21.11.09 | 01:30 | Fernsehkultur | Kommentare 1 Kommentar

Anne Tismer bei Harald Schmidt

Ist ja schon sehr cool, wie unerschrocken und von keinem Quotendruck beunruhigt Harald Schmidt gegen alle Populärfernsehgesetze Theaterleute in seine Show lädt, um kollegial mit ihnen zu fachsimpeln -- auf Augenhöhe, versteht sich, er ist inzwischen ja selber Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Stuttgart. Neulich war der Schauspieler Ulrich Matthes bei ihm zu Gast, und sie redeten so selbstverständlich über den verstorbenen Jürgen Gosch, als sei dieser auch außerhalb der Theaterszene jener berühmte Regiemeister, als der er in der deutschsprachigen Bühnenlandschaft verehrt wurde -- und als der er fehlt.

Und nun also Anne Tismer, die jetzt bei Schmidt überhaupt zum ersten Mal in einer Fernsehtalkshow auftrat. Ich fürchtete ja erst, sie würde in ihrer immer sehr ungeschützten, manchmal so zerbrechlich und kindlich naiv wirkenden, völlig fernsehstaruntauglichen, masseninkompatiblen, für die meisten wohl etwas durchgeknallten Künstlerinnenart ausgestellt und vorgeführt werden. Aber auch wenn man ihr die TV-Unerfahrenheit natürlich anmerkte, und zwar bis hinein in ihr glucksendes Kinderlachen, schlug sich Tismer wacker: einfach durch Authentizität. Dazu gehörte, dass sie von selber gleich mal einräumte, dass sie “eine leichte Form von Asperger” habe, also eine Form von Autismus, und dass sie deshalb oft “nicht so viel mitkriege” und alles “wie unter einer Glasglocke” erlebe, auch bei Proben und auf der Bühne. Es gäbe dann durchaus Kritik von den Kollegen, aber diese Kritik, sagte Anne Tismer, die verstehe sie oft gar nicht -- oder erst ein paar Jahre später. Aber Barack Obama müsse ja auch viel Kritik einstecken. Na dann …

Das Gespräch gibt es inzwischen als Video auf YouTube:

Die Theaterprobe, die Anne Tismer dann mit einem leidenschaftlich furzend sich ins Zeug werfenden Harald Schmidt aufführte (“Hitlerine in der afrikanischen Wüste”), hat mich aber, bei aller Liebe, wirklich abgehängt. Voll strange. Schwer zu sagen, worum es da -- außer um einen vollgekackten Jeep -- ging und wo der tote Fötus mit Nabelschnur herkam. Tja, und lustig war Schmidts Performance als Ameise auch nicht. Aber sehen Sie selbst:

Tismers “Hitlerine” hat am 31. Januar in der Berliner Volksbühne Premiere. Hier ein Link auf Anne Tismers Website, wo man sich einen Reim machen kann auf ihre Arbeitsphilosophie:

ich fang so an eine sache zu schreiben
von so themen die mich interessieren
oder wo ich nicht mit zurande komm
und dann bau ich mir noch zeug dazu
damit ich das bildlich vor mir habe
und dann stell ich das alles zusammen auf
manchmal alleine und manchmal mit burkart
und manchmal mit den andern von “gutestun”
und manchmal in lomé mit meinen freunden da
und dann wurschtel ich da so rum
und geh durch alles immer wieder durch
bis ich das kann und die andern auch
und so kommt das dann zustande

(anne tismer)

13.11.09 | 23:15 | Fernsehkultur | Kommentare 0 Kommentare

Stürmen und drängen

“Ich hab mich verliebt. Das Leben hat einen Sinn.”

Hach, das sind Sätze … Glücklich, wer sie sprechen kann! So wie Goethes Werther, der am Mittwoch bei 3sat in der modernen Gestalt von Stefan Konarske so himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt seiner Lotte hinterherschmachtete. Eine ganze Woche lang hat der Sender im Verbund mit dem ZDF-Theaterkanal den Programmschwerpunkt “Sturm und Drang” angesetzt: “Die jungen Wilden des 18. Jahrhunderts” -- und ihre Strahlkraft auf die Hormonberauschten der Gegenwart. Soll´s ja tatsächlich noch geben.

Leander Haußmanns supergefühlspathetische Verfilmung von “Kabale und Liebe” aus dem Schillerjahr 2005 war da zum Beispiel noch mal zu sehen -- sehr passend zu den Geburtstagsfeierlichkeiten dieser Woche, denn wir haben ja schon wieder Schillerjahr. Das bürgerliche Trauerspiel als echter Schmachtfetzen á la “Shakespeare in Love”: ein Film im pochenden Rhythmus der Herzen, großartig besetzt mit dem immer so herrlich übernächtigten August Diehl (als Giftlimomischer Ferdinand), der engelsholden Paula Kalenberg (Luise), einem sagenhaft verdrucksten Detlev Buck (fieser Wurm) und wem nicht alles von Götz George bis Katja Flint … Herrje, und dazu dieser hemmungslos romantische Soundtrack -- wer sich dieser Manipulation entziehen kann, muss ein herzloser Philister sein. Oder gar ein Philologe.

Die Entdeckung dieser Reihe aber war für mich der junge Schauspieler Barnaby Metschurat in “Lenz”, einer Neuverfilmung der Büchner-Novelle von Andreas Morell, ins Heute übertragen von Thomas Wendrich. Sehr ambitionierte Angelegenheit, mit Flashbacks, Brüchen, surrealen Sequenzen. Wie traumverloren und irre leuchtend Barnaby Metschurat hier den Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz spielt … das ist groß. Wie selig er manchmal lächelt -- oder ist sein Lächeln meschugge? Irgendwas zwischendrin. Denn einerseits ist dieser Lenz total durchgeknallt, andererseits einfach nur (und pur) das, was er einen “Sternengucker” nennt: “mit dem Gesicht zum Himmel”.

Die “Sturm und Drang”-Reihe stürmt morgen, also Samstag, mit “Annettes DaschSalon” ihrem Ende zu (22.50 Uhr): eine Aufzeichnung aus dem Berliner Radialsystem, wo die Sopranistin Annette Dasch seit zwei Jahren regelmäßig ihren Liedersalon veranstaltet. Ihre Gäste diesmal zum Thema Freiheit: Schauspielerin Julia Jentsch, Bassbariton Thomas Quasthoff, Sängerin Celina Bostic. Könnte man ja mal reinschauen. Soll zumindest musikalisch sehr ergiebig sein. — Dazu fällt mir Orsino ein, aus Shakespeares “Was ihr wollt”:

“Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter! Gebt mir volles Maß! Dass so die übersatte Lust erkrank’ und sterbe.” -- Hach, ja …

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