Erinnerung an Christoph Schlingensief (4): Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe!
“Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe” dürfte der erste Schlingensief-Theaterabend gewesen sein, den ich für die SZ besprochen habe. Erschienen ist die Kritik am 18. März 2002. Zur damaligen Zeit machte Schlingensief in der Volksbühnen-Kantine regelmäßig seinen “Talk 2000″. Das titelmäßig daran angelehnte “Quiz 3000″ – herausgekommen auf der großen Bühne – war ähnlich unstrukturiert und chaotisch; eine böse Wundenbohrerei in der jüngeren deutschen Geschichte auf Formatvorlage von Günther Jauchs “Wer wird Millionär?” (Himmel! Wie früh Schlingensief Fernsehmuster und Populär-Mechanismen durchschaut hatte und damit spielte!)
Der Abend war, genau betrachtet, extrem subversiv und politisch, aber weil Schlingensief – wie in seinen Anfängen ja noch viel mehr – so wuselnd, schwitzend und unperfekt war, so improvisatorisch, schalkhaft und, ich weiß auch nicht … so, als wolle er einen permanent verarschen, hat man das damals gar nicht in seiner ganzen Dimension und Dringlichkeit erkannt. Aber ich will jetzt im Nachhinein auch keine Beweihräucherung betreiben (obwohl Schlingensief wirklich lange Zeit total verkannt wurde. Ich selber war ihm gegenüber auch extrem skeptisch – zumindest, solange ich nur über seine Sachen gelesen bzw. ihn oder eine Show wie “Talk 2000″ nur im Fernsehen gesehen hatte … ich dachte, Mann, der ist so was von zynisch und mediengeil! So ein eitler Selbstdarsteller …).
Nun ja, deshalb hat es mich jetzt selber interessiert, wie und was ich in meiner ersten Kritik über ihn geschrieben habe … Ich weiß noch, ich war damals mit Jörg Burger, meinem Freund und Berufskollegen aus Bayreuther Volontariats-Zeiten, in der Volksbühne, und wir hatten so ein gutes Berliner Volkbühnen-Gefühl (das gab es damals ja noch): das Gefühl, jung und am Puls der Zeit und just dort zu sein, wo in dieser eingeschlafenen Republik tatsächlich mal was abgeht – ich meine künstlerisch, ja: avantgardistisch und gesellschaftskritisch betrachtet. So ein Theater wie das von Castorf & Co gab es ja nirgendwo sonst (schon gar nicht in München) – meine Güte, was für ein kreatives Sammelbecken! Das war schon sehr cool, um nicht zu sagen: richtig geil. Da fielen einem erst die Augen aus … und dann haben sich entsprechend – und nachhaltig – die Sehgewohnheiten geändert.
Es war eine Schule des (Um-)Denkens und des Sehens – ein Vorbereitungskursus für das neue Jahrtausend. Und Schlingensief war der lustigste, charmanteste, chaotischste Lehrer.
Ordnen Sie diese KZ von Nord nach Süd
Wissenwollen heißt Fragendürfen: Christoph Schlingensiefs “Quiz 3000” an der Berliner Volksbühne
Vielleicht muss man sich das Leben tatsächlich als ein einziges großes Quiz vorstellen. Und wir Menschen, wir sind die Kandidaten: werden vor Aufgaben gestellt, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, und kommen weiter, wenn wir die richtige Antwort finden. Das ganze Leben: ein Fragespiel. Ein heiteres Beruferaten. Was bin ich? Erkennen Sie die Melodie, und der große Preis ist heiß! Letztendlich sind die existenziellen Fragen der Menschheit – Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wer wird Millionär? – auch nichts anderes als die 500000-Euro-Hürden bei Günther Jauch. Wer sie schafft, sahnt ab. Die Mehrheit aber kommt gar nicht so weit, die scheitert schon bei 16 000, was im banalen Alltagsquiz ungefähr der Frage „Was ziehe ich heute an?” entspricht.
Das muss nicht automatisch heißen, dass die meisten Menschen, oder gar Deutschen, zu dumm sind. Das kann nämlich (schönen Gruß nach Pisa!) auch einfach nur bedeuten, dass man uns die falschen Fragen stellt – und zu viel Wert auf Antworten legt. Wo es im Leben doch nur darum geht, das Fragen zu lernen. Und es als Spiel zu betreiben: das Spiel vom Fragen – als Reise zu einem sonoreren Land. Denn schon in der Bibel steht geschrieben (oder war’s bei Handke?): Wer nicht gelernt hat zu fragen, dem wird auch nicht aufgetan. Oder so ähnlich.
Christoph Schlingensief, der Scheitern schon immer als Chance begriff, kommt nun im Outfit von Günther Jauch mit Fragen, die dieser nie zu stellen wagte. Fragen, die gar nicht unbedingt einer Antwort bedürfen, weil sie in sich selbst bereits ein Statement enthalten. Es sind unangenehme Fragen, unorthodoxe. Fragen, die im Amüsierbetrieb des Fernsehens keinen Platz haben und herausfallen aus dem Trivial-Pursuit-Kanon. Peinliche Fragen. Politisch eher defekt als korrekt. Fragen wie diese:
„Wozu wurde das Haar verwendet, das den Inhaftierten im KZ Auschwitz geschoren wurde?” A: Feuerung der Verbrennungsöfen, B: Teppich- und Sockenproduktion, C: Lärmdämmung in KZ-Praxen D: Fertigung von Rasierpinseln.
Der Kandidat, Sachbearbeiter im Brandschutz, ist etwas überfordert und zieht als „Joker” seinen Freund zu Rate. Dieser ist sich ganz sicher: „Aus den Haaren wurden Rasierpinsel gemacht.” Nein, das ist leider falsch, tönt der Moderator, und der Jauchsche Show-Jingle signalisiert dramatisch Fehlanzeige. Schade, Antwort B wäre richtig gewesen. Als der Freund des Kandidaten das kurz anzweifelt, fragt Christoph Schlingensief: „Leugnen Sie den Holocaust?” Nein, das natürlich nicht. Applaus. Abgang. Nächste Runde.
Willkommen bei “Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe!”, dem ultimativen Ratespiel zum deutschen Wissenswahn! Was Günther Jauch zu einem Mega-Erfolg im deutschen Fernsehen und einem Trend in der Gesellschaft machte – längst gilt er den Deutschen als ihr Klügster -, treibt Christoph Schlingensief, der Herzbube und agent provocateur des deutschen Theaters, an der Berliner Volksbühne auf die Spitze: Wenn schon Wissenwollen, dann richtig! Dann auch, bitteschön, Fragendürfen!
Schlingensief versteht sein Ratespiel – wie alle seine Aktionen – politisch. Seine Fragen behandeln Terror, Korruption, Gewalt und deutsche Vergangenheit. Welche Maße hatten die Stehzellen im KZ Auschwitz? („90 mal 90 Zentimeter. Die Antwort ist richtig!”) Wie viele kurdische Kriegsdienstverweigerer sind 2001 nach der Ausweisung aus Deutschland in der Türkei zu Tode gefoltert worden? („Neun ist leider falsch, es waren sieben!”) Wie viele Fotobildbände über den 11. September 2001 kommen auf einen Band über Bürgerkriegsopfer in Somalia? („Nicht vier, nicht neun, nicht 13, sondern, jawohl: 17!”)
Neun Euro für Afghanistan
Schlingensief fehlt es nicht am nötigen Zynismus, solche Fragen in die Showrituale der gängigen TV-Unterhaltung zu integrieren. Wie sein Volksbühnenprojekt „Talk 2000” ist auch “Quiz 3000″ banale Nachahmung und perfide Parodie von Fernsehrealität zugleich: affirmativ im Gestus, satirisch spitz nur in der Übertreibung, in Aussetzern, in der Verletzung der Norm.
Schlingensiefs Theater muss also selbst wie Fernsehen sein: aufgeregte Stimmung, wuselnde Kameraleute, blendende Spots. Es gibt ein Warming-up samt Jubel-Animation, Werbebanderolen für Unicef, Schneekoppe und Edeka, es gibt Show-Acts von Schorsch Kamerun und einer Gospel-Gruppe, Schlingensief selbst singt playback zwei Lieder von Rocco Schamoni, und sogar seine “Tochter” darf als Sängerin auftreten, obwohl sie noch üben muss. Es gibt 0190-Nummern für Anrufe und Spenden, und es fehlen auch nicht die obligatorischen Model- Assistentinnen in sexy Glitzerkostümen, gleich zehn, für jeden Kandidaten eine. Der Kameratrubel, im übrigen, ist echt: Die beiden Quiz-Abende werden aufgezeichnet vom „Offenen Kanal Berlin”, wo sie am 11. und 25. April zu sehen sind.
Gespielt wird in dem sakralen Bühnenbild, das Anna Viebrock für Christoph Marthalers „Zehn Gebote” gebaut hat: eine vergammelte Kirchenruine mit zwei Rundbögen; die Kandidaten – fast 300 Freiwillige wurden gecastet, zehn davon eingeladen – sitzen rechts auf Kirchenbänken. In der Mitte ein Tisch mit zwei Barhockern und zwei Computern: Zentrum des Frage- und Antwortspiels. Welcher Kandidat drankommt, entscheidet eine so genannte Ordnungsfrage. Da gilt es dann, Konzentrationslager von Nord nach Süd zu ordnen. Oder Bundeskanzler nach ihrem Bauchumfang. Oder Kriege nach der Zeit ihres Ausbruchs
Schlingensiefs Kandidaten schlagen sich wacker, reden viel – und blamieren sich so gut sie können. Die meisten meinen, sich selbst irgendwie politisch äußern zu müssen, wie die links engagierte Rentnerin, die gegen das Patriarchat wettert und sich auf eine falsche Antwort mit dem Satz herausredet: „Man erfährt ja nichts”. Der Philosophiestudent fliegt schon bei der ersten Frage raus und behauptet, man könne auch sehr gut ohne Antworten leben. Und der Bosnier, der seit 33 Jahren in Deutschland lebt, macht am zweiten Abend den Hauptgewinn: den gebrauchten Mercedes 350 SE, der in seiner grasgrünen Scheußlichkeit vor dem Eingang zur Volksbühne auf einem Sockel thront.
Wer eine Show hat, braucht Promis – als Joker, Paten und für die „Promi-Box”. Die kommen bei Schlingensief aus der C-Kategorie, allen voran der Berliner Playboy Rolf Eden, den schon bei „Talk 2000” seine Eitelkeit nicht davon abhielt, sich lächerlich zu machen. Oder die Sexualtante Helga Goetze, die für „Ficken – Lieben – Frieden” demonstriert.
Stargast ist die Schauspielerin Corinna Harfouch. Sie sammelt Geld für Afghanistan, im Auftrag von Unicef – und dass das kein Witz, sondern wirklich ernst zu nehmen ist, muss erst ausdrücklich betont werden, weil das ja immer der Knackpunkt bei Schlingensief-Abenden ist: dass man nie weiß, was der Kerl mit dem liebenswürdigen Lausbubengesicht ernst meint und was nicht. Zu vermuten steht ja, dass er in seinem “Quiz 3000″ vieles noch viel ernster meint, als wir je befürchten würden. Und dass wir ihm viel mehr zutrauen, als er eigentlich tut oder kann. Aber auch das ist Teil des Schlingensief-Fakes – und insofern fast schon wieder genialisch.
Am Ende des ersten Abends jedenfalls kommen für Afghanistan exakt neun Euro und 63 Cent zusammen. Die angekündigte Geldsammlung mit dem Klingelbeutel hatte Schlingensief glatt vergessen. Wie er als Moderator im grauen Günther- Jauch-Anzug (mit zusätzlicher Harald-Schmidt-Brille) überhaupt sehr un- konzentriert wirkt. Von wegen Pokerface oder Provokateur! Günther Jauch ist ein Teufelskerl dagegen. Zwar enthält sich Christoph Schlingensief nicht seiner politischen Kommentare, hackt auf Otto Schily ein und benennt Skandale, aber das kommt alles so müde und harmlos daher, dass am Ende vor allem eine Frage bleibt: die nach der Wirkkraft des einstigen Provokateurs Christoph Schlingensief.
CHRISTINE DÖSSEL


