28.05.10 | 12:39 | Begegnung mit ... | Kritikerlust | Theater | Kommentare 1 Kommentar

John Malkovich in “The Infernal Comedy”

Foto: dpa

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Sieht man dem Kino dabei zu, wie es entsteht, ist das meistens eine ziemlich langweilige Sache: Viele Menschen tun sehr wenig, und wie die Szene aussehen soll, die da gedreht wird, geschweige denn der ganze Film, kann man nicht einmal erahnen. Vielleicht ist das ja, wenn man John Malkovich beim Drehen zuschaut, anders – ihm bei einer Theaterprobe zusehen ist jedenfalls ein Zuckerl.
Ich durfte zusehen, wie er im Ronacher in Wien das Stück “The Infernal Comedy” probte – Malkovich als Jack Unterweger, der österreichische Prostitutiertenmörder, der sich 1991
Malkovichs Unterweger liest in dem Stück aus einem Buch, dass er nach seinem Tod geschrieben hat, erzählt aus seinem Leben, und zwei Sopranistinnen begleiten das in wechselnden Rollen – und werden immer mal wieder von ihm mit ihrem Büstenhalter gemeuchelt. Im Ronacher probte er als mit Aleksandra Zamojska, außer dem Regisseur (und Autor) Michael Sturminger waren nur noch zwei Leute von der Produktion dabei – wenn man da als Journalistin drin sitzt ist, ist man also mangels Konkurrenz das Publikum. So direkt angespielt wird man im Theater natürlich nie, selbst wenn ein Schauspieler das tut, würde man es nicht merken.
Bei Malkovich, der zu allem, auch zu sich selbst und ganz besonders zu Jack Unterweger eine ironische Distanz hat, ist das jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis: Der große Löwe…ganz ruhig und im nächsten Moment furchterregend. Wenn man ihm zusieht, ist auch klar, warum der Mann immer sagt, er nehme seine Charaktere – anders als viele Schauspieler – abends nicht mit heim, denn er legt sie von einer Sekunde auf die andere ab. Die Figuren, die er spielt, gehen durch ihn hindurch, sagt Malkovich achselzuckend im Interview, dass der Anlass gewesen ist für den Probenbesuch (erscheint in der SZ am Wochenende vom 29. Mai).
In Deutschland ist das Stück vom 2. bis zum 6. Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen. Gerne, sagten Malkovich und Sturminger, wären sie mit der “Infernal Comedy” auch nach München gekommen – aber bislang hat kein Münchner Theater sie eingeladen.

23.05.10 | 23:03 | Festivals | Geht gar nicht | Kritikerfrust | Kommentare 22 Kommentare

Zum Heidelberger Stückemarkt: Warum es so nicht geht

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Ich war Jurorin beim Heidelberger Stückemarkt (29.04.-09.05.). Eine ehrenvolle Aufgabe? Mitnichten. Nur eine (nahezu) ehrenamtliche. Dass ich mich dazu habe überreden lassen, war ein Riesenfehler. Es war eigentlich nur unangenehm – angefangen bei der geschäftsmäßigen Hektik, mit der die Verantwortlichen von Programmpunkt zu Programmpunkt und (in sichtlicher Kniefälligkeit) zu den wichtigen Ehrengästen und Sponsoren hechelten und eine Atmosphäre von nüchterner, rast- und seelenloser Betriebsamkeit erzeugten, über die Auswahl der mediokren Stücke, die man da als Juror hätte schönreden und preismäßig adeln sollen – bis hin zu dem Nachspiel, den unsere sich diesem schnöden Routinemechanismus verweigernde Juryentscheidung jetzt auf einem Aasgeier-Forum wie nachtkritik.de hat, wo nicht etwa eine sachliche – und sachdienliche! – Debatte geführt wird, sondern anonyme User sich aufpumpen, die einen wüst beschimpfen und sogar als “Antisemitin” verleumden dürfen.

Zugegeben: Ich habe mit meinen beiden Ko-Juroren, dem Regisseur und Dramaturgen Erik Altorfer sowie dem Jungdramatiker Nis-Momme Stockmann (seines Zeichens Gewinner des Haupt- und des Publikumspreises des vorhergegangenen Heidelberger Stückemarktes), eine problematische, die beteiligten Autoren ebenso wie die Preisstifter, Honoratioren und last but definitely not least die Theaterleitung enttäuschende, wenn nicht düpierende Entscheidung getroffen: Wir haben nämlich mangels herausragender Qualität gar kein Stück als erstklassig oder “innovativ” herausgehoben, sondern stattdessen die stattliche Geldsumme der drei zu vergebenden Preise addiert und unter dem Titel “Förderpreis” auf alle neun nominierten Autoren – sechs deutsche, drei israelische Autoren – gleichbereichtigt verteilt. Was 2333 Euro für jeden machte und von dem Mäzen Manfred Lautenschläger bei der Preisverleihung aufgerundet wurde auf 2500 Euro für jeden der neun Nominierten. Unsere (nach einer fast neunstündigen Sitzung schnell und handschriftlich verfasste) Jurybegründung ist nachzulesen hier.

Dass diese Jury-Entscheidung kritisiert werden würde, war uns klar – wir haben sie uns alles andere als leicht gemacht, das sei nach 9-stündiger Intensivdiskussion versichert! Wir waren auch selber nicht glücklich damit und am Ende nachgerade zermürbt. Aber es war für uns als “unabhängige Jury” (als solche und nicht als Festivalmitbestreiter begriffen wir uns, und als solche waren wir auch im Programmheft annonciert), es war für uns als “unabhängige Jury” unter den Heidelberg-Zwinger-Außengegebenen Umständen die ehrlichste und angemessenste Entscheidung – auch der einzige Weg, zu einer Mehrheitsentscheidung zu finden, ohne dass (mindestens) einer abspringt oder wir zu dem Schluss kommen: Wir vergeben keinen Preis. Wir wollten aber einen Preis vergeben! Und, um es nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir haben einen Preis vergeben!

Wir haben ihn nur, im Sinne einer tatsächlichen Literaturförderung, umbenannt und umverteilt – statt aus einem strukturellen Zwang heraus drei “Sieger” zu benennen, auf dass diese hinterher auf dem Markt verbrennen. Nein, das schöne Preisgeld, mit dem der Heidelberger Stückemarkt sich nach außen hin so bedeutend macht, ist nicht verpufft! Jeder von den Autoren hat Geld bekommen, und jeder soll damit arbeiten! Das ist alles andere als zynisch gemeint. Wir wollten fördern! Geht das nur, wenn man Siegertreppchen aufstellt und einen Ersten, Zweiten, Dritten benennt? Wenn man einen Primus und vielleicht noch einen Zweiten kürt? Einfach, weil das Verfahren es so verlangt – auch wenn die Auswahl dem nicht entspricht? Hier der Scheck, Gratulation – und tschüß! Wem wäre damit gedient? Letztendlich doch nur dem Theater, das damit an seinem Profil feilt und vielleicht das nächste Mal noch ein paar Gelder mehr akquiriert und sich noch ein bisschen besser vermarktet. Mir ist dieser Mechanismus noch nie so klar und augenfällig geworden und so unangenehm aufgestoßen wie jetzt in Heidelberg, wo man ihn regelrecht am Werk und von alerten Betriebsnudeln betrieben sehen konnte. Dieses Gefühl als ein Unbehagen an der (speziell auch Heidelberger) Förderkultur zu bezeichnen, ist höflich ausgedrückt.

Wir haben da – gewiss nicht leichtfertig! – die Bremse eingelegt. Und wir hofften, wir könnten mit unserem aus dieser Notlage und aus diesem Unbehagen heraus geborenen Jury-Votum eine Diskussion anfachen – eine Diskussion über das heißlaufende Autoren(über)förderungssystem im Allgemeinen und über die doch recht offenkundig gewordenen strukturellen Schwächen des (ebenfalls heißlaufenden) Heidelberger Stückemarkts im Speziellen. Wir befanden uns plötzlich in einer Situation, die mir symptomatisch scheint für die Auswüchse des derzeitigen Förderbetriebs: Wir sollten im Namen einer Exzellenzförderung Geld verteilen, nur weil es da ist und im Modell “Stückemarkt” nach einer vorgeschriebenen Preis-Hierarchie vergeben werden muss – obwohl die Texte gar nicht toll waren und wir gar nicht wirklich dahinter stehen konnten. Jedenfalls entsprachen sie nicht unseren Kriterien von maßgeblicher, preis- und uraufführungswürdiger Qualität, zwei bis drei waren sogar – ich sage das als Kritikerin ganz unverblümt – unmöglich! Indiskutabel!

Ich weiß noch, wie ich bei der ersten Jurysitzung den Stückemarkt-Leiter Jan Linders fragte, wie es dieses und jenes Stück überhaupt in die Vorauswahl des Theaters schaffen konnte. Da (ver)zweifelt man ja an der Dramaturgie! Dabei gibt es durchaus gute Stücke, es gibt eine lebendige junge Dramatik, im Moment sogar mehr denn je – aber warum lagen diese Texte in Heidelberg nicht vor? Liegt das an der Vorauswahl des Theaters? Oder werden die wirklich heiß gehandelten, die brauch- und spielbaren Stücke von den Verlagen gar nicht erst in Heidelberg eingereicht? Etwa gar, weil der Preis mit einer Uraufführung an diesem Theater einhergeht, was – sorry, wenn ich hier mal deutlich ausspreche, was Betroffene einen flüstern -, nicht unbedingt eine Ehre ist für den betreffenden Autor? Es gibt da nämlich (nicht mal unbedingt nur größere) Theater mit besseren Bedingungen. Und auch mit einem wesentlich größeren Engagement in Sachen Autorenpflege und Nachhaltigkeit.

60 Texte waren nach Angaben von Jan Linders insgesamt zur Auswahl gestanden – davon hat das Heidelberger Theater die seines Erachtens “besten” ausgesucht und der Jury anheim gegeben: sechs deutsche und dazu noch drei israelische Texte (Israel war das Gastland). Wobei wir die israelischen Stücke überhaupt erst einen Tag vor der ersten Jurysitzung erhielten (bei mir fehlte sogar eines im Umschlag, das ich mir dann am nächsten Tag besorgte) – und zwar in ausgesprochen dürftigen, zum Teil fehlerhaft hingehudelten Übersetzungen, was Jan Linders selber entschuldigend einräumen musste.

Die Jury: vom Regen in die Traufe

Die Jury: vom Regen in die Traufe

Ich war in meinem Kritikerleben wahrlich schon oft Jurorin und habe vielen jungen Dramatikerinnen und Dramatikern zu Preisen, Geldern, Festivaleinladungen, Stipendien, Werkstattinszenierungen und/oder Uraufführungen verholfen. Das ist eine nicht immer erfreuliche, eher sogar undankbare Aufgabe – aber ich habe die Diskussion von Texten und die Förderung junger Autoren und Autorinnen stets als eine Aufgabe meines Berufes als Theaterkritikerin betrachtet. Und weiß Gott: Ich habe dafür schon sehr viel Energie und Lebenszeit investiert, Zeit fürs Stückelesen, fürs Auswerten, Beurteilen (es gibt hier bei mir ganze Notizbücher voll mit Stück-Exzerpten und -Bewertungen) und natürlich auch für all die vielen Jurysitzungen mit ihren langwierigen Diskussionen. Die sind nicht immer so lebendig, interessant und entspannt wie in Mülheim, wo ich mit Lust Mitglied im Auswahlgremium für das Stücke-Festival bin. Sondern die sind oft zäh, oft frustrierend.
Aber: Noch nie habe ich mich so schlecht (behandelt), so ausgenutzt und instrumentalisiert gefühlt wie bei diesem Heidelberger Stückemarkt unter dessen neuem künstlerischen Leiter Jan Linders und dem Intendanten Peter Spuhler (den der israelische Botschafter lustigerweise immer “Spüler” nannte).

Schmusekurs: Intendant Spuhler (links) mit Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts Tel Aviv

Schmusekurs: Intendant Spuhler (links) mit Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts Tel Aviv

Sei es, weil das Programm auszuufern drohte, so ausgebaut und vollgestopft bis in die späte Nacht hinein, wie sie es hatten  (mit einem “Festival im Festival” und tausend Sachen); sei es wegen der Umbaumaßnahmen am eigentlichen Schauspielhaus und der damit verbundenen Vertriebenheit und mangelnden Festivalstimmung – oder weil sie ganz einfach vor lauter Wald die Bäume und vor lauter Theaterprofilierungssucht das Eigentliche nicht mehr sahen: Sie vermittelten jedenfalls den unguten Eindruck, dass es hier hauptsächlich nur um den Betrieb, um die “Marke” Stückemarkt, weniger um die Sache (die Förderung junger Autoren) und schon gar nicht wirklich um gute Texte ging – welche übrigens, auch das möchte ich hier mal sagen, beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens wesentlich sorgfältiger betreut und viel liebevoller und professioneller (mit deutlich besseren Schauspielern) in szenischen Lesungen vorgestellt werden. Und auch atmosphärisch gibt es da einen himmelweiten Unterschied …

Von einem renommierten Autorenfestival wie dem Heidelberger Stückemarkt hatte ich mir jedenfalls mehr erwartet, sowohl inhaltlich als auch organisatorisch, stimmungs- wie umgangsmäßig, von der Qualität der ausgewählten Texte mal ganz zu schweigen. Laue Stück-Konstrukte zu lesen und sich vorzustellen, sie womöglich tatsächlich im Theater sehen zu müssen, kann einen ziemlich runterziehen. Aber nicht nur deshalb habe ich mich als Jurorin – und Kritikerin – so mies gefühlt. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass man hier einfach nur “funktionieren” und Dienst nach Vorschrift leisten soll. Dass sie hier nur Deinen Namen – in meinem Fall: verbunden mit dem Label “Süddeutsche Zeitung” – wollen, den sie am Ende samt einer möglichst wohlfeilen, prägnant formulierten Jury-Würdigung unter irgendein (sei es auch noch so halbgares) Stück setzen können, wie ein Qualitätsiegel: “Empfohlen und gewürdigt von …” – um damit den Betrieb am Laufen halten und die nächste – pardon – Sau durchs Dorf, sprich: über den (Stücke-)Markt auf die Bühne treiben zu können. Denn, so war mein Eindruck: Um nichts anderes geht es hier. Produziere einen neuen Nachwuchsdramatiker, just another playwright … begnüge dich mit dem Material, das da ist, stelle keine Ansprüche und nichts in Frage, gib deinen Stempel – und wehe, du hältst an oder gehst zurück auf Los!

Die Autoren, sowohl die deutschen wie auch die israelischen, haben sich in einer öffentlichen Erklärung zu Wort gemeldet und sich gegen unser Jury-Votum verwahrt. Das ist ihr gutes Recht, und ich kann verstehen, dass sie angepisst sind. Wer will sich schon gerne als “mittelmäßiger Jahrgang” ohne herausragendes Supertalent abqualifizieren lassen – wo doch anscheinend jeder einzelne von ihnen denkt, er selbst sei genau dieses Supertalent und hätte den Hauptpokal verdient. Wäre alles betriebsgemäß verlaufen, hätte es höchstens drei von der Jury gekürte Sieger gegeben:

Hauptpreis: 10 000 Euro; Innovationspreis (sic!): 6000 Euro; Europäischer Preis: 5000 Euro. (Dazu kommt dann noch der Publikumspreis: 2500 Euro.)

Alle anderen wären leer ausgegangen. Nach unserer Entscheidung, das Preisgeld zu addieren und allen Kandidaten zu gleichen Teilen als “Fördergeld” zukommen zu lassen (und ich sehe das ganz konkret in dem Sinne: Setzt euch bitte alle noch mal an Eure Texte ran und gebt ihnen – je nachdem – eine Seele/ eine Sprache /ein Leben/ ein Thema/ eine Haltung zur Welt, ein bisschen mehr Fleisch/ Poesie/Humor bzw. schreibt sie überhaupt erst mal fertig), nach dieser Entscheidung also erhielt jeder einzelne letzten Endes 2500 Euro. Statt gar nichts!  Sehe nicht, warum damit der Fördergedanke des Festivals nicht erfüllt sein sollte. Das wäre nur der Fall gewesen, wenn wir hingeschmissen bzw. überhaupt keinen Preis vergeben hätten. Was wollen diese Autoren? Nur schnellen Ruhm, Kohle, Ehre? Eindeutige Sieger-Verlierer-Kategorien? Hopp oder Topp? Oder tatsächlich an ihren Stücken arbeiten, gute, bleibende Texte schreiben, sich auseinandersetzen mit Kritik, sich hinterfragen, verbessern?

Die deutschen Autoren schreiben in ihrer Stellungnahme: “Der Sinn einer Nachwuchsförderung besteht in unseren Augen nicht darin, pauschale Qualitätsurteile zu fällen, sondern an den eingereichten Texten Besonderheiten, Chancen und Stärken aufzuspüren, auch über etwaige Bedenken an anderen Punkten hinweg – um Entwicklung durch Zuspruch, fundierte Kritik und interessierte Auseinandersetzung zu gewährleisten.”

Jan Linders, künstlerischer Leiter des Heidelberger Stückemarkts

Jan Linders, künstlerischer Leiter des Heidelberger Stückemarkts

Ich möchte dazu nur so viel sagen: So intensiv und engagiert, wie wir Juroren all diese neun Stücke gelesen und diskutiert haben und auf jedes einzelne eingegangen sind – unter genauer Betrachtung von Inhalt, Form, Sprache, Aufbau, Anliegen -, ist es ein sehr schlechter Scherz, uns “pauschale Qualitätsurteile” vorzuwerfen und uns zu unterstellen, wir hätten nichts entdecken wollen. Meine Güte! Es möge sich bitte jeder der gekränkten und sich verkannt fühlenden Nachwuchsautoren beim Stückemarkt-Leiter Jan Linders erkundigen, der – aus welchen Gründen auch immer – bei beiden Jurysitzungen die ganze Zeit über dabeisaß und nicht wird leugnen können, mit welchem Eifer und welcher Genauigkeit wir gelesen und argumentiert haben. Wie sehr wir gerungen – und wie sehr wir auch gelitten haben. Ich befürchte allerdings, nicht jeder Autor würde die eingehende Analyse seines Stückes auch wirklich hören wollen …

Eher ist das Gegenteil der Fall: Vielleicht haben wir uns einfach zu intensiv, zu ausführlich, ernsthaft und detailliert mit diesen Anfängertexten auseinandergesetzt – das war es, was wir mit dem Satz “woran auch immer es lag  … vielleicht an einer schlechten Jury” ausdrücken wollten: dass wir vielleicht einfach zu kritisch waren und nicht gewillt, unsere Ansprüche an einen Theatertext so weit herunterzuschrauben, dass man ihn aus bloßer Festivalpolitik – und weil man das nun mal von uns erwartet – als etwas ganz Besonderes auf ein Podium hebt. Wir hätten es uns, weiß Gott, sehr viel leichter machen und den Weg des geringsten Widerstandes gehen können … Und das wird ja offenbar auch von der Jury erwartet: Stempel drauf! Augen zu und durch!

Die Autoren schreiben in ihrer Stellungnahme: “Eine inhaltliche Begründung wenigstens für den Nichtentscheid blieb – selbst auf Nachfrage – aus.” Wie bitte? Wie kommen die Autoren zu einer solchen Unterstellung? Welche Nachfrage denn?! Kein einziger Autor kam auf mich oder meine beiden Ko-Juroren zu, keiner beschimpfte, keiner befragte uns. Es gab nach der Preisverleihung überhaupt keine Diskussion! Zwar waren im Hof des Theaterkinos Tische und Bänke aufgestellt und Sekt verteilt worden, und ich dachte auch, jetzt würde man noch mit Leuten reden – aber nein, das leerte sich, wie immer bei diesem Festival, ganz schnell; drüben im Zwinger ging ja auch schon wieder das Programm weiter.

Intendant Spuhler verkündet die Entscheidung

Intendant Spuhler verkündet die Entscheidung

Noch was zu Peter Spuhler, dem Heidelberger Intendanten. Ich habe mich lange zurückgehalten, aber seine Doppelzüngigkeit geht mir nun doch zu weit. Da raunt er einem kurz vor Verkündung der Jury-Entscheidung bei einem konzilianten Händedruck zu, er könne das verstehen und das Votum werde sicherlich eine interessante Diskussion auslösen, und zu Nis-Momme Stockmann sagte er explizit, er finde unsere Entscheidung mutig und richtig. Um sich dann eine Woche später im Mannheimer Morgen (17.5.) folgendermaßen zu äußern:

“Dass die Jury nicht reflektiert hat, was sie den Autoren antut, verwundert mich zutiefst. Es wäre sicher ehrlicher oder besser gewesen, nicht in eine Jury zu gehen, wenn man Preise für die falsche Form der Förderung hält.”

Ähm, wie bitte?

Und auf nachtkritik.de äußert ein User namens “spuhler heidelberg”, bei dem es sich womöglich um den echten Spuhler handelt (auf diesem anonymen Forum weiß man das ja nie): “Die Jury muss frei sein in ihrer Entscheidung – davon bin ich überzeugt, selbst wenn ich die Entscheidung der Jury nicht verstehe und nicht teile. Für mich ist es zum einen unwahrscheinlich, dass neun Stücke alle gleich gut/schlecht sind – und ich finde konkret auch nicht, dass das der Fall ist. Ich halte es darüber hinaus für kein richtiges Mittel, eine Autoren-Förderdiskussion (die wichtig ist) auf diesem Wege anzustoßen.”

Tja, da wundert man sich schon sehr …

Übrigens sind natürlich nicht alle neun Stücke gleich gut/schlecht. Aber auch wenn einige deutlich schlechter sind als andere (drei der deutschen Texte hatten alle drei Juroren völlig unanbhängig voneinander gleich zu Beginn schon mal für sich ausgeschlossen, die gingen einfach gar nicht – wir haben sie dann trotzdem noch ewig diskutiert), so heißt das ja noch lange nicht, dass die besseren sehr gut sind.

Alle, die sich jetzt so wahnsinnig über dieses Jury-Votum ereifern und sich für die vermeintlich von uns geprellten und so ungerecht behandelten Autoren in die Bresche werfen, ohne je ein inhaltliches Argument anzuführen, fordere ich auf, die Stücke zu lesen! Einfach mal die Stücke zu lesen! Wer sich dann stark macht für diesen oder jenen Text, dessen spezifische Qualität wir als Jury komplett verkannt haben, nämlich aus diesen und jenen Gründen – den nehme ich ernst.

"Unter jedem Dach (ein ach)" von Eva Rottmann erhielt den Publikumspreis

"Unter jedem Dach (ein ach)" von Eva Rottmann erhielt den Publikumspreis

Was mir in Heidelberg unter den gegebenen Umständen klar geworden ist: Ich möchte nicht als Jurorin an der Verbreitung eines Theaters mitwirken, das ich als Zuschauerin gar nicht sehen will und als Kritikerin verreißen würde, verreißen müsste! Und darauf liefe das ja hinaus, wenn man sich verbiegt und Stücke als hervorragend prämiert, die es gar nicht sind, die einem nichts zu sagen haben und eigentlich nur den Uraufführungsbetrieb bedienen sollen. Versehen mit dem Siegel “Preisträger des Heidelberger Stückemarktes” und den zwangsbelobigenden Jury-Worten geht dieses Stück dann in die Verlage und Dramaturgien und von dort, weil es nun ja ein Preisträger-Stück ist, sehr schnell (und meist unhinterfragt) auf eine Studiobühne, inszeniert von einem mehr oder weniger inspirierten Jungregisseur, und weil es eine UA ist, kriegt man eine Kritik, um die nämlich geht´s – und das war es dann. Meistens jedenfalls. So ein Stück wird dann in der Regel ein paar Mal aufgeführt und nie mehr nachgespielt und verschwindet im Massengrab der jungen deutschen Mittelmaßdramatik. Was aber niemanden weiter interessiert, denn hier kommt schon der nächste Preisträger aus der jüngsten Autorenwerkstatt. The show must go on.

Es ist übrigens nicht so – und kann realistischerweise auch gar nicht so sein -, dass ständig neue Topautoren nachkommen. Auch wenn es für die Beteiligten hart klingt: Ein Autor/ eine Autorin von der Qualität eines Philipp Löhle oder Nis-Momme Stockmann war beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt schlicht nicht dabei. Da gibt es einfach einen Riesen-Gap! Wenn ein Stück gut ist, merkt man das übrigens sofort. Als ich mein erstes Stück von Philipp Löhle, Dirk Laucke oder Ewald Palmetshofer gelesen habe, war da sofort dieses “Oho!”. Das packt einen, da springt einen gleich etwas an und zieht einen hinein in den Text – in eine Geschichte womöglich sogar, in eine Welt: sei es ein Ton, die Sprache, der Rhythmus, der Humor, so ein Gefühl von Authentizität oder, wie schön!, eine unverkennbare Liebe zu den Figuren wie zum Beispiel bei Nis-Momme Stockmann, der meines Erachtens tatsächlich ein Ausnahmetalent ist.

Und weil ich nun bei Nis-Momme Stockmann bin: Ich hab zwar keine Ahnung, was ihn geritten hat, im Rahmen des Mülheimer Stücke-Festivals seitenlang über die “Bewertungsmacht der Kritik” herzuziehen und den Kritikern mangelnde Liebe, Neugier und Lust vorzuwerfen – ausgerechnet er, der von den Kritikern bisher doch nichts als Liebe, Neugier und Lust erfahren hat und als absoluter Frischling mit seinem Stück “Kein Schiff wird kommen” sofort nach Mülheim, dem wichtigsten Festival für deutsche Dramatik, eingeladen wurde – mit den entsprechenden Würdigungen seines dramatischen Talents. Aber sei´s drum: Ich schätze Nis-Momme Stockmann nicht nur als einen bemerkenswerten Jungdramatiker mit einem feinen Gespür für Themen und einem außerordentlichen Sprachgefühl; ich habe ihn in Heidelberg auch als einen sehr ernsthaften, bedachtsamen, klugen, eloquenten und sympathischen Menschen kennen gelernt. Einer, der sehr seriös und mit großer analytischer Genauigkeit über Texte, Sprache, Figurenzeichnung und nicht über Autoren/Kollegen geredet hat. Wenn er jetzt von anonymen Internet-Nutzern als “Kollegenschwein” gedisst wird, ist das derart böswillig, dass ich nicht umhin komme, das auf Neid zurückzuführen. Auf einen riesigen, bösen, giftigen Neid, der in dieser Autorenszene gärt und jetzt aufs Widerwärtigste und Hasserfüllteste hochkocht.

Stockmann

Stockmann

Dass Nis-Momme Stockmann als zweifacher Vorjahres-Sieger des Heidelberger Stückemarkts Mitglied in der Jury war, ist sicherlich suboptimal und anfechtbar – aber dafür kann er nun wirklich nichts. Genauso wenig wie dafür, dass man sein Gesicht zu Werbezwecken auf Plakate gedruckt und damit die Stadt zuplakatiert hat. Das, liebe Leute, ist der Heidelberger Stückemarkt! Der Autorenpreisträger wird im folgenden Jahr automatisch zum Juror – das ist kompletter Schwachsinn, aber so ist es nun mal. Bin gespannt, wie die Heidelberger das nächstes Jahr regeln werden, wo doch jetzt gewissermaßen alle “Sieger” sind. Wäre ja mal was: Neun Autoren suchen einen würdigen Preisträger. Oder zumindest die sechs deutschen. Die israelischen Dramatiker fallen ohnehin aus der Reihe – die Bewertung ihrer Texte war im Rahmen des Heidelberger Gesamttableaus schwierig. Ich kenne das israelische Theater einigermaßen gut. Die drei Stücke wurden von Avishai Milstein, dem Israel-Scout des Festivals, sehr gut ausgewählt, keine Frage. Die typisch israelische Familiengeschichte “Immobilien” von Roni Kuban wird in Israel sicher ein Erfolg, sowohl von der Thematik her als auch von der melancholisch-sentimentalen, filmisch-epischen Erzählweise. Und die beiden anderen Texte, das (leider komplett undramatische) Armee-Stück “Berg” von Yaron Edelstein und das putzig-kokette, minimalistische Pärchen-wechsel-dich-Spiel “Hinter mir geht das Licht auf” von Oded Liphshitz, sind für israelische Verhältnisse tatsächlich etwas Neues, Besonderes, wenn nicht gar innovativ. Sie wagen, sie probieren was. Aber in dieser Formulierung “für israelische Verhältnisse” liegt auch schon das Problem …

Labiles Mobile: Der Israel-Keks bildete das Motto des Stückemarkts

Labiles Mobile: Der Israel-Keks bildete das Motto des Stückemarkts

Angenommen, wir hätten, wie ich während der Sitzung mal vorschlug, “Hinter mir geht das Licht auf” mit dem Innovationspreis ausgezeichnet … das hieße, wie mir in der Diskussion dann schnell klar wurde, eine absolut anmaßende, arrogante, ja paternalistische Haltung einzunehmen: Denn wir würden das Stück, dessen Autor im Publikumsgespräch selber bekannte, dass es von Roland Schimmelpfennig inspiriert sei, nur vor dem Hintergrund der israelischen Theaterästhetik als “innovativ”, oder sagen wir mal: als experimentell und strukturell originell einstufen – in Deutschland aber, da braucht man sich nichts vorzumachen, ist der Text eine “Arabische Nacht” für Arme.

Diskussionen dieser Art gab es manche. Schwierige Diskussionen. Sollte es einen Israel-Bonus geben? Eine Gastland-Milde? Oder hätten wir uns die Entscheidung bei den israelischen Stücken deshalb besonders leicht machen sollen, weil die am Ende sowieso keiner liest, geschweige denn hier spielt? Nach dem Motto: Kräht eh kein Hahn danach – Hauptsache, der “Europäische Preis” wird vergeben und das internationale Renomee des Heidelberger Stückmarkts gefördert?! Was wäre das für eine Haltung? Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es ist und bleibt kompliziert.

Als schließlich klar war, dass wir uns auf keinen deutschsprachigen Haupt- und “Innovations”-Preisträger würden einigen können, auch nicht auf die Lösung  “Drei plus eins” (drei deutsche Autoren teilen sich das Preisgeld für Haupt- und Innovationspreis, und den Europäischen Preis vergeben wir einfach wunschgemäß an einen Israeli), als es also auf gar kein deutsches Stück hinauslief – da hätte dann einer der israelischen Texte schon sehr besonders und überragend sein müssen, um quasi als “das Stück” des Heidelberger Stückemarkts dazustehen und damit als einziges namentlich herausgehoben und zur Uraufführung empfohlen zu werden. So ein Alleinstellungsmerkmal war bei den israelischen Texten nun aber auch wieder nicht auszumachen, und die Übersetzungen ließen, wie gesagt, doch schwer zu wünschen übrig. Wer hätte da die Spracharbeit adäquat würdigen können?

So dass wir am Ende alle gleich behandelt haben. Mit dem ehrlichen Wunsch, mal diese Fördermechanismen zu überdenken. Ich meine, bitteschön: alleine einen Nachwuchspreis als “Innovationspreis” auszuloben …!?

Heidelberg - vom Theater entlarvt als eine schöne Kulisse

Heidelberg - vom Theater entlarvt als eine schöne Kulisse

Der Heidelberger Stückemarkt hat – aus für mich inzwischen hinterfragbaren und nicht ganz nachvollziehbaren Gründen – einen guten Ruf. Aber den hat er auch zu verlieren, und daran sind gewiss nicht wir “falschen” Juroren schuld.

Im übrigen rate ich den Heidelberger Stückemarkt-Betreibern, sich mal bei umsichtigeren Autoren-Förderern wie zum Beispiel den Mülheimern ein paar Anregungen zu holen – für interessante, tiefgehende (und moderierte!) Publikumsgespräche ebenso wie zum Beispiel für die Organisation von Jurysitzungen. Dass man solche Sitzungen zum Beispiel grundsätzlich nicht in öffentlichen Cafés oder Gasthäusern abhalten sollte! Und Ruhe dafür nicht schlecht wäre. All so was … Wenn ich daran denke, in welch einer schrecklichen, dunklen, miefigen, unglaublich lauten, zum Gang hin offenen Box in einem alteingesessenen Touristen-Gasthaus, direkt neben dem Kücheneingang, an einem Sonntagmorgen unsere letzte Jurysitzung begann – dann krieg ich jetzt noch jenen Anfall, den ich dort nach ungefähr drei Stunden bekam. Und der immerhin dazu führte, dass wir das Lokal gewechselt haben. Und dann im Regen herumirrten auf der Suche nach einem sonntags nicht geschlossenen Restaurant in der Heidelberger Altstadt, in dem zufällig auch noch ein Tisch für vier Personen frei ist. Man fasst es nicht!

So, nun hab ich mich erklärt und geleert und möchte meine Ruhe haben. Seit dem Stückemarkt bin ich krank, habe so ein permanentes Rauschen und Stechen im rechten Ohr. Geht einfach nicht weg. Der Arzt diagnostizierte: Paukenerguss. Ich befürchte aber fast, es ist das Fiepen der deutschen Jungdramatik.

Zum Schluss noch die Nachricht einer Jungregisseurin, die mich gebeten hat, diese ihre Mail in meinen Blogeintrag aufzunehmen – es gibt nämlich auch solche Stimmen:

“Ich finde das Vorgehen der Jury beim Stückemarkt in Heidelberg klasse!!!
Endlich ist mal sowas passiert!
Ich kann nur aus der Sicht einer Anfängerregisseurin sprechen, der quasi ausschließlich schlechte, NEUE Stücke angeboten werden, die man ablehnen MUSS. Argumente der Dramaturgen sind nämlich immer: “Hat Preis XY gewonnen, bzw. war nominiert, blablabla.” Ich kann das nicht mehr hören.
Dankeschön!”

23.05.10 | 21:33 | Festivals | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Cannes (2):

Der französische Publizist, Philosoph und Kinoliebhaber Bernard-Henry Levy setzt sich auf seiner Website für die Freilassung von Jafar Panahi. Panahi, der iranische Regisseur, der bei der Berlinale 2006 mit “Offside” den Silbernen Bären gewonnen hat, sitzt in Teheran in Haft wegen seines neuen Filmprojekts; er wurde schon mal vorab festgenommen, damit er ihn erst gar nicht drehen kann. Während der Filmfestspiele in Cannes wurde ein offener Brief von Panahi veröffentlicht, der Filmemacher ist inzwischen im Hungerstreik. Schon Ende April haben einige amerikanische Filmemacher eine Petition zu Panahis Freilassung unterschrieben – eine ziemlich exquisite Liste: Steven Spielberg, Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Robert De Niro, Robert Redford, die Coens, Ang Lee, Oliver Stone….

21.05.10 | 13:36 | Festivals | Geht gar nicht | Kritikerin unterwegs | Kommentare 0 Kommentare

Cannes (1): Schöner Foltern

Ken Loach, der in Cannes schon einmal eine Goldene Palme gewonnen hat, ist mit seinem Film “Route Irish” in den Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals nachgerückt – gerade noch rechtzeitig fertig geworden, allerdings dann doch so spät, dass er in keinem Programmheft auftauchte. Es geht um einen britischen Söldner, der im Irak für einen Sicherheitsdienst gearbeitet hat und aufklären will, wie sein alter Freund, den er auch zu diesem Job überredet hat, dort umgekommen ist. Dabei bedient er sich dessen, was er gelernt hat – wenn einer nicht von allein sagt, was er weiß, muss man halt mit Gewalt nachhelfen. Ken Loach ist ein aufrechter Mann, und mal abgesehen davon, dass er dann im Film schon klarstellt, dass man mit Folter zwar Informationen bekommt, aber nicht notwendigerweise die richtigen, hatte er offensichtlich wenig Freude daran, eine solche Szene zu drehen. Waterboarding bei Loach sieht so aus: Der Gefangene bekommt einen Waschlappen übers Gesicht, und dann gießt man eine Tasse Wasser drüber.
Sowas gibt´s nur im Kino – der Gefangene, selbst Ex-Soldat und ein Riesenpaket von etwa zwei Metern Höhe und zwei Metern Breite, gibt schon nach der ersten Tasse auf und packt aus.
Nun ist es ja ganz rührend, wenn ein Filmemacher Berührungsängste mit Folterszenen hat, aber …
Nach der Vorführung, im Kino nebenan, kurz vor dem nächsten Wettbewerbsfilm, unterhielten sich zwei amerikanische Kollegen. Dieses Waterboarding, sagte der eine, ist doch wohl aber wirklich nicht so schlimm, sagte der eine. Der andere hatte immerhin Zweifel und sagte: Ich glaube, so wird das in Wirklichkeit auch nicht gemacht.
Fazit: Wenn man keine Folterszenen drehen möchte – dann sollte man es auch nicht tun.

04.05.10 | 17:34 | Dies & das | Kommentare 1 Kommentar

Die Europäische Fußballmeisterschaft der Theater

Heute darf ich hier einen Gastblogger begrüßen:

und zwar den jungen Regisseur Veit Güssow, der nicht nur das Theater liebt, Guessow2 sondern auch den Fußball (was in dieser Kombination ja häufiger vorkommt als gedacht). Er hat angeboten, was über die 42. Europäische Fußballmeisterschaft der Theater zu posten – eine Veranstaltung, deren Existenz mir gar nicht bekannt war, die aber offenbar tatsächlich am vergangenen Wochenende in Essen über die Bühne den Rasen gegangen ist. Als Spieler mit dabei: Veit Güssow. Der hat sich mächtig ins Zeug gelegt – und gab mir heute bei weitem nicht nur das Ergebnis durch. Fußballaffin ist dieses Blog zwar nicht, aber es soll diese Spielart auch nicht ausgegrenzt werden. Deshalb hier nun also:

Bericht von der “42. European Championship of Theatre Soccer Teams” in Essen am 01.05.2010 /

Von Veit Güssow

bild1

Vorwort:

Es gab klangvolle Partien zu bestaunen, bei der 42. European Championship of Theatre Teams in Essen. Wo sonst spielt die Staatsoper Berlin gegen die Wiener Staatsoper (0:0), das Thalia Theater Hamburg gegen die Opéra National de Paris (0:2), das Teatro all Scala di Milano gegen das Slovene National Theater Maribor (0:2) oder das Teatro de la Fenice Venezia gegen das Theater Erlangen (2:0). Am Ende hängten die Opernhäuser die Sprechtheater klar ab. Mindestens die  ersten neun Plätze gingen an Opern und Drei-Spartenhäuser – beim 10. Platz, dem Teatro Prinzipal de Zaragoza, ist mir trotz Blick ins Netz nicht klar, was die eigentlich sind.

bild2Und wo waren die großen Sprechbühnen? Aus Berlin und München und Wien – keine dabei! Aus Hamburg? Thalia und Schauspielhaus fanden sich auf den hintersten Plätzen 23 und 24. Aus Erlangen? Die Erlanger errangen – unterstützt von Spielern vom Theater an der Ruhr – nicht nur einen stolzen 15. Platz, sondern hatten auch die größte (und einzige) Fahne dabei, die einsam die Tribüne schmückte.

Das Turnier:

„Dabei sein ist alles“ wurde in der Eröffnungsrede offenbart. Man wünsche sich „faire“ und „harte“ Spiele, hieß es in den etwas irritierenden weiteren Ermunterungen, und überhaupt könne man sich alternativ auch auf den Fairplay-Preis konzentrieren (der ging ans Rheinischen Landestheater Neuss), was sich wohl an jene richtete, die sich bei den „harten“ Spielen keine Chancen ausrechneten (was ich den Spielern von Neuss nicht unterstellen will). Laut Johanniterstatistik ging’s dann aber gar nicht so richtig hart zur Sache, schlimme Verletzungen blieben aus, was einer der Schiedsrichter so umschrieb: „Hier spielen Leute, die mehr wollen, aber weniger können.“ Vielleicht hilft zum Verständnis des Satzes das Wissen, dass letztes Jahr das Endspiel abgebrochen werden musste, nachdem es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Mailand und Ravenna gekommen war (angeblich waren vermeintliche Fakten über die Mutter eines Spielers in Umlauf gebracht worden), so dass ein lachender Dritter dadurch nicht nur Dritter wurde.

Eine Erkenntnis des Turniers ist, dass die Städtischen Bühnen Köln feige sind und, statt beim Elfmeterschießen um den 15. Platz gegen Erlangen anzutreten, heimfuhren. bild3

Das schickste Trikot hatten die Spieler vom Theater Winterthur, die 22. wurden und die Frage aufwarfen: Was muss man sich unter dem Sponsor „Ruckstuhlelite“ vorstellen (siehe Foto)?

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Das Thalia Theater (23.) war übrigens verletzungsbedingt vorzeitig abgereist  (was irgendwie im Widerspruch zu der Johanniteraussage steht) und das Schauspielhaus Hamburg (24. und Letzter) war gar nicht erst angereist. Arme „Ruckstuhlelite“.

Nicht nur dabei waren, sondern auch noch gewonnen haben die Slovenen vom Theater Maribor, die so hervorragend spielten, dass irgendwann die Vermutung auftauchte, ob da nicht der eine oder andere Profispieler in letzter Sekunde ein Praktikum in der Requisite angedreht bekommen hatte, aber das sind bloß neidvolle Nachreden, wenn man mich fragt.bild5

Auch wenn das Turnier von Elfmeterschießen nur so wimmelte, wurde die mancherorts gehegte Hoffnung, auf diese Weise mal den slowenischen Torwart in Aktion zu sehen, nicht erfüllt. Der slowenische Sturm war einfach zu stark, Elferschießen blieben aus. Auf dem Bild sieht man den Torwart und einen Spieler im Siegestaumel.

Die Randgeschichte:

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Dieser Mann vom Team „Helmut-List-Halle“ (übrigens aus Graz) wurde im Finale berühmt, als er seine fegende Hausmeisterpappfigur als halbnackter Flitzer – halbnackt weil nur obenrum bekleidet – direkt auf den Mittelkreis setzte und dabei ordentlich Applaus erntete.

Die absolute Randgeschichte:

bild7In Essen muss irgendwo gerade Cremeseife im Angebot sein, denn in unserem Mannschaftsquartier – ich spielte übrigens für Erlangen – fanden sich im Gemeinschaftsbad gleich drei Sorten zur Auswahl. Und auf der Siegesfeier in der Rathauskantine gab es noch mal dieselbe Auswahl – das kann kein Zufall sein.

Zum Abschluss der Dank: bild8

Zweite wurden höflichst die Gastgeber der „Theater und Philharmonie Essen“, die zumindest fürs Jubeln und für die Organisation den dicksten Pokal verdient hätten. Hier nach dem entscheidenden Elfmeter gegen Paris – unhaltbar geschossen. Und auch einen großen Dank hat das Wetter verdient, das sich allen Vorausdeutungen trotzend zum Halten entschied.

04.05.10 | 16:39 | Dies & das | Harte Realitäten | Kino | Kommentare 0 Kommentare

Das Imaginarium des Dr. Gollum

Auch die Schauspielkunst unterliegt dem Wandel der Zeit. Das behauptet zumindest Andy Serkis – ein Londoner Schauspieler, Jahrgang 1964, hat viel Theater gespielt, aber als er 35 Jahre alt war, 1999, wartete er immer noch auf seinen großen Druchbruch. Den hat er auch erlebt – als Gollum in Peter Jacksons “Herr der Ringe”-Filmen; und als Jacksons “King Kong”. Gut, das waren jetzt keine Rollen, mit denen sein Gesicht berühmt wurde – aber aus der Mischform von Schauspiel und Computeranimation hat er tatsächlich eine eigene Kunstform gemacht. Und nun will er, so steht`s im Guardian, auch anderen beibringen, wie das geht – und gründet deswegen eine Schauspielschule für computergenerierte Charakterrollen, das Imaginarium, wo man lernt, sich in nicht existenten Räumen in dreidimensionale oder auch nur irgendwie verwachsene Figuren einzufinden. Sie haben unseren Schatz gestohlen…

03.05.10 | 20:02 | Begegnung mit ... | Festivals | Geht doch! | Kommentare 3 Kommentare

Oberammergau (3): Jesus lebt

Heute habe ich Jesus getroffen.

Oh Jesus!

Oh Jesus!

Er saß in Oberammergau im “Theatercafé” und aß einen Keks. Niemand nahm groß Notiz von ihm. Er war sehr entspannt und sagte: Alles läuft gut.

Wahrlich, ich sage Euch: Das ist ein gutes Zeichen …

Demnächst mehr. Aus Oberammergau … und überhaupt!

P.S. (Sorry, mein Leben geht zu schnell, komme im Moment mit dem Bloggen nicht mehr nach … Ich weiß, das spricht gegen das Prinzip – und damit wohl auch gegen mich als Bloggerin … Mea culpa! Mea maxima culpa! Hiermit wäre es also gebeichtet, vor Jesus und allen anderen. Und damit krieg ich als Katholikin jetzt ja wohl hoffentlich eine Absolution!!! Danke. Sehr schön. Alles wird gut – oder zumindest besser … ich werde mich jedenfalls bemühen!)