06.11.10 | 00:26 | Geht gar nicht | Kommentare 1 Kommentar

Wider die Laubsauger!

Bei uns im Hof: Laub erlaubt - keiner saugt

Bei uns im Hof: Laub erlaubt, keiner saugt - und das taugt.

Weil doch Herr Kusz im vorangegangenen Blog-Eintrag so schön den goldenen Herbst be(kurz)dichtet hat: Ich liebe ja auch den Wechsel der Jahreszeiten – samt seinen natürlichen Niederschlägen, seien es Pollen, Blütenblätter, Schnee oder, wie jetzt allenthalben, das Herbstlaub, welches so safranfarben, satt und sanft die Straßen, Höfe und Wege bedeckt. Oh, goldene Oktobertage, von der Sonne mild beschienen!

Wie herrlich wäre das Säuseln, Knistern und Wispern der fallenden, gefallenen Blätter, gäbe es nicht überall diesen Laubsauger-Terror.Herbst-Laubsauger

Ganz und gar grässlich, diese Dinger! Ohrenbetäubend, nervenzerrüttend, kleintier- und umweltzerhäckselnd. Sie heißen Hurricane, Atika, Grizzly oder Ultra Blower, und bei manchen dieser Geräte beträgt die Geräuschentwicklung mehr als 110 Dezibel. Eine einzige Katastrophe! Kaum hat der eine Nachbar einen, machen´s ihm die umliegenden nach. Es ist eine regelrechte  Mode. Betrieben von Männern, das muss man auch mal sagen. Oder haben Sie schon mal eine Frau laubsaugen sehen?

Der ratternde Motor und der unsägliche Lärm, den er erzeugt, scheint dem Mann als solchen – warum auch immer – eine gewisse Befriedigung zu verschaffen, zumal die Dinger Waffen gleichen, wenn nicht Kanonenrohren, und von der Handhaltung her wirken sie wie die Verlängerung jenes Teils, mit dem der Mann ohnehin glaubt, die Welt beherrschen zu können …

Ich war am vergangenen Wochenende mit der “Nullachtneun”-Kolumne für den SZ-Lokalteil dran und hatte beschlossen, über den Herbst und seine lautstarke Laubaussaugung zu schreiben. Justament, als ich mich zuhause daran setzte – bevor ich zum Zug nach Köln musste (zur Jelinek-Premiere) – ging draußen, ich schwöre es, ein Höllenlärm los. Ich konnte es kaum fassen, aber es war tatsächlich: ein Mann mit Laubsauger im Nachbarhof (siehe Beweisfotos). Es war ein Wahnsinns-Krach, eine einzige Bestätigung meines Schreibvorhabens, aber leider war ans Schreiben nun nicht mehr zu denken, denn so eine Laubsaugerei zieht sich extrem lange hin, mit An und Aus und An und Aus und wieder An und Aus … es ist zum Davonlaufen. Ich habe die München-Kolumne dann im Zug geschrieben. Und will sie hier auch gar nicht vorenthalten:

Rrrrrooooooaaaaaaarrrrrr!!!!!!!!!

Rrrrrooooooaaaaaaarrrrrr!!!!!!!!!

Rilke, vom Laubsauger verschluckt

Wenn man aus hässlicheren Gefilden, sagen wir mal: Kassel, zurück nach München kommt, weiß man die Schönheit dieser Stadt wieder so richtig zu schätzen. Eine große Dankbarkeit kommt dann auf: hier leben zu dürfen. Gerade jetzt, in diesen goldenen Herbsttagen, wo die Berge sich in majestätischer Eleganz vor dem SZ-Hochhausfenster im 19. Stock abzeichnen, als lägen sie direkt vor der Stadt – gerade jetzt kann man schon mal einen München-Flash kriegen und braucht sich deshalb nicht gleich lokalpatriotischer Überheblichkeit oder gar voralpenländischer Arroganz zu schämen. Nirgends fällt das Licht milder,  italienischer auf das Ocker der Blätter, nirgendwo sonst betört so ein bayerisch-expressionistischer Farbenrausch die Sinne.

Man muss das genießen wie ein Gedicht von Rilke: dieses warme Leuchten vor dem langen Grau des Winters, das sanfte Säuseln des segelnden Laubes, das Rascheln des Blätterteppichs unter den Füßen – diese herbstliche Ruhe nach einem plärrenden Sommer der Bagger und der Bauarbeiten.

Ruhe? Rilke? Herbst-Gesäusel? Von wegen! Schon röhrt es wieder ohrenbetäubend aus dem Nachbarhof, wo einer dieser Vorgarten-Cowboys dem Blättermeer mit einem Laubsauger zu Leibe rückt, als ginge es gegen einen Kriegsfeind. Das Ding bläst mit der Dezibelstärke eines Presslufthammers, häckselt den Herbst kurz und klein und saugt alles ein, was da kreucht und fleucht. Im Gegenzug haut es Abgase raus. Laubsauger sind Terrorinstrumente der modernen Gartenunkultur, die keine Besen, Rechen und Harken mehr kennt; Folterwerkzeuge frustrierter Hausmeister und verhinderter Heckenschützen, die sich lautstark rächen statt mal zu rechen. Die umweltfeindlichen Krachmacher sind überall auf dem Vormarsch. Das Internet ist voll davon, es gibt sie im Angebot bei Obi und bei Otto. Manche rufen bei Agenturen an und lassen sie kommen, die Sauger, Häcksler und Bläser, diese poesielosen Herbstaustreiber.

Es gab mal eine Tatort-Folge, in der ein Hausmeister, der frühmorgens im Hof so ein Gerät in Gang gesetzt hatte, erschossen wurde. Andrea Sawatzki dachte erst, da sei ein Amokschütze am Werk, aber es war nur ein schwer genervter Mieter.

Herr: es ist Zeit. / Der Sommer war sehr groß / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren / und auf den Fluren / lass keine Bläser los.

06.10.10 | 15:31 | Dies & das | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Curtis, der Öko-Fascho

Richard Curtis ist so ziemlich der größte Drehbuchautor, den England zu bieten hat, er hat “Vier Hochzeiten und ein Todesfall” und “Notting Hill” geschrieben, und dann auch noch den nächsten Spielberg, der noch in Arbeit ist, “War Horse”. Wie der wird, weiß man ja nicht, aber dass Curtis nicht immer geschmackssicher ist, das sieht man an “Tatsächlich Liebe” , jenem Hugh-Grant-Film, den er nicht nur geschrieben, sondern auch ohne übergeordnete Instanz, inszeniert hat. Das Ergebnis ist an manchen Stellen der reine Kitsch. Aber man kann sich ja auf die unterschiedlichsten Arten geschmacklich verirren. Für die britische Öko-Kampagne 10 : 10 hat Richard Curtis einen Werbefilm gedreht, der am vergangenen Wochenende online gestellt wurde -- und dann, ein paar Stunden später, im Giftschrank landete. Curtis outet sich da als echter Öko-Faschist, für die Kampagne wurde etwas weniger blutrünstige Überzeugungsarbeit erwartet; “No Pressure” heißt das Ding, gemeint ist wohl das Gegenteil. Der Film wurde zurückgezogen, aber im Netz geht ja nichts verloren.

23.05.10 | 23:03 | Festivals | Geht gar nicht | Kritikerfrust | Kommentare 22 Kommentare

Zum Heidelberger Stückemarkt: Warum es so nicht geht

Heidelberg-Logo-neu

Ich war Jurorin beim Heidelberger Stückemarkt (29.04.-09.05.). Eine ehrenvolle Aufgabe? Mitnichten. Nur eine (nahezu) ehrenamtliche. Dass ich mich dazu habe überreden lassen, war ein Riesenfehler. Es war eigentlich nur unangenehm – angefangen bei der geschäftsmäßigen Hektik, mit der die Verantwortlichen von Programmpunkt zu Programmpunkt und (in sichtlicher Kniefälligkeit) zu den wichtigen Ehrengästen und Sponsoren hechelten und eine Atmosphäre von nüchterner, rast- und seelenloser Betriebsamkeit erzeugten, über die Auswahl der mediokren Stücke, die man da als Juror hätte schönreden und preismäßig adeln sollen – bis hin zu dem Nachspiel, den unsere sich diesem schnöden Routinemechanismus verweigernde Juryentscheidung jetzt auf einem Aasgeier-Forum wie nachtkritik.de hat, wo nicht etwa eine sachliche – und sachdienliche! – Debatte geführt wird, sondern anonyme User sich aufpumpen, die einen wüst beschimpfen und sogar als “Antisemitin” verleumden dürfen.

Zugegeben: Ich habe mit meinen beiden Ko-Juroren, dem Regisseur und Dramaturgen Erik Altorfer sowie dem Jungdramatiker Nis-Momme Stockmann (seines Zeichens Gewinner des Haupt- und des Publikumspreises des vorhergegangenen Heidelberger Stückemarktes), eine problematische, die beteiligten Autoren ebenso wie die Preisstifter, Honoratioren und last but definitely not least die Theaterleitung enttäuschende, wenn nicht düpierende Entscheidung getroffen: Wir haben nämlich mangels herausragender Qualität gar kein Stück als erstklassig oder “innovativ” herausgehoben, sondern stattdessen die stattliche Geldsumme der drei zu vergebenden Preise addiert und unter dem Titel “Förderpreis” auf alle neun nominierten Autoren – sechs deutsche, drei israelische Autoren – gleichbereichtigt verteilt. Was 2333 Euro für jeden machte und von dem Mäzen Manfred Lautenschläger bei der Preisverleihung aufgerundet wurde auf 2500 Euro für jeden der neun Nominierten. Unsere (nach einer fast neunstündigen Sitzung schnell und handschriftlich verfasste) Jurybegründung ist nachzulesen hier.

Dass diese Jury-Entscheidung kritisiert werden würde, war uns klar – wir haben sie uns alles andere als leicht gemacht, das sei nach 9-stündiger Intensivdiskussion versichert! Wir waren auch selber nicht glücklich damit und am Ende nachgerade zermürbt. Aber es war für uns als “unabhängige Jury” (als solche und nicht als Festivalmitbestreiter begriffen wir uns, und als solche waren wir auch im Programmheft annonciert), es war für uns als “unabhängige Jury” unter den Heidelberg-Zwinger-Außengegebenen Umständen die ehrlichste und angemessenste Entscheidung – auch der einzige Weg, zu einer Mehrheitsentscheidung zu finden, ohne dass (mindestens) einer abspringt oder wir zu dem Schluss kommen: Wir vergeben keinen Preis. Wir wollten aber einen Preis vergeben! Und, um es nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir haben einen Preis vergeben!

Wir haben ihn nur, im Sinne einer tatsächlichen Literaturförderung, umbenannt und umverteilt – statt aus einem strukturellen Zwang heraus drei “Sieger” zu benennen, auf dass diese hinterher auf dem Markt verbrennen. Nein, das schöne Preisgeld, mit dem der Heidelberger Stückemarkt sich nach außen hin so bedeutend macht, ist nicht verpufft! Jeder von den Autoren hat Geld bekommen, und jeder soll damit arbeiten! Das ist alles andere als zynisch gemeint. Wir wollten fördern! Geht das nur, wenn man Siegertreppchen aufstellt und einen Ersten, Zweiten, Dritten benennt? Wenn man einen Primus und vielleicht noch einen Zweiten kürt? Einfach, weil das Verfahren es so verlangt – auch wenn die Auswahl dem nicht entspricht? Hier der Scheck, Gratulation – und tschüß! Wem wäre damit gedient? Letztendlich doch nur dem Theater, das damit an seinem Profil feilt und vielleicht das nächste Mal noch ein paar Gelder mehr akquiriert und sich noch ein bisschen besser vermarktet. Mir ist dieser Mechanismus noch nie so klar und augenfällig geworden und so unangenehm aufgestoßen wie jetzt in Heidelberg, wo man ihn regelrecht am Werk und von alerten Betriebsnudeln betrieben sehen konnte. Dieses Gefühl als ein Unbehagen an der (speziell auch Heidelberger) Förderkultur zu bezeichnen, ist höflich ausgedrückt.

Wir haben da – gewiss nicht leichtfertig! – die Bremse eingelegt. Und wir hofften, wir könnten mit unserem aus dieser Notlage und aus diesem Unbehagen heraus geborenen Jury-Votum eine Diskussion anfachen – eine Diskussion über das heißlaufende Autoren(über)förderungssystem im Allgemeinen und über die doch recht offenkundig gewordenen strukturellen Schwächen des (ebenfalls heißlaufenden) Heidelberger Stückemarkts im Speziellen. Wir befanden uns plötzlich in einer Situation, die mir symptomatisch scheint für die Auswüchse des derzeitigen Förderbetriebs: Wir sollten im Namen einer Exzellenzförderung Geld verteilen, nur weil es da ist und im Modell “Stückemarkt” nach einer vorgeschriebenen Preis-Hierarchie vergeben werden muss – obwohl die Texte gar nicht toll waren und wir gar nicht wirklich dahinter stehen konnten. Jedenfalls entsprachen sie nicht unseren Kriterien von maßgeblicher, preis- und uraufführungswürdiger Qualität, zwei bis drei waren sogar – ich sage das als Kritikerin ganz unverblümt – unmöglich! Indiskutabel!

Ich weiß noch, wie ich bei der ersten Jurysitzung den Stückemarkt-Leiter Jan Linders fragte, wie es dieses und jenes Stück überhaupt in die Vorauswahl des Theaters schaffen konnte. Da (ver)zweifelt man ja an der Dramaturgie! Dabei gibt es durchaus gute Stücke, es gibt eine lebendige junge Dramatik, im Moment sogar mehr denn je – aber warum lagen diese Texte in Heidelberg nicht vor? Liegt das an der Vorauswahl des Theaters? Oder werden die wirklich heiß gehandelten, die brauch- und spielbaren Stücke von den Verlagen gar nicht erst in Heidelberg eingereicht? Etwa gar, weil der Preis mit einer Uraufführung an diesem Theater einhergeht, was – sorry, wenn ich hier mal deutlich ausspreche, was Betroffene einen flüstern -, nicht unbedingt eine Ehre ist für den betreffenden Autor? Es gibt da nämlich (nicht mal unbedingt nur größere) Theater mit besseren Bedingungen. Und auch mit einem wesentlich größeren Engagement in Sachen Autorenpflege und Nachhaltigkeit.

60 Texte waren nach Angaben von Jan Linders insgesamt zur Auswahl gestanden – davon hat das Heidelberger Theater die seines Erachtens “besten” ausgesucht und der Jury anheim gegeben: sechs deutsche und dazu noch drei israelische Texte (Israel war das Gastland). Wobei wir die israelischen Stücke überhaupt erst einen Tag vor der ersten Jurysitzung erhielten (bei mir fehlte sogar eines im Umschlag, das ich mir dann am nächsten Tag besorgte) – und zwar in ausgesprochen dürftigen, zum Teil fehlerhaft hingehudelten Übersetzungen, was Jan Linders selber entschuldigend einräumen musste.

Die Jury: vom Regen in die Traufe

Die Jury: vom Regen in die Traufe

Ich war in meinem Kritikerleben wahrlich schon oft Jurorin und habe vielen jungen Dramatikerinnen und Dramatikern zu Preisen, Geldern, Festivaleinladungen, Stipendien, Werkstattinszenierungen und/oder Uraufführungen verholfen. Das ist eine nicht immer erfreuliche, eher sogar undankbare Aufgabe – aber ich habe die Diskussion von Texten und die Förderung junger Autoren und Autorinnen stets als eine Aufgabe meines Berufes als Theaterkritikerin betrachtet. Und weiß Gott: Ich habe dafür schon sehr viel Energie und Lebenszeit investiert, Zeit fürs Stückelesen, fürs Auswerten, Beurteilen (es gibt hier bei mir ganze Notizbücher voll mit Stück-Exzerpten und -Bewertungen) und natürlich auch für all die vielen Jurysitzungen mit ihren langwierigen Diskussionen. Die sind nicht immer so lebendig, interessant und entspannt wie in Mülheim, wo ich mit Lust Mitglied im Auswahlgremium für das Stücke-Festival bin. Sondern die sind oft zäh, oft frustrierend.
Aber: Noch nie habe ich mich so schlecht (behandelt), so ausgenutzt und instrumentalisiert gefühlt wie bei diesem Heidelberger Stückemarkt unter dessen neuem künstlerischen Leiter Jan Linders und dem Intendanten Peter Spuhler (den der israelische Botschafter lustigerweise immer “Spüler” nannte).

Schmusekurs: Intendant Spuhler (links) mit Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts Tel Aviv

Schmusekurs: Intendant Spuhler (links) mit Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts Tel Aviv

Sei es, weil das Programm auszuufern drohte, so ausgebaut und vollgestopft bis in die späte Nacht hinein, wie sie es hatten  (mit einem “Festival im Festival” und tausend Sachen); sei es wegen der Umbaumaßnahmen am eigentlichen Schauspielhaus und der damit verbundenen Vertriebenheit und mangelnden Festivalstimmung – oder weil sie ganz einfach vor lauter Wald die Bäume und vor lauter Theaterprofilierungssucht das Eigentliche nicht mehr sahen: Sie vermittelten jedenfalls den unguten Eindruck, dass es hier hauptsächlich nur um den Betrieb, um die “Marke” Stückemarkt, weniger um die Sache (die Förderung junger Autoren) und schon gar nicht wirklich um gute Texte ging – welche übrigens, auch das möchte ich hier mal sagen, beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens wesentlich sorgfältiger betreut und viel liebevoller und professioneller (mit deutlich besseren Schauspielern) in szenischen Lesungen vorgestellt werden. Und auch atmosphärisch gibt es da einen himmelweiten Unterschied …

Von einem renommierten Autorenfestival wie dem Heidelberger Stückemarkt hatte ich mir jedenfalls mehr erwartet, sowohl inhaltlich als auch organisatorisch, stimmungs- wie umgangsmäßig, von der Qualität der ausgewählten Texte mal ganz zu schweigen. Laue Stück-Konstrukte zu lesen und sich vorzustellen, sie womöglich tatsächlich im Theater sehen zu müssen, kann einen ziemlich runterziehen. Aber nicht nur deshalb habe ich mich als Jurorin – und Kritikerin – so mies gefühlt. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass man hier einfach nur “funktionieren” und Dienst nach Vorschrift leisten soll. Dass sie hier nur Deinen Namen – in meinem Fall: verbunden mit dem Label “Süddeutsche Zeitung” – wollen, den sie am Ende samt einer möglichst wohlfeilen, prägnant formulierten Jury-Würdigung unter irgendein (sei es auch noch so halbgares) Stück setzen können, wie ein Qualitätsiegel: “Empfohlen und gewürdigt von …” – um damit den Betrieb am Laufen halten und die nächste – pardon – Sau durchs Dorf, sprich: über den (Stücke-)Markt auf die Bühne treiben zu können. Denn, so war mein Eindruck: Um nichts anderes geht es hier. Produziere einen neuen Nachwuchsdramatiker, just another playwright … begnüge dich mit dem Material, das da ist, stelle keine Ansprüche und nichts in Frage, gib deinen Stempel – und wehe, du hältst an oder gehst zurück auf Los!

Die Autoren, sowohl die deutschen wie auch die israelischen, haben sich in einer öffentlichen Erklärung zu Wort gemeldet und sich gegen unser Jury-Votum verwahrt. Das ist ihr gutes Recht, und ich kann verstehen, dass sie angepisst sind. Wer will sich schon gerne als “mittelmäßiger Jahrgang” ohne herausragendes Supertalent abqualifizieren lassen – wo doch anscheinend jeder einzelne von ihnen denkt, er selbst sei genau dieses Supertalent und hätte den Hauptpokal verdient. Wäre alles betriebsgemäß verlaufen, hätte es höchstens drei von der Jury gekürte Sieger gegeben:

Hauptpreis: 10 000 Euro; Innovationspreis (sic!): 6000 Euro; Europäischer Preis: 5000 Euro. (Dazu kommt dann noch der Publikumspreis: 2500 Euro.)

Alle anderen wären leer ausgegangen. Nach unserer Entscheidung, das Preisgeld zu addieren und allen Kandidaten zu gleichen Teilen als “Fördergeld” zukommen zu lassen (und ich sehe das ganz konkret in dem Sinne: Setzt euch bitte alle noch mal an Eure Texte ran und gebt ihnen – je nachdem – eine Seele/ eine Sprache /ein Leben/ ein Thema/ eine Haltung zur Welt, ein bisschen mehr Fleisch/ Poesie/Humor bzw. schreibt sie überhaupt erst mal fertig), nach dieser Entscheidung also erhielt jeder einzelne letzten Endes 2500 Euro. Statt gar nichts!  Sehe nicht, warum damit der Fördergedanke des Festivals nicht erfüllt sein sollte. Das wäre nur der Fall gewesen, wenn wir hingeschmissen bzw. überhaupt keinen Preis vergeben hätten. Was wollen diese Autoren? Nur schnellen Ruhm, Kohle, Ehre? Eindeutige Sieger-Verlierer-Kategorien? Hopp oder Topp? Oder tatsächlich an ihren Stücken arbeiten, gute, bleibende Texte schreiben, sich auseinandersetzen mit Kritik, sich hinterfragen, verbessern?

Die deutschen Autoren schreiben in ihrer Stellungnahme: “Der Sinn einer Nachwuchsförderung besteht in unseren Augen nicht darin, pauschale Qualitätsurteile zu fällen, sondern an den eingereichten Texten Besonderheiten, Chancen und Stärken aufzuspüren, auch über etwaige Bedenken an anderen Punkten hinweg – um Entwicklung durch Zuspruch, fundierte Kritik und interessierte Auseinandersetzung zu gewährleisten.”

Jan Linders, künstlerischer Leiter des Heidelberger Stückemarkts

Jan Linders, künstlerischer Leiter des Heidelberger Stückemarkts

Ich möchte dazu nur so viel sagen: So intensiv und engagiert, wie wir Juroren all diese neun Stücke gelesen und diskutiert haben und auf jedes einzelne eingegangen sind – unter genauer Betrachtung von Inhalt, Form, Sprache, Aufbau, Anliegen -, ist es ein sehr schlechter Scherz, uns “pauschale Qualitätsurteile” vorzuwerfen und uns zu unterstellen, wir hätten nichts entdecken wollen. Meine Güte! Es möge sich bitte jeder der gekränkten und sich verkannt fühlenden Nachwuchsautoren beim Stückemarkt-Leiter Jan Linders erkundigen, der – aus welchen Gründen auch immer – bei beiden Jurysitzungen die ganze Zeit über dabeisaß und nicht wird leugnen können, mit welchem Eifer und welcher Genauigkeit wir gelesen und argumentiert haben. Wie sehr wir gerungen – und wie sehr wir auch gelitten haben. Ich befürchte allerdings, nicht jeder Autor würde die eingehende Analyse seines Stückes auch wirklich hören wollen …

Eher ist das Gegenteil der Fall: Vielleicht haben wir uns einfach zu intensiv, zu ausführlich, ernsthaft und detailliert mit diesen Anfängertexten auseinandergesetzt – das war es, was wir mit dem Satz “woran auch immer es lag  … vielleicht an einer schlechten Jury” ausdrücken wollten: dass wir vielleicht einfach zu kritisch waren und nicht gewillt, unsere Ansprüche an einen Theatertext so weit herunterzuschrauben, dass man ihn aus bloßer Festivalpolitik – und weil man das nun mal von uns erwartet – als etwas ganz Besonderes auf ein Podium hebt. Wir hätten es uns, weiß Gott, sehr viel leichter machen und den Weg des geringsten Widerstandes gehen können … Und das wird ja offenbar auch von der Jury erwartet: Stempel drauf! Augen zu und durch!

Die Autoren schreiben in ihrer Stellungnahme: “Eine inhaltliche Begründung wenigstens für den Nichtentscheid blieb – selbst auf Nachfrage – aus.” Wie bitte? Wie kommen die Autoren zu einer solchen Unterstellung? Welche Nachfrage denn?! Kein einziger Autor kam auf mich oder meine beiden Ko-Juroren zu, keiner beschimpfte, keiner befragte uns. Es gab nach der Preisverleihung überhaupt keine Diskussion! Zwar waren im Hof des Theaterkinos Tische und Bänke aufgestellt und Sekt verteilt worden, und ich dachte auch, jetzt würde man noch mit Leuten reden – aber nein, das leerte sich, wie immer bei diesem Festival, ganz schnell; drüben im Zwinger ging ja auch schon wieder das Programm weiter.

Intendant Spuhler verkündet die Entscheidung

Intendant Spuhler verkündet die Entscheidung

Noch was zu Peter Spuhler, dem Heidelberger Intendanten. Ich habe mich lange zurückgehalten, aber seine Doppelzüngigkeit geht mir nun doch zu weit. Da raunt er einem kurz vor Verkündung der Jury-Entscheidung bei einem konzilianten Händedruck zu, er könne das verstehen und das Votum werde sicherlich eine interessante Diskussion auslösen, und zu Nis-Momme Stockmann sagte er explizit, er finde unsere Entscheidung mutig und richtig. Um sich dann eine Woche später im Mannheimer Morgen (17.5.) folgendermaßen zu äußern:

“Dass die Jury nicht reflektiert hat, was sie den Autoren antut, verwundert mich zutiefst. Es wäre sicher ehrlicher oder besser gewesen, nicht in eine Jury zu gehen, wenn man Preise für die falsche Form der Förderung hält.”

Ähm, wie bitte?

Und auf nachtkritik.de äußert ein User namens “spuhler heidelberg”, bei dem es sich womöglich um den echten Spuhler handelt (auf diesem anonymen Forum weiß man das ja nie): “Die Jury muss frei sein in ihrer Entscheidung – davon bin ich überzeugt, selbst wenn ich die Entscheidung der Jury nicht verstehe und nicht teile. Für mich ist es zum einen unwahrscheinlich, dass neun Stücke alle gleich gut/schlecht sind – und ich finde konkret auch nicht, dass das der Fall ist. Ich halte es darüber hinaus für kein richtiges Mittel, eine Autoren-Förderdiskussion (die wichtig ist) auf diesem Wege anzustoßen.”

Tja, da wundert man sich schon sehr …

Übrigens sind natürlich nicht alle neun Stücke gleich gut/schlecht. Aber auch wenn einige deutlich schlechter sind als andere (drei der deutschen Texte hatten alle drei Juroren völlig unanbhängig voneinander gleich zu Beginn schon mal für sich ausgeschlossen, die gingen einfach gar nicht – wir haben sie dann trotzdem noch ewig diskutiert), so heißt das ja noch lange nicht, dass die besseren sehr gut sind.

Alle, die sich jetzt so wahnsinnig über dieses Jury-Votum ereifern und sich für die vermeintlich von uns geprellten und so ungerecht behandelten Autoren in die Bresche werfen, ohne je ein inhaltliches Argument anzuführen, fordere ich auf, die Stücke zu lesen! Einfach mal die Stücke zu lesen! Wer sich dann stark macht für diesen oder jenen Text, dessen spezifische Qualität wir als Jury komplett verkannt haben, nämlich aus diesen und jenen Gründen – den nehme ich ernst.

"Unter jedem Dach (ein ach)" von Eva Rottmann erhielt den Publikumspreis

"Unter jedem Dach (ein ach)" von Eva Rottmann erhielt den Publikumspreis

Was mir in Heidelberg unter den gegebenen Umständen klar geworden ist: Ich möchte nicht als Jurorin an der Verbreitung eines Theaters mitwirken, das ich als Zuschauerin gar nicht sehen will und als Kritikerin verreißen würde, verreißen müsste! Und darauf liefe das ja hinaus, wenn man sich verbiegt und Stücke als hervorragend prämiert, die es gar nicht sind, die einem nichts zu sagen haben und eigentlich nur den Uraufführungsbetrieb bedienen sollen. Versehen mit dem Siegel “Preisträger des Heidelberger Stückemarktes” und den zwangsbelobigenden Jury-Worten geht dieses Stück dann in die Verlage und Dramaturgien und von dort, weil es nun ja ein Preisträger-Stück ist, sehr schnell (und meist unhinterfragt) auf eine Studiobühne, inszeniert von einem mehr oder weniger inspirierten Jungregisseur, und weil es eine UA ist, kriegt man eine Kritik, um die nämlich geht´s – und das war es dann. Meistens jedenfalls. So ein Stück wird dann in der Regel ein paar Mal aufgeführt und nie mehr nachgespielt und verschwindet im Massengrab der jungen deutschen Mittelmaßdramatik. Was aber niemanden weiter interessiert, denn hier kommt schon der nächste Preisträger aus der jüngsten Autorenwerkstatt. The show must go on.

Es ist übrigens nicht so – und kann realistischerweise auch gar nicht so sein -, dass ständig neue Topautoren nachkommen. Auch wenn es für die Beteiligten hart klingt: Ein Autor/ eine Autorin von der Qualität eines Philipp Löhle oder Nis-Momme Stockmann war beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt schlicht nicht dabei. Da gibt es einfach einen Riesen-Gap! Wenn ein Stück gut ist, merkt man das übrigens sofort. Als ich mein erstes Stück von Philipp Löhle, Dirk Laucke oder Ewald Palmetshofer gelesen habe, war da sofort dieses “Oho!”. Das packt einen, da springt einen gleich etwas an und zieht einen hinein in den Text – in eine Geschichte womöglich sogar, in eine Welt: sei es ein Ton, die Sprache, der Rhythmus, der Humor, so ein Gefühl von Authentizität oder, wie schön!, eine unverkennbare Liebe zu den Figuren wie zum Beispiel bei Nis-Momme Stockmann, der meines Erachtens tatsächlich ein Ausnahmetalent ist.

Und weil ich nun bei Nis-Momme Stockmann bin: Ich hab zwar keine Ahnung, was ihn geritten hat, im Rahmen des Mülheimer Stücke-Festivals seitenlang über die “Bewertungsmacht der Kritik” herzuziehen und den Kritikern mangelnde Liebe, Neugier und Lust vorzuwerfen – ausgerechnet er, der von den Kritikern bisher doch nichts als Liebe, Neugier und Lust erfahren hat und als absoluter Frischling mit seinem Stück “Kein Schiff wird kommen” sofort nach Mülheim, dem wichtigsten Festival für deutsche Dramatik, eingeladen wurde – mit den entsprechenden Würdigungen seines dramatischen Talents. Aber sei´s drum: Ich schätze Nis-Momme Stockmann nicht nur als einen bemerkenswerten Jungdramatiker mit einem feinen Gespür für Themen und einem außerordentlichen Sprachgefühl; ich habe ihn in Heidelberg auch als einen sehr ernsthaften, bedachtsamen, klugen, eloquenten und sympathischen Menschen kennen gelernt. Einer, der sehr seriös und mit großer analytischer Genauigkeit über Texte, Sprache, Figurenzeichnung und nicht über Autoren/Kollegen geredet hat. Wenn er jetzt von anonymen Internet-Nutzern als “Kollegenschwein” gedisst wird, ist das derart böswillig, dass ich nicht umhin komme, das auf Neid zurückzuführen. Auf einen riesigen, bösen, giftigen Neid, der in dieser Autorenszene gärt und jetzt aufs Widerwärtigste und Hasserfüllteste hochkocht.

Stockmann

Stockmann

Dass Nis-Momme Stockmann als zweifacher Vorjahres-Sieger des Heidelberger Stückemarkts Mitglied in der Jury war, ist sicherlich suboptimal und anfechtbar – aber dafür kann er nun wirklich nichts. Genauso wenig wie dafür, dass man sein Gesicht zu Werbezwecken auf Plakate gedruckt und damit die Stadt zuplakatiert hat. Das, liebe Leute, ist der Heidelberger Stückemarkt! Der Autorenpreisträger wird im folgenden Jahr automatisch zum Juror – das ist kompletter Schwachsinn, aber so ist es nun mal. Bin gespannt, wie die Heidelberger das nächstes Jahr regeln werden, wo doch jetzt gewissermaßen alle “Sieger” sind. Wäre ja mal was: Neun Autoren suchen einen würdigen Preisträger. Oder zumindest die sechs deutschen. Die israelischen Dramatiker fallen ohnehin aus der Reihe – die Bewertung ihrer Texte war im Rahmen des Heidelberger Gesamttableaus schwierig. Ich kenne das israelische Theater einigermaßen gut. Die drei Stücke wurden von Avishai Milstein, dem Israel-Scout des Festivals, sehr gut ausgewählt, keine Frage. Die typisch israelische Familiengeschichte “Immobilien” von Roni Kuban wird in Israel sicher ein Erfolg, sowohl von der Thematik her als auch von der melancholisch-sentimentalen, filmisch-epischen Erzählweise. Und die beiden anderen Texte, das (leider komplett undramatische) Armee-Stück “Berg” von Yaron Edelstein und das putzig-kokette, minimalistische Pärchen-wechsel-dich-Spiel “Hinter mir geht das Licht auf” von Oded Liphshitz, sind für israelische Verhältnisse tatsächlich etwas Neues, Besonderes, wenn nicht gar innovativ. Sie wagen, sie probieren was. Aber in dieser Formulierung “für israelische Verhältnisse” liegt auch schon das Problem …

Labiles Mobile: Der Israel-Keks bildete das Motto des Stückemarkts

Labiles Mobile: Der Israel-Keks bildete das Motto des Stückemarkts

Angenommen, wir hätten, wie ich während der Sitzung mal vorschlug, “Hinter mir geht das Licht auf” mit dem Innovationspreis ausgezeichnet … das hieße, wie mir in der Diskussion dann schnell klar wurde, eine absolut anmaßende, arrogante, ja paternalistische Haltung einzunehmen: Denn wir würden das Stück, dessen Autor im Publikumsgespräch selber bekannte, dass es von Roland Schimmelpfennig inspiriert sei, nur vor dem Hintergrund der israelischen Theaterästhetik als “innovativ”, oder sagen wir mal: als experimentell und strukturell originell einstufen – in Deutschland aber, da braucht man sich nichts vorzumachen, ist der Text eine “Arabische Nacht” für Arme.

Diskussionen dieser Art gab es manche. Schwierige Diskussionen. Sollte es einen Israel-Bonus geben? Eine Gastland-Milde? Oder hätten wir uns die Entscheidung bei den israelischen Stücken deshalb besonders leicht machen sollen, weil die am Ende sowieso keiner liest, geschweige denn hier spielt? Nach dem Motto: Kräht eh kein Hahn danach – Hauptsache, der “Europäische Preis” wird vergeben und das internationale Renomee des Heidelberger Stückmarkts gefördert?! Was wäre das für eine Haltung? Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es ist und bleibt kompliziert.

Als schließlich klar war, dass wir uns auf keinen deutschsprachigen Haupt- und “Innovations”-Preisträger würden einigen können, auch nicht auf die Lösung  “Drei plus eins” (drei deutsche Autoren teilen sich das Preisgeld für Haupt- und Innovationspreis, und den Europäischen Preis vergeben wir einfach wunschgemäß an einen Israeli), als es also auf gar kein deutsches Stück hinauslief – da hätte dann einer der israelischen Texte schon sehr besonders und überragend sein müssen, um quasi als “das Stück” des Heidelberger Stückemarkts dazustehen und damit als einziges namentlich herausgehoben und zur Uraufführung empfohlen zu werden. So ein Alleinstellungsmerkmal war bei den israelischen Texten nun aber auch wieder nicht auszumachen, und die Übersetzungen ließen, wie gesagt, doch schwer zu wünschen übrig. Wer hätte da die Spracharbeit adäquat würdigen können?

So dass wir am Ende alle gleich behandelt haben. Mit dem ehrlichen Wunsch, mal diese Fördermechanismen zu überdenken. Ich meine, bitteschön: alleine einen Nachwuchspreis als “Innovationspreis” auszuloben …!?

Heidelberg - vom Theater entlarvt als eine schöne Kulisse

Heidelberg - vom Theater entlarvt als eine schöne Kulisse

Der Heidelberger Stückemarkt hat – aus für mich inzwischen hinterfragbaren und nicht ganz nachvollziehbaren Gründen – einen guten Ruf. Aber den hat er auch zu verlieren, und daran sind gewiss nicht wir “falschen” Juroren schuld.

Im übrigen rate ich den Heidelberger Stückemarkt-Betreibern, sich mal bei umsichtigeren Autoren-Förderern wie zum Beispiel den Mülheimern ein paar Anregungen zu holen – für interessante, tiefgehende (und moderierte!) Publikumsgespräche ebenso wie zum Beispiel für die Organisation von Jurysitzungen. Dass man solche Sitzungen zum Beispiel grundsätzlich nicht in öffentlichen Cafés oder Gasthäusern abhalten sollte! Und Ruhe dafür nicht schlecht wäre. All so was … Wenn ich daran denke, in welch einer schrecklichen, dunklen, miefigen, unglaublich lauten, zum Gang hin offenen Box in einem alteingesessenen Touristen-Gasthaus, direkt neben dem Kücheneingang, an einem Sonntagmorgen unsere letzte Jurysitzung begann – dann krieg ich jetzt noch jenen Anfall, den ich dort nach ungefähr drei Stunden bekam. Und der immerhin dazu führte, dass wir das Lokal gewechselt haben. Und dann im Regen herumirrten auf der Suche nach einem sonntags nicht geschlossenen Restaurant in der Heidelberger Altstadt, in dem zufällig auch noch ein Tisch für vier Personen frei ist. Man fasst es nicht!

So, nun hab ich mich erklärt und geleert und möchte meine Ruhe haben. Seit dem Stückemarkt bin ich krank, habe so ein permanentes Rauschen und Stechen im rechten Ohr. Geht einfach nicht weg. Der Arzt diagnostizierte: Paukenerguss. Ich befürchte aber fast, es ist das Fiepen der deutschen Jungdramatik.

Zum Schluss noch die Nachricht einer Jungregisseurin, die mich gebeten hat, diese ihre Mail in meinen Blogeintrag aufzunehmen – es gibt nämlich auch solche Stimmen:

“Ich finde das Vorgehen der Jury beim Stückemarkt in Heidelberg klasse!!!
Endlich ist mal sowas passiert!
Ich kann nur aus der Sicht einer Anfängerregisseurin sprechen, der quasi ausschließlich schlechte, NEUE Stücke angeboten werden, die man ablehnen MUSS. Argumente der Dramaturgen sind nämlich immer: “Hat Preis XY gewonnen, bzw. war nominiert, blablabla.” Ich kann das nicht mehr hören.
Dankeschön!”

21.05.10 | 13:36 | Festivals | Geht gar nicht | Kritikerin unterwegs | Kommentare 0 Kommentare

Cannes (1): Schöner Foltern

Ken Loach, der in Cannes schon einmal eine Goldene Palme gewonnen hat, ist mit seinem Film “Route Irish” in den Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals nachgerückt – gerade noch rechtzeitig fertig geworden, allerdings dann doch so spät, dass er in keinem Programmheft auftauchte. Es geht um einen britischen Söldner, der im Irak für einen Sicherheitsdienst gearbeitet hat und aufklären will, wie sein alter Freund, den er auch zu diesem Job überredet hat, dort umgekommen ist. Dabei bedient er sich dessen, was er gelernt hat – wenn einer nicht von allein sagt, was er weiß, muss man halt mit Gewalt nachhelfen. Ken Loach ist ein aufrechter Mann, und mal abgesehen davon, dass er dann im Film schon klarstellt, dass man mit Folter zwar Informationen bekommt, aber nicht notwendigerweise die richtigen, hatte er offensichtlich wenig Freude daran, eine solche Szene zu drehen. Waterboarding bei Loach sieht so aus: Der Gefangene bekommt einen Waschlappen übers Gesicht, und dann gießt man eine Tasse Wasser drüber.
Sowas gibt´s nur im Kino – der Gefangene, selbst Ex-Soldat und ein Riesenpaket von etwa zwei Metern Höhe und zwei Metern Breite, gibt schon nach der ersten Tasse auf und packt aus.
Nun ist es ja ganz rührend, wenn ein Filmemacher Berührungsängste mit Folterszenen hat, aber …
Nach der Vorführung, im Kino nebenan, kurz vor dem nächsten Wettbewerbsfilm, unterhielten sich zwei amerikanische Kollegen. Dieses Waterboarding, sagte der eine, ist doch wohl aber wirklich nicht so schlimm, sagte der eine. Der andere hatte immerhin Zweifel und sagte: Ich glaube, so wird das in Wirklichkeit auch nicht gemacht.
Fazit: Wenn man keine Folterszenen drehen möchte – dann sollte man es auch nicht tun.

17.03.10 | 17:02 | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Du siehst da was, was ich nicht seh

Wahrnehmungsverschiebung I:

Conan O´Brien, der geschasste Tonight-Show-Talkmaster, der seinen Sessel für seinen eigenen Vorgänger Jay Leno räumen musste, geht nun nicht mehr auf Sendung, dafür aber auf Tour. Dreißig amerikanische Städte will er mit seiner “Legally Prohibited From Being Funny on Television Tour” heimsuchen. Ins Fernsehen darf er nämlich bis September nicht mehr, das hat ihm sein Ex-Sender untersagt – im Rahmen einer vertraglichen Vereinbarung, welche nicht nur die Fernsehabstinenz regelte, sondern auch im Gegenzug O´Brien das runde Sümmchen von 32 Millionen Dollar (ja, zweiunddreißig) zusicherte. Acht Monate nicht arbeiten für 32 Millionen Dollar – eine echte Zumutung, findet O´Brien, da fühlt er sich echt gemaßregelt.
Wenn das keine leicht verdrehte Wahrnehmung ist…dann ist vielleicht das eine:

Wahrnehmungsverschiebung II:

Der Spiegel berichtet in dieser Woche bierernst, der National Enquirer, ein Käseblatt, wie es die deutsche Presse gar nicht zu bieten hat, sei im Gespräch für einen Pulitzer Preis. Der National Enquirer, die letzte amerikanische Institution, bei der man sich noch Gehör verschaffen kann ohne einen Aufenthalt in einer Gummizelle zu riskieren, wenn man grüne Männchen und fliegende Untertassen sieht, hat nämlich eine ganz grandiose Geschichte enthüllt – John Edwards, 2004 Kandidat als US-Vizepräsident und zuletzt Präsidentschaftskandidatenanwärter, hat eine Geliebte und ein unehehliches Kind, und das, obwohl seine kranke Gattin in Amerika ausgesprochen populär war; und dann hat er, drauf angesprochen, auch noch gelogen. Jetzt finden einige seiner US-Kollegen – man kann die Details in der New York Times nachlesen -, dafür habe der Enquirer doch echt endlich einen Preis verdient, und manche sind nicht so begeistert, weil der National Enquirer für Informationen zahlt, auch für Teile der Edwards-Recherche, wenn auch nicht für den eingereichten Enthüllungsartikel.
Wäre es nicht eigenartig, sollte es im Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise im bis zur Hüfte in den Irakkrieg verstrickten Amerika wirklich keine wichtigere Lüge zu enttarnen geben als die, dass ein Mann, der sowieso nicht Präsident geworden ist, eine Geliebte hatte?

03.02.10 | 18:00 | Geht gar nicht | Kino | Kritikerfrust | Kommentare 0 Kommentare

Aus der virtuellen Schreckenskammer

Ist das

wirklich schlimmer als das?

Roberto Benigni als hysterisch quasselnder Pinocchio -- das ist wirklich grauenhaft, und steht nicht mal auf der Liste: Das britische Filmmagazin Empire hat über die fünzfig schlechtesten Filme aller Zeiten abstimmen lassen, “The 50 worst movies ever made”. Und es ist natürlich irgendwie klar, was dabei herauskommt: Über Geschmack lässt sich nicht streiten, oder doch wenigstens nur unter Alkoholeinfluss. Dass Paul Verhoevens “Showgirls” (Platz 48) da hineinfindet, ist keine Überraschung -- man braucht schon ein großes Herz für Trash, um den zu mögen. Jaja, “Gigli” (Platz 19) und das unvergessliche Madonna-Guy-Ritchie-Debakel “Swept Away” (Platz 20), was natürlich in Wirklichkeit ein Dokument reiner, wenn auch endlicher Liebe ist -- Madonna hätte jeden Clip-Regisseur, der sie so alt aussehen lässt, enthaupten lassen. Aber wer “Batman und Robin” (Platz 1) -- das ist der fürchterliche Clooney-Batman mit den schlechten Psycho-Einlagen -- für den schlechtesten Film aller Zeiten hält, war einfach nicht oft genug im Kino.
Und “Heaven´s Gate” (Platz 6) hat auf einer solchen Liste einfach nichts verloren. Hier das ganze Ding.

27.01.10 | 17:35 | Fernsehkultur | Geht gar nicht | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Der Coco-Krieg: Leno vs. O´Brien

Zu den größten Merkwürdigkeiten des jungen Jahres 2010 gehört der Kampf des amerikanischen Fernsehgottes Jay Leno mit seinem Nachfolger Conan O´Brien. Kurz zusammengefasst: Nach mehrjährigen vertraglich abgesicherten Vorlauf hat O´Brien im Juni 2009 die “Tonight Show” übernommen, jene legendäre Talkshow, die angeblich Harald Schmidt inspiriert hat. Jay Leno bekam eine andere Sendung, und weil das alles insgesamt quotentechnisch suboptimal lief, ging es nach Weihnachten zur Sache und der Sender machte kurzen, aber lautstarken Prozess: Jay Leno ist wieder Jay Leno, und Conan O´Brien ist Geschichte, alles vollzogen unter reger medialer Anteilnahme und Boykottaufrufen (gegen Leno, die Coco-Fans sind irgendwie brachial). Wer die Details wissen will: Die Geschichte hat es inzwsichen zu einem eigenen Wikipedia gebracht – “2010 Tonight Show host and timeslot conflict”.
Ach, sind wir doch ein friedlich Fernsehvolk!! Vielleicht liegt es auch bloß daran, dass im deutschen Fernsehen keiner arbeitet, der solche Leidenschaften entfesselt, dass es eine echte Schlammschlacht gibt wegen einer….Fernsehsendung. Siehe hier.

19.01.10 | 14:51 | Geht gar nicht | Kino | Kommentare 5 Kommentare

Mann trägt wieder Bart

Glückwunsch übrigens noch an Christoph Waltz! Dass der österreichische Schauspieler für seine SS-Rolle in Quentin Tarantinos “Inglourious Basterds” einen Golden Globe als bester Nebendarsteller bekam, ist natürlich eine feine Sache. Er hat sich bei der Preisverleihung ja auch gefreut wie ein Schneekönig und seine Dankesworte in bestem Englisch platziert. Aber – hilfe! – wie sah er denn dabei aus?! Woher plötzlich dieses Stoppelkinn?

Foto: afp

Waltz bei den Golden Globe Awards Foto: afp

Okay, es kann zwar sein, dass dieses Gesichtsgestrüpp keiner Geschmacksverirrung, sondern Waltz´ nächster Rolle geschuldet ist: In David Cronenbergs Verfilmung von Christopher Hamptons Theaterstück “The Talking Cure” wird er als Sigmund Freud vor der Kamera stehen. Aber grundsätzlich ist Waltz´ Kinnbehaarung ja wohl der augenfälligste Beweis dafür, dass sich der Schauspieler bereits bestens in Hollywood akklimatisiert hat. Das Role Model, dem er ganz offensichtlich nacheifert, ist kein Geringerer als George “Stachelbart” Clooney:

Clooney bei den Golden Globe Awards   Foto: AP

Clooney bei den Golden Globe Awards Foto: AP

Ohnehin war es die Siegernacht der graumelierten Stoppelträger. Auch Jeff Bridges, ausgezeichnet als bester männlicher Bartträger Hauptdarsteller für seine Rolle in “Crazy Heart”, konnte mit einem stattlichen – im Vergleich mit den anderen ziemlich stylishen – Exemplar aufwarten:

Jeff Bridges bei den Golden Globe Awards  Foto: AP

Jeff Bridges bei den Golden Globe Awards Foto: afp

All diese Barttrachten sind natürlich nur ein Gestoppel gegen den nachgerade göttlichen Rauschebart von Preisträger Michael Haneke (“Das weiße Band”), auch er ein Ösi wie Waltz – inzwischen fast schon mit der Anmutung eines alpenländischen Öhis:

Michael Haneke bei den Golden Globe Awards  Foto: afp

Michael Haneke bei den Golden Globe Awards Foto: afp

Und in Deutschland? Da versucht Harald Schmidt ja schon seit längerem, den Trend durchzusetzen. Bislang, gottlob, ohne größeren Erfolg. Woran´s wohl liegen mag?

Auch Harald Schmidt progagiert das Stoppelkinn.   Foto: ddp

Auch Harald Schmidt progagiert das Stoppelkinn. Foto: ddp

Ausgerecht Harald Schmidt war es, der 2005 in seiner “Focus”-Kolumne mit der Forderung “Bart ab!” gegen den damaligen Superstar der SPD Matthias Platzeck zu Felde zog: “Das mehrfach melierte Kurzgestrüpp in der unteren Gesichtshälfte von Matthias Platzeck geht gar nicht!”, schrieb Schmidt und schlug vor, Steinbrück solle da mal “mit dem Rasenmäher drübergehen”.

Schmidt weiter, in aller satirischen Glätte: “Wer Deutschland in die Zukunft führen will, sollte optisch unterscheidbar sein von einem Lyriker aus dem Kosovo, den die politischen Verhältnisse zum Gewerkschaftsidol gemacht haben. Ist wichtig, ehrlich, in unserer Mediengesellschaft.” Ja ja … aber was kümmert einen Spaßbartisanen schon seine Rasur von gestern.

16.12.09 | 18:52 | Geht gar nicht | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Von Frauen für Frauen?

Die Filmkritikerin der New York Times, Manohla Dargis, hat in einem Artikel das Thema Frauen in Hollywood sehr kompakt zusammengefasst – warum 2009 zwar, was Frauen und das amerikanische Kino betrifft, ein guter Jahrgang war, es aber trotzdem keinen Grund zum Jubeln gibt. Es gab in diesem Jahr eine ganze Reihe von Filmen, die für die wichtigen amerikanischen Filmpreise, Oscars inklusive, in Frage kämen, und Kathryn Bigelows ´The Hurt Locker` hat auch schon ein paar kleinere Auszeichnungen bekommen. Aber der erste Regieoscar für eine Frau ist wohl trotzdem noch weit weg.
Was Dargis aufgeschrieben hat, ist alles nicht neu – vor ein paar Jahren waren tatsächlich die Hälfte aller wichtigen Studiochefs Frauen, und es hat nichts genützt. Die Spielregeln für Frauen bleiben völlig andere. Dargis vergleicht Michael Mann und Kathryn Bigelow – wie lange man wegen eines Flops auf die Reservebank muss, ist offensichtlich unter anderem eine Frage des Geschlechts. Man könnte aber auch Elaine May mit irgendwem vergleichen, denn die hat, weil ihr ´Ishtar´in den Achtzigern absoff, nie wieder Regie geführt.

17.11.09 | 18:57 | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Abgewrackt

Als SZ-Redakteurin muss man inzwischen schon Urlaub haben, um überhaupt mal wieder in die Münchner Innenstadt zu kommen. Seit wir im Münchner Osten arbeiten – Berg am Laim heißt die unwirtliche Gegend, wo die Zeitung seit einem Jahr residiert -, sieht man die Stadt ja nur noch als Fensterpanoramabild vom Hochhaus aus. Also, ich habe Urlaub – und hab es mir heute gegeben: das Zentrum. Das Herz der Stadt. Marienplatz, Sendlinger Straße, Jakobsplatz … alles noch da. Nur die “Süddeutsche” nicht mehr. Abgerissen. Vergangen. Perdu. Dort, wo früher das Verlagsgebäude stand – Färbergraben, Ecke Sendlinger -, klafft eine riesige Baustelle, die eine städtische Wunde zu nennen keine pathetische Übertreibung ist. Es gibt mir immer noch einen Stich, das zu sehen … Hier meine kleine Vorher-Nachher-Schau:

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