13.11.10 | 00:06 | Dichtung & Wahrheit | Geht wieder | Kommentare 0 Kommentare

Bauer-Salon goes Aurora Bar

Kerstin Specht liest aus ihrer Paraphrase der Odysseus-Heimkehr

Kerstin Specht liest aus ihrem Stück "Odysseus!"

Jetzt sind schon wieder so viele Tage ins Land gegangen, und ich habe noch gar nichts über die erfolgreiche Wiederbelebung meines Kultursalons am vergangenen Samstag, dem 6. November, in der Münchner Aurora Bar geschrieben. Das muss jetzt schleunigst nachgeholt werden, das bin ich allein schon den beiden tollen Künstlern schuldig, die an dem Abend aufgetreten sind: die Dramatikerin Kerstin Specht und der Komponist Minas Borboudakis, denen ich hier noch mal von Herzen danken möchte. Ihr wart großartig!

Minas Borboudakis spielt sein Stück "Zykloiden I"

Minas Borboudakis spielt sein Stück "Zykloiden I"

Die Aurora Bar meines Freundes Anderl Lechner ist mit ihrem ebenso gemütlichen wie stilvollen Club-Ambiente für einen Kultursalon wie geschaffen – und war allein schon deshalb der richtige Austragungsort, weil dort, anders als bei mir im Wohnzimmer, ein Klavier steht. Außerdem kann man in die Aurora Bar natürlich viel mehr Leute einladen … und es kommen Überraschungsgäste vorbei, wie zum Beispiel an diesem Abend: Sepp Bierbichler.

Der Bauer-Salon – benannt nach meiner Straße, der Bauerstraße – wurde im Herbst 2008 bei mir zuhause im kleinen Kreis gegründet. Auftretender Künstler war damals kein anderer als Anderl Lechner, der jetzige Wirt.

So fing´s damals an: 1. Bauer-Salon mit Anderl Lechner und den Musikerinnen Fany Kammerlander (Cello) und Franziska Eimer (Harfe) in der Lesung "Frieda"

So fing´s damals an: 1. Bauer-Salon mit Anderl Lechner, Fany Kammerlander (Cello) und Franziska Eimer (Harfe) bei der Lesung "Frieda"

Er trug seinen Monolog “Frieda” vor, die Lebensgeschichte seiner Münchner Mutter, begleitet von der Cellistin Fany Kammerlander und der Harfenistin Franziska
Eimer. Also, was soll ich sagen … die Salon-Taufe war ein voller Erfolg! Dass der Bauer-Salon danach ins Koma fiel, muss allein der Salon-Bäuerin angelastet werden, die ständig in der Theaterlandschaft herumkurvt und nie Zeit hat. Aber jetzt ist sie wieder voller guter Vorsätze, welche durch die erfolgreiche aushäusige Reanimation des Salons aufs Schönste genährt werden.

Die Künstler des 2. Bauer-Salons: Minas Borboudakis und Kerstin Specht

Die Künstler des 2. Bauer-Salons: Minas Borboudakis und Kerstin Specht

Kerstin Specht und Minas Borboudakis ist es zu verdanken, dass es eine richtig professionelle, absolut hochkulturelle Veranstaltung wurde.

Minas Borboudakis, Jahrgang 1974, ist ein griechischer Komponist und Pianist, der bei seinen klangexperimentellen Schöpfungen auf antike Tonsysteme und altgriechische Muster ebenso zurückgreift, wie er mit Atonalität, elektroakustischen und perkussiven Elementen spielt. Er stammt aus Kreta, lebt aber seit vielen Jahren in München, wo ich ihn im Februar bei der Premierenfeier von Peter Eötvös´ Oper “Die Tragödie des Teufels” kennen lernte.

Minas Borboudakis in Aktion

Minas Borboudakis in Aktion

Beim Salon habe ich ihn zum ersten Mal live spielen hören – und spielen sehen: eine Wucht! Ich meine das im umfassenden Sinn des Wortes. Was – und auch: wie – er spielt, ist ungeheuer expressiv und intensiv, und er hat dabei die Körperspannung eines Raubtiers. Die zwei Eigenkompositionen, die er äußerst temperament- und kraftvoll zum Besten gab, tragen die Titel “Zykloiden I ” und “Palindromia”. Zwei Hammerstücke, nicht leicht eingängig, aber extrem fordernd und eindringlich.

Kerstin Specht, lesend

Kerstin Specht, sich vorbereitend

Kerstin Specht, die – wie ich – aus Oberfranken kommt und mit Stücken wie “Lila”, “Amiwiesen” und “Das glühend Männla” bekannt wurde, kenne ich als Theaterkritikerin natürlich schon länger. Wir waren vor vielen Jahren sogar mal gemeinsam mit einer Künstler- und Journalistengruppe der Bundeszentrale für politische Bildung in Israel unterwegs. Beim Salon las sie aus ihrem neuen, noch nicht uraufgeführten Stück “Odysseus!”, das sie zusammen mit Manolis Manussakis entwickelt hat, dem Wirt der bekannten Schwabinger Taverne Kalypso (dem Stammrestaurant von Dieter Dorn).

Kerstin Specht mit Manolis Manussakis, mit dem gemeinsam ihre "Odysseus"-Paraphrase entwickelt hat.

Kerstin Specht mit Manolis Manussakis, mit dem sie ihre "Odysseus"-Paraphrase entwickelt hat.

Das Stück ist eine lakonisch-melancholische Fortschreibung des Mythos aus heutiger Sicht. Es beginnt, wenn der Titelheld nach Ithaka zurückgekehrt ist. 20 Jahre war er weg – wie soll man da an frühere Zeiten, an die frühere Liebe anknüpfen können? Der gealterte Odysseus hält sich auch gar nicht lange bei und mit Penelope auf, sondern bricht gleich wieder auf: erst in einen vermeintlichen zweiten Frühling mit Helena, seinem Jugendschwarm, und dann weiter in die Illusionslosigkeit, in die Banalität der Realität und noch weiter bis zum Nordpol des Herzens.

Salon-Gast Sepp Bierbichler

Salon-Gast Sepp Bierbichler

Die Ruhe und nüchterne Klarheit, mit der Kerstin Specht diesen Text über das Altern von Menschen und Gefühlen vortrug, erzeugte einen schönen, trägen, die Geschichte sanft tragenden Fluss, auf dem man nicht nur den abgewrackten Odysseus, sondern auch so manch eigene Hoffnung dahinplätschern sah … Das hat sie wirklich gut gemacht.

Dass – rein zufällig – auch Sepp Bierbichler in der Aurora Bar vorbeischaute und dann zum Salon-Programm blieb, hat mich sehr gefreut, kann man sich ja denken.

Yep! So ungefähr stell ich mir das mit dem Salon vor. Austausch, Vernetzung, Geselligkeit, kreatives Beisammensein – alles ganz zwanglos, in lockerem, stilvollem Ambiente, und es kommen: gute Leute (ins Gespräch).

Anatol Regnier mit seiner Frau Anja

Anatol Regnier mit seiner Frau Anja

Salon-Gast war – neben vielen guten Freunden und einigen Kollegen – auch der Schriftsteller und Gitarrenprofessor Anatol Regnier, der Enkel von Frank Wedekind. Er hat über seinen Großvater die Biografie “Frank Wedekind – eine Männertragödie” geschrieben und auch ein Buch über Tilly Wedekind und ihre Töchter veröffentlicht, ein charmanter Herr mit feiner Ausstrahlung.

Und es war, last but not least, auch mein ehemaliger Dozent Hans-Martin Schönherr da, Professor für politische Philosophie an der LMU. Er, der mich durch seinen eigenen “philosophischen Rau(s)chsalon” überhaupt erst auf die Idee mit dem Kultursalon gebracht hat, ist Gründungsmitglied und Spiritus Rector des Bauer-Salons.

Dank an alle, die da waren und den Abend mit ihrer Anwesenheit belebt und bereichert haben. Es soll auf alle Fälle weitergehen.

Es lebe die Salon-Kultur!

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