Theatertreffen 2011: Kampnagel im Höhenflug
Die freie Szene, beim diesjährigen Theatertreffen vertreten durch Kooperationspartner wie HAU, Kampnagel und das FFT in Düsseldorf, fühlt sich durch die Auswahl für die Best-of-Schau in Berlin schwer im Aufwind.
“Ihr wart innovativ wie nie! Glückwunsch!”, lobt Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard die Jury auf Facebook. “Und Glückwunsch an She She Pop zur Einladung von Das Testament, einer grandios heutigen Lear-Annäherung! Und an Herbert Fritsch, schön! Und an Nurkan Erpulat und Shermin Langhoff! Ihr alle beim Theatertreffen, ich fasse es nur allmählich …”
Auch ich gratuliere! Und rate: Jetzt bloß nicht übermütig werden! Hier der Kampnagel-Newsletter, der mich heute Abend per Mail erreichte (sympathischerweise haben sie selber in die Betreffzeile “Angeberei” geschrieben):
Überhebliche Lehren aus Theatertreffen und Sport
Liebe Hamburger Theater,
warum habt ihr euch gestern nicht gemeldet, den Sünkel mal ausgenommen? Die ganze Welt rief an und gratulierte uns, dass zwei Kampnagel-Produktionen zum Theatertreffen 2011 eingeladen wurden: Christoph Schlingensiefs letztes Welttheater-Stück VIA INTOLLERANZA II und She She Pops King Lear Erneuerung TESTAMENT. Ist euch unser Erfolg unheimlich? Habt ihr zu viel Stefan Grund gelesen (von Kampnagel nicht beschäftigter Hobby-Regisseur, Schriftsteller bei DIE WELT und überregional durch diesen Newsletter bekannt)? Oder seid ihr wirklich so phlegmatisch, wie das Abendblatt euch das heute HIER vorwirft.
Die trinkfesten Mitarbeiter des Abendblättchens hacken da mal wieder auf Hamburg rum und suchen die Schuld für’s kulturelle Siechtum bei der Kultur selbst. Dass auch das Abendblatt vergessen hat, auf uns als Lichtblick in der Wüste hinzuweisen, reiht sie nur in ihren eigenen Klagekanon ein. Dabei wissen alle Newsletter-Leser: Ex Kampnagel lux. Auf Kampnagel gehen die Sonne und Thalia-Luxy auf; wir sind die dicke Mutti mit dem großen Schoß, in dem sich auch ein Bürgermeister mal ausweinen darf.
Die Schockstarre der Theater wegen der diesjährigen Theatertreffen-Auswahl (viel freie Szene, Stefan Bachmanns Kampusch-Stück als Spiegel für die Österreicher, etwas Stadt-Theater Alibi wie Karin Beierhenkel usw.) liegt auch an der Zeitenwende, die diese ankündigt: Die Peripherie ist zum Zentrum geworden, Maßstäbe in Spiel und Spaß setzen schon seit längerem internationale Koproduktions-Zentren für schönere Künste wie das Berliner HAU oder wir. Die Theater mit ihren Roman- und Filmdramatisierungen liegen erschöpft und ideenlos auf dem Boden der Phantasie.
Aber Kulturpessimismus ist unsere Sache nicht, wir geben euch Theatern einen Rat von Dramaspezialist Lothar Matthäus (neustes Projekt: Ariadne, 23): „Es wird sich aber leider niemals verhindern lassen, dass man sich auch mal auf die Taktik des Gegners einstellen muss.“ (Nachzulesen HIER auf seiner Homepage, die noch Liliana, auch 23, gewidmet ist).
Wir kümmern uns solange um den Theaternachwuchs mit der zweiten Diplominszenierung der Theaterakademie, und widmen uns unserer neuen Sparte Sport mit Accordion-Wrestling.
Viele Grüße,
Dein Kampnagel
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Ach Mensch, lassen Sie doch den Kampnagels ihre Freude. So eine gewisse Over-the-top-Überheblichkeit zieht sich doch durch deren ganze Außendarstellung, den Newsletter sowieso, aber auch die Programmhefte, den Facebook-Auftritt, das “Freies-Theater-Quartett” … und weil das alles so übertrieben ist, kann man ihnen gar nicht böse sein. Im Gegenteil mag ich sie wegen dieser Auftritte fast noch mehr: Weil ich den Eindruck habe, dass da Newsletter in die Welt geschickt werden, ohne dass noch 50 Entscheider drauf geschaut haben, weil ich den Eindruck einer gewissen anarchischen Lust am Sich-zum-Affen machen habe.
(Aber wahrscheinlich verfängt das Kampnagel-Marketing bei mir nur besonders raffiniert.)
Comment by Zahnwart — Februar 17, 2011 @ 9:37 am