31.03.10 | 17:06 | Begegnung mit ... | Glückwunsch! | Kommentare 5 Kommentare

Rolf Boysen 90

Boysen

Heute wird der großartige Schauspieler und Sprechkünstler Rolf Boysen 90 Jahre alt. NEUNZIG – das muss man erst mal hinkriegen! Noch dazu so wie Boysen, der überhaupt nicht senil und gebrechlich, sondern grandseigneurhaft würdig, körperlich rüstig und geistig absolut rege wirkt. Und darüber hinaus auch noch sehr charmant und geistreich ist.

Für einen Geburtstagsartikel im Feuilleton (heutige Printausgabe) habe ich den Schauspieler letzte Woche in Begleitung der Fotografin Regina Schmeken in Bad Wiessee am Tegernsee besucht. Er weilte dort in der Fachklinik Medical Park, einer Kurklinik für Orthopädie und Sportmedizin, mit der schönen Adresse “Am Kirschbaumhügel”. Ich dachte schon, er würde uns in Krankenhauskleidung und/oder gar im Rollstuhl empfangen. Aber nein: Er war gekleidet wie ein englischer Gentleman und wirkte auch sonst rein gar nicht wie ein Patient (siehe meine Fotos). Auf die Frage, was der Grund seines Klinikaufenthalts sei, erzählte er uns die Geschichte seines Sturzes (der übrigens schon ein ganzes Weilchen her ist): Wie er zu Hause, als er eine Flasche Wein holen wollte, rückwärts die Kellertreppe hinabgefallen ist … und sich dabei einen doppelten Wirbelbruch zugezogen hat. Zwei Schrauben habe er seither hinten drin. “Aber”, grinst der Bordeaux-Liebhaber Boysen, “halb so wild: Die Flasche blieb heil.”

Das ist natürlich eine schöne Geschichte, fast möchte ich sagen: ein Treppenwitz – und ich habe damit meinen Geburtstagsartikel begonnen. Der muss und soll hier nicht wiederholt werden. Nur so viel: Die zwei Stunden mit Rolf Boysen waren sehr beschwingend. Wenn einer auf so ein langes und reiches Bühnenleben zurückblicken kann wie Boysen, der die bedeutendsten Rollen der Dramenliteratur gespielt und die größten Werke der Weltliteratur gelesen hat, dann hat er natürlich was zu erzählen. Vom Krieg zum Beispiel, in dem ihm ein Kamerad aus seiner Division zwei Theaterrollen beibrachte (den Karl Moor und den Faust). Von seinem schnellen Einstieg und Aufstieg als Schauspieler in der Nachkriegszeit, als keiner nach einer Schauspielausbildung fragte – es herrschte Männermangel. Von Hans Schweikart, dem “großen Naturalisten und Raumbeherrscher”, und Fritz Kortner, diesem “Elementarerlebnis” – beide waren Boysens große, prägende Lehrmeister an den Münchner Kammerspielen. Von der Faszination des Theaters überhaupt. Und von der Sprache natürlich, die Boysen so liebt und meisterhaft beherrscht – von ihrer Schönheit, ihren Feinheiten, ihren Forderungen und Erfordernissen.

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Boysen ist ein kluger, denkender Schauspieler. Die wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse seines Berufslebens hat er in dem lesenswerten Essay-Band “Nachdenken über Theater” veröffentlicht. Aus diesem Buch wird er heute Abend, an seinem 90. Geburtstag, im Münchner Residenztheater vorlesen, an das er 2001 mit Dieter Dorn von den Kammerspielen rübergewechselt ist. Ehrensache, dass ich da hingehe! Wer den stimmgewaltigen Boysen als Rezitator antiker Literatur kennt, weiß: Er ist ein grandioser Vortragskünstler, in seiner Intonierungsgabe unerreicht. Einer, der schwere Textbrocken wie die “Ilias” oder Vergils “Aeneis” nicht einfach nur liest, sondern sie stimmlich strukturiert, rhythmisiert und dramatisiert – so dass man sie mit ihm durchleben, durchdringen … und sie tatsächlich auch verstehen kann.

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Natürlich ließ ich mir nicht die Gelegenheit entgehen, für mein persönliches Exemplar des Buches eine Widmung zu erbitten – die mir Rolf Boysen dann netterweise auch gab. Wobei er sich sehr für seine wackelige Handschrift entschuldigte. Zum Abschied drückte er mich dann sogar – und diese herzliche Umarmung will was heißen, wo ich doch am Münchner Residenztheater als Kritikerin so gar nicht gelitten bin und es wahrscheinlich nicht übertrieben ist, zu sagen, dass Dieter Dorn mich und meine Theaterauffassung nicht ausstehen kann.

Und deshalb hier noch dieses Foto mit mir und dem sehr galanten Herrn Boysen, diesem hanseatischen Charmeur, der bestimmt mal ein großer Womanizer war (Und wenn jetzt wieder welche unken: “Frau Dössel, haben Sie das nötig …!?”, dann sag´ ich: Jawohl! Und warum auch nicht? Das hier, liebe Leute, ist mein Blog … da darf ich sogar mal ICH zu mir sagen!) :

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Herzlichen Glückwunsch, lieber Rolf Boysen! War mir ein Vergnügen.

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Nachtrag vom 1. April: “Nachdenken über Theater” – Boysens Geburtstags-Lesung

Boysens Geburtstags-Lesung, gestern im Münchner Residenztheater, war komplett ausverkauft. Und etliche hofften in der Warteschlange noch auf eine Karte. Im Foyer sah man langjährige Kollegen von Boysen wie Lambert Hamel, Stefan Hunstein und Doris Schade (seine Desdemona aus Fritz Kortners “Othello”-Inszenierung von 1962!). Joachim Kaiser, der am Nachmittag in der Redaktion noch über sein stressiges Wochenprogramm geklagt hatte, war dann doch auch gekommen. Und Michael Krüger vom Hanser Verlag. Es fehlten natürlich auch nicht Boysens Söhne Markus und Peer, Schauspieler der eine, Regisseur der andere. Sie stützten ihre Mutter Marianne, mit der Boysen schon 52 Jahre verheiratet ist. Von ihr heißt es, dass sie ebenfalls gestürzt sei, jüngst erst. (Nach der Lesung wollte Boysen – das hatte er in Bad Wiessee erzählt – mit seiner Familie gleich wieder abdampfen: in ein Hotel am Starnberger See, wo es sehr schön sein soll und guten Rotwein gibt.)

Viel weißes Haar im Parkett – klar, bei einem 90-jährigen Jubilar. An einem Desk im Foyer haben sich mehrere Besucher Hörgeräte ausgeliehen. Ganze 40 gingen über den Tisch, ich habe nachgefragt. Lustig. Bisher wusste ich gar nicht, dass das Theater einen solchen Service bietet.

Der Geburtstags-Boysen bekam nicht nur am Ende gebührenden Applaus und Standing Ovations, sondern gleich schon am Anfang. Kaum war er auf die Bühne getreten, erhob sich der Saal. Eine Welle aus Bewunderung, Respekt und großer Zuneigung schwappte da nach vorne und umfing den Jubilar mit stürmischer Wärme. Dieser setzte sich auf der großen, mal wieder Dorn-typisch bis zur Brandmauer aufgerissenen und blau angestrahlten Bühne ganz vorne an einen Lesetisch und schaffte es auf Anhieb, in dem Riesenraum eine Konzentration und Intimität herzustellen, wie es nur einem Erzählmagier wie ihm gelingt. Boysen mit seiner unvergleichlich gewaltigen, geschmeidigen Stimme, seiner vokalen Dramatisierungs- und Intonierungskunst.

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

Da ist er schon bei der Zugabe, der Geschichte von Judith und Holofernes, die er locker ohne Hocker gibt - ein Gentleman von höchster Lesegewalt. (Foto: C.D. von der 10. Reihe aus)

“Nachdenken über Theater”: Boysen begann mit dem ersten Kapitel seines Buches, das die Überschrift trägt “Vor der Vorstellung”; er sagte: “Man kann es auch nennen: Ich weiß es nicht.” Denn was genau es mit diesem Geheimnis des Theaters, dem Faszinosum der leeren, erst noch vom Schauspieler zu belebenden Bühne auf sich hat, das hat er nach 64 Bühnenjahren noch immer nicht ergründet. Boysen weiß aber sehr wohl ein Hohelied auf die Guckkastenbühne zu singen und die Gegenwärtigkeit des Theaters als dessen Alleinstellungsmerkmal zu rühmen: “Nirgendwo sonst berühren sich Vergangenheit und Gegenwart so innig wie hier. Hier und jetzt findet es statt. Heute abend findet es statt. Und wer es sehen will, muss hingehen und schauen.”

Sehr lustig das Kapitel “Na, Alter”, in dem der Schauspieler einleitend von einem Ritual mit einem langjährigen Freund erzählt, der ihn stets – auch schon in jüngeren Jahren – mit den Worten zu begrüßen pflegte: “Na, Alter, wie ist es denn heute?”, woraufhin Boysen gewohnheitsgemäß antwortete: “Danke, mein Alter, es geht schon!” – - Damit wäre Boysen nun also beim Thema Alter, und er schreibt, dass “alt werden ein Geschenk sein kann”: alt werden habe mit “Dauerhaftigkeit” zu tun, “mit Standhaftigkeit und mit Wachsen”.

Alles das, was war, schreibt Boysen, “haben wir in den großen Sack unseres Lebens gesteckt und tragen es mit uns herum”. Und der alt gewordene Schauspieler schleppe neben seinem ganzen “Lebensplunder” auch noch den ganzen “Theaterplunder” mit sich rum. Wenn nun ein Junger komme und in diesen Sack hineinsehe, weil er von dem erfahrenen Alten einen Rat haben möchte, dann könne es sein, dass dieser Junge feststellen müsse: “Aber es ist ja gar nichts darin!”

Etwas aber gibt der Alte dem Jungen dann doch mit auf den Weg: “Da du unbedingt einen Rat haben willst, merke dir dieses: beim Komma hebe die Stimme, und senke sie beim Punkt.” Der Junge in der Geschichte hält das für einen Witz und läuft lachend davon, wir alle aber wissen, wie grundlegend ernst das gemeint ist. Es ist die Basis von Boysens Sprachmeisterschaft.

Die Lesung dauerte nicht lange, von acht bis viertel nach neun. Zwischen den Texten, die Boysen aus seinem Buch vortrug – darunter auch das Kriegsheimkehrer-Kapitel “Fünfzig Jahre” -, spielte ein ausgezeichnetes Jazz-Trio mit Peter Cudek am Kontrabass, Florian Persler an der Gitarre und der stimmschönen Sängerin Nadine Germann, die später vom Jubiliar herzlichst umarmt wurde.

Am Ende kam Dieter Dorn auf die Bühne (mit einer beachtlich wuscheligen Grauhaarlöwenmähne) und überreichte seinem langjährigen Protagonisten einen Strauß roter Rosen. Auch aus dem Parkett, in dem sich schon längst wieder alle erhoben hatten, gab es von einigen Damen Rosen, und dann sangen alle, wirklich alle, auf der Bühne wie im Zuschauerraum, “Happy birthday”, und der Schauspielkünstler Rolf Boysen freute sich königlich und erhob zum Dank die Arme, und bevor er rechts abging, schulterte er zum Spaß seine Rosen. Dann kam er noch mal zurück, mit seinem vollen, glänzenden Silberhaar, seinem eleganten Schnauzer und dem dunklen Jackett wirklich sehr würdevoll aussehend, lehnte sich locker gegen das Lesetischchen und gab noch eine Zugabe: “Die Heldin”, das Kapitel über Judith und Holofernes – hochdramatisch, zum Fürchten gut.

Nach diesem Schluss ging Rolf Boysen nicht nach rechts, sondern nach hinten ab, in die blaue Tiefe der Bühne: gelassenen, beinahe federnden Schrittes, ein Jahrhundertschauspieler, der fröhlich schlenkernd abdankt. Sehr bewegend, dieses Bild … das alsbald ein sich senkender Vorhangprospekt verschloss.

5 Kommentare »

  1. Rührend! Und das meine ich nicht ironisch, sondern in der Tat freut mich, wie liebevoll dieser großartige Schauspieler hier gewürdigt wird.

    Und bei einem Neunzigjährigen darf sich auch eine Kritikerin mal einen Schuss Sentiment gönnen… zumal es ja doch immer wieder beruhigend ist zu erfahren, dass die Theaterkritikerin sich mit Leib und Seele, vor allem mit Herz, dieser Institution Theater verbunden fühlt und nicht nur Kritikerin, sondern manchmal auch einfach Fan ist! Danke!

    Comment by S. — März 31, 2010 @ 7:08 pm

  2. eine sehr schöne würdigung eines ganz grossen schauspielers.

    Comment by peter hohl — April 2, 2010 @ 2:56 pm

  3. Vielen Dank für das Feedback!
    @ S.: Lieber S., ich merke, dass Sie Ihre Worten tatsächlich nicht ironisch meinen, das freut mich sehr.

    Comment by Christine Dössel — April 2, 2010 @ 9:11 pm

  4. Wieder mal ein famoser Bericht, voller Lebendigkeit und unverstellt schwärmerischer Begeisterung.
    Genau für diesen Ton ist ein Blog DAS passende Medium: angesiedelt zwischen der langsameren Genauigkeit und analytischen Distanz eines Print-Artikels und der impulshaften Flüchtigkeit mündlicher Äußerungen.
    So stellt sich bei den Postings der Eindruck ein, das Transkript eines Anrufbeantworters zu lesen, auf dem Sie, liebe Frau Dössel, einer Freundin oder einem Freund unmittelbar nach Erlebtem, Gesehenem oder Gehörtem die ungefilterte Fülle des persönlichen Eindrucks aufs Band sprudeln und in unverstellten Worten, die so nie in einem Artikel zu finden wären, von dem Nachmittag berichten – und dazu gehört das reizende Schwärmen für den den 90jährigen Charmeur ebenso wie die Detailbeobachtung der ausgegebenen Hörgeräte bei der Geburtstagslesung.
    Weil man als ganzer Mensch eben auch das Leben in seiner Fülle wahrnimmt, und sich in der Wahrnehmung und dem beeindruckt-, bewegt-, begeistert-, geschmeichelt-, verzaubert-Sein nicht der Gegenstand einer solchen Wahrnehmung und Beschreibung, sondern die von diesem Gegenstand in solcherlei Schwingung versetzte Wahrnehmende anwesend sind, sich verbinden und begegnen.

    Diese Begegnung und Begeisterung dann zu beschreiben und zwar so, dass die in dem Moment eingewobene Begeisterung noch über ihn hinaus trägt, und Leser in Freude und Rührung versetzen kann, ist schon ein Stück Glück.

    Aber genug Pathos – an Ostern sei dies gestattet (gestern, das sei zur Verteidigung vorgebracht, zum ersten Mal QUO VADIS gesehen): Sehr schön! Tolles Blog! Weiter so!

    Comment by Ralkorama — April 3, 2010 @ 5:20 pm

  5. Danke für diesen Artikel. Ja, es geht noch!!! Welch eine Gnade. Ich dachte schon, Boysens 90. ginge unter, wenn man nicht gerade in Bayern wohnt, hat man nicht oft Gelegenheit etwas über diesen “Großen” der Bühne zu erfahren, doch dank Internet kann man wenigsten erfahren, wie der runde Geburtstag verlief. Man ist gerührt, danke für den Bericht.

    Comment by Roswitha Römer — April 22, 2010 @ 8:44 am

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