17.11.11 | 22:01 | Begegnung mit ... | Dramatik | Glückwunsch! | Haiku | Kommentare 1 Kommentar

Herzlichen Glückwunsch, lieber Fitzgerald Kusz!

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Frankendichter Fitzgerald Kusz (Foto aufgenommen im November 2010 bei ihm daham in Nämberch)

Heute feiert der Frankendichter Fitzgerald Kusz, mein so liebenswürdiger, geschätzter Landsmann, der diesen Blog seit Anbeginn mit seinen wunderbaren Haikus unterstützt, seinen 67. Geburtstag. Aus diesem Anlass sei hier das Porträt veröffentlicht, das ich vor einem Jahr im SZ-Feuilleton über ihn geschrieben habe (SZ vom 27.11.2010). Ich habe Herrn Kusz dafür in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser besucht, es liegt in unmittelbarer Nähe zum riesigen Gebäudekomplex der Agentur für Arbeit. Anlass für den Artikel war der Austausch seines unverwüstlichen Langzeitrenners “Schweig, Bub!” auf dem Spielplan des Nürnberger Theaters gegen ein neues – und neuzeitiges – Kusz-Stück mit dem weihnachtlichen Titel “Lametta”. Dass ich diese Uraufführung (in der grobmotorisch plärrigen Anti-Franken-Regie von Frank Behnke) nicht sonderlich gut fand – und das natürlich auch schrieb -, hat mir Kusz erst ein bisschen krumm genommen. Völlig zu unrecht! Denn eigentlich – jetzt mal ehrlich, Herr Kusz – kann man meinen Text gar nicht anders verstehen als das, was er sein soll und ist: eine Liebeserklärung und Hommage. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Fitzgerald Kusz! Und ich freue mich schon auf neue Haikus, denn jetzt regt er sich wieder, dieser Blog.

Auf´s Maul geschaut

Ein Porträt des fränkischen Dichters Fitzgerald Kusz

Der Franke als solcher ist ein eher nüchterner Mensch mit grundsätzlich pessimistischer Weltsicht. Überschwänglichkeiten sind nicht so sehr sein Fall, er macht auch kein Aufhebens von sich selber. Im Tiefstapeln ist er Deutschlandmeister, doch im Hochdeutschen ist für ihn kein Pokal zu holen. Das „R“ macht er sich rollend gefügig, aber das harte „P“ und das harte „T“ sind und bleiben seine Feinde. Generell ist der Franke eher maulfaul. Die große Klappe überlässt er ehrgeizlos den Bayern und Preußen. Sein dazugehöriges Diktum lautet: „Iich sog nix, iich denk ma mein Teil . . .“ Aber wehe, wenn er mal loslegt, der Franke, dann kommt er umstandslos zur Sache und ist so unverblümt, derb und direkt, dass man froh sein muss, wenn ihn nicht alle verstehen.

nu ä wodd / und du hasd / dein ledzdn / schiiß gloun“ (noch ein wort / und du hast / deinen letzten / Furz gelassen)

Wer die fränkische Mund- und Wesensart derart konzise in einen Versrhythmus und auf den Punkt zu bringen versteht wie Fitzgerald Kusz, der kennt und liebt seine Pappenheimer und weiß sie beim (gesprochenen) Wort zu nehmen. Der Nürnberger Dichter, Jahrgang 1944, erbringt seit nun schon vier Jahrzehnten den Beweis, dass „das Fränggische“ sehr wohl auch zur lebendigen Literatursprache taugt, so wie zum Beispiel das Katalanische, oder nehmen wir Suaheli.

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

Franken-Klassiker: Nämbercher Broodwärscht (Nürnberger Bratwürste)

„Der fränkische Dialekt hat eine tolle Bildhaftigkeit“, weiß Kusz an seiner Muttersprache zu schätzen. Als Sohn einer waschechten Fränkin und eines gelernten Opernsängers aus Berlin ist er im mittelfränkischen Forth gewissermaßen zweisprachig aufgewachsen. Das Berlinerische mag er auch, aber das Fränkische, findet er, „ist die absolute Dialogsprache.“

Der 66-Jährige mit der lustigen Knubbelnase sitzt an einem großen Holztisch in seinem Reihenhäuschen in Nürnberg-Langwasser und schaut mit seiner rundlichen Pullunder-Gestalt und den Pantoffeln an seinen Füßen wie ein braver Pensionär aus. Wenn da nicht dieses listige, spitzbübische Grinsen wäre. Oder dieses „Schimpf-Sonett“ aus eigener Feder, das er gerade zum Beweis der Anschaulichkeit der fränkischen Sprache vorgetragen hat. „In der Jazzer-Sprache würde man sagen: Fränkisch groovt“, sagt der Jazz-und Blues-Fan Kusz. Man nehme allein die Synkopen: „Wenn auf einen kurzen Takt ein längerer kommt: gmacht statt gemacht, gsunga statt gesungen.“ In der Verknappung liegt Musik drin. Der Rhythmus macht’s.

Kusz ist der Pionier, wenn nicht der Vater der fränkischen Mundartdichtung – nicht einfach nur ein Heimatdichter, sondern ein professioneller, höchst geistreicher, nicht selten hinterfotziger Lyriker und Dramatiker, dessen Dialektgedichte regelmäßig im „Jahrbuch der Lyrik“ erscheinen und dessen Texte nicht nur in andere deutsche Mundarten wie zum Beispiel ins Hessische oder Plattdeutsche übertragen werden, sondern auch in englischen, italienischen und sogar türkischen Übersetzungen vorliegen.

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Fitzgerald Kusz (links) mit dem Nürnberger Schauspielchef Klaus Kusenberg

Weit über das Frankenland hinaus bekannt und in selbigem weltberühmt wurde Fitzgerald Kusz 1976 mit seinem Volksstück „Schweig, Bub!“, dem Franken-Klassiker schlechthin. Das Drama schaut einer kleinbürgerlichen Nürnberger Verwandtschaftsrunde anlässlich der Konfirmationsfeier des 14-jährigen „Fritzla“ beim Reden und Essen aufs Maul. Dabei werden von der „selbä gmachtn Lebagnödlasuppm“ über „Schweinebrodn“ und fränkische Klöß bis hin zu den obligatorischen „Brodwärscht“ jede Menge regionaler Speisen nebst Unmengen von Alkohol konsumiert. Mehr ist das eigentlich gar nicht: ein großes Familienfressen. Aber auch: ein Gefressenwerden und Schwer-Angefressensein. Geschrieben ist das so böse, entlarvend und hundsgemein komisch, mit so zur Kenntlichkeit entstellten Figuren, deren deftiges Fränkisch Waffe und Wundbrand zugleich ist, dass dem kleinen Fress-und- Sauf-Stück eine sensationelle Karriere beschieden war. 34 Jahre lang stand es bis zum Juni dieses Jahres allein am Theater Nürnberg auf dem Programm. Ein absoluter Bühnenrenner.

„Das ist der Wahnsinn“, sagt Schauspielchef Klaus Kusenberg, der von Eltern berichtet, die da schon als Jugendliche drin waren und jetzt wieder mit ihren eigenen Kindern kommen. Oder besser gesagt: kamen. Denn nach 730 Vorstellungen in der Urinszenierung von 1976 (die kurioserweise von Friedrich Schirmer, dem späteren Stuttgarter und Hamburger Intendanten, stammt) soll das Stück nicht wieder aufgenommen werden. Damit schweigt der Bub, dem die Erwachsenen ständig übers Maul fahren und ihm dieses mit Knödeln stopfen, nun endgültig. Die – in all der Zeit vielfach umbesetzte – Inszenierung war „in keinem ordentlichen Zustand mehr“, wie Kusenberg das ausdrückt. Der Autor selbst sagt: „Die Luft war raus.“

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

"Lametta"-Autor Kusz am Abend der Premiere mit Schauspielchef Klaus Kusenberg (Mitte) und dem Uraufführungsregisseur Frank Behnke, inzwischen Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus und ab 2012 Schauspieldirektor in Münster.

Kein Problem, sollte man meinen. Kusz hat ja für Nachschub gesorgt und mit „Lametta“ eine Art Fortsetzung geschrieben. Wieder eine Familiengroteske, diesmal aufgehängt an Weihnachten – wenn nicht sogar buchstäblich am dazugehörigen Baum, dessen fehlendes Lametta für die Oma das Symbol des Niedergangs ist. Und es ist ja auch tatsächlich nichts mehr, wie es war: Wurden in „Schweig, Bub!“ der Schein und die Scheinmoral nach außen hin tapfer aufrecht erhalten und nur von der Sprache decouvriert, sind die Familienbande in „Lametta“ von vornherein zerrissen. Weihnachten im Jahr 2010 – das ist inzwischen eben auch in Franken das Fest der Rest- und Patchwork-Familien.

In diesem Fall ist es so, dass die Babs, die Neue vom Sparkassenfilialleiter Werner, ihr erstes Weihnachten mit dem Zukünftigen gerne bei einem „Brigitte-Menü für Zwei“ verbringen würde. Woraus natürlich nichts wird in diesem boulevardesken Tür-auf-Tür-zu-Theater. Einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen: Werners Sohn, Werners Mutter, Werners Ex, dazu der Babs ihre eigene Tochter, der Babs ihr Ex und dann auch noch dessen neue Frau, eine zweifache „Miss Franken“ von minderem IQ („Ich will definitiv ned störn. Echt ned.“).

„Anders scho, besser ned“: Omas Urteil über die neue Hängung am Christbaum gilt leider auch für Kusz’ Weihnachtsstück, das im Vergleich zu „Schweig, Bub!“ doch viel an Süffisanz und hintergründiger Brillanz missen lässt. In „Lametta“ tun sich keine Abgründe, sondern im Wesentlichen nur Mäuler auf. Das Stück begnügt sich mit der Situation selbst, ohne dass sich die Sprache – wie in „Schweig, Bub!“ und den besseren Kusz-Dramen – zur eigentlichen Protagonistin aufschwänge. Vorbilder schwarzen britischen Humors wie Michael Frayn oder Alan Ayckbourn („Schöne Bescherungen“) zwar durchaus im Blick habend, gerät Kusz’ Komödiantik hier aber doch zu banal und beliebig, manchmal sogar lieblich, etwa wenn der Verkündigungsengel an der Krippe den Zoff in Form eines gebrochenen „Flüchellä“ (Flügelchen) abkriegt und der Hausherr mit Kleber rummacht, als habe er keine anderen Sorgen: „Etz kriegt mei Engellä erscht widder sei Flüchellä.“

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger: Rüdiger Hans Dieter Kusz. Den Namen Fitzgerald hat er sich ins einer wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Von wegen Fitzgerald! Eigentlich heißt er Rüdiger. Den Namen Fitzgerald hat sich Kusz in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von John F. Kennedy entliehen: John Fitzgerald Kennedy.

Zur Ehrenrettung des Stücks muss man allerdings auch sagen, dass Regisseur Frank Behnke in seiner lärmigen, prolligen und dabei auch holprigen Uraufführung komplett die ätzende Farce verpasst hat, die darin stecken könnte. Dass er die Figuren breitärschig ausstopfen und in grässliche Kostüme und Perücken aus dem Fundus der Geschmacksverirrung stecken ließ, müsste ihm das Frankenpublikum eigentlich übel nehmen. So wie man als Franke irritiert registriert, dass die Schauspieler ja gar kein Fränkisch sprechen, sondern: das, was sie dafür halten. Aber Fakt ist: Es gibt keine Franken im Nürnberger Ensemble. Die Schauspieler haben für „Lametta“ extra Sprachunterricht erhalten.

Aber auch, wenn sich das mit dem Idiom mit der Zeit bessern sollte: Einschlagen wie „Schweig, Bub!“ wird „ Lametta“ wohl nicht. An die 80 Profi-Inszenierungen gibt es von Kusz’ frühem Hit, „und die Amateuraufführungen zählt mein Verlag schon gar nicht mehr“, sagt der Autor. Das Gute, wenn man so einen Erfolg gelandet hat, ist: Man kann davon leben. Zumindest konnte  der im SDS und in den 68er-Studentenkämpfen an der Uni Erlangen politisch gestählte Kusz schon 1982 seinen Beruf als Studienrat für Deutsch und Englisch an den Nagel hängen und sich ganz dem Schreiben widmen.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Der Ausweis zum Beweis: Fitzgerald Kusz heißt eigentlich Rüdiger Hans Dieter, geboren am 17. November 1944 in Nürnberg.

Seither hat er zwanzig abendfüllende Stücke verfasst, darunter Zwei-Personen-Dramen wie „Burning Love“ und „Höchste Eisenbahn“, die sehr lustigen „Witwendramen“ oder auch „Der Fränkische Jedermann“. Viele davon sind Hits im Volks- und Amateurtheaterbereich und auch wirklich pointiert geschrieben. (Die ins Türkische übersetzten ”Witwendramen” wurden am 20.10. 2011 in Üsküdar, dem asiatischen Teil Istanbuls, zum 100sten Mal aufgeführt, wie Kusz im Oktober per Mail mitteilte. Mit dem Zusatz: “Wird das mein türkischer ,Schweig, Bub!´?”)

Die eigentliche Meisterschaft des Fitzgerald Kusz, der mit Vornamen eigentlich Rüdiger heißt – den Fitzgerald hat er sich in seiner wilden Poplyrik- und Politik-Phase von „John Fitzgerald Kennedy“ entliehen –, die größte Meisterschaft dieses Frankendichters liegt jedoch in der literarischen Miniatur. Seine fränkischen Haikus sind großartig, und wenn er mit seinen „Bluesbrothers“, dem Gitarristen Klaus Brandl und dem Mundharmonika-Spieler Chris Schmitt, lyrisch-musikalische „Blues & Kusz“-Programme macht, dann weiß man, dass die Melancholie aus Franken kommt.

„der vollmond über nämberch / is aa blouß / ä lebkoung“, heißt es in einem Franken-Haiku von Kusz (Der Vollmond über Nürnberg ist auch nur ein Lebkuchen). Na dann, schönen Christkindlesmarkt!

02.03.11 | 16:32 | Begegnung mit ... | Dramatik | Kommentare 2 Kommentare

Einige Nachrichten über Wolfram Lotz

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Am vergangenen Freitag kam am Nationaltheater Weimar das Stück “Einige Nachrichten an das All” von dem jungen Autor Wolfram Lotz zur Uraufführung. Die läppische Inszenierung von Annette Pullen ist nicht der Rede wert, jedenfalls nicht an dieser Stelle (meine Kritik dazu ist am Wochenende, 26./27.02., im Feuilleton erschienen), aber dem skurrilen Herrn Lotz, Jahrgang 1981, sei hier ein Blog-Beitrag gewidmet.

Er stammt aus Hamburg, studiert seit 2007 Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und wurde für sein erstes (noch nicht aufgeführtes) Stück „Der große Marsch“ im Januar mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatik ausgezeichnet – im Kleist-Jahr natürlich eine besondere Ehre. Es war just dieses Stück, mit dem Lotz letztes Jahr beim Stückemarkt des Berliner

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Deshalb setzt er zum Beispiel abstruse Fußnoten. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Theatertreffens sowohl den Publikums- als auch den Werkauftragspreis gewann. Aus diesem Auftrag ist nun sein Stück „Einige Nachrichten an das All“ hervorgegangen – ein ziemlich unmodischer, existenzialistischer, surreal dadaistischer Text im Geiste des absurden Theaters, in dem es um die Zumutungen, den Sinn und die Sinnlosigkeit des Lebens geht und um die folgenschwere Erkenntnis, dass wir alle sterben müssen. Viele, wie das Mädchen Hilda oder der Dichter Kleist, sind schon gestorben. Sie dürfen in dem Stück trotzdem auftreten, gemeinsam mit anderen Kandidaten, wie zum Beispiel dem Politiker Ronald Pofalla oder der “dicken Frau, die Gast in der Talkshow Britt war”. Sie alle werden vom  LDF (“Leiter des Fortgangs”) in einer Art Show gebeten, ihre Geschichten zu erzählen und diese, komprimiert auf ein einzelnes Wort, über eine spezielle Apparatur ins All hinaus zu schicken – als Essenz des Menschendaseins gewissermaßen.

In Stephan Märkis Intendantenzimmer - links sieht man Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo W. Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

In Stephan Märkis Weimarer Intendantenbüro - die Blonde links ist Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo Wolfram Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

Es ist (bei allen postpubertären Anflügen) ein sympathisches, ambitioniertes,  erfrischend unorthodoxes Stück, das buchstäblich nach etwas Höherem, Universalem strebt. Und der Autor ist – auch wenn die Uraufführungsinszenierung nicht mit diesem seinem Streben mithalten konnte und wollte – sehr ernst zu nehmen. Auch und gerade in seinem lakonischen Witz. Das zeigte schon die Lesung, zu der Stephan Märki eine Stunde vor der Premiere in sein Intendantenzimmer lud. Wolfram Lotz las dort an Märkis schönem, rundem Intendantentisch aus seinen “kleinen Erzählungen” vor. Diese Erzählungen sind wirklich klein, manche bestehen nur aus zwei bis drei Sätzen, und sie nehmen Bezug auf Wissenschaft und Historie. Das ist Kurz- und Kürzestprosa, in deren extremer Welt- und Lebensverknappung ein böser, grausamer Witz liegt.

Ein paar dieser Mini-Erzählugen seien hier – mit freundlicher Genehmigung des Autors – wiedergegeben:

Donaghho

Im Jahr 1940 hörte der Ornithologe Walter Raymond Donaghho bei einer Wanderung auf dem Hawaii-Archipel Kaua´i einen Gesang, der vermutlich der des bereits ausgestorbenen Schuppenkehlmohos gewesen sein könnte. Er war sich anschließend aber nicht mehr sicher.

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Volcher Coiter

Über den im Jahre 1543 geborenen niederländischen Vogelkundler Volcher Coiter ist, abgesehen von dem hier bereits Gesagten, nichts bekannt.

Murnau

Der heute völlig unbekannte Kunsthistoriker Albrecht Murnau verbrachte sein ganzes Leben damit, ein womöglich verschollenes Meisterwerk Rembrandts zu suchen. Er fand es nicht und starb.

Amundsen

Im Jahre 1911, nach einer langen und äußerst entbehrungsreichen Reise, erreichte der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol. Es war ein eisiger Punkt im Nichts.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift. Ziert eine Wand in Märkis Büro.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: Der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift ziert eine Wand in Märkis Büro.

Edison und Topsy

Der berühmte Erfinder Edison versuchte die Öffentlichkeit von der Schädlichkeit des von seinem Konkurrenten Westinghouse propagierten Wechselstroms zu überzeugen. Zu diesem Zweck exekutierte er vor laufender Kamera den Zirkuselefanten Topsy auf äußerst effektive Weise mit einer Wechselspannung. Das Verfahren war so beeindruckend, dass die amerikanische Regierung prompt die Entwicklung des elektrischen Stuhls bei Edison in Auftrag gab, der dankend annahm.


Hunter

Im Jahre 1767 versuchte der Anatom John Hunter in einem aufsehenerregenden Selbstversuch, Syphilis und die als Tripper bekannte Erkrankung Gonorrhoe als unterschiedliche Ausformungen einer einzigen Krankheit zu belegen. Zu diesem Zweck brachte er Eiter aus der Harnröhre eines Tripperkranken mit einem Skalpell in seinen eigenen Penis ein. Aufgrund eines kleinen methodischen Fehlers – der Spender hatte nicht nur einen Tripper, sondern auch Syphilis – glaubte Hunter, der nun typisch syphilitische Symptome entwickelte, den gemeinsamen Ursprung bewiesen zu haben. Im Gefühl des Triumphes starb Hunter kurz darauf an den Folgen.

15.11.10 | 01:05 | Begegnung mit ... | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 10 Kommentare

Frankfurt – immer ein Klassiker!

Panoramabar-Blick im Frankfurter Schauspiel

Panoramabar-Blick im Frankfurter Schauspiel

Das Frankfurter Schauspiel unter der Intendanz von Oliver Reese stand bisher ja nicht so auf meiner Reiseroute. Hat sich am Anfang bei dem geballten Neustart von gleich sieben Intendanten irgendwie nicht ergeben – und inzwischen, nun ja … ich muss gestehen: Dieser einseitige Klassiker-Spielplan reizt mich einfach nicht so sehr.

Alles Off-Mäßige, Experimentelle haben sie in Frankfurt abgeschafft. Design und Branding – und so manchen Regisseur – hat Reese einfach vom DT in Berlin mitgebracht, da, wo er herkam.

Huch! Ist das der Geist von Elisabeth Schweeger? Man dachte ja, den hätten sie in Frankfurt gründlich ausgetrieben. Aber immerhin: Ihr Haarstil lebt fort!

Huch! Ist das der Geist von Elisabeth Schweeger? Man dachte ja, den hätten sie in Frankfurt gründlich ausgetrieben. Aber immerhin: Ihr Haarstil lebt fort!

Und dann immer diese Aufgeregtheit der FAZ bei jeder Frankfurter Goethe-Schiller-Kleist-Premiere. Na, ich weiß nicht … da ist vielleicht besser eine gewisse Münchner Skepsis angebracht.

Elisabeth Schweegers Geist wurde jedenfalls gründlich ausgetrieben – in manchen hysterischen Zügen (speziell in den Pressekommentaren gewisser männlicher Kollegen) glich das fast schon einer Hexenaustreibung. Umso erstaunter war ich, als ich sie jetzt unter den Premierengästen zu sichten glaubte, als ich von hinten eine dunkelhaarige Frau mit Hochstecknestfrisur im Schweeger-Stil sah. Es war dann zwar doch nicht die Schweeger, aber dass eine junge Frau – und wenn auch unbeabsichtigt – zumindest Schweegers Haarstil fortsetzt, das hat mich doch gefreut. Und die junge Dame ließ sich auch gerne für diesen Blog fotografieren.

Frankfurt-KlassikerJetzt, in seiner zweiten Saison, geht Reese mit seinen ewigen Klassikern in die Offensive. “KLASSIKER!” – Ausrufezeichen! -, schrillt das Spielzeitmotto in Großbuchstaben. So etwas nennt man wohl Vorneverteidigung. Auf den begleitenden Postkarten – es gibt drei Varianten – ist dann jeweils ein Klassiker aus der (huch: zeitgenössischen!) Objektwelt abgebildet, als da wären: ein Flipflop in Pink, ein Äppelwoi-Glas und, ja tatsächlich: ein Fläschchen “4711″, obwohl das doch eindeutig der Stadt Köln zuzuordnen wäre. Hm, was man sich in Frankfurt nicht alles von anderswoher einverleibt …

Hier sagt die Körpersprache alles: Nis-Momme Stockmann mit seinem Uraufführungsregisseur Martin Klöpfer

Hier sagt die Körpersprache alles: Nis-Momme Stockmann mit seinem Uraufführungsregisseur Martin Klöpfer (rechts)

Nun hat Frankfurt aber auch einen lebenden Hausautor – und mit Nis-Momme Stockmann wahrlich nicht den schlechtesten. Zur Uraufführung seines neuen Stücks “Die Ängstlichen und die Brutalen” bin ich angereist. Ehrensache. Ich schätze Nis-Momme Stockmann sehr, halte ihn für ein wirklich herausragendes, ernstzunehmendes Talent, mag die Wärme, Menschlichkeit und Anteilnahme in seinen Stücken – und mag ihn, Stockmann, seit ich ihn in der Heidelberg-Jury (und bei all dem Ärger, der damit zusammenhing) näher kennen gelernt habe, auch als Mensch. Mag seine Klugheit, seine Ernsthaftigkeit, die erwachsene Art, wie er nachdenkt, redet und dann doch ganz jung für etwas brennt. (Unter dem Titel »Stockmanns Appendix« schreibt er fürs Frankfurter Schauspiel auch einen Blog.)

Zwar sind “Die Ängstlichen und die Brutalen” sicherlich nicht sein stärkstes Stück, aber dass es ausgerechnet an Stockmanns Hausbühne derart arglos in den Sand gesetzt wird wie von dem Regisseur Martin Klöpfer, der für das Brüder-Drama rein gar kein Gespür hatte, das ist schon traurig und auch ärgerlich – zumal ja auch schon Stockmanns Stück “Das blaue blaue Meer” in Frankfurt von der Regie verspielt wurde. Die sollten dort nicht nur ihre Klassiker, sondern schon auch ihren Hausautor pflegen.

Der freundliche Herr Fritsch findet Frankfurt freilich freakig

Der freundliche Herr Fritsch findet Frankfurt freilich nicht sehr freakig

Dann hatte ich an dem Abend noch das Vergnügen, durch die Frankfurter Kritikerin Eva-Maria Magel den äußerst sympathischen und erfrischenden Herrn Fritsch kennen zu lernen. Gemeint ist Herbert Fritsch, der einst so wilde Volksbühnen-Schauspieler (übrigens: ein Oberpfälzer!), der derzeit nur noch als Regisseur arbeitet, dies aber recht erfolgreich. Von seinem “Biberpelz” in Schwerin und seiner “Nora” in Oberhausen hört man viel Gutes, hört man zum Beispiel auch, dass Teile der Theatertreffen-Jury schon zur Besichtigung angereist sind (und zwar in beiden Fällen).

Der kampferprobte Herr Fritsch kann wunderbare Geschichten aus seiner Zeit als Castorf-Schauspieler erzählen, wurde als solcher von aufgebrachten Zuschauern beschimpft und beschmissen und hat auch schon erlebt, wie ein Backstein nach vorne flog und Zuschauer die Bühne stürmten. Es sei für ihn als Schauspieler bei Castorf immer so gewesen, als stünde er an einem Abgrund und müsse springen … und dann, sagt Fritsch, sei er gesprungen. Klarer Fall.

Ich denke mal, da kommt noch was ... von Stockmann und Fritsch. Klingt wie ein Komiker-Duo - und schaut auch so aus.

Ich denke mal, da kommt noch was ... von Stockmann und Fritsch. Klingt wie ein Komiker-Duo - und schaut auch so aus.

Lustigerweise kennen sich auch Fritsch und Stockmann, mehr noch: Sie haben sich angefreundet und sind offenbar auch projektmäßig an einer Sache dran. Wo, frage ich die beiden, haben sie sich denn kennen gelernt? Die Antwort: an einem frustreichen Abend beim Heidelberger Stückemarkt.

24.08.10 | 18:49 | Abschied von ... | Begegnung mit ... | Erinnerung | Kommentare 0 Kommentare

Erinnerung an Christoph Schlingensief (3)

Ein Probenbericht zu Schlingensiefs Bayreuther “Parsifal”-Inszenierung war ja leider gescheitert (an Bayreuth, nicht an Christoph). Ich habe damals trotzdem einen Vorbericht geschrieben, entstanden aus zwei Telefonaten mit Schlingensief, die ich in einer längeren E-Mail-Telefon-SMS-Kommunikationsaktion angeleiert hatte (siehe vorherigen Blog-Eintrag). Hier nun also das Ergebnis. Erschienen ist der Artikel am 14. Juli 2004 im SZ-Feuilleton.

Ich bin Kundry!

Christoph Schlingensief fiebert seiner Bayreuther “Parsifal”-Premiere entgegen: „Vielleicht bin ich ja doch konservativ?”

Noch vor zwei Wochen hat Christoph Schlingensief auf den Komplex „Bayreuth” höchst allergisch reagiert. Hätte man ihn dazu befragt, er wäre nach eigenem Bekunden „schreiend davongelaufen”. Er ist zunächst ja auch tatsächlich davongelaufen – so jedenfalls wirkte es in der Öffentlichkeit, als der Regisseur Anfang des Monats den Proben zum “Parsifal” fernblieb und sich krank meldete. Von „erheblichen Meinungsverschiedenheiten” zwischen ihm und der Festspielleitung war die Rede, und davon, dass beide Seiten Anwälte eingeschaltet hätten.

Inzwischen hat Schlingensief die Probenarbeit auf dem Grünen Hügel wieder aufgenommen und klingt putzmunter, wenn er am Telefon einen Zwischenstand durchgibt. So ein Sturm, sagt er, tue manchmal ganz gut. „Es bereinigt. Vorher hat jeder dem anderen immer gleich das Schlechteste unterstellt.” Sogar lobende Worte hat er für das Bayreuther Wagner-Imperium übrig: Logistisch sei das schon ein toller Betrieb, und die technische Abteilung sei meisterhaft, mindestens so gut wie Disneyworld.

Nein, Schlingensief hat keinen Nervenzusammenbruch erlitten, und er war auch nicht in einer psychiatrischen Anstalt. Der Regisseur hatte aus Afrika, wo er sich zu Recherchen aufhielt, eine Gallenentzündung mitgebracht, die sich zu einer „richtigen Kolik” auswuchs. Deshalb habe er sich ins Krankenhaus begeben. Zwar sei er auch nervlich etwas angeschlagen gewesen, aber er breche dann nicht zusammen, sondern werde eher aggressiv. „Dann rase ich nachts durch den Wald und komme nicht mehr runter.” Den “Parsifal” hinzuschmeißen, nein, das käme nicht in Frage. Auch, wenn er „die Tage zählt, bis es vorbei ist” und mit seinem Team „ungeheuer viel gelitten” habe. Das wird jetzt durchgezogen: „Wir tragen das auch mit Stolz!”

Über die Auseinandersetzungen mit dem Festspielchef Wolfgang Wagner will (und darf) Schlingensief nichts weiter sagen. Nur so viel: Es habe eine Menge Anwaltsschreiben und Abmahnungen gegeben. Darüber habe nicht er, sondern sein Rechtsanwalt Peter Raue verhandelt. Schlingensief sagt, er sei jetzt so weit, etwa 30 Prozent seiner Bilder und Ideen umzusetzen. „Bis zur Premiere könnte ich vielleicht sogar 50 Prozent schaffen.”

Herzliche Worte hat der Bayreuth-Neuling für Pierre Boulez übrig. Der Dirigent stehe jederzeit mit guten Ratschlägen zur Verfügung und habe in Streitfällen vermittelt. Boulez sage immer, beim Bayreuther „Ring” mit Patrice Chéreau habe es auch viele Probleme gegeben. Chéreau soll sogar noch während der Premiere in Jeans über die Bühne geflitzt sein, um Nebel zu machen. Zum Schluss seien mit den Buhrufen Gegenstände auf die Bühne geflogen. Das war 1976.

Ein Hämmern die ganze Nacht

„Nach 30 Jahren dasselbe zu erwarten, finde ich typisch deutsch und einen völligen Blödsinn”, sagt Schlingensief. „Man will sich nicht auf die Bilder einlassen, jede Auseinandersetzung damit behindern.” Natürlich habe er Angst vor der Premiere am 25. Juli, weil er sich nicht vorstellen kann, dass sich seine Bilderwelten erschließen. Dabei gebe er gar nicht den Provokateur, den alle in ihm vermuten. Weder zeige er Kundry als Nutte noch König Amfortas als kranken Saddam Hussein, und der Kelch sei auch kein Dildo – „mach’ ich alles nicht!” Im Gegenteil, er versuche, die Bilder aus der Musik heraus entstehen zu lassen, weil er es zu billig finde, in einer solchen Oper aktuelle Themen abzuhandeln. „Agenda 2010? Putin? Interessiert mich hier nicht. Vielleicht bin ich ja doch konservativ?”

Bei ihm, sagt Schlingensief, knieten die Gralsritter beim Abendmahl tatsächlich minutenlang auf dem Boden, und statt herkömmlicher Videos benutze er eine ausgefeilte Laterna-Magica-Technik mit beweglichen Projektionen über die ganze Szenerie. Er arbeite mit den Begriffen der „Entäußerung” und „Rückbesinnung”. Oder, da zitiert er Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik”, mit der Dualität zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen. Die Partitur, das ist die Strenge – und daneben das Durcheinander. „Wagners Leben war ja auch ein Durcheinander”.

Wenn Schlingensief so drauflos sprudelt, sprunghaft und assoziativ, klingt das ebenfalls nach einem großen Durcheinander. In seinem Kopf scheint es zu flirren. Schlingensief bekennt, es gehe ihm wie Volker Spengler, der in seinem Film „Die 120 Tage von Bottrop” zu Irm Hermann sagt: „Ach Irm, ich hab’ so viele Bilder im Kopf, es ist ein Hämmern und Sägen die ganze Nacht!” Während der Proben sei er sich erst mal wie Klingsor vorgekommen, der böse Zauberer, der König Amfortas den heiligen Speer entreißt. Dann habe er sich zunehmend wie Amfortas gefühlt: total verwundet. Seine Beziehung zu seinen Eltern, denen er mit 43 noch keinen Enkel geschenkt habe, seine jüngst verlorene Liebe – das alles sei „eine Wunde, die nicht mehr richtig schließen will”. Inzwischen ist Schlingensief zu dem Schluss gekommen: „Ich bin Kundry!” Kundry, „das wilde Weib”, habe alles schon tausendmal erlebt. „Die sagt: Was ist das für eine Scheiß-Gesellschaft? Ihr kotzt mich alle an!” Und am meisten kotze sie sich selber an.

Klingt alles ziemlich verwirrend, was Schlingensief da mit atemlosem Furor erzählt. Was nun genau sein Regieansatz ist, geht nicht daraus hervor. Wie es scheint, will er in Wagners Bühnenweihfestspiel eine buddhistische Deutung hineinbringen. Schlingensief hat sich dazu in Nepal inspiriert, und in der Villa Wahnfried sei er auf ein Büchlein gestoßen, dem zufolge sich auch Wagner mit dem Buddhismus beschäftigt habe. Er zitiert ihn mit den Worten: „Ich habe heute den Parsifal beendet und drei Hunden das Leben gerettet. Soll die Nachwelt entscheiden, was wichtiger war.”

Irgendetwas wird Schlingensief auch mit dem heiligen Speer anstellen, von dem er sagt, er werde als Erlösungsgegenstand im “Parsifal” nicht richtig angepackt: „Da ist so eine christliche Soße drüber.” Er selbst komme ja auch vom Katholizismus, aber er frage sich: „Was haben wir denn davon, wenn wir den Speer gefunden haben?” Erlösung gebe es nur im Tod. Für ihn sei diese Oper eine „Totenweihe”, eine „Feier der Schmerzen und des eigenen Sterbens”, des Endes, das Musik zwar überhöhen, aber nicht verhindern könne. „Wie schön ist die Musik, aber wie schön erst, wenn sie aufhört!” Weiter kommt Schlingensief in seinen Ausführungen nicht, weil er von einer Frau unterbrochen wird, die ihn auf der Straße – er ruft vom Handy aus an – herzlich begrüßt: „Man hört ja so viel von Ihnen . . .!” Hernach erzählt er, dass es neben den vielen Gerüchten, die in Bayreuth über ihn kursieren – zum Beispiel, er würde Hasen zeigen und kiloweise Fleisch auf die Bühne werfen –, auch Fans gebe, die ihm Briefe und Geschenke schicken. Eine Wagnerianerin biete ihm sogar ihre Tochter an.

Die öffentliche “Parsifal”-Generalprobe fällt in diesem Jahr übrigens aus – Mitteilung der Festspielleitung. Schlingensiefs Abläufe seien so kompliziert, dass man sie an diesem Tag noch testen müsse. Der Regisseur sieht das zwar ein, aber leid tut es ihm schon: „Ich hätte mich gefreut, wenn auch ein paar Künstler oder Intendanten den Parsifal gesehen hätten und es dadurch vielleicht zu neuen Arbeiten auch außerhalb von Deutschland gekommen wäre.” Denn eines hat Schlingensief sich vorgenommen: unbedingt noch mal eine Oper zu machen. Auch, um zu sehen, „ob das immer so laufen muss wie hier”.

23.08.10 | 16:53 | Abschied von ... | Begegnung mit ... | Erinnerung | Kommentare 0 Kommentare

Erinnerung an Christoph Schlingensief (1)

Noch immer sehr bewegt vom Tod Christoph Schlingensiefs, habe ich vorhin mein Mail-Archiv nach meinem ersten persönlichen Kontakt mit ihm durchforstet. Unser Kontakt begann mit einem Streit: Das war im März 2004, als Christoph – damals siezten wir uns noch und hatten uns noch nie getroffen – sich furchtbar über einen Artikel von mir aufregte. Und zwar wirklich richtig furchtbar; er machte ein ganz großes Drama draus. Kritik konnte er grundsätzlich nicht vertragen, er nahm sie ganz schrecklich persönlich.

Worum ging´s? Er hatte sich damals am Schauspielhaus Zürich krank gemeldet, weshalb vier Vorstellungen seiner Inszenierung „Attabambi Pornoland” ausfielen (das war damals noch in der Marthaler-Zeit). Andernorts war er aber aufgetreten. Das habe ich in meinem Artikel unter der Überschrift “Der eingebildete Kranke” aufgeschrieben (siehe unten) und darüber polemisiert (“chronische Mimoseritis mit stark paranoiden Auswüchsen”). Woraufhin er mich mit vorwurfsvollen, klagenden und, wie ich fand, auch äußerst larmoyanten sms-Botschaften zuschüttete (die ich leider nicht mehr habe, und ich weiß auch nicht, woher er meine Handynummer hatte). Das Erste, was ich aus dieser Zeit noch finde, ist folgende Mail von mir an Schlingensief, aus der sich die Sache ganz gut rekonstruieren lässt:

2.03.2004

Betreff: fair is foul and foul is fair

lieber christoph schlingensief,

habe bereits mehrmals versucht, auf ihr gestriges sms-bombardement zu antworten, aber heraus kam immer nur das piepsen eines übertragungsfehlers. weiß nicht, woran das liegt – ist aber vielleicht bezeichnend für unsere kommunikation …

zunächst einmal: von HASS kann nun wirklich nicht die rede sein!
seien sie doch nicht so paranoid!

wieso sollte ich sie hassen oder ihre arbeit torpedieren, behindern oder gar, wie sie schreiben, “zerstören” wollen? mitnichten! das ist doch quatsch. wenn es ihnen wieder besser geht und sie die dinge nüchterner betrachten, werden sie das auch selbst einsehen.

ich hätte nie gedacht, dass sie so empfindlich auf meinen kleinen – polemischen – artikel reagieren würden. ehrlich gesagt, halte ich ihre reaktion für absolut übertrieben. wer, wie sie, viel austeilt, sollte auch mal was einstecken können, zumindest ein bisschen polemik.

aber ich merke jetzt und glaube ihnen, dass sie tatsächlich psychisch und physich angeschlagen und nervlich sehr angespannt sind, sonst würden sie sich das alles nicht so zu herzen nehmen und sich von allen seiten verfolgt wähnen.

was ist denn passiert? eine journalistin hört, der künstler schlingensief ist in zürich – nach einer auseinandersetzung mit der polizei und vorwürfen gegen die schauspielhaus-leitung – mit attest krank geschrieben, soll aber an anderen bühnen aufgetreten sein. was tut sie also? sie ruft mal an, ob das stimmt und schreibt darüber einen glossierenden, zugegeben etwas spitzen artikel – das ist ihr gutes recht. so ein artikel kommentiert die situation und stellt nicht gleich den ganzen künstler in frage (oder an den pranger). ihr verhalten in zürich, lieber schlingensief, ist nun mal für außenstehende schwer nachvollziehbar. wenn sie mal versuchen würden, die zürich-kiste unvoreingenommen von außen zu betrachten, würden sie einsehen, dass bestimmte fragen durchaus verständlich, also berechtigt sind. wenn sie in zürich krank gemeldet sind, aber woanders auftreten, dies jedoch nicht weiter erklären, ist dies schon einigermaßen merkwürdig. wird man sich seinen eigenen reim darauf machen, ist doch klar.

kann ja sein, dass sie in bzw. vor zürich eine phobie haben – und wenn sie nun von “todesangst” schreiben und sich tatsächlich in einer klinik aufhalten, mache ich mich ganz bestimmt nicht drüber lustig. im gegenteil, es tut mir leid, dass sie sich in einem so verwundbaren zustand befinden und ich sie mit meinem artikel offenbar wirklich verletzt habe (unbeabsichtigterweise!). aber wieso haben sie nichts davon erzählt? woher soll man das wissen? nach außen wirkte ihr verhalten, sorry, wie das einer eingeschnappten diva, die in zürich zickt und beleidigt abreist, um sich dafür anderswo um so gefällliger ihrer wirkung zu versichern.
ich habe auch nicht verstanden, wieso sie in öffentlichen äußerungen der schauspielhaus-leitung vorwarfen, sie würde nicht richtig hinter ihnen stehen, ihnen zu wenig rückhalt geben … andererseits sprachen sie jedoch von den “marthaler-hassern”, die hier mal wieder mobil machen würden (was in diesem fall einfach nicht stimmt).

ich gebe zu: diese verquickung von argumenten und instrumentalisierung von menschen und “stimmungen” für ihre eigenen zwecke finde ich nicht ganz lauter, jedenfalls nicht anständig, und das ist das einzige, was mich an der sache wirklich gestört hat. alles andere – ihre abreise, die krankmeldung, ihr auftritt in den anderen häusern – quittierte ich in meinem artikel eher mit einem ironischen lächeln.
warum ich die besucherzahlen erfragt und aufgeschrieben habe? um zu veranschaulichen, dass es bei dieser sache wirklich nicht um irgendeinen skandal oder eine skandalisierung geht. sondern im gegenteil: dass ihre zürcher inszenierung – anders als etwas “bambiland” in wien – nicht nur niemanden aufregt, sondern leider auch nicht den großen run auslöst. mein verdacht war, vielleicht zu unrecht: dass das mit ein grund für sie ist, zürich bzw. den blöden zürichern den rücken zu kehren. nach dem motto: die interessieren sich eh nicht für meine arbeit – die können mich mal.

noch mal: ich wollte sie nicht verletzten. nur ein bisschen sticheln. aber nicht weh tun!
was ich zugebe: ich habe ihre krankmeldung nicht ernst genommen. dass es ihnen wirklich schlecht geht, tut mir – ehrlich – leid.

ich wünsche ihnen gute besserung!

mit vielen grüßen aus dem parkett

ihre christine dössel

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Schlingensiefs Antwort:

23.03.2004

RE: fair is foul and foul is fair

liebe frau doessel,

danke für ihre mail.
hat mich wirklich alles am tiefsten punkt des meeres getroffen.

jetzt gehts mir wieder besser.
habe auch wieder zweimal in zürich gespielt.

vielleicht wirke ich ja wirklich so, als hätte ich nur die sonne gepachtet.

viele grüße
ihr christoph schlingensief

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Meine Antwort vom 24.03.2004:

RE:RE: fair is foul and foul is fair

lieber christoph schlingensief,

es freut mich, dass es ihnen wieder besser geht. ich war, ehrlich gesagt, auf ihren brief hin schon etwas besorgt.
bitte, nehmen sie das alles nicht so tragisch.

ich wünsche ihnen alles gute und frischen mut für ihre nächsten projekte, vor allem natürlich für wagner und bayreuth!
und bald kommt hoffentlich der frühling, dann blühen wir alle wieder auf.

seien sie herzlichst gegrüßt
von
christine dössel

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So – und für alle, die es interessiert, hier noch der Artikel, um den es ging, im Wortlaut (erschienen im SZ-Feuilleton, 28.2.2004). Wie gesagt, ich kannte Schlingensief damals noch nicht persönlich – die Vermutung, der mangelnde Zuspruch des Publikums und die abschätzigen Äußerungen Zürcher Politiker könnten ihm die Lust am Auftreten geraubt haben, finde ich rückblickend falsch. Davon hat sich ein Schlingensief nie abhalten lassen. Aber geliebt werden … ja, das wollte er!

Der eingebildete Kranke

In Zürich fehlt Schlingensief mit Attest, in Wien tritt er auf

In Zürich ist Christoph Schlingensief noch immer krank gemeldet. Ein ärztliches Attest bescheinigt ihm, aus psychischen und physischen Gründen vorerst nicht mehr auftreten zu können. Vier Vorstellungen seiner Inszenierung „Attabambi Pornoland” wurden deswegen abgesagt. Ob die für Mitte März geplanten drei Vorstellungen stattfinden werden, will das Zürcher Schauspielhaus nächste Woche „intern” klären.
Was ist das für eine Krankheit, an der Schlingensief leidet? Es scheint sich dabei um einen spezifisch Schweizer Virus zu handeln, womöglich um eine ausgewachsene Zürich-Allergie. Denn während er Marthalers Schauspielhaus fern bleibt, sieht man ihn anderswo fröhlich seine Kunst betreiben. Am Montag und Dienstag ist er am Wiener Burgtheater nachweislich in seiner dortigen „Bambiland”-Inszenierung aufgetreten. Wie das Theater auf Anfrage mitteilt, sei das Haus randvoll gewesen und Herr Schlingensief durchaus bei Kräften. Auch an der Berliner Volksbühne war der teilzeitkranke Darsteller am Donnerstag putzmunter: in seinem Projekt „Atta Atta”. „Von der Welt der Intrige zur Welt der Paranoia” ist es in dieser Kunst-Camper-Aktion nur ein kleiner Sprung. So wie offensichtlich auch im wahren Leben des Christoph Schlingensief. Denn wenn der malade Regisseur kein Simulant ist, bleibt nur eine Diagnose: chronische Mimoseritis mit stark paranoiden Auswüchsen bei erhöhtem Idiosynkrasie-Verdacht gegenüber mangelnder Aufmerksamkeit von außen.
Wie anders ist zu erklären, dass sich Schlingensief nachgerade verfolgt sieht von seinen Gegnern, die er als „alteingesessene Marthaler-Hasser” brandmarkt? Oder instrumentalisiert. Dabei ist Marthaler in seiner letzten Spielzeit beliebter denn je, und Schlingensiefs Arbeit wurde keineswegs torpediert. Eine Anzeige der Züricher Stadtpolizei hatte definitiv nichts mit den Proben zu „Attabambi Pornoland” zu tun, sondern – die SZ berichtete – mit einer Privatfeier, bei der es zu laut wurde und die dann wohl in einem Zusammenstoß mit einem Polizisten gipfelte. Die Aufführung selbst war kein Skandal. Nachdem die Premiere mit 673 Zuschauern noch gut besucht war, wollten nur noch 392 die zweiten Vorstellung sehen, 277 die dritte. Vielleicht ist es dieses Desinteresse, das Herrn S. auf die Gesundheit schlägt?
Mitglieder des Zürcher Gemeinderats machten nun ihrem Zorn über den „eingebildeten Kranken” Luft. Markus Schwyn von der SVP erklärte, Zürich könne sehr gut ohne Schlingensief leben: „Ersparen Sie uns bitte weitere Peinlichkeiten mit diesem Komödianten!” Doris Fiala (FDP) sprach von einem „Risikopotenzial für das Schauspielhaus”. Man müsse den Vorwurf des Vertragsbruchs prüfen. Von linker Seite gab es diesmal keine Schützenhilfe für den Regisseur. In Zürich, scheint es, hat er ausgespielt.   CHRISTINE DÖSSEL
28.07.10 | 18:20 | Begegnung mit ... | Festivals | Kommentare 0 Kommentare

Salzburger Festspiele (1): Der eine Jedermann und der andere

Simonischek-Ofczarek

Da stehen sie, Auge in Auge, Kopf an Kopf: der alte Salzburger Jedermann und der neue – Peter Simonischek, der seit der Neuinszenierung von Christian Stückl im Jahr 2002 sage und schreibe 108 “Jedermann”-Vorstellungen hingelegt hat, und sein Nachfolger Nicholas Ofczarek, der als Titelheld in Hugo von Hofmannsthals unverwüstlichem Katholenspiel gerade erst anfängt. Mit 39 Jahren ist er der jüngste Jedermann aller Zeiten. Seine Buhlschaft ist Ofczareks Burgtheater-Kollegin Birgit Minichmayr, sie haben auch schon im “Weibsteufel” schnabulierend kooperiert.

Das Foto entstand vor der Premiere von Peter Steins “Ödipus auf Kolonos” im Theaterhof auf der Perner-Insel. Als ich die zwei Jedermänner beieinander stehen sah, bat ich um ein Foto, woraufhin die beiden nicht etwa Seit an Seit in die Kamera strahlten, sondern bewusst diese kritisch sich beäugende Hahnenkampfpose einnahmen, Stirn an Stirn, Hirn an Hirn. Nur keine falsche Zweieinigkeit: Sie sind nun mal Konkurrenten.

Ich war erstaunt über so viel Ehrlichkeit in der Pose. Man kann sich ja denken (und hört es von Leuten, die ihn kennen), dass es für Simonischek nicht leicht ist, den Jedermann nach acht Jahren abzutreten (er liebte diese Rolle und den in Österreich damit verbundenen Ruhm, suhlte sich darin) – und dass es andererseits für Ofczarek anstrengend ist, in dieser Rolle sehr genau unter die Salzburg-Lupe genommen und permanent mit dem populären Simonischek verglichen zu werden.

Simonischek behauptet, ich sei die Einzige, die so ein Foto mit ihnen beiden bekommen habe – allein schon deshalb, weil sie bei der Stein-Premiere zum ersten Mal in Salzburg zusammengetroffen seien; er scheint dem neuen Jedermann zunächst mal lieber aus dem Weg gegangen zu sein – und unterstrich damit den Seltenheitswert: “Also, machen Sie was draus.”

Einen Tag später habe ich Simonischek dann noch mal bei einem Empfang getroffen – an der Seite seiner lebendigen, sympathischen, von ihm selbst als “wunderbar” bezeichneten Frau -, und als wir kurz noch mal über seine Zeit als Jedermann sprachen, kam Simonischeks ganzer Stolz darüber zum Ausdruck. Er war der vierzehnte Jedermann, ein wahres Jeder-Mannsbild – der mit den meisten Buhlschaften, nämlich vier: Veronika Ferres, Nina Hoss, Marie Bäumer, Sophie von Kessel, “ein absoluter Rekord”. Alexander Moissi, der allererste Jedermann in Max Reinhardts Urinszenierung von 1920, hat 64 Vorstellungen gespielt. Ungefähr 550 Aufführungen sind seither über den Domplatz gegangen. Dass Simonischek davon allein 108 bestritten hat, ist ebenfalls rekordverdächtig.

Nächste Woche, am 6. August, wird Peter Simonischek 64, und wie der Salzburger Klatschpresse zu entnehmen ist, macht er dann endlich mal zur Festspielzeit Urlaub. Es hat auch sein Gutes, kein Jedermann zu sein.

28.05.10 | 12:39 | Begegnung mit ... | Kritikerlust | Theater | Kommentare 2 Kommentare

John Malkovich in “The Infernal Comedy”

Foto: dpa

Foto: dpa

Sieht man dem Kino dabei zu, wie es entsteht, ist das meistens eine ziemlich langweilige Sache: Viele Menschen tun sehr wenig, und wie die Szene aussehen soll, die da gedreht wird, geschweige denn der ganze Film, kann man nicht einmal erahnen. Vielleicht ist das ja, wenn man John Malkovich beim Drehen zuschaut, anders – ihm bei einer Theaterprobe zusehen ist jedenfalls ein Zuckerl.
Ich durfte zusehen, wie er im Ronacher in Wien das Stück “The Infernal Comedy” probte – Malkovich als Jack Unterweger, der österreichische Prostitutiertenmörder, der sich 1991
Malkovichs Unterweger liest in dem Stück aus einem Buch, dass er nach seinem Tod geschrieben hat, erzählt aus seinem Leben, und zwei Sopranistinnen begleiten das in wechselnden Rollen – und werden immer mal wieder von ihm mit ihrem Büstenhalter gemeuchelt. Im Ronacher probte er als mit Aleksandra Zamojska, außer dem Regisseur (und Autor) Michael Sturminger waren nur noch zwei Leute von der Produktion dabei – wenn man da als Journalistin drin sitzt ist, ist man also mangels Konkurrenz das Publikum. So direkt angespielt wird man im Theater natürlich nie, selbst wenn ein Schauspieler das tut, würde man es nicht merken.
Bei Malkovich, der zu allem, auch zu sich selbst und ganz besonders zu Jack Unterweger eine ironische Distanz hat, ist das jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis: Der große Löwe…ganz ruhig und im nächsten Moment furchterregend. Wenn man ihm zusieht, ist auch klar, warum der Mann immer sagt, er nehme seine Charaktere – anders als viele Schauspieler – abends nicht mit heim, denn er legt sie von einer Sekunde auf die andere ab. Die Figuren, die er spielt, gehen durch ihn hindurch, sagt Malkovich achselzuckend im Interview, dass der Anlass gewesen ist für den Probenbesuch (erscheint in der SZ am Wochenende vom 29. Mai).
In Deutschland ist das Stück vom 2. bis zum 6. Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen. Gerne, sagten Malkovich und Sturminger, wären sie mit der “Infernal Comedy” auch nach München gekommen – aber bislang hat kein Münchner Theater sie eingeladen.

03.05.10 | 20:02 | Begegnung mit ... | Festivals | Geht doch! | Kommentare 3 Kommentare

Oberammergau (3): Jesus lebt

Heute habe ich Jesus getroffen.

Oh Jesus!

Oh Jesus!

Er saß in Oberammergau im “Theatercafé” und aß einen Keks. Niemand nahm groß Notiz von ihm. Er war sehr entspannt und sagte: Alles läuft gut.

Wahrlich, ich sage Euch: Das ist ein gutes Zeichen …

Demnächst mehr. Aus Oberammergau … und überhaupt!

P.S. (Sorry, mein Leben geht zu schnell, komme im Moment mit dem Bloggen nicht mehr nach … Ich weiß, das spricht gegen das Prinzip – und damit wohl auch gegen mich als Bloggerin … Mea culpa! Mea maxima culpa! Hiermit wäre es also gebeichtet, vor Jesus und allen anderen. Und damit krieg ich als Katholikin jetzt ja wohl hoffentlich eine Absolution!!! Danke. Sehr schön. Alles wird gut – oder zumindest besser … ich werde mich jedenfalls bemühen!)

31.03.10 | 17:06 | Begegnung mit ... | Glückwunsch! | Kommentare 6 Kommentare

Rolf Boysen 90

Boysen

Heute wird der großartige Schauspieler und Sprechkünstler Rolf Boysen 90 Jahre alt. NEUNZIG – das muss man erst mal hinkriegen! Noch dazu so wie Boysen, der überhaupt nicht senil und gebrechlich, sondern grandseigneurhaft würdig, körperlich rüstig und geistig absolut rege wirkt. Und darüber hinaus auch noch sehr charmant und geistreich ist.

Für einen Geburtstagsartikel im Feuilleton (heutige Printausgabe) habe ich den Schauspieler letzte Woche in Begleitung der Fotografin Regina Schmeken in Bad Wiessee am Tegernsee besucht. Er weilte dort in der Fachklinik Medical Park, einer Kurklinik für Orthopädie und Sportmedizin, mit der schönen Adresse “Am Kirschbaumhügel”. Ich dachte schon, er würde uns in Krankenhauskleidung und/oder gar im Rollstuhl empfangen. Aber nein: Er war gekleidet wie ein englischer Gentleman und wirkte auch sonst rein gar nicht wie ein Patient (siehe meine Fotos). Auf die Frage, was der Grund seines Klinikaufenthalts sei, erzählte er uns die Geschichte seines Sturzes (der übrigens schon ein ganzes Weilchen her ist): Wie er zu Hause, als er eine Flasche Wein holen wollte, rückwärts die Kellertreppe hinabgefallen ist … und sich dabei einen doppelten Wirbelbruch zugezogen hat. Zwei Schrauben habe er seither hinten drin. “Aber”, grinst der Bordeaux-Liebhaber Boysen, “halb so wild: Die Flasche blieb heil.”

Das ist natürlich eine schöne Geschichte, fast möchte ich sagen: ein Treppenwitz – und ich habe damit meinen Geburtstagsartikel begonnen. Der muss und soll hier nicht wiederholt werden. Nur so viel: Die zwei Stunden mit Rolf Boysen waren sehr beschwingend. Wenn einer auf so ein langes und reiches Bühnenleben zurückblicken kann wie Boysen, der die bedeutendsten Rollen der Dramenliteratur gespielt und die größten Werke der Weltliteratur gelesen hat, dann hat er natürlich was zu erzählen. Vom Krieg zum Beispiel, in dem ihm ein Kamerad aus seiner Division zwei Theaterrollen beibrachte (den Karl Moor und den Faust). Von seinem schnellen Einstieg und Aufstieg als Schauspieler in der Nachkriegszeit, als keiner nach einer Schauspielausbildung fragte – es herrschte Männermangel. Von Hans Schweikart, dem “großen Naturalisten und Raumbeherrscher”, und Fritz Kortner, diesem “Elementarerlebnis” – beide waren Boysens große, prägende Lehrmeister an den Münchner Kammerspielen. Von der Faszination des Theaters überhaupt. Und von der Sprache natürlich, die Boysen so liebt und meisterhaft beherrscht – von ihrer Schönheit, ihren Feinheiten, ihren Forderungen und Erfordernissen.

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Boysen ist ein kluger, denkender Schauspieler. Die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse seines Berufslebens hat er in dem lesenswerten Essay-Band “Nachdenken über Theater” veröffentlicht. Aus diesem Buch wird er heute Abend, an seinem 90. Geburtstag, im Münchner Residenztheater vorlesen, an das er 2001 mit Dieter Dorn von den Kammerspielen rübergewechselt ist. Ehrensache, dass ich da hingehe! Wer den stimmgewaltigen Boysen als Rezitator antiker Literatur kennt, weiß: Er ist ein grandioser Vortragskünstler, in seiner Intonierungsgabe unerreicht. Einer, der schwere Textbrocken wie die “Ilias” oder Vergils “Aeneis” nicht einfach nur liest, sondern sie stimmlich strukturiert, rhythmisiert und dramatisiert – so dass man sie mit ihm durchleben, durchdringen … und sie tatsächlich auch verstehen kann.

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Natürlich ließ ich mir nicht die Gelegenheit entgehen, für mein persönliches Exemplar des Buches eine Widmung zu erbitten – die mir Rolf Boysen dann netterweise auch gab. Wobei er sich sehr für seine wackelige Handschrift entschuldigte. Zum Abschied drückte er mich dann sogar – und diese herzliche Umarmung will was heißen, wo ich doch am Münchner Residenztheater als Kritikerin so gar nicht gelitten bin und es wahrscheinlich nicht übertrieben ist, zu sagen, dass Dieter Dorn mich und meine Theaterauffassung nicht ausstehen kann.

Und deshalb hier noch dieses Foto mit mir und dem sehr galanten Herrn Boysen, diesem hanseatischen Charmeur, der bestimmt mal ein großer Womanizer war (Und wenn jetzt wieder welche unken: “Frau Dössel, haben Sie das nötig …!?”, dann sag´ ich: Jawohl! Und warum auch nicht? Das hier, liebe Leute, ist mein Blog … da darf ich sogar mal ICH zu mir sagen!) :

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Herzlichen Glückwunsch, lieber Rolf Boysen! War mir ein Vergnügen.

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Nachtrag vom 1. April: “Nachdenken über Theater” – Boysens Geburtstags-Lesung

Boysens Geburtstags-Lesung, gestern im Münchner Residenztheater, war komplett ausverkauft. Und etliche hofften in der Warteschlange noch auf eine Karte. Im Foyer sah man langjährige Kollegen von Boysen wie Lambert Hamel, Stefan Hunstein und Doris Schade (seine Desdemona aus Fritz Kortners “Othello”-Inszenierung von 1962!). Joachim Kaiser, der am Nachmittag in der Redaktion noch über sein stressiges Wochenprogramm geklagt hatte, war dann doch auch gekommen. Und Michael Krüger vom Hanser Verlag. Es fehlten natürlich auch nicht Boysens Söhne Markus und Peer, Schauspieler der eine, Regisseur der andere. Sie stützten ihre Mutter Marianne, mit der Boysen schon 52 Jahre verheiratet ist. Von ihr heißt es, dass sie ebenfalls gestürzt sei, jüngst erst. (Nach der Lesung wollte Boysen – das hatte er in Bad Wiessee erzählt – mit seiner Familie gleich wieder abdampfen: in ein Hotel am Starnberger See, wo es sehr schön sein soll und guten Rotwein gibt.)

Viel weißes Haar im Parkett – klar, bei einem 90-jährigen Jubilar. An einem Desk im Foyer haben sich mehrere Besucher Hörgeräte ausgeliehen. Ganze 40 gingen über den Tisch, ich habe nachgefragt. Lustig. Bisher wusste ich gar nicht, dass das Theater einen solchen Service bietet.

Der Geburtstags-Boysen bekam nicht nur am Ende gebührenden Applaus und Standing Ovations, sondern gleich schon am Anfang. Kaum war er auf die Bühne getreten, erhob sich der Saal. Eine Welle aus Bewunderung, Respekt und großer Zuneigung schwappte da nach vorne und umfing den Jubilar mit stürmischer Wärme. Dieser setzte sich auf der großen, mal wieder Dorn-typisch bis zur Brandmauer aufgerissenen und blau angestrahlten Bühne ganz vorne an einen Lesetisch und schaffte es auf Anhieb, in dem Riesenraum eine Konzentration und Intimität herzustellen, wie es nur einem Erzählmagier wie ihm gelingt. Boysen mit seiner unvergleichlich gewaltigen, geschmeidigen Stimme, seiner vokalen Dramatisierungs- und Intonierungskunst.

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

“Nachdenken über Theater”: Boysen begann mit dem ersten Kapitel seines Buches, das die Überschrift trägt “Vor der Vorstellung”; er sagte: “Man kann es auch nennen: Ich weiß es nicht.” Denn was genau es mit diesem Geheimnis des Theaters, dem Faszinosum der leeren, erst noch vom Schauspieler zu belebenden Bühne auf sich hat, das hat er nach 64 Bühnenjahren noch immer nicht ergründet. Boysen weiß aber sehr wohl ein Hohelied auf die Guckkastenbühne zu singen und die Gegenwärtigkeit des Theaters als dessen Alleinstellungsmerkmal zu rühmen: “Nirgendwo sonst berühren sich Vergangenheit und Gegenwart so innig wie hier. Hier und jetzt findet es statt. Heute abend findet es statt. Und wer es sehen will, muss hingehen und schauen.”

Sehr lustig das Kapitel “Na, Alter”, in dem der Schauspieler einleitend von einem Ritual mit einem langjährigen Freund erzählt, der ihn stets – auch schon in jüngeren Jahren – mit den Worten zu begrüßen pflegte: “Na, Alter, wie ist es denn heute?”, woraufhin Boysen gewohnheitsgemäß antwortete: “Danke, mein Alter, es geht schon!” – - Damit wäre Boysen nun also beim Thema Alter, und er schreibt, dass “alt werden ein Geschenk sein kann”: alt werden habe mit “Dauerhaftigkeit” zu tun, “mit Standhaftigkeit und mit Wachsen”.

Alles das, was war, schreibt Boysen, “haben wir in den großen Sack unseres Lebens gesteckt und tragen es mit uns herum”. Und der alt gewordene Schauspieler schleppe neben seinem ganzen “Lebensplunder” auch noch den ganzen “Theaterplunder” mit sich rum. Wenn nun ein Junger komme und in diesen Sack hineinsehe, weil er von dem erfahrenen Alten einen Rat haben möchte, dann könne es sein, dass dieser Junge feststellen müsse: “Aber es ist ja gar nichts darin!”

Etwas aber gibt der Alte dem Jungen dann doch mit auf den Weg: “Da du unbedingt einen Rat haben willst, merke dir dieses: beim Komma hebe die Stimme, und senke sie beim Punkt.” Der Junge in der Geschichte hält das für einen Witz und läuft lachend davon, wir alle aber wissen, wie grundlegend ernst das gemeint ist. Es ist die Basis von Boysens Sprachmeisterschaft.

Die Lesung dauerte nicht lange, von acht bis viertel nach neun. Zwischen den Texten, die Boysen aus seinem Buch vortrug – darunter auch das Kriegsheimkehrer-Kapitel “Fünfzig Jahre” -, spielte ein ausgezeichnetes Jazz-Trio mit Peter Cudek am Kontrabass, Florian Persler an der Gitarre und der stimmschönen Sängerin Nadine Germann, die später vom Jubiliar herzlichst umarmt wurde.

Am Ende kam Dieter Dorn auf die Bühne (mit einer beachtlich wuscheligen Grauhaarlöwenmähne) und überreichte seinem langjährigen Protagonisten einen Strauß roter Rosen. Auch aus dem Parkett, in dem sich schon längst wieder alle erhoben hatten, gab es von einigen Damen Rosen, und dann sangen alle, wirklich alle, auf der Bühne wie im Zuschauerraum, “Happy birthday”, und der Schauspielkünstler Rolf Boysen freute sich königlich und erhob zum Dank die Arme, und bevor er rechts abging, schulterte er zum Spaß seine Rosen. Dann kam er noch mal zurück, mit seinem vollen, glänzenden Silberhaar, seinem eleganten Schnauzer und dem dunklen Jackett wirklich sehr würdevoll aussehend, lehnte sich locker gegen das Lesetischchen und gab noch eine Zugabe: “Die Heldin”, das Kapitel über Judith und Holofernes – hochdramatisch, zum Fürchten gut.

Nach diesem Schluss ging Rolf Boysen nicht nach rechts, sondern nach hinten ab, in die blaue Tiefe der Bühne: gelassenen, beinahe federnden Schrittes, ein Jahrhundertschauspieler, der fröhlich schlenkernd abdankt. Sehr bewegend, dieses Bild … das alsbald ein sich senkender Vorhangprospekt verschloss.

22.03.10 | 21:05 | Begegnung mit ... | Harte Realitäten | Musikalitäten | Kommentare 3 Kommentare

Schlingensief über sich … und Wolfgang Wagner

Christoph Schlingensief   (Foto: dpa)

Christoph Schlingensief (Foto: dpa)

Ich habe heute – auf der Suche nach Stimmen zum Tod von Wolfgang Wagner – mit Christoph Schlingensief telefoniert. Er ist gerade in Oberhausen bei seiner Mutter, und es geht ihm “so lala”. Man ist ja immer etwas befangen, wenn man jemanden auf seine Krebserkrankung anspricht … ich zumindest bin das. Ein einfaches “Wie geht es Dir denn?” erscheint mir in einem so ernsten Fall zu wenig, zu gewöhnlich. Aber ich kann doch auch nicht einfach fragen: Sind die Metastasen wieder da???

Schlingensief weiß das – und nimmt einem sofort jegliches Gefühl der Betretenheit. Er plappert einfach los, spricht völlig frei von der Leber weg: über seinen nerven- und kräftezehrenden “Endloskampf”, seine letzte Chemo, die “total nach hinten losgegangen” sei (Riesenallergie, Zusammenbruch, Bronchitis), dann “wieder in die Röhre”,  festgestellt: “Die Metastasen wachsen weiter”, immer dasselbe, aber jetzt nehme er wieder diese eine Tablette, die überhaupt nur bei zwei Prozent (!) aller Krebsleidenden länger als einen Monat wirke und das in der Regel auch nur bei Menschen aus dem asiatischen Raum – bei ihm, Schlingensief, wirke sie erstaunlicherweise aber auch, zumindest wenn er zwischendurch damit pausiere, seltsam, er müsse da irgendeinen asiatischen Vorfahren in der Verwandschaftslinie haben … jedenfalls ein Riesenglück, aber diese Tablette habe ihn auch sehr schlapp gemacht, und er habe eben eine “wahnsinnige Depression – permanent”, ohne Aino wäre das alles gar nicht zu ertragen, die Liebe zu dieser wunderbaren Frau helfe ihm sehr, aber ihre Beziehung sei natürlich auch von der Situation belastet (“man weiß ja nie, was morgen ist”), alles sei ja doch sehr “niederschmetternd”, andererseits sei es für ihn das größte Glück, “dass ich das alles reflektieren kann”, er brauche das: denken zu können, und auch die Afrika-Sache sei einfach ein “wahnsinniges Glück” …

Tja, und dann geht es pausen- und atemlos weiter im Schlingensiefschen Textfluss: Jetzt ist er bei seinem Opernhaus-Projekt in Burkina Faso und erzählt von der “eigenen Dramaturgie” dieses Ortes und von einer Projekteröffnungsfeierlichkeit mit afrikanischen Müttern, Kindern und sage und schreibe 12 Häuptlingen, und der Oberhäuptling habe eine Rede gehalten, in der er kundtat, dass sie von ihren Göttern und Ahnen die Zustimmung eingeholt und auch tatsächlich bekommen hätten, und das sei so eine Freude, auch wenn er, Schlingensief, ganz klar sagen müsse, dass das “permanente Missverständnis zwischen uns und denen” nie zu überwinden sein werde, man müssse sich da nichts vormachen: “Wir gehören nicht zusammen”, 95 Prozent aller Bilder aus und über Afrika, die wir gesehen und in unserem Kof haben, stammten “von Weißnasen”, das sei immer ein weißer Blick, und es gebe auch jede Menge Ethnologen und selbst ernannte Experten, die jetzt mit Tipps und guten Ratschlägen auf ihn zukämen, sich förmlich aufdrängten  … na, jedenfalls: Er fährt jetzt diese Woche wieder für zehn Tage “runter” und macht an einer Tanzschule ein Casting für ein Theaterprojekt mit dem Arbeitstitel “Via Intoleranza”, so eine “kleinere Sache”. Soll am 15. Mai beim Kunstfestival in Brüssel herauskommen, dann auf Kampnagel, dann bei Bachler in München: im neuen “Pavillon 21 Mini Opera Space” der Bayerischen Staatsoper auf dem Marstallplatz …

Es ist einfach der Wahnsinn, mit Schlingensief zu telefonieren!!! Mir schwirrt jetzt noch der Kopf. Ich kenne ihn jetzt echt schon lange, und doch frappiert mich seine intensive, hochemotionale, sprudelnd mitteilsame Art immer wieder. Er ist der offenste, verwundbarste, red- und leutseligste Mensch, den man sich vorstellen kann. Und wer das als “Masche” abtut, hat diesen Menschen nicht kapiert.

Jedenfalls musste ich ihn dann unterbrechen und seinen unablässigen Redefluss regelrecht abwürgen, denn es war bereits 16.10 Uhr, und ich wollte doch eigentlich mit ihm über den verstorbenen Bayreuther Festspielchef Wolfgang Wagner reden! Ein Statement einholen! Fürs Feuilleton ! In der Printausgabe, die gleich in Druck gehen musste!! Über Wagner und den Grünen Hügel, wo Schlingensief dereinst den “Parsifal” inszenierte, wusste er dann noch ein paar schöne Anekdoten zu berichten. Und er hatte für den alten Maestro durchaus dankbare und warme Worte übrig (anders als für dessen verstorbene Frau Gudrun).

"W" wie Wagner: Trauerbeflaggung am Grünen Hügel mit der so genannten Festspielfahne zu Ehren des am Sonntag verstorbenen Wolfgang Wagner (Foto: ddp)

"W" wie Wagner: Trauerbeflaggung am Grünen Hügel mit der so genannten Festspielfahne zu Ehren des am Sonntag verstorbenen Wolfgang Wagner (Foto: ddp)

Aber lesen Sie selbst! Schlingensief hat in seinem Schlingenblog einen Text zu Wolfgang Wagner verfasst und mir die Erlaubnis gegeben, ihn hier zu veröffentlichen.  Danke, lieber Christoph, und von Herzen gute & nachhaltige Besserung!

>>Das letzte Mal sah ich Wolfgang Wagner bei der Trauerfeier von Gudrun Wagner. Das war sehr traurig und sehr anrührend wie er da saß… das letzte Mal gesehen und auch gesprochen habe ich ihn im letzten Jahr von Parsifal kurz vor Eröffnung der Festspiele 2007.

Es gab da damals diesen kleinen Konferenzsaal, in dem die Königsfamilie Wagner in den Pausen gerne einige Auserwählte zu einem kleinen Plausch einlud. Und in diesem Raum fanden auch die Sitzungen für neue, aber auch laufende Produktionen statt. Da müssen also alle mal gesessen haben. Jedenfalls in den letzten 20 Jahren. Zu Beginn der Besprechungen zum Parsifal bekamen wir großartige Schnittchen mit Lachs, Leberwurst vom feinsten, hervorragende Fleischwaren, Getränke rund um den Globus und sogar zum Kaffee noch hervorragende Pralinen oder Kuchenstücke, die ihres gleichen suchten.

Im Verlaufe der Produktion stürzten wir aber ab und saßen bereits im zweiten Jahr nur noch mit einer von jenen Keksdosen am Konferenztisch, die man normalerweise von schlecht sehenden Großtanten kennt. Irgendwelche zerbrochenen, ausgetrockneten Plätzchen mit leicht grauer Schokoladenfüllung oder merkwürdigem Käsegeschmack. Diese Reduzierung aufs Mindeste hatte nicht nur mit der finanziellen Situation zu tun, die auch bewirkte, dass mir jedes Jahr schriftlich mitgeteilt wurde, dass nur 1000 Euro für Kostüm- oder Bühnenänderungen zur Verfügung stünden, sondern vor allem mit der dadurch sinnfällig werdenden Tatsache, dass man in der Gunst von Gudrun extrem abgestürzt war. Aber auch das war egal, weil es ja um die Arbeit ging und nicht um irgendwelche Schnittchen.

Und genau diese Arbeit, und das möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich noch einmal wiederholen, weil es noch immer irgendwelche Hofschranzen gibt, die behaupten, ich wäre undankbar und wolle Bayreuth nur noch schlecht reden, weil sie damit ihre Chance wittern irgendwann zum inneren Zirkel des großen Wagnerkuchens zu gehören, überhaupt nicht verstanden haben, bzw. eben immer nur Informationen aus zweiter Hand haben; denn die Arbeit in Bayreuth war, egal wie groß der Stress und die Gehässigkeiten, die Verachtung und der Widerwille an diesem Ort geschürt wurden, für mich die größte Freude, die man mir jemals bereitet hat. Die Momente, über die so viele Gerüchte kursieren, einmal live erlebt zu haben, ist eine Belohnung, die ich nicht missen möchte.

Der Prinzipal Wolfgang Wagner während seiner Verabschiedung im August 2008. Im Hintergrund sieht man seine Töchter Katharina und Eva, sie sind seine Nachfolgerinnen in der Festspielleitung.  (Foto: ap)

Der Prinzipal Wolfgang Wagner während seiner Verabschiedung im August 2008. Im Hintergrund sieht man seine Töchter Katharina und Eva, sie sind seine Nachfolgerinnen in der Festspielleitung. (Foto: ap)

Was war das für eine helle Freude, wenn Wolfgang Wagner selbst gegen den Willen seiner Frau mit mir Kontakt aufnahm, um dann ganz großartige Geschichten über die Wollunterhose von Winnie zu berichten oder über Furtwängler, der fast vom Mähdrescher auf der Judenwiese bei dem Versuch ein weiteres Blumenmädchen zu verführen, überrollt worden wäre. Da lachte Wolfgang, da blitzten seine Augen. Oder wenn er erzählte, wie er es schaffte Gelder vom Marshallplan so umzuleiten, dass sie in der Bayreuther Scheune landeten. Der Mann war ein Schlitzohr und das genoss er jede Stunde! Immer wieder tauchte er auf –  nicht nur bei mir – und sagte: “Machen Sie doch was Sie wollen. Sie haben künstlerische Freiheit! Das interessiert mich nicht mehr!”

Ich weiß noch, wie er vor der ersten Probe im zweiten Jahr auf die Probebühne kam und schrie: „Was soll das? Ist jetzt schon schlechter als im letzten Jahr!“ Da hörte man ihn in seinem tiefsten Inneren regelrecht gröhlen. Denn er liebte seine Kommentare, seine Geschichten, seine Auf- und Abtritte. Wenn er dann die große Bühne “endgültig” verließ und schrie, dass es auch der Letzte in der letzten Reihe hören konnte: “Machen Sie doch was Sie wollen. Das interessiert mich nicht mehr!”, so saß er schon 2 Minuten später wieder auf seinem eigenen Inspizientenstuhl auf der linken Seite (vom Zuschauerraum aus gesehen) oder er marschierte gleich zu Gudrun, die in ihrem Zimmer sämtliche Überwachungskameras oder Abhörmikrophone bedienen konnte.

Es war wirklich viel los in diesem kleinen Königshaus, was nicht mit Geld zu bezahlen ist. Und wenn ich dann lese, ich würde die Hand meines Arbeitgebers schlagen oder so was… dann lache ich noch lauter als Wolfgang, denn zum einen lebe und arbeite ich mittlerweile woanders und zum anderen war die Zeit mit Wolfgang so ziemlich das Tollste, was ich überhaupt je auf einer Bühne erlebt habe. Alleine in den ersten zwei Jahren Pierre Boulez erleben und von ihm lernen zu dürfen, dann zu sehen was passiert, wenn der neue Parsifalsänger plötzlich anfängt zu leben, ein wirklicher Mensch zu sein, oder im dritten Jahr zu lernen, wie einige Sänger nicht mehr über eine Verlängerung informiert wurden, weil sie sich kritisch über das Haus geäußert hatten und deshalb plötzlich umbesetzt wurden… das waren Sternstunden der Musikausbildung!

Und das Tollste war Wolfgang, der zwar im dritten Jahr stark vernachlässigt mit Löchern in der Hose durchs Haus stolperte bis sich dann Katharina für ihren Vater einsetzte und dafür sorgte, dass er nicht jeden zweiten Tag die Treppe runterfiel, wenn er immer wieder durch “sein Haus” und somit “sein Werk” schritt! Ja, so muss ich es sagen. Bei allen Alterserscheinungen fand er immer wieder Kraft in seiner Scheune, in seinen Probenräumen, den Konferenzen, den kleinen und großen Kriegen.

Wolfgang war wirklich Bayreuth! Und über Gudrun muss ich ja nichts schreiben. Aber Wolfgang hat mich sehr beeindruckt, und nach vier Jahren, als dann auch der eine Sänger nicht mehr mit am Tisch essen durfte und unser Parsifal mittlerweile mehr als positiv denn als negativ für die Entwicklung Bayreuths eingestuft wurde, (worüber nicht nur ich mich gefreut habe, sondern auch Wolfgang und Katharina), da war der Laden schon wieder ein bisschen weicher geworden. Da war es teilweise sogar richtig angenehm.

Und da endet dann auch meine kleine Geschichte über die Parsifalzeit in Bayreuth. Wir saßen wieder in diesem verwanzten Konferenzzimmer… und diesmal wurden wir mit Tramezinis der allerbesten Art überschüttet. Wolfgang und ich saßen uns gegenüber. Gudrun links, mein Team rechts und links an meiner Seite. Und Wolfgang und ich haben vor lauter Glück, dass kein männlicher Intrigant mehr am Tisch saß, sondern plötzlich so ein kleiner Frieden eintrat, unzählige dieser Toastdinger in uns reingestopft. Es brach sozusagen ein großer gemeinsamer Hunger aus. Ein Hochgenuss sozusagen, bis Gudrun dann irgendwann sagte: „Wolfgang, du bist mal wieder dein bester Gast!”, und da hörte Wolfang Wagner auf zu essen, wischte sich den Mund ab, stand auf, deutete mir an, dass er mich vorne an der Türe sehen wollte,… ich folgte ihm und dort, bei geöffneter Türe wohlgemerkt, sagte er zu mir: „Gell, das war schon toll! Das war eine tolle Sache mit uns. Wir waren doch immer Freunde, nicht wahr?”… und da habe ich „Ja, Herr Wagner” gemurmelt und musste fast heulen. Wir haben uns sogar kurz in den Arm genommen. Kurz, aber herzlich, und ich bin dann wie benommen davongegangen.

Ob die anderen noch weiter gegessen haben, weiß ich nicht mehr… und ich rufe dem alten Herren zu: AUF WIEDERSEHEN! Das ist für alle Menschen die schönste Drohung, die man so aussprechen kann. Und in diesem Falle wäre es sogar eine sehr schöne Drohung, auch wenn die Hofschranzen daraus wieder etwas Böses lesen wollen… Ich mag Bayreuth und ich bin sehr gespannt, was daraus werden wird. Auch wenn die Zeichen momentan eher auf Keksdose stehen! <<  – Christoph Schlingensief

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