07.08.11 | 22:45 | Ausgezeichnet! | Fernsehkultur | Glückwunsch! | Kommentare 12 Kommentare

“Schuldig!” – Laudatio von Hans Well auf Dieter Wieland

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis: Urkunde, Medaille & 5000 Euro Preisgeld.          (Alle Fotos: von mir)

Dokumentarfilmer Dieter Wieland (rechts) erhält vom Bezirkstagspräsidenten Josef Mederer den Oberbayerischen Kulturpreis, als da wären: Urkunde, Medaille und 5000 Euro. (Alle Fotos: von mir)

Hier nun also, wie vorangehend angekündigt und mit freundlicher Genehmigung des geschätzten Autors, die Laudatio von Hans Well (“Biermösl Blosn”) auf seinen guten alten Freund, den Autor, Journalisten und Dokumentarfilmer Dieter Wieland (Jahrgang 1937), Kämpfer gegen Landschaftsverschandelung,​ Begradigung und Verödung, der Schrecken aller Flurbereinigugsapologeten, bekannt für Sendereihen (meistens für den Bayerischen Rundfunk) wie “Topographie”, “Bauen und Bewahren”, “Die große Kunst, ein kleines Haus zu bauen” oder “Hauslandschaften”. 

 

Er is schuld!

Ich kann`s nicht anders sagen, dieser Preisträger hat sich schuldig gemacht, dass ich durch keine Landschaft oder Dörfer mehr fahren kann, ohne meine Mitfahrer durch permanente Hinweise auf schöne, alte, meistens verfallende Häuser zu nerven, dass ich unter seinem Einfluss denkmalgeschützte Häuser hergerichtet und dabei Weib und Kinder vernachlässigt hab, dass ich in Abbruchhäusern unter teils lebensgefährlichen Umständen beim Ausbau alter Türen, Fensterbeschläge, Balken, Bodenbretter herumgekraxelt bin. Er ist schuld daran, dass der BR wegen des durch ihn inspirierten Baywa-Liedes zehn Jahre ohne uns Biermösl senden musste , schuld, dass ich mich im Gegensatz zur Mehrheit meiner Klasse nicht für die Lehren von Mao oder Lenin, sondern für die Auswirkungen der Flurbereinigung interessiert hab, dass ich heute morgen gegen meine Natur um 8 Uhr aufgestanden bin für einen Veranstalter, wo ich normalerweis nie und nimmer . . .  na ja, ich bin zwar nicht nachtragend, aber vergessen tu ich auch nix, er is schuld, dass Edeka in meiner Heimatgemeinde Türkenfeld . . .

„I hob ma de ganze Zeit denkt, woher kenn i bloß de Stimm! Jetz woaß i´s wieda!“

Zum Auftakt seiner Rede gibt Hans Well ein biermösltypisches Gstanzl zum besten - eingangs trompetend begleitend von seinem Sohn Lukas, der sich "leider im Stimmbruch befindet, der Sauhund", weshalb er den kritisch-stimmlichen Part ganz dem Vater überlassen musste.

Zum Auftakt seiner Rede gibt Hans Well ein biermösltypisches Gstanzl zum besten - trompetend begleitet von seinem Sohn Lukas, der sich "leider im Stimmbruch befindet, der Sauhund", weshalb er den kritisch-stimmlichen Part ganz dem Vater überlassen musste.

Dieses Heureka einer Kellnerin im vollbesetzten Saal des Unterwirts  zu Türkenfeld nach seinem Plädoyer gegen die Außenansiedlung eines Edeka-Supermarktes „vor Ort“ sagt viel über den Wirkungsradius von Dieter Wieland. Seine wohlklingende Stimme aus dem Fernseh-Off, vor allem aber die Wortgewalt, mit der dieser Abraham de Santa Clara bayerischer Architektur und Heimatpflege gegen die Flurbereinigung traditioneller Kulturräume und die Unkultur von Kitsch und Einheitsbaustil zu Felde zog und dabei den Begriff Heimat entstaubte, sprach alle sozialen, Bildungs- und Altersschichten an.

Einem breiten Fernsehpublikum bekannt wurde Dieter Wieland 1972 durch die Sendereihe „Topographien“ mit so provokanten Titeln wie „Unser Dorf soll hässlicher werden“, später „Bauen und Bewahren“. Filme wie der über das Isental schufen ein Bewusstsein für den Verlust von Heimat zu einer Zeit, in der für die Begradigung von Bächen und Landschaft zur Flurbereinigung mehr Sprengstoff verbraucht wurde als für die gesamte Bundeswehr.

Seine ca. 180 Filme sind der Beweis, dass höchstes Niveau höchsten Einschaltquoten keineswegs widersprechen muss. Seine Publikationen sind längst Standartwerke nostalgieferner traditionsbewusster moderner Heimatpflege. Wegen der starken Nachfrage entschied sich das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz bei der Denkmalbroschüre „Bauen und Bewahren auf dem Lande“ , die 1978 erstmals erschienen war, 2003 in der inzwischen 10. Neuauflage! Ohne Übertreibung kann man sagen, dass mit ihm heute einer der bedeutendsten Bayern der letzten 50 Jahre geehrt wird.

Dabei wurde Dieter Wieland am 16. März 1937 in Berlin Dahlem geboren.  Dieses kleine biographische Missgeschick korrigierte die Vorsehung allerdings fundamental durch eine Kindheit und Jugend in Landshut. Nach dem Abitur ´56 in München und dem Studium der Bayrischen Landesgeschichte sowie der Neueren Geschichte und Kunstgeschichte an der Uni München betätigte er sich ab 1964 hauptsächlich als freier Autor und Fernsehregisseur beim BR, ein Glücksfall für die Zuschauer dieses Senders.

Laudator Hans Well von den "Biermösl Blosn"

Laudator Hans Well von den "Biermösl Blosn"

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ausgestorben in den 70ern die Dorfstraßen waren, wenn eine seiner “Topographien” lief. Wie sich Bauerngärten nach einer Sendung zu diesem Thema in mit traditionell gefertigten Zäunen umgebene blühende Oasen wandelten, alte Häuser – vorher als “oids Glump” missachtet – wieder hergerichtet wurden. Mit seinen Filmen und Schriften, die nie besserwisserisch belehrten, sondern mit Beispielen überzeugten, hielt dieser Mann die kulturelle Zerstörung bayrischer Lebensräume vorübergehend auf.

Sprossenfenster, Haustüren, einheimische Baumsorten, mäandernde Bäche hatten auf einmal wieder ihren Wert. Die Langweiligkeit des akurat Geraden, die feindselige Schärfe eckiger Putzkanten, die Hässlichkeit drahtgeriffelter Aluminiumhaustüren – es fiel einem wie Schuppen von den Augen. Seine Gegenüberstellung von Bildern stimmiger Häuser mit verhunzten Alt- oder Neubauten, unterlegt mit Sätzen von präziser Wucht, schlugen ein.

Beispielhaft der lakonische Kommentar zum Bild eines eternitversauten Wirtshauses: „Aus alt mach neu. Aus echt mach Synthetik. Gesims weg. Verzierung weg. Proportion und Baukörper weg. Eingesargt!“

Die „Renovierung“ alter Häuser mit  großen, gleich leeren Augenhöhlen in die Fassade gestanzten Fenstern und Türen aus Aluprofilen nennt er „Hausschlachtung“! Viele seiner Formulierungen gängiger Bausünden wie der Glasbaustein-„Harakirischlitz“, der  „Warzenputz“, die „Bajonettbepflanzung“ mit Blautannen und Koniferen wurden Volksgut. Auf einmal genierte man sich für seine Plastikzäune oder Waschbetontröge, „den Grünersatz in Dosen“ vor dem Haus, sah ihre Schäbigkeit, entwickelte wieder ein Selbstbewusstsein für traditionell Gewachsenes.

Die Medaille mit dem Wappen des Bezirks Oberbayern

Die Medaille mit dem Wappen des Bezirks Oberbayern

Seine Arbeit wirkte in der Bevölkerung, man diskutierte in Wirtshäusern über seine Sendungen. Weniger Erfolg allerdings hatte er bei Politik und Baubehörden, den Keimzellen der normativen Kraft des Faktischen. Schon vor 30 Jahren warnte Dieter Wieland in der Denkmalbroschüre „Bauen und Bewahren auf dem Lande vor dem gleichen Schicksal der Dörfer, wie es den Städten widerfahren war. Zitat:

Städte haben wir verpfuscht. Was gut war an Ihnen ,das kompakte Nebeneinander von Wohnen, Geschäft und Gewerbe -die Stadt der kurzen Wege,  die haben wir zerschlagen, …autogerecht zerhackt und mit Monotonie und Gesichtslosigkeit, mit überall gleichen Kaufhäusern, Bankhäusern, Parkhäusern aufgefüllt.“ Und von dort aus „…wuchern Geschwüre von Vorstädten, Schlafstätten, Satellitenstädten hinaus über Dörfer, Wiesen und Felder. Siedlingsbrei ohne Form und Format, ohne Ziel und Ende. Behausungen, Fabriken, Supermärkte, alle gleich lieblos, hässlich und kalt…“

Logisch: so eine neue Heimat braucht große Straßen und Flughäfen und Ersatzdrogen wie den Musikantenstadl oder Hansi Hinterseerkitsch, um ihrer Trostlosigkeit zu entfliehen und Museen, in denen die Überreste von Heimat aufgebahrt werden.

Das Ehepaar Wieland lauscht der Laudatio von Hans Well, einem langjährigen Freund der Familie.

Das Ehepaar Wieland lauscht der Laudatio von Hans Well, einem langjährigen Freund der Familie.

Seit Mitte der 90er Jahre sieht man Dieter Wieland selten im FS, seine Sendungen werden kaum wiederholt. Und das hat Folgen: nicht bloß die von „Dahoam is Dahoam“, sondern vor allem in der ungebremsten Vandalisierung unseres Kultur- und Lebensraumes, die von den Profiteuren genormter 0815-Baukultur + ihren politischen Handlangern wie Zeil oder Bocklet z. B. über den neuen Landesentwicklungsplan vorangetrieben wird. All die Lidl, Media Märkte, Praktiker, XXLutz, Obi und Co haben inzwischen längst die Legislative übernommen, bestimmen, wo und wie gebaut wird, und die Politik opfert ihnen die schönsten Filetstücke unseres Landes. Weithin sichtbar wie am Irschenberg der MacDonalds. Jede Gemeinde konkurriert mit der nächsten um Gewerbesteuer, flächendeckend.

Im Vorwort zur Neuauflage der Broschüre „Gebaute Lebensräume“, die 2009 erschien, beschreibt Dieter Wieland die landauf landab sichtbaren Folgen: „Es wurde nicht mit Bedacht geplant, sondern mit Subventionen geklotzt. Diskounterketten, Baumärkte, Möblhäuser, Outlets . . . nagelneue Einfamilienwüsten . . . Die Altstädte hängen heute am Tropf . . . Dazu ein Städtebau, der Energie geradezu verschleudert. Ein Flächenverbrauch wie nie zuvor. Mit alptraumhaften Konsequenzen für Umwelt, Klima und Ressourcen.“

Bitteres Resümee für jemand, der schon 30 Jahre vorher bei der Erstauflage der Broschüre gewarnt hatte: „Ein Kahlschlag geht durchs Land. Begradigung. Bereinigung. Erschließung. Neuordnung. Verordnung. Verödung. Das Land wird hergerichtet, abgerichtet, hingerichtet. Am Ende bleibt nur das Korsett des öden Rasters. Der Triumpf des rechten Winkels. Serienlandschaft.“

Dieter Wieland (re.) mit dem anderen Preisträger, dem Regisseur Christian Stückl.

Dieter Wieland mit dem anderen Preisträger, dem Regisseur Christian Stückl.

Während meines Engagements gegen die Edeka Planung „vor Ort“ in Türkenfeld hatte ich das Vergnügen, den Geschäftsführer des Planungsverbandes München Christian Breu kennenzulernen. Als er mir weismachen wollte, der spornartige Auswuchs von Edeka auf den Endmoränenhügel vor Türkenfeld stelle eine Verschönerung des Orts-und Landschaftsbildes dar, bekam ich eine Ahnung davon, wie frustrierend es für Dieter Wieland sein muss, unsere Heimat bei solchen Koryphäen aufgehoben zu wissen. Was nützen schließlich die besten Gesetze und Dorf-Entwicklungsprogramme (die er ja stark geprägt hat), wenn Regierung,  bürokratische Gschwollschädl und gewerbesteuergeile Kommunalpolitiker sie ignorieren. Wenn dieselben, welche die  Autobahn durchs Isental gerade genehmigt haben, also das bayr. Kabinett,  fünf Minuten später scheinheilig den Flächenverbrauch in Bayern beklagen.

Legendär die Begründung des Innenministers Hermann zum Bau der Isentalautobahn: „Juristisch ist diese Autobahn völlig in Ordnung“. Die sofortige Suspendierung dieses Ministers nach so einer Blödheit allerdings ist offenkundig juristisch völlig in Unordnung.

Bayern verändert sich in nie dagewesener Weise, verkommt rasant zum gesichtslosen Gewerbemischgebiet. Das Gegenrezept zu dieser Katastrophe wird heute geehrt. Dieter Wieland ist ein Aufklärer und Volkspädagoge im besten Sinn, ein feiner Mensch, bescheiden, wie besonders kluge Menschen eben sind. Er ist ein Evoluzzer, zum Revoluzzer stand ihm wohl sein humanistisches Weltbild im Weg. Er ist ein sehr politischer Mensch der sich auch im Bund Naturschutz oder als Kreisrat einbringt.

Vor kurzem hab ich den Essay von Stephanie Hessel „Empört Euch!“ gelesen. Aus allen Schriften, Filmen und Ausstellungen wie „Grün kaputt“ von Dieter Wieland spricht dieselbe Forderung, sich zu empören. Dagegen, dass unsere Lebensräume weiterhin geplündert und verschandelt werden, dass eine skrupellose Politik unsere Heimat, Lebensqualität und Zukunft an Auto-, Bau- und Lebensmittelkonzerne verscherbelt.

Hans Well mit seiner Frau Sabeeka, die aus Indien stammt, genauer: aus Kolkata / Kalkutta

Hans Well mit seiner Frau Sabeeka, die aus Indien stammt, genauer: aus Kolkata / Kalkutta

Dieter Wieland hat nie Architektur studiert, aber er hat Architektur als Raum der Geborgenheit und des Sich-Wohlfühlens wieder vom Kopf auf bodenständige Füße gestellt. Am besten ehrt man ihn nicht nur mit Preisen, sondern indem man seine Thesen zur Maxime bayerischer Landesentwicklung macht. Könner wie er sind ein seltener Glücksfall. Es braucht viel Dieter Wieland im Fernsehen, in den Ämtern, Zeitungen, an den Schulen. Zeigt seine Filme, bekniet ihn, neue zu machen! Die Rettung des „Seidl Parks“ in Murnau beweist, welche Energie dieser Mann nach wie vor hat. Er muss mit seinen Werken wieder ins Bewusstsein der Gesellschaft, der jungen Leute, sonst verlieren wir uns noch ganz.

Übrigens : Edeka hat  seine Außenansiedlungspläne für Türkenfeld im Juni zurückgezogen. Das Prinzip Heimat, das Prinzip Dieter Wieland hat in diesem Fall gesiegt.

14.03.10 | 18:32 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Kommentare 0 Kommentare

Lena, twelve points

Lena, twelve points. Lena, douze points … Na, wer sagt´s denn! Herzlichen Glückwunsch, liebe Lena. Dann vertrete uns mal schön charmant und keck-prägnant in Oslo und gib uns wieder ein bisschen Stolz zurück! Beim Eurovision Song Contest musste man sich zuletzt ja nur noch für sein Land schämen. Das war schon nicht mehr zum Aushalten … Dieses Jahr am 29. Mai sind wir aber wieder dabei, versprochen! Und drücken für “Satellite” auch die Daumen. Schlecht ist der Song ja nicht, wenn auch nicht so unverwechselbar speziell wie seine Interpretin.

Das Schöne an Lena ist ja, dass sie so eigenwillig ist -- keines von diesen glatten 0-8-15-Glamour-Sternchen, wie man sie bei DSDS und auch sonst so gern in den Fernsehshows züchtet und protegiert. Lena hat Kopf und Charakter, zumindest wirkt sie so -- wie eine junge Frau mit Persönlichkeit (und bald auch mit Abitur). Schon die eher exzentrische Auswahl ihrer Songs war immer was Besonderes. Ihr Styling: stilvoll individueller Kreativ-Chic, nicht vordergründig auf Sex-Appeal und Primärreize ausgerichtet. Sie wirkt keck, cool, selbstbewusst, weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen. Sie ist keine von diesen hochgeschminkten Kreisch- und “I love you all”-Lieseln, die auf Big Star machen und ihre Idole eilfertig kopieren. Sie ist Lena Meyer-Landrut, Meyer mit “ey” (auch wenn sie aussieht wie die kleine Schwester von Nora Tschirner). Sie kommt aus Hannover und kann einen kuriosen British-English-Suburb-Akzent, mit dem singend zu kokettieren ihr hörbar Spaß macht. Überhaupt singt sie sehr kapriziös. Sie ist, kurzum, schon sehr bezaubernd, und sie versteht es, mit dieser originellen Kombi ein ziemlich breites Publikum zu mobilisieren, darunter, so denk´ ich mal, durchaus auch eine weniger fernsehaffine Kultur- und Intellektuellen-Klientel.

Schämen muss man sich am 29. Mai jedenfalls nicht für unseren Star aus Deutschland. Damit ist schon mal viel Land gewonnen.

Nachtrag vom 15.03, 15.35 Uhr:

Wie die Nachrichtenagentur ddp soeben meldet, hat Lena einen neuen
Charts-Rekord aufgestellt. Noch nie verkaufte sich nach Angaben von
Media Control ein Musik-Download innerhalb von drei Tagen so oft wie
das Siegerlied „Satellite“, mit dem die 18-Jährige in Oslo antreten wird.  Zwischen Freitag und Sonntag verkaufte sich „Satellite“ demnach mehr als doppelt so häufig wie Lenas zweiter (eigentlich ja besserer) Song „Love Me“.  Beide Songs machten zusammengerechnet fast die
Hälfte aller Top-Ten-Verkäufe bei den Download-Singles aus. Respekt!

06.03.10 | 02:10 | Fernsehkultur | Kommentare 4 Kommentare

Birgit Minichmayr bei Harald Schmidt

Habe vorhin die Wiederholung der Harald Schmidt Show vom Donnerstag gesehen. Zu Gast diesmal: die Schauspielerin Birgit Minichmayr, deren Film “Alle anderen” (Regie: Maren Ade) jetzt auf DVD erscheint -- das war der Anlass. Toller Film übrigens, mit subkutaner Wirkung, auch Minichmayrs Filmpartner Lars Eidinger ist darin super.

Auftritt Birgit Minichmayr: pumuckelig, mit rotem, zausigem Wellenhaar, royalblauem Seidenkleid, Signalmund im blassen Gesicht -- sehr stark geschminkt. Schmidt, in aufrichtiger Verehrung und mit fachkundig-interessiertem Eleven-Blick, lobt sie über den grünen Klee. Auf so viel Schmeichelei kann man als Gerühmter ja immer schlecht was sagen, genauso wie auf die Eingangsfrage: “Warum sind Sie eigentlich so gut?”

Schmidt lobt Minichmayr noch ein bisschen, für ihre Leichtigkeit in “Alle anderen” und überhaupt … und findet dann (mit echter, wirklich echter Bewunderung): “Auf dem Theater sind Sie mindestens noch toller!!!” Tja, da kann man als Schauspielerin nur geschmeichelt lächeln und sich bedanken und hoffen, dass jetzt mal ein Gespräch losgeht …  und das tut es dann auch. Birgit Minichmayr erzählt von dem Regisseur Klaus Michael Grüber, mit dem sie als Anfängerin unbedingt hatte arbeiten wollen -- was ihr natürlich, wie scheinbar alles bisher, gelungen ist. Und sie erzählt von Klaus Maria Brandauer, ihrem “Entdecker”, wie Schmidt ihn anführt.

Entdecker? Na ja, vielleicht nicht unbedingt Entdecker, signalisiert Minichmayr, aber: “Förderer, Mentor, wichtiger Wegbegleiter” -- und immer noch ein guter Freund. Minichmayr hatte ihn als Lehrer am Wiener Max-Reinhardt-Institut, KMB hatte das Ausnahmetalent der burschikosen Linzerin gleich erkannt. 2002 besetzte er sie als Ophelia in seiner “Hamlet”-Inszenierung am Burgtheater. Damals, bei den Proben in Wien, habe ich Birgit Minichmayr kennengelernt und sie für meine Brandauer-Biographie (“Die Kunst der Verführung”) auch interviewt: als ehemalige Schülerin, die begeistert von Brandauers “Religionsstunden” erzählte, von seinem Improvisationsunterricht, von der Art, wie er die Leute fordert, herausfordert, provoziert. Mit dem Hamlet Michael Maertens wurde sie damals übrigens auch privat ein Paar. 2006 war Birgit Minichmayr dann auch bei Brandauers Inszenierung der “Dreigroschenoper” im Berliner Admiralspalast dabei. Sie spielte die Polly und schlug sich in dem Debakel sehr wacker. Mit ihrem Mackie Messer alias Campino wurde sie damals auch privat ein Paar …

Aber zurück zu Schmidt. Minichmayr wird dieses Jahr bei den Salzburger Festspielen die neue Buhlschaft spielen und erzählte, dass sie sich schon mal darauf einstelle, “wie eine Mozartkugel behandelt und dauernd fotografiert” zu werden. Dabei sei sie nicht der Typ Schauspielerin, der bei jeder “Strumpfhosenshoperöffnung” oder “Krautfleckerl-Verkostung” dabei sein müsse. Lustig, wie bei dem Wort “Krautfleckerl-Verkostung” ihr breites Österreichisch durchkam -- das hat sie sonst aber inzwischen ganz gut im Griff. Und sollte sie etwa tatsächlich, wie letztes Jahr in einigen Interviews angekündigt, mit dem Rauchen aufgehört haben? Oder warum klang Minichmayrs sonst so kratzige Reibeisenstimme hier so zivil?

Sie haben dann noch über Frank Castorf und die Berliner Volksbühne geplaudert, wo die Minichmayr ja auch mal eine Zeit lang künstlerisch beheimatet war, bevor sie 2008 wieder an die Burg zurückkehrte. Sie rühmt das Volksbühnen-Ensemble als “autonom, sehr eigenständig, selbstbewusst”, das habe ihr gut gefallen: dass man da als Schauspieler “nicht so zum Material verkommt”.

Ein neuer Film ist vorerst offenbar nicht in Sicht. Birgit Minichmayr sagt, man merke hier die Auswirkungen der Krise: Sperrige Filmprojekte seien derzeit schwer zu finanzieren. Und sie nehme sich den Luxus heraus, auf die Projekte zu warten, die sie wirklich interessieren.

Das ist natürlich sehr sympathisch. Aber sie kann es sich ja auch leisten. -- “Genau!”, würde sie jetzt wohl sagen, so wie sie diesen Ausdruck der Zustimmung die ganze Zeit über in der Sendung gebraucht hat: “Genau!” Für jeden journalistischen Interviewer wäre so eine Dauergesprächsreaktion der Bejahung und Affirmation ein Armutszeugnis. Nicht für Harald Schmidt, denn bei ihm geht es im Gespräch um -- genau: Akklamation.

Siehe dazu hier den lustigen “Genau!-”-Zusammenschnitt auf YouTube:

“Ging ja schnell”, sagte Birgit Minichmayer am Ende sichtlich erleichtert (denn sie war natürlich aufgeregt, worüber ihre allzu betont lockere Schmollmund-Frische nicht hinwegtäuschen konnte). Es klang wie nach einem unerwartet schmerzfreien Zahnarztbesuch. Dabei zieht Harald Schmidt doch längst keine Zähne mehr. Vielmehr dürfen die Gäste sich freuen: Er schmiert ihnen Honig um den Mund.

16.02.10 | 23:00 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Kommentare 5 Kommentare

Lena nach Oslo!

Habe gerade auf Pro Sieben -- in grober Missachtung meines mir heute selbst auferlegten Fernsehverbots -- in Stefan Raabs Castingshow “Unser Star für Oslo” reingezappt. Und da bin ich auf ein absolut bezauberndes Wesen namens Lena Meyer-Landrut gestoßen, mit süßem Mini-Hängerchen und hochgesteckten Haaren -- eine Mischung aus Audrey Hepburn, Nora Tschirner, bisschen Björk und was sehr Eigenem. Mag sein, dass schon alle von ihr reden und nur ich wieder nichts mitbekommen habe. Jedenfalls haben mich der Song, mit dem die 18-Jährige auftrat, und ihre eigenwillig-charmante, angenehm DSDS-untypische Performance/ Erscheinung/ Interpretation spontan begeistert: “Diamond Dave” von The Bird and The Bee. Kannte ich überhaupt nicht … gleich bei YouTube gesucht. Zu hören hier:

P.S.: Ich habe erstmals bei so einer Castingshow eine sms geschickt: an die Nummer 40400. Mit dem Buchstaben “I” -- “I” stand für Lena!

12.02.10 | 13:15 | Dichtung & Wahrheit | Fernsehkultur | Literatur | Kommentare 20 Kommentare

Helene Hegemann bei Harald Schmidt

Das Copy & Paste-Genie Helene Hegemann war gestern bei Harald Schmidt (siehe “Eine kleine Nachtkritik” von Ruth Schneeberger). Hab´s leider verpasst, weil ich im Real Life unterwegs war. Aber man konnte es ja nachsehen auf der Website des Ersten. (Meistens gibt´s von den Gastauftritten ein Extra-Video. Hier nicht. Man muss die ganze Sendung aufrufen -- und dann vorspulen auf 31:15, da beginnt der Hegemann-Auftritt. Hier der Link -- das Video ist  leider nur bis zum 26. Februar verfügbar.)

Inzwischen kann man den Auftritt bei YouTube sehen, aufgeteilt auf zwei Videos:

Lustig -- nein, eigentlich doch eher peinlich, wie onkelhaft sich Harald Schmidt an die 17-Jährige ranschmeißt. Mit so einer altväterlichen, hyperaffirmativen Bewunderung und Ergebenheit (“Bist Du wirklich erst siebzehn?????”, fünf Fragezeichen in der säuselnden Stimme) … iiieh! Diese anbiedernde Lobhudelei. Und dazu dieser Teddybärblick! (Wahrscheinlich hat er die Tochter nur in die Sendung gekriegt, indem er Papa Hegemann, dem Dramaturgie-Intellektuellen,  absolute Freundlichkeit und Jugendschutz garantierte). Immer wieder nennt er Hegemann “sehr intelligent, sehr eloquent”, eine “extrem eloquente, sehr wache junge Frau” (Sie, geschmeichelt: “Findest du?”). Ja, findet er. Und er findet es auch “total sympathisch, wie du dich präsentierst”. Er schilt mit semidramatischer Übertreibung die Medien (“schlimm!”), und ob er mal sagen solle, wie er, Schmidt, “die Situation” einschätze? Nämlich so: Die “Literatur-Mafia” (sic!) brauche “dringend eine Nachfolgerin für Charlotte Roche, medientechnisch”. Als Helene Hegemann später sagt, sie sei so aufgeregt, witzelt Schmidt: “Du kannst froh sein, dass Du nicht bei Wetten dass bist, da würde der Moderator schon auf dir sitzen!” Ha ha, dabei sitzt er doch selber schon bei Hegemann auf dem Schoß, medientechnisch.

Helene Hegemann  (Foto: dpa)

Helene Hegemann (Foto: dpa)

Die betont forsche Helene ist indes sichtlich um ihr Erscheinungsbild bemüht. Rechts neben ihr scheint sich ein Monitor zu befinden, in dem sie sich selber sieht. In den blickt sie immer wieder wie in einen Spiegel und nestelt ständig an ihrem (betont ungekämmten) Haar rum -- das heißt: wenn sie nicht gerade (betont burschikos) die Arme in die Hüften stemmt. Schmidt macht sich über die Journalisten lustig, die in den Porträts über Hegemann immer von ihren Haaren schreiben. Aber das mit den Haaren hat, wie man hier sehr schön sehen kann, schon seinen berechtigten Grund (und auch Schmidt muss HH auffordern, die Haare bitte vom Mikro wegzunehmen). Das Mädchen selbst sagt: “Die Haare zeigen meine Stimmung an”, das sei in der Gestik (also an welcher Strähne sie wann zieht und so) “alles viel subtiler”, als man vielleicht vermute.

Na ja, sie ist halt doch noch ein Teenager, das darf man nicht vergessen. Auch wenn man natürlich über vieles, was sie da bei Schmidt im Gestus der Abgeklärten äußert (viel Hohles und viel Widersprüchliches, alles wortreich verpackt), schon ein bisschen spotten möchte. Etwa über ihre Gedächtnislücken, Passagen ihres eigenen Buches betreffend. Oder darüber, dass Schmidt sie beim Stichwort Giorgio Agamben (René Polleschs Lieblingsphilosophen, den sie naseweiß in ihrem Buch namedroppen lässt) völlig blank antraf -- was vielleicht sogar eine Falle war. Hegemann versuchte die aufziehende Peinlichkeit dann cool aufzufangen mit den Worten: “Du, also bitte, nicht hier …” *Grins* Sehr aufschlussreich auch, was sie über den Berliner Superclub Berghain zu sagen hat, das Zentrum der von ihr in “Axolotl Roadkill” beschriebenen Drogen-, Sex- und Partyrausch-Exzesse: “… also es hat ein Konzept meines Erachtens. Ich weiß nicht genau, was für eins, aber es ist irgendwie da …” Ah ja.

Den Spott kriegte bei Harald Schmidt der Blogger und Buchautor Airen ab, von dem Helene Hegemann so arg- und hemmungslos geklaut hat. In einem Interview-Sketch (“Wer schreibt von wem ab?”) vor Hegemanns Auftritt wurde Airen, der nach wie vor anonym bleiben will, selber als Plagiator vorgeführt (wahrscheinlich weil er in seinem Buch “Strobo” Ernst Jünger erwähnt und in seinem Blog mal ein Gedicht von Gottfried Benn zitiert). Mit verstellter Stimme und schwarzem Pappbalken vor dem Gesicht verhohnepiepelte der Stuttgarter Schauspieler Christian Brey (Schmidts Regisseur im Stuttgarter “Hamlet”-Musical) diesen Blogger, der hier unter dem Pseudo-Pseudonym “Ayran” firmiert, als einen unbedarften Literaturdieb, der sich frisch und frei aus berühmten Werken bedient. Etwa aus Kafkas “Die Verwandlung” (“Als Gregor Samsa aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seiner eigenen Kotze wieder”) oder aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf” (“Ich mache mir die Welt ficke-ficke wie sie mir gefällt”) oder aus einem berühmten Rilke-Gedicht (“Wer jetzt kein Berghain hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt nicht reinkommt, bleibt für immer draußen.”).  Auf diese Weise kam das -- im Gespräch mit der Abschreiberin freundlichst ausgeparte -- Thema Plagiat zumindest mal vor in dieser Hegemann-Feier-Sendung, wenn auch in absoluter Verdrehung des Tatbestandes unter dem Deckel der Satire.

Der wahre, angesichts des medialen Wirbelsturms um ihn herum erstaunlich gelassene Airen kommt heute (unbekannt bleibend) in einem Interview in der FAZ zu Wort. Lesenswert!

Unbedingt auch den darunter stehenden Zitate-Vergleich ansehen! Auch wenn da (für die zartbesaiteten FAZ-Leser) steht: “Warnung: Die Zitate sind teilweise sexuell sehr explizit und könnten die Gefühle der Leser verletzen …” Die Kollegen haben sich die Mühe gemacht, Hegemanns “Axolotl Roadkill” mit Airens Buch “Strobo” und seinem Blog parallel zu lesen -- und dann haben sie alle ähnlichen Stellen aufgelistet: von schamlos abgekupfert bis leicht abgeändert. Ganz schön eindrucksvolle Diebstahlsliste!  (Siehe dazu auch Deef Pirmasens, der in seinem Popkulturblog “Die Gefühlskonserve” die Plagiatsvorwürfe als erster geäußert hat). Im direkten Vergleich wird einem erst richtig klar, was sich die kleine Hegemann da buchstäblich herausgenommen hat. Wie sie sich nicht nur die Sprache eines anderen, sondern auch dessen Lebensgefühl, dessen Erfahrungen, dessen gelebtes Leben aneignet. Und das originalgeniehaft als was (literarisch) Eigenes ausgibt. Schon dreist. Mit dem Verweis auf “Intertextualität” und den Mashup-Praktiken im Internetzeitalter jedenfalls ist das nicht hinreichend zu rechtfertigen …

Wer erwartet haben sollte, die Textdiebin Hegemann würde den Fernsehauftritt nutzen, um sich mehr oder weniger zerknirscht zu entschuldigen oder ihre Sicht der Dinge klarzumachen, lag falsch. Dafür entschuldigt sich der Blogger Don Alphonso im Namen des Feuilltons “beim Internet” für das “komplette Versagen” des Kulturbetriebs, nachzulesen hier.

“Das ist kein Roman, das war mein Leben”, sagt Airen im FAZ-Interview. “Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt.” Er sagt das ohne Wut und Vorwürfe. Und er erzählt, dass er keinen seiner Texte nüchtern geschrieben habe, das Buch sei “im Rausch erlebt und im Rausch geschrieben” -- das musste irgendwie raus. “Was ich geschrieben habe, habe ich durchlitten.”

Hier der Trailer zu “Strobo -- Technoprosa aus dem Berghain”:

Ganz anders Helene Hegemann: Bevor sie schreibe, so erzählte sie bei Schmidt, gehe sie am liebsten erst mal joggen. Sie brauche da “gar nicht diesen Leidensdruck”. Gut, das zu hören. Frische Luft und Bewegung! Man hatte sich ja schon Sorgen gemacht um dieses womöglich heillos abgefuckte, den Drogen und Sünden der Nacht verfallene Dramaturgen-Kind. Die Arme hat nun zwar “den Glauben an seriöse Berichterstattung verloren” (“Es gibt da überhaupt keinen Zweifel für den Angeklagten!”) -- aber ansonsten gehe es ihr “hervorragend”. Aber irgendwie auch wieder nicht (“Ich bin vollkommen überfordert…”).

Jedenfalls: Wenn sie das alles “halbwegs überstanden” habe, dann werde sie wahrscheinlich zur Bundeswehr gehen. Sagte sie wirklich. Und das ist, bei näherer Betrachtung, vielleicht gar keine schlechte Idee: Bei der Bundeswehr kann sie für das nächste Buch jene harten Extremerfahrungen sammeln, die sie jetzt noch klauen musste. Rohe Schweineleber essen, saufen bis zum Umfallen … wenn sie da erst mal durch ist, schreibt sich das nächste Buch ganz von alleine.

27.01.10 | 17:35 | Fernsehkultur | Geht gar nicht | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Der Coco-Krieg: Leno vs. O´Brien

Zu den größten Merkwürdigkeiten des jungen Jahres 2010 gehört der Kampf des amerikanischen Fernsehgottes Jay Leno mit seinem Nachfolger Conan O´Brien. Kurz zusammengefasst: Nach mehrjährigen vertraglich abgesicherten Vorlauf hat O´Brien im Juni 2009 die “Tonight Show” übernommen, jene legendäre Talkshow, die angeblich Harald Schmidt inspiriert hat. Jay Leno bekam eine andere Sendung, und weil das alles insgesamt quotentechnisch suboptimal lief, ging es nach Weihnachten zur Sache und der Sender machte kurzen, aber lautstarken Prozess: Jay Leno ist wieder Jay Leno, und Conan O´Brien ist Geschichte, alles vollzogen unter reger medialer Anteilnahme und Boykottaufrufen (gegen Leno, die Coco-Fans sind irgendwie brachial). Wer die Details wissen will: Die Geschichte hat es inzwsichen zu einem eigenen Wikipedia gebracht – “2010 Tonight Show host and timeslot conflict”.
Ach, sind wir doch ein friedlich Fernsehvolk!! Vielleicht liegt es auch bloß daran, dass im deutschen Fernsehen keiner arbeitet, der solche Leidenschaften entfesselt, dass es eine echte Schlammschlacht gibt wegen einer….Fernsehsendung. Siehe hier.

15.01.10 | 01:15 | Fernsehkultur | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Thomas Thieme bei Harald Schmidt

Wie lasch war das denn? In der Reihe “Bekannte Theaterschauspieler bei Harald Schmidt” war gestern Abend Thomas Thieme zu Gast im Ersten. Theaterfan Schmidt, der am Ende gestand, Thieme noch nie auf der Bühne gesehen zu haben, wusste leider rein gar nichts mit dem hier völlig zahm (und auch optisch seriös, ganz ohne sein Baseballkäppi) auftretenden Extremschauspieler anzufangen. Thomas Thieme ist ein radikaler, alle hehre Verwandlungs- und Einfühlungskunst ablehnender Kraftschauspieler, der die Schauspielerei als Grenzüberschreitung, als körperlichen und sprachlichen Exzess betreibt. Nichts davon kam auch nur andeutungsweise in dieser Sendung herüber. Es gab nicht einmal einen Zuspieler, etwa aus Luk Percevals Inszenierung “Molière. Eine Passion”, der einen Eindruck von Thiemes Expressivität vermittelt hätte. Wie zum Beispiel hier:

Schmidt führte gar nicht erst ein Gespräch mit Thieme. Stattdessen bloße Terminabfragerei, völlig inhaltsleer: letzte Vorstellung (“Othello” am Schauspielhaus Hamburg -- Übernahme von den Münchner Kammerspielen), nächste Vorstellung (Berliner Schaubühne: “Tod eines Handlungsreisenden”), Hinweis auf den nächsten “Tatort” mit Thieme (31. Januar) und auf ein (namenloses) Projekt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, das noch gar nicht verhandelt ist … Na super. Immerhin erfuhr man, dass Thieme in dem fünfstündigen “Molière”-Projekt -- dem großen Sprach- und Testosteron-Exzess eines ordinären alten Sackes -- einen TELEPROMPTER als Textstütze benutzte. Da schau an!

Dazwischen unbeholfene, langweilige Laienfragen, die man bei einem Mann wie Schmidt, der selber Theater spielt, nicht erwartet hätte: Ob es nicht schwierig sei, einen Text aufzufrischen, wenn man das Stück lange nicht gespielt habe … (Antwort: “Nicht schwierig, weil man ihn gelernt hat.”) Oder: “Haben Sie Spaß am Theaterspielen?” (Antwort: “Hin und wieder. Ist differenzierter geworden im Alter, das muss ich Ihnen nicht sagen.”) Und ob das anders sei, wenn Thieme selber Regie führe; ob er da etwa -- grins -- zu den jungen Schauspielern auf der Probe gleich mal sage “Zieht Euch mal aus!”? (Antwort: “Sollte man so handhaben.”)

Dann erzählte Thieme noch ein bisschen was über sein Revolutionsprojekt “Büchner/Leipzig/Revolte”, das er letzten Herbst zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution am Centraltheater Leipzig leider mehr in den Sand gesetzt als stringent zugespitzt und szenisch ausformuliert hat, wobei er selber zugab, dass er da “irgendwie kurz vorm Ziel doch in erhebliche Schwierigkeiten geraten” sei. Doch was das Ziel war, worum es ihm, dem gebürtigen Weimarer, dabei ging und was ihn überhaupt antreibt -- das erfuhr man nicht. Wie es natürlich ohnehin schwierig ist, im Fernsehen über eine spezifische Theaterinszenierung zu sprechen, ohne etwas davon gesehen zu haben. Weshalb man sich schnell auf den ehemaligen Fußballprofi Jimmy Hartwig kaprizierte, der in Thiemes Revolutionsprojekt den Woyzeck spielte (was er, der Laie, übrigens super gemacht hat!).

Zu Thiemes Rolle als Altkanzler Helmut Kohl in der ZDF-Produktion “Der Mann aus der Pfalz” (ausgestrahlt im Oktober 2009) gab es von Schmidt zwar keinerlei Fragen, aber dafür eine mit Kohls Pfälzisch unterlegte, als “historisch wichtig” angekündigte Gerichtsszene, die angeblich aus dem Film herausgefallen sei: “Matula” Claus Theo Gärtner alias Heiner Geißler (hier in Polizeiuniform) wird darin schwer abgekanzelt. Ich hab die Komik nicht kapiert.

Direkt nach dem Zuspieler fragte Harald Schmidt seinen Gast, ob nach der Oscar-Verleihung noch so richtig gefeiert worden sei. Ähm … wie meinen? Die Überleitung hatte der müde Gastgeber glatt vergessen: Es ging jetzt nämlich um den oscarprämierten Film “Das Leben der Anderen”, in dem Thieme den bösen Kulturminister Hempf verkörperte.

Also, wer Thieme nicht kennt, der hat hier gar nichts kapiert. Und wer ihn kennt, wurde maßlos enttäuscht.

Kleiner Tipp für alle, die Thomas Thieme kennen lernen wollen: Nikolai Ebert liefert in dem Film “Thieme -- King of Pain” (2008), entstanden während der Proben zu “Molière. Eine Passion”, ein eindrucksvolles Porträt des Schauspielers. Ansonsten würde ich mal sagen: Erleben Sie Thomas Thieme ganz einfach im Theater! Zum Beispiel als Willy Loman in Arthur Millers “Tod eines Handlungsreisenden”, inszeniert von Luk Perceval an der Berliner Schaubühne (wieder heute, 15.01.), oder als ausgebrannten Berater in Falk Richters “Unter Eis”, ebenfalls an der Schaubühne (nächste Termine: 17.01., 05.02.).

12.01.10 | 17:46 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Kommentare 0 Kommentare

Die schönste Oper & die Superhymne

Zugegeben, ich habe die Wette verloren: Nicht Mozarts “Zauberflöte” hat das 3sat-Wettrennen um die “schönste Oper aller Zeiten” gemacht, sondern Verdis “La Traviata”. Die “Zauberflöte” führt als traditioneller Favorit der Deutschen zwar alle Opernspielpläne an, aber was ich nicht bedacht habe: Bei so einer TV-Chart-Show fällt natürlich ganz stark das, was gezeigt wird, ins Gewicht -- und da ist der Star- und Glamourfaktor, ja, auch der emotionale Faktor bei Verdis “La Traviata” doch sehr viel größer (und fernsehkompatibler) als bei der “Zauberflöte” -- zumal wenn, wie hier, Willy Deckers furiose Inszenierung für die Salzburger Festspiele aus dem Jahr 2005 ins Rennen geschickt wird: mit der fabelhaften Anna Netrebko und dem temperamentvollen, um nicht zu sagen: supersüßen Ronaldo Villazón. Was hier gewählt wurde, ist nicht zuletzt das schönste Operntraumpaar aller Zeiten.

Hier noch mal zum Reinhören und Sattsehen:

Die Finalshow selbst unter der Moderation des Stargeigers Daniel Hope konnte ich -- geburtstagsbedingt -- leider nicht sehen, habe aber nicht viel Rühmliches gehört. War es wirklich so grotesk, wie Freunde mir berichteten? Egal: Der Weg war das Ziel, und der hatte für alle Opernfreunde sein Gutes.

Zur selben Zeit, als Deutschland noch die Superoper suchte, präsentierte das Ruhrgebiet stolz seine neue Superhymne, komponiert, getextet und gesungen vom Pott-Barden Herbert Grönemeyer: “Komm zur Ruhr” -- der offizielle Bauchpinsel- und Wohlfühlsong zur Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Ruhr reimt sich darin verlässlich auf “ur”, aber auch auf “stur” und “Natur” -- fehlt eigentlich nur das Wort “Kultur”. Mit der Oper verbindet den Hymnus die orchestrale Begleitung und der Umstand, dass man den Text schwer versteht:

“Wo man nicht im Scheine ringt …???”  -  “Wo man gleich den Kern beleckt …???”  -  Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich versteh auch immer “schnackellos weil verliebt wetterfest …”  Und was hat es mit dieser Schaum(er)schlägerei auf sich?

Für alle Fälle: Hier der reine Wortlaut in aller Reimakrobatik, ohne Gesangsgenuschel. So weit, so ur … (tümlich):

Komm zur Ruhr

Wo ein rauhes Wort dich trägt,
weil dich hier kein Schaum erschlägt
wo man nicht dem Schein erliegt
weil man nur auf Sein was gibt.
Wo man gleich den Kern benennt
und das Kind beim Namen kennt
Von klarer offner Natur
Urverlässlich, sonnig stur
Leichter Schwur,
komm zur Ruhr
Schnörkellos ballverliebt wetterfest und schlicht
geradeaus, warm, treu und laut
hier das Leben da der Mensch, dicht an dicht
Jeder kommt für jeden auf, in Stahl gebaut.
Und der Hang, zum dürretrockenen Humor
Und der Gang, lässig und stark
Wer morgens verzagt hat’s mittags längst bereut
Es ist wie es ist, es wird Nacht und es wird Tag.
Wo ein rauhes Wort dich trägt,
weil dich hier kein Schaum erschlägt
wo man nicht dem Schein erliegt
weil man nur auf Sein was gibt.
Wo man gleich den Kern benennt
und das Kind beim Namen kennt
Von klarer offner Natur
Urverlässlich, sonnig stur
So weit so pur,
komm zur Ruhr.
Leute geben
Leute sehn
Sie bewegen
sie verstehn.
Alle vom Flussrevier
Dass der Rhein sich neu genießt
liegt an diesem Glücksgebiet
Alles fließt alles von hier
Wo ein Wort ohne Worte zählt,
Dir das Herz in die Arme fällt
Wo woher kein Thema ist
Man sich mischt und sich nicht misst
Wo man gleich den Kern benennt
und das Kind beim Namen kennt
Von klarer offner Natur
Urverlässlich, sonnig stur
Das ist Ruhr,
Seelenruhr
Von schwerverlässlicher Natur
Urverlässlich, sonnig, stur
So weit, so ur
Seelenruhr.
Ich mein ja nur
Komm zur Ruhr

28.12.09 | 12:17 | Fernsehkultur | Musikalitäten | Nicht verpassen | Kommentare 10 Kommentare

Die schönste Oper aller Zeiten

Persönliche Bestenlisten anzulegen, macht Spaß und durchaus auch Sinn, wie wir nicht erst seit Nick Hornbys Roman “High Fidelity” wissen. Egal, ob man seine „Top Five in Brüche gegangener Beziehungen“ festlegt, wie Hornbys Romanheld Rob Gordon, oder sich in leidenschaftlicher Selbstbefragung zu zehn Lieblingfilmen oder Lebensbüchern durchringt – es verlangt Entscheidungsfreude und Bekennertum, man muss Prioritäten setzen, und das schafft Ordnung im Herzen und im Hirn. Es kann natürlich auch in einen ultimativen Chartshow-Wahnsinn ausarten (“Die erfolgreichsten Cover-Songs/ Rock Classics/ Casting-Stars/ Grand-Prix-Songs/ Après-Ski-Hits/ Rock-Pop-Christmas-Songs etc. … aller Zeiten”), wie ihn etwa RTL seit Jahren in endlosschleifender Fortsetzungsbeliebigkeit betreibt.

Jetzt hat auch das Kulturfernsehen das Prinzip Hitparade entdeckt. Nachdem bereits ARTE 2008 den größten Dramatiker aller Zeiten wählen ließ (die Wahl fiel selbstverständlich auf Mister Shakespeare), zeigt 3sat im Verbund mit dem ZDFtheaterkanal “Die schönsten Opern aller Zeiten” – mit dem Ziel, die allerschönste zu küren. Es sei, so loben sich die Sender, “ein Schwerpunkt zum Thema Opern, wie es ihn in dieser Dichte und Qualität im Fernsehen noch nie gegeben hat”.

Zehn Opern, die in einer Vorauswahl per Zuschauerabstimmung ermittelt wurden, stehen zur Auswahl, als da wären:

Die zehn Werke werden zur Zeit auf 3sat, dem ZDFtheaterkanal und auf dem Kabelmusiksender Classica in verschiedenen Inszenierungen ausgestrahlt, davor gibt es jeweils eine Dokumentation zur Einführung in die entsprechende Oper. Bildungsfernsehen par excellence.

Wagners “Lohengrin” in der Inszenierung von Richard Jones an der Bayerischen Staatsoper machte am Samstag den Anfang, gefolgt von der Strauss-Oper “Der Rosenkavalier” am gestrigen Sonntag. Heute geht es weiter mit Beethovens “Fidelio” in einer Inszenierung von Pierluigi Pier’Alli (Valencia 2006). Musikalische Leitung: Zubin Mehta. Mit Peter Seiffert, Waltraud Meier, Matti Salminen. Erstausstrahlung auf 3sat um 20.15 Uhr.  Die Einführung beginnt um 19.20 Uhr.

Hier noch ein schneller Programmüberblick über die nächsten Operntermine auf 3sat:

Di, 29. 12.: Puccini “Tosca”

Mi, 30.12.: Verdi “Aida”

Fr, 01.01.: Mozart “Don Giovanni” (es handelt sich um Martin Kusejs Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 2006, mit Thomas Hampson und Christine Schäfer)

Sa, 02.01.: Puccini “La Bohème” (Robert Dornhelms empfehlenswerte Opernverfilmung mit Anna Netrebko und Rolando Villazón, hab ich neulich erst im TV gesehen)

So, 03.01.: Mozart “Die Zauberflöte”

Mo, 04.01.: Bizet “Carmen”

Di, 05.01.: Verdi “La Traviata” (Willy Deckers gerühmte Inszenierung für die Salzburger Festspiele 2005 – mit dem Operntraumpaar Netrebko und Villazón)

Die “schönste Oper aller Zeiten” wird in einer großen Finalshow am Samstag, den 9. Januar um 20.15 Uhr live in 3sat
ermittelt (Wiederholung am 10. Januar, 19.40 Uhr im ZDFtheaterkanal).  Abstimmen können Sie hier, wenn Sie auf das rote “Voting”-Fenster klicken.

Fragt sich nur, wie das Kritierium “schön” zu handhaben ist. Was macht eine Oper zur “schönsten”? Wenn sie, wie bei Mozart, viele Noten und einen märchenhaften Zauber oder wenn sie, wie bei Verdi, ein trauriges Frauenschicksal zum Thema (und am besten noch die Netrebko in der weiblichen Hauptrolle) hat? Zählen die Tränen, die man dabei unterdrückt oder die Arien zum Mitsummen? Ich will damit sagen: “Schön” ist als Wettbewerbs-Kriterium natürlich ein Quatsch, wir sind hier schließlich nicht bei einer Miss-Wahl. Es kann bei diesem Opern-Ranking allenfalls um Beliebtheit gehen.

Daher mein Tipp: Mozarts “Zauberflöte” wird das Rennen machen – vor Verdis “La Traviata”. Gemäß der Statistik des Deutschen Bühnenvereins war “Die Zauberflöte” im vergangenen Jahrzehnt die meistgespielte Oper in Deutschland und auch weltweit steht sie ganz oben auf der Beliebtheitsskala.

24.11.09 | 16:47 | Fernsehkultur | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Gênant

Rainer Brüderles Vorstoß zur Vermenungung von Kabarett und Politik (er steht, Schäuble sitzt, haha) in allen Ehren: Gemessen an den derzeitigen Élysée-Palast-Bewohnern total dilettantisch. So weit wie Carla Bruni und ihr Anhängsel muss man es erst einmal bringen, bis zu den ´Simpsons´ nämlich, siehe hier: http://www.dailymotion.com/video/xb7hmc_nicolas-sarkozy-et-carla-bruni-dans_news. Andere Länder, andere Verlegenheiten.

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