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Erinnerung an Christoph Schlingensief (3)

Ein Probenbericht zu Schlingensiefs Bayreuther “Parsifal”-Inszenierung war ja leider gescheitert (an Bayreuth, nicht an Christoph). Ich habe damals trotzdem einen Vorbericht geschrieben, entstanden aus zwei Telefonaten mit Schlingensief, die ich in einer längeren E-Mail-Telefon-SMS-Kommunikationsaktion angeleiert hatte (siehe vorherigen Blog-Eintrag). Hier nun also das Ergebnis. Erschienen ist der Artikel am 14. Juli 2004 im SZ-Feuilleton.

Ich bin Kundry!

Christoph Schlingensief fiebert seiner Bayreuther “Parsifal”-Premiere entgegen: „Vielleicht bin ich ja doch konservativ?”

Noch vor zwei Wochen hat Christoph Schlingensief auf den Komplex „Bayreuth” höchst allergisch reagiert. Hätte man ihn dazu befragt, er wäre nach eigenem Bekunden „schreiend davongelaufen”. Er ist zunächst ja auch tatsächlich davongelaufen – so jedenfalls wirkte es in der Öffentlichkeit, als der Regisseur Anfang des Monats den Proben zum “Parsifal” fernblieb und sich krank meldete. Von „erheblichen Meinungsverschiedenheiten” zwischen ihm und der Festspielleitung war die Rede, und davon, dass beide Seiten Anwälte eingeschaltet hätten.

Inzwischen hat Schlingensief die Probenarbeit auf dem Grünen Hügel wieder aufgenommen und klingt putzmunter, wenn er am Telefon einen Zwischenstand durchgibt. So ein Sturm, sagt er, tue manchmal ganz gut. „Es bereinigt. Vorher hat jeder dem anderen immer gleich das Schlechteste unterstellt.” Sogar lobende Worte hat er für das Bayreuther Wagner-Imperium übrig: Logistisch sei das schon ein toller Betrieb, und die technische Abteilung sei meisterhaft, mindestens so gut wie Disneyworld.

Nein, Schlingensief hat keinen Nervenzusammenbruch erlitten, und er war auch nicht in einer psychiatrischen Anstalt. Der Regisseur hatte aus Afrika, wo er sich zu Recherchen aufhielt, eine Gallenentzündung mitgebracht, die sich zu einer „richtigen Kolik” auswuchs. Deshalb habe er sich ins Krankenhaus begeben. Zwar sei er auch nervlich etwas angeschlagen gewesen, aber er breche dann nicht zusammen, sondern werde eher aggressiv. „Dann rase ich nachts durch den Wald und komme nicht mehr runter.” Den “Parsifal” hinzuschmeißen, nein, das käme nicht in Frage. Auch, wenn er „die Tage zählt, bis es vorbei ist” und mit seinem Team „ungeheuer viel gelitten” habe. Das wird jetzt durchgezogen: „Wir tragen das auch mit Stolz!”

Über die Auseinandersetzungen mit dem Festspielchef Wolfgang Wagner will (und darf) Schlingensief nichts weiter sagen. Nur so viel: Es habe eine Menge Anwaltsschreiben und Abmahnungen gegeben. Darüber habe nicht er, sondern sein Rechtsanwalt Peter Raue verhandelt. Schlingensief sagt, er sei jetzt so weit, etwa 30 Prozent seiner Bilder und Ideen umzusetzen. „Bis zur Premiere könnte ich vielleicht sogar 50 Prozent schaffen.”

Herzliche Worte hat der Bayreuth-Neuling für Pierre Boulez übrig. Der Dirigent stehe jederzeit mit guten Ratschlägen zur Verfügung und habe in Streitfällen vermittelt. Boulez sage immer, beim Bayreuther „Ring” mit Patrice Chéreau habe es auch viele Probleme gegeben. Chéreau soll sogar noch während der Premiere in Jeans über die Bühne geflitzt sein, um Nebel zu machen. Zum Schluss seien mit den Buhrufen Gegenstände auf die Bühne geflogen. Das war 1976.

Ein Hämmern die ganze Nacht

„Nach 30 Jahren dasselbe zu erwarten, finde ich typisch deutsch und einen völligen Blödsinn”, sagt Schlingensief. „Man will sich nicht auf die Bilder einlassen, jede Auseinandersetzung damit behindern.” Natürlich habe er Angst vor der Premiere am 25. Juli, weil er sich nicht vorstellen kann, dass sich seine Bilderwelten erschließen. Dabei gebe er gar nicht den Provokateur, den alle in ihm vermuten. Weder zeige er Kundry als Nutte noch König Amfortas als kranken Saddam Hussein, und der Kelch sei auch kein Dildo – „mach’ ich alles nicht!” Im Gegenteil, er versuche, die Bilder aus der Musik heraus entstehen zu lassen, weil er es zu billig finde, in einer solchen Oper aktuelle Themen abzuhandeln. „Agenda 2010? Putin? Interessiert mich hier nicht. Vielleicht bin ich ja doch konservativ?”

Bei ihm, sagt Schlingensief, knieten die Gralsritter beim Abendmahl tatsächlich minutenlang auf dem Boden, und statt herkömmlicher Videos benutze er eine ausgefeilte Laterna-Magica-Technik mit beweglichen Projektionen über die ganze Szenerie. Er arbeite mit den Begriffen der „Entäußerung” und „Rückbesinnung”. Oder, da zitiert er Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik”, mit der Dualität zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen. Die Partitur, das ist die Strenge – und daneben das Durcheinander. „Wagners Leben war ja auch ein Durcheinander”.

Wenn Schlingensief so drauflos sprudelt, sprunghaft und assoziativ, klingt das ebenfalls nach einem großen Durcheinander. In seinem Kopf scheint es zu flirren. Schlingensief bekennt, es gehe ihm wie Volker Spengler, der in seinem Film „Die 120 Tage von Bottrop” zu Irm Hermann sagt: „Ach Irm, ich hab’ so viele Bilder im Kopf, es ist ein Hämmern und Sägen die ganze Nacht!” Während der Proben sei er sich erst mal wie Klingsor vorgekommen, der böse Zauberer, der König Amfortas den heiligen Speer entreißt. Dann habe er sich zunehmend wie Amfortas gefühlt: total verwundet. Seine Beziehung zu seinen Eltern, denen er mit 43 noch keinen Enkel geschenkt habe, seine jüngst verlorene Liebe – das alles sei „eine Wunde, die nicht mehr richtig schließen will”. Inzwischen ist Schlingensief zu dem Schluss gekommen: „Ich bin Kundry!” Kundry, „das wilde Weib”, habe alles schon tausendmal erlebt. „Die sagt: Was ist das für eine Scheiß-Gesellschaft? Ihr kotzt mich alle an!” Und am meisten kotze sie sich selber an.

Klingt alles ziemlich verwirrend, was Schlingensief da mit atemlosem Furor erzählt. Was nun genau sein Regieansatz ist, geht nicht daraus hervor. Wie es scheint, will er in Wagners Bühnenweihfestspiel eine buddhistische Deutung hineinbringen. Schlingensief hat sich dazu in Nepal inspiriert, und in der Villa Wahnfried sei er auf ein Büchlein gestoßen, dem zufolge sich auch Wagner mit dem Buddhismus beschäftigt habe. Er zitiert ihn mit den Worten: „Ich habe heute den Parsifal beendet und drei Hunden das Leben gerettet. Soll die Nachwelt entscheiden, was wichtiger war.”

Irgendetwas wird Schlingensief auch mit dem heiligen Speer anstellen, von dem er sagt, er werde als Erlösungsgegenstand im “Parsifal” nicht richtig angepackt: „Da ist so eine christliche Soße drüber.” Er selbst komme ja auch vom Katholizismus, aber er frage sich: „Was haben wir denn davon, wenn wir den Speer gefunden haben?” Erlösung gebe es nur im Tod. Für ihn sei diese Oper eine „Totenweihe”, eine „Feier der Schmerzen und des eigenen Sterbens”, des Endes, das Musik zwar überhöhen, aber nicht verhindern könne. „Wie schön ist die Musik, aber wie schön erst, wenn sie aufhört!” Weiter kommt Schlingensief in seinen Ausführungen nicht, weil er von einer Frau unterbrochen wird, die ihn auf der Straße – er ruft vom Handy aus an – herzlich begrüßt: „Man hört ja so viel von Ihnen . . .!” Hernach erzählt er, dass es neben den vielen Gerüchten, die in Bayreuth über ihn kursieren – zum Beispiel, er würde Hasen zeigen und kiloweise Fleisch auf die Bühne werfen –, auch Fans gebe, die ihm Briefe und Geschenke schicken. Eine Wagnerianerin biete ihm sogar ihre Tochter an.

Die öffentliche “Parsifal”-Generalprobe fällt in diesem Jahr übrigens aus – Mitteilung der Festspielleitung. Schlingensiefs Abläufe seien so kompliziert, dass man sie an diesem Tag noch testen müsse. Der Regisseur sieht das zwar ein, aber leid tut es ihm schon: „Ich hätte mich gefreut, wenn auch ein paar Künstler oder Intendanten den Parsifal gesehen hätten und es dadurch vielleicht zu neuen Arbeiten auch außerhalb von Deutschland gekommen wäre.” Denn eines hat Schlingensief sich vorgenommen: unbedingt noch mal eine Oper zu machen. Auch, um zu sehen, „ob das immer so laufen muss wie hier”.

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