23.03.11 | 21:16 | Kollegialitäten | Publikationen | Kommentare 2 Kommentare

Die Moral des Dr. Dr. Rainer Erlinger

Frisch auf dem Buchmarkt: "Moral. Wie man richtig gut lebt" von Dr. Dr. Rainer Erlinger

Frisch auf dem Buchmarkt: "Moral. Wie man richtig gut lebt" von Dr. Dr. Rainer Erlinger

“Moral, das ist, wenn man moralisch ist”, sagt der Hauptmann in Büchners “Woyzeck”. So einfach macht es sich Rainer Erlinger natürlich nicht, obwohl auch er einige Dinge pointiert zuspitzen kann. In seinem neuen Buch “Moral. Wie man richtig gut lebt” spürt der Gewissens-Kolumnist des SZ-Magazins den Grundsätzen nach, die unser Zusammenleben bestimmen -- und bestimmen sollten, um dieses angenehmer zu machen. Das geht von der Frage, ob man in bestimmten Situationen lügen darf, bis hin zu unserer Haltung zu Konsum, Geld oder Fleischverzehr. Es gibt Kapitel “Über Egoismus”, “Über Toleranz”, Über Sexualität und Beziehung” und dergleichen Moralfallen mehr. Es gibt aber auch ein Kapitel über die ethischen Theorien, insofern ist das Buch auch ein kleiner Anfängerkurs in Sachen Moralphilosophie.

Rainer Erlinger beim Signieren. Eigentlich bräuchte er nur reinzuschreiben "Alles Gute!" - hat bei ihm doch gleich eine viel tiefere Bedeutung.

Rainer Erlinger beim Signieren seines Buchs. Eigentlich bräuchte er nur reinzuschreiben "Alles Gute!" - hat bei ihm doch gleich eine viel tiefere Bedeutung als bei unsereinem.

Die offizielle Buchvorstellung war am Montag im Münchner Literaturhaus. Der liebe Rainer ist zwar schon vor geraumer Zeit nach Berlin gezogen, aber das SZ-Magazin, in dem seit neun (!) Jahren seine Kolumne “Die Gewissensfrage” erscheint, ist nun mal in München beheimatet, wo Rainer früher auch selber gerne lebte -- und auch wenn sein Buch keine Kolumnen-Sammlung ist, so ist doch die wöchentliche “Gewissensfrage” an den Doppel-Doktor Erlinger (hat er nun, ach!, Medizin und Juristerei … durchaus studiert) die Grundlage des Bandes. Oder, wie der Autor es am Montag formulierte: Das Buch sei vergleichbar mit einem Gefäß, das unter dem Schreibtisch stand, während er über den Gewissensfragen brütete, “und da sind dann die Essenzen reingetröpfelt”.

Demnach handelt es sich also um etwas Essentielles, im buchstäblichen Sinn: Wegweisendes -- um einen Leitfaden für rechtes Verhalten im Alltagsleben. Wobei der Populärethiker Rainer Erlinger Wert legt auf die Feststellung, “kein moralischer Gesetzgeber” zu sein oder sein zu wollen. Daher betont er den -- hübsch doppelsinnigen -- Untertitel seines Buches: “Wie man richtig gut lebt”. Das ist ein Untertitel, der den schweren Keulen-Begriff “Moral” sanft auffängt und in etwas Wünschenswertes bettet.

Kommt das nun in der Buchhandlung in die Abteilung “Philosophie für Anfänger”  … oder ins allseits beliebte, schwer überfüllte Ratgeber-Regal? Hm … Am besten, so sei es dem Autor gewünscht, auf den Tisch in der Mitte -- da wo die Bestseller der Saison ausliegen.

Gewissens-Kolumnist Rainer Erlinger im Gespräch mit Johannes Waechter vom SZ-Magazin

Gewissens-Kolumnist Rainer Erlinger im Gespräch mit Johannes Waechter vom SZ-Magazin

Vorgestellt hat Rainer Erlinger sein Buch im Duo mit SZ-Magazin-Redakteur Johannes Waechter, seinem Kolumnen-Betreuer in der Redaktion. Der moderierte den Abend, indem er das Buch kommentierend zusammenfasste und dem Autor zwischen dessen Vorleserunden Fragen stellte -- und zwar so seelenruhig und akkurat, wie es in der aufgeregten Literaturbetriebsamkeit allemal selten ist. Ein ZEN-Meister ist ein Quirl dagegen.

Was Waechter an dem Buch hervorhob, nämlich seinen Alltags- und Praxisbezug, vermittelte sich auch bei der Lesung als ein positves Charakteristikum. Und es fiel der Wille des Autos auf, unterhaltsam, verständlich und anschaulich zu schreiben und niemanden (weder moralisch noch philosophisch) zu überfordern. Daher bringt er nicht nur viele sinnfällige Beispiele, sondern auch etliche Witze rein. Wie zum Beispiel diesen hier:

Moses kommt vom Berg Sinai zurück mit zwei Tafeln in der Hand und begrüßt das Volk mit den Worten, dass er eine gute und eine schlechte Nachricht habe. Die gute: “Ich habe ihn auf zehn runter”. Die schlechte: “Ehebruch ist immer noch drinnen.”

Unverbrüchlich ist für Erlinger eins: “Die Moral ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Moral.” Das sei einer der wirklich zentralen Sätze einer jeglichen Beschäftigung mit Moral.

Man müsse deshalb auch nicht Mutter Teresa mit ihren “supererogatorischen Handlungen” (so nennt man in der Moralphilosophie Taten, die schon wieder zu gut sind, als dass man sie allen Menschen abverlangen könnte) als Maßstab für sein eigenes Handeln heranziehen. So wie man den 50 Arbeitern im havarierten Atomkraftwerk von Fukushima auch nicht moralisch abverlangen könne, sich für Japan und den Rest der Welt aufzuopfern.

Rainer Erlinger hinterher im "Oskar Maria": ganz privat

Rainer hinterher im "Oskar Maria": ganz privat

“Jeder hat das Recht, seine Belange zu vertreten und sich nicht völlig aufzuopfern”, schreibt Erlinger einleitend -- und will dem Leser damit erst mal den Rücken stärken und ihn somit gewinnen, weiß er doch wie “unbeliebt” die Moral ist: “weil man automatisch ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man das Wort nur hört”. Von diesem schlechten Gewissen will der Autor den Leser befreien -- mehr noch, ich denke mal, er will den Moralbegriff auch mit einem gewissen Lustgewinn aufladen (wie gut es sein kann, gut zu sein -- und darüber nachzudenken). Und er scheint die Zeit auf seiner Seite zu haben: Es gibt in der heutigen Gesellschaft ein gesteigertes Interesse an Ethik und moralischen Fragen, ja, “eine Sehnsucht nach Regeln” hat Rainer Erlinger festgestellt.

Das Buch, das im ersten Teil “Grundsätzliches” und im zweiten Teil die “Moral im Alltagsleben” behandelt, kommt in Teil III schließlich auf die “Grundpfeiler einer zeitgemäßen Moral”, als welche der Autor folgende drei ausmacht:

1.) Achtung      2.) Rücksicht      3.) Verständnis

So weit, so gut(menschlich). Schadet bestimmt nicht, sich diese Trias hin und wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Zeitlos gültig als Anleitung für moralisches Handeln ist natürlich -- das bestreitet auch Erlinger nicht -- die sogenannte GOLDENE REGEL, die man schon als Kind im Religions- oder Ethikuntericht lernt -- gewissermaßen die subjektivistische Basis des Kategorischen Imperativs:

>> WAS DU NICHT WILLST, DAS MAN DIR TU

DAS FÜG AUCH KEINEM ANDERN ZU <<

Eigentlich ganz einfach, irgendwie …

Und zu guter Letzt gibt´s hier noch einen moralischen YouTube-Trailer zu dem Buch:

16.03.11 | 23:38 | Dies & das | Trouvaillen | Kommentare 2 Kommentare

Media Markt to go

Gesehen am Münchner Flughafen, Terminal 1

Gesehen am Münchner Flughafen, Terminal 1

Zigarettenautomaten sind ja schwer auf dem Rückmarsch. Und wo hätte man zuletzt einen Kaugummiautomaten gesehen? Dafür kann man sich jetzt schnell mal einen iPod oder ein neues Handy aus dem Automaten ziehen: im “Media Markt to go”, wie das “Ich bin doch nicht blöd”-Unternehmen seine Verkaufsautomaten für Elektronikartikel nennt. Seit November testet Media Markt, ob der schnelle en-passant-Verkauf aus der öffentlichen Vitrine bei der Kundschaft zieht. Mir ist der rote Kasten am Münchner Flughafen (Terminal 1) erst neulich aufgefallen, als ich nach Düsseldorf geflogen bin. Am Münchner Hauptbahnhof soll es noch ein zweites Exemplar geben, da bin ich aber offenbar immer dran vorbeigehetzt.

Auch an diesem Teil war ich schon vorbei, als irgendwelche Gehirnrezeptoren meldeten: Hey, das war ja gar nichts Essbares, keine Chips, kein Twix – was dann? Ich also noch mal umgekehrt, um die Produktlage zu sondieren. (Obwohl ich es bereits geschafft hatte, diesmal schnurstracks, mit eisern nach vorne gerichtetem Blick am Duty Free vorbeizustromern, das ist am Flughafen meine gefährlichste Kaufsuchtfalle.) Das Sortiment im Bauch des Automaten: Digitalkameras, Ladekabel, externe Festplatten, Kopfhörer, elektrische Zahnbürsten, Batterien … gottlob keine große Kaufgefahr. Das Angebot richtet sich wohl eher an Urlauber, die was vergessen haben. Und an Reisefrustkäufer, die so elektronikversessen sind wie ich kosmetikaffin.

Ich jedenfalls hab mir nichts gezogen, schon gar keine Digicam, hatte ja meine eigene dabei – damit hab ich dann schnell dieses Foto gemacht, und dann schaun wir mal, ob die Elektronik-Automaten ihre Testphase bestehen.

14.03.11 | 23:13 | Dramatik | Festivals | Jurytätigkeiten | Kommentare 0 Kommentare

Mülheimer Theatertage 2011: Hier informiert die Jury-Sprecherin

Warten auf die "Stücke" ...

Warten auf die "Stücke" ...

Als Sprecherin des Auswahlgremiums der 36. Mülheimer Theatertage musste ich nun also letzte Woche bei der Pressekonferenz Rede und Antwort stehen, Interviews wie dieses hier für die Online-Plattform “Kultiversum” geben und vorher schnell auch noch schriftlich eine Zusammenfassung samt Auffälligkeiten und Tendenzen des aktuellen Stücke-Jahrgangs für die versammelte Journalistenschar erstellen. Dieses Paper bildet nun das Vorwort für den Programm-Flyer und sei für alle, die´s interessiert, auch hier veröffentlicht – als Einordnung von det Janzem:

>>Es sind Stücke aus der Arbeitswelt, die die Auswahl für die 36. Mülheimer Theatertage prägen – und damit wohl auch einen generellen Trend widerspiegeln. Stücke, die von den ökonomischen An- und Herausforderungen unserer Zeit erzählen; vom Zwang, unsere Haut zu Markte zu tragen, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen – und was das mit uns macht. Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg, die Anpassung des flexiblen Menschen an die Ökonomie, die Auswirkung von Finanz- und globalen Krisen auf das eigene (Arbeits-)Leben – das sind zentrale Themen.

Vier der sieben ausgewählten Stücke handeln mehr oder weniger direkt von solchen Ängsten und prekären Arbeitsverhältnissen. Ganz explizit: „Warteraum Zukunft“ von Oliver Kluck und „Die Firma dankt“ von Lutz Hübner, die beide direkt hineinführen in das Firmen- und Angestelltenleben. Aber auch die sprachfuriose Au-pair-Farce „Gespräche mit Astronauten“ von Felicia Zeller fällt in diese Kategorie, ebenso wie Fritz Katers groß angelegtes Gesellschafts- und Umweltpanorama „we are blood“, das vom Aderlass einer Gegend nach dem Wegzug der Ökonomie erzählt.

Ein weiteres Thema, das in der zeitgenössischen Dramatik immer mehr Raum einnimmt, der Komplex Migration / Integration, ist in unserer Auswahl durch „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje vertreten, den Überraschungsknaller vom kleinen Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg. Eine Lehrerin zwingt darin ihrer migrantischen Rabaukenklasse mit vorgehaltener Pistole Schiller auf.

Europa und unser Verhältnis zu Afrika – mehrere Autoren haben sich im zurückliegenden Stücke-Jahr damit beschäftigt, haben versucht, unsere Rat- und Hilflosigkeit im Umgang damit auszudrücken. Eingeladen haben wir Kevin Rittbergers kluge Reflexion zu diesem schwierigen Komplex: „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ vom Schauspielhaus Wien.

Last but not least: die unermüdliche Elfriede Jelinek, in diesem Jahr zum 15. Mal dabei – drei Mal war die österreichische Nobelpreisträgerin auch schon Mülheim-Preisträgerin. Eingeladen ist sie mit dem Stück „Winterreise“, uraufgeführt von Johan Simons, dem neuen Intendanten der Münchner Kammerspiele – die damit zum 20. Mal in Mülheim vertreten sind. Die „Winterreise“ ist eine Reise durch den Jelinek-Kosmos. Der Text wirkt wie eine Kompilation ihrer bisherigen Stücke, weil er die gewohnten Jelinek-Themen, alle bekannten Jelinek-Facetten multiperspektivisch einkreist und auf kompakte Weise versammelt. Und doch ist es ihr bisher privatestes, persönlichstes Stück.

Zur Auswahl standen 119 Uraufführungen deutschsprachiger Stücke – wobei die derzeit überaus beliebten Roman- und Filmadaptionen, die an den Theatern in der Regel ebenfalls als „Uraufführungen“ firmieren, nicht von uns berücksichtigt wurden. Wir bewerten originäre Dramentexte von lebenden Autoren, keine Romanbearbeitungen. „Verrücktes Blut“ schöpft seine Grundstruktur zwar aus einer Filmvorlage, überzeugt dann aber als eigenständiges Werk von hoher Authentizität und Brisanz.

Es ist ein erfreulich reicher, lebendiger, vielgestaltiger Jahrgang, bei dem eines positiv auffällt: Die meisten Stücke sind nicht nur uraufgeführt, sondern bereits nachgespielt worden oder werden noch nachgespielt. Das zeugt nicht nur von der Qualität der Stücke, sondern insgesamt von einem guten und fruchtbaren Klima für die Gegenwartsdramatik.<<

So begrüßenswert das übrigens ist, dass die Stücke immer häufiger und sehr rasch nach der Uraufführung nachgespielt werden – das ist wirklich neu! -, für uns Juroren bedeutet das noch viel mehr Aufwand und Reiserei. Wir sind als Jury bestrebt, alle Inszenierungen eines neuen Stückes anzusehen, um die jeweils beste, dem Stück angemessenste einzuladen. Für ein Stück wie Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes” habe ich, nur zum Beispiel, drei Theaterabende in drei verschiedenen Städten verbracht … und es wurde von uns am Ende dann gar nicht ausgewählt. Rittberger, Kluck, Zeller, Palmetshofer, Löhle – alle wurden sie nachgespielt. Wie viel Reiserei und Planerei das erfordert! Und wie schwierig das oft mit den Terminen hinzukriegen ist … Sie wird nicht einfacher, die Juriererei.


13.03.11 | 23:38 | Dramatik | Festivals | Jurytätigkeiten | Kommentare 0 Kommentare

Mülheimer Theatertage 2011: Die Auswahl der Stücke

Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb

Das Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage. Links von mir: Peter Michalzik und Barbara Burckhardt, rechts von mir: Wolfgang Kralicek und Till Briegleb

Am Aschermittwoch war die Schluss-Sitzung unserer Mülheim-Jury. Neben mir gehören diesem Auswahlgremium für die Mülheimer Theatertage meine Kritikerkollegen Barbara Burckhardt (“Theater heute”), Peter Michalzik (“Frankfurter Rundschau”), Wolfgang Kralicek (“Falter”, Wien) und Till Briegleb (“Süddeutsche Zeitung”, Kulturkorrespondent Hamburg) an. Unsere Aufgabe: die sieben besten uraufgeführten deutschsprachigen Stücke innerhalb eines Jahres zu küren, indem wir sie zu den Mülheimer Theatertagen einladen. Zu diesem Zweck lesen wir viele, sehr viele Stücke, reisen herum, tauschen uns per Mail und in einem internen Stücke-Forum im Internet aus und treffen uns regelmäßig zu Jurysitzungen, bei denen das Gesehene und Gelesene diskutiert und auch schon aussortiert wird.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.

Die Mülheimer Theatertage in persona: Udo Balzer-Reher, Festivalleiter seit 1992.

In diesem Jahr standen 119 uraufgeführte Stücke zur Diskussion – musikalische Abende, Film- und Romanadaptionen nicht eingerechnet. Es galt also, sieben beste Stücke aus 119 zu wählen. Keine ganz leichte Aufgabe, weil es ein reicher und guter Jahrgang war, aus dem man locker ein Festival mit zehn oder gar zwölf Stücken bestreiten könnte. Bei unserer Schluss-Sitzung hatten wir noch 23 Stücke
auf der Liste: das knappe Dutzend, das bis zuletzt hart diskutiert wurde und dazu jene Texte, die noch gar nicht diskutiert worden waren, weil sie erst in den wochen nach unserer letzten Sitzung Anfang Februar oder – wie Nis-Momme Stockmanns “Expedition und Psychiatrie” in Heidelberg oder Marianna Salzmanns “Satt” in München – in den letzten paar Tagen uraufgeführt wurden.

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"

Vorne: Stephanie Steinberg, PR-Frau, Dramaturgin und gute Seele des Festivals; hinten: die quirlige B.B. von "Theater heute"

War vor der Sitzung alles noch ein Riesenstress … allein die Geschichte, wie total umständlich und verspätet ich an einem Lokführerstreiktag zur Stockmann-Uraufführung nach Heidelberg gekommen bin! Aber das erzähle ich ein anderes Mal …

Schluss-Sitzung nun also. Teilnehmer: Wir fünf vom Auswahlgremium plus Festivalleiter Udo Balzer-Reher und seine Dramaturgin und PR-Verantwortliche Stephanie Steinberg. Die beiden SIND das Festival, aber sie sind natürlich ohne Stimmrecht – die Auswahl trifft allein die Jury. Ort: Weinzimmer in der Stadthalle in Mülheim an der Ruhr, das zur Zeit noch ungemütlicher ist als sonst, weil die halbe Stadt umgebaut wird. Wo könnte man den Aschermittwoch besser verbringen?

Krali und Till

Krali und Till

Für Essen ist gesorgt. Es gibt neben dem Konferenztisch ein kleines Buffet mit gefüllten Omeletts, Gemüse und Schweinelendchen in Chafing-Dishes. Wir treffen uns mittags, essen erst was und diskutieren dann ungefähr vier Stunden. Drei Stücke waren eh sonnenklar, auf die nächsten zwei haben wir uns auch relativ schnell geeinigt – aber bei den letzten zwei Positionen wird´s dann halt schon eng. Da entscheidet am Ende das Stimmzettelverfahren – von drei Stücken, die nach diversen Ausschlussverfahren noch im Rennen waren, mussten dann zwei fliegen, die mit den wenigsten Stimmen. Ewald Palmetshofers “tier. man wird doch bitte unterschicht” und Philipp Löhles “Supernova (wie Gold entsteht)” schieden auf diese Weise aus.

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...

Michalzik lässt sich das alles noch mal ganz genau durch den Kopf gehen ...

Klar, als Juror(in) weint man da schon  mal dem einen oder anderen Stück eine Träne nach (wie begeistert bin ich zum Beispiel von Jelineks “Ein Sturz” in Köln, welches wir zugunsten ihrer “Winterreise” nicht nominiert haben), aber wir konnten nun mal nur sieben Stücke wählen, und unsere Auswahl, das muss man schon auch sagen, ist eine wirklich gute, insgesamt auch sehr politische.

Hier die Nominierten, beginnend mit den drei Mülheim-Neulingen:

1.) „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“ von Kevin Rittberger (Jahrgang 1977, ein gebürtiger Stuttgarter), in der Inszenierung von Felicitas Brucker am Schauspielhaus Wien. Ein Stück über Afrika und die Flüchtlingsdramen, die sich täglich an der Grenze zur Festung Europa abspielen. Mit der tragischen Geschichte der jungen Nigerianerin Blessing erzählt Rittberger im ersten Teil, der explizit als “Lehrstück” im Sinne Brechts ausgewiesen ist, ein exemplarisches Flüchtlingsschicksal. Um dann im zweiten Teil die Perspektive und den Erzählton komplett zu wechseln und auf die Medien zu zoomen, die von solchen Schicksalen berichten und dabei hefitgst an ihre Grenzen stoßen. Wobei Rittberger keineswegs so tut, als könne er dem Problem beikommen oder irgendwie gerecht werden. Und das ist auch gut so.

2.) “Warteraum Zukunft” von Oliver Kluck (Jahrgang 1980, er stammt aus Rügen). Das Stück beschreibt einen Tag im Leben eines Angestellten aus der Generation der heute Dreißigjährigen: des Ingenieurs Daniel Putkammer, mit dessen Rezeptoren wir hier den Büroalltag und ein Besäufnis am Abend bis hin zu einem schlimmen Unfall erleben, wahrgenommen als ein polyphones Stimmenkonzert im Kopf des Erzählers. Es wurde bei den Ruhrfestspielen in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt und bereits von drei weiteren Bühnen nachgespielt. Wir haben uns für die Inszenierung von Daniela Kranz am Nationaltheater Weimar entschieden, weil aus dieser Inszenierung, wie wir es nannten, die größte “Wutkraft” spricht.

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg

Das Mülheimer Leitungs-Duo. Ohne diese beiden geht gar nichts: Udo Balzer-Reher und die unerschütterliche, unverzichtbare Stephanie Steinberg

3.) “Verrücktes Blut” von Nurkan Erpulat (geboren 1974 in Ankara) und Jens Hillje, dem einstigen Schaubühnen-Dramaturgen. Eine Lehrerin nimmt ihre migrantische Rabaukenklasse in Geiselhaft und zwingt den Problemkids mit vorgehaltener Pistole Schiller auf. Das Stück kam als Ko-Produktion mit der Ruhrtriennale zuerst in Duisburg heraus und ist jetzt der Renner am Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg – als solcher der Überraschungsknaller der Saison, eingeladen auch zum Berliner Theatertreffen und zum Münchner Festival Radikal jung. Zwar beruht die Grundstruktur des Textes auf einer Filmvorlage, es ist daraus aber, wie wir finden, ein eigenständiges Stück von großer Authentizität und Kraft entstanden.

4.) “Die Firma dankt”  von Lutz Hübner, mit 47 Jahren wahrlich kein Jungautor mehr, aber einer der produktivsten – erst zum zweiten Mal in Mülheim vertreten. Seine Spezialität sind themenbezogene Gesellschaftskomödien wie diese hier, uraufgeführt von Susanne Lietzow am Staatsschauspiel Dresden. Ein Stück aus dem Inneren des Firmenlebens in Zeiten der Umstrukturierung. Wie hier ein Old School-Angestellter auf die New Economy trifft, hat groteske bis kafkaeske Züge.

5.) “Gespräche mit Astronauten” von Felicia Zeller (Jahrgang 1970). Auch sie war schon einmal in Mülheim zu Gast. 2008 erhielt die Frau mit der roten Brille den Publikumspreis für „Kaspar Häuser Meer“, diese hysterische Groteske über drei überforderte Sozialarbeiterinnen. Wie damals hat Zeller auch für „Gespräche mit Astronauten“ gut recherchiert und viele Interviews geführt – in diesem Fall mit zahlreichen Au-pairs und ihren berufstätigen Gastmüttern. Denn es geht hier nicht um Raumfahrt, sondern um das Au-pair-Wesen in Deutschland, hier lustigerweise  „Knautschland“ genannt. Uraufgeführt wurde diese sprachfuriose Textoper von Burkhard C. Kosminski auf der großen Bühne in Mannheim, und in dieser Ur-Inszenierung laden wir sie auch ein, obwohl es an Kosminskis kracherter Regie einiges zu kritisieren gibt.

6.) “we are blood” von Fritz Kater alias Armin Petras. Er ist als Autor zum siebten Mal in Mülheim vertreten. Diesmal aber nicht mit seiner eigenen Uraufführungsinszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin, sondern in der unserer Meinung nach stimmigeren Nachinszenierung von Sascha Hawemann am
Centraltheater Leipzig. Petras wird damit leben können, er inszeniert ja selber oft
in Leipzig und macht mit dem Centraltheater viele Koproduktionen. Außerdem hat
Hawemann wirklich ein feines Gespür für die Wehmut und Melancholie in Katers/ Petras´ Text und unterstreicht sehr schön dessen Tschechowhaftigkeit. “we are blood” ist, wie frühere Stücke von ihm auch, ein ostdeutsches Stück – Schauplatz: Wittenberge -, ein Stück über die Verlierer der Nachwendezeit, über geplatzte Hoffnungen und Träume, über den Ausverkauf und Stillstand einer Landschaft – ein großangelegtes Gesellschafts- und Umweltporträt.

7.) “Winterreise” von Elfriede Jelinek – in der leider suboptimalen, etwas grobklotzigen Uraufführungsregie von Johan Simons an den Münchner Kammerspielen.  Jelinek ist damit zum 15. Mal in Mülheim dabei, aber erst drei Mal hat sie den Dramatikerpreis erhalten. In der “Winterreise” greift Jelinek noch mal all ihre Lieblingsthemen auf, da geht es um Gewalt, Missbrauch, die Bankenkrise, den Fall Natascha Kampusch – das alles in andeutungsweiser
Bezugnahme auf Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“. Doch so sehr dieses Stück auch an der Außenwelt mit ihren bekannten Skandalen andockt, so privat und intim  ist es auch – Jelineks persönlichstes Stück, in dem sie mit sich selbst hart ins Gericht geht. Bei unserer Jury-Diskussion wurde es als ein “Hauptwerk” von ihr eingestuft, deshalb unterlag auch ihr (am Schauspielhaus Köln inszenatorisch ohnehin an Jelineks bereits preisgekröntes Stück “Das Werk” gekoppelter) Text “Ein Sturz” über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

Nach unserer Jurysitzung sind die anderen wieder heimgereist, nur ich musste bleiben, um in meiner – nicht ganz freiwillig angetretenen – Funktion als Sprecherin des Auswahlgremiums am nächsten Tag bei der Pressekonferenz unsere Auswahl vorzustellen und Rede und Antwort zu stehen. Dazu mehr im nächsten Blog-Eintrag.

08.03.11 | 19:51 | Kritikerin unterwegs | Ortskunde | Salonkultur | Kommentare 3 Kommentare

Über den Dächern ´ne Pizza: Im Soho House Berlin

Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext /  Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst ...
Das ist der Pool auf dem Soho / Das ist der verdammte Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Kontext / Das ist das Wenn-du-da-hingehst-will-ich-auch-da-hin, Jonny / Wenn die Party anhebt und der Mond noch wächst …

Was ich hier noch nachholen möchte: meinen Erstbesuch im Berliner Soho House, dem neuen Hot Spot der Kreativszene in unserer armen, aber ach so sexy Hauptstadt. Von Weimar aus bin ich nämlich anderntags nach Berlin rüber, was mir trotz der nachmittäglichen Spätfolgen des GDL-Streiks mit Verzögerungen und Verärgerungen irgendwie gelang. In Berlin sah ich – in meiner Eigenschaft als Mülheim-Jurorin – erst Oliver Klucks “Warteraum Zukunft” in der Box am DT (empfehlenswert!), und danach haben mich meine Freunde Wolfgang und Thomas in ihr neues Lieblingsdomizil, den exklusiven Soho House Club in Mitte, eingeladen. Man kommt da nämlich nur als Mitglied oder als Gast eines Mitglieds rein. Wolfgang und Thomas sind natürlich Mitglieder.

Wolfgang Macht, Chef von netzpiloten.de, ist mein ältester und bester Freund. Wir kennen uns seit der 5. Klasse am Gymnasium Fränkische Schweiz. Damals wollte der liebe Wolfgang noch MICH heiraten, inzwischen hat er seinen langjährigen Lebensgefährten, den Moderator, Autor und Comedian Thomas Hermanns (Quatsch Comedy Club) geehelicht. Was vollkommen in Ordnung ist. Echt! Ich bin sogar, gemeinsam mit Georg Uecker, die Trauzeugin der beiden. War übrigens eine Traumhochzeit … aber das ist ein anderes Thema.

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Thomas Hermanns & Wolfgang Macht

Wir nun also im Soho House. Torstraße 1, Ecke Prenzlauer Allee, direkt am Alexanderplatz. Wolfgang und Thomas finden: Muss ich unbedingt kennen lernen. Britischer “Private Member Club” auf acht Etagen, inklusive SPA, Fitnesscenter, Restaurant, Bars und 40 Hotelzimmer. Während der Berlinale hat Madonna hier genächtigt und das ganze Hotel gemietet. Großer Hype. Als der Club im Mai letzten Jahres eröffnet wurde, feierte Damien Hirst hier eine Riesenfete. Ganz großer Hype.

Stars wie Madonna und Hirst kennen den Laden natürlich aus London, da kommt dieser Privatclub her – mitsamt seinem innenarchitektonischen Laura-Ashley-Landhaus-Stil, also: Polstersessel mit Samtbezügen, Sofas mit Blumenmuster, heimelige Lese- und Kuschelecken, nicht zu vergessen den offenen Kamin. Die Berliner Dependance ist außerhalb Englands die einzige in Europa. Ansonsten gibt es noch Soho Häuser in New York, Florida und Hollywood. Mannomann, Berlin wieder! Ganz vorn dabei.

Schon von außen macht das riesige Haus mit seiner weißen Fassade im späten Bauhaus-Stil mords was her, und es hat auch eine eindrucksvolle Geschichte: Es war in den 20er Jahren ein Kaufhaus, dann waren die Nazis drin (Baldur von Schirach mit seiner Hitlerjugend), und nach dem Krieg zog die SED ein. Hier war der Tagungsort des Politbüros,  und so heißt die zweite Etage im Soho House – mit großer Terrasse raus zur Torstraße und einer eigenen Bar im gesetzten Hinterzimmer-Mauschel-Stil – immer noch, man kann es für private Partys mieten. Ultracool: seinen Geburtstag feiern im Politbüro. Oder, wie Thomas neulich, im sohohauseigenen Kuschel-Kino.

Essen tut man in der 7. Etage, wo auch die Club-Bar ist. Hier fläzt und launscht man in den Country-House-Sesseln und Wohlfühlsofas mit Panoramablick raus auf die nächtliche Stadt oder bestellt weiter hinten im sogenannten House-Kitchen-Bereich auf der langen Lederbank ein ordentliches Kalbsschnitzel mit Pommes. Die Speisekarte ist erfreulich normal, nichts Überkandideltes und auch nichts Überteuertes. Es gibt was für den großen Pizza- wie für den kleinen Snackhunger, und Clubsandwich goes without saying. Auch die Gäste sind alles andere als aufgetakelt, kaum Schickis, Businessmänner oder so gegelte Anzugträger.

Das sähe in München anders aus. Aber Berlins Kreativszene hat nun mal ihren eigenen Dresscode, und im Soho kann man ihn ganz gut studieren. Es dominieren: sorgfältiges Downstyling, ein selbstbewusster, selbst auferlegter Casual-Look, modisches Understatement bei dezenter Unterstreichung des eigenen Künstler- und Kreativpotenzials. Berliner Lässigkeit, comme il faut. Ist wahrscheinlich auch nicht immer ganz leicht, das so auffallend unauffällig hinzukriegen …

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Im Eingangsbereich stehen nicht nur diese Sessel, sondern auch Tischtennisplatten herum. Wirkt wie in einer besseren Jugendherberge. Aber das ist pures Understatement.

Viele Frauen von Model-Zuschnitt. Groß, dünn und schön – mit einem hohen Bewusstsein von ihrer Außenwirkung. Na gut, haben wir in München auch. Nicht aber diese Internationalität … die ist hier wirklich was Besonderes. Ringsum wird genauso viel Englisch wie Deutsch gesprochen, und wenn man durch das Panoramafenster raus auf den Fernsehturm und die nächtlichen Lichter Berlins blickt, dann weht einen schon mal an, was man von keiner anderen deutschen Stadt in dieser Weise kennt: so ein kosmopolitsch kribbelndes Metropolen-Gefühl. In solchen Momenten möchte ich immer ganz unbedingt mein gemütliches Millionendorf verlassen und sofort ins urbane Berlin ziehen. Oder nach Paris. Oder New York. Einfach den Lichtern der Nacht und dem Glitzern der Stadt folgen … Das sind so Anflüge – falls Sie verstehen.

Ganz oben, auf der Terrasse im achten Stock: der viel beraunte Soho-Pool. Wolfgang und Thomas finden: muss ich unbedingt sehen. Es ist zwar Nacht und arschkalt, aber einen Eindruck kriegt man schon von diesem High-Community-Platz über den Dächern der Stadt. Tolle Aussicht. Und oho, wie cool, der Soho Pool! Der ist zwar längst nicht so riesig und chic, wie ich ihn mir ausgemalt hatte, aber ich kann mir so einen Happy-Few-Nachmittag auf dieser Dachterrasse ganz gut ausmalen: mit schönen Bikini-Grazien, die sich betont unbeteiligt auf den Liegestühlen räkeln, und genussvoll einen Cocktail schlürfenden Medien- und Projektmenschen an der Bar. Über ihnen der gestirnte Himmel, unter ihnen der Moloch … Da muss ich nicht dabei sein – aber ich wünsche allen Beteiligten schon mal einen super Sommer on the top of Berlin. Weiter unten in der Stadt sind die meisten ja schon froh, wenn sie einen Sommer vorm Balkon haben …

Drinnen darf man leider keine Fotos machen, das gehört zum Exklusivitäts-Prinzip. Ebenso wie die Türpolitik: Wer Mitglied im Soho House Club werden will, muss sich bewerben und bringt am besten die Empfehlungen zweier Schon-Mitglieder bei. Der Jahresbeitrag liegt bei 900 Euro.

Der Club ist noch kein Jahr alt, wurde aber von investigativen Szene-Reportern wie Stephan Lebert in der “Zeit” (sic!) schon ausführlichst gewürdigt, nachzulesen in einem Dossier unter der Überschrift “Das geheime Wohnzimmer” . Das dazugehörige Lebensgefühl fasst Kollege Lebert mit einem Begriff des Soziologen Heinz Bude zusammen: “Generation Berlin”.

München-Berlin, das ist jetzt nicht mehr nur der althergebrachte Bayern-Preußen-Gap mit den üblichen Begleiterscheinungen, sondern, so wie´s ausschaut,  ein regelrechter Generationenkonflikt.

02.03.11 | 16:32 | Begegnung mit ... | Dramatik | Kommentare 2 Kommentare

Einige Nachrichten über Wolfram Lotz

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Einige Nachrichten am runden Tisch: Kleist-Förderpreisträger Wolfram Lotz (rechts) mit dem Weimarer Intendanten Stephan Märki in dessen Intendantenzimmer

Am vergangenen Freitag kam am Nationaltheater Weimar das Stück “Einige Nachrichten an das All” von dem jungen Autor Wolfram Lotz zur Uraufführung. Die läppische Inszenierung von Annette Pullen ist nicht der Rede wert, jedenfalls nicht an dieser Stelle (meine Kritik dazu ist am Wochenende, 26./27.02., im Feuilleton erschienen), aber dem skurrilen Herrn Lotz, Jahrgang 1981, sei hier ein Blog-Beitrag gewidmet.

Er stammt aus Hamburg, studiert seit 2007 Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und wurde für sein erstes (noch nicht aufgeführtes) Stück „Der große Marsch“ im Januar mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatik ausgezeichnet – im Kleist-Jahr natürlich eine besondere Ehre. Es war just dieses Stück, mit dem Lotz letztes Jahr beim Stückemarkt des Berliner

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Es gehe ihm darum, in seinen Stücken "nie eine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen", sagt der Herr Lotz. Deshalb setzt er zum Beispiel abstruse Fußnoten. Im Gespräch mit Stephan Märki ist´s dann aber schon eher gemütlich.

Theatertreffens sowohl den Publikums- als auch den Werkauftragspreis gewann. Aus diesem Auftrag ist nun sein Stück „Einige Nachrichten an das All“ hervorgegangen – ein ziemlich unmodischer, existenzialistischer, surreal dadaistischer Text im Geiste des absurden Theaters, in dem es um die Zumutungen, den Sinn und die Sinnlosigkeit des Lebens geht und um die folgenschwere Erkenntnis, dass wir alle sterben müssen. Viele, wie das Mädchen Hilda oder der Dichter Kleist, sind schon gestorben. Sie dürfen in dem Stück trotzdem auftreten, gemeinsam mit anderen Kandidaten, wie zum Beispiel dem Politiker Ronald Pofalla oder der “dicken Frau, die Gast in der Talkshow Britt war”. Sie alle werden vom  LDF (“Leiter des Fortgangs”) in einer Art Show gebeten, ihre Geschichten zu erzählen und diese, komprimiert auf ein einzelnes Wort, über eine spezielle Apparatur ins All hinaus zu schicken – als Essenz des Menschendaseins gewissermaßen.

In Stephan Märkis Intendantenzimmer - links sieht man Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo W. Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

In Stephan Märkis Weimarer Intendantenbüro - die Blonde links ist Yvonne Büdenhölzer vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens, wo Wolfram Lotz letztes Jahr seinen "großen Marsch" nach vorne antrat.

Es ist (bei allen postpubertären Anflügen) ein sympathisches, ambitioniertes,  erfrischend unorthodoxes Stück, das buchstäblich nach etwas Höherem, Universalem strebt. Und der Autor ist – auch wenn die Uraufführungsinszenierung nicht mit diesem seinem Streben mithalten konnte und wollte – sehr ernst zu nehmen. Auch und gerade in seinem lakonischen Witz. Das zeigte schon die Lesung, zu der Stephan Märki eine Stunde vor der Premiere in sein Intendantenzimmer lud. Wolfram Lotz las dort an Märkis schönem, rundem Intendantentisch aus seinen “kleinen Erzählungen” vor. Diese Erzählungen sind wirklich klein, manche bestehen nur aus zwei bis drei Sätzen, und sie nehmen Bezug auf Wissenschaft und Historie. Das ist Kurz- und Kürzestprosa, in deren extremer Welt- und Lebensverknappung ein böser, grausamer Witz liegt.

Ein paar dieser Mini-Erzählugen seien hier – mit freundlicher Genehmigung des Autors – wiedergegeben:

Donaghho

Im Jahr 1940 hörte der Ornithologe Walter Raymond Donaghho bei einer Wanderung auf dem Hawaii-Archipel Kaua´i einen Gesang, der vermutlich der des bereits ausgestorbenen Schuppenkehlmohos gewesen sein könnte. Er war sich anschließend aber nicht mehr sicher.

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Kurzprosaist Wolfram Lotz

Volcher Coiter

Über den im Jahre 1543 geborenen niederländischen Vogelkundler Volcher Coiter ist, abgesehen von dem hier bereits Gesagten, nichts bekannt.

Murnau

Der heute völlig unbekannte Kunsthistoriker Albrecht Murnau verbrachte sein ganzes Leben damit, ein womöglich verschollenes Meisterwerk Rembrandts zu suchen. Er fand es nicht und starb.

Amundsen

Im Jahre 1911, nach einer langen und äußerst entbehrungsreichen Reise, erreichte der Norweger Roald Amundsen als erster Mensch den Südpol. Es war ein eisiger Punkt im Nichts.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift. Ziert eine Wand in Märkis Büro.

Sieht aus wie von Sylvie Fleury, ist aber aus einem Weimarer Bühnenbild: Der Neonschriftzug "surface" in Spiegelschrift ziert eine Wand in Märkis Büro.

Edison und Topsy

Der berühmte Erfinder Edison versuchte die Öffentlichkeit von der Schädlichkeit des von seinem Konkurrenten Westinghouse propagierten Wechselstroms zu überzeugen. Zu diesem Zweck exekutierte er vor laufender Kamera den Zirkuselefanten Topsy auf äußerst effektive Weise mit einer Wechselspannung. Das Verfahren war so beeindruckend, dass die amerikanische Regierung prompt die Entwicklung des elektrischen Stuhls bei Edison in Auftrag gab, der dankend annahm.


Hunter

Im Jahre 1767 versuchte der Anatom John Hunter in einem aufsehenerregenden Selbstversuch, Syphilis und die als Tripper bekannte Erkrankung Gonorrhoe als unterschiedliche Ausformungen einer einzigen Krankheit zu belegen. Zu diesem Zweck brachte er Eiter aus der Harnröhre eines Tripperkranken mit einem Skalpell in seinen eigenen Penis ein. Aufgrund eines kleinen methodischen Fehlers – der Spender hatte nicht nur einen Tripper, sondern auch Syphilis – glaubte Hunter, der nun typisch syphilitische Symptome entwickelte, den gemeinsamen Ursprung bewiesen zu haben. Im Gefühl des Triumphes starb Hunter kurz darauf an den Folgen.