Die Auswahl zum Berliner Theatertreffen 2011
Die Auswahl zum diesjährigen Berliner Theatertreffen ist überraschend unorthodox – das stieß, wie man den heutigen Reaktionen entnehmen konnte, allgemein auf sehr viel Anerkennung, wenn nicht auf große Freude (außer bei Gerhard Stadelmaier natürlich, der allerdings noch nie eine Auswahl zum TT gut fand, sondern in der Liste immer einen Anlass für Spott und Häme findet). Es schlug schon lange keiner TT-Jury mehr so viel Wohlwollen und Respekt entgegen. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Jurorin … und wie frustrierend ich das rituelle Abwatschen der Jury nach getaner Arbeit empfand.
Diesmal aber große Zustimmung, sogar von den selbst ernannten Gegenkritikern auf nachtkritik.de. Auch, weil kaum einer die Sachen kennt.
Hier, nur mal als Beispiel, der fast schon überschwängliche Kommentar des sonst eher nüchternen Hartmut Krug auf Deutschlandradio Kultur.
Auch ich habe die Auswahl in der heutigen Printausgabe der SZ vorgestellt und kommentiert – aber das gibt´s natürlich mal wieder nicht online auf sueddeutsche.de, weil Theater ja deren Meinung nach total unsexy ist und keine Klickzahl-Quoten bringt.
Daher setze ich meinen Text jetzt mal selber hier rein:
(Achtung: Der Einstieg meines Artikels ist ironisch gemeint! Nein, ich vermisse Marthalers “Meine faire Dame” nicht beim Theatertreffen, wie nachtkritik.de in der Zusammenfassung meines Textes behauptet.)
In memoriam Schlingensief
Die Auswahl zum Theatertreffen in Berlin birgt Überraschungen
Die größte Überraschung zuerst: Christoph Marthaler ist in diesem Jahr nicht beim Berliner Theatertreffen vertreten!
Na sowas. Dabei hat der Schweizer, der in den letzten Jahren so etwas wie ein Dauerticket für Berlin zu haben schien, in Basel doch einen sehr gewitzten „Sprachlabor“-Abend mit dem schönen Titel „Meine faire Dame“ inszeniert, der bestimmt auch wieder einladungswürdig gewesen wäre, wie ja fast jeder Marthaler. Aber nein, in diesem Jahr ist alles anders. Kein Stemann, kein Kriegenburg, kein Stelldichein der üblichen Verdächtigen. Die Theatertreffen-Jury kreißte und gebar eine Liste der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres“, auf der sich erstaunlich viele Überraschungskandidaten finden. Darunter ein Toter: der im August letzten Jahres an seinem Krebsleiden verstorbene Christoph Schlingensief, der mit seiner letzten Arbeit „Via Intolleranza II“ posthum noch einmal gefeiert werden soll.
„Via Intolleranza II“, uraufgeführt beim Kunstenfestival in Brüssel, erzählt von Schlingensiefs afrikanischem Operndorf-Projekt Remdoogo. Die Aufführung zeigt (in Filmen) Schlingensief selbst und seine Arbeit daran; sie hinterfragt diese Arbeit und unser aller Verhältnis zu Afrika aber auch und erzählt – mit Tänzern, Sängern und Musikern aus Burkina Faso – von Helfersyndromen, Hilflosigkeit und vom Scheitern. Schlingensief wirkte bis kurz vor seinem Tod selber auf der Bühne mit, hatte in vielen Szenen aber auch Stefan Kolosko als Alter Ego. Ihm, dem viel zu früh Verstorbenen, und seinem künstlerischen Vermächtnis hier noch einmal so (be)greifbar und direkt begegnen zu können, ist tröstlich – und ein Geschenk des Theatertreffens.
Einen Sieger gibt es schon jetzt bei der Berliner Best-of-Schau vom 6. bis zum 22. Mai, er heißt Herbert Fritsch. Der Schauspieler, einst ein unerschrockener Recke des Castorf-Theaters, reüssiert neuerdings an diversen Bühnen nicht minder unerschrocken als Regisseur und wurde jetzt gleich mit zwei seiner Inszenierungen nominiert: mit Hauptmanns „Der Biberpelz“ (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin) und Ibsens „Nora“ (Theater Oberhausen), womit auch gleich die Felder „Provinz“ und „Osten“ abgedeckt wären. Zweimal Fritsch – das erscheint, bei allem Respekt, nun doch ein bisschen übertrieben, da hätte man schon noch eine Position für einen anderen Namen, eine andere Handschrift frei räumen können. Für eine(n) von den Jungen zum Beispiel, die beim Theatertreffen nie so recht zum Zug kommen. Immerhin hat es jetzt endlich Roger Vontobel mal in die Auswahl geschafft – und zwar mit seiner meisterlichen „Don Carlos“-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden. Die junge Jette Steckel jedoch, die am Thalia Theater Hamburg vor kurzem einen mindestens ebenso guten, wenn nicht zündenderen, in seiner politischen Stoßrichtung aktuelleren „Don Carlos“ herausgebracht hat, sie ging leer aus.
Kaum überraschend, da bereits schwer im Kultstatusbereich: „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat (der auch Regie geführt hat) und Jens Hillje, eine Koproduktion des Kreuzberger Off-Theaters Ballhaus Naunynstraße mit der Ruhrtriennale. Das Stück, auf das es in Berlin einen regelrechten Run gibt, ist der heißeste Beitrag des Theaters zur Sarrazin- und Integrationsdebatte. Es erzählt, bitterböse und komisch, von einer durchgeknallten Deutschlehrerin, die einem Haufen türkischer Jugendlicher (und die sind so authentisch, als kämen sie geradewegs von der Straße) mit vorgehaltener Knarre Schiller aufzwingt.
Die freie Szene (Kampnagel Hamburg / Berliner Hau / FFT Düsseldorf’) ist darüber hinaus mit „Testament“ von She She Pop vertreten. Es handelt sich um eine „Lear“-Überschreibung, in der Performerinnen ihre eigenen Väter auf die Bühne bringen und mit ihnen die Themen und Motive aus Shakespeares „König Lear“ diskutieren – eine sehr private Auseinandersetzung mit dem Generationenvertrag und seinen Pflegefällen.
Münchner Kammerspiele, Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, Schauspiel Frankfurt – Fehlanzeige. Von den führenden deutschen Bühnen ist nur das Schauspiel Köln, das amtierende „Theater des Jahres“, wieder vertreten – und das gleich zweimal: mit Karin Beiers fulminantem Jelinek-Abend „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ – daran kam die Jury nicht vorbei – sowie mit Karin Henkels jüngst erst dort herausgebrachter, grell-zirzensisch in die Gegenwart geholter Tschechow-Inszenierung „Der Kirschgarten“.
Vom Schauspielhaus Zürich kommt der mit sieben Ja-Stimmen angeblich sicherste Kandidat von allen: Stefan Pucher mit seiner Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, die in einem detailgetreuen 50er-Jahre-Setting vom amerikanischen (Konsum-)Traum erzählt. Und auch das Wiener Burgtheater ist dabei: mit Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“, einer medialen Umkreisung des Falls Natascha Kampusch in indirekter Rede, die Stefan Bachmann in kongeniale Bilder umgesetzt haben soll. Ein Gegenwartsstück, das erfolgreich nachgespielt wurde . . . es geht also doch!
Insgesamt recht interessant, diese Mischung. Mal was anderes. Und vielleicht auch ein Denkanstoß für die wie wild produzierenden Großbühnen, mal wieder durchzuschnaufen und sich auf das Eine, Besondere zu besinnen. Denn weniger ist oftmals mehr.






















