23.03.11 | 21:16 | Kollegialitäten | Publikationen | Kommentare 3 Kommentare

Die Moral des Dr. Dr. Rainer Erlinger

Frisch auf dem Buchmarkt: "Moral. Wie man richtig gut lebt" von Dr. Dr. Rainer Erlinger

Frisch auf dem Buchmarkt: "Moral. Wie man richtig gut lebt" von Dr. Dr. Rainer Erlinger

“Moral, das ist, wenn man moralisch ist”, sagt der Hauptmann in Büchners “Woyzeck”. So einfach macht es sich Rainer Erlinger natürlich nicht, obwohl auch er einige Dinge pointiert zuspitzen kann. In seinem neuen Buch “Moral. Wie man richtig gut lebt” spürt der Gewissens-Kolumnist des SZ-Magazins den Grundsätzen nach, die unser Zusammenleben bestimmen -- und bestimmen sollten, um dieses angenehmer zu machen. Das geht von der Frage, ob man in bestimmten Situationen lügen darf, bis hin zu unserer Haltung zu Konsum, Geld oder Fleischverzehr. Es gibt Kapitel “Über Egoismus”, “Über Toleranz”, Über Sexualität und Beziehung” und dergleichen Moralfallen mehr. Es gibt aber auch ein Kapitel über die ethischen Theorien, insofern ist das Buch auch ein kleiner Anfängerkurs in Sachen Moralphilosophie.

Rainer Erlinger beim Signieren. Eigentlich bräuchte er nur reinzuschreiben "Alles Gute!" - hat bei ihm doch gleich eine viel tiefere Bedeutung.

Rainer Erlinger beim Signieren seines Buchs. Eigentlich bräuchte er nur reinzuschreiben "Alles Gute!" - hat bei ihm doch gleich eine viel tiefere Bedeutung als bei unsereinem.

Die offizielle Buchvorstellung war am Montag im Münchner Literaturhaus. Der liebe Rainer ist zwar schon vor geraumer Zeit nach Berlin gezogen, aber das SZ-Magazin, in dem seit neun (!) Jahren seine Kolumne “Die Gewissensfrage” erscheint, ist nun mal in München beheimatet, wo Rainer früher auch selber gerne lebte -- und auch wenn sein Buch keine Kolumnen-Sammlung ist, so ist doch die wöchentliche “Gewissensfrage” an den Doppel-Doktor Erlinger (hat er nun, ach!, Medizin und Juristerei … durchaus studiert) die Grundlage des Bandes. Oder, wie der Autor es am Montag formulierte: Das Buch sei vergleichbar mit einem Gefäß, das unter dem Schreibtisch stand, während er über den Gewissensfragen brütete, “und da sind dann die Essenzen reingetröpfelt”.

Demnach handelt es sich also um etwas Essentielles, im buchstäblichen Sinn: Wegweisendes -- um einen Leitfaden für rechtes Verhalten im Alltagsleben. Wobei der Populärethiker Rainer Erlinger Wert legt auf die Feststellung, “kein moralischer Gesetzgeber” zu sein oder sein zu wollen. Daher betont er den -- hübsch doppelsinnigen -- Untertitel seines Buches: “Wie man richtig gut lebt”. Das ist ein Untertitel, der den schweren Keulen-Begriff “Moral” sanft auffängt und in etwas Wünschenswertes bettet.

Kommt das nun in der Buchhandlung in die Abteilung “Philosophie für Anfänger”  … oder ins allseits beliebte, schwer überfüllte Ratgeber-Regal? Hm … Am besten, so sei es dem Autor gewünscht, auf den Tisch in der Mitte -- da wo die Bestseller der Saison ausliegen.

Gewissens-Kolumnist Rainer Erlinger im Gespräch mit Johannes Waechter vom SZ-Magazin

Gewissens-Kolumnist Rainer Erlinger im Gespräch mit Johannes Waechter vom SZ-Magazin

Vorgestellt hat Rainer Erlinger sein Buch im Duo mit SZ-Magazin-Redakteur Johannes Waechter, seinem Kolumnen-Betreuer in der Redaktion. Der moderierte den Abend, indem er das Buch kommentierend zusammenfasste und dem Autor zwischen dessen Vorleserunden Fragen stellte -- und zwar so seelenruhig und akkurat, wie es in der aufgeregten Literaturbetriebsamkeit allemal selten ist. Ein ZEN-Meister ist ein Quirl dagegen.

Was Waechter an dem Buch hervorhob, nämlich seinen Alltags- und Praxisbezug, vermittelte sich auch bei der Lesung als ein positves Charakteristikum. Und es fiel der Wille des Autos auf, unterhaltsam, verständlich und anschaulich zu schreiben und niemanden (weder moralisch noch philosophisch) zu überfordern. Daher bringt er nicht nur viele sinnfällige Beispiele, sondern auch etliche Witze rein. Wie zum Beispiel diesen hier:

Moses kommt vom Berg Sinai zurück mit zwei Tafeln in der Hand und begrüßt das Volk mit den Worten, dass er eine gute und eine schlechte Nachricht habe. Die gute: “Ich habe ihn auf zehn runter”. Die schlechte: “Ehebruch ist immer noch drinnen.”

Unverbrüchlich ist für Erlinger eins: “Die Moral ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Moral.” Das sei einer der wirklich zentralen Sätze einer jeglichen Beschäftigung mit Moral.

Man müsse deshalb auch nicht Mutter Teresa mit ihren “supererogatorischen Handlungen” (so nennt man in der Moralphilosophie Taten, die schon wieder zu gut sind, als dass man sie allen Menschen abverlangen könnte) als Maßstab für sein eigenes Handeln heranziehen. So wie man den 50 Arbeitern im havarierten Atomkraftwerk von Fukushima auch nicht moralisch abverlangen könne, sich für Japan und den Rest der Welt aufzuopfern.

Rainer Erlinger hinterher im "Oskar Maria": ganz privat

Rainer hinterher im "Oskar Maria": ganz privat

“Jeder hat das Recht, seine Belange zu vertreten und sich nicht völlig aufzuopfern”, schreibt Erlinger einleitend -- und will dem Leser damit erst mal den Rücken stärken und ihn somit gewinnen, weiß er doch wie “unbeliebt” die Moral ist: “weil man automatisch ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man das Wort nur hört”. Von diesem schlechten Gewissen will der Autor den Leser befreien -- mehr noch, ich denke mal, er will den Moralbegriff auch mit einem gewissen Lustgewinn aufladen (wie gut es sein kann, gut zu sein -- und darüber nachzudenken). Und er scheint die Zeit auf seiner Seite zu haben: Es gibt in der heutigen Gesellschaft ein gesteigertes Interesse an Ethik und moralischen Fragen, ja, “eine Sehnsucht nach Regeln” hat Rainer Erlinger festgestellt.

Das Buch, das im ersten Teil “Grundsätzliches” und im zweiten Teil die “Moral im Alltagsleben” behandelt, kommt in Teil III schließlich auf die “Grundpfeiler einer zeitgemäßen Moral”, als welche der Autor folgende drei ausmacht:

1.) Achtung      2.) Rücksicht      3.) Verständnis

So weit, so gut(menschlich). Schadet bestimmt nicht, sich diese Trias hin und wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Zeitlos gültig als Anleitung für moralisches Handeln ist natürlich -- das bestreitet auch Erlinger nicht -- die sogenannte GOLDENE REGEL, die man schon als Kind im Religions- oder Ethikuntericht lernt -- gewissermaßen die subjektivistische Basis des Kategorischen Imperativs:

>> WAS DU NICHT WILLST, DAS MAN DIR TU

DAS FÜG AUCH KEINEM ANDERN ZU <<

Eigentlich ganz einfach, irgendwie …

Und zu guter Letzt gibt´s hier noch einen moralischen YouTube-Trailer zu dem Buch:

3 Kommentare »

  1. Die Überschrift ist gelungen, denn es handelt sich hierbei lediglich um Feuilletonphilosophie. Herr Erlinger ist ja auch nicht bewandert in Moralphilosophie als wissenschaftlicher Disziplin. Er bewegt sich auf dem popkulturellen Niveau von Precht, Schmid und Hirschhausen – immerhin -, entbehrt aber eine fundierte wissenschaftliche Grundlage. Aber wie gesagt: Für’s Feuilleton reicht’s.

    Comment by Carsten — März 26, 2011 @ 11:30 pm

  2. Im Zeitalter der Orientierungslosigkeit und zunehmender medialer Verblödung ist es mir eigentlich egal, ob die wortreichen Hilfen Schmidt, Precht, Hirschhausen oder eben Erlinger heissen. Ich wünsche mir offen denkende Zeitgeister, auch wenn sie denkbar unbequeme Sachen sagen.

    Comment by Bert — Januar 11, 2012 @ 7:45 pm

  3. Unbequeme Sachen sagt doch keiner von denen. Die schwimmen alle mit dem Mainstream.

    Comment by Nick — Juni 16, 2012 @ 10:39 pm

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