22.12.09 | 14:41 | Kollegialitäten | Trouvaillen | Kommentare 0 Kommentare

Matusseks Suchtblogger-Dramolett

Matthias Matussek vom Spiegel ist ja im Grunde ein verhinderter Theaterkritiker. In seinem wöchentlichen Videoblog auf Spiegel online lebt er daher nicht nur sein kulturjournalistisches Ego, sondern vor allem auch seine Leidenschaft für die Bühne aus, die ihm die verhassten Ekel- und Regietheaterfritzen so oft vergällen. Diese Regie-Rabauken können ihn alle mal! In seinem Blog schafft Matussek seine eigenen, garantiert texttreuen Inszenierungen – mit sich selbst als Autor und Hauptdarsteller. Inzwischen ist er in der Kunst der Selbstinszenierung derart vorangeschritten, dass er seine Solonummern zu richtigen Einaktern ausbaut und dafür schon mal Nebendarsteller engagiert, welche er sogar zu Wort kommen lässt. Na ja, zumindest dann, wenn er glaubt, dass sie, wie BILD-Chef Kai Diekmann, seinem Format entsprechen. Mit dem aktuellen Video-Dramolett “Jahrestreffen der Anonymen Blogger” ist somit ein veritabler Schwank von ebenso selbstironischer wie zeit(ungs)diagnostischer Qualität entstanden.

Gekonnt spielt der Regisseur mit der Krankheit als Metapher, um gerade dadurch die Suchtblogger als die Superblogger und sich selbst als den Oberblogger zu entlarven – wobei Rollen-, Sitz-  und Textverteilung seiner ehrenwerten Herrenrunde keinen Zweifel daran lassen, dass es neben ihm, Matussek, allenfalls einen geben kann: BILD-Blogger Diekmann, dessen Redaktionskonferenzraum nicht von ungefähr als Bühnenbild dient. Dass er die Kollegen Harald Martenstein, Jan Fleischhauer, Alan Posener und Christoph Schwennicke dennoch als willige Statisten gewinnen konnte, indem er sie offensichtlich bei ihrem Alphatierrudelinstinkt zu packen wusste, spricht für Matusseks Besetzungskunst. Auch wie hier die Nichtrepräsentanz von Frauen kritisch unterlaufen und durch eine blonde Vorzeige-Sekretärin im amerikanischen Serienstil aufgefangen wird, muss man dem Stück als gendertechnische Volte anrechnen. Wäre natürlich noch ausbaufähig …

17.12.09 | 22:10 | Kollegialitäten | Musikalitäten | Nicht verpassen | Kommentare 0 Kommentare

Deadline!

Die Deadline ist für Journalisten gemeinhin ja ein Graus: sitzt einem im verspannten Nacken und löst Adrenalinschübe aus. Nicht so bei der SZ: Da hat der Terminus buchstäblich einen sehr erfreulichen Klang, ja, es gibt sogar eingefleischte Deadline-Fans, die voll darauf abfahren, denn wenn bei uns ein Deadline-Termin ansteht, bedeutet das alles andere als Stress – dann rockt hier die Redaktion!

15 Kollegen, die nicht nur des gehaltvollen Schreibens, sondern auch des ungehemmten Musizierens mächtig sind, bilden jene ressortübergreifende Band, die sich im Spätsommer letzten Jahres spontan gegründet hat, als es darum ging, das Abschiedsfest zum Auszug der “Süddeutschen” aus der Sendlinger Straße zu gestalten. “The Last Time” von den Rolling Stones war damals der sentimentale Höhepunkt, aber auch mit Rockklassikern wie “Me and Bobby McGee”, “Time Warp” oder “Brown Sugar” heizten einem die Deadliners – darunter meine Feuilletonchefs Andrian Kreye (Saxophon) und Thomas Steinfeld (Bass) – ganz schön ein.  Mannomann, war das eine Stimmung! Was als einmaliger Auftritt unter Kollegen und Freunden gedacht war, stieß auf eine derartige Begeisterung, dass das Fortbestehen der Band geradezu eingefordert wurde. Im neuen Hochaus hat man den Redaktionsrockern sofort einen Probenraum eingerichtet, und als Deadline in diesem Sommer bei der “SZ-Nacht der Autoren” auftrat, waren alle ganz aus dem Hochhäuschen.

Wer erleben möchte, wie die SZ abgeht, wenn sie rockt, hat an diesem Wochenende auf dem Münchner Winter-Tollwood-Festival Gelegenheit dazu: Am Samstag, 19. Dezember, gibt die Redaktionsband ab 19.30 Uhr  im Weltsalon auf der Theresienwiese ihr (mittlerweile bereits zweites) Tollwood-Benefizkonzert. Der Eintritt ist frei, es wird jedoch um Spenden für die Aktion “Zivilcourage statt Zivilblamage” der Lichterkette e.v. gebeten. Deadline-Coverhits wie “Summertime”, “You can leave your hat on” oder “Summer of ´69″ sind ebenso garantiert wie die bayerisch-souveräne Coolness von Bandleader Karl (“Charly”) Forster, der als “James Last der SZ” seine Truppe fast so gut im Griff hat wie die Tastatur seiner Hammondorgel. Als Gast an der Gitarre präsentiert Deadline diesmal Mister Conrad Tribble, den US-Generalkonsul in München. Rhythm ist it – und Dabeisein ist alles!

Toi toi toi, liebe Kollegen, Ihr seid großartig!

09.11.09 | 23:54 | Kollegialitäten | Kommentare 0 Kommentare

Die lieben Kollegen im Drugstore

Franziska Augstein und Heribert Prantl lesen aus ihren Texten

Franziska Augstein und Heribert Prantl lesen im Schwabinger Theater Heppel & Ettlich

Komme gerade von einer Lesung meiner SZ-Kollegen Franziska Augstein und Heribert Prantl im Theater Heppel & Ettlich zurück. Die Schwabinger Bühne hat jetzt ein neues Domizil im “Drugstore” (Feilitzschstr. 12) an der Münchner Freiheit. Zwar gibt es dort nicht mehr die berühmten “Buletten” (gemeint sind: Fleischpflanzerl) wie früher in der Kaiserstraße, aber Theater, Kabarett, Film und Musik bieten die beiden Ex-Berliner Henry Heppel und Wolfgang Ettlich immer noch. Und auch die SZ-Autoren-Lesungen haben sie beibehalten.

Franziska Augstein (Feuilleton) und Heribert Prantl (Ressortleiter Innenpolitik) sind nicht nur Kollegen, sondern auch ein Paar. Wenn die beiden nun also unter dem Motto “Deutschland, was nun?” Politikerporträts vorlesen (über Helmut Kohl, Angela Merkel, Otto Schily, Guido Westerwelle) und SIE dabei in Bezug auf die seinigen befindet: “Du bist viel lieber als ich”, woraufhin ER mit vielsagendem Blick bestätigt: “Stimmt!” – dann dürfen daraus wohl Schlüsse gezogen werden …

Zwar ist Franziskas Text über Otto Schily tatsächlich vernichtend, aber es war ein Artikel von Prantl, auf den der ehemalige Innenminister mit einem Leserbrief reagierte, in dem er zürnte: “Heribert Prantl ist ein Mann mit großen Talenten, die er leider immer wieder auf grässliche Weise missbraucht.” Sogar ein Gesetzbuch soll Schily ihm schon mal hinterhergeschmissen haben, nachdem Prantl sein Büro verlassen hatte. So wurde es zumindest von ministerieller Mitarbeiterseite kolportiert. Die Lesung endete mit einem Prantl-Text über das sich gerade neu erfindende Bayern, für den ihm die CSU bestimmt auch so einiges hinterherwerfen möchte.

Unten im “Drugstore” gibt es übrigens einen Kiosk, der bis ein Uhr morgens geöffnet hat. In München!

Das neue Heppel & Ettlich im ersten Stock des Münchner "Drugstore"

Das neue Heppel & Ettlich im 1. Stock des Münchner "Drugstore". Früher war hier das "Bel Etage"

P.S.:  Morgen, am Dienstag, liest SZ-Kollege Harald Eggebrecht a.a.O. – es soll um Karl May gehen. “Egge”, wie wir ihn nennen, ist einer der größten Karl-May-Fans überhaupt und so etwas wie der Old Shatterhand des Feuilletons.

25.10.09 | 17:48 | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Literatur | Kommentare 1 Kommentar

10 Jahre Suchers Leidenschaften

Sucher ist der mit der roten Hose

Sucher ist der mit der roten Hose

Früher war er selber Kritiker und als solcher mein Theaterchef bei der “Süddeutschen Zeitung”: C. Bernd Sucher, lange Jahre Redakteur im Feuilleton der SZ, inzwischen desertiert und als Vortragskünstler auf die andere Seite gewechselt: von der fünften Reihe Parkett auf die Bühne. “Ich bin angekommen”, kommentiert er den Übersprung. Mit seiner Reihe “Suchers Leidenschaften” zieht er seit zehn Jahren durch die Lande, tritt an Theatern in München, Hamburg, Wien und Weimar auf und vermarktet das Ganze in Form von Büchern und CDs.

Wer Sucher kennt, weiß: Dieser Mann hat viele Leidenschaften. Frankreich zum Beispiel, kulinarische Abende mit illustren Gästen oder schrille Sakkos von Comme des Garçons. Nicht zu vergessen seine Vorliebe für rote Hosen und schmutzige Witze. Bei “Suchers Leidenschaften” spielt das zwar auch mit rein, aber vornehmlich geht es um Literatur. Das Konzept ist so einfach wie effektiv: Sucher hält einen Vortrag über einen Dichter/eine Dichterin seiner Wahl – er tut das nicht literaturwissenschaftlich-professoral, sondern sehr unterhaltsam und leidenschaftlich-subjektiv. Dazu sitzen Schauspieler auf der Bühne – und zwar nicht die schlechtesten - und lesen an den entsprechenden Stellen sozusagen die O-Töne ein: Zitate aus Briefen, Tagebuchaufzeichnungen, Stücken. Wobei Suchers Hauptleidenschaft immer den Liebes- und Bettgeschichten und damit auch, wie er das nennt, den “Ferkeleien” gilt.

Bei der Gala “10 Jahre Suchers Leidenschaften” im Münchner Prinzregententheater ging es um das (Liebes-)Werk so unterschiedlich enthemmter Literaten wie Thomas Mann, Gertrude Stein, Franz Kafka, Oscar Wilde oder Simone de Beauvoir – eine Reader´s Digest-Version vergangener Leidenschaften. Zwischendurch gab es Szenen aus Bernsteins “West Side Story”, aufgeführt von Musical-Studenten der Bayerischen Theaterakademie. Bisschen lang. Aber sehr nett. Als Lese-Assistenten an Bistrotischchen fungierte eine ganze Riege namhafter Schauspielkünstler:  Hildegard Schmahl von den Münchner Kammerspielen, Sunnyi Melles, Stefan Hunstein und Thomas Loibl vom Bayerischen Staatsschauspiel, Elisabeth Augustin und Markus Meyer vom Burgtheater Wien – und nicht zuletzt Angela Winkler und Otto Sander, die aus Berlin angereist kamen. Früher, sagte Sander hinterher auf der Raucherterrasse, habe der Sucher ihn ja oft verrissen – aber was verzeihe man nicht alles aus Leidenschaft für die Sache (seine Sache war es an diesem Abend,  Textbeispiele von Arthur Miller zu lesen, was er einigermaßen fahrig tat).

Und weil es nun mal Bernd Suchers Lieblingslied aus der “West Side Story” ist, gibt´s hier zum Grande Finale den Song “Tonight”:

http://www.youtube.com/watch?v=jfxGoq8MkYA


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