21.11.11 | 22:45 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 2 Kommentare

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (2)

Zum Abschied von Benjamin Hemrichs von der Zeitung (siehe vorherigen Blog-Eintrag), möchte ich hier gerne – mit seinem Einverständnis natürlich – eine Kolumne von ihm veröffentlichen. Sie erschien am 11. Dezember 2004 im SZ-Wochenende unter der damaligen Rubrik “Theater? Theater!”. Henrichs trägt eine Kopie davon in seiner Jackentasche und zieht den Text gerne wie ein Beweisstück oder einen ärztlichen Befund hervor, wenn er mal wieder gefragt wird, was er denn jetzt, im Ruhestand, zu tun gedenke. Zum Beispiel würde er gerne bei Marthaler den Lear spielen. Und außerdem fühlt er sich gar nicht alt … Aber lesen Sie selbst.  

 

Theater? Theater!

Wenn ich einmal alt bin

von Benjamin Henrichs

Wer von uns würde nicht mit Rührung zurückdenken an die Tage, da er achtzehn war? Und wen würde nicht ein Grauen würgen, wenn er an sein Leben mit achtzig denkt?

So denken wir alle, doch wahrscheinlich denken wir falsch. Denn erstens war die Zeit mit achtzehn, wenn man sie einmal nicht durchs Auge der Rührung betrachtet, so wundervoll nicht. Nein, für viele waren es die lausigsten Tage jenes lausigen Lebensabschnitts, den man die Pubertät nennt. Und zweitens (und auch schon letztens) wird unsere Zeit mit achtzig womöglich unsere beste Zeit werden. Ein nahezu ungeheuerlicher Gedanke – welchen wir aber nicht der eigenen Geisteskraft verdanken, sondern dem deutschen Dichter Tankred Dorst. Der, wie nun wohl allgemein bekannt ist, mit genau achtzig Jahren seine erste Premiere als Opernregisseur haben wird – und das gleich mit dem gewaltigsten aller Opernwerke, Richard Wagners „Ring des Nibelungen”. Bayreuth, im Sommer 2006.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Dorst, ausgerechnet Dorst. Den doch viele schon vor Jahrzehnten abgeschrieben hatten. Als, zum Beispiel, im Januar 1975 Dorsts welkes Familiendrama „Auf dem Chimborazo” uraufgeführt wurde, schmähte Hellmuth Karasek den Dichter unvergesslich als „Karstadt-Beckett”sowie „Neckermann-Strindberg”. Karasek, dies nebenbei, ist mittlerweile auch schon rüstig unterwegs Richtung achtzig – in nicht nachlassender Fröhlichkeit schreibend, plaudernd, zechend.

Zurück zu Dorst. Gleich nach seiner Inthronisation als „Ring”-Regisseur gab der gute Mann, soeben von einer Hüftoperation genesen, putzmuntere Interviews, und vor allem ein Satz darin hat mich total begeistert, wenn nicht mein Leben verändert. Dorst: „Ich habe mich früher nie jung gefühlt und fühle mich jetzt auch nicht besonders alt.” Es ist Zeit für ein Geständnis: Mir geht es ebenso. So richtig jung (jedenfalls im Sinne des Jungen Theaters e.V.) bin ich wohl nie gewesen. Schon mit sechzehn war ich Theaterchefkritiker der Schülerzeitung und erging mich weitschweifig und schwerfüßig zum Thema „Sophokles”.

Was also werde ich tun, wenn ich dereinst achtzig bin? Der „Ring”? Nicht mein Fall, weil leider zu laut.

Aber den König Lear würde ich sehr gern spielen, am liebsten unter Marthaler. Natürlich würde mein Lear in einer Marthaler-Inszenierung nicht sein Königreich an seine Töchter verteilen. Sondern, zum Beispiel, seine famose Plattensammlung. Zuerst würde die Sache gut laufen, doch dann, bei der Frage, wer den Klavier-Kaiser bekommt, würde tödlicher Streit ausbrechen unter den drei Weibern. Ich säße drei Theaterstunden lang still auf meinem Thron und würde allmählich in einer Traumwelt aus Schlaf und Musik versinken.

Genauso gut gefällt mir die Idee, mit achtzig eine Theatertalkshow aufzuziehen, am liebsten mit dem Kollegen Gerhard Stadelmaier zusammen. Unser Thema: Die goldenen Zeiten des Theaters. Titel der Sendung: „Lieben Sie Mnouchkine?”. Wir beide sollten hierbei auf einem riesigen Rudolf-Noelte-Sofa sitzen oder (als Hommage an Beckett) in zwei silbern glitzernden Mülltonnen.

Dritte und für heute letzte Idee: Ich beginne mit achtzig endlich meine Fußballkarriere und zwar als Bundestrainerberater mit dem Titel Chefideologe.

Hierfür prädestiniert bin ich erstens durch meine dann 76-jährigen Fußball-Erfahrungen und zweitens durch meine vielfach erprobte Motivationskunst. Wer dreißig Jahre lang das deutsche Theater starkgeredet hat (sogar in dessen schwächsten Tagen), der kann auch eine Fußballmannschaft „heißmachen”, wie die Fußballer gern sagen.

So wird es sein, wenn ich achtzig bin. Geil. Und noch etwas: Wenn ich achtzig bin, im Jahre 2026, ist Tankred Dorst dann hundert. Kein Alter heutzutage.

20.11.11 | 00:19 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 1 Kommentar

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (1)

"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen".      (Alle Fotos wie immer: von mir)

"Wenn nicht Kritik, dann Komödie": Benjamin Henrichs verabschiedet sich nach 13 Jahren von der "Süddeutschen". (Alle Fotos wie immer: von mir)

Hätte Kollege Hilmar Klute nicht diese eine Mail geschickt, ich hätt´s ja mal wieder nicht mitbekommen: Benjamin Henrichs, so war darin zu lesen, sei bereits Ende Juli in den Ruhestand gegangen. Und damit sein Abschied von der SZ nicht so sang- und klanglose bleibe, gebe es am 10. November ein kleines redaktionelles Abschiedsfest. Für “Kulinarik und Ansprachen” werde gesorgt.

Es war dann wirklich nur ein ausgesprochen kleines Abschiedsfest, abgehalten im “Kleinen Konferenzsaal” im 25. Stock unseres nüchtern-funktionalen, für gemütliche Feier-Runden wahrlich nicht geeigneten SZ-Hochhauses mit seiner vollautomatisierten Licht- und Jalousienregelung. Ein bisschen traurig, das alles.

Viele Kollegen waren verhindert, andere gar nicht erst eingeladen/ erschienen, oder sie mussten gleich wieder auf einen Abendtermin, es fanden mal wieder fünfzehn Sachen gleichzeitig statt. Literaturfest-Eröffnung zum Beipiel – egal. Habe ich gecancelt. Zu Henrichs Abschied zu kommen, betrachte ich als Ehrensache. Obwohl er nie ein Förderer war, und wir bei der SZ eigentlich auch überhaupt nichts miteinander zu tun hatten. Weiterhin als  Theaterkritiker tätig zu sein, weigerte sich B.H. hartnäckig von Anfang an, seit er 1998 von der ZEIT zur SZ gewechselt war. Er hatte damit abgeschlossen und sich eine stumme, aber doch sehr beredte Art zugelegt, uns SZ-Theaterschreibern mitzuteilen, was er von uns hielt: nämlich eher …  nichts. Schon klar: Wenn man einmal Kritikergott war und jede Menge ZEIT hatte, kann und will man sich nicht plötzlich als ordinärer SZ-Vasall in den täglichen Nah- und Tageskampf stürzen und sich die Nöte des Platz- und ZEITmangels antun – oder überhaupt: der veränderten Zeit.

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)

Streiflicht-Autoren Wolfgang Roth, Benjamin Henrichs, Hermann Unterstöger, Harald Eggebrecht, Wolfgang Görl (von links)

Ich meine das gar nicht böse, ich konstatiere das nur. Mit dem journalistischen Abtritt von Benjamin Henrichs – und er sagt, dieser sein Abgang sei tatsächlich endgültig -, tröpfelt auch die Zeit der so genannten (und selbst ernannten) GROSSKRITIKER aus, als deren letzte Vertreter neben unserem hoch verehrten, im Moment leider gesundheitlich angeschlagenen Joachim Kaiser vielleicht nur noch Marcel Reich-Ranicki und der FAZ-Theaterredakteur Gerhard Stadelmaier gelten dürfen: die letzen Dinosaurier. Große, rhetorisch brillante Schlachten in großen, teils Seiten füllenden Kritiken haben sie geschlagen und dabei mit dem Theater immer auch sich selbst gefeiert - in Feuilletons, die dem Rezensionswesen geweiht und gewidmet waren, zur Feier der Hochkultur.

Wahnsinn, was sich da alles geändert hat in den letzten zwanzig Jahren – aber das ist ein anderes Thema. Hier soll es um die Person Benjamin Henrichs gehen, einen der letzten wirklich großen Kritiker des Theaters, einen Begnadeten seiner Zunft, der Held unserer Jugend – den wir alle, die wir schon ein gewisses Alter erreicht haben – und jetzt mindestens mit einer “4″ in der Angabe umgehen müssen -, für seine Rezensionen bewundert, geschätzt, ja: regelrecht geliebt haben. Sie waren Meisterwerke der Beobachtungs- und Sprachkunst, der Leidenschaft, Sensibilität und Empathie. Man konnte sich hineinträumen, hineinverlieben in sie und gedanklich auf´s Schönste, Genießerischste darin spazieren. Man konnte das Theater verstehen und lieben in diesen Rezensionen – und durch sie hindurch. Sie waren poetische, literarisch wertvolle Vergegenwärtigungen, als sei der Theaterabend in sprachliches Bernstein gebannt. Und gelernt hat man dabei auch immer was.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth (links) ist bereits im Ruhestand, jetzt folgt Benjamin Henrichs ihm nach - und muss sich zumindest nicht mehr sorgen, ob er denn auch ein Thema findet.

Dass Henrichs seinen Hamburger Wochenzeitungs-Luxusposten bei der ZEIT aufgab und 1998 zu jener Tageszeitung zurückkehrte, bei der er, der Sohn des Regisseurs und Münchner Intendanten Helmut Henrichs, dereinst als junger Mann begonnen hatte, lag an einer Frau: an Sigrid Löffler, der neuen Feuilletonchefin der ZEIT (1996 bis 1999), mit der er alles andere als harmonierte. Keine Ahnung, was die beiden miteinander ausgefochten haben – der Zwist, oder besser: Hass scheint jedenfalls tief gesessen zu haben – und zu sitzen. SZ-Chefredakteur Kurt Kister erzählte bei der Abschiedsfeier, wie er einmal in der Berliner Redaktion, der Henrichs in den ersten Jahren seiner SZ-Rückkehr angehörte, an einer Weihnachtsfeier der Kollegen teilnahm. Als er damals Henrichs mit ein paar flapsigen “Bemerkungen in Zusammenhang mit Frau Löffler” aufziehen wollte, habe dieser erst ein “unstetes Flackern in den Augen” aufgewiesen und ihm dann unvermittelt ein Glas Wasser ins Gesicht gekippt. So viel dazu.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.

Hermann Unterstöger überreicht dem Kollegen Henrichs eine Hörbuch-Edition lyrischer Stimmen.

Der Job, den der Rückkehrer und ZEIT-Flüchtling Benjamin Henrichs bei der SZ ausgehandelt hatte, war wieder ein Luxusposten. BH war direkt der Chefredaktion – damals: Kilz – unterstellt, war dem gemeinen Tagesgeschäft (mit Konferenzen, Blattmachen etc.) entzogen und konnte in Ruhe und für ein damals “exorbitant hohes Gehalt” – wie seit jeher der Flurfunk kolportiert hatte und nun auch SZ-Chef Kister nicht unterließ zu erwähnen – seinen journalistischen Liebhabereien nachgehen: Streiflichtern, Kolumnen, essayistischen Betrachtungen oder den gelegentlichen Reportagen eines Flaneurs.

Streiflicht-Altmeister Wolfgang Roth, seit einem Jahr selber im Ruhestand und tatsächlich nicht mehr schreiberisch tätig, lässt sich kaum mehr im SZ-Gebäude blicken, zu Henrichs Abschied aber war er gekommen - nicht zuletzt, um in einer Ansprache von den Eigenheiten des Streiflicht-Kollegen Henrichs zu berichten. Von dessen “Qualen” und “Sorgen” zum Beispiel, wenn bis mittags kein Streiflicht-Thema da war … bis dann der unerschütterliche Hermann Unterstöger irgendeinen Text aus seiner “Vorsorge-Schublade” zog. Henrichs selbst habe, wenn er ein Streiflicht schrieb, in der Regel immer schon am ‘Tag vorher das Thema gewusst. Als sanft und sensibel muss man sich ihn vorstellen, den (Streiflicht-)Autor Henrichs, aber auch als äußerst penibel.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.

Es wurden dann noch viele Anekdoten erzählt und Erinnerungen ausgetauscht. Mit dabei: Chefredakteur Kurt Kister.

Als dann bei seiner Abschiedsfeier Henrichs selbst das Wort ergriff, verriet er erst mal seinen Jugendtraum: SZ-Chefreporter der “Seite Drei” wollte er werden, in direkter Nachfolge von Hans Ulrich Kempski – drunter macht es ein Henrichs offenbar nicht. Die Alternative war dann, Kritiker zu werden (der Bub war ja theatralisch vorgeprägt durch seinen Vater); aber immer schon mit dem Wunsch und dem Anliegen: “Wenn nicht Kritik, dann Komödie.” In den letzten 13 Jahren bei der Süddeutschen, sagt Henrichs, habe er das schlussendlich umgesetzt: “Ich war so etwas wie ein journalistischer Komödienautor.” Etwa in der Kolumne “Theaterwahn”, die er im Jahr 2002 einen Monat lang täglich im Feuilleton bespielte – für Henrichs seine “schönste Kolumne überhaupt” (und er war, wohlgemerkt, bei der ZEIT ja auch Autor der Finis-Kolumne). Henrichs lobt die SZ dafür, dass sie solchen Leuten – wie ihn – immer eine Oase, ein Refugium geboten habe, und er fragt sich aber auch, ob dieser Typus nicht vom Aussterben bedroht sei: “Leute, die keine richtigen Journalisten, aber auch keine Schriftsteller sind …”

Seine Streiflichter, sagt Henrichs, habe er wie Kurzdramen konzipiert: “Vorhang auf – Action – Vorhang zu – Schlusspointe.” Und in der SZ-Wochenend-Beilage hat er solche Ministücke dann ja auch tatsächlich in Dramenform gebracht, meist mit dem Setting: Älteres Ehepaar sitzt am Frühstückstisch, liest Zeitung und stößt dabei auf ein (mehr oder weniger existenzielles) Gesprächs- und Gesprächspausen-Thema. Nicht selten winkten Tschechow oder Beckett um die Ecke, und Fußball kam auch immer drin vor.

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch im Feuilleton tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".

Insgesamt 42 Jahre war Benjamin Henrichs printjournalistisch tätig. Er sagt, das sei "groteskerweise genauso lange, wie Gaddafi in Libyen an der Macht war".

Dass er tatsächlich nicht mehr für die Zeitung oder das Theater arbeiten möchte, will man kaum glauben, aber Henrichs, der jetzt 65 ist, meint es ernst. Erstens, sagt er, sei da sein Augenproblem, er sehe viel zu schlecht – in den letzten Jahren konnte Henrichs nur noch mit einer Lupe lesen, und er behauptet, keine Gesichter zu erkennen; Theater gehe daher schon mal gar nicht. Und zweitens habe er “diesen unheilvollen Ehrgeiz, nicht aufhören zu können”, noch nie gut gefunden: “Irgendwann wird´s peinlich.” Selbst die besten Leute ihres Fachs würden im Alter schlechter werden, sagt Henrichs, “das ging ja selbst Goethe so”.

Da ihm, Henrichs, aber keiner den Rückzug glauben wolle und er ständig mit Fragen zu seinem zukünftigen Tun bombardiert werde, habe er sich eine befriedigende Antwort zurecht gelegt. Sie lautet:  ”Geld zählen – oder Geld ausgeben.” Na dann …

Drei Tage nach seiner SZ-Verabschiedung, am Sonntag, 13.November, hielt Henrichs seine angeblich letzte Theater-Laudatio: Sie galt dem langjährigen Peymann-Dramaturgen Hermann Beil, der in Bochum den Bernhard-Minetti-Preis 2011 verliehen bekam. BH sagte dazu am Tag seines SZ-Abschiedsfests ganz nüchtern: “Heute beende ich mein Zeitungsleben und am Sonntag mein Theaterleben.” Hm. Und jetzt?

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).

Ganz am Schluss sitzt Henrichs noch mal an einem SZ-Schreibtisch - im Büro von Hilmar Klute, wo jeden Morgen die Streiflichtleute tagen (und manchmal ob mangelnder Themen auch verzagen).

Er schreibt natürlich schon noch, alles andere wäre doch verwunderlich gewesen. Henrichs schreibt Kurzgeschichten, schon lange. Er druckt sie aus und steckt sie weg.  Demnächst hat er bestimmt mal Zeit, sie wieder hervorzuholen. Und um weitere zu verfassen: Zwei Schreibstunden am Tag hat er sich vorgenommen, immer von acht bis zehn. Henrichs, elegisch lächelnd: “Ich bin jetzt freier Schriftsteller: 90 Prozent frei und 10 Prozent Schriftsteller.”  Einen Lektüre-Tipp krieg ich auch noch von ihm: die “Handtellergeschichten” von Yasunari Kawabata. Der japanische Autor ist eine Art “Vorbild oder Idol” von ihm.

Einen Weg gäbe es ja schon, ihn aus dem Ruhestand zurückzuholen – und zwar direkt ins Scheinwerferlicht auf der Bühne: Wenn ihm jemand die Rolle des King Lear anböte! Diesen verwirrten, erzürnten, im greisen Alter zu einer schmerzhaften, Lebenserkenntnis stiftenden Passion gezwungenen  Shakespeare-Helden würde Henrichs gerne spielen: am liebsten in einer Marthaler-Inszenierung (siehe auch nächsten Blog-Eintrag).

Na bitte! Angebote nehme ich hier gerne entgegen und leite sie an Herrn Henrichs weiter, auch wenn das nicht so leicht werden dürfte, da er nach eigenen Angaben weder über ein Handy noch über eine E-Mail-Adresse verfügt. Soll es geben. Außerdem wird er seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Hamburg verlegen.

Alles Gute, Herr Henrichs! Das Theater hatte mit Ihnen eine große Zeit. Hoffen wir, dass es wichtig bleibt und überlebt.

30.04.11 | 17:25 | Abschied von ... | Kommentare 8 Kommentare

Die Geschichte vom weinenden Eichhörnchen

Eichhoernchen

Heute hat mir unser Hausmeister Herr K. eine rührende Geschichte erzählt. Sie handelt von einer Eichhörnchenliebe in unserem Hinterhof.

Wir haben hier in den drei großen Bäumen hinterm Haus vier Eichhörnchen wohnen, zwei rote und zwei schwarze. Offensichtlich handelt es sich um Pärchen. Sie sind sehr süß.

Heute nun also, erzählt Herr K., habe er eines der zwei rotbraunen Eichhörnchen reglos unter dem hinteren Baum liegend aufgefunden: tot. Darüber, auf einem Ast, sei das andere rote Hörnchen gesessen und habe, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, verschreckt davonzuhuschen – wie es sonst so seine Art ist -,  einfach nur nach unten gestarrt, auf die Leiche seines Partners.

Herr K. hat die Leiche entsorgt (in der Mülltonne, wie er sagt), und als er drei Stunden später wieder am hinteren Baum vorbeikam, da habe, so schwört Herr K., auch das andere rote Eichhörnchen reglos auf dem Boden gelegen – an exakt derselben Stelle, wo zuvor sein Partnerhörnchen lag. Das zweite Hörnchen war aber nicht tot, es lag nur wie tot darnieder: herzenskrank, wie Herr K. befindet, niedergeschlagen vor Trauer und Schmerz. Er sagt: “Das ist wie Romeo und Julia.”

Herr K. hat dann den Tierschutzverein gerufen. Es sei eine “Ärztin” gekommen, die habe unserem trauernden Eichhörnchen eine “Aufbauspritze” gegeben und es mitgenommen.

Herr K. ist so aufgewühlt, dass er die Geschichte drei Mal erzählt. Er sagt, er habe selber weinen müssen, als er unser zweites Hörnchen so daliegen sah. An exakt derselben Stelle!

Wir stehen eine Weile im Hof und denken an unsere roten Hauseichhörnchen. Wie lustig sie immer in den Ästen herumsprangen. Wie lebendig und frech. Wir mochten sie sehr gerne. Wir hatten nur ihr Gefühlsleben unterschätzt.

Sie waren Romeo und Julia.

29.04.11 | 16:04 | Abschied von ... | Barkultur | Kollegialitäten | Kommentare 2 Kommentare

Letzte Tage im Café Platzhirsch

Ausgeröööhhhrt!

Ausgeröööhhhrt! Mit DJ Ralf Zimmermann

Aus. Ende. Finito. Am Samstag macht das von mir leider viel zu spät erst entdeckte Café Platzhirsch (mit der schönen Münchner Innenstadtadresse: “Im Rosental 8″) seine Schotten dicht. Wieder mal so ein Sanierungsfall, wo Renovierung plus Optimierung und Gewinnmaximierung vor Lebens-, Trink- und Barkultur geht. Das Haus ist schon eingerüstet, jetzt wird es saniert, es gibt keine Laufzeitverlängerung: die Gastronomie muss raus – damit verliert die Münchner Innenstadt eine ihrer nettesten, lounge launtschigsten (oder wie man das schreibt) Café-Bars.

FFensterplatz am Viktualienmarkt

Fensterplatz am Viktualienmarkt

Gelegen im ersten Stock des Hauses an der Ecke Rosental / Prälat-Zistl-Straße – da, wo unten der Schmuckladen drin ist -, bietet es durch seine Panoramafensterscheiben einen grandiosen Blick auf und über den Viktualienmarkt. Man kann auf den breiten Fensterbänken auf Filzkissen sitzen und sich einfach nur satt sehen oder die Nase an den Scheiben platt drücken oder sich bei einem Cocktail gut unterhalten. Sind auch immer nette Leute da. Wie gestern zum Beispiel Thomas aus Eichstätt, der sagt: “Diese Räume haben gelebt.”

Seit 1979 war hier das Cafe Rosental zuhause, angeblich ein klassisches Oma-Café. Vor viereinhalb Jahren hat dann Christoph “Tchisi” Schlundt mit seinem Team die Räumlichkeiten übernommen, mitsamt den Möbeln und der ganzen herrlichen Kaffeehaus-Patina. Seither legen hier auch DJs auf – darunter mein lieber wuscheliger Kollege Ralf Zimmermann, Bildredakteur beim SZ-Magazin. Er war immer am letzten Donnerstag im Monat dran, so auch gestern wieder. Die Bilder sind allerdings vom Monat davor, da wollte ich längst schon über das Platzhirsch und DJ Ralf und das Unikum von Barchef bloggen. Aber na ja, man kennt mich ja (inzwischen) …

DJ Ralf "Platzhirsch" Zimmermann

DJ Ralf "Platzhirsch" Zimmermann

Jedenfalls legt Ralf Zimmermann – der übrigens mit seinem SZ-Magazin-Kollegen Thomas Kartsolis den Fotoblog DOPPELKLICK betreibt – sehr coole, sehr entspannte, einen sofort in gute (in meinem Fall oft auch redselige) Laune versetzende Musik auf: Disco, Soul, House. Sagen wir Frankie Knuckles zum Beispiel, oder Kevin Saunderson, wie ich vom SZ-Magazin-Fotografen Camillo Büchelmeier gesteckt bekam (danke für die Mail, Camillo Büchelmeier – was für ein toller Name!). Sehr easy, das alles. Und handaufgelegt, versteht sich. Mit Schallplatten aus dem Privatarchiv. Zuhause hat Ralf eine Sammlung von 2000 Stück.

Nicht zu vergessen Barchef Wolfgang “Wolfi” Götz, ein Münchner mit dem robusten Humor eines Oberpfälzers (was er aber definitiv nicht ist), dem blauen Arbeiterkittelhemd eines workaholischen Chinesen und etlichen bayerischen Entertainerqualitäten. Der verbreitet hinter dem Tresen eine derart gute Stimmung, während er gleichzeitig für fünf arbeitet, dass man sich dringend einen Platz an der Bar sichern – oder schleichend erobern – sollte.

Barchef Wolfgang "Wolfi" Götz

Barchef Wolfgang "Wolfi" Götz

Warum erzählt sie uns das erst jetzt, werden nun alle fragen … viel zu spät, werden alle sagen. Aber nein, wir müssen nur geduldig sein (und die Website oder das “Platzhirsch” auf Facebook verfolgen). Wolfi und die restliche Mannschaft sind heftig auf der Suche nach einer neuen Location. Wir müssen ihnen die Daumen drücken, dass sie bald fündig werden. Denn dann legt auch Ralf wieder bei ihnen auf.

So viel steht fest: Ralf Zimmermann bleibt, wo auch immer es sein wird, als DJ der Platzhirsch!

Also. Nicht vergessen: Heute und morgen letzte Tage im Café Platzhirsch – mit Restetrinken (“alles mus raus”).

Ich kann ja leider nicht. Aber viel Spaß!

Prost. Und auf ein baldiges Wiedersehen!

12.12.10 | 22:31 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kommentare 0 Kommentare

Kilz nimmt Abschied von der SZ

Zum Abschied schneidet sich Chefredakteur Hans Werner Kilz ein Stück aus der SZ-Torte. Er hatte diese Zeitung immer schon zum Fressen gern. (Foto: Stefan Rumpf)

Zum Abschied schneidet sich Chefredakteur Hans Werner Kilz ein dickes Stück aus der SZ-Torte. Er hatte diese Zeitung schon immer zum Fressen gern. (Die Fotos sind diesmal alle von Stefan Rumpf, da meine Kamera mit sämtlichen Bildern verloren gegangen ist ...)

Am Freitag war das SZ-Abschiedsfest für unseren Chefredakteur Hans Werner Kilz, im Folgenden HWK genannt. Es handelte sich dabei um den Höhepunkt der Kilz-Abschiedsfeierlichkeiten, die zwei Wochen zuvor mit einer offiziösen, von den Verlegern ausgerichteten, aber doch überraschend atmosphärischen Dinner-Party in der “Alten Gärtnerei” in Taufkirchen bei München begannen – einer übrigens sehr schönen, grünzeugumrankten Location, die gerne für Hochzeiten genutzt wird.

Going glowing: Hans Werner Kilz mit seiner Frau Bettina Musall (Foto: Stefan Rumpf)

Going glowing: Hans Werner Kilz mit seiner Frau Bettina Musall (Foto: Stefan Rumpf)

Waren bei jenem Verleger-Fest im Glashaus hauptsächlich Verlagschefs, SZ-Ressortleiter und ausgewählte Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur geladen (von Kilz-Freund Mario Adorf über Marietta Slomka, Giovanni di Lorenzo, Helmut Markwort mit Patricia Riekel bis hin zu Roland Berger und Edmund Stoiber), war das Gärtnerei-Fest also gewissermaßen der “Staatsakt”, so kann man die SZ-Feier vom vergangenen Freitag, den 10. Dezember, getrost eine Familienfete nennen: mit allen Brüdern, Schwestern, Kindern, Stiefkindern, Bastards und etlichen – zum Teil extra angereisten – Großonkeln, Cousinen, Gouvernanten, Opas und Omas der SZ.

SZ-Redakteurin Christiane Schlötzer stellt die 12-seitige Sonderausgabe für Hans Werner Kilz vor. (Foto: Stefsan Rumpf)

SZ-Redakteurin Christiane Schlötzer stellt die Sonderausgabe für Hans Werner Kilz vor. (Foto: Stefan Rumpf)

Sie alle kamen, um jenen Mann zu feiern, der die SZ 15 Jahre lang geleitet und geprägt hat, länger als jeder andere Chefredakteur davor. Die “Süddeutsche Zeitung”, so wie sie heute ausschaut – das ist im Wesentlichen das Werk von Hans Werner Kilz, der diese Zeitung nach und nach umgestaltet, verändert, verbessert und zuletzt durch schwere Krisen gesteuert hat. Er war ein guter Chefredakteur, ein sehr guter. Höchstwahrscheinlich der beste. Jetzt, wo er geht, kann man das getrost mal sagen, ohne gleich der Schleimerei geziehen zu werden. Und ich steh mit dieser Meinung ja beileibe nicht allein.

Extrablatt! Kassian Stroh (aus der Redaktion "Themen des Tages") als Zeitungsbote mit der Kilz-Sonderausgabe vom 10. Dezember 2010. (Foto: Rumpf)

Extrablatt! Kassian Stroh (aus der Redaktion "Themen des Tages") als Zeitungsbote mit der Kilz-Sonderausgabe vom 10. Dezember 2010. (Foto: Rumpf)

Man muss nur mal in die 12-seitige SZ-Sonderausgabe schauen, die die Redaktion für den scheidenden HWK geschrieben und gedruckt hat: ein Werk der Liebe, der Anerkennung und des größten Respekts, durchzogen von jenem Humor, der schon immer den Charme der SZ ausmachte. Vom Unterstöger-Streiflicht über die Seite 2 mit dem “Thema des Tages” (Kilz und der Fußball) bis hin zum großen SZ-Wochenende-Interview auf der letzten Seite (Mario Adorf über: KILZ) ist diese Sonderausgabe ein echtes SZ-Blatt.

In einschlägigen Erfahrungsberichten, kleinen Meldungen, lustigen Editorials und meinungsfesten Kommentaren erfährt man da alles über HWK:

Wer sie sieht, liest sie gleich: die HWK-Sonderausgabe

Wer sie sieht, liest sie gleich: die HWK-Sonderausgabe

seine Herkunft aus Worms, seine Vorliebe für den HSV, die Osteria Italiana und italienischen Rotwein der Marke Brunello; alles über sein Verhältnis zu Geld, Volontären, Frauen, zu Angela Merkel und Fehlern im Blatt. Heribert Prantl nennt Kilz in seinem Editorial “die Amaryllis unter den Chefredakteuren” (als solche: eher “pflegeleicht”), Willi Winkler ehrt ihn als den “letzten Live-Rock´n´Roller”. Es gibt eine Karikatur von Hanitzsch und eine Extra-Zeichnung von Rattelschneck, und auf einer Doppelseite ist die ganze schöne Rede dokumentiert, die Kurt Kister beim Verlegerfest im Gewächshaus für Kilz gehalten hat, illustriert mit einer Zeichnung von Luis Murschetz, auf der Kilz als Lotse von Bord eine SZ-Papierfliegers geht.

Kilz kriegt die SZ-Torte überreicht, eine kalorienreiche Spezialanfertigung. Mit im Bild: SZ-Mitarbeiter Titus Arnu und der zehnjährige Kilz-Sohn Leo.

Kilz kriegt die SZ-Torte überreicht, eine kalorienreiche Spezialanfertigung.

Aber nicht nur in Papier-, sondern auch in Teigform gab es an diesem Abend eine SZ-Spezialausgabe. Der Redaktionsausschuss hatte die SZ-Titelseite vom 15. /16. März 2003 als Torte nachbacken lassen: jene denkwürdige Ausgabe, in der das Streiflicht nur in einer Miniform von 29 halbspaltigen Zeilen erschien – aus Protest gegen die Schließung der NRW-Redaktion. Es war eine redaktionelle Protestmaßnahme, die dem Chefredakteur leicht den Kopf hätte kosten können, denn die Geschäftsführung, die vorab davon Wind bekommen hatte, was not amused …  Gegessen! Kilz hat die Affäre überlebt. Und so verspeiste man an seinem Abschiedsfest siebeneinhalb Jahre später genüsslich ein Stück SZ-Geschichte.

SZ-Sonderausgabe in Tortenform  (Foto: Rumpf)

SZ-Sonderausgabe in Tortenform

Viel SZ-Geschichte auch in der Kaiser-Rede. Nachdem Kurt Kister, Kilzens Nachfolger als SZ-Boss (und schon bisher die Nummer 2), bereits auf dem Verlegerfest in der Taufkirchener Gärtnerei eine Rede gehalten hatte – eine überaus glanzvolle, treffende, bewegende Rede im Verbund mit Seite-3-Chef Alexander Gorkow, der dazu begleitend die O-Töne Kilz vortrug -, nachdem Kister also schon vorgelegt hatte, zog nun als Festredner Joachim Kaiser nach, der ehrwürdige Doyen der SZ, mit seinen nun bald 82 Jahren der dienstälteste Kollege überhaupt. Seit 1959 gehört Kaiser der Redaktion an, das muss man sich mal vorstellen! Kein Wunder also, dass es ihm ein Leichtes war, eine kleine Typologie aller bisherigen SZ-Chefredakteure, angefangen bei Werner Friedmann über Hermann Proebst, Hans Heigert und Dieter Schröder bis hin zu Hans Werner Kilz, zum Besten zu geben.

Joachim Kaiser hält eine Lobesrede auf Kilz. Kaiser hat sämtliche SZ-Chefredakteure er- und zum Teil auch überlebt. (Foto: Rumpf)

Joachim Kaiser hält eine Lobesrede auf Kilz. Kaiser hat sämtliche SZ-Chefredakteure er- und zum Teil auch überlebt. (Fotos: Rumpf)

Was denn eigentlich ein Chefredakteur sei, fragte Kaiser. Um sogleich zu antworten: “Ein Chefredakteur ist ein Mann, der anderer bedarf.” Und dann zog er noch den Vergleich mit der Ehe. Sei das Verhältnis zwischen Redaktion und Chefredaktion allzu harmonisch, so Kaiser, dann bedeute dies: “Einer hat resigniert. In der Ehe ist das meistens der Mann.” Nun ja – Kaiser darf solche Witze machen.

HWK lobte er als einen “leidenschaftlichen Zeitungsmacher und Ressortumgestalter”, als homo politicus mit “Feuilletonverstand”, als einen Menschen, mit “mindestens zwei, wenn nicht fünf bis sechs Seelen” in seiner Brust, und für all das brachte Kaiser auch Beispiele bei.

Deadline, die SZ-Redaktionsband, gibt ein Abschiedskonzert für Kilz (Foto: Stefan Rumpf)

Deadline, die SZ-Redaktionsband, gibt ein Abschiedskonzert für Kilz

Dass er tatsächlich ein Kulturmensch ist, bewies Kilz nicht nur durch die Gründung der Nibelungen-Festspiele in seiner Geburtsstadt Worms. Wie HWK bei seinem Abschiedsfest erstmals kundtat, hat er überhaupt ganz früh schon als Theatermann begonnen: Als Wormser Dreikäsehoch spielte er den Wichtel Bums im “Schneewittchen” und wurde dafür als Schauspieler ausgezeichnet. Aktuell kommt jetzt auch noch der Preis für sein journalistisches Lebenswerk dazu. Und im Januar erhält Kilz – für besondere Verdienste um die deutsche Sprache – die Carl-Zuckmayer-Medaille.

"Deadline" rockt die Redaktion. Hier tanzt Kilz mit seiner Frau Bettina Musall. (Foto: Rumpf)

Deadline rockt die Redaktion. Hier tanzt Kilz mit seiner Frau Bettina Musall. (Fotos: Rumpf)

Ach ja, es war wirklich ein schönes, stimmungsvolles, sehr persönliches Fest, ausgerichtet vom Redaktionsausschuss in der SZ-Hochhaus-Kantine – so locker und familiär, wie Kilz sich das gewünscht hatte. Musikalisch bestritten wurde es von der hauseigenen Redaktionsband Deadline, die Kilz zu Ehren extra ein paar neue Cover-Songs einstudiert hatte, darunter “Lady Madonna” von den Beatles, “Don´t stop thinking about tomorrow” von Fleetwood Mac und – der absolute Chef-Hammersong – “Sledgehammer” von Peter Gabriel. Bei “Locomotive Breath” von Jethro Tull spielte

Polizeireporterin Susi Wimmer singt "My Way" für Kilz, auf der Ukulele begleitet von Gerhard Summer (Redaktion Starnberg). Foto: Rumpf

Polizeireporterin Susi Wimmer singt "My Way" für Kilz, auf der Ukulele begleitet von Gerhard Summer (Redaktion Starnberg). Fotos: Rumpf

Feuilletonchef Thomas Steinfeld nicht nur, wie gewohnt, Bass, sondern brachte erstmals auch die Querflöte zum Einsatz. Ich warte darauf, dass er demnächst auf dem Theremin debütiert. Oder zumindest auf der Oboe. Ich glaube, Dinge, die er nicht kann, ärgern ihn …

Deadline hat inzwischen schon ein stattliches Repertoire, und wenn die lieben Kollegen so richtig aufdrehen, dann rockt das ganze Hochhaus. Egal, wenn da nicht jeder Ton sitzt. Die Stimmung war jedenfalls super.

Tolle Stimmung beim "Deadline"-Konzert. Und wen hält Kilz hier schon wieder im Arm? Es ist Lucia Stock, die rechte Hand von Herrn Kaiser, una bella donna italiana. (Foto: Stefan Rumpf)

Tolle Stimmung beim Deadline-Konzert. Und wen hält Kilz hier im Arm? Es ist Lucia Stock, die rechte Hand von Herrn Kaiser, una bella donna italiana.

P.S.: Ich habe von dem Fest sehr sehr viele Fotos gemacht, schöne Fotos, lustige Fotos, Fotos nicht nur vom scheidenden, feiernden, tanzenden Kilz, sondern von der ganzen Mischpoke. Und wo sind sie? Weg! Alle mit der Kamera verloren. Denn, ja: Diesmal ist mein Fotoaparat, meine kleine Canon Ixus 850, tatsächlich verloren gegangen. Nein, nicht auf dem SZ-Fest, sondern hinterher, im Taxi oder in einer dieser beiden Bars, wohin ein harter Kern hernach leider noch entschwand. Zu blöd! Ich bin untröstlich, das kann ich versichern. Habe die Taxizentrale heiß gemacht und überall angerufen … ohne Erfolg. Diesmal ist sie tatsächlich weg. Mit Fotos von einem einmaligen, unwiderbringlichen Ereignis …

P.S. Mein Dank geht an den SZ-Fotografen Stefan Rumpf, dessen Fotos ich hier verwenden darf. Und ich entschuldige mich bei allen, denen ich Bilder versprochen habe.

25.08.10 | 21:41 | Abschied von ... | Erinnerung | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Erinnerung an Christoph Schlingensief (4): Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe!

“Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe” dürfte der erste Schlingensief-Theaterabend gewesen sein, den ich für die SZ besprochen habe. Erschienen ist die Kritik am 18. März 2002. Zur damaligen Zeit machte Schlingensief in der Volksbühnen-Kantine regelmäßig seinen “Talk 2000″. Das titelmäßig daran angelehnte “Quiz 3000″ – herausgekommen auf der großen Bühne – war ähnlich unstrukturiert und chaotisch; eine böse Wundenbohrerei in der jüngeren deutschen Geschichte auf Formatvorlage von Günther Jauchs “Wer wird Millionär?” (Himmel! Wie früh Schlingensief Fernsehmuster und Populär-Mechanismen durchschaut hatte und damit spielte!)

Der Abend war, genau betrachtet, extrem subversiv und politisch, aber weil Schlingensief – wie in seinen Anfängen ja noch viel mehr – so wuselnd, schwitzend und unperfekt war, so improvisatorisch, schalkhaft und, ich weiß auch nicht … so, als wolle er einen permanent verarschen, hat man das damals gar nicht in seiner ganzen Dimension und Dringlichkeit erkannt. Aber ich will jetzt im Nachhinein auch keine Beweihräucherung betreiben (obwohl Schlingensief wirklich lange Zeit total verkannt wurde. Ich selber war ihm gegenüber auch extrem skeptisch – zumindest, solange ich nur über seine Sachen gelesen bzw. ihn oder eine Show wie “Talk 2000″ nur im Fernsehen gesehen hatte … ich dachte, Mann, der ist so was von zynisch und mediengeil! So ein eitler Selbstdarsteller …).

Nun ja, deshalb hat es mich jetzt selber interessiert, wie und was ich in meiner ersten Kritik über ihn geschrieben habe … Ich weiß noch, ich war damals mit Jörg Burger, meinem Freund und Berufskollegen aus Bayreuther Volontariats-Zeiten, in der Volksbühne, und wir hatten so ein gutes Berliner Volkbühnen-Gefühl (das gab es damals ja noch): das Gefühl, jung und am Puls der Zeit und just dort zu sein, wo in dieser eingeschlafenen Republik tatsächlich mal was abgeht – ich meine künstlerisch, ja: avantgardistisch und gesellschaftskritisch betrachtet. So ein Theater wie das von Castorf & Co gab es ja nirgendwo sonst (schon gar nicht in München) – meine Güte, was für ein kreatives Sammelbecken! Das war schon sehr cool, um nicht zu sagen: richtig geil. Da fielen einem erst die Augen aus … und dann haben sich entsprechend – und nachhaltig – die Sehgewohnheiten geändert.

Es war eine Schule des (Um-)Denkens und des Sehens – ein Vorbereitungskursus für das neue Jahrtausend. Und Schlingensief war der lustigste, charmanteste, chaotischste Lehrer.


Ordnen Sie diese KZ von Nord nach Süd

Wissenwollen heißt Fragendürfen: Christoph Schlingensiefs “Quiz 3000” an der Berliner Volksbühne

Vielleicht muss man sich das Leben tatsächlich als ein einziges großes Quiz vorstellen. Und wir Menschen, wir sind die Kandidaten: werden vor Aufgaben gestellt, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, und kommen weiter, wenn wir die richtige Antwort finden. Das ganze Leben: ein Fragespiel. Ein heiteres Beruferaten. Was bin ich? Erkennen Sie die Melodie, und der große Preis ist heiß! Letztendlich sind die existenziellen Fragen der Menschheit – Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wer wird Millionär? – auch nichts anderes als die 500000-Euro-Hürden bei Günther Jauch. Wer sie schafft, sahnt ab. Die Mehrheit aber kommt gar nicht so weit, die scheitert schon bei 16 000, was im banalen Alltagsquiz ungefähr der Frage „Was ziehe ich heute an?” entspricht.

Das muss nicht automatisch heißen, dass die meisten Menschen, oder gar Deutschen, zu dumm sind. Das kann nämlich (schönen Gruß nach Pisa!) auch einfach nur bedeuten, dass man uns die falschen Fragen stellt – und zu viel Wert auf Antworten legt. Wo es im Leben doch nur darum geht, das Fragen zu lernen. Und es als Spiel zu betreiben: das Spiel vom Fragen – als Reise zu einem sonoreren Land. Denn schon in der Bibel steht geschrieben (oder war’s bei Handke?): Wer nicht gelernt hat zu fragen, dem wird auch nicht aufgetan. Oder so ähnlich.

Christoph Schlingensief, der Scheitern schon immer als Chance begriff, kommt nun im Outfit von Günther Jauch mit Fragen, die dieser nie zu stellen wagte. Fragen, die gar nicht unbedingt einer Antwort bedürfen, weil sie in sich selbst bereits ein Statement enthalten. Es sind unangenehme Fragen, unorthodoxe. Fragen, die im Amüsierbetrieb des Fernsehens keinen Platz haben und herausfallen aus dem Trivial-Pursuit-Kanon. Peinliche Fragen. Politisch eher defekt als korrekt. Fragen wie diese:

„Wozu wurde das Haar verwendet, das den Inhaftierten im KZ Auschwitz geschoren wurde?” A: Feuerung der Verbrennungsöfen, B: Teppich- und Sockenproduktion, C: Lärmdämmung in KZ-Praxen D: Fertigung von Rasierpinseln.

Der Kandidat, Sachbearbeiter im Brandschutz, ist etwas überfordert und zieht als „Joker” seinen Freund zu Rate. Dieser ist sich ganz sicher: „Aus den Haaren wurden Rasierpinsel gemacht.” Nein, das ist leider falsch, tönt der Moderator, und der Jauchsche Show-Jingle signalisiert dramatisch Fehlanzeige. Schade, Antwort B wäre richtig gewesen. Als der Freund des Kandidaten das kurz anzweifelt, fragt Christoph Schlingensief: „Leugnen Sie den Holocaust?” Nein, das natürlich nicht. Applaus. Abgang. Nächste Runde.

Willkommen bei “Quiz 3000 – Du bist die Katastrophe!”,  dem ultimativen Ratespiel zum deutschen Wissenswahn! Was Günther Jauch zu einem Mega-Erfolg im deutschen Fernsehen und einem Trend in der Gesellschaft machte – längst gilt er den Deutschen als ihr Klügster -, treibt Christoph Schlingensief, der Herzbube und agent provocateur des deutschen Theaters, an der Berliner Volksbühne auf die Spitze: Wenn schon Wissenwollen, dann richtig! Dann auch, bitteschön, Fragendürfen!

Schlingensief versteht sein Ratespiel – wie alle seine Aktionen – politisch. Seine Fragen behandeln Terror, Korruption, Gewalt und deutsche Vergangenheit. Welche Maße hatten die Stehzellen im KZ Auschwitz? („90 mal 90 Zentimeter. Die Antwort ist richtig!”) Wie viele kurdische Kriegsdienstverweigerer sind 2001 nach der Ausweisung aus Deutschland in der Türkei zu Tode gefoltert worden? („Neun ist leider falsch, es waren sieben!”) Wie viele Fotobildbände über den 11. September 2001 kommen auf einen Band über Bürgerkriegsopfer in Somalia? („Nicht vier, nicht neun, nicht 13, sondern, jawohl: 17!”)

Neun Euro für Afghanistan

Schlingensief fehlt es nicht am nötigen Zynismus, solche Fragen in die Showrituale der gängigen TV-Unterhaltung zu integrieren. Wie sein Volksbühnenprojekt „Talk 2000” ist auch “Quiz 3000″ banale Nachahmung und perfide Parodie von Fernsehrealität zugleich: affirmativ im Gestus, satirisch spitz nur in der Übertreibung, in Aussetzern, in der Verletzung der Norm.

Schlingensiefs Theater muss also selbst wie Fernsehen sein: aufgeregte Stimmung, wuselnde Kameraleute, blendende Spots. Es gibt ein Warming-up samt Jubel-Animation, Werbebanderolen für Unicef, Schneekoppe und Edeka, es gibt Show-Acts von Schorsch Kamerun und einer Gospel-Gruppe, Schlingensief selbst singt playback zwei Lieder von Rocco Schamoni, und sogar seine “Tochter” darf als Sängerin auftreten, obwohl sie noch üben muss. Es gibt 0190-Nummern für Anrufe und Spenden, und es fehlen auch nicht die obligatorischen Model- Assistentinnen in sexy Glitzerkostümen, gleich zehn, für jeden Kandidaten eine. Der Kameratrubel, im übrigen, ist echt: Die beiden Quiz-Abende werden aufgezeichnet vom „Offenen Kanal Berlin”, wo sie am 11. und 25. April zu sehen sind.

Gespielt wird in dem sakralen Bühnenbild, das Anna Viebrock für Christoph Marthalers „Zehn Gebote” gebaut hat: eine vergammelte Kirchenruine mit zwei Rundbögen; die Kandidaten – fast 300 Freiwillige wurden gecastet, zehn davon eingeladen – sitzen rechts auf Kirchenbänken. In der Mitte ein Tisch mit zwei Barhockern und zwei Computern: Zentrum des Frage- und Antwortspiels. Welcher Kandidat drankommt, entscheidet eine so genannte Ordnungsfrage. Da gilt es dann, Konzentrationslager von Nord nach Süd zu ordnen. Oder Bundeskanzler nach ihrem Bauchumfang. Oder Kriege nach der Zeit ihres Ausbruchs

Schlingensiefs Kandidaten schlagen sich wacker, reden viel – und blamieren sich so gut sie können. Die meisten meinen, sich selbst irgendwie politisch äußern zu müssen, wie die links engagierte Rentnerin, die gegen das Patriarchat wettert und sich auf eine falsche Antwort mit dem Satz herausredet: „Man erfährt ja nichts”. Der Philosophiestudent fliegt schon bei der ersten Frage raus und behauptet, man könne auch sehr gut ohne Antworten leben. Und der Bosnier, der seit 33 Jahren in Deutschland lebt, macht am zweiten Abend den Hauptgewinn: den gebrauchten Mercedes 350 SE, der in seiner grasgrünen Scheußlichkeit vor dem Eingang zur Volksbühne auf einem Sockel thront.

Wer eine Show hat, braucht Promis – als Joker, Paten und für die „Promi-Box”. Die kommen bei Schlingensief aus der C-Kategorie, allen voran der Berliner Playboy Rolf Eden, den schon bei „Talk 2000” seine Eitelkeit nicht davon abhielt, sich lächerlich zu machen. Oder die Sexualtante Helga Goetze, die für „Ficken – Lieben – Frieden” demonstriert.

Stargast ist die Schauspielerin Corinna Harfouch. Sie sammelt Geld für Afghanistan, im Auftrag von Unicef – und dass das kein Witz, sondern wirklich ernst zu nehmen ist, muss erst ausdrücklich betont werden, weil das ja immer der Knackpunkt bei Schlingensief-Abenden ist: dass man nie weiß, was der Kerl mit dem liebenswürdigen Lausbubengesicht ernst meint und was nicht. Zu vermuten steht ja, dass er in seinem “Quiz 3000″ vieles noch viel ernster meint, als wir je befürchten würden. Und dass wir ihm viel mehr zutrauen, als er eigentlich tut oder kann. Aber auch das ist Teil des Schlingensief-Fakes – und insofern fast schon wieder genialisch.

Am Ende des ersten Abends jedenfalls kommen für Afghanistan exakt neun Euro und 63 Cent zusammen. Die angekündigte Geldsammlung mit dem Klingelbeutel hatte Schlingensief glatt vergessen. Wie er als Moderator im grauen Günther- Jauch-Anzug (mit zusätzlicher Harald-Schmidt-Brille) überhaupt sehr un- konzentriert wirkt. Von wegen Pokerface oder Provokateur! Günther Jauch ist ein Teufelskerl dagegen. Zwar enthält sich Christoph Schlingensief nicht seiner politischen Kommentare, hackt auf Otto Schily ein und benennt Skandale, aber das kommt alles so müde und harmlos daher, dass am Ende vor allem eine Frage bleibt: die nach der Wirkkraft des einstigen Provokateurs Christoph Schlingensief.

CHRISTINE DÖSSEL

24.08.10 | 18:49 | Abschied von ... | Begegnung mit ... | Erinnerung | Kommentare 0 Kommentare

Erinnerung an Christoph Schlingensief (3)

Ein Probenbericht zu Schlingensiefs Bayreuther “Parsifal”-Inszenierung war ja leider gescheitert (an Bayreuth, nicht an Christoph). Ich habe damals trotzdem einen Vorbericht geschrieben, entstanden aus zwei Telefonaten mit Schlingensief, die ich in einer längeren E-Mail-Telefon-SMS-Kommunikationsaktion angeleiert hatte (siehe vorherigen Blog-Eintrag). Hier nun also das Ergebnis. Erschienen ist der Artikel am 14. Juli 2004 im SZ-Feuilleton.

Ich bin Kundry!

Christoph Schlingensief fiebert seiner Bayreuther “Parsifal”-Premiere entgegen: „Vielleicht bin ich ja doch konservativ?”

Noch vor zwei Wochen hat Christoph Schlingensief auf den Komplex „Bayreuth” höchst allergisch reagiert. Hätte man ihn dazu befragt, er wäre nach eigenem Bekunden „schreiend davongelaufen”. Er ist zunächst ja auch tatsächlich davongelaufen – so jedenfalls wirkte es in der Öffentlichkeit, als der Regisseur Anfang des Monats den Proben zum “Parsifal” fernblieb und sich krank meldete. Von „erheblichen Meinungsverschiedenheiten” zwischen ihm und der Festspielleitung war die Rede, und davon, dass beide Seiten Anwälte eingeschaltet hätten.

Inzwischen hat Schlingensief die Probenarbeit auf dem Grünen Hügel wieder aufgenommen und klingt putzmunter, wenn er am Telefon einen Zwischenstand durchgibt. So ein Sturm, sagt er, tue manchmal ganz gut. „Es bereinigt. Vorher hat jeder dem anderen immer gleich das Schlechteste unterstellt.” Sogar lobende Worte hat er für das Bayreuther Wagner-Imperium übrig: Logistisch sei das schon ein toller Betrieb, und die technische Abteilung sei meisterhaft, mindestens so gut wie Disneyworld.

Nein, Schlingensief hat keinen Nervenzusammenbruch erlitten, und er war auch nicht in einer psychiatrischen Anstalt. Der Regisseur hatte aus Afrika, wo er sich zu Recherchen aufhielt, eine Gallenentzündung mitgebracht, die sich zu einer „richtigen Kolik” auswuchs. Deshalb habe er sich ins Krankenhaus begeben. Zwar sei er auch nervlich etwas angeschlagen gewesen, aber er breche dann nicht zusammen, sondern werde eher aggressiv. „Dann rase ich nachts durch den Wald und komme nicht mehr runter.” Den “Parsifal” hinzuschmeißen, nein, das käme nicht in Frage. Auch, wenn er „die Tage zählt, bis es vorbei ist” und mit seinem Team „ungeheuer viel gelitten” habe. Das wird jetzt durchgezogen: „Wir tragen das auch mit Stolz!”

Über die Auseinandersetzungen mit dem Festspielchef Wolfgang Wagner will (und darf) Schlingensief nichts weiter sagen. Nur so viel: Es habe eine Menge Anwaltsschreiben und Abmahnungen gegeben. Darüber habe nicht er, sondern sein Rechtsanwalt Peter Raue verhandelt. Schlingensief sagt, er sei jetzt so weit, etwa 30 Prozent seiner Bilder und Ideen umzusetzen. „Bis zur Premiere könnte ich vielleicht sogar 50 Prozent schaffen.”

Herzliche Worte hat der Bayreuth-Neuling für Pierre Boulez übrig. Der Dirigent stehe jederzeit mit guten Ratschlägen zur Verfügung und habe in Streitfällen vermittelt. Boulez sage immer, beim Bayreuther „Ring” mit Patrice Chéreau habe es auch viele Probleme gegeben. Chéreau soll sogar noch während der Premiere in Jeans über die Bühne geflitzt sein, um Nebel zu machen. Zum Schluss seien mit den Buhrufen Gegenstände auf die Bühne geflogen. Das war 1976.

Ein Hämmern die ganze Nacht

„Nach 30 Jahren dasselbe zu erwarten, finde ich typisch deutsch und einen völligen Blödsinn”, sagt Schlingensief. „Man will sich nicht auf die Bilder einlassen, jede Auseinandersetzung damit behindern.” Natürlich habe er Angst vor der Premiere am 25. Juli, weil er sich nicht vorstellen kann, dass sich seine Bilderwelten erschließen. Dabei gebe er gar nicht den Provokateur, den alle in ihm vermuten. Weder zeige er Kundry als Nutte noch König Amfortas als kranken Saddam Hussein, und der Kelch sei auch kein Dildo – „mach’ ich alles nicht!” Im Gegenteil, er versuche, die Bilder aus der Musik heraus entstehen zu lassen, weil er es zu billig finde, in einer solchen Oper aktuelle Themen abzuhandeln. „Agenda 2010? Putin? Interessiert mich hier nicht. Vielleicht bin ich ja doch konservativ?”

Bei ihm, sagt Schlingensief, knieten die Gralsritter beim Abendmahl tatsächlich minutenlang auf dem Boden, und statt herkömmlicher Videos benutze er eine ausgefeilte Laterna-Magica-Technik mit beweglichen Projektionen über die ganze Szenerie. Er arbeite mit den Begriffen der „Entäußerung” und „Rückbesinnung”. Oder, da zitiert er Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik”, mit der Dualität zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen. Die Partitur, das ist die Strenge – und daneben das Durcheinander. „Wagners Leben war ja auch ein Durcheinander”.

Wenn Schlingensief so drauflos sprudelt, sprunghaft und assoziativ, klingt das ebenfalls nach einem großen Durcheinander. In seinem Kopf scheint es zu flirren. Schlingensief bekennt, es gehe ihm wie Volker Spengler, der in seinem Film „Die 120 Tage von Bottrop” zu Irm Hermann sagt: „Ach Irm, ich hab’ so viele Bilder im Kopf, es ist ein Hämmern und Sägen die ganze Nacht!” Während der Proben sei er sich erst mal wie Klingsor vorgekommen, der böse Zauberer, der König Amfortas den heiligen Speer entreißt. Dann habe er sich zunehmend wie Amfortas gefühlt: total verwundet. Seine Beziehung zu seinen Eltern, denen er mit 43 noch keinen Enkel geschenkt habe, seine jüngst verlorene Liebe – das alles sei „eine Wunde, die nicht mehr richtig schließen will”. Inzwischen ist Schlingensief zu dem Schluss gekommen: „Ich bin Kundry!” Kundry, „das wilde Weib”, habe alles schon tausendmal erlebt. „Die sagt: Was ist das für eine Scheiß-Gesellschaft? Ihr kotzt mich alle an!” Und am meisten kotze sie sich selber an.

Klingt alles ziemlich verwirrend, was Schlingensief da mit atemlosem Furor erzählt. Was nun genau sein Regieansatz ist, geht nicht daraus hervor. Wie es scheint, will er in Wagners Bühnenweihfestspiel eine buddhistische Deutung hineinbringen. Schlingensief hat sich dazu in Nepal inspiriert, und in der Villa Wahnfried sei er auf ein Büchlein gestoßen, dem zufolge sich auch Wagner mit dem Buddhismus beschäftigt habe. Er zitiert ihn mit den Worten: „Ich habe heute den Parsifal beendet und drei Hunden das Leben gerettet. Soll die Nachwelt entscheiden, was wichtiger war.”

Irgendetwas wird Schlingensief auch mit dem heiligen Speer anstellen, von dem er sagt, er werde als Erlösungsgegenstand im “Parsifal” nicht richtig angepackt: „Da ist so eine christliche Soße drüber.” Er selbst komme ja auch vom Katholizismus, aber er frage sich: „Was haben wir denn davon, wenn wir den Speer gefunden haben?” Erlösung gebe es nur im Tod. Für ihn sei diese Oper eine „Totenweihe”, eine „Feier der Schmerzen und des eigenen Sterbens”, des Endes, das Musik zwar überhöhen, aber nicht verhindern könne. „Wie schön ist die Musik, aber wie schön erst, wenn sie aufhört!” Weiter kommt Schlingensief in seinen Ausführungen nicht, weil er von einer Frau unterbrochen wird, die ihn auf der Straße – er ruft vom Handy aus an – herzlich begrüßt: „Man hört ja so viel von Ihnen . . .!” Hernach erzählt er, dass es neben den vielen Gerüchten, die in Bayreuth über ihn kursieren – zum Beispiel, er würde Hasen zeigen und kiloweise Fleisch auf die Bühne werfen –, auch Fans gebe, die ihm Briefe und Geschenke schicken. Eine Wagnerianerin biete ihm sogar ihre Tochter an.

Die öffentliche “Parsifal”-Generalprobe fällt in diesem Jahr übrigens aus – Mitteilung der Festspielleitung. Schlingensiefs Abläufe seien so kompliziert, dass man sie an diesem Tag noch testen müsse. Der Regisseur sieht das zwar ein, aber leid tut es ihm schon: „Ich hätte mich gefreut, wenn auch ein paar Künstler oder Intendanten den Parsifal gesehen hätten und es dadurch vielleicht zu neuen Arbeiten auch außerhalb von Deutschland gekommen wäre.” Denn eines hat Schlingensief sich vorgenommen: unbedingt noch mal eine Oper zu machen. Auch, um zu sehen, „ob das immer so laufen muss wie hier”.

24.08.10 | 18:29 | Abschied von ... | Erinnerung | Kommentare 0 Kommentare

Erinnerung an Christoph Schlingensief (2)

Stöbere noch immer in meinen Erinnerungen an Christoph Schlingensief. 2004 war das Jahr, in dem wir Kontakt aufnahmen. Erst der Streit wegen Zürich (siehe vorangeganges Posting), dann die Anfrage meinerseits, ob ich nicht einen Probenbericht über Bayreuth schreiben könnte. 2004 war ja das Jahr, in dem Schlingensief den “Parsifal” in Bayreuth inszenierte – ich glaube, er hatte im Nachhinein recht: Diese intensive, nervenaufreibende Zeit der Auseinandersetzung mit Wagner (Richard et al.) war der Anfang vom Ende.

Den Artikel, der aus dem nachstehenden Mail-und-Anruf-Hin-und-Her entstand (“Ich bin Kundry!”), poste ich in meinem nächsten Blog-Eintrag – “Erinnerung an Christoph Schlingensief (3) -, damit das hier nicht noch länger wird.

Mail vom 15.6.2004

Betreff: Ein Besuch in BT

Lieber Christoph Schlingensief,

wenn Sie jetzt also in Bayreuth inszenieren, wäre das nicht ein schöner Anlass, dass wir uns mal persönlich kennen lernen? Ich würde Sie gerne in meiner alten Heimat besuchen (komme selber aus Oberfanken und habe in BT beim RNT Volontariat gemacht) und für die SZ so eine Art Probenbericht schreiben. Was meinen Sie? Lust?
Ich bin bis zum 22.6. in Singapur. Würde mich freuen, danach von Ihnen zu hören!

Mit herzlichen Grüßen
Christine Dössel

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Mail vom 19.6.2004

Betreff: bayreuthophon

liebe frau dössel,

danke für ihre mail. ich würde das gerne tun, habe aber überhaupt keine chance, die proben zu öffnen.

die sind hier total streng, was das angeht.

keine ahnung ob sich das noch ändern wird.

fände ein persönliches kennen lernen auch prima.

vielleicht im schloßgarten?

habe aber auch schon ein längeres gespräch mit herrn kaiser für die sz geführt. vielleicht ist das noch nicht nach singapur durchgedrungen.

denke auch schon an die zeit nach bayreuth. vielleicht haben sie gute adressen.

hier ist es jedenfalls sehr anstrengend. jeden tag probe ohne auch nur einen freien tag.

viele kämpfe. alles durcheinander, weil die sänger auch noch woanders singen.

versuche durchzuhalten.

auch wenn es manchmal sehr schwierig ist.

wünsche ihnen ganz viel schöne asiatische zeit!

herzlichen gruß

ihr christoph schlingensief

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Mail vom 24.6.2004

RE: bayreuthophon

hallo, lieber christoph schlingensief,

singapur war super interessant – die cleanste and greenste stadt, die ich je erlebt habe. auf eine weise multinational und multikulturell, wie wir es uns hierzulande in unseren kühnsten zuwanderungsfantasien nicht vorstellen können.
ich war mit einem tross internationaler journalisten zum singapore arts festival eingeladen – daher ständig volles programm – , hatte am ende aber auch noch zwei tage zeit für mich – und für eine individuelle erkundung der stadt.
danke für ihre mail! dass sie mit kaiser ein langes gespräch geführt haben, ist mir natürlich nicht entgangen. lucia hat schon vor meiner abreise in aller ausführlichkeit davon berichtet (und fotos gezeigt) – und morgen ist es ja auch im blatt.

nichtsdestotrotz wäre ein probenbericht im feu eine feine sache. das doppelt sich ja nicht – und ist ausdrücklich im interesse der klass. musikredaktion (in persona: reinhard brembeck). könnten sie nicht noch einmal darauf drängen? brembeck will auch mal in bayreuth anrufen, was sich machen lässt. und wenn die sich weiter so streng geben, könnten sie mich dann nicht heimlich mit auf die probe nehmen? ein bisschen zugucken wäre schon ganz gut für so einen artikel – auch wenn ich mich natürlich gerne im schlossgarten mit ihnen treffe.
kann mir vorstellen, wie hart die arbeit ist. vor allem mit den sängern. aber sie schaffen das schon, da bin ich mir sicher!

ich hoffe, ich höre von ihnen! würde mich wirklich sehr freuen, sie in bt zu treffen!

beste grüße
christine dössel

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5.07.2004

Betreff: Wagneria

lieber christoph schlingensief,

wo sind sie und wie geht es ihnen?
ich hoffe nicht, dass sie jetzt auch noch absagen in bayreuth, obwohl man mit einem rechtsanwalt im nacken natürlich nicht arbeiten kann.

würde mich über ein lebenszeichen sehr freuen.
ich weiß jetzt auch gar nicht, ob es was wird mit unserem treffen … und wie ich planen kann. es müsste, wenn es denn klappen sollte, bald sein. ich fahre am 16. juli schon in urlaub.

in bayreuth muss man drachenblut entwickeln.
kopf hoch! richard wagner braucht sie!

alles gute

christine dössel

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Mail vom 6.07.2004

Betreff: Parsifal

lieber christoph schlingensief,

dpa meldet, sie hätten die proben zum “parsifal” wieder aufgenommen und sich in strittigen punkten mit gralshüter wagner geeinigt. ich hoffe, dies bedeutet, dass es ihnen wieder besser geht. und dass sie sich nicht unterkriegen lassen!

wie sieht es aus mit unserem geplanten treffen? können wir nicht wenigstens mal telefonieren?
ich bitte sie herzlich, sich bei mir zu melden. habe ihnen heute auch schon aufs handy gesprochen – falls sie`s nicht abgehört haben: joachim kaiser lässt sie “herzlich und voller sympathie” grüßen!

alles gute!

christine dössel

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Mail vom 9.7.2004

Betreff: Parsifalitis

lieber christoph schlingensief,

habe mich heute wirklich sehr über ihren anruf gefreut! ich hatte nicht mehr damit gerechnet. komisch: kurz bevor sie anriefen, hatte ich ihnen in schlaftrunkenen gedanken eine mail geschrieben, in der ich meine enttäuschung über ihre nicht-reaktion zum ausdruck bringen wollte … wenn ich am telefon etwas lahm wirkte, lag es daran, dass es in der nacht zuvor (nach einem sehr schönen opernbesuch: lulu) spät geworden ist und mir noch ein wenig der kopf brummte.

ich würde aus unserem telefonat gerne einen kleinen text machen, den ich ihnen dann, wie versprochen, zum gegenlesen schicke.

ich will ja nicht nerven, aber meinen sie, wir können morgen noch mal telefonieren? sie haben so schnell gesprochen, und ich konnte mir nur rudimentär notizen machen.

es freut mich jedenfalls sehr, dass sie so guter dinge sind! und dass sie den boulez auf ihrer seite haben. und hoffentlich auch das glück aller wagemutigen (und wagnermutigen).

bis bald!
herzlichst
christine dössel

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Mail vom 12.7.2004

Betreff: Artikel

lieber christoph schlingensief,

im anhang schicke ich ihnen, wie versprochen, den artikel, den ich aus unseren telefonaten gebastelt habe. ich hoffe natürlich sehr (!), dass sie mir da nicht allzu viel hineinredigieren oder mir womöglich wieder alles rausstreichen. kann ich bitte so bald wie möglich ein feedback haben? der artikel ist für morgen fest eingeplant.

eine wichtige frage habe ich noch: was ist mit dem beuys-hasen, über den gerüchte kursieren und den heute auch focus erwähnt? was ist da dran?

toi toi toi für die arbeit
und herzliche grüße!

(See attached file: Bayreuth-Schlingensief.doc)
bis morgen
christine dössel

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Mail vom 13.7.2004

Betreff: morgen im sz-feuilleton

hallo, lieber christoph schlingensief,

ich glaube, nun ist der artikel wirklich wasserdicht. habe ihn heute mittag herrn raue zugefaxt, mit dem ich heute mehrmals telefoniert habe (auch grade eben noch mal wegen des anfangssatzes). die heiklen stellen sind ausgemerzt! leider ging der text nicht in seiner ganzen länge durch – ein paar kürzungen waren unvermeidlich, aber keine sorge, inhaltlich wurde nichts verändert!

der einstieg lautet nun so:
Noch vor zwei Wochen hat Christoph Schlingensief auf den Komplex “Bayreuth” höchst allergisch reagiert. Hätte man ihn dazu befragt, er wäre nach eigenem Bekunden “schreiend davongelaufen”. Er ist zunächst ja auch tatsächlich davongelaufen …

ist, glaub ich, ein ganz schöner text geworden. herzlichen dank nochmals für die gespräche – und das vertrauen! ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns auch mal persönlich kennen lernen würden. inzwischen sind sie mir schon richtig vertraut.

herzliche grüße
und alles gute für den endspurt!

christine doessel

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Also, wie gesagt: Wer besagten Artikel lesen will: siehe nächstes Posting

23.08.10 | 16:53 | Abschied von ... | Begegnung mit ... | Erinnerung | Kommentare 0 Kommentare

Erinnerung an Christoph Schlingensief (1)

Noch immer sehr bewegt vom Tod Christoph Schlingensiefs, habe ich vorhin mein Mail-Archiv nach meinem ersten persönlichen Kontakt mit ihm durchforstet. Unser Kontakt begann mit einem Streit: Das war im März 2004, als Christoph – damals siezten wir uns noch und hatten uns noch nie getroffen – sich furchtbar über einen Artikel von mir aufregte. Und zwar wirklich richtig furchtbar; er machte ein ganz großes Drama draus. Kritik konnte er grundsätzlich nicht vertragen, er nahm sie ganz schrecklich persönlich.

Worum ging´s? Er hatte sich damals am Schauspielhaus Zürich krank gemeldet, weshalb vier Vorstellungen seiner Inszenierung „Attabambi Pornoland” ausfielen (das war damals noch in der Marthaler-Zeit). Andernorts war er aber aufgetreten. Das habe ich in meinem Artikel unter der Überschrift “Der eingebildete Kranke” aufgeschrieben (siehe unten) und darüber polemisiert (“chronische Mimoseritis mit stark paranoiden Auswüchsen”). Woraufhin er mich mit vorwurfsvollen, klagenden und, wie ich fand, auch äußerst larmoyanten sms-Botschaften zuschüttete (die ich leider nicht mehr habe, und ich weiß auch nicht, woher er meine Handynummer hatte). Das Erste, was ich aus dieser Zeit noch finde, ist folgende Mail von mir an Schlingensief, aus der sich die Sache ganz gut rekonstruieren lässt:

2.03.2004

Betreff: fair is foul and foul is fair

lieber christoph schlingensief,

habe bereits mehrmals versucht, auf ihr gestriges sms-bombardement zu antworten, aber heraus kam immer nur das piepsen eines übertragungsfehlers. weiß nicht, woran das liegt – ist aber vielleicht bezeichnend für unsere kommunikation …

zunächst einmal: von HASS kann nun wirklich nicht die rede sein!
seien sie doch nicht so paranoid!

wieso sollte ich sie hassen oder ihre arbeit torpedieren, behindern oder gar, wie sie schreiben, “zerstören” wollen? mitnichten! das ist doch quatsch. wenn es ihnen wieder besser geht und sie die dinge nüchterner betrachten, werden sie das auch selbst einsehen.

ich hätte nie gedacht, dass sie so empfindlich auf meinen kleinen – polemischen – artikel reagieren würden. ehrlich gesagt, halte ich ihre reaktion für absolut übertrieben. wer, wie sie, viel austeilt, sollte auch mal was einstecken können, zumindest ein bisschen polemik.

aber ich merke jetzt und glaube ihnen, dass sie tatsächlich psychisch und physich angeschlagen und nervlich sehr angespannt sind, sonst würden sie sich das alles nicht so zu herzen nehmen und sich von allen seiten verfolgt wähnen.

was ist denn passiert? eine journalistin hört, der künstler schlingensief ist in zürich – nach einer auseinandersetzung mit der polizei und vorwürfen gegen die schauspielhaus-leitung – mit attest krank geschrieben, soll aber an anderen bühnen aufgetreten sein. was tut sie also? sie ruft mal an, ob das stimmt und schreibt darüber einen glossierenden, zugegeben etwas spitzen artikel – das ist ihr gutes recht. so ein artikel kommentiert die situation und stellt nicht gleich den ganzen künstler in frage (oder an den pranger). ihr verhalten in zürich, lieber schlingensief, ist nun mal für außenstehende schwer nachvollziehbar. wenn sie mal versuchen würden, die zürich-kiste unvoreingenommen von außen zu betrachten, würden sie einsehen, dass bestimmte fragen durchaus verständlich, also berechtigt sind. wenn sie in zürich krank gemeldet sind, aber woanders auftreten, dies jedoch nicht weiter erklären, ist dies schon einigermaßen merkwürdig. wird man sich seinen eigenen reim darauf machen, ist doch klar.

kann ja sein, dass sie in bzw. vor zürich eine phobie haben – und wenn sie nun von “todesangst” schreiben und sich tatsächlich in einer klinik aufhalten, mache ich mich ganz bestimmt nicht drüber lustig. im gegenteil, es tut mir leid, dass sie sich in einem so verwundbaren zustand befinden und ich sie mit meinem artikel offenbar wirklich verletzt habe (unbeabsichtigterweise!). aber wieso haben sie nichts davon erzählt? woher soll man das wissen? nach außen wirkte ihr verhalten, sorry, wie das einer eingeschnappten diva, die in zürich zickt und beleidigt abreist, um sich dafür anderswo um so gefällliger ihrer wirkung zu versichern.
ich habe auch nicht verstanden, wieso sie in öffentlichen äußerungen der schauspielhaus-leitung vorwarfen, sie würde nicht richtig hinter ihnen stehen, ihnen zu wenig rückhalt geben … andererseits sprachen sie jedoch von den “marthaler-hassern”, die hier mal wieder mobil machen würden (was in diesem fall einfach nicht stimmt).

ich gebe zu: diese verquickung von argumenten und instrumentalisierung von menschen und “stimmungen” für ihre eigenen zwecke finde ich nicht ganz lauter, jedenfalls nicht anständig, und das ist das einzige, was mich an der sache wirklich gestört hat. alles andere – ihre abreise, die krankmeldung, ihr auftritt in den anderen häusern – quittierte ich in meinem artikel eher mit einem ironischen lächeln.
warum ich die besucherzahlen erfragt und aufgeschrieben habe? um zu veranschaulichen, dass es bei dieser sache wirklich nicht um irgendeinen skandal oder eine skandalisierung geht. sondern im gegenteil: dass ihre zürcher inszenierung – anders als etwas “bambiland” in wien – nicht nur niemanden aufregt, sondern leider auch nicht den großen run auslöst. mein verdacht war, vielleicht zu unrecht: dass das mit ein grund für sie ist, zürich bzw. den blöden zürichern den rücken zu kehren. nach dem motto: die interessieren sich eh nicht für meine arbeit – die können mich mal.

noch mal: ich wollte sie nicht verletzten. nur ein bisschen sticheln. aber nicht weh tun!
was ich zugebe: ich habe ihre krankmeldung nicht ernst genommen. dass es ihnen wirklich schlecht geht, tut mir – ehrlich – leid.

ich wünsche ihnen gute besserung!

mit vielen grüßen aus dem parkett

ihre christine dössel

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Schlingensiefs Antwort:

23.03.2004

RE: fair is foul and foul is fair

liebe frau doessel,

danke für ihre mail.
hat mich wirklich alles am tiefsten punkt des meeres getroffen.

jetzt gehts mir wieder besser.
habe auch wieder zweimal in zürich gespielt.

vielleicht wirke ich ja wirklich so, als hätte ich nur die sonne gepachtet.

viele grüße
ihr christoph schlingensief

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Meine Antwort vom 24.03.2004:

RE:RE: fair is foul and foul is fair

lieber christoph schlingensief,

es freut mich, dass es ihnen wieder besser geht. ich war, ehrlich gesagt, auf ihren brief hin schon etwas besorgt.
bitte, nehmen sie das alles nicht so tragisch.

ich wünsche ihnen alles gute und frischen mut für ihre nächsten projekte, vor allem natürlich für wagner und bayreuth!
und bald kommt hoffentlich der frühling, dann blühen wir alle wieder auf.

seien sie herzlichst gegrüßt
von
christine dössel

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So – und für alle, die es interessiert, hier noch der Artikel, um den es ging, im Wortlaut (erschienen im SZ-Feuilleton, 28.2.2004). Wie gesagt, ich kannte Schlingensief damals noch nicht persönlich – die Vermutung, der mangelnde Zuspruch des Publikums und die abschätzigen Äußerungen Zürcher Politiker könnten ihm die Lust am Auftreten geraubt haben, finde ich rückblickend falsch. Davon hat sich ein Schlingensief nie abhalten lassen. Aber geliebt werden … ja, das wollte er!

Der eingebildete Kranke

In Zürich fehlt Schlingensief mit Attest, in Wien tritt er auf

In Zürich ist Christoph Schlingensief noch immer krank gemeldet. Ein ärztliches Attest bescheinigt ihm, aus psychischen und physischen Gründen vorerst nicht mehr auftreten zu können. Vier Vorstellungen seiner Inszenierung „Attabambi Pornoland” wurden deswegen abgesagt. Ob die für Mitte März geplanten drei Vorstellungen stattfinden werden, will das Zürcher Schauspielhaus nächste Woche „intern” klären.
Was ist das für eine Krankheit, an der Schlingensief leidet? Es scheint sich dabei um einen spezifisch Schweizer Virus zu handeln, womöglich um eine ausgewachsene Zürich-Allergie. Denn während er Marthalers Schauspielhaus fern bleibt, sieht man ihn anderswo fröhlich seine Kunst betreiben. Am Montag und Dienstag ist er am Wiener Burgtheater nachweislich in seiner dortigen „Bambiland”-Inszenierung aufgetreten. Wie das Theater auf Anfrage mitteilt, sei das Haus randvoll gewesen und Herr Schlingensief durchaus bei Kräften. Auch an der Berliner Volksbühne war der teilzeitkranke Darsteller am Donnerstag putzmunter: in seinem Projekt „Atta Atta”. „Von der Welt der Intrige zur Welt der Paranoia” ist es in dieser Kunst-Camper-Aktion nur ein kleiner Sprung. So wie offensichtlich auch im wahren Leben des Christoph Schlingensief. Denn wenn der malade Regisseur kein Simulant ist, bleibt nur eine Diagnose: chronische Mimoseritis mit stark paranoiden Auswüchsen bei erhöhtem Idiosynkrasie-Verdacht gegenüber mangelnder Aufmerksamkeit von außen.
Wie anders ist zu erklären, dass sich Schlingensief nachgerade verfolgt sieht von seinen Gegnern, die er als „alteingesessene Marthaler-Hasser” brandmarkt? Oder instrumentalisiert. Dabei ist Marthaler in seiner letzten Spielzeit beliebter denn je, und Schlingensiefs Arbeit wurde keineswegs torpediert. Eine Anzeige der Züricher Stadtpolizei hatte definitiv nichts mit den Proben zu „Attabambi Pornoland” zu tun, sondern – die SZ berichtete – mit einer Privatfeier, bei der es zu laut wurde und die dann wohl in einem Zusammenstoß mit einem Polizisten gipfelte. Die Aufführung selbst war kein Skandal. Nachdem die Premiere mit 673 Zuschauern noch gut besucht war, wollten nur noch 392 die zweiten Vorstellung sehen, 277 die dritte. Vielleicht ist es dieses Desinteresse, das Herrn S. auf die Gesundheit schlägt?
Mitglieder des Zürcher Gemeinderats machten nun ihrem Zorn über den „eingebildeten Kranken” Luft. Markus Schwyn von der SVP erklärte, Zürich könne sehr gut ohne Schlingensief leben: „Ersparen Sie uns bitte weitere Peinlichkeiten mit diesem Komödianten!” Doris Fiala (FDP) sprach von einem „Risikopotenzial für das Schauspielhaus”. Man müsse den Vorwurf des Vertragsbruchs prüfen. Von linker Seite gab es diesmal keine Schützenhilfe für den Regisseur. In Zürich, scheint es, hat er ausgespielt.   CHRISTINE DÖSSEL
21.08.10 | 22:43 | Abschied von ... | Harte Realitäten | Kritikerfrust | Kommentare 1 Kommentar

Christoph Schlingensief ist gestorben

Meese-Rupertinum

Christoph Schlingensief ist tot. Keine Kunstaktion! Er ist jetzt tatsächlich tot. Vom Krebs niedergerungen, weggebissen, dahingerafft.

Ja, ich weiß, die Nachricht war irgendwann zu befürchten -- und doch trifft sie einen wie ein Schlag. Wie unfassbar traurig das ist! Wie entsetzlich realistisch und ungerecht! Wie gemein! Ich kann gar nicht anders, als um Christoph weinen. Er war ein herzensguter, freundlicher, charismatischer Mensch, einer der charmantesten, entwaffnendsten, umwerfendsten, die ich je kennen lernen durfte. Er war ein wahrhaftiger Künstler, ein Künstler durch und durch, fiebernd, zweifelnd, suchend, fragend. So anregend, anstoßend, frappierend, irritierend … so originell und schnell. Auch anstrengend -- neurotisch, liebesbedürftig, paranoid … Aber total authentisch. Er war so aufrichtig, unverbogen, unverdorben. Er hat sich als Künstler die Welt nicht nur zur Brust genommen, sondern vor allem auch zu Herzen.

Ich war im Salzburger Museum Rupertinum und habe das oben abgebildete Manifest von Jonathan Meese fotografiert (“Kunst ungleich Kultur”), als just in diesem Moment mein Handy klingelte. 17.52 Uhr. Am Telefon Steinfeld, mein Chef aus dem Feuilleton, der mitteilt, dass Schlingensief gestorben sei. Blitz ins Hirn. Beißende Helle. Schlagartiger Realitätseinbruch, gefolgt von roboterhaft nüchterner Reaktion: Okay, Salzburgaufenthalt abbrechen, zurück ins Hotel, nächsten Zug nach München nehmen, morgen in die Redaktion, Nachruf schreiben, Stimmen sammeln … “Schon was vorbereitet?” -- “Nein, nichts.”

Aber jetzt bin ich zuhause und möchte gerade einfach nur heulen. Das Manifest von Meese ist übrigens total im Sinne von Schlingensief: “Kunst als rechtsfreier Raum”, als “Freispiel der Kräfte” -- “keine Limitierungen”, “Hermetik und Hingabe” und über allem: “Liebe (keinerlei Hochmut)” …

Christoph Schlingensief wird uns sehr fehlen, nicht nur in der Theater- und Kunstlandschaft, er wird diesem Land fehlen, auch wenn es dieses Land mal wieder gar nicht merken wird. Er hat uns so verdammt gut getan.

Ich höre “Te Deum” von Arvo Pärt. (Jetzt bloß kein Wagner!) Ich höre es in Gedanken an Dich, Christoph. Und ich bete für Dich, wie Katholiken es tun: Ruhe in Frieden.