17.11.11 | 22:01 | Begegnung mit ... | Dramatik | Glückwunsch! | Haiku | Kommentare 1 Kommentar

Herzlichen Glückwunsch, lieber Fitzgerald Kusz!

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Heute feiert der Frankendichter Fitzgerald Kusz, mein so liebenswürdiger, geschätzter Landsmann, der diesen Blog seit Anbeginn mit seinen wunderbaren Haikus unterstützt, seinen 67. Geburtstag. Aus diesem Anlass sei hier das Porträt veröffentlicht, das ich vor einem Jahr im SZ-Feuilleton über ihn geschrieben habe (SZ vom 27.11.2010). Ich habe Herrn Kusz dafür in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser besucht, es liegt in unmittelbarer Nähe zum riesigen Gebäudekomplex der Agentur für Arbeit. Anlass für den Artikel war der Austausch seines unverwüstlichen Langzeitrenners “Schweig, Bub!” auf dem Spielplan des Nürnberger Theaters gegen ein neues – und neuzeitiges – Kusz-Stück mit dem weihnachtlichen Titel “Lametta”. Dass ich diese Uraufführung (in der grobmotorisch plärrigen Anti-Franken-Regie von Frank Behnke) nicht sonderlich gut fand – und das natürlich auch schrieb -, hat mir Kusz erst ein bisschen krumm genommen. Völlig zu unrecht! Denn eigentlich – jetzt mal ehrlich, Herr Kusz – kann man meinen Text gar nicht anders verstehen als das, was er sein soll und ist: eine Liebeserklärung und Hommage. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Fitzgerald Kusz! Und ich freue mich schon auf neue Haikus, denn jetzt regt er sich wieder, dieser Blog.

Auf´s Maul geschaut

Ein Porträt des fränkischen Dichters Fitzgerald Kusz

Der Franke als solcher ist ein eher nüchterner Mensch mit grundsätzlich pessimistischer Weltsicht. Überschwänglichkeiten sind nicht so sehr sein Fall, er macht auch kein Aufhebens von sich selber. Im Tiefstapeln ist er Deutschlandmeister, doch im Hochdeutschen ist für ihn kein Pokal zu holen. Das „R“ macht er sich rollend gefügig, aber das harte „P“ und das harte „T“ sind und bleiben seine Feinde. Generell ist der Franke eher maulfaul. Die große Klappe überlässt er ehrgeizlos den Bayern und Preußen. Sein dazugehöriges Diktum lautet: „Iich sog nix, iich denk ma mein Teil . . .“ Aber wehe, wenn er mal loslegt, der Franke, dann kommt er umstandslos zur Sache und ist so unverblümt, derb und direkt, dass man froh sein muss, wenn ihn nicht alle verstehen.

nu ä wodd / und du hasd / dein ledzdn / schiiß gloun“ (noch ein wort / und du hast / deinen letzten / Furz gelassen)

Wer die fränkische Mund- und Wesensart derart konzise in einen Versrhythmus und auf den Punkt zu bringen versteht wie Fitzgerald Kusz, der kennt und liebt seine Pappenheimer und weiß sie beim (gesprochenen) Wort zu nehmen. Der Nürnberger Dichter, Jahrgang 1944, erbringt seit nun schon vier Jahrzehnten den Beweis, dass „das Fränggische“ sehr wohl auch zur lebendigen Literatursprache taugt, so wie zum Beispiel das Katalanische, oder nehmen wir Suaheli.

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

„Der fränkische Dialekt hat eine tolle Bildhaftigkeit“, weiß Kusz an seiner Muttersprache zu schätzen. Als Sohn einer waschechten Fränkin und eines gelernten Opernsängers aus Berlin ist er im mittelfränkischen Forth gewissermaßen zweisprachig aufgewachsen. Das Berlinerische mag er auch, aber das Fränkische, findet er, „ist die absolute Dialogsprache.“

Der 66-Jährige mit der lustigen Knubbelnase sitzt an einem großen Holztisch in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser und schaut mit seiner rundlichen Pullunder-Gestalt und den Pantoffeln an seinen Füßen wie ein braver Pensionär aus. Wenn da nicht dieses listige, spitzbübische Grinsen wäre. Oder dieses „Schimpf-Sonett“ aus eigener Feder, das er gerade zum Beweis der Anschaulichkeit der fränkischen Sprache vorgetragen hat. „In der Jazzer-Sprache würde man sagen: Fränkisch groovt“, sagt der Jazz-und Blues-Fan Kusz. Man nehme allein die Synkopen: „Wenn auf einen kurzen Takt ein längerer kommt: gmacht statt gemacht, gsunga statt gesungen.“ In der Verknappung liegt Musik drin. Der Rhythmus macht’s.

Kusz ist der Pionier, wenn nicht der Vater der fränkischen Mundartdichtung – nicht einfach nur ein Heimatdichter, sondern ein professioneller, höchst geistreicher, nicht selten hinterfotziger Lyriker und Dramatiker, dessen Dialektgedichte regelmäßig im „Jahrbuch der Lyrik“ erscheinen und dessen Texte nicht nur in andere deutsche Mundarten wie zum Beispiel ins Hessische oder Plattdeutsche übertragen werden, sondern auch in englischen, italienischen und sogar türkischen Übersetzungen vorliegen.

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Weit über das Frankenland hinaus bekannt und in selbigem weltberühmt wurde Fitzgerald Kusz 1976 mit seinem Volksstück „Schweig, Bub!“, dem Franken-Klassiker schlechthin. Das Drama schaut einer kleinbürgerlichen Nürnberger Verwandtschaftsrunde anlässlich der Konfirmationsfeier des 14-jährigen „Fritzla“ beim Reden und Essen aufs Maul. Dabei werden von der „selbä gmachtn Lebagnödlasuppm“ über „Schweinebrodn“ und fränkische Klöß bis hin zu den obligatorischen „Brodwärscht“ jede Menge regionaler Speisen nebst Unmengen von Alkohol konsumiert. Mehr ist das eigentlich gar nicht: ein großes Familienfressen. Aber auch: ein Gefressenwerden und Schwer-Angefressensein. Geschrieben ist das so böse, entlarvend und hundsgemein komisch, mit so zur Kenntlichkeit entstellten Figuren, deren deftiges Fränkisch Waffe und Wundbrand zugleich ist, dass dem kleinen Fress-und- Sauf-Stück eine sensationelle Karriere beschieden war. 34 Jahre lang stand es bis zum Juni dieses Jahres allein am Theater Nürnberg auf dem Programm. Ein absoluter Bühnenrenner.

„Das ist der Wahnsinn“, sagt Schauspielchef Klaus Kusenberg, der von Eltern berichtet, die da schon als Jugendliche drin waren und jetzt wieder mit ihren eigenen Kindern kommen. Oder besser gesagt: kamen. Denn nach 730 Vorstellungen in der Urinszenierung von 1976 (die kurioserweise von Friedrich Schirmer, dem späteren Stuttgarter und Hamburger Intendanten, stammt) soll das Stück nicht wieder aufgenommen werden. Damit schweigt der Bub, dem die Erwachsenen ständig übers Maul fahren und ihm dieses mit Knödeln stopfen, nun endgültig. Die – in all der Zeit vielfach umbesetzte – Inszenierung war „in keinem ordentlichen Zustand mehr“, wie Kusenberg das ausdrückt. Der Autor selbst sagt: „Die Luft war raus.“

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

Kein Problem, sollte man meinen. Kusz hat ja für Nachschub gesorgt und mit „Lametta“ eine Art Fortsetzung geschrieben. Wieder eine Familiengroteske, diesmal aufgehängt an Weihnachten – wenn nicht sogar buchstäblich am dazugehörigen Baum, dessen fehlendes Lametta für die Oma das Symbol des Niedergangs ist. Und es ist ja auch tatsächlich nichts mehr, wie es war: Wurden in „Schweig, Bub!“ der Schein und die Scheinmoral nach außen hin tapfer aufrecht erhalten und nur von der Sprache decouvriert, sind die Familienbande in „Lametta“ von vornherein zerrissen. Weihnachten im Jahr 2010 – das ist inzwischen eben auch in Franken das Fest der Rest- und Patchwork-Familien.

In diesem Fall ist es so, dass die Babs, die Neue vom Sparkassenfilialleiter Werner, ihr erstes Weihnachten mit dem Zukünftigen gerne bei einem „Brigitte-Menü für Zwei“ verbringen würde. Woraus natürlich nichts wird in diesem boulevardesken Tür-auf-Tür-zu-Theater. Einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen: Werners Sohn, Werners Mutter, Werners Ex, dazu der Babs ihre eigene Tochter, der Babs ihr Ex und dann auch noch dessen neue Frau, eine zweifache „Miss Franken“ von minderem IQ („Ich will definitiv ned störn. Echt ned.“).

„Anders scho, besser ned“: Omas Urteil über die neue Hängung am Christbaum gilt leider auch für Kusz’ Weihnachtsstück, das im Vergleich zu „Schweig, Bub!“ doch viel an Süffisanz und hintergründiger Brillanz missen lässt. In „Lametta“ tun sich keine Abgründe, sondern im Wesentlichen nur Mäuler auf. Das Stück begnügt sich mit der Situation selbst, ohne dass sich die Sprache – wie in „Schweig, Bub!“ und den besseren Kusz-Dramen – zur eigentlichen Protagonistin aufschwänge. Vorbilder schwarzen britischen Humors wie Michael Frayn oder Alan Ayckbourn („Schöne Bescherungen“) zwar durchaus im Blick habend, gerät Kusz’ Komödiantik hier aber doch zu banal und beliebig, manchmal sogar lieblich, etwa wenn der Verkündigungsengel an der Krippe den Zoff in Form eines gebrochenen „Flüchellä“ (Flügelchen) abkriegt und der Hausherr mit Kleber rummacht, als habe er keine anderen Sorgen: „Etz kriegt mei Engellä erscht widder sei Flüchellä.“

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger: Rüdiger Hans Dieter Kusz. Den Namen Fitzgerald hat er sich ins einer wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger. Den Namen Fitzgerald hat sich Kusz in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Zur Ehrenrettung des Stücks muss man allerdings auch sagen, dass Regisseur Frank Behnke in seiner lärmigen, prolligen und dabei auch holprigen Uraufführung komplett die ätzende Farce verpasst hat, die darin stecken könnte. Dass er die Figuren breitärschig ausstopfen und in grässliche Kostüme und Perücken aus dem Fundus der Geschmacksverirrung stecken ließ, müsste ihm das Frankenpublikum eigentlich übel nehmen. So wie man als Franke irritiert registriert, dass die Schauspieler ja gar kein Fränkisch sprechen, sondern: das, was sie dafür halten. Aber Fakt ist: Es gibt keine Franken im Nürnberger Ensemble. Die Schauspieler haben für „Lametta“ extra Sprachunterricht erhalten.

Aber auch, wenn sich das mit dem Idiom mit der Zeit bessern sollte: Einschlagen wie „Schweig, Bub!“ wird „ Lametta“ wohl nicht. An die 80 Profi-Inszenierungen gibt es von Kusz’ frühem Hit, „und die Amateuraufführungen zählt mein Verlag schon gar nicht mehr“, sagt der Autor. Das Gute, wenn man so einen Erfolg gelandet hat, ist: Man kann davon leben. Zumindest konnte  der im SDS und in den 68er-Studentenkämpfen an der Uni Erlangen politisch gestählte Kusz schon 1982 seinen Beruf als Studienrat für Deutsch und Englisch an den Nagel hängen und sich ganz dem Schreiben widmen.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Seither hat er zwanzig abendfüllende Stücke verfasst, darunter Zwei-Personen-Dramen wie „Burning Love“ und „Höchste Eisenbahn“, die sehr lustigen „Witwendramen“ oder auch „Der Fränkische Jedermann“. Viele davon sind Hits im Volks- und Amateurtheaterbereich und auch wirklich pointiert geschrieben. (Die ins Türkische übersetzten ”Witwendramen” wurden am 20.10. 2011 in Üsküdar, dem asiatischen Teil Istanbuls, zum 100sten Mal aufgeführt, wie Kusz im Oktober per Mail mitteilte. Mit dem Zusatz: “Wird das mein türkischer ,Schweig, Bub!´?”)

Die eigentliche Meisterschaft des Fitzgerald Kusz, der mit Vornamen eigentlich Rüdiger heißt – den Fitzgerald hat er sich in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von „John Fitzgerald Kennedy“ entliehen –, die größte Meisterschaft dieses Frankendichters liegt jedoch in der literarischen Miniatur. Seine fränkischen Haikus sind großartig, und wenn er mit seinen „Bluesbrothers“, dem Gitarristen Klaus Brandl und dem Mundharmonika-Spieler Chris Schmitt, lyrisch-musikalische „Blues & Kusz“-Programme macht, dann weiß man, dass die Melancholie aus Franken kommt.

„der vollmond über nämberch / is aa blouß / ä lebkoung“, heißt es in einem Franken-Haiku von Kusz (Der Vollmond über Nürnberg ist auch nur ein Lebkuchen). Na dann, schönen Christkindlesmarkt!

14.03.11 | 23:13 | Dramatik | Festivals | Jurytätigkeiten | Kommentare 0 Kommentare

Mülheimer Theatertage 2011: Hier informiert die Jury-Sprecherin

Warten auf die "Stücke" ...

Warten auf die "Stücke" ...

Als Sprecherin des Auswahlgremiums der 36. Mülheimer Theatertage musste ich nun also letzte Woche bei der Pressekonferenz Rede und Antwort stehen, Interviews wie dieses hier für die Online-Plattform “Kultiversum” geben und vorher schnell auch noch schriftlich eine Zusammenfassung samt Auffälligkeiten und Tendenzen des aktuellen Stücke-Jahrgangs für die versammelte Journalistenschar erstellen. Dieses Paper bildet nun das Vorwort für den Programm-Flyer und sei für alle, die´s interessiert, auch hier veröffentlicht – als Einordnung von det Janzem:

>>Es sind Stücke aus der Arbeitswelt, die die Auswahl für die 36. Mülheimer Theatertage prägen – und damit wohl auch einen generellen Trend widerspiegeln. Stücke, die von den ökonomischen An- und Herausforderungen unserer Zeit erzählen; vom Zwang, unsere Haut zu Markte zu tragen, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen – und was das mit uns macht. Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg, die Anpassung des flexiblen Menschen an die Ökonomie, die Auswirkung von Finanz- und globalen Krisen auf das eigene (Arbeits-)Leben – das sind zentrale Themen.

Vier der sieben ausgewählten Stücke handeln mehr oder weniger direkt von solchen Ängsten und prekären Arbeitsverhältnissen. Ganz explizit: „Warteraum Zukunft“ von Oliver Kluck und „Die Firma dankt“ von Lutz Hübner, die beide direkt hineinführen in das Firmen- und Angestelltenleben. Aber auch die sprachfuriose Au-pair-Farce „Gespräche mit Astronauten“ von Felicia Zeller fällt in diese Kategorie, ebenso wie Fritz Katers groß angelegtes Gesellschafts- und Umweltpanorama „we are blood“, das vom Aderlass einer Gegend nach dem Wegzug der Ökonomie erzählt.

Ein weiteres Thema, das in der zeitgenössischen Dramatik immer mehr Raum einnimmt, der Komplex Migration / Integration, ist in unserer Auswahl durch „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje vertreten, den Überraschungsknaller vom kleinen Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg. Eine Lehrerin zwingt darin ihrer migrantischen Rabaukenklasse mit vorgehaltener Pistole Schiller auf.

Europa und unser Verhältnis zu Afrika – mehrere Autoren haben sich im zurückliegenden Stücke-Jahr damit beschäftigt, haben versucht, unsere Rat- und Hilflosigkeit im Umgang damit auszudrücken. Eingeladen haben wir Kevin Rittbergers kluge Reflexion zu diesem schwierigen Komplex: „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ vom Schauspielhaus Wien.

Last but not least: die unermüdliche Elfriede Jelinek, in diesem Jahr zum 15. Mal dabei – drei Mal war die österreichische Nobelpreisträgerin auch schon Mülheim-Preisträgerin. Eingeladen ist sie mit dem Stück „Winterreise“, uraufgeführt von Johan Simons, dem neuen Intendanten der Münchner Kammerspiele – die damit zum 20. Mal in Mülheim vertreten sind. Die „Winterreise“ ist eine Reise durch den Jelinek-Kosmos. Der Text wirkt wie eine Kompilation ihrer bisherigen Stücke, weil er die gewohnten Jelinek-Themen, alle bekannten Jelinek-Facetten multiperspektivisch einkreist und auf kompakte Weise versammelt. Und doch ist es ihr bisher privatestes, persönlichstes Stück.

Zur Auswahl standen 119 Uraufführungen deutschsprachiger Stücke – wobei die derzeit überaus beliebten Roman- und Filmadaptionen, die an den Theatern in der Regel ebenfalls als „Uraufführungen“ firmieren, nicht von uns berücksichtigt wurden. Wir bewerten originäre Dramentexte von lebenden Autoren, keine Romanbearbeitungen. „Verrücktes Blut“ schöpft seine Grundstruktur zwar aus einer Filmvorlage, überzeugt dann aber als eigenständiges Werk von hoher Authentizität und Brisanz.

Es ist ein erfreulich reicher, lebendiger, vielgestaltiger Jahrgang, bei dem eines positiv auffällt: Die meisten Stücke sind nicht nur uraufgeführt, sondern bereits nachgespielt worden oder werden noch nachgespielt. Das zeugt nicht nur von der Qualität der Stücke, sondern insgesamt von einem guten und fruchtbaren Klima für die Gegenwartsdramatik.<<

So begrüßenswert das übrigens ist, dass die Stücke immer häufiger und sehr rasch nach der Uraufführung nachgespielt werden – das ist wirklich neu! -, für uns Juroren bedeutet das noch viel mehr Aufwand und Reiserei. Wir sind als Jury bestrebt, alle Inszenierungen eines neuen Stückes anzusehen, um die jeweils beste, dem Stück angemessenste einzuladen. Für ein Stück wie Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes” habe ich, nur zum Beispiel, drei Theaterabende in drei verschiedenen Städten verbracht … und es wurde von uns am Ende dann gar nicht ausgewählt. Rittberger, Kluck, Zeller, Palmetshofer, Löhle – alle wurden sie nachgespielt. Wie viel Reiserei und Planerei das erfordert! Und wie schwierig das oft mit den Terminen hinzukriegen ist … Sie wird nicht einfacher, die Juriererei.


13.03.11 | 23:38 | Dramatik | Festivals | Jurytätigkeiten | Kommentare 0 Kommentare

Mülheimer Theatertage 2011: Die Auswahl der Stücke

Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb

Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb

Am Aschermittwoch war die Schluss-Sitzung unserer Mülheim-Jury. Neben mir gehören diesem Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage meine Kritikerkollegen Barbara Burckhardt (“Theater heute”), Peter Michalzik (“Frankfurter Rundschau”), Wolfgang Kralicek (“Falter”, Wien) und Till Briegleb (“Süddeutsche Zeitung”, Kulturkorrespondent Hamburg) an. Unsere Aufgabe: die sieben besten uraufgeführten deutschsprachigen Stücke innerhalb eines Jahres zu küren, indem wir sie zu den Mülheimer Theatertagen einladen. Zu diesem Zweck lesen wir viele, sehr viele Stücke, reisen herum, tauschen uns per Mail und in einem internen Stücke-Forum im Internet aus und treffen uns regelmäßig zu Jurysitzungen, bei denen das Gesehene und Gelesene diskutiert und auch schon aussortiert wird.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.

In diesem Jahr standen 119 uraufgeführte Stücke zur Diskussion – musikalische Abende, Film- und Romanadaptionen nicht eingerechnet. Es galt also, sieben beste Stücke aus 119 zu wählen. Keine ganz leichte Aufgabe, weil es ein reicher und guter Jahrgang war, aus dem man locker ein Festival mit zehn oder gar zwölf Stücken bestreiten könnte. Bei unserer Schluss-Sitzung hatten wir noch 23 Stücke
auf der Liste: das knappe Dutzend, das bis zuletzt hart diskutiert wurde und dazu jene Texte, die noch gar nicht diskutiert worden waren, weil sie erst in den wochen nach unserer letzten Sitzung Anfang Februar oder – wie Nis-Momme Stockmanns “Expedition und Psychiatrie” in Heidelberg oder Marianna Salzmanns “Satt” in München – in den letzten paar Tagen uraufgeführt wurden.

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"

War vor der Sitzung alles noch ein Riesenstress … allein die Geschichte, wie total umständlich und verspätet ich an einem Lokführerstreiktag zur Stockmann-Uraufführung nach Heidelberg gekommen bin! Aber das erzähle ich ein anderes Mal …

Schluss-Sitzung nun also. Teilnehmer: Wir fünf vom Auswahlgremium plus Festivalleiter Udo Balzer-Reher und seine Dramaturgin und PR-Verantwortliche Stephanie Steinberg. Die beiden SIND das Festival, aber sie sind natürlich ohne Stimmrecht – die Auswahl trifft allein die Jury. Ort: Weinzimmer in der Stadthalle in Mülheim an der Ruhr, das zur Zeit noch ungemütlicher ist als sonst, weil die halbe Stadt umgebaut wird. Wo könnte man den Aschermittwoch besser verbringen?

Krali und Till

Krali und Till

Für Essen ist gesorgt. Es gibt neben dem Konferenztisch ein kleines Buffet mit gefüllten Omeletts, Gemüse und Schweinelendchen in Chafing-Dishes. Wir treffen uns mittags, essen erst was und diskutieren dann ungefähr vier Stunden. Drei Stücke waren eh sonnenklar, auf die nächsten zwei haben wir uns auch relativ schnell geeinigt – aber bei den letzten zwei Positionen wird´s dann halt schon eng. Da entscheidet am Ende das Stimmzettelverfahren – von drei Stücken, die nach diversen Ausschlussverfahren noch im Rennen waren, mussten dann zwei fliegen, die mit den wenigsten Stimmen. Ewald Palmetshofers “tier. man wird doch bitte unterschicht” und Philipp Löhles “Supernova (wie Gold entsteht)” schieden auf diese Weise aus.

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...

Klar, als Juror(in) weint man da schon  mal dem einen oder anderen Stück eine Träne nach (wie begeistert bin ich zum Beispiel von Jelineks “Ein Sturz” in Köln, welches wir zugunsten ihrer “Winterreise” nicht nominiert haben), aber wir konnten nun mal nur sieben Stücke wählen, und unsere Auswahl, das muss man schon auch sagen, ist eine wirklich gute, insgesamt auch sehr politische.

Hier die Nominierten, beginnend mit den drei Mülheim-Neulingen:

1.) „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ von Kevin Rittberger (Jahrgang 1977, ein gebürtiger Stuttgarter), in der Inszenierung von Felicitas Brucker am Schauspielhaus Wien. Ein Stück über Afrika und die Flüchtlingsdramen, die sich täglich an der Grenze zur Festung Europa abspielen. Mit der tragischen Geschichte der jungen Nigerianerin Blessing erzählt Rittberger im ersten Teil, der explizit als “Lehrstück” im Sinne Brechts ausgewiesen ist, ein exemplarisches Flüchtlingsschicksal. Um dann im zweiten Teil die Perspektive und den Erzählton komplett zu wechseln und auf die Medien zu zoomen, die von solchen Schicksalen berichten und dabei hefitgst an ihre Grenzen stoßen. Wobei Rittberger keineswegs so tut, als könne er dem Problem beikommen oder irgendwie gerecht werden. Und das ist auch gut so.

2.) “Warteraum Zukunft” von Oliver Kluck (Jahrgang 1980, er stammt aus Rügen). Das Stück beschreibt einen Tag im Leben eines Angestellten aus der Generation der heute Dreißigjährigen: des Ingenieurs Daniel Putkammer, mit dessen Rezeptoren wir hier den Büroalltag und ein Besäufnis am Abend bis hin zu einem schlimmen Unfall erleben, wahrgenommen als ein polyphones Stimmenkonzert im Kopf des Erzählers. Es wurde bei den Ruhrfestspielen in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt und bereits von drei weiteren Bühnen nachgespielt. Wir haben uns für die Inszenierung von Daniela Kranz am Nationaltheater Weimar entschieden, weil aus dieser Inszenierung, wie wir es nannten, die größte “Wutkraft” spricht.

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg

3.) “Verrücktes Blut” von Nurkan Erpulat (geboren 1974 in Ankara) und Jens Hillje, dem einstigen Schaubühnen-Dramaturgen. Eine Lehrerin nimmt ihre migrantische Rabaukenklasse in Geiselhaft und zwingt den Problemkids mit vorgehaltener Pistole Schiller auf. Das Stück kam als Ko-Produktion mit der Ruhrtriennale zuerst in Duisburg heraus und ist jetzt der Renner am Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg – als solcher der Überraschungsknaller der Saison, eingeladen auch zum Berliner Theatertreffen und zum Münchner Festival Radikal jung. Zwar beruht die Grundstruktur des Textes auf einer Filmvorlage, es ist daraus aber, wie wir finden, ein eigenständiges Stück von großer Authentizität und Kraft entstanden.

4.) “Die Firma dankt”  von Lutz Hübner, mit 47 Jahren wahrlich kein Jungautor mehr, aber einer der produktivsten – erst zum zweiten Mal in Mülheim vertreten. Seine Spezialität sind themenbezogene Gesellschaftskomödien wie diese hier, uraufgeführt von Susanne Lietzow am Staatsschauspiel Dresden. Ein Stück aus dem Inneren des Firmenlebens in Zeiten der Umstrukturierung. Wie hier ein Old School-Angestellter auf die New Economy trifft, hat groteske bis kafkaeske Züge.

5.) “Gespräche mit Astronauten” von Felicia Zeller (Jahrgang 1970). Auch sie war schon einmal in Mülheim zu Gast. 2008 erhielt die Frau mit der roten Brille den Publikumspreis für „Kaspar Häuser Meer“, diese hysterische Groteske über drei überforderte Sozialarbeiterinnen. Wie damals hat Zeller auch für „Gespräche mit Astronauten“ gut recherchiert und viele Interviews geführt – in diesem Fall mit zahlreichen Au-pairs und ihren berufstätigen Gastmüttern. Denn es geht hier nicht um Raumfahrt, sondern um das Au-pair-Wesen in Deutschland, hier lustigerweise  „Knautschland“ genannt. Uraufgeführt wurde diese sprachfuriose Textoper von Burkhard C. Kosminski auf der großen Bühne in Mannheim, und in dieser Ur-Inszenierung laden wir sie auch ein, obwohl es an Kosminskis kracherter Regie einiges zu kritisieren gibt.

6.) “we are blood” von Fritz Kater alias Armin Petras. Er ist als Autor zum siebten Mal in Mülheim vertreten. Diesmal aber nicht mit seiner eigenen Uraufführungsinszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin, sondern in der unserer Meinung nach stimmigeren Nachinszenierung von Sascha Hawemann am
Centraltheater Leipzig. Petras wird damit leben können, er inszeniert ja selber oft
in Leipzig und macht mit dem Centraltheater viele Koproduktionen. Außerdem hat
Hawemann wirklich ein feines Gespür für die Wehmut und Melancholie in Katers/ Petras´ Text und unterstreicht sehr schön dessen Tschechowhaftigkeit. “we are blood” ist, wie frühere Stücke von ihm auch, ein ostdeutsches Stück – Schauplatz: Wittenberge -, ein Stück über die Verlierer der Nachwendezeit, über geplatzte Hoffnungen und Träume, über den Ausverkauf und Stillstand einer Landschaft – ein großangelegtes Gesellschafts- und Umweltporträt.

7.) “Winterreise” von Elfriede Jelinek – in der leider suboptimalen, etwas grobklotzigen Uraufführungsregie von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen.  Jelinek ist damit zum 15. Mal in Mülheim dabei, aber erst drei Mal hat sie den Dramatikerpreis erhalten. In der “Winterreise” greift Jelinek noch mal all ihre Lieblingsthemen auf, da geht es um Gewalt, Missbrauch, die Bankenkrise, den Fall Natascha Kampusch – das alles in andeutungsweiser
Bezugnahme auf Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Doch so sehr dieses Stück auch an der Außenwelt mit ihren bekannten Skandalen andockt, so privat und intim  ist es auch – Jelineks persönlichstes Stück, in dem sie mit sich selbst hart ins Gericht geht. Bei unserer Jury-Diskussion wurde es als ein “Hauptwerk” von ihr eingestuft, deshalb unterlag auch ihr (am Schauspielhaus Köln inszenatorisch ohnehin an Jelineks bereits preisgekröntes Stück “Das Werk” gekoppelter) Text “Ein Sturz” über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

Nach unserer Jurysitzung sind die anderen wieder heimgereist, nur ich musste bleiben, um in meiner – nicht ganz freiwillig angetretenen – Funktion als Sprecherin des Auswahlgremiums am nächsten Tag bei der Pressekonferenz unsere Auswahl vorzustellen und Rede und Antwort zu stehen. Dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag.

02.03.11 | 16:32 | Begegnung mit ... | Dramatik | Kommentare 2 Kommentare

Einige Nachrichten über Wolfram Lotz

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Am vergangenen Freitag kam am Nationaltheater Weimar das Stück “Einige Nachrichten an das All” von dem jungen Autor Wolfram Lotz zur Uraufführung. Die läppische Inszenierung von Annette Pullen ist nicht der Rede wert, jedenfalls nicht an dieser Stelle (meine Kritik dazu ist am Wochenende, 26./27.02., im Feuilleton erschienen), aber dem skurrilen Herrn Lotz, Jahrgang 1981, sei hier ein Blog-Beitrag gewidmet.

Er stammt aus Hamburg, studiert seit 2007 Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und wurde für sein erstes (noch nicht aufgeführtes) Stück „Der große Marsch“ im Januar mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatik ausgezeichnet – im Kleist-Jahr natürlich eine besondere Ehre. Es war just dieses Stück, mit dem Lotz letztes Jahr beim Stückemarkt des Berliner

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Deshalb setzt er zum Beispiel abstruse Fußnoten. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Theatertreffens sowohl den Publikums- als auch den Werkauftragspreis gewann. Aus diesem Auftrag ist nun sein Stück „Einige Nachrichten an das All“ hervorgegangen – ein ziemlich unmodischer, existenzialistischer, surreal dadaistischer Text im Geiste des absurden Theaters, in dem es um die Zumutungen, den Sinn und die Sinnlosigkeit des Lebens geht und um die folgenschwere Erkenntnis, dass wir alle sterben müssen. Viele, wie das Mädchen Hilda oder der Dichter Kleist, sind schon gestorben. Sie dürfen in dem Stück trotzdem auftreten, gemeinsam mit anderen Kandidaten, wie zum Beispiel dem Politiker Ronald Pofalla oder der “dicken Frau, die Gast in der Talkshow Britt war”. Sie alle werden vom  LDF (“Leiter des Fortgangs”) in einer Art Show gebeten, ihre Geschichten zu erzählen und diese, komprimiert auf ein einzelnes Wort, über eine spezielle Apparatur ins All hinaus zu schicken – als Essenz des Menschendaseins gewissermaßen.

In Stephan Märkis Intendantenzimmer - links sieht man Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo W. Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

In Stephan Märkis Weimarer Intendantenbüro - die Blonde links ist Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo Wolfram Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

Es ist (bei allen postpubertären Anflügen) ein sympathisches, ambitioniertes,  erfrischend unorthodoxes Stück, das buchstäblich nach etwas Höherem, Universalem strebt. Und der Autor ist – auch wenn die Uraufführungsinszenierung nicht mit diesem seinem Streben mithalten konnte und wollte – sehr ernst zu nehmen. Auch und gerade in seinem lakonischen Witz. Das zeigte schon die Lesung, zu der Stephan Märki eine Stunde vor der Premiere in sein Intendantenzimmer lud. Wolfram Lotz las dort an Märkis schönem, rundem Intendantentisch aus seinen “kleinen Erzählungen” vor. Diese Erzählungen sind wirklich klein, manche bestehen nur aus zwei bis drei Sätzen, und sie nehmen Bezug auf Wissenschaft und Historie. Das ist Kurz- und Kürzestprosa, in deren extremer Welt- und Lebensverknappung ein böser, grausamer Witz liegt.

Ein paar dieser Mini-Erzählugen seien hier – mit freundlicher Genehmigung des Autors – wiedergegeben:

Donaghho

Im Jahr 1940 hörte der Ornithologe Walter Raymond Donaghho bei einer Wanderung auf dem Hawaii-Archipel Kaua´i einen Gesang, der vermutlich der des bereits ausgestorbenen Schuppenkehlmohos gewesen sein könnte. Er war sich anschließend aber nicht mehr sicher.

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Volcher Coiter

Über den im Jahre 1543 geborenen niederländischen Vogelkundler Volcher Coiter ist, abgesehen von dem hier bereits Gesagten, nichts bekannt.

Murnau

Der heute völlig unbekannte Kunsthistoriker Albrecht Murnau verbrachte sein ganzes Leben damit, ein womöglich verschollenes Meisterwerk Rembrandts zu suchen. Er fand es nicht und starb.

Amundsen

Im Jahre 1911, nach einer langen und äußerst entbehrungsreichen Reise, erreichte der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol. Es war ein eisiger Punkt im Nichts.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift. Ziert eine Wand in Märkis Büro.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: Der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift ziert eine Wand in Märkis Büro.

Edison und Topsy

Der berühmte Erfinder Edison versuchte die Öffentlichkeit von der Schädlichkeit des von seinem Konkurrenten Westinghouse propagierten Wechselstroms zu überzeugen. Zu diesem Zweck exekutierte er vor laufender Kamera den Zirkuselefanten Topsy auf äußerst effektive Weise mit einer Wechselspannung. Das Verfahren war so beeindruckend, dass die amerikanische Regierung prompt die Entwicklung des elektrischen Stuhls bei Edison in Auftrag gab, der dankend annahm.


Hunter

Im Jahre 1767 versuchte der Anatom John Hunter in einem aufsehenerregenden Selbstversuch, Syphilis und die als Tripper bekannte Erkrankung Gonorrhoe als unterschiedliche Ausformungen einer einzigen Krankheit zu belegen. Zu diesem Zweck brachte er Eiter aus der Harnröhre eines Tripperkranken mit einem Skalpell in seinen eigenen Penis ein. Aufgrund eines kleinen methodischen Fehlers – der Spender hatte nicht nur einen Tripper, sondern auch Syphilis – glaubte Hunter, der nun typisch syphilitische Symptome entwickelte, den gemeinsamen Ursprung bewiesen zu haben. Im Gefühl des Triumphes starb Hunter kurz darauf an den Folgen.