Fränkisches Paradies: das Nürnberger Theater, frisch saniert
Nürnberger Theaterplakat (Ausschnitt): "Auf ins Paradies!"
Zwei Jahre war das Nürnberger Schauspielhaus geschlossen – zwei Jahre, in denen das Theater nicht etwa bloß “saniert”, sondern für 38 Millionen Euro komplett umgebaut und neu gestaltet wurde. Jaahaa, so etwas gibt es noch, man sollte es nicht für möglich halten. Anderswo werden Theater kaputt gespart und geschlossen. In Nürnberg wurde das Schauspielhaus am Wochenende mit vorerst zwei (von insgesamt acht) Premieren wiedereröffnet, und ich war – Ehrensache – dabei, siehe meine Kritik heute im SZ-Feuilleton. Ist ja immerhin mein fränkisches Heimatland – wenn auch leider nur Mittelfranken.

Das neue Theater-Portal, kurz vor dem ersten Besucheransturm
Es ist kaum wiederzuerkennen, so einladend schön, so großstädtisch modern und transparent erstrahlt das einst so gedrungene Närmbercher Haus mit seiner neuen Glasfassade am Richard-Wagner-Platz. Auch die neue Bühnentechnik lässt keine Wünsche offen, so dass das Theaterteam stolz und glücklich von geradezu “paradiesischen Zuständen” schwärmt und diese auch gleich zum Spielzeitmotto erhoben hat. Muss man sich erlauben können.

Geld schläft nicht - auch nicht im Theater: Plakat zu "Enron", dem Stück von Lucy Prebble über Aufstieg und (Börsen-)Sturz des gleichnamigen US-Energieriesen. Schauspielchef Klaus Kusenberg inszenierte zur Eröffnung die deutschsprachige Erstaufführung des britischen Erfolgsstücks.
“Auf ins Paradies!” heißt es euphorisch auf Plakaten in der Stadt, und dazu sieht man, siehe oben, wie Adam und Eva sich als entspannte Nackedeis im Stängel-Pool eines Riesenapfels räkeln. An apple per day … Glücklich das Theater, das sich in diesen Zeiten noch so unschuldig geben kann.

Das Eingangs-Foyer mit Garderobe
Aber jetzt mal ein Blick ins Innere des Theaters, das am Wochenende noch ganz neu roch, wie frische Lederschuhe in der Schachtel.
Macht sofort einen guten Eindruck. Eichenparkett, warme, gedeckte Farben. Alles sehr weitläufig, durchlässig, freundlich. Schon auch stylish – aber nicht protzig, nicht übertrieben. Die Treppenaufgänge scheinen Rolltreppen zu zitieren, streben hoch hinauf und sind so etwas wie steile Thesen moderner (Museums-)Architektur – breit, einladend, raffiniert beleuchtet. Es gibt aber auch einen gläsernen Aufzug, der bis hinauf zur Blue Box im obersten Stock fährt. Sehr chic.

Was für Treppen! Fast schon Louvre-reif ...
Im ersten Stock ein weiteres Foyer, da ist die Bar – leider (noch) die lahmste in ganz Theaterdeutschland. Ich weiß schon: Nur nicht hudeln und all sowas … die Franken haben halt die Ruhe weg. Aber die Einübung in stoische Praktiken der Langsamkeit sollte man als junger Barmensch vielleicht nicht unbedingt dann betreiben, wenn es in der Pause schon zum zweiten Mal geklingelt und die immer unruhiger werdende Schlange vor dem Tresen sich noch kein bisschen gelichtet hat. Ich bestelle am besten jetzt schon mal ein Glas Wein für die Kusz-Premiere am 14.11. und hoffe sehr, dass bis dahin dann auch ein flankierendes Glas Leitungswasser drin ist.
So eine Neueröffnung mit acht Premieren in drei Wochen ist bei aller Paradiesapfelbäckigkeit natürlich kein Zuckerschlecken. Wie man hört, ist das Haus auch erst in allerletzter Minute fertig geworden.

Leidender Dramaturg: Frank Behnke ist schon jetzt ziemlich angeschlagen, dabei ist er erst noch auf dem Sprung nach Hamburg ans Schauspielhaus, wo er im Januar anfängt - berufen von dem nunmehr sich geschlichen habenden Friedrich Schirmer.
Wer linkerhand einen Blick auf dieses sehr aktuelle Foto des Chef-Dramaturgen Frank Behnke wirft, der ahnt, wie angeschlagen im Moment alle sind. Wobei Behnke mit seiner Platzwunde tatsächlich ein erstes Opfer des neuen Parketts ist, auf dem er bei der hochoffiziellen Eröffnungsfeier am vergangenen Montag – der mit den Reden und dem Staatsakt – hingeknallt ist. Das ereignete sich allerdings, wie Behnke einräumt, in einem fortgeschrittenen Stadium der Feierlichkeiten und passierte nicht ohne eine waghalsige Treppengeländer-Erstbesteigung.

Staatsintendant Peter Theiler (links) mit Noch-Pressesprecher Olaf Roth
Der Nürnberger Staatsintendant und Operndirektor Peter Theiler strahlt indes in seinem “Theater-Paradies” wie Mr. Eden (oder sagt man da “Gott”?) höchstpersönlich. Olaf Roth, der sehr nette Pressesprecher – der Mann rechts auf dem Foto – lacht dagegen nur mit einem Auge, mit dem anderen weint er Nürnberg schon jetzt ein paar Tränen nach. Roth wird das so schön sanierte Theater nämlich bald verlassen und mit seinem Freund Frank Behnke – aus Liebe! – nach Hamburg ziehen. Behnke wird Chefdramaturg am Hamburger Schauspielhaus, an das Friedrich Schirmer ihn abwarb, welcher inzwischen bekanntlich das Handtuch geworfen hat, so dass Behnke erst mal sehen muss, wer und was da kommt und wo er bleibt. Olaf Roth, sein Partner, hat einen Job als Pressesprecher am Altonaer Theater gefunden – das ist karrieretechnisch erst mal ein Abstieg …

Blick von oben auf die Schauspielhaus-Bühne - und zwar während der zweiten Vorstellung von "Enron". Deshalb muss man - psst! - ganz leise sein und darf nicht runterspucken.
… und bühnentechnisch natürlich auch. Hingen im alten Nürnberger Schauspielhaus die Kulissen früher an Seilzügen aus Hanf, gibt es jetzt eine Bühnenmaschinerie vom Feinsten – mit computergesteuertem Schnürboden, modernen Hubpodien, einer ausgefeilten Scheinwerferanlage und allem Pipapo, auch mit einer Drehbühne natürlich, gab´s vorher alles nicht.

Seitenbühne - riesige Kulissenteile können von hier auf die Bühne geschoben werden.
Die Führung durch das unübersichtlich große Haus, in dem sich jetzt drei Spielstätten und sämtliche Probenräume unter einem Dach befinden, ist beeindruckend. Wie ich mich ja ohnehin gerne in die Schlünde und Eingeweide eines Theaters begebe: Die nackten, labyrinthischen Gänge, all die Hinter-, Neben-, Proben- und Seitenbühnen, die schweren Eisentüren und langen Flure, die treppauf, treppab wie Nervenbahnen und Synapsen in immer neue Schaltzentralen der Bühnenkunst führen – all das ist immer wieder so ernüchternd wie eindrucksvoll.
Was für eine Fabrik doch so ein Theater ist! Eine gigantische Kunst-Werkstatt. Und wie faszinierend, dass es uns das auf der Bühne immer wieder vergessen macht.

Und sie dreht sich doch! Allerdings ist die Welt im Theater ganz klar eine (Dreh-)Scheibe.


