24.12.10 | 20:07 | Dies & das | Trouvaillen | Kommentare 5 Kommentare

Frohe Weihnachten

 Wiener Weihnachtsbudenzauber vor dem Rathaus

Wiener Weihnachtsbudenzauber vor dem Rathaus

Ich wünsche allen Lesern dieses Blogs frohe, besinnliche Weihnachten und schöne Feiertage.

Die Fotos hier habe ich am Sonntag in Wien vor dem Rathaus gemacht. Illuminationstechnisch lassen sich die Wiener zur Weihnachtszeit ja echt nicht lumpen. Was die da jedes Jahr an Glitzer-Deko, Leuchtzeugs und Weihnachtsmärchenzauberkitsch auffahren, gerade rund ums Rathaus mit dem populären Christkindlmarkt davor, das macht ihnen so schnell keine andere Stadt nach. Immer wieder beeindruckend.

Wien-Blog-KerzeUnd jetzt möchte ich hier gerne noch von meinem persönlichen kleinen Weihnachtswunder erzählen:

Meine verlorene Digitalkamera mit den Bildern von der Kilz-Abschiedsfeier ist wieder da! (Himmel! Damit ist sie zum dritten Mal in diesem Jahr zu mir zurückgekehrt …)

Gefunden hat sie eine unglaublich rührige  SZ-Leserin, die eins und eins zusammenzuzählen wusste und sich richtig Mühe gab, den Besitzer ausfindig zu machen. Nachdem sie die Kamera im Schneematsch auf der Straße, in der ich wohne, gefunden hatte – sie muss mir beim Aussteigen aus dem Taxi herausgefallen sein -, sah sie die Bilder durch und erkannte als aufmerksame SZ-Leserin, die sie ist, dass es sich dabei um Fotos von der Abschiedsfeier des Chefredakteurs Kilz handeln musste (es war im Lokalteil ein “Szenario” über die Abschiedsparty erschienen – mit ähnlichen Fotos). Was also tat die liebe Frau? Sie schrieb eine Mail an die SZ, dass sie eine Kamera gefunden habe, die vermutlich einem der Gäste unseres scheidenden Chefredakteurs gehöre. Ob man sich nicht mal umhören möge?

Diese Mail landete in der Chefredaktion, zu welcher sich der Verlust meines Fotoapparates bis dahin noch nicht herumgesprochen hatte. Aber wofür gibt es Kantinen und den Klatsch beim Mittagessen? Einen Tag später kriegte ich eine Nachricht aus der Chefredaktion mit angehängter Mail der Finderin, bei der ich mir meine Kamera inzwischen mit einer Flasche Champagner abgeholt habe. Wie sie mir erzählte, hatte sie sogar bei mir in der Straße, da wo sie die Kamera gefunden hatte, einen Aushang gemacht. Wahnsinn. Dass es das noch gibt! Tolle Erfahrung.

In Wien kann man zu Weihnachten sein blaues Wunder erleben ...

In Wien kann man zu Weihnachten halt immer noch sein blaues Wunder erleben ...

Danke, liebe Frau Kornprobst! Sie haben mir eine große Freude bereitet und so viel gute Energie in die Welt gesetzt. Mögen Sie diese Energie um ein Vielfaches zurückbekommen.

Außerdem sind die SZ-Leser einfach die besten!

Tja, jetzt hab ich also zwei Kameras. Die alte, zurückgekommene ist zwar ein bisschen lädiert und hat ihre Beulen, aber wunderbarerweise geht sie noch. Ich hänge immer noch an ihr, auch wenn die neue (vielleicht doch etwas vorschnell gekaufte) doch eine ganze Klasse besser ist und Fotos schafft wie diese hier.

Jedenfalls, liebe Freunde und Feinde: My blogging is going on. Mit zwei Kameras ja wohl erst recht!

22.12.10 | 22:34 | Dichtung & Wahrheit | Haiku | Kommentare 0 Kommentare

Schnee-Haiku

Es wird Zeit für ein fränkisches Schnee-Haiku, das Fitzgerald Kusz schon vor längerer Zeit geschickt hat.

Ich hab ihn inzwischen ja tatsächlich getroffen, den netten Herrn Kusz, und zwar bei ihm zuhause in Nürnberg, wo er in einem Reihenhaus nahe der monströsen Bundesagentur für Arbeit lebt. Im November ist im neu eröffneten Nürnberger Theater Kusz´ neues Stück “Lametta” uraufgeführt worden, auf Fränggisch, versteht sich. War aber nicht so toll. Und weil ich das auch geschrieben habe, war Herr Kusz ein bisschen beleidigt. Aber nur kurz. Und jetzt sind wir wieder gut. Daher hier nun das schöne Schnee-Haiku von ihm. Und demnächst, sobald ich ein bisschen mehr Zeit habe, erzähle ich hier drin auch noch von meinem Hausbesuch.

fitzgerald kusz

inn ganzn dooch schnäi!

ä maadlä schdreckd di zungä raus

fängd schnäifloggn

Hochdeutsche Rohübersetzung:

den ganzen tag schnee!

ein mädchen streckt die zunge raus

fängt schneeflocken

14.12.10 | 22:56 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kommentare 1 Kommentar

Hermine-Körner-Ring für Hildegard Schmahl

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Berliner Akademie der Künste

Hildegard Schmahl bei der Verleihung des Hermine-Körner-Rings in den Münchner Kammerspielen, mit Laudator Klaus Völker von der Akademie der Künste Berlin

Hildegard Schmahl sagt, sie trägt keinen Schmuck. Nie. Über den Hermine-Körner-Ring, den sie am Montagabend in den Münchner Kammerspielen überreicht bekam, freut sie sich trotzdem. Sehr sogar. Eigentlich ist dieser Ring ja auch gar nicht zum Tragen da. Sondern zum Haben und Aufbewahren und zum Sich-daran-Freuen. Ihn zu besitzen, ist für eine Schauspielerin eine ehrenvolle Auszeichnung: eine auf Lebenszeit – und für ein Lebenswerk, vergeben von der Sektion Darstellende Kunst der Berliner Akademie der Künste.

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring

Hildegard Schmahl trägt jetzt den Hermine-Körner-Ring

Der Ring ist eine eingefasste persische Münze, die aus Salamis stammen und auf dem Schlachtfeld von Marathon gefunden worden sein soll. Die Schauspielerin Hermine Körner erhielt ihn 1960 anlässlich eines Gastspiels der „Perser“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen als Schenkung des Kunsthistorischen Museums Essen. Körner, die noch im Dezember des selben Jahres verstarb, verfügte testamentarisch, dass der Ring auf Lebenszeit an ihre Kollegin Roma Bahn übergehen und später immer im Besitz einer – Achtung! – „Schauspielerin mit ernsthaftem Streben“ sein solle.

Nach dem Tod Roma Bahns ging der Ring 1975 an Marianne Hoppe und dann 2004 an Gisela Stein, die im Mai letzten Jahres starb. Seit gestern ist nun Hildegard Schmahl die neue Trägerin. Gratulation! Eine gute und richtige Entscheidung der Akademie. Hildegard Schmahl, die in diesem Blog schon von mir gewürdigte Grande Dame der Münchner Kammerspiele, ist nicht nur eine Schauspielerin mit wahrlich “ernsthaftem Streben”, sondern auch eine, die in diesem ihren Streben absolut offen und modern ist, eine, die sich ihre Neugier bewahrt hat und nie stehen geblieben ist.

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons

Die Gekürte auf der "Rechnitz"-Bühne. Im Hintergrund applaudieren Ring-Überbringer Klaus Völker und Kammerspiele-Intendant Johan Simons

Den Ring bekam Frau Schmahl am Montag direkt nach der Vorstellung von Elfriede Jelineks “Rechnitz (Der Würgeengel)” auf der Bühne der Kammerspiele verliehen. Weshalb die Geehrte passenderweise noch das seidenblau schimmernde Abendkleid der von ihr so gespenstisch-maliziös verkörperten Jelinek-Botin trug, als ihr der Berliner Theaterhistoriker Klaus Völker den Preis ansteckte.

Völker informierte über die Geschichte des Preises und die künstlerischen Biografien der Schauspielkünstlerinnen Körner und Schmahl (mehr dazu hier) und würdigte die neue Ring-Trägerin für ihre “von Lebenserfahrung und Lebensschmerz gezeichneten Anti-Mutti-Frauendarstellungen”.

Die eigentliche Laudatio – im Grunde eine Liebeserklärung – kam von “Rechnitz”-Regisseur Jossi Wieler, mit dem Hildegard Schmahl in vielen schönen Inszenierungen zusammengearbeitet hat, angefangen 2001 mit “Alkestis”. Damals spielte sie die Mutter, eine Rolle, die es bei Euripides gar nicht gibt und von Wieler als stumme Figur hinzuerfunden wurde. Es war Schmahls Einstand an den Münchner Kammerspielen zum Start von Frank Baumbauer, und Wieler erzählt, wie er sie für diese (scheinbar kleine) Rolle gewinnen konnte. Auch später hat Hildegard Schmahl bei Wieler eigentlich immer Mütter gespielt und dabei, wie Wieler sagt, “autoritäre Strukturen entlarvt”, mit einem großen “Wissen um dieses Schmerzpotenzial”.

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler

Gutes Team: Schmahl mit Regisseur Jossi Wieler

“Hilli” wird Hildegard Schmahl von ihren Schauspielerkollegen liebevoll genannt, und “Hilli” nennt sie, voller Zuneigung und Zärtlichkeit, auch Jossi Wieler, der sie in seiner Laudatio direkt adressiert, wenn er ihren Mut, ihre Offenheit, ihr “untrügliches Gespür” und ihr “unerbittliches Ringen um einen natürlichen Ausdruck” rühmt: “So wie im Leben, so kämpfst du auch im Theater für Wahrheit und Gerechtigkeit.”

Aber er preist sie nicht nur als “Ausnahmeschauspielerin”, sondern auch für ihre “legendären Feste”, für ihr “Engagement für jeden im Ensemble” und für ihre Qualität, ihre Kollegen bewundern, sich mit ihnen freuen und über sie staunen zu können.

Die solcherart Geehrte gluckst manchmal amüsiert über so viel Lob und erzählt im Anschluss, wie sie 1960 im Herbst als 20-Jährige eine der letzten Vorstellungen der damals 82-jährigen Hermine Körner als “Irre von Chaillot” sah. Schmahl zitiert jenen Satz der Körner, der ihr damals durch Mark und Bein und das Gehirn schoss: “Man kann sich lieben nur, weil man sich bei den Händen gehalten hat …”. Schmahl sagt, diese Worte hätten sie damals mit einer solchen Wucht erfasst und derart erschüttert, dass sie angefangen habe, “ganz furchtbar zu weinen” – so sehr, dass sie tatsächlich rausgehen musste aus dem Theater, “weil das ja auch störend war”.

Schmahl sagt, der Abend sei damals für sie eine Art Initiation gewesen, er habe ihr eine Richtung gewiesen, das Gefühl: “Hier trittst du ein in diesen Kreis” … in diesen Ort des Geistes und der Erinnerung, der das Theater sei – hier zitiert sie auch ihren neuen Intendanten Johan Simons -, ein “Ort, wo man übt, Mensch zu sein”.  Und nun der Hermine-Körner-Ring. “Ist ja unerhört”, sagt Schmahl gerührt. “Als wenn sich hier ein Kreis schließt.”

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker

Beim Empfang im Oberen Foyer: Johan Simons, Jossi Wieler, André Jung und Klaus Völker

Ein kleiner Kreis von Kollegen und Freunden stieß hernach bei einem Empfang im oberen Foyer der Kammerspiele noch mit der Preisträgerin an und begutachtete ihren Siegelring. Neben Katja Bürkle, André Jung, Steven Scharf und dem inzwischen ans Hamburger Thalia abgewanderten Hans Kremer, Schmahls Mitspielern in “Rechnitz”, waren auch Ensemblekollegen wie Sylvana Krappatsch, Walter Hess, Wolfgang Pregler und Peter Brombacher gekommen. Und auch Schmahls Kinder, Hannah und Sebastian Rudolph, waren da.

Geburtstagskind André Jung

Geburtstagskind André Jung

André Jung feierte übrigens gestern seinen 57. Geburtstag – na ja, soweit man das “feiern” nennen kann, wenn man an dem Abend auftreten und einen von Jelineks makabren Boten des Massakers von Rechnitz spielen muss. Aber der Schauspieler war ganz guter Dinge und braucht – nach der Knie-Operation, die er dieses Jahr absolvierte – auch keine Krücken mehr. Geburtstag hatten gestern, am 13. Dezember, u.a. auch die Theaterschauspielerinnen Edith Clever, Jutta Wachowiak (beide wurden 70) und Jutta Lampe (73).

Hildegard Schmahl wurde in diesem Jahr 70 (siehe meinen Blogeintrag hier). Aber wie schön sie gestern wieder strahlte! Wie gut dieser Frau das Alter steht … und ihr Ring natürlich auch.

P.S.: Alle Fotos sind von mir selbst mit meiner neuen Kamera gemacht. Die am Freitag verloren gegangene Kamera mit den Bildern von der SZ-Abschiedsfeier für Kilz ist leider nicht wieder aufgetaucht.

14.12.10 | 17:45 | Ausgezeichnet! | Glückwunsch! | Kollegialitäten | Kommentare 0 Kommentare

Journalistenpreise für Zielcke, Gorkow & Kniebe

Die Herren Preisträger: Andreas Zielcke, Alexander Gorkow, Tobias Kniebe

Die Herren Preisträger: Andreas Zielcke, Alexander Gorkow, Tobias Kniebe

Gestern gab´s in unserer kleinen Redaktion schon wieder einen Grund zum Feiern: Die geschätzten Kollegen Andreas Zielcke (Feuilleton-Autor, dereinst sogar Feuilleton-Chef), Alexander Gorkow (Ressortchef Seite Drei) und Tobias Kniebe (Filmredakteur im Feuilleton) haben begehrte Journalistenpreise abgeräumt und dies mit den Kollegen ihrer Abteilungen gefeiert. Wo? Im Feuilleton natürlich, dem Ressort des Geistes, der Sinnlich- und der Feierlichkeiten.

Ein Hoch auf die Feuilleton-Kollegen! Von links: Andrian Kreye, Gottfried Knapp, Andreas Zielcke, Christopher Schmidt. (Alle Fotos von mir ... habe mir eine neue Kamera zugelegt)

Ein Hoch auf die Kollegen! Von links: meine Feuilleton-Kollegen Andrian Kreye, Gottfried Knapp, Andreas Zielcke und Christopher Schmidt. (Alle Fotos von mir ... habe mir eine neue Kamera zugelegt!)

Heißt es sonst bei solchen Gelegenheiten hier gerne “In dubio Prosecco”, ließen die drei Ausgezeichneten sich nicht lumpen – und ein paar Flaschen Champagner springen. Und Häppchen gab´s auch. Und den weltbesten Stollen, gebacken im Hause Zielcke nach einem ausgeklügelten Witzigmann-Rezept. Danke, liebe Kollegen. Und ganz herzlichen Glückwunsch!

Wofür genau es  die Preise gab – wo die gekürten Kollegen doch generell preiswürdig sind – wurde bei dem Umtrunk auch noch mal ge- bzw. erklärt:

Ausgezeichnet!

Ausgezeichnet!

Tobias Kniebe und Alexander Gorkow erhielten ihre Auszeichnung beim Deutschen Reporterpreis in Berlin (der von Journalisten an Journalisten vergeben wird) für die “beste Kulturreportage” – und zwar für ihr gemeinsam verfasstes Stück “Junge Nummer Eins”,  erschienen in der SZ vom 24. Juli 2010, nachzulesen hier.  Dieses Porträt des Filmemachers Klaus Lemke sei mit „viel Wärme und charmanter Distanzlosigkeit“ geschrieben und von „extremem Unterhaltungswert“, befand die Jury.  So würde eine Phase im deutschen Film auferstehen, deren Protagonisten mit ihrer Kompromisslosigkeit Vorbilder waren und deren Filme heute noch das Publikum begeistern.

Mr. Gorkow

Mr. Gorkow

(Wer wissen will, wer alles in der Jury des Deutschen Reporterpreises sitzt – hier bitte: die Journalisten Axel Hacke, Erwin Koch, Nils Minkmar, Stefan Niggemeier, Angelika Overath, Sabine Rückert und Gerhard Samulat, die Autorinnen Kathrin Passig und Monika Maron, die Regisseurin Doris Dörrie, der Theaterintendant Matthias Hartmann, die Verlegerin Antje Kunstmann, der Publizist Manfred Bissinger, der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und Harald Schmidt.)

Bei so vielen Preisen gratuliert auch Personalchef Schulz (der mit Krawatte, rechts von Kniebe). Die anderen zwei sind von der Drei: Hilmar Klute und Jochen Arntz.

Bei so vielen Preisen gratuliert auch Personalchef Schulz (der Herr mit Krawatte, rechts von Kniebe). Die anderen zwei sind von der Drei: Hilmar Klute, Jochen Arntz.

Zielcke wiederum erhielt den “Leuchtturm-Preis für besondere publizistische Leistungen”, verliehen von der Journalistenvereinigung “Netzwerk Recherche” in Mainz. Dieser Preis stand diesmal ganz unter dem Zeichen von Stuttgart 21 und ging zu gleichen Teilen auch an Arno Luik vom Stern und an den Stuttgart-Vermittler Heiner Geißler.

Feuilleton und Recherche? Das sei ja doch wohl ein Widerspruch in sich, unken gerne die Kolllegen aus den “harten Ressorts”. Mitnichten!

Dr. Andreas Zielcke - nicht nur juristisch, sondern auch kulinarisch ein Kenner

Dr. Andreas Zielcke - nicht nur juristisch, sondern auch kulinarisch ein Kenner

Zielcke hat gemacht, was in Sachen Stuttgart 21 keiner vor ihm gemacht hat: Er hat im Archiv des Stuttgarter Gemeinderats einfach mal die Akten durchgesehen, um zu überprüfen, wie viele Einfluss-, Einspruchs- und Miteintscheidungsmöglichkeiten die Stuttgarter Bürger bei dem seit Mitte der neunziger Jahre geplanten Bahnhofsprojekt denn tatsächlich hatten: nämlich so gut wie keine.  “Der unheilbare Mangel” hieß der Feuilleton-Text vom 19.10.2010, in dem Zielcke seine Erkenntnisse mit juristischer Präzision darlegte, nachzulesen hier. Zielcke entkräftet darin sehr schlüssig die Unterstellung der Projektverantwortlichen, die Stuttgart-21-Gegner hätten genügend Gelegenheiten zur Mitsprache gehabt.

Gratulation!

12.12.10 | 22:31 | Abschied von ... | Kollegialitäten | Kommentare 0 Kommentare

Kilz nimmt Abschied von der SZ

Zum Abschied schneidet sich Chefredakteur Hans Werner Kilz ein Stück aus der SZ-Torte. Er hatte diese Zeitung immer schon zum Fressen gern. (Foto: Stefan Rumpf)

Zum Abschied schneidet sich Chefredakteur Hans Werner Kilz ein dickes Stück aus der SZ-Torte. Er hatte diese Zeitung schon immer zum Fressen gern. (Die Fotos sind diesmal alle von Stefan Rumpf, da meine Kamera mit sämtlichen Bildern verloren gegangen ist ...)

Am Freitag war das SZ-Abschiedsfest für unseren Chefredakteur Hans Werner Kilz, im Folgenden HWK genannt. Es handelte sich dabei um den Höhepunkt der Kilz-Abschiedsfeierlichkeiten, die zwei Wochen zuvor mit einer offiziösen, von den Verlegern ausgerichteten, aber doch überraschend atmosphärischen Dinner-Party in der “Alten Gärtnerei” in Taufkirchen bei München begannen – einer übrigens sehr schönen, grünzeugumrankten Location, die gerne für Hochzeiten genutzt wird.

Going glowing: Hans Werner Kilz mit seiner Frau Bettina Musall (Foto: Stefan Rumpf)

Going glowing: Hans Werner Kilz mit seiner Frau Bettina Musall (Foto: Stefan Rumpf)

Waren bei jenem Verleger-Fest im Glashaus hauptsächlich Verlagschefs, SZ-Ressortleiter und ausgewählte Gäste aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur geladen (von Kilz-Freund Mario Adorf über Marietta Slomka, Giovanni di Lorenzo, Helmut Markwort mit Patricia Riekel bis hin zu Roland Berger und Edmund Stoiber), war das Gärtnerei-Fest also gewissermaßen der “Staatsakt”, so kann man die SZ-Feier vom vergangenen Freitag, den 10. Dezember, getrost eine Familienfete nennen: mit allen Brüdern, Schwestern, Kindern, Stiefkindern, Bastards und etlichen – zum Teil extra angereisten – Großonkeln, Cousinen, Gouvernanten, Opas und Omas der SZ.

SZ-Redakteurin Christiane Schlötzer stellt die 12-seitige Sonderausgabe für Hans Werner Kilz vor. (Foto: Stefsan Rumpf)

SZ-Redakteurin Christiane Schlötzer stellt die Sonderausgabe für Hans Werner Kilz vor. (Foto: Stefan Rumpf)

Sie alle kamen, um jenen Mann zu feiern, der die SZ 15 Jahre lang geleitet und geprägt hat, länger als jeder andere Chefredakteur davor. Die “Süddeutsche Zeitung”, so wie sie heute ausschaut – das ist im Wesentlichen das Werk von Hans Werner Kilz, der diese Zeitung nach und nach umgestaltet, verändert, verbessert und zuletzt durch schwere Krisen gesteuert hat. Er war ein guter Chefredakteur, ein sehr guter. Höchstwahrscheinlich der beste. Jetzt, wo er geht, kann man das getrost mal sagen, ohne gleich der Schleimerei geziehen zu werden. Und ich steh mit dieser Meinung ja beileibe nicht allein.

Extrablatt! Kassian Stroh (aus der Redaktion "Themen des Tages") als Zeitungsbote mit der Kilz-Sonderausgabe vom 10. Dezember 2010. (Foto: Rumpf)

Extrablatt! Kassian Stroh (aus der Redaktion "Themen des Tages") als Zeitungsbote mit der Kilz-Sonderausgabe vom 10. Dezember 2010. (Foto: Rumpf)

Man muss nur mal in die 12-seitige SZ-Sonderausgabe schauen, die die Redaktion für den scheidenden HWK geschrieben und gedruckt hat: ein Werk der Liebe, der Anerkennung und des größten Respekts, durchzogen von jenem Humor, der schon immer den Charme der SZ ausmachte. Vom Unterstöger-Streiflicht über die Seite 2 mit dem “Thema des Tages” (Kilz und der Fußball) bis hin zum großen SZ-Wochenende-Interview auf der letzten Seite (Mario Adorf über: KILZ) ist diese Sonderausgabe ein echtes SZ-Blatt.

In einschlägigen Erfahrungsberichten, kleinen Meldungen, lustigen Editorials und meinungsfesten Kommentaren erfährt man da alles über HWK:

Wer sie sieht, liest sie gleich: die HWK-Sonderausgabe

Wer sie sieht, liest sie gleich: die HWK-Sonderausgabe

seine Herkunft aus Worms, seine Vorliebe für den HSV, die Osteria Italiana und italienischen Rotwein der Marke Brunello; alles über sein Verhältnis zu Geld, Volontären, Frauen, zu Angela Merkel und Fehlern im Blatt. Heribert Prantl nennt Kilz in seinem Editorial “die Amaryllis unter den Chefredakteuren” (als solche: eher “pflegeleicht”), Willi Winkler ehrt ihn als den “letzten Live-Rock´n´Roller”. Es gibt eine Karikatur von Hanitzsch und eine Extra-Zeichnung von Rattelschneck, und auf einer Doppelseite ist die ganze schöne Rede dokumentiert, die Kurt Kister beim Verlegerfest im Gewächshaus für Kilz gehalten hat, illustriert mit einer Zeichnung von Luis Murschetz, auf der Kilz als Lotse von Bord eine SZ-Papierfliegers geht.

Kilz kriegt die SZ-Torte überreicht, eine kalorienreiche Spezialanfertigung. Mit im Bild: SZ-Mitarbeiter Titus Arnu und der zehnjährige Kilz-Sohn Leo.

Kilz kriegt die SZ-Torte überreicht, eine kalorienreiche Spezialanfertigung.

Aber nicht nur in Papier-, sondern auch in Teigform gab es an diesem Abend eine SZ-Spezialausgabe. Der Redaktionsausschuss hatte die SZ-Titelseite vom 15. /16. März 2003 als Torte nachbacken lassen: jene denkwürdige Ausgabe, in der das Streiflicht nur in einer Miniform von 29 halbspaltigen Zeilen erschien – aus Protest gegen die Schließung der NRW-Redaktion. Es war eine redaktionelle Protestmaßnahme, die dem Chefredakteur leicht den Kopf hätte kosten können, denn die Geschäftsführung, die vorab davon Wind bekommen hatte, was not amused …  Gegessen! Kilz hat die Affäre überlebt. Und so verspeiste man an seinem Abschiedsfest siebeneinhalb Jahre später genüsslich ein Stück SZ-Geschichte.

SZ-Sonderausgabe in Tortenform  (Foto: Rumpf)

SZ-Sonderausgabe in Tortenform

Viel SZ-Geschichte auch in der Kaiser-Rede. Nachdem Kurt Kister, Kilzens Nachfolger als SZ-Boss (und schon bisher die Nummer 2), bereits auf dem Verlegerfest in der Taufkirchener Gärtnerei eine Rede gehalten hatte – eine überaus glanzvolle, treffende, bewegende Rede im Verbund mit Seite-3-Chef Alexander Gorkow, der dazu begleitend die O-Töne Kilz vortrug -, nachdem Kister also schon vorgelegt hatte, zog nun als Festredner Joachim Kaiser nach, der ehrwürdige Doyen der SZ, mit seinen nun bald 82 Jahren der dienstälteste Kollege überhaupt. Seit 1959 gehört Kaiser der Redaktion an, das muss man sich mal vorstellen! Kein Wunder also, dass es ihm ein Leichtes war, eine kleine Typologie aller bisherigen SZ-Chefredakteure, angefangen bei Werner Friedmann über Hermann Proebst, Hans Heigert und Dieter Schröder bis hin zu Hans Werner Kilz, zum Besten zu geben.

Joachim Kaiser hält eine Lobesrede auf Kilz. Kaiser hat sämtliche SZ-Chefredakteure er- und zum Teil auch überlebt. (Foto: Rumpf)

Joachim Kaiser hält eine Lobesrede auf Kilz. Kaiser hat sämtliche SZ-Chefredakteure er- und zum Teil auch überlebt. (Fotos: Rumpf)

Was denn eigentlich ein Chefredakteur sei, fragte Kaiser. Um sogleich zu antworten: “Ein Chefredakteur ist ein Mann, der anderer bedarf.” Und dann zog er noch den Vergleich mit der Ehe. Sei das Verhältnis zwischen Redaktion und Chefredaktion allzu harmonisch, so Kaiser, dann bedeute dies: “Einer hat resigniert. In der Ehe ist das meistens der Mann.” Nun ja – Kaiser darf solche Witze machen.

HWK lobte er als einen “leidenschaftlichen Zeitungsmacher und Ressortumgestalter”, als homo politicus mit “Feuilletonverstand”, als einen Menschen, mit “mindestens zwei, wenn nicht fünf bis sechs Seelen” in seiner Brust, und für all das brachte Kaiser auch Beispiele bei.

Deadline, die SZ-Redaktionsband, gibt ein Abschiedskonzert für Kilz (Foto: Stefan Rumpf)

Deadline, die SZ-Redaktionsband, gibt ein Abschiedskonzert für Kilz

Dass er tatsächlich ein Kulturmensch ist, bewies Kilz nicht nur durch die Gründung der Nibelungen-Festspiele in seiner Geburtsstadt Worms. Wie HWK bei seinem Abschiedsfest erstmals kundtat, hat er überhaupt ganz früh schon als Theatermann begonnen: Als Wormser Dreikäsehoch spielte er den Wichtel Bums im “Schneewittchen” und wurde dafür als Schauspieler ausgezeichnet. Aktuell kommt jetzt auch noch der Preis für sein journalistisches Lebenswerk dazu. Und im Januar erhält Kilz – für besondere Verdienste um die deutsche Sprache – die Carl-Zuckmayer-Medaille.

"Deadline" rockt die Redaktion. Hier tanzt Kilz mit seiner Frau Bettina Musall. (Foto: Rumpf)

Deadline rockt die Redaktion. Hier tanzt Kilz mit seiner Frau Bettina Musall. (Fotos: Rumpf)

Ach ja, es war wirklich ein schönes, stimmungsvolles, sehr persönliches Fest, ausgerichtet vom Redaktionsausschuss in der SZ-Hochhaus-Kantine – so locker und familiär, wie Kilz sich das gewünscht hatte. Musikalisch bestritten wurde es von der hauseigenen Redaktionsband Deadline, die Kilz zu Ehren extra ein paar neue Cover-Songs einstudiert hatte, darunter “Lady Madonna” von den Beatles, “Don´t stop thinking about tomorrow” von Fleetwood Mac und – der absolute Chef-Hammersong – “Sledgehammer” von Peter Gabriel. Bei “Locomotive Breath” von Jethro Tull spielte

Polizeireporterin Susi Wimmer singt "My Way" für Kilz, auf der Ukulele begleitet von Gerhard Summer (Redaktion Starnberg). Foto: Rumpf

Polizeireporterin Susi Wimmer singt "My Way" für Kilz, auf der Ukulele begleitet von Gerhard Summer (Redaktion Starnberg). Fotos: Rumpf

Feuilletonchef Thomas Steinfeld nicht nur, wie gewohnt, Bass, sondern brachte erstmals auch die Querflöte zum Einsatz. Ich warte darauf, dass er demnächst auf dem Theremin debütiert. Oder zumindest auf der Oboe. Ich glaube, Dinge, die er nicht kann, ärgern ihn …

Deadline hat inzwischen schon ein stattliches Repertoire, und wenn die lieben Kollegen so richtig aufdrehen, dann rockt das ganze Hochhaus. Egal, wenn da nicht jeder Ton sitzt. Die Stimmung war jedenfalls super.

Tolle Stimmung beim "Deadline"-Konzert. Und wen hält Kilz hier schon wieder im Arm? Es ist Lucia Stock, die rechte Hand von Herrn Kaiser, una bella donna italiana. (Foto: Stefan Rumpf)

Tolle Stimmung beim Deadline-Konzert. Und wen hält Kilz hier im Arm? Es ist Lucia Stock, die rechte Hand von Herrn Kaiser, una bella donna italiana.

P.S.: Ich habe von dem Fest sehr sehr viele Fotos gemacht, schöne Fotos, lustige Fotos, Fotos nicht nur vom scheidenden, feiernden, tanzenden Kilz, sondern von der ganzen Mischpoke. Und wo sind sie? Weg! Alle mit der Kamera verloren. Denn, ja: Diesmal ist mein Fotoaparat, meine kleine Canon Ixus 850, tatsächlich verloren gegangen. Nein, nicht auf dem SZ-Fest, sondern hinterher, im Taxi oder in einer dieser beiden Bars, wohin ein harter Kern hernach leider noch entschwand. Zu blöd! Ich bin untröstlich, das kann ich versichern. Habe die Taxizentrale heiß gemacht und überall angerufen … ohne Erfolg. Diesmal ist sie tatsächlich weg. Mit Fotos von einem einmaligen, unwiderbringlichen Ereignis …

P.S. Mein Dank geht an den SZ-Fotografen Stefan Rumpf, dessen Fotos ich hier verwenden darf. Und ich entschuldige mich bei allen, denen ich Bilder versprochen habe.

08.12.10 | 23:18 | Dies & das | Trouvaillen | Kommentare 1 Kommentar

Sauber, sog i!

Münchner Fußgänger-Container-Tunnel: So sauber, dass man sich drin spiegeln kann

Münchner Fußgänger-Container-Tunnel: So sauber, dass man sich drin spiegeln kann

München, Innenstadt. Bin neulich Abend nach einer Premiere in den Kammerspielen bei Schneewetter Richtung Odeonsplatz gestiefelt. An der Alten Residenzpost, Maximilianstraße / Ecke Residenzstraße, ist da jetzt diese Baustelle. Es entsteht hier, auf einer Fläche von mehr als 4500 Quadratmetern, das sogenannte Palais an der Oper. Die Passanten werden an der Fassade entlang durch so einen Baucontainer-Fußgängertunnel geschickt. Eigentlich nichts Besonderes. Aber in München schon!

Das bayerische Reinheitsgebot  - jetzt auch in Fußgänger-Schleusen!

Das bayerische Reinheitsgebot - jetzt auch in Fußgänger-Schleusen!

Geht man da durch, wird man von der Sauberkeit, Weißheit, ja von der geradezu strahlenden Reinheit dieses Containerschleusengangs direkt geblendet. Unglaublich! Fast schon wollte ich meine Stiefel ausziehen, um nur ja keinen Matsch reinzutragen. An den – hell erleuchteten – Blechcontainerwänden fand sich überhaupt kein Geschmiere, kein einziges Graffitto, nicht einmal ein Strichlein, kein kitzekleines Kritzelchen. Alles blitzeblank, wie von Meister Proper und Herrn Domestos persönlich gescheuert.

Wer ein bisschen rumkommt in Deutschland oder sonstwo auf der Welt und zum Beispiel die Hausfassadenbeschmierungsnot der Berliner kennt, der kommt zu der unbefleckten Erkenntnis: Das gibt es nur in München!

Die Frage ist nur, ob man so viel Saubermännlichkeit dem bayerischen Reinheitsgebot zurechnen und mithin als ursprünglich und pur begrüßen oder nicht vielleicht doch eher gespenstisch finden soll …