16.02.11 | 22:20 | Geht doch! | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Die Auswahl zum Berliner Theatertreffen 2011

Die Auswahl zum diesjährigen Berliner Theatertreffen ist überraschend unorthodox – das stieß, wie man den heutigen Reaktionen entnehmen konnte, allgemein auf sehr viel Anerkennung, wenn nicht auf große Freude (außer bei Gerhard Stadelmaier natürlich, der allerdings noch nie eine Auswahl zum TT gut fand, sondern in der Liste immer einen Anlass für Spott und Häme findet). Es schlug schon lange keiner TT-Jury mehr so viel Wohlwollen und Respekt entgegen. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Jurorin … und wie frustrierend ich das rituelle Abwatschen der Jury nach getaner Arbeit empfand.

Diesmal aber große Zustimmung, sogar von den selbst ernannten Gegenkritikern auf nachtkritik.de. Auch, weil kaum einer die Sachen kennt.

Hier, nur mal als Beispiel, der fast schon überschwängliche Kommentar des sonst eher nüchternen Hartmut Krug auf Deutschlandradio Kultur.

Auch ich habe die Auswahl in der heutigen Printausgabe der SZ vorgestellt und kommentiert – aber das gibt´s natürlich mal wieder nicht online auf sueddeutsche.de, weil Theater ja deren Meinung nach total unsexy ist und keine Klickzahl-Quoten bringt.

Daher setze ich meinen Text jetzt mal selber hier rein:

(Achtung: Der Einstieg meines Artikels ist ironisch gemeint! Nein, ich vermisse Marthalers “Meine faire Dame” nicht beim Theatertreffen, wie nachtkritik.de in der Zusammenfassung meines Textes behauptet.)

In memoriam Schlingensief

Die Auswahl zum Theatertreffen in Berlin birgt Überraschungen

Die größte Überraschung zuerst: Christoph Marthaler ist in diesem Jahr nicht beim Berliner Theatertreffen vertreten!

Na sowas. Dabei hat der Schweizer, der in den letzten Jahren so etwas wie ein Dauerticket für Berlin zu haben schien, in Basel doch einen sehr gewitzten „Sprachlabor“-Abend mit dem schönen Titel „Meine faire Dame“ inszeniert, der bestimmt auch wieder einladungswürdig gewesen wäre, wie ja fast jeder Marthaler. Aber nein, in diesem Jahr ist alles anders. Kein Stemann, kein Kriegenburg, kein Stelldichein der üblichen Verdächtigen. Die Theatertreffen-Jury kreißte und gebar eine Liste der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres“, auf der sich erstaunlich viele Überraschungskandidaten finden. Darunter ein Toter: der im August letzten Jahres an seinem Krebsleiden verstorbene Christoph Schlingensief, der mit seiner letzten Arbeit „Via Intolleranza II“ posthum noch einmal gefeiert werden soll.

„Via Intolleranza II“, uraufgeführt beim Kunstenfestival in Brüssel, erzählt von Schlingensiefs afrikanischem Operndorf-Projekt Remdoogo. Die Aufführung zeigt (in Filmen) Schlingensief selbst und seine Arbeit daran; sie hinterfragt diese Arbeit und unser aller Verhältnis zu Afrika aber auch und erzählt – mit Tänzern, Sängern und Musikern aus Burkina Faso – von Helfersyndromen, Hilflosigkeit und vom Scheitern. Schlingensief wirkte bis kurz vor seinem Tod selber auf der Bühne mit, hatte in vielen Szenen aber auch Stefan Kolosko als Alter Ego. Ihm, dem viel zu früh Verstorbenen, und seinem künstlerischen Vermächtnis hier noch einmal so (be)greifbar und direkt begegnen zu können, ist tröstlich – und ein Geschenk des Theatertreffens.

Einen Sieger gibt es schon jetzt bei der Berliner Best-of-Schau vom 6. bis zum 22. Mai, er heißt Herbert Fritsch. Der Schauspieler, einst ein unerschrockener Recke des Castorf-Theaters, reüssiert neuerdings an diversen Bühnen nicht minder unerschrocken als Regisseur und wurde jetzt gleich mit zwei seiner Inszenierungen nominiert: mit Hauptmanns „Der Biberpelz“ (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin) und Ibsens „Nora“ (Theater Oberhausen), womit auch gleich die Felder „Provinz“ und „Osten“ abgedeckt wären. Zweimal Fritsch – das erscheint, bei allem Respekt, nun doch ein bisschen übertrieben, da hätte man schon noch eine Position für einen anderen Namen, eine andere Handschrift frei räumen können. Für eine(n) von den Jungen zum Beispiel, die beim Theatertreffen nie so recht zum Zug kommen. Immerhin hat es jetzt endlich Roger Vontobel mal in die Auswahl geschafft – und zwar mit seiner meisterlichen „Don Carlos“-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden. Die junge Jette Steckel jedoch, die am Thalia Theater Hamburg vor kurzem einen mindestens ebenso guten, wenn nicht zündenderen, in seiner politischen Stoßrichtung aktuelleren „Don Carlos“ herausgebracht hat, sie ging leer aus.

Kaum überraschend, da bereits schwer im Kultstatusbereich: „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat (der auch Regie geführt hat) und Jens Hillje, eine Koproduktion des Kreuzberger Off-Theaters Ballhaus Naunynstraße mit der Ruhrtriennale. Das Stück, auf das es in Berlin einen regelrechten Run gibt, ist der heißeste Beitrag des Theaters zur Sarrazin- und Integrationsdebatte. Es erzählt, bitterböse und komisch, von einer durchgeknallten Deutschlehrerin, die einem Haufen türkischer Jugendlicher (und die sind so authentisch, als kämen sie geradewegs von der Straße) mit vorgehaltener Knarre Schiller aufzwingt.

Die freie Szene (Kampnagel Hamburg / Berliner Hau / FFT Düsseldorf’) ist darüber hinaus mit „Testament“ von She She Pop vertreten. Es handelt sich um eine „Lear“-Überschreibung, in der Performerinnen ihre eigenen Väter auf die Bühne bringen und mit ihnen die Themen und Motive aus Shakespeares „König Lear“ diskutieren – eine sehr private Auseinandersetzung mit dem Generationenvertrag und seinen Pflegefällen.

Münchner Kammerspiele, Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, Schauspiel Frankfurt – Fehlanzeige. Von den führenden deutschen Bühnen ist nur das Schauspiel Köln, das amtierende „Theater des Jahres“, wieder vertreten – und das gleich zweimal: mit Karin Beiers fulminantem Jelinek-Abend „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ – daran kam die Jury nicht vorbei – sowie mit Karin Henkels jüngst erst dort herausgebrachter, grell-zirzensisch in die Gegenwart geholter Tschechow-Inszenierung „Der Kirschgarten“.

Vom Schauspielhaus Zürich kommt der mit sieben Ja-Stimmen angeblich sicherste Kandidat von allen: Stefan Pucher mit seiner Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, die in einem detailgetreuen 50er-Jahre-Setting vom amerikanischen (Konsum-)Traum erzählt. Und auch das Wiener Burgtheater ist dabei: mit Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“, einer medialen Umkreisung des Falls Natascha Kampusch in indirekter Rede, die Stefan Bachmann in kongeniale Bilder umgesetzt haben soll. Ein Gegenwartsstück, das erfolgreich nachgespielt wurde . . . es geht also doch!

Insgesamt recht interessant, diese Mischung. Mal was anderes. Und vielleicht auch ein Denkanstoß für die wie wild produzierenden Großbühnen, mal wieder durchzuschnaufen und sich auf das Eine, Besondere zu besinnen. Denn weniger ist oftmals mehr.

22.11.10 | 19:26 | Geht doch! | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Berlin ändert sich – zum Glück

An dem Abend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes gesehen hatte, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm der Spaßteufel Ulrich Matthes für dieses Foto aufsetzte.

An dem Berliner Premierenabend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes sah, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm Spaßteufel Ulrich Matthes aufsetzte.

Letzten Freitag, nach der Premiere von Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes”, ist mir im Deutschen Theater Berlin meine Kamera abhanden gekommen. Ich hatte sie im Damenklo liegen lassen. Als ich den Verlust bemerkte und an Ort und Stelle nachschaute, war sie weg. Natürlich. Klar. War ja Berlin.

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere gibt es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Man hätte mich in meiner Aufgeregtheit, Wut und Verzweiflung fluchen und auf dieses Scheiß-Berlin schimpfen hören müssen, während ich, den Tränen nahe, alles absuchte und dann zum Pförtner eilte, um den Verlust anzumelden und – für alle Fälle – meine Telefonnummer zu hinterlassen. Die Hoffnung, meine Kamera könnte beim Pförtner abgegeben worden sein, hegte ich gar nicht erst. Ich meine: war ja Berlin. Da wird doch nichts abgegeben! Da klauen sie dir doch, wenn du nicht aufpasst, sogar deinen vollgekritzelten Notizblock oder deine Visitenkarten oder was weiß ich für nen Kram unter den Fingern weg.

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Und es war ja auch tatsächlich beim Pförtner nichts abgegeben worden. Klar. Berlin eben. Ohweh, war ich bitter! In München, dachte ich und sagte es allen, die es nicht wissen wollten, in München würde das nicht passieren. Da würde das anders laufen. Da würde so eine auf der Damentoilette vergessene Kamera mit freundlichsten Grüßen an die Besitzerin abgegeben werden! In München hab ich letztes Jahr doch sogar die Einkaufstasche mit den Klamotten zurückbekommen, die ich in der S-Bahn hatte stehen lassen – ein Anruf bei der MVG genügte, um zu erfahren: Ja, die Tasche sei gefunden worden und könne am Ostbahnhof abgeholt werden. Muss man sich mal vorstellen!

Meine an diesem Abend zahlreich vertretenen Kritikerkollegen trösteten mich mit erbaulichen Weisheiten über das Hinnehmenkönnenmüssen  … und dass es sich ja “nur” um einen Fotoapparat handle, den man also nachkaufen könne – womit klar war, dass sie keinen blassen Schimmer von meiner innigen Beziehung zu meiner digitalen Canon haben.

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Hätte ich sie doch bloß nicht rausgeholt an diesem Abend! Erst hatte ich ja auch gar keine Lust, Bilder zu machen. War viel zu sehr ins Gespräch verwickelt mit x Leuten, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte …  Berlin eben … war schon länger nicht mehr da.

Seit er hier alleiniger Juror bei den Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer so, Dich zu sehen!

Seit er hier alleiniger Juror bei den diesjährigen Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen regelmäßig ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer, Dich zu sehen!

Aber dann entdeckte ich die an diesem Abend umwerfend aussehende Ulrike Folkerts (die ich mit langen Haaren erst auf den zweiten Blick als Ulrike Folkerts erkannte), und mein lieber Freund Georg Uecker fand, ich müsse ein Foto machen, welches er dann auch arrangierte. Tja, und bei dieser Gelegenheit hab ich dann auch gleich ein paar Kollegen abgelichtet, sieht man ja nicht alle Tage so viele auf einem Haufen.

Und wenig später war sie also weg, die Kamera. Und meine Laune auch. Und ich musste daran denken, dass und wie ich in Berlin schon zwei Mal bestohlen wurde. Und zwar so richtig: Tasche weg mit Geldbeutel, Ausweis, Kreditkarte und allem, wirklich allem. Einmal war´s im Kumpelnest – nun gut, solche zweifelhaften Orte sollte man, zumindest mit Allesdrin-Tasche, vielleicht besser meiden. Aber das andere Mal war´s im Foyer der Schaubühne! In der Schaubühne! Beim F.I.N.D.-Festival vor vielen Jahren! Eine Sauerei.

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Ich bin also in dieser Hinsicht ein gebranntes … ähm … beklautes Kind und bitte meine Berlin-Frust-und-Schimpftirade vor diesem Hintergrund zu verstehen. Ohne einen Funken Hoffnung, einfach nur, um am Ende nichts unversucht gelassen zu haben, begab ich mich, bevor ich das DT zu verlassen gedachte, hinüber in die Bar des Kammerspiele-Foyers, wo die eigentliche Premierenfeier mit DJ und so stattfand, und fragte an der Bar nach, ob nicht vielleicht eine Digitalkamera …

Höret nun, liebe Leser, Freunde und Feinde, und staunet über die frohe vorweihnachtliche Botschaft: Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Meine Kamera war tatsächlich an der Bar abgegeben worden und wurde mir mit einer stummen, coolen Geste von einer jungen Barfrau überreicht. Ich war baff. Schlichtweg baff. Vor Freude kamen mir fast die Tränen. Wie großartig das ist, etwas verloren Geglaubtes zurückzukriegen. Was für ein schönes Gefühl! Was für ein gutes Zeichen das ja auch ist! Man bekommt sofort den Glauben an die Menschheit zurück. Und an Berlin!

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (von links): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (v. l.): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Als ich mich, überglücklich, mit meiner just wiedererlangten Kamera umdrehte, standen da Ulrich Matthes und der Bühnenbildner Johannes Schütz, grinsend, als seien sie selber die Glückspilze, und gratulierten mir. Und so entstand das obige Foto mit den beiden. Für mich das reine Glückspilzbild.

Welche ehrliche Frau auch immer meine Kamera gefunden und an der Bar abgegeben hat: Ich danke ihr von Herzen und wünsche ihr ebensoviel Glück; wünsche ihr, dass die gute Energie, die sie erzeugt hat, auf sie selber zurückwirkt. Und auf die ganze schöne Stadt Berlin.

03.11.10 | 01:00 | Geht doch! | Kritikerlust | Nicht verpassen | Kommentare 3 Kommentare

Köln, wie es sinkt und zusammenkracht

Beim tosenden Schlussapplaus stapfte das Inszenierungs-Team in Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz

Beim tosenden Schlussapplaus stapft das Inszenierungs-Team mit Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz.

Am Ende ist die ganze Bühne überschwemmt, und das Dreckswasser steht den Schauspielern bis zu den Knöcheln. Aber auch das Publikum steht – es jubelt, johlt, spendet Standing Ovations. Beeindruckend, so ein tosender Applaus. Aber Vorsicht, da wackelt ja das Haus!

Der Jelinek-Abend, den Karin Beier am Schauspiel Köln herausgebracht hat, ist aber auch wirklich fulminant! Möchte den am liebsten sofort noch einmal sehen … und kann ihn nur weiterempfehlen. Ganz großes Theater! Und das heißt hier auch: ganz großes Stadttheater. Stadttheater at its best. Ein Theaterabend, der auf die spezielle Verfasstheit der Stadt hin gedacht und gemacht ist und die Finger direkt in die Wunden legt, was so schmerzvoll ist wie seelenheilsam. Kathartisch geradezu. Weil man das braucht: dass eine(r) Worte und Bilder und einen Furor findet für das Lähmende, Beschämende, das Unfassbare. Weil es gut ist, das Angestaute rauszulassen, die Wut, den Frust, das Unverdaute. Weil es gesund ist, über das Unglück lachen zu können, aus der Katastrophe Funken der Komik herauszuschlagen. Weil schwarzer Humor immer besser ist als gar keiner. Und weil nach wie vor gilt, dass die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, die Komödie ist.

Waste Land: Die Kölner Bühne nach dem Schlussapplaus

Waste Land: Die Kölner Bühne am Premierenabend nach dem Schlussapplaus

“Das Werk / Im Bus / Ein Sturz”: drei Stücke über das Bauen, Bohren und Stauen, das ewige Vorwärtsdrängen des Menschen, sein gewaltsames Eindringen in die Natur, seiner eigenen folgend. Gerade in Köln, wo das eingestürzte Stadtarchiv eine klaffende Wunde und ein abgrundtiefes Trauma in der Stadt hinterlassen hat; hier, wo niemals jemand Verantwortung für die Katastrophe übernommen hat; in Köln, wo der geplante Abriss des Schauspielhauses nur durch vehemente Bürgerproteste zugunsten einer Generalsanierung verhindert werden konnte, gerade hier ist dieses Thema wahnsinnig wichtig und goldrichtig. Und so hochnotkomisch und grimmig böse, wie Karin Beier das Schauspielhaus an diesem Abend ins Wackeln und Rieseln bringt und schlussendlich die ganze Bühne flutet, ist das auch ein gewaltiges Stück Wut- und Drecksarbeit – wobei das einhergeht mit der nötigen (seelenhygienischen) Aufräum- und Bewältigungsarbeit. Wo sich ja sonst keiner in Köln daran macht …

Ich bin auch schon wieder mal ganz begeistert von Frau Jelinek. Wie sie doch immer zur richtigen Zeit die richtigen Themen anpackt! Wie ihre grandios nervigen, kalauernden, die Sprache unablässig drehenden, biegenden, wendenden Textschwallflächen hartnäckig am Puls der Zeit pochen und doch immer tief hinabbohren in die Gräber der Geschichte – das ist schon sehr beeindruckend. Es ist gesellschaftlich relevant, brisant, und es ist immer total politisch. Jelinek scheint da mit einer geradezu seismographischen Sensibilität begabt zu sein. Ich bewundere das.

“Ein Sturz”, das Stück, das sie jetzt extra für Köln geschrieben hat, wortstrudelt zwar einerseits ganz konkret (und in vielen Details: betont banal) um den Einsturz des Stadtarchivs im März 2009 herum, führt andererseits aber auch weit darüber hinaus: nach Stuttgart 21 ebenso wie nach Schmalkalden in Thüringen, wo sich gerade – kurios und erschreckend genug – die Erde aufgetan hat … und noch weiter führt dieses Jelinek-Stück, in dem die Erde direkt angesprochen wird, adressiert von einem hochmütigen, genervten, klagenden, schimpfenden, überheblichen Menschenchor (“Erde, was machst du denn da? … Was soll das, Erde? … Erde, bleib, wo du bist … du blöde Erde”). Es führt ins Innere des Erdballs, führt in die Erde, die Angesprochene, Geschundene, Vergewaltigte, selbst, und es konfrontiert diese mit dem menschlichen Fortschritts- und Machbarkeitswahn, dem ewigen “Muss doch!”, diesem technologischen “Geht nicht? Geht nicht!”.  – “Alles reißen wir ein, warum?/ Weil wir es können!” – Für mich ist “Ein Sturz” das erste wirklich moderne, globale Umweltdrama. “Erde, du hast verloren, du bist verloren. Bist du jetzt zufrieden?”

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... So siegt man nicht!"

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... Du willst nur vom Wasser gefickt werden, Erde? ... So siegt man nicht!"

Die Erde, die lange alles mit sich hat machen lassen, die sich vom Menschen hat untertan machen und ausbeuten lassen, die Erde – Mutter Erde – ist aufgewühlt, ausgelaugt, krank; sie spurt nicht mehr, sie reißt Löcher, bricht ein, verbindet sich mit dem Wasser zu unheilvollem Tun. Und die Menschen beschwören sie nun, heben an zum großen Schimpf- und Klage-Chor – wobei Jelinek da ganz groß ansetzt und in Ton und Gestus die griechische Tragödie zitiert – diese auch ironisiert und persifliert. Mit hohem Fleh- und Jammer-Pathos (“Oh Los des Erdendaseins!”/ “Hinopfert ihr Kind, die schöne Baustelle, die eigene Frucht, die Frucht eigenen Tuns, das eigene Werk?”/ “O weh, o weh, Haus, du Haus!”).

Ich finde das super, richtig groß. Zynisch-böse und anrührend auch. Und dass Karin Beier in ihrer Uraufführung die von den Menschen litaneihaft angerufene, beschimpfte, end- und ehrlos zugequatschte Erde tatsächlich als Figur auftreten lässt (bei Jelinek gibt´s ja wieder nur eine Textflut), ist eine sehr sinnige und sinnliche Idee. Zumal die drahtige Schauspielerin Kathrin Wehlisch sich in dieser Rolle weder schont noch sich was schenkt, so artistisch-rabiat, wie sie – lehmverschmiert und nackt – über die Bühne tobt, rutscht, tanzt, schlittert, von allen gestoßen, geschubst, getriezt. Das Wasser, mit dem ihr der Chor einen orgiastischen “Fick” unterstellt, verkörpert ein gut gebauter Tänzer, mit dem die personifizierte Erde einen letztlich tödlichen erotischen Pas de deux hinlegt.

Ach, eigentlich will ich hier drin ja keine Kritiken schreiben. Aber ich bin noch so begeistert. Und wollte die Fotos nachreichen, die ich am Ende der Premiere von der gefluteten Kölner Baustellen-Bühne gemacht habe. Eine Johannes-Schütz-Bühne: Moderne Schreibtische, Computer, Bürosessel auf weiter schwarzer Flur, nach und nach vom Wasser überschwemmt, welches aus einer Grube im Boden sprudelt (diese Grube schaut aus wie ein Grab, und die Erde verreckt schlussendlich darin), aber auch aus einem Rohr, das von rechts hereinragt. Dieses Rohr haben die heillos überforderten Bauaufsichtsamts-Beamten, die Karin Beier in ihrer düster-satirischen Verwaltungs-Performance vorführt, zwar irgendwann vorsichtshalber gestopft – in einem Anflug von plötzlichem Katastrophen-Verhinderungs-Aktionismus -, aber das Gurgeln, Gluckern und Blubbern, das sich später unheilvoll ankündigt, bricht in Form eines Wasserschwalls dann doch just aus diesem Rohr. Ein Brüller, versteht sich.

Schon im ersten Teil des Abends, “Das Werk”, gab es herrlich inszenierte Wasserspiele des Ensembles, alles mundgegurgelt, handabgefüllt. Gespuckt, gespritzt, geblasen. Karin Beier hat den Jelinek-Text wahnsinnig gut rhythmisiert und orchestriert, der ganze Abend, das muss auch noch gesagt werden, ist ungeheuer musikalisch.

In “Das Werk” geht es um Kaprun, um den Bau des riesigen Kraftwerks dort und die Todesopfer, die er gefordert hat, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter.  Und auch die Toten des Kapruner Seilbahnunglücks des Jahres 2000 mischen in dem Sprechchor der Untoten mit, den Jelinek lospoltern lässt (bei Beier: ein Männerchor in Unterhemden) – neben all den anderen Sprachmonstern, die hier ohne Unterlass ratschen, raunen, reden: faustische Tatmenschen und fortschrittsoptimistische Ingenieure, Heidi und Peter, Hänsel und “Tretel”, Tüchtige und sich körperlich Ertüchtigende. Ein gigantisches Kraftwerks-Oratorium, anschwellend zum großen, finalen Memento Mori.

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Auch im “Bus”, dem kleinen Zwischenstück, das Beier wie ein Satyrspiel zwischen das tatkräftige  Aufbau-”Werk” und den jammervollen “Ein Sturz” setzt, geht es um den Zusammenprall von Mensch und Natur. Dieser hier mutet lächerlich an: Ein voll besetzter Bus stürzt wegen eines U-Bahn-Baus mitsamt der Straßendecke in den Abgrund. Hä? Gab´s aber tatsächlich: geschehen 1994 in München-Trudering. Bei Jelinek sind die Bauarbeiter, denen plötzlich ein Bus auf den Kopf plumpst, zynische Totengräber – und die Regisseurin Beier macht daraus ein karnevaleskes Trio mit grotesken Clowns-Fressen. Fratzenhaft.

Nun je … man könnte noch so viel von diesem denkwürdigen Kölner Abend erzählen. Die wunderbaren, absolut (ein)bruchsicheren und wasserfesten Schauspieler habe ich hier zum Beispiel noch gar nicht gewürdigt. Und habe ich eigentlich erwähnt, wie ausgesprochen musikalisch, wie gekonnt rhythmisiert diese Inszenierung ist?

Aber Schluss jetzt. Hingehen. Selber sehen! Ich will auch noch mal.

18.08.10 | 21:58 | Dies & das | Geht doch! | Kommentare 0 Kommentare

Absolutes Shopping-Verbot!

Foto: ap

Foto: ap

Diese Glosse habe ich für die Rubrik “Shopping-Tour” im SZ-Lokalteil geschrieben (erschienen heute, 18.08.) – kleine Etüde aus dem wahren Einkaufsleben.

Die Stimme der Vernunft

Die Stimme der Vernunft hat nach dem Schock der letzten Kreditkartenabrechnung für die nächsten zwei Monate – oder na ja, sagen wir: wenigstens für August – ein absolutes Shopping-Verbot erlassen. Die Zeit dafür scheint günstig. Der Sommer ist so gut wie rum, da braucht es nun wirklich kein weiteres Paar Korksandalen und so ein Hängerchen mehr. Für die Herbst-Winter-Kollektion wiederum, deren Camel Coats und Strickjacken in den Auslagen schon wollig locken, ist es gefühlsmäßig doch noch ein bisschen zu früh. So! Jetzt wird mal das getragen, was im Schrank ist und zum Teil tatsächlich noch nie getragen wurde, dieses blaue Kleid vom letzten Jahr zum Beispiel, an dem sogar noch das Preisschild hängt. Tolles Kleid, tolles Blau – leider viel zu figurbetont. Dafür müsste man erst mal abnehmen . . .

Objektiv und rein funktional betrachtet mag der eigene Kleiderschrank eine riesige Auswahl und Vielfalt bieten, subjektiv am Morgen davor grübelnd fehlt mit Sicherheit justament ein weißes Top oder sonst ein Teil zum Kombinieren, was sofort die Stimme der Vernunft auf den Plan ruft, die da sagt: Ein weißes Top ist ein Basic, ein Must-Have für alle Jahreszeiten und Gelegenheiten, es zu haben, würde dir am Morgen immens viel Zeit und Kopfzerbrechen ersparen, geh und kaufe eins.

Also geht man los, ist ja nur für ein Top, und schon ist man mittendrin im Preisgepurzel dieser Tage. Unglaubliche Schlussverkaufsrabatte alarmieren sofort die Stimme der Vernunft: Zuschlagen, sagt die Stimme, so billig kriegst du dieses Trägerkleid nie wieder! Der Sommer ist zwar so gut wie rum, aber dann brauchst du nächstes Jahr kein neues mehr zu kaufen. Und die schöne weiße Bluse von Joop ist ein Basic, ein Must-Have für alle Jahreszeiten und Gelegenheiten. Halber Preis! Totales Schnäppchen. Macht am Ende fünf unverzichtbare Muss-ich-haben-Teile für 375 Euro. Die Stimme der Vernunft hat gesiegt.

08.07.10 | 19:57 | Geht doch! | Kulinarik | Kommentare 0 Kommentare

München-Kick II: Klubabend Aurora Bar

Aurora-Zigarren

Was wird´n jetzt mit den ganzen Rauchern, den Eckkneipen und Raucherbars? Als ich vom bestürzenden Ergebnis des Volksentscheids hörte, hab ich vom preußischen Norden aus gleich mal meinen Freund Anderl angerufen, Anderl Lechner, Betreiber der von mir sehr geschätzten und entsprechend protegierten Aurora Bar am Münchner Beethovenplatz – eine Künstlerbar mit Wohnzimmer-Charme und britischem Club-Ambiente, die im vergangenen November eröffnet hat (siehe Blog-Eintrag von damals) und sich definitiv als Rauchsalon versteht, ja, die überhaupt erst aus der Einführung des (ersten bayerischen) Rauchverbots hervorgegangen ist. Denn Anderl ist passionierter Zigarrenraucher, und als er nach dem ersten Rauchverbotsgesetz zum Whisky nirgends mehr eine paffen konnte, nicht einmal bei Schumann´s, da beschloss er zusammen mit seinem Freund, dem Gourmet-Koch Karl Ederer, einen Klubabend ins Leben zu rufen, zu dem alle paar Wochen Freunde und Bekannte per E-Mail eingeladen wurden: zum Reden und zum Rauchen.

Diese Raucher-Klubabende fanden in „Baumgartners Weinbar“ am Beethovenplatz 2 statt, der heutigen Aurora Bar – als Baumgartner letztes Jahr hinschmiss, da kaufte Anderl kurzerhand das Interieur und machte sein eigenes Ding. Die Klubabende hat er beibehalten. Und weil da immer die meisten (und die kuriosesten und lustigsten) Leute kommen, werden diese Klubabende vom Wirt immer häufiger angesetzt. Es herrscht dann geschlossene Gesellschaft – aber mit weit geöffneter Tür.

Aurora-Wirt Anderl Lechner

Aurora-Wirt Anderl Lechner

Anderl Lechners Anspruch als Wirt: “Hocken, rauchen, reden. Leute treffen und einen guten Wein trinken. Ohne so eine Abzocke in der Gastronomie.“ Klingt gut. Und könnte so einfach sein. Aber jetzt? Ich dachte, ich würde Anderl nach dem Volksentscheid in heller Fassungslosigkeit antreffen – aber es war eigentlich nur Ratlosigkeit. Der neue Wirt weiß selber nicht, was jetzt wird. Bis August wird jetzt erst mal weitergemacht wie bisher (“Durchpaffen bis August!”) – und dann, so Anderl, “schaun mer mol”. Und dann sehn mer scho. Anderl Lechner ist viel zu bairisch, um jetzt hysterisch aus dem Häuschen zu geraten. Es wird ihm schon was einfallen.

Wer weiß, vielleicht wird ja jene spontane Pissoir-Party Schule machen, die sich beim letzten Klubabend am Dienstag ergeben hat, als sich eine kleine Gästeschar schon mal auf die Suche nach (einem stillen) Örtchen machte, wo noch was geht.
Aurora_Intro

Alles ist Fluss

Alles ist Fluss

Zum heimlichen Rauchen aufs Klo – so weit sind wir jetzt in Bayern schon … und das, ich bitte es zu notieren, sagt eine, die selber gar nicht mehr raucht! Ich weiß die Vorzüge des Rauchverbots in Restaurants und vielen Bars und Gaststätten als Nichtmehrraucherin echt zu schätzen, aber ein Generalverbot – das geht total gegen mein Verständnis von Freiheit und Toleranz und Artenschutz!

Daher, liebe Raucher-Clubber: Solltet Ihr Euch künftig zum Paffen und Trinken aufs Männerklo verziehen, gebt mir Bescheid, ich komme mit! Denn so geht´s ja nicht.

Franz Meiller vor seinem Werk "Gütertrennung"

Franz Meiller vor seinem Werk "Gütertrennung"

Die Klo-Party hatte sich übrigens ganz flashmobmäßig ergeben, nachdem der Münchner Unternehmer Franz Meiller ein paar Gäste auf die Herrentoilette geführt hatte, um dort seine künstlerische WC-Fenstergestaltung vorzuführen: Das ins Fenster eingefügte fotoinstallatorische Werk stammt von ihm selber und trägt den Titel “Gütertrennung”.

Klofensterkunst - wer ko, der ko

Klofensterkunst - wer ko, der ko

Einer, es war Michael Haacke, Chef der FFS (Film- & Fernseh-Synchron GmbH), gab dann spontan die Losung aus: “In einer Stunde wieder hier!” und er hatte ein nettes Sprudelgetränk auf einem Samthocker organisiert, als eine Stunde später tatsächlich eine kleine Klo-Fete für Eingeweihte stieg.

Jedenfalls war der Klubabend nicht nur sehr lustig, sondern auch ein gutes Zeichen: Die Münchner werden immer ein Örtchen finden und sich vom Genius loci inspirieren lassen.

Aurora-Klo-Gruppe

Schönen Gruß übrigens nach Berlin. Von wegen die Schaubühne macht die einzigen Pissoir-Partys!

03.05.10 | 20:02 | Begegnung mit ... | Festivals | Geht doch! | Kommentare 3 Kommentare

Oberammergau (3): Jesus lebt

Heute habe ich Jesus getroffen.

Oh Jesus!

Oh Jesus!

Er saß in Oberammergau im “Theatercafé” und aß einen Keks. Niemand nahm groß Notiz von ihm. Er war sehr entspannt und sagte: Alles läuft gut.

Wahrlich, ich sage Euch: Das ist ein gutes Zeichen …

Demnächst mehr. Aus Oberammergau … und überhaupt!

P.S. (Sorry, mein Leben geht zu schnell, komme im Moment mit dem Bloggen nicht mehr nach … Ich weiß, das spricht gegen das Prinzip – und damit wohl auch gegen mich als Bloggerin … Mea culpa! Mea maxima culpa! Hiermit wäre es also gebeichtet, vor Jesus und allen anderen. Und damit krieg ich als Katholikin jetzt ja wohl hoffentlich eine Absolution!!! Danke. Sehr schön. Alles wird gut – oder zumindest besser … ich werde mich jedenfalls bemühen!)

28.03.10 | 23:02 | Geht doch! | Harte Realitäten | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Solidarität mit dem Schauspielhaus Wuppertal

Wuppertal-Button

Am Samstag war Welttheatertag, und die deutschen Bühnen nutzten diesen sonst eher vergessenen Termin für eine Mobilmachung in eigener Sache. Fast 60 Theater aus der ganzen Republik schickten Einsatzkommandos nach Wuppertal, um mit Lesungen, Reden und szenischen Beiträgen gegen die Schließung des dortigen Schauspielhauses zu protestieren. Denn ja: Die Stadt Wuppertal plant allen Ernstes, ihr Theater dichtzumachen! Und weil in diesen finanzkrisengebeutelten Zeiten auch andere Stadttheater um ihre Existenz fürchten müssen, haben die im Deutschen Bühnenverein organisierten Intendanten zu einer Protestaktion aufgerufen.

Mit enormer Resonanz. Es war die bisher größte Solidaritätsdemonstration deutscher Bühnen, die da am Samstag zustande kam, ein theatralischer Großkampftag.

Kleine Theater wie die Burghofbühne Dinslaken, das Stadttheater Gießen oder das ebenfalls von Schließung bedrohte Schlosstheater Moers nahmen ebenso daran teil wie das Schauspielhaus Düsseldorf, das Staatstheater Stuttgart, das Nationaltheater Mannheim oder das Berliner Ensemble. Das Hamburger Schauspielhaus schickte den wütenden Hartz IV-Chor aus Volker Löschs Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“, das Schauspiel Köln den „Engel der Geschichte“ aus Elfriede Jelineks Wirtschaftskrisenkomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Und für den Schauspieler Ulrich Matthes vom Deutschen Theater Berlin war es eine Ehrensache, seine Unterstützung für das Wuppertaler Schauspielhaus mit einer Tschechow-Lesung auszudrücken. Matthes hatte schon vor Weihnachten dem Wuppertaler Oberbürgermeister einen mehrseitigen Brief geschrieben, in dem er ihm vom traurigen Tod des Berliner Schiller-Theaters berichtete und von dem Phantomschmerz, den diese Theaterschließung hinterließ. Matthes hat nie eine Antwort erhalten.

Hier seine Kurzansprache in Wuppertal, leider sieht man sein Gesicht nicht:

Ein Theater zu liquidieren, ist eine hässliche, folgenschwere Angelegenheit. Für jeden Politiker eine denkbar unpopuläre Maßnahme – aber auszuschließen ist sie nicht. Die Lage in Wuppertal ist so bitter ernst, wie die Stadt pleite ist. In der Regel machen die Kommunen ihre Theater nicht gleich ganz dicht, sondern zehren sie aus: fahren sie finanziell und damit auch personell runter, streichen ihnen die Etats zusammen, schließen einzelne Sparten, bürden ihnen neue und immer neue Kosten auf und sparen sie so langsam kaputt. In den letzten 15 Jahren wurden im deutschen Theater 7000 Arbeitsplätze gestrichen. Da ist kein Speck mehr abzutragen, das ist ausgedünnt. Wenn man so weitermacht, ist es ein Tod auf Raten.

Es gibt ein Menetekel: das Berliner Schiller-Theater -- nicht nur für Ulrich Matthes eine offene Wunde. 1993 wurde es geschlossen, ein Haus mit wirklich großer Tradition – das waren immerhin mal die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. Auch damals wollte das mit der Schließung erst keiner glauben. Auch damals wurde demonstriert. Holk Freytag, der Vorsitzende der Intendanten im Deutschen Bühnenverein, war zu jener Zeit Intendant am heute so gebeutelten Wuppertaler Haus. Er erzählt, wie alle NRW-Intendanten geschlossen nach Berlin gereist sind, um lautstark gegen die Schließung des Schiller-Theaters zu protestieren. Nie mehr, so schwuren sie, würden sie mit einer Aufführung nach Berlin kommen! Keine Zusammenarbeit, kein Gastspiel, keine Pina Bausch sollte es dort mehr geben! Selbst das Theatertreffen wollten sie boykottieren! Nun ja, man weiß, was aus der stolzen Androhung geworden ist, und wenn das Wuppertaler Protestspektakel vom Samstag so effektiv ist wie die Demonstration damals in Berlin, dann gute Nacht …

Die SMS, die Holk Freytag heute Mittag geschickt hat – wir waren wegen eines Artikels in Kontakt, den ich fürs Feuilleton geschrieben habe –, ist allerdings voller Zuversicht. Es klingt darin jener euphorische Optimismus an, den jeder kennt, der, gestärkt von der beglückenden Erfahrung menschlicher Solidarität, von einer Groß-Demo für eine gute Sache zurückkommt.

Hier also die Nachricht des Hauptorganisators:

„Es war ganz toll gestern, und es ging bis weit nach Mitternacht. Es waren Tausende auf der Straße, selbst die drei Kilometer lange Menschenkette vom Schauspiel- zum Opernhaus hat geklappt. Vielleicht schaffen wir da ja doch was .“

„Vielleicht schaffen wir ja doch was“ … ja! Das ist schön! Das wäre zu wünschen.

Ich war am Samstagabend nicht in Wuppertal, sondern bei der Premiere von “Don Carlos” am Staatsschauspiel Dresden (da, wo Holk Freytag zuletzt Intendant war, bevor Wilfried Schulz ihn ablöste). Beim Schlussapplaus, der mit Fug und Recht begeistert und sehr ausgiebig war, zeigte sich Regisseur Roger Vontobel im gelben Wuppertal-Solidarität-T-Shirt. Die Dresdner Schauspiel-Gesandtschaft hatte es frisch von der Wuppertaler Protestaktion mitgebracht. Fand ich gut.

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos"  (Fotos: cd)

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos" (Fotos: cd)

Nach der Vorstellung, die bis zwanzig nach elf ging (die Sommerzeitumstellung mit einkalkuliert, war es fast schon halb eins -- so viel zu den Arbeitszeiten einer Theaterkritikerin!), also nach der Vorstellung lief ich dem Intendanten Wilfried Schulz über den Weg. Der trug einen Wuppertal-Solidaritäts-Button -- und außerdem von der linken Schulter bis zum Arm einen nicht zu übersehenden Klettschienenverband. Was für ein Kämpfer! Sah aus, als wäre er selber bei der Wuppertaler Demo dabei gewesen und hätte sich dort ganz schön ins Zeug gelegt, ja regelrecht fürs Theater geschlagen.

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Nein, so weit ist es natürlich nicht gekommen. Er ist beim Skifahren gestürzt, der Arme. Letzter Tag, letzte Abfahrt, alles schon gepackt, Auto stand abfahrbereit, einmal noch rauf … und dann das: Trümmerbruch. Schulz, dieser wirklich nette Mensch mit dem lustigen Kiebich-Gesicht, legt auch bei dieser Unglücksschilderung einen milden Ton und sein immer so freundlich scheues Lächeln auf. Diese deutschen Intendanten! Hart im Nehmen sind sie ja schon. Einfach nicht kleinzukriegen.

Wäre doch gelacht, wenn mit denen der Kampf gegen den Theatertod nicht zu gewinnen wäre.

21.12.09 | 16:01 | Geht doch! | Kommentare 0 Kommentare

Weihnachtspost von Schlingensief

Frohe Botschaft von Christoph Schlingensief: Der krebskranke Regisseur ist, den Umständen entsprechend, bei guter Verfassung. Und glücklich ist er auch, hat er doch endlich, nach langer Suche,  in Burkina Faso den Ort gefunden, an dem sein Projekt “Ein Festspielhaus in Afrika” realisiert werden soll.

Hier sein Weihnachtsbrief, den er über das Goethe-Institut veröffentlichen ließ:

Liebe Freundinnen und Freunde des Operndorfes in Burkina Faso!

Es ist soweit, im Januar 2010 beginnt der Bau des Operndorfs in Burkina Faso. Die dortige Regierung hat uns ein wunderbares, spirituell aufgeladenes Gelände von 6 ha Größe übergeben. Mein Freund Francis Kere aus Burkina Faso hat die Pläne fertig gestellt. Er benutzt einheimische Materialien. Viele Freiwillige aus Burkina Faso sorgen für die Realisierung. Zunächst wird die Schule gebaut für 500 Kinder und Jugendliche, mit der Besonderheit, dass es Film- und Musikklassen gibt. Der Theatersaal, von der Ruhrtriennale gestiftet, ist bereits in Containern verpackt auf dem Weg zur Verschiffung. Die Weihnachtszeit ist für mich in diesem Jahr wirklich eine fröhliche Zeit, zumal auch meine Medikamente zur Zeit prächtig wirken und die Metastasen im verbliebenen rechten Lungenflügel zum Verschwinden gebracht haben. Wir haben Spenden bekommen, die nicht nur den Bau des Operndorfes ermöglichen, sondern auch seinen Betrieb für eine gute Weile absichern können. Ich danke dem ehemaligen Außenminister, dem Goethe-Institut, der Kulturstiftung des Bundes, Henning Mankell als Helfer der ersten Stunde, Herbert Grönemeyer, Roland Emmerich und vielen anderen für ihre unglaublich großzügige Unterstützung, und nicht zuletzt danke ich auch der Agentur Jung von Matt und der Wochenzeitung “Die Zeit”, die uns die Weihnachtsausgabe ihres gesamten Feuilletons zur Verfügung gestellt hat, das am 22. Dezember erscheint und umfassende Informationen enthält über Anfänge, Gründe und Hintergründe unseres Projekts.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest!
Ihr Christoph Schlingensief

Mehr zu “Ein Festspielhaus in Afrika” und die Möglichkeit, das Projekt mit einer Spende zu unterstützen, unter www.festspielhaus-afrika.de