
"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen". (Alle Fotos wie immer: von mir)
Hätte Kollege Hilmar Klute nicht diese eine Mail geschickt, ich hätt´s ja mal wieder nicht mitbekommen: Benjamin Henrichs, so war darin zu lesen, sei bereits Ende Juli in den Ruhestand gegangen. Und damit sein Abschied von der SZ nicht so sang- und klanglose bleibe, gebe es am 10. November ein kleines redaktionelles Abschiedsfest. Für “Kulinarik und Ansprachen” werde gesorgt.
Es war dann wirklich nur ein ausgesprochen kleines Abschiedsfest, abgehalten im “Kleinen Konferenzsaal” im 25. Stock unseres nüchtern-funktionalen, für gemütliche Feier-Runden wahrlich nicht geeigneten SZ-Hochhauses mit seiner vollautomatisierten Licht- und Jalousienregelung. Ein bisschen traurig, das alles.
Viele Kollegen waren verhindert, andere gar nicht erst eingeladen/ erschienen, oder sie mussten gleich wieder auf einen Abendtermin, es fanden mal wieder fünfzehn Sachen gleichzeitig statt. Literaturfest-Eröffnung zum Beipiel – egal. Habe ich gecancelt. Zu Henrichs Abschied zu kommen, betrachte ich als Ehrensache. Obwohl er nie ein Förderer war, und wir bei der SZ eigentlich auch überhaupt nichts miteinander zu tun hatten. Weiterhin als Theaterkritiker tätig zu sein, weigerte sich B.H. hartnäckig von Anfang an, seit er 1998 von der ZEIT zur SZ gewechselt war. Er hatte damit abgeschlossen und sich eine stumme, aber doch sehr beredte Art zugelegt, uns SZ-Theaterschreibern mitzuteilen, was er von uns hielt: nämlich eher … nichts. Schon klar: Wenn man einmal Kritikergott war und jede Menge ZEIT hatte, kann und will man sich nicht plötzlich als ordinärer SZ-Vasall in den täglichen Nah- und Tageskampf stürzen und sich die Nöte des Platz- und ZEITmangels antun – oder überhaupt: der veränderten Zeit.

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)
Ich meine das gar nicht böse, ich konstatiere das nur. Mit dem journalistischen Abtritt von Benjamin Henrichs – und er sagt, dieser sein Abgang sei tatsächlich endgültig -, tröpfelt auch die Zeit der so genannten (und selbst ernannten) GROSSKRITIKER aus, als deren letzte Vertreter neben unserem hoch verehrten, im Moment leider gesundheitlich angeschlagenen Joachim Kaiser vielleicht nur noch Marcel Reich-Ranicki und der FAZ-Theaterredakteur Gerhard Stadelmaier gelten dürfen: die letzen Dinosaurier. Große, rhetorisch brillante Schlachten in großen, teils Seiten füllenden Kritiken haben sie geschlagen und dabei mit dem Theater immer auch sich selbst gefeiert - in Feuilletons, die dem Rezensionswesen geweiht und gewidmet waren, zur Feier der Hochkultur.
Wahnsinn, was sich da alles geändert hat in den letzten zwanzig Jahren – aber das ist ein anderes Thema. Hier soll es um die Person Benjamin Henrichs gehen, einen der letzten wirklich großen Kritiker des Theaters, einen Begnadeten seiner Zunft, der Held unserer Jugend – den wir alle, die wir schon ein gewisses Alter erreicht haben – und jetzt mindestens mit einer “4″ in der Angabe umgehen müssen -, für seine Rezensionen bewundert, geschätzt, ja: regelrecht geliebt haben. Sie waren Meisterwerke der Beobachtungs- und Sprachkunst, der Leidenschaft, Sensibilität und Empathie. Man konnte sich hineinträumen, hineinverlieben in sie und gedanklich auf´s Schönste, Genießerischste darin spazieren. Man konnte das Theater verstehen und lieben in diesen Rezensionen – und durch sie hindurch. Sie waren poetische, literarisch wertvolle Vergegenwärtigungen, als sei der Theaterabend in sprachliches Bernstein gebannt. Und gelernt hat man dabei auch immer was.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.
Dass Henrichs seinen Hamburger Wochenzeitungs-Luxusposten bei der ZEIT aufgab und 1998 zu jener Tageszeitung zurückkehrte, bei der er, der Sohn des Regisseurs und Münchner Intendanten Helmut Henrichs, dereinst als junger Mann begonnen hatte, lag an einer Frau: an Sigrid Löffler, der neuen Feuilletonchefin der ZEIT (1996 bis 1999), mit der er alles andere als harmonierte. Keine Ahnung, was die beiden miteinander ausgefochten haben – der Zwist, oder besser: Hass scheint jedenfalls tief gesessen zu haben – und zu sitzen. SZ-Chefredakteur Kurt Kister erzählte bei der Abschiedsfeier, wie er einmal in der Berliner Redaktion, der Henrichs in den ersten Jahren seiner SZ-Rückkehr angehörte, an einer Weihnachtsfeier der Kollegen teilnahm. Als er damals Henrichs mit ein paar flapsigen “Bemerkungen in Zusammenhang mit Frau Löffler” aufziehen wollte, habe dieser erst ein “unstetes Flackern in den Augen” aufgewiesen und ihm dann unvermittelt ein Glas Wasser ins Gesicht gekippt. So viel dazu.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.
Der Job, den der Rückkehrer und ZEIT-Flüchtling Benjamin Henrichs bei der SZ ausgehandelt hatte, war wieder ein Luxusposten. BH war direkt der Chefredaktion – damals: Kilz – unterstellt, war dem gemeinen Tagesgeschäft (mit Konferenzen, Blattmachen etc.) entzogen und konnte in Ruhe und für ein damals “exorbitant hohes Gehalt” – wie seit jeher der Flurfunk kolportiert hatte und nun auch SZ-Chef Kister nicht unterließ zu erwähnen – seinen journalistischen Liebhabereien nachgehen: Streiflichtern, Kolumnen, essayistischen Betrachtungen oder den gelegentlichen Reportagen eines Flaneurs.
Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth, seit einem Jahr selber im Ruhestand und tatsächlich nicht mehr schreiberisch tätig, lässt sich kaum mehr im SZ-Gebäude blicken, zu Henrichs Abschied aber war er gekommen - nicht zuletzt, um in einer Ansprache von den Eigenheiten des Streiflicht-Kollegen Henrichs zu berichten. Von dessen “Qualen” und “Sorgen” zum Beispiel, wenn bis mittags kein Streiflicht-Thema da war … bis dann der unerschütterliche Hermann Unterstöger irgendeinen Text aus seiner “Vorsorge-Schublade” zog. Henrichs selbst habe, wenn er ein Streiflicht schrieb, in der Regel immer schon am ‘Tag vorher das Thema gewusst. Als sanft und sensibel muss man sich ihn vorstellen, den (Streiflicht-)Autor Henrichs, aber auch als äußerst penibel.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.
Als dann bei seiner Abschiedsfeier Henrichs selbst das Wort ergriff, verriet er erst mal seinen Jugendtraum: SZ-Chefreporter der “Seite Drei” wollte er werden, in direkter Nachfolge von Hans Ulrich Kempski – drunter macht es ein Henrichs offenbar nicht. Die Alternative war dann, Kritiker zu werden (der Bub war ja theatralisch vorgeprägt durch seinen Vater); aber immer schon mit dem Wunsch und dem Anliegen: “Wenn nicht Kritik, dann Komödie.” In den letzten 13 Jahren bei der Süddeutschen, sagt Henrichs, habe er das schlussendlich umgesetzt: “Ich war so etwas wie ein journalistischer Komödienautor.” Etwa in der Kolumne “Theaterwahn”, die er im Jahr 2002 einen Monat lang täglich im Feuilleton bespielte – für Henrichs seine “schönste Kolumne überhaupt” (und er war, wohlgemerkt, bei der ZEIT ja auch Autor der Finis-Kolumne). Henrichs lobt die SZ dafür, dass sie solchen Leuten – wie ihn – immer eine Oase, ein Refugium geboten habe, und er fragt sich aber auch, ob dieser Typus nicht vom Aussterben bedroht sei: “Leute, die keine richtigen Journalisten, aber auch keine Schriftsteller sind …”
Seine Streiflichter, sagt Henrichs, habe er wie Kurzdramen konzipiert: “Vorhang auf – Action – Vorhang zu – Schlusspointe.” Und in der SZ-Wochenend-Beilage hat er solche Ministücke dann ja auch tatsächlich in Dramenform gebracht, meist mit dem Setting: Älteres Ehepaar sitzt am Frühstückstisch, liest Zeitung und stößt dabei auf ein (mehr oder weniger existenzielles) Gesprächs- und Gesprächspausen-Thema. Nicht selten winkten Tschechow oder Beckett um die Ecke, und Fußball kam auch immer drin vor.

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".
Dass er tatsächlich nicht mehr für die Zeitung oder das Theater arbeiten möchte, will man kaum glauben, aber Henrichs, der jetzt 65 ist, meint es ernst. Erstens, sagt er, sei da sein Augenproblem, er sehe viel zu schlecht – in den letzten Jahren konnte Henrichs nur noch mit einer Lupe lesen, und er behauptet, keine Gesichter zu erkennen; Theater gehe daher schon mal gar nicht. Und zweitens habe er “diesen unheilvollen Ehrgeiz, nicht aufhören zu können”, noch nie gut gefunden: “Irgendwann wird´s peinlich.” Selbst die besten Leute ihres Fachs würden im Alter schlechter werden, sagt Henrichs, “das ging ja selbst Goethe so”.
Da ihm, Henrichs, aber keiner den Rückzug glauben wolle und er ständig mit Fragen zu seinem zukünftigen Tun bombardiert werde, habe er sich eine befriedigende Antwort zurecht gelegt. Sie lautet: ”Geld zählen – oder Geld ausgeben.” Na dann …
Drei Tage nach seiner SZ-Verabschiedung, am Sonntag, 13.November, hielt Henrichs seine angeblich letzte Theater-Laudatio: Sie galt dem langjährigen Peymann-Dramaturgen Hermann Beil, der in Bochum den Bernhard-Minetti-Preis 2011 verliehen bekam. BH sagte dazu am Tag seines SZ-Abschiedsfests ganz nüchtern: “Heute beende ich mein Zeitungsleben und am Sonntag mein Theaterleben.” Hm. Und jetzt?

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).
Er schreibt natürlich schon noch, alles andere wäre doch verwunderlich gewesen. Henrichs schreibt Kurzgeschichten, schon lange. Er druckt sie aus und steckt sie weg. Demnächst hat er bestimmt mal Zeit, sie wieder hervorzuholen. Und um weitere zu verfassen: Zwei Schreibstunden am Tag hat er sich vorgenommen, immer von acht bis zehn. Henrichs, elegisch lächelnd: “Ich bin jetzt freier Schriftsteller: 90 Prozent frei und 10 Prozent Schriftsteller.” Einen Lektüre-Tipp krieg ich auch noch von ihm: die “Handtellergeschichten” von Yasunari Kawabata. Der japanische Autor ist eine Art “Vorbild oder Idol” von ihm.
Einen Weg gäbe es ja schon, ihn aus dem Ruhestand zurückzuholen – und zwar direkt ins Scheinwerferlicht auf der Bühne: Wenn ihm jemand die Rolle des King Lear anböte! Diesen verwirrten, erzürnten, im greisen Alter zu einer schmerzhaften, Lebenserkenntnis stiftenden Passion gezwungenen Shakespeare-Helden würde Henrichs gerne spielen: am liebsten in einer Marthaler-Inszenierung (siehe auch nächsten Blog-Eintrag).
Na bitte! Angebote nehme ich hier gerne entgegen und leite sie an Herrn Henrichs weiter, auch wenn das nicht so leicht werden dürfte, da er nach eigenen Angaben weder über ein Handy noch über eine E-Mail-Adresse verfügt. Soll es geben. Außerdem wird er seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Hamburg verlegen.
Alles Gute, Herr Henrichs! Das Theater hatte mit Ihnen eine große Zeit. Hoffen wir, dass es wichtig bleibt und überlebt.