24.11.10 | 17:00 | Kollegialitäten | Kommentare 2 Kommentare

Alex Rühle fragt mal den Kaiser …

Meine lieben Feuilleton-Kollegen erkenne ich inzwischen schon am Gang. Wenn vom langen Hochhaus-Flur so ein gewisses schleifendes Schlurfen in mein Büro hereindringt, so ein zügiges Tappen mit schabender Sohle, als würde jemand über den Rips-Teppichbodenbelag wie über eine vereiste Loipe trappeln – dann ist es, kein Zweifel, Joachim Kaiser, der große Meister, auf dem Weg in den Panoramafenstersekretariatsbereich.

Alex Rühle

Alex Rühle

Solcherart hatschte Kaiser vorhin an meiner offenen Tür vorbei, gefolgt vom hibbelig-federnden Tänzel- und Schlenkergang des rührigen Kollegen Alex Rühle. An der Wasser- und Kaffee-Tränke, wo beide zusammentrafen, hat sich ein kleines Fachgespräch entsponnen, das den lieben Alex derart verblüffte, dass er ganz beschwingt bei mir, die ich mein Büro gleich nebenan habe, hereinfederte, um seiner Begeisterung über die kaiserliche Kompetenz-Kompetenz ungestümen Lauf zu lassen. Das war so süß – und ist als Kaiser-Anekdote, wie ich finde, ein unerlässliches Leser-Schmankerl. Alex, willst Du das nicht für den Blog aufschreiben? Ja klar, warum nicht, sagte Alex, und weil er von der flotten Truppe ist, hat er gleich eine E-Mail geschickt und uns seine wunderbare Kaiser-Geschichte aufgeschrieben:

Joachim Kaiser

Joachim Kaiser

Hat schon was, wenn man mit dem Weltgeist auf einem Flur arbeitet. Ich hab da seit Wochen dieses Stück gesucht, eine Bach-Bearbeitung, die ich mal von Emil Gilels gehört habe. Hieber hat die Noten nicht, bei Amazon hab ich sie nicht gefunden. Gerade treff ich Kaiser vorne am Kaffeeautomaten und frage, “Herr Kaiser, sagt Ihnen das vielleicht was:  Bach/Siloti?”

Kaiser schaut mich so von unten an und sagt: “Was meinen Sie genau? Singen Sie mal!” Ich singe drei Takte vor, da führt er aus: Das ist Bach. Bearbeitet von Siloti. Ein Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier, e-moll, das hat der sehr intressant bearbeitet, man erkennts kaum wieder, gibts eine traumhafte Einspielung von Emil Gilels …” Spricht´s, faltet seine Brille zusammen und geht von dannen. An der Ecke dreht er sich nochmal um: “Ich hab die Noten, bring ich Ihnen mit.” Dann schlurfte der Weltgeist zurück in sein kleines Büro.

23.11.10 | 23:49 | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Hamburg (Thalia): Der kunterbunte Kater

Blog-Thallia-Kater-Logo

Wie schon gesagt: Ich bin wegen “Peggy Pickit” nach Hamburg gekommen. Aber dann betritt man das Thalia Theater und wird sinnlich sofort in Beschlag genommen vom “Gestiefelten Kater”, welcher in hundertfacher kunterbunter Ausführung die Wände tapeziert.

Kater-Stimmung im Foyer

Kater-Stimmung im Foyer

Lauter Miezekatzenbilder, gemalt von Kinderhand: unglaublich süß, witzig, kurios, kreativ, originell, manche zum Schreien komisch und alle wahnsinnig schön, wirklich schön  – eine Augenweide, ein Lachmuskel- und Sinnenreiz, eine farbenfrohe Fantasie-Attacke. Man meint auf Anhieb, Horden von Kindern durch das Theater stieben und diese typische Kindergarten- und Pausenhof-Geräuschkulisse produzieren zu sehen, und das ist eine sehr schöne Vorstellung, da so von Leben, Freude, Aufregung erfüllt.

Das Thalia Theater hat anlässich der Weihnachtsmärchenproduktion “Der gestiefelte Kater”, die am 7. November Premiere hatte, zu dieser Malaktion aufgerufen.

Kunterbunte Miezekatzen, farblich sortiert: hier die rote Hängung

Kunterbunte Miezekatzen, farblich sortiert: hier die rote Hängung

Die Vorgaben für alle teilnehmungswilligen Kids lauteten: Wachsmalkreide, ein weißes Din-A3-Blatt im Hochformat und die Aufgabe, mit dem Porträt des Katers das ganze Format zu füllen. Auf diese Weise konnte das Theater diesen gelungenen seriellen Charakter bei der “Hängung” erzeugen.

850 Katzen-Bilder hängen da nun bis Januar im unteren, oberen und im Mittelrang-Foyer des Thalia Theaters aus und verbreiten gute Laune.

Cats in Hamburg: immer ein Erfolg!

Cats in Hamburg: immer ein Erfolg!

Das Grimmsche Märchen vom “Gestiefelten Kater” läuft in Hamburg in einer Fassung von Wolf-Dietrich Sprenger, der auch Regie geführt hat. Den Kater spielt Philipp Hochmair, und weil das ein hochenergetischer, hypermotorischer, hochsympathischer Schauspieler ist, der sich da gewiss nichts schenkt, wird er den ausgehängten Katzen-Bildern gewiss in mindestens 850 Facetten entsprechen.

Als ich am Sonntagabend bei der Premiere von “Axolotl Roadkill” im Thalia in der Gaußstraße war, lief mir Philipp Hochmair – der in “Axolotl” gar nicht mitspielt – hinterher im Hof zufällig über den Weg, und da habe ich ihn mir gleich gekrallt, he he, um ihn für diesen Mieze-Blog abzulichten.

Philipp Hochmair, der leibhaftige Kater. Etwa gar ein Kinderschreck?

Philipp Hochmair, der leibhaftige Kater. Etwa gar ein Kinderschreck?

Damit wir hier auch mal den leibhaftigen Hamburger Stiefelkaterkönig zu sehen kriegen! Hochmair spielt ihn übrigens oben ohne – und untenrum mit schwanzbesetzter Fellhose, er demonstrierte mir das mit iPhone-Fotos.

Jedenfalls: ein Pussykätzchen ist das nicht. Wenn Hochmair so böse fauchend seine Krallen streckt wie hier bei mir … dann, na ja, weiß ich auch nicht, ob er nicht so manches zartbesaitete Hamburger Schmusekätzchenkind gehörig verschreckt.

Aber ich sag mal, liebe Kids, da müsst ihr durch! Das Theater ist nicht umsonst eine harte Schule des Lebens. Lasst euch das mal von Tante Christine gesagt sein.

23.11.10 | 20:00 | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Hamburg (Schauspielhaus): Er aber, sag´s ihm, er kann mich . . .

Blog-HH-Schauspielhaus-Fassade

Die zweite Inszenierung von Schimmelpfennigs neuem Stück “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes” führte mich am vergangenen Wochenende von Berlin nach Hamburg. Dort hat Wilfried Minks das Stück – gleich einen Tag nach der deutschsprachigen Erstaufführung durch Martin Kusej in Berlin – am Thalia Theater herausgebracht (siehe meine Doppelkritik im SZ-Feuilleton von gestern). Hier abgebildet ist aber das – vorerst gerettete – Hamburger Schauspielhaus.

Denn: Wenn man mit dem Zug in HH ankommt und zur Kirchenallee hin aus dem Hauptbahnhof tritt, dann hat man dieses große, schöne Theater schräg vis-a-vis sofort im Blick. Das gibt es so offensiv in keiner anderen deutschen Stadt: das Theater, majestätisch, einladend und ganz ohne Dünkel, mitten im Bahnhofsviertel! Das Theater: ein klares Statement! Und für jeden Ankommenden ein erster starker Eindruck.

Und das Haifisch-Logo, das hat Zähne ...

Und das Haifisch-Logo, das hat Zähne ...

Seit der glücklose Intendant Friedrich Schirmer zu Beginn der Spielzeit vorzeitig von Bord gegangen ist und den Riesendampfer seinem Schicksal überlassen hat und dieses Schicksal in Gestalt eines sparhammermäßigen Unkultursenators über das (leider auch künstlerisch) dahindümpelnde Haus düster hereingebrochen ist … seit diesen heftigen Stürmen und der dadurch drohenden Havarie gibt man sich am Hamburger Schauspielhaus höchst kämpferisch.

Mich ergeben?! Ha! Das Hamburger Schauspielhaus zeigt´s seinem "Hauptmann".

Mich ergeben?! Ha! Das Hamburger Schauspielhaus zeigt´s seinem "Hauptmann".

Schirmers vormaliges Logo, der liebliche Delphin, hat jetzt Haifischflossen und die entsprechenden Zähne bekommen. Und das Plakat zur Inszenierung von Goethes “Götz von Berlichingen” prangt in zorniger Eindeutigkeit an der Schauspielhausfassade. Darauf: Hauptdarsteller Markus John mit der Anmutung eines gestandenen CDU-Politikers der Bonner Kohl-Republik – und mit Ritterbeil. Offenbar mit eiserner Hand entschlossen, in die Schlacht zu ziehen. Und das berühmte Götz-Zitat darf hier natürlich auch nicht fehlen. Man kann sich den Adressaten sofort denken, wenn es in Sachen “Mich ergeben!?” in Richtung “Hauptmann” heißt: “Er aber, sag´s ihm, er kann mich im Arsch lecken.” Hat was.

22.11.10 | 19:26 | Geht doch! | Premierenallerlei | Theater | Kommentare 0 Kommentare

Berlin ändert sich – zum Glück

An dem Abend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes gesehen hatte, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm der Spaßteufel Ulrich Matthes für dieses Foto aufsetzte.

An dem Berliner Premierenabend, als Peggy Pickit das Gesicht Gottes sah, sah Grand Old Johannes Schütz nicht die Hörner, die ihm Spaßteufel Ulrich Matthes aufsetzte.

Letzten Freitag, nach der Premiere von Schimmelpfennigs “Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes”, ist mir im Deutschen Theater Berlin meine Kamera abhanden gekommen. Ich hatte sie im Damenklo liegen lassen. Als ich den Verlust bemerkte und an Ort und Stelle nachschaute, war sie weg. Natürlich. Klar. War ja Berlin.

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Berlin mag arm sein, aber Freibier nach der Premiere gibt es nur hier, am Deutschen Theater, gesponsort von Berliner Kindl. Und das ist nicht das Berliner Christkindl!

Man hätte mich in meiner Aufgeregtheit, Wut und Verzweiflung fluchen und auf dieses Scheiß-Berlin schimpfen hören müssen, während ich, den Tränen nahe, alles absuchte und dann zum Pförtner eilte, um den Verlust anzumelden und – für alle Fälle – meine Telefonnummer zu hinterlassen. Die Hoffnung, meine Kamera könnte beim Pförtner abgegeben worden sein, hegte ich gar nicht erst. Ich meine: war ja Berlin. Da wird doch nichts abgegeben! Da klauen sie dir doch, wenn du nicht aufpasst, sogar deinen vollgekritzelten Notizblock oder deine Visitenkarten oder was weiß ich für nen Kram unter den Fingern weg.

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Kollegen: Elke Buhr, Anke Dürr, Wolfgang Höbel, Peter Michalzik, Wolfgang Kralicek (von links)

Und es war ja auch tatsächlich beim Pförtner nichts abgegeben worden. Klar. Berlin eben. Ohweh, war ich bitter! In München, dachte ich und sagte es allen, die es nicht wissen wollten, in München würde das nicht passieren. Da würde das anders laufen. Da würde so eine auf der Damentoilette vergessene Kamera mit freundlichsten Grüßen an die Besitzerin abgegeben werden! In München hab ich letztes Jahr doch sogar die Einkaufstasche mit den Klamotten zurückbekommen, die ich in der S-Bahn hatte stehen lassen – ein Anruf bei der MVG genügte, um zu erfahren: Ja, die Tasche sei gefunden worden und könne am Ostbahnhof abgeholt werden. Muss man sich mal vorstellen!

Meine an diesem Abend zahlreich vertretenen Kritikerkollegen trösteten mich mit erbaulichen Weisheiten über das Hinnehmenkönnenmüssen  … und dass es sich ja “nur” um einen Fotoapparat handle, den man also nachkaufen könne – womit klar war, dass sie keinen blassen Schimmer von meiner innigen Beziehung zu meiner digitalen Canon haben.

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Am Tatort Theater: Ulrike Folkerts, Georg Uecker

Hätte ich sie doch bloß nicht rausgeholt an diesem Abend! Erst hatte ich ja auch gar keine Lust, Bilder zu machen. War viel zu sehr ins Gespräch verwickelt mit x Leuten, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte …  Berlin eben … war schon länger nicht mehr da.

Seit er hier alleiniger Juror bei den Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer so, Dich zu sehen!

Seit er hier alleiniger Juror bei den diesjährigen Autorentheatertagen war, geht auch FAZ-Filmkritiker Michael Althen regelmäßig ins DT. Bei der SZ saßen wir uns früher jahrelang am Schreibtisch gegenüber. Mensch, Michael, ich freu mich immer, Dich zu sehen!

Aber dann entdeckte ich die an diesem Abend umwerfend aussehende Ulrike Folkerts (die ich mit langen Haaren erst auf den zweiten Blick als Ulrike Folkerts erkannte), und mein lieber Freund Georg Uecker fand, ich müsse ein Foto machen, welches er dann auch arrangierte. Tja, und bei dieser Gelegenheit hab ich dann auch gleich ein paar Kollegen abgelichtet, sieht man ja nicht alle Tage so viele auf einem Haufen.

Und wenig später war sie also weg, die Kamera. Und meine Laune auch. Und ich musste daran denken, dass und wie ich in Berlin schon zwei Mal bestohlen wurde. Und zwar so richtig: Tasche weg mit Geldbeutel, Ausweis, Kreditkarte und allem, wirklich allem. Einmal war´s im Kumpelnest – nun gut, solche zweifelhaften Orte sollte man, zumindest mit Allesdrin-Tasche, vielleicht besser meiden. Aber das andere Mal war´s im Foyer der Schaubühne! In der Schaubühne! Beim F.I.N.D.-Festival vor vielen Jahren! Eine Sauerei.

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Nochmal die schöne Ulrike Folkerts, hier mit dem DT-Intendanten Ulrich Khuon

Ich bin also in dieser Hinsicht ein gebranntes … ähm … beklautes Kind und bitte meine Berlin-Frust-und-Schimpftirade vor diesem Hintergrund zu verstehen. Ohne einen Funken Hoffnung, einfach nur, um am Ende nichts unversucht gelassen zu haben, begab ich mich, bevor ich das DT zu verlassen gedachte, hinüber in die Bar des Kammerspiele-Foyers, wo die eigentliche Premierenfeier mit DJ und so stattfand, und fragte an der Bar nach, ob nicht vielleicht eine Digitalkamera …

Höret nun, liebe Leser, Freunde und Feinde, und staunet über die frohe vorweihnachtliche Botschaft: Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Meine Kamera war tatsächlich an der Bar abgegeben worden und wurde mir mit einer stummen, coolen Geste von einer jungen Barfrau überreicht. Ich war baff. Schlichtweg baff. Vor Freude kamen mir fast die Tränen. Wie großartig das ist, etwas verloren Geglaubtes zurückzukriegen. Was für ein schönes Gefühl! Was für ein gutes Zeichen das ja auch ist! Man bekommt sofort den Glauben an die Menschheit zurück. Und an Berlin!

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (von links): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Vor dem Fotoverlust ist nach dem Fotofund, oder so ähnlich ... Diese hier spendeten mir Trost (v. l.): Till Briegleb, Oana Solomon, Jürgen Berger, Christiane Kühl.

Als ich mich, überglücklich, mit meiner just wiedererlangten Kamera umdrehte, standen da Ulrich Matthes und der Bühnenbildner Johannes Schütz, grinsend, als seien sie selber die Glückspilze, und gratulierten mir. Und so entstand das obige Foto mit den beiden. Für mich das reine Glückspilzbild.

Welche ehrliche Frau auch immer meine Kamera gefunden und an der Bar abgegeben hat: Ich danke ihr von Herzen und wünsche ihr ebensoviel Glück; wünsche ihr, dass die gute Energie, die sie erzeugt hat, auf sie selber zurückwirkt. Und auf die ganze schöne Stadt Berlin.

17.11.10 | 23:20 | Dies & das | Kritikerin unterwegs | Publikationen | Kommentare 1 Kommentar

Heimliche Zwillinge, von Geburt an getrennt

Blog-Schmidt3

Auf dem Titelbild der aktuellen “Mobil”, dem unverzichtbaren Fachmagazin aller Bahnreisenden, ist … ähm … wer gleich noch mal abgebildet?

Schon zweimal ertappte ich mich beim flüchtigen Draufgucken bei dem Gedanken, das sei Edmund Stoiber. – I mean … Stoiber, you remember?

Aber nein: Der im ungewöhnlichen Seitenprofil lachend abgelichtete Titelheld ist Harald Schmidt. – Harald Schmidt, you remember? Es gibt im Moment eigentlich rein gar keinen Anlass oder Bedarf, ein Interview mit Harald Schmidt zu lesen. Oder sollte ich mich da täuschen? Nun je, ich kann inhaltlich eigentlich gar nichts dazu sagen, denn ich habe das Interview tatsächlich nicht gelesen. Die Zeit ist knapp, das Titelbild langweilig, und man hat ja so viele andere Sachen zu lesen – gerade im Zug.

Ich habe das Heft zunächst einfach nur deshalb abfotografiert, weil es mir so unzeitgemäß stoiberhaft erschien …

Dann kam ich nach Nämberch, ins schöne Frankenland, und erlebte den auf Anhieb wahreren, erkennbareren Harald Schmidt: Klaus Kusenberg, Schauspielintendant am Staatstheater Nürnberg, ein Mann von echtem Schmidt-Muster.

Hier mal zum Vergleich:

Blog-Kusenberg1Blog-Schmidt2

—–
Zur Verdeutlichung: Links, das ist Klaus Kusenberg vom Theater in Nürnberg – rechts, das ist Harald Schmidt von Bahn Mobil, oder na ja: Schmidt mobil eben. Die Ähnlichkeit ist frappierend, und Kusenberg, von mir darauf angesprochen, muss beinahe gähnen, weil das für ihn nun wirklich nichts Neues ist. Mit Schmidt, sagt er, werde er schon seit Jahren verwechselt. Eine Zeit lang hätten sie eine fast identische Frisur gehabt, da sei es besonders schlimm gewesen. Aber er stehe da längst drüber.

Klaus Kusenberg

Klaus Kusenberg

Was man unbedingt zu Kusenberg anmerken muss: Er ist derzeit einer der glücklichsten Schauspieldirektoren Deutschlands, wenn nicht der allerglücklichste. Hat er doch in Zeiten, in denen anderswo Sparpakete in Millionenhöhe geschnürt werden (siehe aktuell: Bonn), ein super schönes, rundum erneuertes, technisch hochmodernes Haus hingestellt bekommen (siehe meinen Blog-Eintrag vom 26.10.), in dem man es jetzt theatermäßig mal so richtig krachen lassen kann. Süß, wie er sich freut.

Der “Mobil”-Titel mit Schmidt lautet übrigens: “Ich will kein Upgrade”. Ist ja echt mal eine Nachricht! Die kann das Nürnberger Theater aber kein bisschen jucken, denn das hat ja eins.

15.11.10 | 01:05 | Begegnung mit ... | Kritikerin unterwegs | Theater | Kommentare 10 Kommentare

Frankfurt – immer ein Klassiker!

Panoramabar-Blick im Frankfurter Schauspiel

Panoramabar-Blick im Frankfurter Schauspiel

Das Frankfurter Schauspiel unter der Intendanz von Oliver Reese stand bisher ja nicht so auf meiner Reiseroute. Hat sich am Anfang bei dem geballten Neustart von gleich sieben Intendanten irgendwie nicht ergeben – und inzwischen, nun ja … ich muss gestehen: Dieser einseitige Klassiker-Spielplan reizt mich einfach nicht so sehr.

Alles Off-Mäßige, Experimentelle haben sie in Frankfurt abgeschafft. Design und Branding – und so manchen Regisseur – hat Reese einfach vom DT in Berlin mitgebracht, da, wo er herkam.

Huch! Ist das der Geist von Elisabeth Schweeger? Man dachte ja, den hätten sie in Frankfurt gründlich ausgetrieben. Aber immerhin: Ihr Haarstil lebt fort!

Huch! Ist das der Geist von Elisabeth Schweeger? Man dachte ja, den hätten sie in Frankfurt gründlich ausgetrieben. Aber immerhin: Ihr Haarstil lebt fort!

Und dann immer diese Aufgeregtheit der FAZ bei jeder Frankfurter Goethe-Schiller-Kleist-Premiere. Na, ich weiß nicht … da ist vielleicht besser eine gewisse Münchner Skepsis angebracht.

Elisabeth Schweegers Geist wurde jedenfalls gründlich ausgetrieben – in manchen hysterischen Zügen (speziell in den Pressekommentaren gewisser männlicher Kollegen) glich das fast schon einer Hexenaustreibung. Umso erstaunter war ich, als ich sie jetzt unter den Premierengästen zu sichten glaubte, als ich von hinten eine dunkelhaarige Frau mit Hochstecknestfrisur im Schweeger-Stil sah. Es war dann zwar doch nicht die Schweeger, aber dass eine junge Frau – und wenn auch unbeabsichtigt – zumindest Schweegers Haarstil fortsetzt, das hat mich doch gefreut. Und die junge Dame ließ sich auch gerne für diesen Blog fotografieren.

Frankfurt-KlassikerJetzt, in seiner zweiten Saison, geht Reese mit seinen ewigen Klassikern in die Offensive. “KLASSIKER!” – Ausrufezeichen! -, schrillt das Spielzeitmotto in Großbuchstaben. So etwas nennt man wohl Vorneverteidigung. Auf den begleitenden Postkarten – es gibt drei Varianten – ist dann jeweils ein Klassiker aus der (huch: zeitgenössischen!) Objektwelt abgebildet, als da wären: ein Flipflop in Pink, ein Äppelwoi-Glas und, ja tatsächlich: ein Fläschchen “4711″, obwohl das doch eindeutig der Stadt Köln zuzuordnen wäre. Hm, was man sich in Frankfurt nicht alles von anderswoher einverleibt …

Hier sagt die Körpersprache alles: Nis-Momme Stockmann mit seinem Uraufführungsregisseur Martin Klöpfer

Hier sagt die Körpersprache alles: Nis-Momme Stockmann mit seinem Uraufführungsregisseur Martin Klöpfer (rechts)

Nun hat Frankfurt aber auch einen lebenden Hausautor – und mit Nis-Momme Stockmann wahrlich nicht den schlechtesten. Zur Uraufführung seines neuen Stücks “Die Ängstlichen und die Brutalen” bin ich angereist. Ehrensache. Ich schätze Nis-Momme Stockmann sehr, halte ihn für ein wirklich herausragendes, ernstzunehmendes Talent, mag die Wärme, Menschlichkeit und Anteilnahme in seinen Stücken – und mag ihn, Stockmann, seit ich ihn in der Heidelberg-Jury (und bei all dem Ärger, der damit zusammenhing) näher kennen gelernt habe, auch als Mensch. Mag seine Klugheit, seine Ernsthaftigkeit, die erwachsene Art, wie er nachdenkt, redet und dann doch ganz jung für etwas brennt. (Unter dem Titel »Stockmanns Appendix« schreibt er fürs Frankfurter Schauspiel auch einen Blog.)

Zwar sind “Die Ängstlichen und die Brutalen” sicherlich nicht sein stärkstes Stück, aber dass es ausgerechnet an Stockmanns Hausbühne derart arglos in den Sand gesetzt wird wie von dem Regisseur Martin Klöpfer, der für das Brüder-Drama rein gar kein Gespür hatte, das ist schon traurig und auch ärgerlich – zumal ja auch schon Stockmanns Stück “Das blaue blaue Meer” in Frankfurt von der Regie verspielt wurde. Die sollten dort nicht nur ihre Klassiker, sondern schon auch ihren Hausautor pflegen.

Der freundliche Herr Fritsch findet Frankfurt freilich freakig

Der freundliche Herr Fritsch findet Frankfurt freilich nicht sehr freakig

Dann hatte ich an dem Abend noch das Vergnügen, durch die Frankfurter Kritikerin Eva-Maria Magel den äußerst sympathischen und erfrischenden Herrn Fritsch kennen zu lernen. Gemeint ist Herbert Fritsch, der einst so wilde Volksbühnen-Schauspieler (übrigens: ein Oberpfälzer!), der derzeit nur noch als Regisseur arbeitet, dies aber recht erfolgreich. Von seinem “Biberpelz” in Schwerin und seiner “Nora” in Oberhausen hört man viel Gutes, hört man zum Beispiel auch, dass Teile der Theatertreffen-Jury schon zur Besichtigung angereist sind (und zwar in beiden Fällen).

Der kampferprobte Herr Fritsch kann wunderbare Geschichten aus seiner Zeit als Castorf-Schauspieler erzählen, wurde als solcher von aufgebrachten Zuschauern beschimpft und beschmissen und hat auch schon erlebt, wie ein Backstein nach vorne flog und Zuschauer die Bühne stürmten. Es sei für ihn als Schauspieler bei Castorf immer so gewesen, als stünde er an einem Abgrund und müsse springen … und dann, sagt Fritsch, sei er gesprungen. Klarer Fall.

Ich denke mal, da kommt noch was ... von Stockmann und Fritsch. Klingt wie ein Komiker-Duo - und schaut auch so aus.

Ich denke mal, da kommt noch was ... von Stockmann und Fritsch. Klingt wie ein Komiker-Duo - und schaut auch so aus.

Lustigerweise kennen sich auch Fritsch und Stockmann, mehr noch: Sie haben sich angefreundet und sind offenbar auch projektmäßig an einer Sache dran. Wo, frage ich die beiden, haben sie sich denn kennen gelernt? Die Antwort: an einem frustreichen Abend beim Heidelberger Stückemarkt.

13.11.10 | 00:06 | Dichtung & Wahrheit | Geht wieder | Kommentare 0 Kommentare

Bauer-Salon goes Aurora Bar

Kerstin Specht liest aus ihrer Paraphrase der Odysseus-Heimkehr

Kerstin Specht liest aus ihrem Stück "Odysseus!"

Jetzt sind schon wieder so viele Tage ins Land gegangen, und ich habe noch gar nichts über die erfolgreiche Wiederbelebung meines Kultursalons am vergangenen Samstag, dem 6. November, in der Münchner Aurora Bar geschrieben. Das muss jetzt schleunigst nachgeholt werden, das bin ich allein schon den beiden tollen Künstlern schuldig, die an dem Abend aufgetreten sind: die Dramatikerin Kerstin Specht und der Komponist Minas Borboudakis, denen ich hier noch mal von Herzen danken möchte. Ihr wart großartig!

Minas Borboudakis spielt sein Stück "Zykloiden I"

Minas Borboudakis spielt sein Stück "Zykloiden I"

Die Aurora Bar meines Freundes Anderl Lechner ist mit ihrem ebenso gemütlichen wie stilvollen Club-Ambiente für einen Kultursalon wie geschaffen – und war allein schon deshalb der richtige Austragungsort, weil dort, anders als bei mir im Wohnzimmer, ein Klavier steht. Außerdem kann man in die Aurora Bar natürlich viel mehr Leute einladen … und es kommen Überraschungsgäste vorbei, wie zum Beispiel an diesem Abend: Sepp Bierbichler.

Der Bauer-Salon – benannt nach meiner Straße, der Bauerstraße – wurde im Herbst 2008 bei mir zuhause im kleinen Kreis gegründet. Auftretender Künstler war damals kein anderer als Anderl Lechner, der jetzige Wirt.

So fing´s damals an: 1. Bauer-Salon mit Anderl Lechner und den Musikerinnen Fany Kammerlander (Cello) und Franziska Eimer (Harfe) in der Lesung "Frieda"

So fing´s damals an: 1. Bauer-Salon mit Anderl Lechner, Fany Kammerlander (Cello) und Franziska Eimer (Harfe) bei der Lesung "Frieda"

Er trug seinen Monolog “Frieda” vor, die Lebensgeschichte seiner Münchner Mutter, begleitet von der Cellistin Fany Kammerlander und der Harfenistin Franziska
Eimer. Also, was soll ich sagen … die Salon-Taufe war ein voller Erfolg! Dass der Bauer-Salon danach ins Koma fiel, muss allein der Salon-Bäuerin angelastet werden, die ständig in der Theaterlandschaft herumkurvt und nie Zeit hat. Aber jetzt ist sie wieder voller guter Vorsätze, welche durch die erfolgreiche aushäusige Reanimation des Salons aufs Schönste genährt werden.

Die Künstler des 2. Bauer-Salons: Minas Borboudakis und Kerstin Specht

Die Künstler des 2. Bauer-Salons: Minas Borboudakis und Kerstin Specht

Kerstin Specht und Minas Borboudakis ist es zu verdanken, dass es eine richtig professionelle, absolut hochkulturelle Veranstaltung wurde.

Minas Borboudakis, Jahrgang 1974, ist ein griechischer Komponist und Pianist, der bei seinen klangexperimentellen Schöpfungen auf antike Tonsysteme und altgriechische Muster ebenso zurückgreift, wie er mit Atonalität, elektroakustischen und perkussiven Elementen spielt. Er stammt aus Kreta, lebt aber seit vielen Jahren in München, wo ich ihn im Februar bei der Premierenfeier von Peter Eötvös´ Oper “Die Tragödie des Teufels” kennen lernte.

Minas Borboudakis in Aktion

Minas Borboudakis in Aktion

Beim Salon habe ich ihn zum ersten Mal live spielen hören – und spielen sehen: eine Wucht! Ich meine das im umfassenden Sinn des Wortes. Was – und auch: wie – er spielt, ist ungeheuer expressiv und intensiv, und er hat dabei die Körperspannung eines Raubtiers. Die zwei Eigenkompositionen, die er äußerst temperament- und kraftvoll zum Besten gab, tragen die Titel “Zykloiden I ” und “Palindromia”. Zwei Hammerstücke, nicht leicht eingängig, aber extrem fordernd und eindringlich.

Kerstin Specht, lesend

Kerstin Specht, sich vorbereitend

Kerstin Specht, die – wie ich – aus Oberfranken kommt und mit Stücken wie “Lila”, “Amiwiesen” und “Das glühend Männla” bekannt wurde, kenne ich als Theaterkritikerin natürlich schon länger. Wir waren vor vielen Jahren sogar mal gemeinsam mit einer Künstler- und Journalistengruppe der Bundeszentrale für politische Bildung in Israel unterwegs. Beim Salon las sie aus ihrem neuen, noch nicht uraufgeführten Stück “Odysseus!”, das sie zusammen mit Manolis Manussakis entwickelt hat, dem Wirt der bekannten Schwabinger Taverne Kalypso (dem Stammrestaurant von Dieter Dorn).

Kerstin Specht mit Manolis Manussakis, mit dem gemeinsam ihre "Odysseus"-Paraphrase entwickelt hat.

Kerstin Specht mit Manolis Manussakis, mit dem sie ihre "Odysseus"-Paraphrase entwickelt hat.

Das Stück ist eine lakonisch-melancholische Fortschreibung des Mythos aus heutiger Sicht. Es beginnt, wenn der Titelheld nach Ithaka zurückgekehrt ist. 20 Jahre war er weg – wie soll man da an frühere Zeiten, an die frühere Liebe anknüpfen können? Der gealterte Odysseus hält sich auch gar nicht lange bei und mit Penelope auf, sondern bricht gleich wieder auf: erst in einen vermeintlichen zweiten Frühling mit Helena, seinem Jugendschwarm, und dann weiter in die Illusionslosigkeit, in die Banalität der Realität und noch weiter bis zum Nordpol des Herzens.

Salon-Gast Sepp Bierbichler

Salon-Gast Sepp Bierbichler

Die Ruhe und nüchterne Klarheit, mit der Kerstin Specht diesen Text über das Altern von Menschen und Gefühlen vortrug, erzeugte einen schönen, trägen, die Geschichte sanft tragenden Fluss, auf dem man nicht nur den abgewrackten Odysseus, sondern auch so manch eigene Hoffnung dahinplätschern sah … Das hat sie wirklich gut gemacht.

Dass – rein zufällig – auch Sepp Bierbichler in der Aurora Bar vorbeischaute und dann zum Salon-Programm blieb, hat mich sehr gefreut, kann man sich ja denken.

Yep! So ungefähr stell ich mir das mit dem Salon vor. Austausch, Vernetzung, Geselligkeit, kreatives Beisammensein – alles ganz zwanglos, in lockerem, stilvollem Ambiente, und es kommen: gute Leute (ins Gespräch).

Anatol Regnier mit seiner Frau Anja

Anatol Regnier mit seiner Frau Anja

Salon-Gast war – neben vielen guten Freunden und einigen Kollegen – auch der Schriftsteller und Gitarrenprofessor Anatol Regnier, der Enkel von Frank Wedekind. Er hat über seinen Großvater die Biografie “Frank Wedekind – eine Männertragödie” geschrieben und auch ein Buch über Tilly Wedekind und ihre Töchter veröffentlicht, ein charmanter Herr mit feiner Ausstrahlung.

Und es war, last but not least, auch mein ehemaliger Dozent Hans-Martin Schönherr da, Professor für politische Philosophie an der LMU. Er, der mich durch seinen eigenen “philosophischen Rau(s)chsalon” überhaupt erst auf die Idee mit dem Kultursalon gebracht hat, ist Gründungsmitglied und Spiritus Rector des Bauer-Salons.

Dank an alle, die da waren und den Abend mit ihrer Anwesenheit belebt und bereichert haben. Es soll auf alle Fälle weitergehen.

Es lebe die Salon-Kultur!

06.11.10 | 00:26 | Geht gar nicht | Kommentare 0 Kommentare

Wider die Laubsauger!

Bei uns im Hof: Laub erlaubt - keiner saugt

Bei uns im Hof: Laub erlaubt, keiner saugt - und das taugt.

Weil doch Herr Kusz im vorangegangenen Blog-Eintrag so schön den goldenen Herbst be(kurz)dichtet hat: Ich liebe ja auch den Wechsel der Jahreszeiten – samt seinen natürlichen Niederschlägen, seien es Pollen, Blütenblätter, Schnee oder, wie jetzt allenthalben, das Herbstlaub, welches so safranfarben, satt und sanft die Straßen, Höfe und Wege bedeckt. Oh, goldene Oktobertage, von der Sonne mild beschienen!

Wie herrlich wäre das Säuseln, Knistern und Wispern der fallenden, gefallenen Blätter, gäbe es nicht überall diesen Laubsauger-Terror.Herbst-Laubsauger

Ganz und gar grässlich, diese Dinger! Ohrenbetäubend, nervenzerrüttend, kleintier- und umweltzerhäckselnd. Sie heißen Hurricane, Atika, Grizzly oder Ultra Blower, und bei manchen dieser Geräte beträgt die Geräuschentwicklung mehr als 110 Dezibel. Eine einzige Katastrophe! Kaum hat der eine Nachbar einen, machen´s ihm die umliegenden nach. Es ist eine regelrechte  Mode. Betrieben von Männern, das muss man auch mal sagen. Oder haben Sie schon mal eine Frau laubsaugen sehen?

Der ratternde Motor und der unsägliche Lärm, den er erzeugt, scheint dem Mann als solchen – warum auch immer – eine gewisse Befriedigung zu verschaffen, zumal die Dinger Waffen gleichen, wenn nicht Kanonenrohren, und von der Handhaltung her wirken sie wie die Verlängerung jenes Teils, mit dem der Mann ohnehin glaubt, die Welt beherrschen zu können …

Ich war am vergangenen Wochenende mit der “Nullachtneun”-Kolumne für den SZ-Lokalteil dran und hatte beschlossen, über den Herbst und seine lautstarke Laubaussaugung zu schreiben. Justament, als ich mich zuhause daran setzte – bevor ich zum Zug nach Köln musste (zur Jelinek-Premiere) – ging draußen, ich schwöre es, ein Höllenlärm los. Ich konnte es kaum fassen, aber es war tatsächlich: ein Mann mit Laubsauger im Nachbarhof (siehe Beweisfotos). Es war ein Wahnsinns-Krach, eine einzige Bestätigung meines Schreibvorhabens, aber leider war ans Schreiben nun nicht mehr zu denken, denn so eine Laubsaugerei zieht sich extrem lange hin, mit An und Aus und An und Aus und wieder An und Aus … es ist zum Davonlaufen. Ich habe die München-Kolumne dann im Zug geschrieben. Und will sie hier auch gar nicht vorenthalten:

Rrrrrooooooaaaaaaarrrrrr!!!!!!!!!

Rrrrrooooooaaaaaaarrrrrr!!!!!!!!!

Rilke, vom Laubsauger verschluckt

Wenn man aus hässlicheren Gefilden, sagen wir mal: Kassel, zurück nach München kommt, weiß man die Schönheit dieser Stadt wieder so richtig zu schätzen. Eine große Dankbarkeit kommt dann auf: hier leben zu dürfen. Gerade jetzt, in diesen goldenen Herbsttagen, wo die Berge sich in majestätischer Eleganz vor dem SZ-Hochhausfenster im 19. Stock abzeichnen, als lägen sie direkt vor der Stadt – gerade jetzt kann man schon mal einen München-Flash kriegen und braucht sich deshalb nicht gleich lokalpatriotischer Überheblichkeit oder gar voralpenländischer Arroganz zu schämen. Nirgends fällt das Licht milder,  italienischer auf das Ocker der Blätter, nirgendwo sonst betört so ein bayerisch-expressionistischer Farbenrausch die Sinne.

Man muss das genießen wie ein Gedicht von Rilke: dieses warme Leuchten vor dem langen Grau des Winters, das sanfte Säuseln des segelnden Laubes, das Rascheln des Blätterteppichs unter den Füßen – diese herbstliche Ruhe nach einem plärrenden Sommer der Bagger und der Bauarbeiten.

Ruhe? Rilke? Herbst-Gesäusel? Von wegen! Schon röhrt es wieder ohrenbetäubend aus dem Nachbarhof, wo einer dieser Vorgarten-Cowboys dem Blättermeer mit einem Laubsauger zu Leibe rückt, als ginge es gegen einen Kriegsfeind. Das Ding bläst mit der Dezibelstärke eines Presslufthammers, häckselt den Herbst kurz und klein und saugt alles ein, was da kreucht und fleucht. Im Gegenzug haut es Abgase raus. Laubsauger sind Terrorinstrumente der modernen Gartenunkultur, die keine Besen, Rechen und Harken mehr kennt; Folterwerkzeuge frustrierter Hausmeister und verhinderter Heckenschützen, die sich lautstark rächen statt mal zu rechen. Die umweltfeindlichen Krachmacher sind überall auf dem Vormarsch. Das Internet ist voll davon, es gibt sie im Angebot bei Obi und bei Otto. Manche rufen bei Agenturen an und lassen sie kommen, die Sauger, Häcksler und Bläser, diese poesielosen Herbstaustreiber.

Es gab mal eine Tatort-Folge, in der ein Hausmeister, der frühmorgens im Hof so ein Gerät in Gang gesetzt hatte, erschossen wurde. Andrea Sawatzki dachte erst, da sei ein Amokschütze am Werk, aber es war nur ein schwer genervter Mieter.

Herr: es ist Zeit. / Der Sommer war sehr groß / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren / und auf den Fluren / lass keine Bläser los.

05.11.10 | 20:37 | Dichtung & Wahrheit | Haiku | Kommentare 0 Kommentare

Goldnä-Okdoobä-Haiku

Fitzgerald Kusz hat wieder für diesen Blog gedichtet:

Der goldene Baum ("goldnä Baam") vor meinem Balkon

Der goldene Baum ("goldnä Baam") vor meinem Balkon

ein “ultimatives Haiku-Kondensat zum Goldenen Oktober”, wie er in aller Bescheidenheit schreibt, “gewissermaßen die Quint-Essenz aller Herbst-Gedichte. In der wortkargen Poesie der Franken”. Sabberlodd! Von so viel Selbstbewusstsein kann sich so mancher Franke was abschneiden.

Danke, Herr Kusz – ich glaube, wir lernen uns jetzt bald mal kennen. Ich gedenke, zu Ihrer Uraufführung am 14.11. nach Närmberch zu kommen. Rechnen Sie mit mir.

Fitzgerald Kusz

goldnä-okdoobä-haiku

ach, däi armä bläddä!

wäi schäi´s aa senn:

alle mäins falln


Rohübersetzung:

goldener oktober-haiku

ach, die armen blätter!

wie schön sie auch sind:

alle müssen fallen


03.11.10 | 01:00 | Geht doch! | Kritikerlust | Nicht verpassen | Kommentare 3 Kommentare

Köln, wie es sinkt und zusammenkracht

Beim tosenden Schlussapplaus stapfte das Inszenierungs-Team in Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz

Beim tosenden Schlussapplaus stapft das Inszenierungs-Team mit Gummistiefeln durch die Dreckbrühe. Die im Paillettenkleid ist Karin Beier, rechts neben ihr: Ausstatter Johannes Schütz.

Am Ende ist die ganze Bühne überschwemmt, und das Dreckswasser steht den Schauspielern bis zu den Knöcheln. Aber auch das Publikum steht – es jubelt, johlt, spendet Standing Ovations. Beeindruckend, so ein tosender Applaus. Aber Vorsicht, da wackelt ja das Haus!

Der Jelinek-Abend, den Karin Beier am Schauspiel Köln herausgebracht hat, ist aber auch wirklich fulminant! Möchte den am liebsten sofort noch einmal sehen … und kann ihn nur weiterempfehlen. Ganz großes Theater! Und das heißt hier auch: ganz großes Stadttheater. Stadttheater at its best. Ein Theaterabend, der auf die spezielle Verfasstheit der Stadt hin gedacht und gemacht ist und die Finger direkt in die Wunden legt, was so schmerzvoll ist wie seelenheilsam. Kathartisch geradezu. Weil man das braucht: dass eine(r) Worte und Bilder und einen Furor findet für das Lähmende, Beschämende, das Unfassbare. Weil es gut ist, das Angestaute rauszulassen, die Wut, den Frust, das Unverdaute. Weil es gesund ist, über das Unglück lachen zu können, aus der Katastrophe Funken der Komik herauszuschlagen. Weil schwarzer Humor immer besser ist als gar keiner. Und weil nach wie vor gilt, dass die schlimmstmögliche Wendung, die eine Geschichte nehmen kann, die Komödie ist.

Waste Land: Die Kölner Bühne nach dem Schlussapplaus

Waste Land: Die Kölner Bühne am Premierenabend nach dem Schlussapplaus

“Das Werk / Im Bus / Ein Sturz”: drei Stücke über das Bauen, Bohren und Stauen, das ewige Vorwärtsdrängen des Menschen, sein gewaltsames Eindringen in die Natur, seiner eigenen folgend. Gerade in Köln, wo das eingestürzte Stadtarchiv eine klaffende Wunde und ein abgrundtiefes Trauma in der Stadt hinterlassen hat; hier, wo niemals jemand Verantwortung für die Katastrophe übernommen hat; in Köln, wo der geplante Abriss des Schauspielhauses nur durch vehemente Bürgerproteste zugunsten einer Generalsanierung verhindert werden konnte, gerade hier ist dieses Thema wahnsinnig wichtig und goldrichtig. Und so hochnotkomisch und grimmig böse, wie Karin Beier das Schauspielhaus an diesem Abend ins Wackeln und Rieseln bringt und schlussendlich die ganze Bühne flutet, ist das auch ein gewaltiges Stück Wut- und Drecksarbeit – wobei das einhergeht mit der nötigen (seelenhygienischen) Aufräum- und Bewältigungsarbeit. Wo sich ja sonst keiner in Köln daran macht …

Ich bin auch schon wieder mal ganz begeistert von Frau Jelinek. Wie sie doch immer zur richtigen Zeit die richtigen Themen anpackt! Wie ihre grandios nervigen, kalauernden, die Sprache unablässig drehenden, biegenden, wendenden Textschwallflächen hartnäckig am Puls der Zeit pochen und doch immer tief hinabbohren in die Gräber der Geschichte – das ist schon sehr beeindruckend. Es ist gesellschaftlich relevant, brisant, und es ist immer total politisch. Jelinek scheint da mit einer geradezu seismographischen Sensibilität begabt zu sein. Ich bewundere das.

“Ein Sturz”, das Stück, das sie jetzt extra für Köln geschrieben hat, wortstrudelt zwar einerseits ganz konkret (und in vielen Details: betont banal) um den Einsturz des Stadtarchivs im März 2009 herum, führt andererseits aber auch weit darüber hinaus: nach Stuttgart 21 ebenso wie nach Schmalkalden in Thüringen, wo sich gerade – kurios und erschreckend genug – die Erde aufgetan hat … und noch weiter führt dieses Jelinek-Stück, in dem die Erde direkt angesprochen wird, adressiert von einem hochmütigen, genervten, klagenden, schimpfenden, überheblichen Menschenchor (“Erde, was machst du denn da? … Was soll das, Erde? … Erde, bleib, wo du bist … du blöde Erde”). Es führt ins Innere des Erdballs, führt in die Erde, die Angesprochene, Geschundene, Vergewaltigte, selbst, und es konfrontiert diese mit dem menschlichen Fortschritts- und Machbarkeitswahn, dem ewigen “Muss doch!”, diesem technologischen “Geht nicht? Geht nicht!”.  – “Alles reißen wir ein, warum?/ Weil wir es können!” – Für mich ist “Ein Sturz” das erste wirklich moderne, globale Umweltdrama. “Erde, du hast verloren, du bist verloren. Bist du jetzt zufrieden?”

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... So siegt man nicht!"

"Was soll das, Erde? Das hast du doch früher nicht gemacht ... Du musst schon auch mitarbeiten, Erde! ... Du willst nur vom Wasser gefickt werden, Erde? ... So siegt man nicht!"

Die Erde, die lange alles mit sich hat machen lassen, die sich vom Menschen hat untertan machen und ausbeuten lassen, die Erde – Mutter Erde – ist aufgewühlt, ausgelaugt, krank; sie spurt nicht mehr, sie reißt Löcher, bricht ein, verbindet sich mit dem Wasser zu unheilvollem Tun. Und die Menschen beschwören sie nun, heben an zum großen Schimpf- und Klage-Chor – wobei Jelinek da ganz groß ansetzt und in Ton und Gestus die griechische Tragödie zitiert – diese auch ironisiert und persifliert. Mit hohem Fleh- und Jammer-Pathos (“Oh Los des Erdendaseins!”/ “Hinopfert ihr Kind, die schöne Baustelle, die eigene Frucht, die Frucht eigenen Tuns, das eigene Werk?”/ “O weh, o weh, Haus, du Haus!”).

Ich finde das super, richtig groß. Zynisch-böse und anrührend auch. Und dass Karin Beier in ihrer Uraufführung die von den Menschen litaneihaft angerufene, beschimpfte, end- und ehrlos zugequatschte Erde tatsächlich als Figur auftreten lässt (bei Jelinek gibt´s ja wieder nur eine Textflut), ist eine sehr sinnige und sinnliche Idee. Zumal die drahtige Schauspielerin Kathrin Wehlisch sich in dieser Rolle weder schont noch sich was schenkt, so artistisch-rabiat, wie sie – lehmverschmiert und nackt – über die Bühne tobt, rutscht, tanzt, schlittert, von allen gestoßen, geschubst, getriezt. Das Wasser, mit dem ihr der Chor einen orgiastischen “Fick” unterstellt, verkörpert ein gut gebauter Tänzer, mit dem die personifizierte Erde einen letztlich tödlichen erotischen Pas de deux hinlegt.

Ach, eigentlich will ich hier drin ja keine Kritiken schreiben. Aber ich bin noch so begeistert. Und wollte die Fotos nachreichen, die ich am Ende der Premiere von der gefluteten Kölner Baustellen-Bühne gemacht habe. Eine Johannes-Schütz-Bühne: Moderne Schreibtische, Computer, Bürosessel auf weiter schwarzer Flur, nach und nach vom Wasser überschwemmt, welches aus einer Grube im Boden sprudelt (diese Grube schaut aus wie ein Grab, und die Erde verreckt schlussendlich darin), aber auch aus einem Rohr, das von rechts hereinragt. Dieses Rohr haben die heillos überforderten Bauaufsichtsamts-Beamten, die Karin Beier in ihrer düster-satirischen Verwaltungs-Performance vorführt, zwar irgendwann vorsichtshalber gestopft – in einem Anflug von plötzlichem Katastrophen-Verhinderungs-Aktionismus -, aber das Gurgeln, Gluckern und Blubbern, das sich später unheilvoll ankündigt, bricht in Form eines Wasserschwalls dann doch just aus diesem Rohr. Ein Brüller, versteht sich.

Schon im ersten Teil des Abends, “Das Werk”, gab es herrlich inszenierte Wasserspiele des Ensembles, alles mundgegurgelt, handabgefüllt. Gespuckt, gespritzt, geblasen. Karin Beier hat den Jelinek-Text wahnsinnig gut rhythmisiert und orchestriert, der ganze Abend, das muss auch noch gesagt werden, ist ungeheuer musikalisch.

In “Das Werk” geht es um Kaprun, um den Bau des riesigen Kraftwerks dort und die Todesopfer, die er gefordert hat, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter.  Und auch die Toten des Kapruner Seilbahnunglücks des Jahres 2000 mischen in dem Sprechchor der Untoten mit, den Jelinek lospoltern lässt (bei Beier: ein Männerchor in Unterhemden) – neben all den anderen Sprachmonstern, die hier ohne Unterlass ratschen, raunen, reden: faustische Tatmenschen und fortschrittsoptimistische Ingenieure, Heidi und Peter, Hänsel und “Tretel”, Tüchtige und sich körperlich Ertüchtigende. Ein gigantisches Kraftwerks-Oratorium, anschwellend zum großen, finalen Memento Mori.

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Das Schauspiel Köln nach dem Premierenabend: Steht noch!

Auch im “Bus”, dem kleinen Zwischenstück, das Beier wie ein Satyrspiel zwischen das tatkräftige  Aufbau-”Werk” und den jammervollen “Ein Sturz” setzt, geht es um den Zusammenprall von Mensch und Natur. Dieser hier mutet lächerlich an: Ein voll besetzter Bus stürzt wegen eines U-Bahn-Baus mitsamt der Straßendecke in den Abgrund. Hä? Gab´s aber tatsächlich: geschehen 1994 in München-Trudering. Bei Jelinek sind die Bauarbeiter, denen plötzlich ein Bus auf den Kopf plumpst, zynische Totengräber – und die Regisseurin Beier macht daraus ein karnevaleskes Trio mit grotesken Clowns-Fressen. Fratzenhaft.

Nun je … man könnte noch so viel von diesem denkwürdigen Kölner Abend erzählen. Die wunderbaren, absolut (ein)bruchsicheren und wasserfesten Schauspieler habe ich hier zum Beispiel noch gar nicht gewürdigt. Und habe ich eigentlich erwähnt, wie ausgesprochen musikalisch, wie gekonnt rhythmisiert diese Inszenierung ist?

Aber Schluss jetzt. Hingehen. Selber sehen! Ich will auch noch mal.