Erinnerung an Christoph Schlingensief (1)
Noch immer sehr bewegt vom Tod Christoph Schlingensiefs, habe ich vorhin mein Mail-Archiv nach meinem ersten persönlichen Kontakt mit ihm durchforstet. Unser Kontakt begann mit einem Streit: Das war im März 2004, als Christoph – damals siezten wir uns noch und hatten uns noch nie getroffen – sich furchtbar über einen Artikel von mir aufregte. Und zwar wirklich richtig furchtbar; er machte ein ganz großes Drama draus. Kritik konnte er grundsätzlich nicht vertragen, er nahm sie ganz schrecklich persönlich.
Worum ging´s? Er hatte sich damals am Schauspielhaus Zürich krank gemeldet, weshalb vier Vorstellungen seiner Inszenierung „Attabambi Pornoland” ausfielen (das war damals noch in der Marthaler-Zeit). Andernorts war er aber aufgetreten. Das habe ich in meinem Artikel unter der Überschrift “Der eingebildete Kranke” aufgeschrieben (siehe unten) und darüber polemisiert (“chronische Mimoseritis mit stark paranoiden Auswüchsen”). Woraufhin er mich mit vorwurfsvollen, klagenden und, wie ich fand, auch äußerst larmoyanten sms-Botschaften zuschüttete (die ich leider nicht mehr habe, und ich weiß auch nicht, woher er meine Handynummer hatte). Das Erste, was ich aus dieser Zeit noch finde, ist folgende Mail von mir an Schlingensief, aus der sich die Sache ganz gut rekonstruieren lässt:
2.03.2004
Betreff: fair is foul and foul is fair
lieber christoph schlingensief,
habe bereits mehrmals versucht, auf ihr gestriges sms-bombardement zu antworten, aber heraus kam immer nur das piepsen eines übertragungsfehlers. weiß nicht, woran das liegt – ist aber vielleicht bezeichnend für unsere kommunikation …
zunächst einmal: von HASS kann nun wirklich nicht die rede sein!
seien sie doch nicht so paranoid!
wieso sollte ich sie hassen oder ihre arbeit torpedieren, behindern oder gar, wie sie schreiben, “zerstören” wollen? mitnichten! das ist doch quatsch. wenn es ihnen wieder besser geht und sie die dinge nüchterner betrachten, werden sie das auch selbst einsehen.
ich hätte nie gedacht, dass sie so empfindlich auf meinen kleinen – polemischen – artikel reagieren würden. ehrlich gesagt, halte ich ihre reaktion für absolut übertrieben. wer, wie sie, viel austeilt, sollte auch mal was einstecken können, zumindest ein bisschen polemik.
aber ich merke jetzt und glaube ihnen, dass sie tatsächlich psychisch und physich angeschlagen und nervlich sehr angespannt sind, sonst würden sie sich das alles nicht so zu herzen nehmen und sich von allen seiten verfolgt wähnen.
was ist denn passiert? eine journalistin hört, der künstler schlingensief ist in zürich – nach einer auseinandersetzung mit der polizei und vorwürfen gegen die schauspielhaus-leitung – mit attest krank geschrieben, soll aber an anderen bühnen aufgetreten sein. was tut sie also? sie ruft mal an, ob das stimmt und schreibt darüber einen glossierenden, zugegeben etwas spitzen artikel – das ist ihr gutes recht. so ein artikel kommentiert die situation und stellt nicht gleich den ganzen künstler in frage (oder an den pranger). ihr verhalten in zürich, lieber schlingensief, ist nun mal für außenstehende schwer nachvollziehbar. wenn sie mal versuchen würden, die zürich-kiste unvoreingenommen von außen zu betrachten, würden sie einsehen, dass bestimmte fragen durchaus verständlich, also berechtigt sind. wenn sie in zürich krank gemeldet sind, aber woanders auftreten, dies jedoch nicht weiter erklären, ist dies schon einigermaßen merkwürdig. wird man sich seinen eigenen reim darauf machen, ist doch klar.
kann ja sein, dass sie in bzw. vor zürich eine phobie haben – und wenn sie nun von “todesangst” schreiben und sich tatsächlich in einer klinik aufhalten, mache ich mich ganz bestimmt nicht drüber lustig. im gegenteil, es tut mir leid, dass sie sich in einem so verwundbaren zustand befinden und ich sie mit meinem artikel offenbar wirklich verletzt habe (unbeabsichtigterweise!). aber wieso haben sie nichts davon erzählt? woher soll man das wissen? nach außen wirkte ihr verhalten, sorry, wie das einer eingeschnappten diva, die in zürich zickt und beleidigt abreist, um sich dafür anderswo um so gefällliger ihrer wirkung zu versichern.
ich habe auch nicht verstanden, wieso sie in öffentlichen äußerungen der schauspielhaus-leitung vorwarfen, sie würde nicht richtig hinter ihnen stehen, ihnen zu wenig rückhalt geben … andererseits sprachen sie jedoch von den “marthaler-hassern”, die hier mal wieder mobil machen würden (was in diesem fall einfach nicht stimmt).
ich gebe zu: diese verquickung von argumenten und instrumentalisierung von menschen und “stimmungen” für ihre eigenen zwecke finde ich nicht ganz lauter, jedenfalls nicht anständig, und das ist das einzige, was mich an der sache wirklich gestört hat. alles andere – ihre abreise, die krankmeldung, ihr auftritt in den anderen häusern – quittierte ich in meinem artikel eher mit einem ironischen lächeln.
warum ich die besucherzahlen erfragt und aufgeschrieben habe? um zu veranschaulichen, dass es bei dieser sache wirklich nicht um irgendeinen skandal oder eine skandalisierung geht. sondern im gegenteil: dass ihre zürcher inszenierung – anders als etwas “bambiland” in wien – nicht nur niemanden aufregt, sondern leider auch nicht den großen run auslöst. mein verdacht war, vielleicht zu unrecht: dass das mit ein grund für sie ist, zürich bzw. den blöden zürichern den rücken zu kehren. nach dem motto: die interessieren sich eh nicht für meine arbeit – die können mich mal.
noch mal: ich wollte sie nicht verletzten. nur ein bisschen sticheln. aber nicht weh tun!
was ich zugebe: ich habe ihre krankmeldung nicht ernst genommen. dass es ihnen wirklich schlecht geht, tut mir – ehrlich – leid.
ich wünsche ihnen gute besserung!
mit vielen grüßen aus dem parkett
ihre christine dössel
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Schlingensiefs Antwort:
23.03.2004
RE: fair is foul and foul is fair
liebe frau doessel,
danke für ihre mail.
hat mich wirklich alles am tiefsten punkt des meeres getroffen.
jetzt gehts mir wieder besser.
habe auch wieder zweimal in zürich gespielt.
vielleicht wirke ich ja wirklich so, als hätte ich nur die sonne gepachtet.
viele grüße
ihr christoph schlingensief
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Meine Antwort vom 24.03.2004:
RE:RE: fair is foul and foul is fair
lieber christoph schlingensief,
es freut mich, dass es ihnen wieder besser geht. ich war, ehrlich gesagt, auf ihren brief hin schon etwas besorgt.
bitte, nehmen sie das alles nicht so tragisch.
ich wünsche ihnen alles gute und frischen mut für ihre nächsten projekte, vor allem natürlich für wagner und bayreuth!
und bald kommt hoffentlich der frühling, dann blühen wir alle wieder auf.
seien sie herzlichst gegrüßt
von
christine dössel
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So – und für alle, die es interessiert, hier noch der Artikel, um den es ging, im Wortlaut (erschienen im SZ-Feuilleton, 28.2.2004). Wie gesagt, ich kannte Schlingensief damals noch nicht persönlich – die Vermutung, der mangelnde Zuspruch des Publikums und die abschätzigen Äußerungen Zürcher Politiker könnten ihm die Lust am Auftreten geraubt haben, finde ich rückblickend falsch. Davon hat sich ein Schlingensief nie abhalten lassen. Aber geliebt werden … ja, das wollte er!
Der eingebildete Kranke
In Zürich fehlt Schlingensief mit Attest, in Wien tritt er auf
In Zürich ist Christoph Schlingensief noch immer krank gemeldet. Ein ärztliches Attest bescheinigt ihm, aus psychischen und physischen Gründen vorerst nicht mehr auftreten zu können. Vier Vorstellungen seiner Inszenierung „Attabambi Pornoland” wurden deswegen abgesagt. Ob die für Mitte März geplanten drei Vorstellungen stattfinden werden, will das Zürcher Schauspielhaus nächste Woche „intern” klären.
Was ist das für eine Krankheit, an der Schlingensief leidet? Es scheint sich dabei um einen spezifisch Schweizer Virus zu handeln, womöglich um eine ausgewachsene Zürich-Allergie. Denn während er Marthalers Schauspielhaus fern bleibt, sieht man ihn anderswo fröhlich seine Kunst betreiben. Am Montag und Dienstag ist er am Wiener Burgtheater nachweislich in seiner dortigen „Bambiland”-Inszenierung aufgetreten. Wie das Theater auf Anfrage mitteilt, sei das Haus randvoll gewesen und Herr Schlingensief durchaus bei Kräften. Auch an der Berliner Volksbühne war der teilzeitkranke Darsteller am Donnerstag putzmunter: in seinem Projekt „Atta Atta”. „Von der Welt der Intrige zur Welt der Paranoia” ist es in dieser Kunst-Camper-Aktion nur ein kleiner Sprung. So wie offensichtlich auch im wahren Leben des Christoph Schlingensief. Denn wenn der malade Regisseur kein Simulant ist, bleibt nur eine Diagnose: chronische Mimoseritis mit stark paranoiden Auswüchsen bei erhöhtem Idiosynkrasie-Verdacht gegenüber mangelnder Aufmerksamkeit von außen.
Wie anders ist zu erklären, dass sich Schlingensief nachgerade verfolgt sieht von seinen Gegnern, die er als „alteingesessene Marthaler-Hasser” brandmarkt? Oder instrumentalisiert. Dabei ist Marthaler in seiner letzten Spielzeit beliebter denn je, und Schlingensiefs Arbeit wurde keineswegs torpediert. Eine Anzeige der Züricher Stadtpolizei hatte definitiv nichts mit den Proben zu „Attabambi Pornoland” zu tun, sondern – die SZ berichtete – mit einer Privatfeier, bei der es zu laut wurde und die dann wohl in einem Zusammenstoß mit einem Polizisten gipfelte. Die Aufführung selbst war kein Skandal. Nachdem die Premiere mit 673 Zuschauern noch gut besucht war, wollten nur noch 392 die zweiten Vorstellung sehen, 277 die dritte. Vielleicht ist es dieses Desinteresse, das Herrn S. auf die Gesundheit schlägt?
Mitglieder des Zürcher Gemeinderats machten nun ihrem Zorn über den „eingebildeten Kranken” Luft. Markus Schwyn von der SVP erklärte, Zürich könne sehr gut ohne Schlingensief leben: „Ersparen Sie uns bitte weitere Peinlichkeiten mit diesem Komödianten!” Doris Fiala (FDP) sprach von einem „Risikopotenzial für das Schauspielhaus”. Man müsse den Vorwurf des Vertragsbruchs prüfen. Von linker Seite gab es diesmal keine Schützenhilfe für den Regisseur. In Zürich, scheint es, hat er ausgespielt. CHRISTINE DÖSSEL
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