Hass … und dann doch wieder: Liebe

Viel Hass erfahren in der letzten Zeit. Zornigen, geifernden, blindwütigen Hass. Abgelassen von anonymen Hassern auf nachtkritik.de, wo es unter dem Deckmäntelchen einer “Debatte” zur Heidelberger Juryentscheidung am Ende nur noch darum ging, mich als Kritikerin und Person schlecht zu reden und fertig zu machen. Es war echt übel: all diese persönlichen Diffamierungen, ehrverletzenden Attacken, verbalen Herabsetzungen – das geht nicht spurlos an einem vorüber. Das war längst keine Debatte mehr über Autorenförderung und eine problematische Jury-Entscheidung (wir waren übrigens drei Juroren!) – das ging nur noch gegen mich persönlich. Erschreckend, wie viele Feinde man als Theaterkritikerin hat …
Na jedenfalls saß ich neulich mit dieser noch ganz frisch in mir arbeitenden Hasserfahrung im Zug nach Wien (zwei Termine bei den Festwochen), als sich in Linz ein Mann zu mir an den Tisch setzte, ein Schwarzer, sehr freundlich, mit Aktentasche, Leuchtmarkern und Papieren. Und da ich offenbar nicht meine Abwehrmaske im Gesicht trug – die muss man sich unbedingt zulegen als reisende Kritikerin, damit man es schafft, in Ruhe gelassen zu werden und im Zug all die Stücke und das Material zu lesen, was man sich für eine Fahrt vorgenommen hat -, da ich also einigermaßen freundlich und ansprechbar dreingeschaut haben muss, kamen wir ins Gespräch. Es war ein sehr gutes, intensives Gespräch. Ein Gespräch – über die Liebe. Tatsächlich! Ich mit all der Hass-Erfahrung in mir treffe auf einen wildfremden Mann aus dem Kongo, dessen wissenschaftliche Studien im Bereich der Soziologie – er ist Soziologe an der Universität Wien - letzten Endes auf die Erkenntnis hinauslaufen, dass es tatsächlich DIE LIEBE gibt, und zwar, wie er sagte, eine bedingungslose, uneigennützige, absolute, zu Brüchen mit den Eltern und der ganzen Familie führende, Dich gesellschaftlich einsam machende, aber menschlich komplett erfüllende Liebe. Sein Forschungsgebiet: “Domino-Beziehungen”, das heißt: Beziehungen zwischen schwarz und weiß.
Sehr interessant, was er von seinen Forschungssubjekten zu berichten hatte – sind ja in der Regel Extrem-Fälle -, und wie die schwierigen Umstände, all diese Vorurteile, die Restriktionen, das Misstrauen diese Paare zusammenschweißen. Wie sich in solchen Fällen (vermutlich viel klarer und entschiedener als sonst im Leben) Liebe erweist, ja be-weist. Komisch, irgendwie war es mir fast peinlich, dass ein Fremder so freimütig mit mir über die Liebe spricht. Allein diese Selbstverständlichkeit, mit der er sie als erwiesen ansah …
Das “Liebes”-Gespräch mit dem freundlichen Herrn Soziologen war um so kurioser, als ich just an diesem Abend bei den Wiener Festwochen – passend zu meiner Grundgestimmtheit – für das Gegenteil gebucht war: “Hass”, eine Produktion von Volker Schmidt nach dem gleichnamigen französischen Kultfilm (“La Haine”) von Mathieu Kassovitz aus den neunziger Jahren.
Treffpunkt war das “brut” im Künstlerhaus nähe Karlsplatz. Von dort wurden die Zuschauer mit zwei Bussen zum Gaswerk Leopoldau gekarrt, das ist eine Industriebrache an der Stadtgrenze von Wien, die für diese das ganze Gelände mit einbeziehende Inszenierung als Banlieue dient – trister Vorort von irgendeiner Großstadt irgendwo in Europa.

Hass x 3: David Wurawa, Karim Cherif und Daniel Wagner (von links); auf dem oben stehenden Bild boxt David Wurawa. (Fotos: Theresa Rauter / Wiener Festwochen)
Die Geschichte: Drei “asoziale” Jugendliche ohne Job und Zukunft irren mit einer gefundenen Polizeiwaffe wie tickende Zeitbomben durch eine drogenbenebelte, von schrägen Vögeln bevölkerte Stadtrand-Tristesse – bis die Situation eskaliert. Der junge Regisseur Volker Schmidt erzählt das mit einem internationalen Ensemble: Mehrsprachige Schauspieler und Jugendliche mit Migrationshintergrund führen die (bei der Premiere für dieses freiluftige Stationentheater mehrheitlich überhaupt nicht gerüstete) Festwochen-Besucherschar auch bei schlechtestem Matsch- und Regenwetter durch ihr “Viertel”, vorbei an Wohnwägen, ausgebrannten Autos, herumlungernden Straßenkids. Man begegnet Streetdancern, Freaks und einem Politiker, der für konservative Werte wirbt; nimmt von außen – höchst voyeuristisch – Einblick in das Zimmer von Karim (Karim Cherif), begibt sich mit dem Schwarzafrikaner David (David Wurawa) in dessen abgefackelte Fitnesshalle und folgt den flotten Sprüchen des Halbrussen Daniel (Daniel Wagner), der mit seinem nicht unbeleibten Körper so tut, als habe er die Coolness überhaupt erst erfunden. Die drei Schauspieler sind toll! Ungeheuer kraftvoll, charmant, pulsierend und … ja, in ihrer Wirkung wahnsinnig authentisch. Über sie funktioniert dieser Geländewanderabend auch dort, wo er seine Schwächen offenbart. Über sie wird Hass in Zuneigung, Verständnis, Sympathie verwandelt, man schließt dieses in seiner Möchtegern-Coolness so tapsige wie komische Trio in sein Herz, das ist auch im Film so. Um so größer die Fallhöhe hin zum explosiven Schluss – mit einem knallharten Schuss.
In der Gruppe, die der freundliche David Wurawa aus Simbabwe anfangs über das Gelände führte, war übrigens ich es, die er sich herausgriff, um den anderen mit mir als Probandin gewisse Box-Grundübungen vorzuführen: Fäuste ballen – federn – Angriff – Schutz – Verteidigung. Ging ganz gut. Er fragte, ob ich das schon öfters gemacht habe, worauf ich antwortete: “Only with words.” Also denn, liebe Feinde, ich bin gewappnet! Halte beide Fäuste beweglich vor dem Gesicht und federe sprungbereit in den Knieen! Gebt´s mir! Kommt nur! Ich bin bereit! Auf Facebook hat mir außerdem ein lustiger Bekannter einen Freundschaftslink zu Vladimir Klitschko geschickt. Für alle Fälle …
Was seither geschah?
Vladimir Klitschko hat meine Freundschaftsanfrage leider nicht bestätigt. Nachtkritik.de hat am Wochenende nach meinem Wiener “Hass”-Training die Heidelberg-Debatte, also: diesen Hass-Thread gegen mich, abrupt geschlossen. Und die Liebe? Soll es geben.
1 Kommentar »
RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URL



Hass, naja. Wo ich Ihnen beipflichte: Man wird als Kulturjournalist nicht gemocht, eigenartigerweise von den Lesern noch weniger als von denjenigen, über die man schreibt, den Künstlern (die finden manchmal, dass man etwas verkehrt interpretiert habe, die falschen Worte gefunden habe, sich auf unwichtige Details konzentriert habe … im Allgemeinen wissen sie aber, mit einem umzugehen). Hingegen kommt vom durchschnittlichen Leser immer wieder unverstellte Abneigung. Die in der Anonymität des Internet (und gerade auf nachtkritik.de) gerne einen unschönen Ton annimmt. Aber Hass? Um jemanden zu hassen, müssen Sie ihm doch gegenüber sitzen, nein? Und im Zug hat Ihnen doch noch niemand das an den Kopf geschmissen, was ihnen auf nachtkritik.de gesagt wurde? Das Problem ist kein Problem der Menschen, das Problem ist eines der Diskussionskultur im virtuellen Raum, da muss man durch, fürchte ich.
Bezüglich des Stückemarkts bin ich anderer Meinung als Sie, das gebe ich zu. Dennoch: Die Annahme, dass es die Liebe geben soll, die gönne ich Ihnen. Von Herzen.
Comment by Zahnwart — Juni 16, 2010 @ 1:42 pm