Hermine-Körner-Ring für Hildegard Schmahl

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Akademie der Künste Berlin
Hildegard Schmahl sagt, sie trägt keinen Schmuck. Nie. Über den Hermine-Körner-Ring, den sie am Montagabend in den Münchner Kammerspielen überreicht bekam, freut sie sich trotzdem. Sehr sogar. Eigentlich ist dieser Ring ja auch gar nicht zum Tragen da. Sondern zum Haben und Aufbewahren und zum Sich-daran-Freuen. Ihn zu besitzen, ist für eine Schauspielerin eine ehrenvolle Auszeichnung: eine auf Lebenszeit – und für ein Lebenswerk, vergeben von der Sektion Darstellende Kunst der Berliner Akademie der Künste.

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring
Der Ring ist eine eingefasste persische Münze, die aus Salamis stammen und auf dem Schlachtfeld von Marathon gefunden worden sein soll. Die Schauspielerin Hermine Körner erhielt ihn 1960 anlässlich eines Gastspiels der „Perser“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen als Schenkung des Kunsthistorischen Museums Essen. Körner, die noch im Dezember des selben Jahres verstarb, verfügte testamentarisch, dass der Ring auf Lebenszeit an ihre Kollegin Roma Bahn übergehen und später immer im Besitz einer – Achtung! – „Schauspielerin mit ernsthaftem Streben“ sein solle.
Nach dem Tod Roma Bahns ging der Ring 1975 an Marianne Hoppe und dann 2004 an Gisela Stein, die im Mai letzten Jahres starb. Seit gestern ist nun Hildegard Schmahl die neue Trägerin. Gratulation! Eine gute und richtige Entscheidung der Akademie. Hildegard Schmahl, die in diesem Blog schon von mir gewürdigte Grande Dame der Münchner Kammerspiele, ist nicht nur eine Schauspielerin mit wahrlich “ernsthaftem Streben”, sondern auch eine, die in diesem ihren Streben absolut offen und modern ist, eine, die sich ihre Neugier bewahrt hat und nie stehen geblieben ist.

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons
Den Ring bekam Frau Schmahl am Montag direkt nach der Vorstellung von Elfriede Jelineks “Rechnitz (Der Würgeengel)” auf der Bühne der Kammerspiele verliehen. Weshalb die Geehrte passenderweise noch das seidenblau schimmernde Abendkleid der von ihr so gespenstisch-maliziös verkörperten Jelinek-Botin trug, als ihr der Berliner Theaterhistoriker Klaus Völker den Preis ansteckte.
Völker informierte über die Geschichte des Preises und die künstlerischen Biografien der Schauspielkünstlerinnen Körner und Schmahl (mehr dazu hier) und würdigte die neue Ring-Trägerin für ihre “von Lebenserfahrung und Lebensschmerz gezeichneten Anti-Mutti-Frauendarstellungen”.
Die eigentliche Laudatio – im Grunde eine Liebeserklärung – kam von “Rechnitz”-Regisseur Jossi Wieler, mit dem Hildegard Schmahl in vielen schönen Inszenierungen zusammengearbeitet hat, angefangen 2001 mit “Alkestis”. Damals spielte sie die Mutter, eine Rolle, die es bei Euripides gar nicht gibt und von Wieler als stumme Figur hinzuerfunden wurde. Es war Schmahls Einstand an den Münchner Kammerspielen zum Start von Frank Baumbauer, und Wieler erzählt, wie er sie für diese (scheinbar kleine) Rolle gewinnen konnte. Auch später hat Hildegard Schmahl bei Wieler eigentlich immer Mütter gespielt und dabei, wie Wieler sagt, “autoritäre Strukturen entlarvt”, mit einem großen “Wissen um dieses Schmerzpotenzial”.

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler
“Hilli” wird Hildegard Schmahl von ihren Schauspielerkollegen liebevoll genannt, und “Hilli” nennt sie, voller Zuneigung und Zärtlichkeit, auch Jossi Wieler, der sie in seiner Laudatio direkt adressiert, wenn er ihren Mut, ihre Offenheit, ihr “untrügliches Gespür” und ihr “unerbittliches Ringen um einen natürlichen Ausdruck” rühmt: “So wie im Leben, so kämpfst du auch im Theater für Wahrheit und Gerechtigkeit.”
Aber er preist sie nicht nur als “Ausnahmeschauspielerin”, sondern auch für ihre “legendären Feste”, für ihr “Engagement für jeden im Ensemble” und für ihre Qualität, ihre Kollegen bewundern, sich mit ihnen freuen und über sie staunen zu können.
Die solcherart Geehrte gluckst manchmal amüsiert über so viel Lob und erzählt im Anschluss, wie sie 1960 im Herbst als 20-Jährige eine der letzten Vorstellungen der damals 82-jährigen Hermine Körner als “Irre von Chaillot” sah. Schmahl zitiert jenen Satz der Körner, der ihr damals durch Mark und Bein und das Gehirn schoss: “Man kann sich lieben nur, weil man sich bei den Händen gehalten hat …”. Schmahl sagt, diese Worte hätten sie damals mit einer solchen Wucht erfasst und derart erschüttert, dass sie angefangen habe, “ganz furchtbar zu weinen” – so sehr, dass sie tatsächlich rausgehen musste aus dem Theater, “weil das ja auch störend war”.
Schmahl sagt, der Abend sei damals für sie eine Art Initiation gewesen, er habe ihr eine Richtung gewiesen, das Gefühl: “Hier trittst du ein in diesen Kreis” … in diesen Ort des Geistes und der Erinnerung, der das Theater sei – hier zitiert sie auch ihren neuen Intendanten Johan Simons -, ein “Ort, wo man übt, Mensch zu sein”. Und nun der Hermine-Körner-Ring. “Ist ja unerhört”, sagt Schmahl gerührt. “Als wenn sich hier ein Kreis schließt.”

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker
Ein kleiner Kreis von Kollegen und Freunden stieß hernach bei einem Empfang im oberen Foyer der Kammerspiele noch mit der Preisträgerin an und begutachtete ihren Siegelring. Neben Katja Bürkle, André Jung, Steven Scharf und dem inzwischen ans Hamburger Thalia abgewanderten Hans Kremer, Schmahls Mitspielern in “Rechnitz”, waren auch Ensemblekollegen wie Sylvana Krappatsch, Walter Hess, Wolfgang Pregler und Peter Brombacher gekommen. Und auch Schmahls Kinder, Hannah und Sebastian Rudolph, waren da.

Geburtstagskind André Jung
André Jung feierte übrigens gestern seinen 57. Geburtstag – na ja, soweit man das “feiern” nennen kann, wenn man an dem Abend auftreten und einen von Jelineks makabren Boten des Massakers von Rechnitz spielen muss. Aber der Schauspieler war ganz guter Dinge und braucht – nach der Knie-Operation, die er dieses Jahr absolvierte – auch keine Krücken mehr. Geburtstag hatten gestern, am 13. Dezember, u.a. auch die Theaterschauspielerinnen Edith Clever, Jutta Wachowiak (beide wurden 70) und Jutta Lampe (73).
Hildegard Schmahl wurde in diesem Jahr 70 (siehe meinen Blogeintrag hier). Aber wie schön sie gestern wieder strahlte! Wie gut dieser Frau das Alter steht … und ihr Ring natürlich auch.
P.S.: Alle Fotos sind von mir selbst mit meiner neuen Kamera gemacht. Die am Freitag verloren gegangene Kamera mit den Bildern von der SZ-Abschiedsfeier für Kilz ist leider nicht wieder aufgetaucht.
1 Kommentar »
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Sehr schöner Bericht.
Hildegard Schmahl hat den Ring verdient. Als Prospero im “Sturm” werde ich sie nicht vergessen. Sie ist ein besonderer Frauentyp, genau wie Frau Dössel schreibt.
Notabene: Mich wurmt, dass die Medien diese außergewöhnliche Ehrung nicht größer bringen – jedes Bambi erfährt mehr Aufmerksamkeit als diese Würdigung einer wirklich großen Dame.
Comment by iffland — Dezember 18, 2010 @ 1:39 pm