16.02.11 | 23:37 | Diskussion | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Theatertreffen 2011: Kampnagel im Höhenflug

Die freie Szene, beim diesjährigen Theatertreffen vertreten durch Kooperationspartner wie HAU, Kampnagel und das FFT in Düsseldorf, fühlt sich durch die Auswahl für die Best-of-Schau in Berlin schwer im Aufwind.

“Ihr wart innovativ wie nie! Glückwunsch!”, lobt Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard die Jury auf Facebook. “Und Glückwunsch an She She Pop zur Einladung von Das Testament, einer grandios heutigen Lear-Annäherung! Und an Herbert Fritsch, schön! Und an Nurkan Erpulat und Shermin Langhoff! Ihr alle beim Theatertreffen, ich fasse es nur allmählich …”

Auch ich gratuliere! Und rate: Jetzt bloß nicht übermütig werden! Hier der Kampnagel-Newsletter, der mich heute Abend per Mail erreichte (sympathischerweise haben sie selber in die Betreffzeile “Angeberei” geschrieben):

Überhebliche Lehren aus Theatertreffen und Sport

Liebe Hamburger Theater,

warum habt ihr euch gestern nicht gemeldet, den Sünkel mal ausgenommen? Die ganze Welt rief an und gratulierte uns, dass zwei Kampnagel-Produktionen zum Theatertreffen 2011 eingeladen wurden: Christoph Schlingensiefs letztes Welttheater-Stück VIA INTOLLERANZA II und She She Pops King Lear Erneuerung TESTAMENT. Ist euch unser Erfolg unheimlich? Habt ihr zu viel Stefan Grund gelesen (von Kampnagel nicht beschäftigter Hobby-Regisseur, Schriftsteller bei DIE WELT und überregional durch diesen Newsletter bekannt)? Oder seid ihr wirklich so phlegmatisch, wie das Abendblatt euch das heute HIER vorwirft.

Die trinkfesten Mitarbeiter des Abendblättchens hacken da mal wieder auf Hamburg rum und suchen die Schuld für’s kulturelle Siechtum bei der Kultur selbst. Dass auch das Abendblatt vergessen hat, auf uns als Lichtblick in der Wüste hinzuweisen, reiht sie nur in ihren eigenen Klagekanon ein. Dabei wissen alle Newsletter-Leser: Ex Kampnagel lux. Auf Kampnagel gehen die Sonne und Thalia-Luxy auf; wir sind die dicke Mutti mit dem großen Schoß, in dem sich auch ein Bürgermeister mal ausweinen darf.

Die Schockstarre der Theater wegen der diesjährigen Theatertreffen-Auswahl (viel freie Szene, Stefan Bachmanns Kampusch-Stück als Spiegel für die Österreicher, etwas Stadt-Theater Alibi wie Karin Beierhenkel usw.) liegt auch an der Zeitenwende, die diese ankündigt: Die Peripherie ist zum Zentrum geworden, Maßstäbe in Spiel und Spaß setzen schon seit längerem internationale Koproduktions-Zentren für schönere Künste wie das Berliner HAU oder wir. Die Theater mit ihren Roman- und Filmdramatisierungen liegen erschöpft und ideenlos auf dem Boden der Phantasie.

Aber Kulturpessimismus ist unsere Sache nicht, wir geben euch Theatern einen Rat von Dramaspezialist Lothar Matthäus (neustes Projekt: Ariadne, 23): „Es wird sich aber leider niemals verhindern lassen, dass man sich auch mal auf die Taktik des Gegners einstellen muss.“ (Nachzulesen HIER auf seiner Homepage, die noch Liliana, auch 23, gewidmet ist).
Wir kümmern uns solange um den Theaternachwuchs mit der zweiten Diplominszenierung der Theaterakademie, und widmen uns unserer neuen Sparte Sport mit Accordion-Wrestling.

Viele Grüße,
Dein Kampnagel

16.02.11 | 22:20 | Geht doch! | Publikationen | Theater | Kommentare 1 Kommentar

Die Auswahl zum Berliner Theatertreffen 2011

Die Auswahl zum diesjährigen Berliner Theatertreffen ist überraschend unorthodox – das stieß, wie man den heutigen Reaktionen entnehmen konnte, allgemein auf sehr viel Anerkennung, wenn nicht auf große Freude (außer bei Gerhard Stadelmaier natürlich, der allerdings noch nie eine Auswahl zum TT gut fand, sondern in der Liste immer einen Anlass für Spott und Häme findet). Es schlug schon lange keiner TT-Jury mehr so viel Wohlwollen und Respekt entgegen. Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Jurorin … und wie frustrierend ich das rituelle Abwatschen der Jury nach getaner Arbeit empfand.

Diesmal aber große Zustimmung, sogar von den selbst ernannten Gegenkritikern auf nachtkritik.de. Auch, weil kaum einer die Sachen kennt.

Hier, nur mal als Beispiel, der fast schon überschwängliche Kommentar des sonst eher nüchternen Hartmut Krug auf Deutschlandradio Kultur.

Auch ich habe die Auswahl in der heutigen Printausgabe der SZ vorgestellt und kommentiert – aber das gibt´s natürlich mal wieder nicht online auf sueddeutsche.de, weil Theater ja deren Meinung nach total unsexy ist und keine Klickzahl-Quoten bringt.

Daher setze ich meinen Text jetzt mal selber hier rein:

(Achtung: Der Einstieg meines Artikels ist ironisch gemeint! Nein, ich vermisse Marthalers “Meine faire Dame” nicht beim Theatertreffen, wie nachtkritik.de in der Zusammenfassung meines Textes behauptet.)

In memoriam Schlingensief

Die Auswahl zum Theatertreffen in Berlin birgt Überraschungen

Die größte Überraschung zuerst: Christoph Marthaler ist in diesem Jahr nicht beim Berliner Theatertreffen vertreten!

Na sowas. Dabei hat der Schweizer, der in den letzten Jahren so etwas wie ein Dauerticket für Berlin zu haben schien, in Basel doch einen sehr gewitzten „Sprachlabor“-Abend mit dem schönen Titel „Meine faire Dame“ inszeniert, der bestimmt auch wieder einladungswürdig gewesen wäre, wie ja fast jeder Marthaler. Aber nein, in diesem Jahr ist alles anders. Kein Stemann, kein Kriegenburg, kein Stelldichein der üblichen Verdächtigen. Die Theatertreffen-Jury kreißte und gebar eine Liste der zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres“, auf der sich erstaunlich viele Überraschungskandidaten finden. Darunter ein Toter: der im August letzten Jahres an seinem Krebsleiden verstorbene Christoph Schlingensief, der mit seiner letzten Arbeit „Via Intolleranza II“ posthum noch einmal gefeiert werden soll.

„Via Intolleranza II“, uraufgeführt beim Kunstenfestival in Brüssel, erzählt von Schlingensiefs afrikanischem Operndorf-Projekt Remdoogo. Die Aufführung zeigt (in Filmen) Schlingensief selbst und seine Arbeit daran; sie hinterfragt diese Arbeit und unser aller Verhältnis zu Afrika aber auch und erzählt – mit Tänzern, Sängern und Musikern aus Burkina Faso – von Helfersyndromen, Hilflosigkeit und vom Scheitern. Schlingensief wirkte bis kurz vor seinem Tod selber auf der Bühne mit, hatte in vielen Szenen aber auch Stefan Kolosko als Alter Ego. Ihm, dem viel zu früh Verstorbenen, und seinem künstlerischen Vermächtnis hier noch einmal so (be)greifbar und direkt begegnen zu können, ist tröstlich – und ein Geschenk des Theatertreffens.

Einen Sieger gibt es schon jetzt bei der Berliner Best-of-Schau vom 6. bis zum 22. Mai, er heißt Herbert Fritsch. Der Schauspieler, einst ein unerschrockener Recke des Castorf-Theaters, reüssiert neuerdings an diversen Bühnen nicht minder unerschrocken als Regisseur und wurde jetzt gleich mit zwei seiner Inszenierungen nominiert: mit Hauptmanns „Der Biberpelz“ (Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin) und Ibsens „Nora“ (Theater Oberhausen), womit auch gleich die Felder „Provinz“ und „Osten“ abgedeckt wären. Zweimal Fritsch – das erscheint, bei allem Respekt, nun doch ein bisschen übertrieben, da hätte man schon noch eine Position für einen anderen Namen, eine andere Handschrift frei räumen können. Für eine(n) von den Jungen zum Beispiel, die beim Theatertreffen nie so recht zum Zug kommen. Immerhin hat es jetzt endlich Roger Vontobel mal in die Auswahl geschafft – und zwar mit seiner meisterlichen „Don Carlos“-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden. Die junge Jette Steckel jedoch, die am Thalia Theater Hamburg vor kurzem einen mindestens ebenso guten, wenn nicht zündenderen, in seiner politischen Stoßrichtung aktuelleren „Don Carlos“ herausgebracht hat, sie ging leer aus.

Kaum überraschend, da bereits schwer im Kultstatusbereich: „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat (der auch Regie geführt hat) und Jens Hillje, eine Koproduktion des Kreuzberger Off-Theaters Ballhaus Naunynstraße mit der Ruhrtriennale. Das Stück, auf das es in Berlin einen regelrechten Run gibt, ist der heißeste Beitrag des Theaters zur Sarrazin- und Integrationsdebatte. Es erzählt, bitterböse und komisch, von einer durchgeknallten Deutschlehrerin, die einem Haufen türkischer Jugendlicher (und die sind so authentisch, als kämen sie geradewegs von der Straße) mit vorgehaltener Knarre Schiller aufzwingt.

Die freie Szene (Kampnagel Hamburg / Berliner Hau / FFT Düsseldorf’) ist darüber hinaus mit „Testament“ von She She Pop vertreten. Es handelt sich um eine „Lear“-Überschreibung, in der Performerinnen ihre eigenen Väter auf die Bühne bringen und mit ihnen die Themen und Motive aus Shakespeares „König Lear“ diskutieren – eine sehr private Auseinandersetzung mit dem Generationenvertrag und seinen Pflegefällen.

Münchner Kammerspiele, Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater Hamburg, Schauspiel Frankfurt – Fehlanzeige. Von den führenden deutschen Bühnen ist nur das Schauspiel Köln, das amtierende „Theater des Jahres“, wieder vertreten – und das gleich zweimal: mit Karin Beiers fulminantem Jelinek-Abend „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ – daran kam die Jury nicht vorbei – sowie mit Karin Henkels jüngst erst dort herausgebrachter, grell-zirzensisch in die Gegenwart geholter Tschechow-Inszenierung „Der Kirschgarten“.

Vom Schauspielhaus Zürich kommt der mit sieben Ja-Stimmen angeblich sicherste Kandidat von allen: Stefan Pucher mit seiner Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, die in einem detailgetreuen 50er-Jahre-Setting vom amerikanischen (Konsum-)Traum erzählt. Und auch das Wiener Burgtheater ist dabei: mit Kathrin Rögglas „Die Beteiligten“, einer medialen Umkreisung des Falls Natascha Kampusch in indirekter Rede, die Stefan Bachmann in kongeniale Bilder umgesetzt haben soll. Ein Gegenwartsstück, das erfolgreich nachgespielt wurde . . . es geht also doch!

Insgesamt recht interessant, diese Mischung. Mal was anderes. Und vielleicht auch ein Denkanstoß für die wie wild produzierenden Großbühnen, mal wieder durchzuschnaufen und sich auf das Eine, Besondere zu besinnen. Denn weniger ist oftmals mehr.

16.02.11 | 16:50 | Kulinarik | Kommentare 2 Kommentare

Brot für die SZ

Brotlieferung in der Redaktion

Der Brotbote von der Handwerkskammer mit seiner Lieferung.

Mmmmh, was das heute für ein Duft hier ist! Das ganze Feuilleton riecht nach frischem Brot. Und es riecht nicht nur so – es schaut hier auch aus wie in einer Bäckerei. Es gibt leckere Butterbrezn und Krapfen en masse. Schokokrapfen, Vanillekrapfen, klassische Krapfen, Himbeerkrapfen … alles, was das Schleckermaul begehrt. Und dazu Brot. Brot in rauen Mengen: Hausbrot, Vollkornbrot, Kastenbrot, Bauernbrot, Sechskornbrot … darunter riesige Laiber, echte Kaliber. Frisch gebacken, warm noch – und alles andere als industrielle Fertigteigprodukte, sondern echte Handwerksarbeiten aus Münchner Bäckerbetrieben.

Und wie und warum kommt das jetzt alles ins SZ-Feuilleton?

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er haut sich gern auch Brezen rein ...

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, es dürfen gerne auch Krapfen und Brezn sein

Tja, das war heute die große Überraschung! Es rief am Vormittag jemand von der Pforte hoch und sagte, ein Herr von der Handwerkskammer habe eine Lieferung für mich. Ich hielt das erst für ein Missverständnis – ich meine: Was hab ich mit der Handwerkskammer zu schaffen? -, aber nein, man bestand darauf: Die Adressatin sei tatsächlich ich. Unten, im Eingangsbereich, erwartete mich dann ein Chauffeur mit einem ganzen Auto voller frischer Backwaren. Mit schönen Grüßen von einem Herrn Heinrich Traublinger, seines Zeichens Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern.

Da dämmerte mir schon, dass das mit der “Null acht neun”-Kolumne zu tun haben muss, die ich neulich im Lokalteil schrieb. Darin hab ich mich für das gute Münchner Pfisterbrot und überhaupt: für die Handwerksbäckereien ausgesprochen – und gegen all die fiesen Discount-Bäcker, die in der Innenstadt überall aus dem Boden schießen und so grässliche Namen tragen wie “Back-Factory” oder “Mr. Baker”.

Welch schöne Exmeplare! Danke der Handwerkskammer und den Münchner Traditionsbäckereien!

Welch schöne Exemplare! Danke der Handwerkskammer und den Münchner Traditionsbäckereien!

Im beigefügten Brief schickt Herr Traublinger “namens des bayerischen und des Münchner Bäckerhandwerks” ein “herzliches Vergelt´s Gott” für mein”Loblied auf handwerklich hergestelltes Brot”. Wenngleich meine Präferenz “den Produkten unseres Mitgliedsbetriebes, der Hofpfisterei” gelte,  so werde doch deutlich, dass damit auch generell die traditionelle Handwerksbäckerei gemeint sei und dass ich deren “breites Sortiment”, “verbunden mit freundlicher Bedienung” sehr zu schätzen wisse.

Ist das nicht großartig? Herzlichen Dank, lieber Herr Traublinger und liebe Münchner Bäckereien. Das gab vielleicht ein “Hallo!” heute in der Redaktion! Es wurden Scharen von Redakteuren und Mitarbeitern gespeist … und es ist immer noch was da.

Fast wollte ich schon sagen, sowas gibt´s wahrscheinlich nur in München, da kommt mit der Nachmittagspost ein Extra-Paket aus dem fränkischen Herzogenaurach, von einer Bäckerei Lang, die mir einen riesigen, herrlichen FRANKENLAIB schickt – mein in der Kolumne erwähntes Lieblingsbrot -, mit den Worten: ” …. damit Sie nicht so lange Schlange stehen müssen, hier ein garantiert fränkischer Frankenlaib! Wir hoffen, er schmeckt Ihnen.”

Sonderlieferung der Bäckerei Lang aus Herzogenaurach: Ein schöner großer Frankenlaib für die fränkische Kolumnistin. Dangschää!

Sonderlieferung der Bäckerei Lang aus Herzogenaurach: Ein schöner großer Frankenlaib für die fränkische Kolumnistin. Dangschää!

Also sowas, ich bin echt gerührt. Dank nach Franken! Danke allen! Das hat heute eine so gute Laune gemacht … Toll.

Und hier, zum Nachlesen, besagte Kolumne, die in der Wochenendausgabe vom 5./6. Februar im Lokalteil erschien:

Warten auf
den Frankenlaib

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das ist schon wahr, gutes Brot aber muss sein, sonst kann man auch den Aufstrich vergessen. Wir Münchner waren in dieser Hinsicht immer schon privilegierter als die Bewohner trüberer Städte, gibt es hier doch seit kaiserlichen Zeiten (14. Jahrhundert!) die Hofpfisterei mit dem weltbesten Natursauerteigbrotsortiment. Das Pfister-Brot gehörte neben der Maß und der Leberkässemmel lange Zeit zu den ernährungstechnischen Alleinstellungsmerkmalen unserer schönen Stadt, und hätte die Hofpfisterei nicht vier Filialen in Berlin eröffnet, hätten wir den Preußen mindestens vier weitere Punkte auf der urbanen Lebenswert-Liste voraus. Andererseits sei ihnen unser Brot gegönnt, den Berlinern, haben sie doch sonst kaum kulinarische Freuden, und jetzt muss man den Freunden in der Hauptstadt wenigstens nicht mehr bei jedem Besuch einen frischen Laib Öko-Spezial mitbringen.

Nun muss das Lob auf die Hofpfisterei – und generell auf die traditionelle Handwerks-Bäckerei – hier aber allein schon deshalb angestimmt werden, weil die Semmel im Zeitalter ihrer industriellen Reproduzierbarkeit zum laffen Fertigteigling verkommt und der Siegeszug der Discount-Bäcker nicht mehr aufzuhalten ist. Überall schießen diese Back-Aldis wie Pilze aus dem Boden. Sie nennen sich Back-Factory, Back-Shop oder Mr. Baker, bieten Brot und Brezn zu Dumpingpreisen, setzen auf Selbstbedienung und Nusshörnchen-to-go. Sie haben null Charme, und es riecht komisch, wenn man daran vorbeigeht, nach Fett, Emulgatoren und Schmalz, aber ihre Industrieteigwaren gehen weg wie – nun ja – halt doch wie warme Semmeln. Billiger geht´s nicht. Und lange anstehen muss man auch nicht.

Aber selbst, wenn es dort Rosinenschnecken umsonst geben sollte, liebe Teiggenossen und Mitesser, so sei hier versichert: Gebäck von McBack kommt mir nicht in die Tüte!

Lieber wieder das Samstags-Ritual in meiner kleinen Pfister-Filiale am Hohenzollernplatz: Schlange stehen bis raus auf die Straße, eine gefühlte Wartezeit von fünfzehn Minuten lässig in Kauf nehmen, sich drinnen auf engstem Raum an die Wand drücken und dann, um Nachdrängende reinzulassen, nach hinten wechseln, was eine Zweiteilung der Schlange und fast immer eine gewisse Konfusion bewirkt, dabei stets das letzte Stück Frankenlaib fest im Blick haltend, in der Hoffnung, der Kerl vor einem schnappe es einem nicht weg. Was er, sofern es kurz vor Ladenschluss ist, aber garantiert tut. Aber was soll´s . . . Sein Brot muss man sich nun mal hart verdienen.

06.02.11 | 11:19 | Haiku | Kommentare 0 Kommentare

Winteraustreib-Haiku

Es geht voran. Dieser Blog regt sich wieder. Einige Ereignisse aus dem Januar werde ich dieser Tage noch nachholen. Jetzt muss ich erst mal nach Mannheim. Danke nochmals für alle guten Zusprüche!

Und auch Fitzgerald Kusz kommt wie gerufen, um mit einem seiner herrlichen Franken-Haikus den Winter auszutreiben – und diesen Blog lyrisch zu bereichern.

Schön, lieber Herr Kusz, dass Sie auch noch dabei sind. Dangschää nach Franggn. Grüßen Sie mir die Heimat.

fitzgerald kusz:

windäausdreib-haiku

hobb, lichd, laichd!

ohne mein schaddn

gäihi ned assm haus

Hochdeutsche Rohübersetzung:

los, licht, leuchte!

ohne meinen schatten

geh ich nicht aus dem haus

05.02.11 | 23:06 | Salonkultur | Kommentare 1 Kommentar

Bauer-Salon mit Hannes Beckmann und Helmut Ruge

Mein "Bauer-Salon" ist nach seinem Gründungsort, der Münchner Bauerstraße, benannt - und so wird er auch weiterhin heißen, auch wenn er nicht mehr dort stattfindet. Mit Stall- und Feldarbeit hat der Bauer-Salon jedenfalls nichts zu tun, wie man auf dem Foto ganz gut sehen kann. In Zukunft wird der Salon wohl auf Wanderschaft gehen. Wer geeignete Bars / Räumlichkeiten weiß: bitte melden!

Mein "Bauer-Salon" ist nach seinem Gründungsort, der Münchner Bauerstraße, benannt - und so wird er auch weiterhin heißen, auch wenn er nicht mehr dort stattfindet. Mit Stall- und Feldarbeit hat der Bauer-Salon jedenfalls nichts zu tun, wie man auf dem Foto ganz gut sehen kann. In Zukunft wird der Salon wohl auf Wanderschaft gehen. Wer geeignete Bars / Räumlichkeiten weiß: bitte melden!

Mein Kultursalon ist zwar noch jung, aber er läuft schon ziemlich super. Bei der dritten Ausgabe des “Bauer-Salons” am 9. Januar, dem Vorabend meines Geburtstags, waren wieder tolle Künstler zu Gast: der “Teufelsgeiger” Hannes Beckmann, auf dem Klavier begleitet von seinem langjährigen musikalischen Kompagnon Edgar Wilson aus Mozambique, sowie der hochkarätige Kabarettist Helmut Ruge, mit seinen 70 Jahren ein Urgestein der Satirekunst.

"Teufelsgeiger" Hannes Beckmann in Aktion

"Teufelsgeiger" Hannes Beckmann in Aktion

Dass diese Künstler auf das Herzlichste bereit waren, den Salongedanken zu unterstützen und “bei mir” im Salon aufzutreten (übrigens durchaus auch “für mich” – und das, wohlgemerkt, ohne Honorar!), ist einfach wunderbar und zeigt, dass München in dieser Hinsicht viel lässiger, spontaner und kreativer ist als sein Ruf. Es gibt hier richtig gute, begeisterte und sich begeisternde Leute, mit denen man tatsächlich off-the-Hochkultur und ohne Etat im Sinne der Sache spontan was auf die Beine stellen und neue Vernetzungen schaffen kann. Das ist großartig! An dieser Stelle: vielen herzlichen Dank, lieber Hannes, lieber Edgar, lieber Herr Ruge!

"Weil i wui, dass sich was rührt ...": Kabarettist Helmut Ruge

"Weil i wui, dass sich was rührt ...": Kabarettist Helmut Ruge

Veranstaltungsort war zum zweiten Mal die Aurora Bar, bei deren Betreiber ich mich diesmal allerdings nicht bedanken kann – im Gegenteil! -, da er sich komplett verweigert und auf unschöne Weise versucht hat, den Salon auflaufen zu lassen bzw. zu hintertreiben. Das hat mir sehr zugesetzt – wir waren immerhin seit vielen Jahren gute Freunde … aber  ein Erfolg wurde der Salon trotzdem (und es dürfte für den Herrn Wirt auch die Kasse ganz schön geklingelt haben, was inzwischen offenbar die eigentliche Musik ist in seinen Ohren).

Jazzsänger Thomas de Lates (rechts) baut für Helmut Ruge eine Mikrofonanlage auf. Der schaut beeindruckt zu.

Jazz- und Swing-Sänger Thomas de Lates (rechts) baut für Helmut Ruge eine Mikrofonanlage auf. Der schaut mit seiner Frau sehr genau zu.

Selbst das Problem mit dem nicht vorhandenen Mikrofon für Ruges Lesung konnte spontan behoben werden – dank des beherzten Einsatzes von Thomas de Lates, der eigentlich nur als Zuhörer gekommen war, sich aber sofort bereit erklärte, nach Hause zu fahren und seine Mikrofonanlage zu holen. Thomas de Lates, von Beruf IT-Journalist, ist ein leidenschaftlicher Sänger und bezeichnet sich auf seiner Homepage selbst als “Münchens Schmuse-Bariton für Jazz und Swing”. Als solcher tritt er seit 2003 reglmäßig öffentlich auf – und verfügt über eine Mikrofonanlage allererster Sahne, die er herbeischaffte und aufbaute, so dass wir technisch dann doch noch bestens gerüstet waren.

Geht doch!

Geht doch!

Und so war Helmut Ruge, der gebürtige Stuttgarter, bis in den hintersten Winkel der Bar zu hören, als er sich seinen bitteren Spottreim auf die Finanzkrise machte oder (auf gut zugroast Bairisch) seinen vor Tatkraft strotzenden “Lebensblues” losließ:

“Ich brauch a Leben in meim Leben / und koa Friedhofsruha. / Ich muass es kracha lassn, / weil I wui, dass sich was rührt. / Bis mi der Deifi, der oide Hund, / aufn Anger führt …”

In seinem “Zeit”-Gedicht wiederum, in welchem Ruge, der selbst ernannte “Maultaschenphilosph”, Gedanken über die Zeit anstellt (man kann sie totschlagen/ einhalten/ festhalten/ schinden … oder auch finden), baute er mit dem Schluss-Satz “Und jetzt ist Dössel-Zeit” sogar ein Extra-Zeitfensterchen für die Salon-Bäuerin ein. Was natürlich sehr charmant war.

Salongäste lauschen Ruges Vortrag

Salongäste lauschen Ruges Vortrag

Nach seinem letzten offiziellen Bühnenprogramm “Mit Siebzig in die Kurve” schlägt Ruge nun immer stärker den Weg ins Lyrisch-Philosphisch-Aphoristische ein. Das steht ihm gut. Am kommenden Montag, den 7. Februar, feiert er seinen 71. Geburtstag … und zwar mit einem Lyrik- und Chanson-Abend in der Aurora Bar, mit dem er gewissermaßen (so entnehme ich es der Einladung) eine “neue Schaffensphase” eröffnen möchte. Für diesen Weg, lieber Herr Ruge, wünsche ich Ihnen auf alle Fälle schon mal viel Erfolg und Glück!

Tja, und dann der wilde Hannes Beckmann, der nicht umsonst den Beinamen “Teufelsgeiger” trägt – einer der besten Jazzgeiger, die es gibt. Früher, als ich als Pauschalistin noch für die “Münchner Kultur” arbeitete, hab ich hin und wieder über ihn geschrieben. Daher kennen wir uns. Und dann sind wir uns ganz zufällig vor zwei Monaten im “Kalypso” wieder begegnet …

Hannes Beckmann lässt die Saiten glühen

Hannes Beckmann bearbeitet die Saiten

Immer noch voller Leidenschaft, dieser Mann. Und immer wieder mitreißend, mit welchem Furor und Temperament er sich seinem Instrument hingibt. Wie ein Rennfahrer, der sich mit dem Fuß auf dem Gasdpedal volle Pulle in die Kurven legt … mit geschlossenern Augen sich ganz dem Gefühl des Augenblicks hingebend. Wenn Beckmann spielt, ist das Ekstase pur.

Die Salon-Bäuerin mit Edgar Wilson und Hannes Beckmann

Die Salon-Bäuerin mit den Musikern Edgar Wilson und Hannes Beckmann

Schon toll, was er an dem Abend abgeliefert hat. Seine Stücke sind extrem stilübergreifend und verbinden ethnische Einflüsse aus Mitteleuropa, dem Balkan, Brasilien, Afrika und fast aller Herren Länder mit Elementen der Klassik und des Jazz.

So ist auch sein Weltmusikprojekt “Canto Migrando” entstanden, aus dem er beim Salon frei variierend was vortrug: eine von Beckmann komponierte “Suite für großes, ungewöhnlich besetztes Orchester”, von der es eine Live-Aufnahme auf CD gibt – mit Instrumentalsolisten aus sieben Ländern und drei Kontinenten, Orchester, Chor und etlichen migrantische Jugendlichen. Inspiriert wurde Beckmann dazu durch die zunehmend orientalischen Einflüsse im Münchner Westend, dem Viertel um die Landwehrstraße, in dem er wohnt.

Salongastrunde mit Michaela Metz, Sabina Sakoh, Franz Meiller, Frederik Mayet und Laura Weissmüller

Salongastrunde mit Michaela Metz, Sabina Sakoh, Franz Meiller, Frederik Mayet und Laura Weissmüller

Klezmer, Jazz, Balkan Gipsy, europäische, orientalische und arbische Rhythmen – alles vermischt sich in dieser eklektizistischen Großkomposition zu einer monumentalen, manchmal auch etwas schrägen, um nicht zu sagen: kruden Vielstimmigkeit, in der eine gefühlsselige “Migration Hymn” mit Rapper-Text genauso Platz hat wie ein jazzig-fetziger Konzerttango.

.Edgar Wilson spielt noch ein bisschen ... und fliegt mich zu dem Mond

.Edgar Wilson spielt noch ein bisschen ... und fliegt mich zu dem Mond

Zu meinem Geburtstag gab es um Mitternacht noch eine Extra-Einlage, und auch der unermüdliche Tastenvirtuose Edgar Wilson gab spät noch ein Special-Wunschkonzert.

War sehr schön! Danke allen. Der Salon lebt.

Selbst der Oberammergauer Jesus (vulgo: Frederik Mayet) war da. Denn wo zwei oder drei im Namen der Kultur versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen.

02.02.11 | 22:38 | Geht wieder | Kommentare 8 Kommentare

Wieder da!

Gesehen und fotografiert im Nymphenburger Schlossgarten Anfang Januar.

Gesehen und fotografiert im Nymphenburger Schlossgarten Anfang Januar.

Entschuldigung, liebe Blog-Leser,

… die es ja gottlob doch (noch) gibt!

Ich weiß, ich bin eine schlechte Bloggerin … mit entsprechend schlechtem Gewissen. Das darf eigentlich nicht sein: dass ich seit Weihnachten nichts mehr gepostet habe …

Aber nicht, weil ich kein Material oder nichts zu sagen, zu kommentieren oder zu berichten oder mich aus dem Theater-Journalistenleben verabschiedet hätte! Mitnichten. Im Gegenteil! Ich habe seitdem schon so viele Fotos konfiguriert und hier hochgeladen – für Beiträge, die ich eigentlich unbedingt veröffentlichen wollte. Die ich zum Teil auch Leuten  fest versprochen hatte. Aber ich weiß auch nicht … Es ging dann nicht. Ich bin irgendwie komplett aus der Spur geraten.

Es fing an mit dem Tod von Konrad, einem meiner besten Freunde. Konrad, ein großer, leidenschaftlicher Theaterliebhaber, ging so abrupt, so unverhofft und ohne jede Verabschiedung aus meinem Leben, dass ich das bis jetzt nicht richtig gerafft, kapiert, geschweige denn irgendwie verarbeitet habe. Das war Ende des Jahres. Und dann kam Anfang Januar auch gleich die Beerdigung (im tiefen Westerwald), an die ich – was wahrscheinlich unklug war – nahtlos eine Theater-Jury-Reise nach Dresden und Mannheim angeschlossen hatte, um sodann gleich in meinen Geburtstag überzugehen, verbunden mit meinem neuen Kultur-Salon, den ich wegen der vorab ausgehandelten Künstler-Verabredungen keinesfalls verschieben konnte; nicht zu vergessen meine damals akute Erkältungserkrankung und meinen (anhaltenden) Hand-Arm-Schulter-Schmerz mit diesen ärgerlichen Taubheitsgefühlen rechterhand, ein unhaltbarer Zustand, welcher permanent Arztbesuche erfordet (für die ich nun wirklich keine Zeit habe – und man bedenke: Die SZ residiert inzwischen im Osten Münchens, also weitab von allen Arztpraxen in der Münchner Innenstadt …) – all das, verbunden mit der Tatsache, dass ich im Moment für meine Mülheim-Jury verstärkt in Aktion treten muss (wir haben Schluss-Sitzung am 9. März – bis dahin müssen noch viele Uraufführungen abgereist und nachgesessen werden), all das hat bei mir zu einer merkwürdigen Blogging-Lähmung geführt.

Kann´s gar nicht so richtig erklären. Ich renne, reise, hetze, plane, habe Redaktionsdienst, organisiere, funktioniere – treffe gute, interessante, auch aufregende Leute, viele, wirklich viele, vielleicht zu viele … nicht nur im Theater, bei den Premieren oder auf anschließenden Geburtstags-, Premieren- oder sonstigen Feiern, sondern auch: im Zug, im Flughafenbus, am Flughafen, in der S-Bahn, im Hotel, überall – es ist alles unglaublich reich und voll und viel. Wirklich schön und viel. Aber vielleicht zu voll und zu viel … zu viel Input, zu viel und zu voll in zu kurzer Zeit!?

Jedenfalls kam ich zuletzt nicht mehr nach mit all dem. Und das ist jetzt wirklich  ehrlich hier dahin geschrieben. Ich hab´s einfach nicht mehr geschafft … war nicht in  der Lage, war zu müde, zu schlaff, zu unmotiviert, wieder mal nicht online oder hatte schlicht: keine Zeit, das alles zu notieren, zu kommentieren oder gar zu ironisieren. Und je länger man nichts schreibt, desto komplizierter wird das alles, da man dann ja denkt, man müsse jetzt erst noch dies und das und jenes nachholen, bevor man über das Aktuelle, das Jetzige, das gegenwärtig Erlebte schreiben kann …

Ehrlich gesagt: Ich war auch verunsichert, überfordert -  und habe ernsthaft überlegt, das Bloggen sein zu lassen. Ich frage mich: Wen kümmert´s? Und, das ist nicht zu leugnen: Es schafft einen immensen zusätzlichen Stress – einen Druck, der obendrein auch noch selbstgemacht ist. Und dann kriegt man, wenn überhaupt, ja doch eher nur blöde Kommentare und wird der bloßen Eitelkeit verdächtigt. Und Susan bloggt ja auch schon längst nicht mehr …

Aber irgendwie, weiß auch nicht … will ich diese Form doch (noch) nicht aufgeben. Sie hat was. Und ich glaube, sie liegt mir – und meinem Mitteilungsbedürfnis. Und sie deckt doch vieles ab, was in der Zeitung verloren gehen würde. Muss nur wieder reinkommen, in die Spur kommen … vielleicht auch nur: aus meiner Lähmung heraus wieder in Fahrt kommen. Ich danke daher allen treuen Lesern. Und vor allem danke ich all denen, die mich auffordern, weiterzumachen, weiterzubloggen, die mich ermuntern und ermutigen. Lieber Wolfgang Schreiber, Dir an dieser Stelle ein ganz besonders herzliches Dankeschön!

Also denn: Hiermit melde ich mich zurück. Und ich bitte um Nachsicht, wenn ich ein paar Sachen aus dem Monat Januar erst in den nächsten Tagen noch nachholen werde.

Und übrigens: Ich wünsche mir selbst und Euch/ Ihnen allen ein sehr gesundes und in jeder Hinsicht glückliches, erfolgreiches, intensives, kreatives und gewinnbringendes neues Jahr mit wundervollen (Theater-)Erlebnissen – und einem beglückenden Happy-End! Und vor allem natürlich: dass wir´s er- und überleben!

Eure/ Ihre
Christine Dössel