21.11.11 | 22:45 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kritikerlust | Kommentare 2 Kommentare

Benjamin Henrichs verabschiedet sich von der Zeitung (2)

Zum Abschied von Benjamin Hemrichs von der Zeitung (siehe vorherigen Blog-Eintrag), möchte ich hier gerne – mit seinem Einverständnis natürlich – eine Kolumne von ihm veröffentlichen. Sie erschien am 11. Dezember 2004 im SZ-Wochenende unter der damaligen Rubrik “Theater? Theater!”. Henrichs trägt eine Kopie davon in seiner Jackentasche und zieht den Text gerne wie ein Beweisstück oder einen ärztlichen Befund hervor, wenn er mal wieder gefragt wird, was er denn jetzt, im Ruhestand, zu tun gedenke. Zum Beispiel würde er gerne bei Marthaler den Lear spielen. Und außerdem fühlt er sich gar nicht alt … Aber lesen Sie selbst.  

 

Theater? Theater!

Wenn ich einmal alt bin

von Benjamin Henrichs

Wer von uns würde nicht mit Rührung zurückdenken an die Tage, da er achtzehn war? Und wen würde nicht ein Grauen würgen, wenn er an sein Leben mit achtzig denkt?

So denken wir alle, doch wahrscheinlich denken wir falsch. Denn erstens war die Zeit mit achtzehn, wenn man sie einmal nicht durchs Auge der Rührung betrachtet, so wundervoll nicht. Nein, für viele waren es die lausigsten Tage jenes lausigen Lebensabschnitts, den man die Pubertät nennt. Und zweitens (und auch schon letztens) wird unsere Zeit mit achtzig womöglich unsere beste Zeit werden. Ein nahezu ungeheuerlicher Gedanke – welchen wir aber nicht der eigenen Geisteskraft verdanken, sondern dem deutschen Dichter Tankred Dorst. Der, wie nun wohl allgemein bekannt ist, mit genau achtzig Jahren seine erste Premiere als Opernregisseur haben wird – und das gleich mit dem gewaltigsten aller Opernwerke, Richard Wagners „Ring des Nibelungen”. Bayreuth, im Sommer 2006.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Theaterkritiker und Kolumnist Benjamin Henrichs - 42 Jahre bei der Zeitung, davon 13 Jahre bei der SZ.

Dorst, ausgerechnet Dorst. Den doch viele schon vor Jahrzehnten abgeschrieben hatten. Als, zum Beispiel, im Januar 1975 Dorsts welkes Familiendrama „Auf dem Chimborazo” uraufgeführt wurde, schmähte Hellmuth Karasek den Dichter unvergesslich als „Karstadt-Beckett”sowie „Neckermann-Strindberg”. Karasek, dies nebenbei, ist mittlerweile auch schon rüstig unterwegs Richtung achtzig – in nicht nachlassender Fröhlichkeit schreibend, plaudernd, zechend.

Zurück zu Dorst. Gleich nach seiner Inthronisation als „Ring”-Regisseur gab der gute Mann, soeben von einer Hüftoperation genesen, putzmuntere Interviews, und vor allem ein Satz darin hat mich total begeistert, wenn nicht mein Leben verändert. Dorst: „Ich habe mich früher nie jung gefühlt und fühle mich jetzt auch nicht besonders alt.” Es ist Zeit für ein Geständnis: Mir geht es ebenso. So richtig jung (jedenfalls im Sinne des Jungen Theaters e.V.) bin ich wohl nie gewesen. Schon mit sechzehn war ich Theaterchefkritiker der Schülerzeitung und erging mich weitschweifig und schwerfüßig zum Thema „Sophokles”.

Was also werde ich tun, wenn ich dereinst achtzig bin? Der „Ring”? Nicht mein Fall, weil leider zu laut.

Aber den König Lear würde ich sehr gern spielen, am liebsten unter Marthaler. Natürlich würde mein Lear in einer Marthaler-Inszenierung nicht sein Königreich an seine Töchter verteilen. Sondern, zum Beispiel, seine famose Plattensammlung. Zuerst würde die Sache gut laufen, doch dann, bei der Frage, wer den Klavier-Kaiser bekommt, würde tödlicher Streit ausbrechen unter den drei Weibern. Ich säße drei Theaterstunden lang still auf meinem Thron und würde allmählich in einer Traumwelt aus Schlaf und Musik versinken.

Genauso gut gefällt mir die Idee, mit achtzig eine Theatertalkshow aufzuziehen, am liebsten mit dem Kollegen Gerhard Stadelmaier zusammen. Unser Thema: Die goldenen Zeiten des Theaters. Titel der Sendung: „Lieben Sie Mnouchkine?”. Wir beide sollten hierbei auf einem riesigen Rudolf-Noelte-Sofa sitzen oder (als Hommage an Beckett) in zwei silbern glitzernden Mülltonnen.

Dritte und für heute letzte Idee: Ich beginne mit achtzig endlich meine Fußballkarriere und zwar als Bundestrainerberater mit dem Titel Chefideologe.

Hierfür prädestiniert bin ich erstens durch meine dann 76-jährigen Fußball-Erfahrungen und zweitens durch meine vielfach erprobte Motivationskunst. Wer dreißig Jahre lang das deutsche Theater starkgeredet hat (sogar in dessen schwächsten Tagen), der kann auch eine Fußballmannschaft „heißmachen”, wie die Fußballer gern sagen.

So wird es sein, wenn ich achtzig bin. Geil. Und noch etwas: Wenn ich achtzig bin, im Jahre 2026, ist Tankred Dorst dann hundert. Kein Alter heutzutage.

2 Kommentare »

  1. Die Idee der Fußballkarriere ist genial! :-D

    Comment by Giulia Dellepiane — Dezember 13, 2011 @ 11:05 am

  2. WEG?

    Comment by Re Strauss — Januar 16, 2012 @ 9:46 am

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