Einige Nachrichten über Wolfram Lotz

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer
Am vergangenen Freitag kam am Nationaltheater Weimar das Stück “Einige Nachrichten an das All” von dem jungen Autor Wolfram Lotz zur Uraufführung. Die läppische Inszenierung von Annette Pullen ist nicht der Rede wert, jedenfalls nicht an dieser Stelle (meine Kritik dazu ist am Wochenende, 26./27.02., im Feuilleton erschienen), aber dem skurrilen Herrn Lotz, Jahrgang 1981, sei hier ein Blog-Beitrag gewidmet.
Er stammt aus Hamburg, studiert seit 2007 Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und wurde für sein erstes (noch nicht aufgeführtes) Stück „Der große Marsch“ im Januar mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatik ausgezeichnet – im Kleist-Jahr natürlich eine besondere Ehre. Es war just dieses Stück, mit dem Lotz letztes Jahr beim Stückemarkt des Berliner

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Deshalb setzt er zum Beispiel abstruse Fußnoten. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.
Theatertreffens sowohl den Publikums- als auch den Werkauftragspreis gewann. Aus diesem Auftrag ist nun sein Stück „Einige Nachrichten an das All“ hervorgegangen – ein ziemlich unmodischer, existenzialistischer, surreal dadaistischer Text im Geiste des absurden Theaters, in dem es um die Zumutungen, den Sinn und die Sinnlosigkeit des Lebens geht und um die folgenschwere Erkenntnis, dass wir alle sterben müssen. Viele, wie das Mädchen Hilda oder der Dichter Kleist, sind schon gestorben. Sie dürfen in dem Stück trotzdem auftreten, gemeinsam mit anderen Kandidaten, wie zum Beispiel dem Politiker Ronald Pofalla oder der “dicken Frau, die Gast in der Talkshow Britt war”. Sie alle werden vom LDF (“Leiter des Fortgangs”) in einer Art Show gebeten, ihre Geschichten zu erzählen und diese, komprimiert auf ein einzelnes Wort, über eine spezielle Apparatur ins All hinaus zu schicken – als Essenz des Menschendaseins gewissermaßen.

In Stephan Märkis Weimarer Intendantenbüro - die Blonde links ist Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo Wolfram Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.
Es ist (bei allen postpubertären Anflügen) ein sympathisches, ambitioniertes, erfrischend unorthodoxes Stück, das buchstäblich nach etwas Höherem, Universalem strebt. Und der Autor ist – auch wenn die Uraufführungsinszenierung nicht mit diesem seinem Streben mithalten konnte und wollte – sehr ernst zu nehmen. Auch und gerade in seinem lakonischen Witz. Das zeigte schon die Lesung, zu der Stephan Märki eine Stunde vor der Premiere in sein Intendantenzimmer lud. Wolfram Lotz las dort an Märkis schönem, rundem Intendantentisch aus seinen “kleinen Erzählungen” vor. Diese Erzählungen sind wirklich klein, manche bestehen nur aus zwei bis drei Sätzen, und sie nehmen Bezug auf Wissenschaft und Historie. Das ist Kurz- und Kürzestprosa, in deren extremer Welt- und Lebensverknappung ein böser, grausamer Witz liegt.
Ein paar dieser Mini-Erzählugen seien hier – mit freundlicher Genehmigung des Autors – wiedergegeben:
Donaghho
Im Jahr 1940 hörte der Ornithologe Walter Raymond Donaghho bei einer Wanderung auf dem Hawaii-Archipel Kaua´i einen Gesang, der vermutlich der des bereits ausgestorbenen Schuppenkehlmohos gewesen sein könnte. Er war sich anschließend aber nicht mehr sicher.

Kurzprosaist Wolfram Lotz
Volcher Coiter
Über den im Jahre 1543 geborenen niederländischen Vogelkundler Volcher Coiter ist, abgesehen von dem hier bereits Gesagten, nichts bekannt.
Murnau
Der heute völlig unbekannte Kunsthistoriker Albrecht Murnau verbrachte sein ganzes Leben damit, ein womöglich verschollenes Meisterwerk Rembrandts zu suchen. Er fand es nicht und starb.
Amundsen
Im Jahre 1911, nach einer langen und äußerst entbehrungsreichen Reise, erreichte der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol. Es war ein eisiger Punkt im Nichts.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: Der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift ziert eine Wand in Märkis Büro.
Edison und Topsy
Der berühmte Erfinder Edison versuchte die Öffentlichkeit von der Schädlichkeit des von seinem Konkurrenten Westinghouse propagierten Wechselstroms zu überzeugen. Zu diesem Zweck exekutierte er vor laufender Kamera den Zirkuselefanten Topsy auf äußerst effektive Weise mit einer Wechselspannung. Das Verfahren war so beeindruckend, dass die amerikanische Regierung prompt die Entwicklung des elektrischen Stuhls bei Edison in Auftrag gab, der dankend annahm.
Hunter
Im Jahre 1767 versuchte der Anatom John Hunter in einem aufsehenerregenden Selbstversuch, Syphilis und die als Tripper bekannte Erkrankung Gonorrhoe als unterschiedliche Ausformungen einer einzigen Krankheit zu belegen. Zu diesem Zweck brachte er Eiter aus der Harnröhre eines Tripperkranken mit einem Skalpell in seinen eigenen Penis ein. Aufgrund eines kleinen methodischen Fehlers – der Spender hatte nicht nur einen Tripper, sondern auch Syphilis – glaubte Hunter, der nun typisch syphilitische Symptome entwickelte, den gemeinsamen Ursprung bewiesen zu haben. Im Gefühl des Triumphes starb Hunter kurz darauf an den Folgen.
2 Kommentare »
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Hilfe!
“Wolfram Lotz las dort an Märkis schönem, rundem Intendantentisch aus seinen “kleinen Erzählungen” vor”
Wo bitte wurden diese verlegt? Ich kann hierzu keinerlei Veröffentlichung finden!
Bitte um Hilfe und Info.
Danke.
Comment by odbcodbc — September 25, 2011 @ 7:45 am
Ich weiß nicht, ob die überhaupt veröffentlicht sind. Ich bat Wolfram Lotz um ein paar dieser Mini-Geschichten, und er gab sie mir direkt in die Hand: auf Din-A-4-Blättern.
Comment by Christine Dössel — September 28, 2011 @ 10:06 pm