Christoph Schlingensief ist gestorben
Christoph Schlingensief ist tot. Keine Kunstaktion! Er ist jetzt tatsächlich tot. Vom Krebs niedergerungen, weggebissen, dahingerafft.
Ja, ich weiß, die Nachricht war irgendwann zu befürchten -- und doch trifft sie einen wie ein Schlag. Wie unfassbar traurig das ist! Wie entsetzlich realistisch und ungerecht! Wie gemein! Ich kann gar nicht anders, als um Christoph weinen. Er war ein herzensguter, freundlicher, charismatischer Mensch, einer der charmantesten, entwaffnendsten, umwerfendsten, die ich je kennen lernen durfte. Er war ein wahrhaftiger Künstler, ein Künstler durch und durch, fiebernd, zweifelnd, suchend, fragend. So anregend, anstoßend, frappierend, irritierend … so originell und schnell. Auch anstrengend -- neurotisch, liebesbedürftig, paranoid … Aber total authentisch. Er war so aufrichtig, unverbogen, unverdorben. Er hat sich als Künstler die Welt nicht nur zur Brust genommen, sondern vor allem auch zu Herzen.
Ich war im Salzburger Museum Rupertinum und habe das oben abgebildete Manifest von Jonathan Meese fotografiert (“Kunst ungleich Kultur”), als just in diesem Moment mein Handy klingelte. 17.52 Uhr. Am Telefon Steinfeld, mein Chef aus dem Feuilleton, der mitteilt, dass Schlingensief gestorben sei. Blitz ins Hirn. Beißende Helle. Schlagartiger Realitätseinbruch, gefolgt von roboterhaft nüchterner Reaktion: Okay, Salzburgaufenthalt abbrechen, zurück ins Hotel, nächsten Zug nach München nehmen, morgen in die Redaktion, Nachruf schreiben, Stimmen sammeln … “Schon was vorbereitet?” -- “Nein, nichts.”
Aber jetzt bin ich zuhause und möchte gerade einfach nur heulen. Das Manifest von Meese ist übrigens total im Sinne von Schlingensief: “Kunst als rechtsfreier Raum”, als “Freispiel der Kräfte” -- “keine Limitierungen”, “Hermetik und Hingabe” und über allem: “Liebe (keinerlei Hochmut)” …
Christoph Schlingensief wird uns sehr fehlen, nicht nur in der Theater- und Kunstlandschaft, er wird diesem Land fehlen, auch wenn es dieses Land mal wieder gar nicht merken wird. Er hat uns so verdammt gut getan.
Ich höre “Te Deum” von Arvo Pärt. (Jetzt bloß kein Wagner!) Ich höre es in Gedanken an Dich, Christoph. Und ich bete für Dich, wie Katholiken es tun: Ruhe in Frieden.
1 Kommentar »
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL



Danke
Comment by Matthias Brehminger — August 23, 2010 @ 6:17 pm