenn Hobmeier aufstampft und zu einem Regisseur sagt: „So a Schmarrn!“, dann bedeutet das in etwa so viel, wie wenn ein Kollege aus nördlicheren oder wohlerzogeneren Gefilden sagen würde: „Du, könnten wir in dieser Szene vielleicht noch mal etwas Anderes ausprobieren?“

Alles gesagt: Die Laudatorin verlässt den Schauplatz - und gratuliert herzlichst!

Alles gesagt: Die Laudatorin verlässt den Schauplatz - und gratuliert herzlichst!

Nein nein, das passt schon so, wie sie ist. Dafür kriegt sie jetzt auch den Münchner Theaterpreis. Und dafür hat sie letztes Jahr in Regensburg bei den Bayerischen Theatertagen – mit „Susn“ – auch jenen Preis einer Jugend-Jury bekommen, der sich „Die Rampensau“ nennt. Das ist sehr schön, denn damit ist die Intensivschauspielerin Brigitte Hobmeier eine urkundlich beglaubigte Rampensau.

Herzlichen Glückwunsch!

14.12.10 | 22:56 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 1 Kommentar

Hermine-Körner-Ring für Hildegard Schmahl

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Berliner Akademie der Künste

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Akademie der Künste Berlin

Hildegard Schmahl sagt, sie trägt keinen Schmuck. Nie. Über den Hermine-Körner-Ring, den sie am Montagabend in den Münchner Kammerspielen überreicht bekam, freut sie sich trotzdem. Sehr sogar. Eigentlich ist dieser Ring ja auch gar nicht zum Tragen da. Sondern zum Haben und Aufbewahren und zum Sich-daran-Freuen. Ihn zu besitzen, ist für eine Schauspielerin eine ehrenvolle Auszeichnung: eine auf Lebenszeit – und für ein Lebenswerk, vergeben von der Sektion Darstellende Kunst der Berliner Akademie der Künste.

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring

Der Ring ist eine eingefasste persische Münze, die aus Salamis stammen und auf dem Schlachtfeld von Marathon gefunden worden sein soll. Die Schauspielerin Hermine Körner erhielt ihn 1960 anlässlich eines Gastspiels der „Perser“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen als Schenkung des Kunsthistorischen Museums Essen. Körner, die noch im Dezember des selben Jahres verstarb, verfügte testamentarisch, dass der Ring auf Lebenszeit an ihre Kollegin Roma Bahn übergehen und später immer im Besitz einer – Achtung! – „Schauspielerin mit ernsthaftem Streben“ sein solle.

Nach dem Tod Roma Bahns ging der Ring 1975 an Marianne Hoppe und dann 2004 an Gisela Stein, die im Mai letzten Jahres starb. Seit gestern ist nun Hildegard Schmahl die neue Trägerin. Gratulation! Eine gute und richtige Entscheidung der Akademie. Hildegard Schmahl, die in diesem Blog schon von mir gewürdigte Grande Dame der Münchner Kammerspiele, ist nicht nur eine Schauspielerin mit wahrlich “ernsthaftem Streben”, sondern auch eine, die in diesem ihren Streben absolut offen und modern ist, eine, die sich ihre Neugier bewahrt hat und nie stehen geblieben ist.

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons

Den Ring bekam Frau Schmahl am Montag direkt nach der Vorstellung von Elfriede Jelineks “Rechnitz (Der Würgeengel)” auf der Bühne der Kammerspiele verliehen. Weshalb die Geehrte passenderweise noch das seidenblau schimmernde Abendkleid der von ihr so gespenstisch-maliziös verkörperten Jelinek-Botin trug, als ihr der Berliner Theaterhistoriker Klaus Völker den Preis ansteckte.

Völker informierte über die Geschichte des Preises und die künstlerischen Biografien der Schauspielkünstlerinnen Körner und Schmahl (mehr dazu hier) und würdigte die neue Ring-Trägerin für ihre “von Lebenserfahrung und Lebensschmerz gezeichneten Anti-Mutti-Frauendarstellungen”.

Die eigentliche Laudatio – im Grunde eine Liebeserklärung – kam von “Rechnitz”-Regisseur Jossi Wieler, mit dem Hildegard Schmahl in vielen schönen Inszenierungen zusammengearbeitet hat, angefangen 2001 mit “Alkestis”. Damals spielte sie die Mutter, eine Rolle, die es bei Euripides gar nicht gibt und von Wieler als stumme Figur hinzuerfunden wurde. Es war Schmahls Einstand an den Münchner Kammerspielen zum Start von Frank Baumbauer, und Wieler erzählt, wie er sie für diese (scheinbar kleine) Rolle gewinnen konnte. Auch später hat Hildegard Schmahl bei Wieler eigentlich immer Mütter gespielt und dabei, wie Wieler sagt, “autoritäre Strukturen entlarvt”, mit einem großen “Wissen um dieses Schmerzpotenzial”.

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler

“Hilli” wird Hildegard Schmahl von ihren Schauspielerkollegen liebevoll genannt, und “Hilli” nennt sie, voller Zuneigung und Zärtlichkeit, auch Jossi Wieler, der sie in seiner Laudatio direkt adressiert, wenn er ihren Mut, ihre Offenheit, ihr “untrügliches Gespür” und ihr “unerbittliches Ringen um einen natürlichen Ausdruck” rühmt: “So wie im Leben, so kämpfst du auch im Theater für Wahrheit und Gerechtigkeit.”

Aber er preist sie nicht nur als “Ausnahmeschauspielerin”, sondern auch für ihre “legendären Feste”, für ihr “Engagement für jeden im Ensemble” und für ihre Qualität, ihre Kollegen bewundern, sich mit ihnen freuen und über sie staunen zu können.

Die solcherart Geehrte gluckst manchmal amüsiert über so viel Lob und erzählt im Anschluss, wie sie 1960 im Herbst als 20-Jährige eine der letzten Vorstellungen der damals 82-jährigen Hermine Körner als “Irre von Chaillot” sah. Schmahl zitiert jenen Satz der Körner, der ihr damals durch Mark und Bein und das Gehirn schoss: “Man kann sich lieben nur, weil man sich bei den Händen gehalten hat …”. Schmahl sagt, diese Worte hätten sie damals mit einer solchen Wucht erfasst und derart erschüttert, dass sie angefangen habe, “ganz furchtbar zu weinen” – so sehr, dass sie tatsächlich rausgehen musste aus dem Theater, “weil das ja auch störend war”.

Schmahl sagt, der Abend sei damals für sie eine Art Initiation gewesen, er habe ihr eine Richtung gewiesen, das Gefühl: “Hier trittst du ein in diesen Kreis” … in diesen Ort des Geistes und der Erinnerung, der das Theater sei – hier zitiert sie auch ihren neuen Intendanten Johan Simons -, ein “Ort, wo man übt, Mensch zu sein”.  Und nun der Hermine-Körner-Ring. “Ist ja unerhört”, sagt Schmahl gerührt. “Als wenn sich hier ein Kreis schließt.”

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker

Ein kleiner Kreis von Kollegen und Freunden stieß hernach bei einem Empfang im oberen Foyer der Kammerspiele noch mit der Preisträgerin an und begutachtete ihren Siegelring. Neben Katja Bürkle, André Jung, Steven Scharf und dem inzwischen ans Hamburger Thalia abgewanderten Hans Kremer, Schmahls Mitspielern in “Rechnitz”, waren auch Ensemblekollegen wie Sylvana Krappatsch, Walter Hess, Wolfgang Pregler und Peter Brombacher gekommen. Und auch Schmahls Kinder, Hannah und Sebastian Rudolph, waren da.

Geburtstagskind André Jung

Geburtstagskind André Jung

André Jung feierte übrigens gestern seinen 57. Geburtstag – na ja, soweit man das “feiern” nennen kann, wenn man an dem Abend auftreten und einen von Jelineks makabren Boten des Massakers von Rechnitz spielen muss. Aber der Schauspieler war ganz guter Dinge und braucht – nach der Knie-Operation, die er dieses Jahr absolvierte – auch keine Krücken mehr. Geburtstag hatten gestern, am 13. Dezember, u.a. auch die Theaterschauspielerinnen Edith Clever, Jutta Wachowiak (beide wurden 70) und Jutta Lampe (73).

Hildegard Schmahl wurde in diesem Jahr 70 (siehe meinen Blogeintrag hier). Aber wie schön sie gestern wieder strahlte! Wie gut dieser Frau das Alter steht … und ihr Ring natürlich auch.

P.S.: Alle Fotos sind von mir selbst mit meiner neuen Kamera gemacht. Die am Freitag verloren gegangene Kamera mit den Bildern von der SZ-Abschiedsfeier für Kilz ist leider nicht wieder aufgetaucht.

14.12.10 | 17:45 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Kommentare 1 Kommentar

Journalistenpreise für Zielcke, Gorkow & Kniebe

Die Herren Preisträger: Andreas Zielcke, Alexander Gorkow, Tobias Kniebe

Die Herren Preisträger: Andreas Zielcke, Alexander Gorkow, Tobias Kniebe

Gestern gab´s in unserer kleinen Redaktion schon wieder einen Grund zum Feiern: Die geschätzten Kollegen Andreas Zielcke (Feuilleton-Autor, dereinst sogar Feuilleton-Chef), Alexander Gorkow (Ressortchef Seite Drei) und Tobias Kniebe (Filmredakteur im Feuilleton) haben begehrte Journalistenpreise abgeräumt und dies mit den Kollegen ihrer Abteilungen gefeiert. Wo? Im Feuilleton natürlich, dem Ressort des Geistes, der Sinnlich- und der Feierlichkeiten.

Ein Hoch auf die Feuilleton-Kollegen! Von links: Andrian Kreye, Gottfried Knapp, Andreas Zielcke, Christopher Schmidt. (Alle Fotos von mir ... habe mir eine neue Kamera zugelegt)

Ein Hoch auf die Kollegen! Von links: meine Feuilleton-Kollegen Andrian Kreye, Gottfried Knapp, Andreas Zielcke und Christopher Schmidt. (Alle Fotos von mir ... habe mir eine neue Kamera zugelegt!)

Heißt es sonst bei solchen Gelegenheiten hier gerne “In dubio Prosecco”, ließen die drei Ausgezeichneten sich nicht lumpen – und ein paar Flaschen Champagner springen. Und Häppchen gab´s auch. Und den weltbesten Stollen, gebacken im Hause Zielcke nach einem ausgeklügelten Witzigmann-Rezept. Danke, liebe Kollegen. Und ganz herzlichen Glückwunsch!

Wofür genau es  die Preise gab – wo die gekürten Kollegen doch generell preiswürdig sind – wurde bei dem Umtrunk auch noch mal ge- bzw. erklärt:

Ausgezeichnet!

Ausgezeichnet!

Tobias Kniebe und Alexander Gorkow erhielten ihre Auszeichnung beim Deutschen Reporterpreis in Berlin (der von Journalisten an Journalisten vergeben wird) für die “beste Kulturreportage” – und zwar für ihr gemeinsam verfasstes Stück “Junge Nummer Eins”,  erschienen in der SZ vom 24. Juli 2010, nachzulesen hier.  Dieses Porträt des Filmemachers Klaus Lemke sei mit „viel Wärme und charmanter Distanzlosigkeit“ geschrieben und von „extremem Unterhaltungswert“, befand die Jury.  So würde eine Phase im deutschen Film auferstehen, deren Protagonisten mit ihrer Kompromisslosigkeit Vorbilder waren und deren Filme heute noch das Publikum begeistern.

Mr. Gorkow

Mr. Gorkow

(Wer wissen will, wer alles in der Jury des Deutschen Reporterpreises sitzt – hier bitte: die Journalisten Axel Hacke, Erwin Koch, Nils Minkmar, Stefan Niggemeier, Angelika Overath, Sabine Rückert und Gerhard Samulat, die Autorinnen Kathrin Passig und Monika Maron, die Regisseurin Doris Dörrie, der Theaterintendant Matthias Hartmann, die Verlegerin Antje Kunstmann, der Publizist Manfred Bissinger, der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und Harald Schmidt.)

Bei so vielen Preisen gratuliert auch Personalchef Schulz (der mit Krawatte, rechts von Kniebe). Die anderen zwei sind von der Drei: Hilmar Klute und Jochen Arntz.

Bei so vielen Preisen gratuliert auch Personalchef Schulz (der Herr mit Krawatte, rechts von Kniebe). Die anderen zwei sind von der Drei: Hilmar Klute, Jochen Arntz.

Zielcke wiederum erhielt den “Leuchtturm-Preis für besondere publizistische Leistungen”, verliehen von der Journalistenvereinigung “Netzwerk Recherche” in Mainz. Dieser Preis stand diesmal ganz unter dem Zeichen von Stuttgart 21 und ging zu gleichen Teilen auch an Arno Luik vom Stern und an den Stuttgart-Vermittler Heiner Geißler.

Feuilleton und Recherche? Das sei ja doch wohl ein Widerspruch in sich, unken gerne die Kolllegen aus den “harten Ressorts”. Mitnichten!

Dr. Andreas Zielcke - nicht nur juristisch, sondern auch kulinarisch ein Kenner

Dr. Andreas Zielcke - nicht nur juristisch, sondern auch kulinarisch ein Kenner

Zielcke hat gemacht, was in Sachen Stuttgart 21 keiner vor ihm gemacht hat: Er hat im Archiv des Stuttgarter Gemeinderats einfach mal die Akten durchgesehen, um zu überprüfen, wie viele Einfluss-, Einspruchs- und Miteintscheidungsmöglichkeiten die Stuttgarter Bürger bei dem seit Mitte der neunziger Jahre geplanten Bahnhofsprojekt denn tatsächlich hatten: nämlich so gut wie keine.  “Der unheilbare Mangel” hieß der Feuilleton-Text vom 19.10.2010, in dem Zielcke seine Erkenntnisse mit juristischer Präzision darlegte, nachzulesen hier. Zielcke entkräftet darin sehr schlüssig die Unterstellung der Projektverantwortlichen, die Stuttgart-21-Gegner hätten genügend Gelegenheiten zur Mitsprache gehabt.

Gratulation!

31.03.10 | 17:06 | Begegnung mit ... | Glückwunsch! | Kommentare 6 Kommentare

Rolf Boysen 90

Boysen

Heute wird der großartige Schauspieler und Sprechkünstler Rolf Boysen 90 Jahre alt. NEUNZIG – das muss man erst mal hinkriegen! Noch dazu so wie Boysen, der überhaupt nicht senil und gebrechlich, sondern grandseigneurhaft würdig, körperlich rüstig und geistig absolut rege wirkt. Und darüber hinaus auch noch sehr charmant und geistreich ist.

Für einen Geburtstagsartikel im Feuilleton (heutige Printausgabe) habe ich den Schauspieler letzte Woche in Begleitung der Fotografin Regina Schmeken in Bad Wiessee am Tegernsee besucht. Er weilte dort in der Fachklinik Medical Park, einer Kurklinik für Orthopädie und Sportmedizin, mit der schönen Adresse “Am Kirschbaumhügel”. Ich dachte schon, er würde uns in Krankenhauskleidung und/oder gar im Rollstuhl empfangen. Aber nein: Er war gekleidet wie ein englischer Gentleman und wirkte auch sonst rein gar nicht wie ein Patient (siehe meine Fotos). Auf die Frage, was der Grund seines Klinikaufenthalts sei, erzählte er uns die Geschichte seines Sturzes (der übrigens schon ein ganzes Weilchen her ist): Wie er zu Hause, als er eine Flasche Wein holen wollte, rückwärts die Kellertreppe hinabgefallen ist … und sich dabei einen doppelten Wirbelbruch zugezogen hat. Zwei Schrauben habe er seither hinten drin. “Aber”, grinst der Bordeaux-Liebhaber Boysen, “halb so wild: Die Flasche blieb heil.”

Das ist natürlich eine schöne Geschichte, fast möchte ich sagen: ein Treppenwitz – und ich habe damit meinen Geburtstagsartikel begonnen. Der muss und soll hier nicht wiederholt werden. Nur so viel: Die zwei Stunden mit Rolf Boysen waren sehr beschwingend. Wenn einer auf so ein langes und reiches Bühnenleben zurückblicken kann wie Boysen, der die bedeutendsten Rollen der Dramenliteratur gespielt und die größten Werke der Weltliteratur gelesen hat, dann hat er natürlich was zu erzählen. Vom Krieg zum Beispiel, in dem ihm ein Kamerad aus seiner Division zwei Theaterrollen beibrachte (den Karl Moor und den Faust). Von seinem schnellen Einstieg und Aufstieg als Schauspieler in der Nachkriegszeit, als keiner nach einer Schauspielausbildung fragte – es herrschte Männermangel. Von Hans Schweikart, dem “großen Naturalisten und Raumbeherrscher”, und Fritz Kortner, diesem “Elementarerlebnis” – beide waren Boysens große, prägende Lehrmeister an den Münchner Kammerspielen. Von der Faszination des Theaters überhaupt. Und von der Sprache natürlich, die Boysen so liebt und meisterhaft beherrscht – von ihrer Schönheit, ihren Feinheiten, ihren Forderungen und Erfordernissen.

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Boysen ist ein kluger, denkender Schauspieler. Die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse seines Berufslebens hat er in dem lesenswerten Essay-Band “Nachdenken über Theater” veröffentlicht. Aus diesem Buch wird er heute Abend, an seinem 90. Geburtstag, im Münchner Residenztheater vorlesen, an das er 2001 mit Dieter Dorn von den Kammerspielen rübergewechselt ist. Ehrensache, dass ich da hingehe! Wer den stimmgewaltigen Boysen als Rezitator antiker Literatur kennt, weiß: Er ist ein grandioser Vortragskünstler, in seiner Intonierungsgabe unerreicht. Einer, der schwere Textbrocken wie die “Ilias” oder Vergils “Aeneis” nicht einfach nur liest, sondern sie stimmlich strukturiert, rhythmisiert und dramatisiert – so dass man sie mit ihm durchleben, durchdringen … und sie tatsächlich auch verstehen kann.

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Natürlich ließ ich mir nicht die Gelegenheit entgehen, für mein persönliches Exemplar des Buches eine Widmung zu erbitten – die mir Rolf Boysen dann netterweise auch gab. Wobei er sich sehr für seine wackelige Handschrift entschuldigte. Zum Abschied drückte er mich dann sogar – und diese herzliche Umarmung will was heißen, wo ich doch am Münchner Residenztheater als Kritikerin so gar nicht gelitten bin und es wahrscheinlich nicht übertrieben ist, zu sagen, dass Dieter Dorn mich und meine Theaterauffassung nicht ausstehen kann.

Und deshalb hier noch dieses Foto mit mir und dem sehr galanten Herrn Boysen, diesem hanseatischen Charmeur, der bestimmt mal ein großer Womanizer war (Und wenn jetzt wieder welche unken: “Frau Dössel, haben Sie das nötig …!?”, dann sag´ ich: Jawohl! Und warum auch nicht? Das hier, liebe Leute, ist mein Blog … da darf ich sogar mal ICH zu mir sagen!) :

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Herzlichen Glückwunsch, lieber Rolf Boysen! War mir ein Vergnügen.

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Nachtrag vom 1. April: “Nachdenken über Theater” – Boysens Geburtstags-Lesung

Boysens Geburtstags-Lesung, gestern im Münchner Residenztheater, war komplett ausverkauft. Und etliche hofften in der Warteschlange noch auf eine Karte. Im Foyer sah man langjährige Kollegen von Boysen wie Lambert Hamel, Stefan Hunstein und Doris Schade (seine Desdemona aus Fritz Kortners “Othello”-Inszenierung von 1962!). Joachim Kaiser, der am Nachmittag in der Redaktion noch über sein stressiges Wochenprogramm geklagt hatte, war dann doch auch gekommen. Und Michael Krüger vom Hanser Verlag. Es fehlten natürlich auch nicht Boysens Söhne Markus und Peer, Schauspieler der eine, Regisseur der andere. Sie stützten ihre Mutter Marianne, mit der Boysen schon 52 Jahre verheiratet ist. Von ihr heißt es, dass sie ebenfalls gestürzt sei, jüngst erst. (Nach der Lesung wollte Boysen – das hatte er in Bad Wiessee erzählt – mit seiner Familie gleich wieder abdampfen: in ein Hotel am Starnberger See, wo es sehr schön sein soll und guten Rotwein gibt.)

Viel weißes Haar im Parkett – klar, bei einem 90-jährigen Jubilar. An einem Desk im Foyer haben sich mehrere Besucher Hörgeräte ausgeliehen. Ganze 40 gingen über den Tisch, ich habe nachgefragt. Lustig. Bisher wusste ich gar nicht, dass das Theater einen solchen Service bietet.

Der Geburtstags-Boysen bekam nicht nur am Ende gebührenden Applaus und Standing Ovations, sondern gleich schon am Anfang. Kaum war er auf die Bühne getreten, erhob sich der Saal. Eine Welle aus Bewunderung, Respekt und großer Zuneigung schwappte da nach vorne und umfing den Jubilar mit stürmischer Wärme. Dieser setzte sich auf der großen, mal wieder Dorn-typisch bis zur Brandmauer aufgerissenen und blau angestrahlten Bühne ganz vorne an einen Lesetisch und schaffte es auf Anhieb, in dem Riesenraum eine Konzentration und Intimität herzustellen, wie es nur einem Erzählmagier wie ihm gelingt. Boysen mit seiner unvergleichlich gewaltigen, geschmeidigen Stimme, seiner vokalen Dramatisierungs- und Intonierungskunst.

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

“Nachdenken über Theater”: Boysen begann mit dem ersten Kapitel seines Buches, das die Überschrift trägt “Vor der Vorstellung”; er sagte: “Man kann es auch nennen: Ich weiß es nicht.” Denn was genau es mit diesem Geheimnis des Theaters, dem Faszinosum der leeren, erst noch vom Schauspieler zu belebenden Bühne auf sich hat, das hat er nach 64 Bühnenjahren noch immer nicht ergründet. Boysen weiß aber sehr wohl ein Hohelied auf die Guckkastenbühne zu singen und die Gegenwärtigkeit des Theaters als dessen Alleinstellungsmerkmal zu rühmen: “Nirgendwo sonst berühren sich Vergangenheit und Gegenwart so innig wie hier. Hier und jetzt findet es statt. Heute abend findet es statt. Und wer es sehen will, muss hingehen und schauen.”

Sehr lustig das Kapitel “Na, Alter”, in dem der Schauspieler einleitend von einem Ritual mit einem langjährigen Freund erzählt, der ihn stets – auch schon in jüngeren Jahren – mit den Worten zu begrüßen pflegte: “Na, Alter, wie ist es denn heute?”, woraufhin Boysen gewohnheitsgemäß antwortete: “Danke, mein Alter, es geht schon!” – - Damit wäre Boysen nun also beim Thema Alter, und er schreibt, dass “alt werden ein Geschenk sein kann”: alt werden habe mit “Dauerhaftigkeit” zu tun, “mit Standhaftigkeit und mit Wachsen”.

Alles das, was war, schreibt Boysen, “haben wir in den großen Sack unseres Lebens gesteckt und tragen es mit uns herum”. Und der alt gewordene Schauspieler schleppe neben seinem ganzen “Lebensplunder” auch noch den ganzen “Theaterplunder” mit sich rum. Wenn nun ein Junger komme und in diesen Sack hineinsehe, weil er von dem erfahrenen Alten einen Rat haben möchte, dann könne es sein, dass dieser Junge feststellen müsse: “Aber es ist ja gar nichts darin!”

Etwas aber gibt der Alte dem Jungen dann doch mit auf den Weg: “Da du unbedingt einen Rat haben willst, merke dir dieses: beim Komma hebe die Stimme, und senke sie beim Punkt.” Der Junge in der Geschichte hält das für einen Witz und läuft lachend davon, wir alle aber wissen, wie grundlegend ernst das gemeint ist. Es ist die Basis von Boysens Sprachmeisterschaft.

Die Lesung dauerte nicht lange, von acht bis viertel nach neun. Zwischen den Texten, die Boysen aus seinem Buch vortrug – darunter auch das Kriegsheimkehrer-Kapitel “Fünfzig Jahre” -, spielte ein ausgezeichnetes Jazz-Trio mit Peter Cudek am Kontrabass, Florian Persler an der Gitarre und der stimmschönen Sängerin Nadine Germann, die später vom Jubiliar herzlichst umarmt wurde.

Am Ende kam Dieter Dorn auf die Bühne (mit einer beachtlich wuscheligen Grauhaarlöwenmähne) und überreichte seinem langjährigen Protagonisten einen Strauß roter Rosen. Auch aus dem Parkett, in dem sich schon längst wieder alle erhoben hatten, gab es von einigen Damen Rosen, und dann sangen alle, wirklich alle, auf der Bühne wie im Zuschauerraum, “Happy birthday”, und der Schauspielkünstler Rolf Boysen freute sich königlich und erhob zum Dank die Arme, und bevor er rechts abging, schulterte er zum Spaß seine Rosen. Dann kam er noch mal zurück, mit seinem vollen, glänzenden Silberhaar, seinem eleganten Schnauzer und dem dunklen Jackett wirklich sehr würdevoll aussehend, lehnte sich locker gegen das Lesetischchen und gab noch eine Zugabe: “Die Heldin”, das Kapitel über Judith und Holofernes – hochdramatisch, zum Fürchten gut.

Nach diesem Schluss ging Rolf Boysen nicht nach rechts, sondern nach hinten ab, in die blaue Tiefe der Bühne: gelassenen, beinahe federnden Schrittes, ein Jahrhundertschauspieler, der fröhlich schlenkernd abdankt. Sehr bewegend, dieses Bild … das alsbald ein sich senkender Vorhangprospekt verschloss.

22.03.10 | 12:52 | Glückwunsch! | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Das Kino hat Geburtstag

Am 22. März 1895 haben die Brüder Lumière erstmals einen ihrer Erstversuche mit bewegten Bilder vor Publikum getestet -- keine öffentliche Vorführung, eher eine Präsentation, bei der Société d’Encouragement à l’Industrie Nationale. Nicht den berühmten “L`arrivée d`un train à La Ciotat”, sie zeigten “Arbeiter verlassen die Lumière-Werke”, “La sortie de l’usine Lumière à Lyon”.

11.02.10 | 13:00 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

Pokalfinale: Brecht-Preis für Albert Ostermaier

Ganz Augsburg stand gestern im Zeichen des DFB-Pokal Viertelfinales. Ganz Augsburg? Jawohl! Im Goldenen Saal des Rathauses kam am frühen Abend zwar eine illustre Schar unbeugsamer Kulturliebhaber zusammen, die das entscheidende Pokalspiel zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Köln ausließ (wenn nicht vereinzelt sogar kalt ließ), um der Verleihung des Bertolt-Brecht-Preises 2010 beizuwohnen. Aber da nun mal dieser Preis an den Münchner Schriftsteller und Theaterautor Albert Ostermaier ging, blieb der Fußball auch in diesem ehrwürdigen Rahmen keineswegs ausgespart.

Preisträger Albert Ostermaier

Preisträger Albert Ostermaier

Ostermaier praktiziert diese Sportart nicht nur als Torwart der Autorennationalmannschaft, er kultiviert und poetisiert sie auch als Dichter. So hat er zum Beispiel schon mal eine “Ode an Kahn” verfasst. Ja, man kann wohl sagen: Ostermaier liebt den Fußball mindestens so leidenschaftlich, wie er Brecht liebt. Eine Ahnung davon bekam man in der anspielungsreich komischen, wohl nur den eingeweihten Team-Spielern ganz verständlichen Laudatio des Münchner Krimi-Autors Friedrich Ani: “Die Bank – Ein Spiel in Stimmen zu Ehren des Dichters Albert Ostermaier” nannte er das sprachgeschickt ins Absurde dribbelnde Dramolett zu Ehren seines Freundes.  Darin holt er den dichtenden Torwart Ostermaier von der Ersatzbank auf das Sprachfeld des Erfolges, auf dem dieser mit traumwandlerischer Sicherheit einen Pokal nach dem anderen holt: vom Kleist- und Toller-Preis bis hin jetzt zum Augsburger Brecht-Preis. Es treten in diesem Fußballstück auf: Ostermaier – Hansameyer – Libuda – Buddha – Masseurin – Masseuse – Onetti – Herr Achternbusch – Frau Haushofer – Zwei Bühnenarbeiter – Balljunge – Der Mann. Den Prolog spricht “Der Mann”, und zwar mit Albert-Ostermaier-Maske in einem leeren Stadion:

“An seinen Stücken zerschellen die Gehirne von Regisseuren und Intendanten und Dramaturgen und Kritikern, zerschellen und liegen herum in der Rollkragenpulloverwelt. Und jeder schneidet sich an den Scherben und flucht und winselt und blutet und verachtet sein Blut. Anstatt sich das Herz herauszureißen und es ins Drama zu schleudern, mit großer Gebärde, mutvoll und übermütig, auf dass es zu ihnen zurückrase und in ihnen einschlage wie ein lodernder Meteor, wickeln sie es in Butterbrotpapier und fächern sich allen Ernstes mit einem Fetzen Gehirn Luft zu und sind einer Meinung. (…) Von der Sehnsucht des Torwarts, das unhaltbare Leben mit beiden Händen fliegend zu umfassen und nie mehr loszulassen, nie mehr loszulassen – davon verstehen sie nichts auf den Rängen, sie applaudieren aus Gewohnheit und weil sie es können. Sie hängen ihm Preise um, weil sie es gern sehen, wenn er den Kopf vor ihnen beugt. (…)”

Und hier noch ein kleiner Szenen-Auszug aus Anis Dramolett:

LIBUDA

Ist das schwer: dichten?

OSTERMAIER

Es ist die Hölle.

BUDDHA

Immer diese katholischen Wahnvorstellungen.

LIBUDA

Lass ihn ausreden, Fettsack.

Buddha lächelt.

LIBUDA

Haben sie dich gezwungen, Dichter zu werden?

OSTERMAIER

Schreiben ist Notwehr, Schreiben ist der Strafraum, wenn dir einer zu nahe kommt, ziehst du die Notbremse. Und dann hältst du eigenhändig den Elfmeter. So läuft das.

HANSAMEYER

Bei mir hat er keinen einzigen Elfmeter gehalten. Er trinkt aus der Flasche.

OSTERMAIER

Weil mir die Stürmer egal waren. Ich ließ sie ins Leere laufen. Wenn der Schiri dann trotzdem pfiff, war er eine Pfeife, da blieb ich auf der Linie stehen und schrieb mein nächstes Stück. Die meisten Schiedsrichter sind blind, taub, dement und bestochen. Das wär eine Mannschaft für dich, Hansameyer, mit denen könntest du übers Kuckucksnest fliegen und sie mit deiner Taktik terrorisieren.

Herr Achternbusch tritt auf. Er trägt einen Zylinder und hat ein Messer in der Hand.

HERR ACHTERNBUSCH

Wer ist hier bestochen? Trau dich doch. Ich stech dich ab, du bist nicht der erste.

LIBUDA

Sie hab ich schon mal gesehen. Haben Sie nicht eine Talkshow bei Pro7?

HERR ACHTERNBUSCH

Sie brunzen ja aus dem Mund, Sie Depp.

LIBUDA

Ich glaub, ich habe Sie mit Arabella Kiesbauer verwechselt.

MASSEUSE

Is die oiwei no so schwarz?

OSTERMAIER

Herr Achternbusch hat schon mit Beckett Whiskey getrunken.

LIBUDA

Mit wem?

OSTERMAIER

Beckett.

LIBUDA

Mit wem hat der gespielt?

OSTERMAIER

Godot.

LIBUDA

Bordeaux?

OSTERMAIER

Godot.

HERR ACHTERNBUSCH

Wen muss ich jetzt erstechen?

OSTERMAIER

Mich.

HERR ACHTERNBUSCH

Sie sind doch ein bayerischer Dichter, Sie kann ich nicht abstechen, da geniere ich mich, ich würde lieber einen bayerischen Schauspieler abstechen.

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Bertolt Brecht war ja eher dem Boxsport zugeneigt. Aber Albert Ostermaier musste gar keine großen Haken schlagen, um in seiner Dankesrede den geschätzten B.B. mit dem Fußball  zusammen- und sogar noch DFB-Präsident Theo Zwanziger mit reinzubringen:

“Fußball ist wie Brecht, man weiß nie aus welcher Richtung der Ball kommt. Fußball ist politisch. Und das möchte ich hier einmal voller Bewunderung sagen: niemand weiß so aufrichtig, so mutig und entschieden, so geballten Herzens mit dem Fußball für das zu kämpfen, für das auch Brecht kämpfte, wie Theo Zwanziger. Sein Einsatz, seine Haltungsstärke gegen Diskriminierung und Rassismus, seine fordernden Freundlichkeit, das finde ich sehr brechtisch. Und er hätte es auch geschafft, dass sich Brecht für Fussball begeistert und uns in der Autorennationalmannschaft die Stammplätze streitig macht mit seinen Übersteigern und Traumpässen in die Tiefe des Raums.”

Überhaupt war das eine sehr schöne und sehr persönliche Dankesrede, in der Ostermaier den gebürtigen Augsburger Brecht als einen Dichter würdigte, der ihn von Anfang an fasziniert und ihn gelehrt habe, „das Leben zu lesen“:

“Brecht begeisterte mich von Anfang an, schon von der ersten Zeile an. Dieser junge Brecht, der sich als Marke inszenierte: der zu große Ledermantel, der geschorene Kopf, die lässige Beiläufigkeit, die provokanten Augen, die Verse wie präkordiale Faustschläge auf die Stillstandsseligkeit der Gesellschaft. Diese gespannten Sehnen kurz vor dem Sprung. Die Kälte aus den Gefrierkammern zwischen seinen Herzwänden. Der Sound seiner Zeilen, wie auf Stahlsaiten geschrieben, die Gitarre, die knurrige Stimme. Die schnellen Autos, die wechselnden Verträge, die Frauen und Lieben. Die Furchtlosigkeit vor dem Trivialen, der Hass auf das Bestehende und die Stehengebliebenen. Wenn man ihn so sieht und hört, den jungen Brecht, dann denkt man nicht, wie lange das her ist. Er liegt für mich weniger weit zurück als meine eigene Kindheit. Er ist jung geblieben und wird nicht älter, er bleibt Zeitgenosse. Man möchte ihn anrufen. (Er schriebe eine SMS zurück).

Brecht war von Anfang an Pop, ein Beatle vor den Beatles, ein Punk vor den Punks, ein Gangsterrapper vor allen Gangsterrappern, er hatte von Anfang an Streetcredibility und seine Hauspostille ist immer noch das beste Songbook, das es gibt. Unzählige junge Dichter haben und werden nach diesen Buch das Schreiben lernen und die Musikalität der Sprache. Und die Kraft, zu benennen und die Welt als veränderbar zu erfinden.”

Zuvor hatten im kalten, aber sehr prunkvollen Goldenen Rathaussaal, diesem Kulturdenkmal der Spätrenaissance, jene Schauspieler aus Gedichten von Brecht und Ostermaier vorgelesen, die trotz der Winterhindernisse nach Augsburg durchgekommen waren: Hannelore Elsner, Birgit Minichmayr und Axel Milberg. Minichmayr musste in Jeans auftreten, weil ihr Koffer mit dem kleinen Schwarzen nicht vom Flieger mitgeliefert wurde. Thomas Thieme hatte krankheitsbedingt ganz abgesagt. Aber es war ja die Grünen-Politikerin Claudia Roth da, die hat dann auch was mit vorgelesen. Ich bin leider mit meinem SZ-Kollegen Gerhard Matzig aufgrund von Stau und Schnee zu spät gekommen – und habe die ganze lyrische Vortragsrunde samt der Begrüßungsworte des Augsburger Oberbürgermeisters verpasst.

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall

Albert Ostermaier mit der Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall

Die Jury-Begründung habe ich aber mitbekommen. Darin hieß es, Albert Ostermaier sei ein Dichter sui generis, der in der kritischen Tradition Brechts stehe. Seine Werke seien “Kompositionen, in denen die Grenzen von Lyrik, Dramatik und Epik im doppelten Sinn aufgehoben” seien. Ostermaier  besteche durch „Inhalte, die das Gegenwärtige erfassen und transzendieren“ sowie durch eine „hochdifferenzierte formale Struktur“.  Der Jury gehörten u. a. die Literaturwissenschaftler Uwe Wittstock und Mathias Mayer, der Suhrkamp-Lektor Jürgen Drescher und die Brecht-Tochter Barbara Brecht-Schall an. Der Preis, der nur alle drei Jahre verliehen wird,  ist mit 15 000 Euro dotiert. Frühere Preisträger waren Franz Xaver Kroetz, Christoph Ransmayr, Robert Gernhardt, Urs Widmer und Dea Loher.

Mit der Vergabe dieses Preises an Albert Ostermaier schloss die Stadt Augsburg wieder jenen Leiter ihres Brecht-Festivals in die Arme, den sie 2008 abgeschossen hatte. Damals wollte der Augsburger Kulturreferent Ostermaier nach dreijähriger Tätigkeit partout nicht als Festivalchef verlängern. Jetzt wurde dem vormals Geschassten vom Oberbürgermeister bescheinigt, er habe mit seinem “ABC-Festival” das Brecht-Bild in der Stadt entkrampft:  „Durch ihn haben wir gelernt, den Stückeschreiber lebendig und zeitgemäß zu würdigen.“ Ostermaier, nun doch noch glücklicher Pokalsieger, bedankte sich herzlich und schien sich wirklich und aufrichtig zu freuen. Am Ende seiner Dankesrede sagte er:

Nichts ist so erfreulich und herzerfrischend wie eine unerwartete Freundlichkeit. ‘Und nimm dir sein Geld’, schreibt Brecht, ‘Du darfst es.’

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