28.03.10 | 23:02 | Geht doch! | Harte Realitäten | Theater | Kommentare 3 Kommentare

Solidarität mit dem Schauspielhaus Wuppertal

Wuppertal-Button

Am Samstag war Welttheatertag, und die deutschen Bühnen nutzten diesen sonst eher vergessenen Termin für eine Mobilmachung in eigener Sache. Fast 60 Theater aus der ganzen Republik schickten Einsatzkommandos nach Wuppertal, um mit Lesungen, Reden und szenischen Beiträgen gegen die Schließung des dortigen Schauspielhauses zu protestieren. Denn ja: Die Stadt Wuppertal plant allen Ernstes, ihr Theater dichtzumachen! Und weil in diesen finanzkrisengebeutelten Zeiten auch andere Stadttheater um ihre Existenz fürchten müssen, haben die im Deutschen Bühnenverein organisierten Intendanten zu einer Protestaktion aufgerufen.

Mit enormer Resonanz. Es war die bisher größte Solidaritätsdemonstration deutscher Bühnen, die da am Samstag zustande kam, ein theatralischer Großkampftag.

Kleine Theater wie die Burghofbühne Dinslaken, das Stadttheater Gießen oder das ebenfalls von Schließung bedrohte Schlosstheater Moers nahmen ebenso daran teil wie das Schauspielhaus Düsseldorf, das Staatstheater Stuttgart, das Nationaltheater Mannheim oder das Berliner Ensemble. Das Hamburger Schauspielhaus schickte den wütenden Hartz IV-Chor aus Volker Löschs Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“, das Schauspiel Köln den „Engel der Geschichte“ aus Elfriede Jelineks Wirtschaftskrisenkomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Und für den Schauspieler Ulrich Matthes vom Deutschen Theater Berlin war es eine Ehrensache, seine Unterstützung für das Wuppertaler Schauspielhaus mit einer Tschechow-Lesung auszudrücken. Matthes hatte schon vor Weihnachten dem Wuppertaler Oberbürgermeister einen mehrseitigen Brief geschrieben, in dem er ihm vom traurigen Tod des Berliner Schiller-Theaters berichtete und von dem Phantomschmerz, den diese Theaterschließung hinterließ. Matthes hat nie eine Antwort erhalten.

Hier seine Kurzansprache in Wuppertal, leider sieht man sein Gesicht nicht:

Ein Theater zu liquidieren, ist eine hässliche, folgenschwere Angelegenheit. Für jeden Politiker eine denkbar unpopuläre Maßnahme – aber auszuschließen ist sie nicht. Die Lage in Wuppertal ist so bitter ernst, wie die Stadt pleite ist. In der Regel machen die Kommunen ihre Theater nicht gleich ganz dicht, sondern zehren sie aus: fahren sie finanziell und damit auch personell runter, streichen ihnen die Etats zusammen, schließen einzelne Sparten, bürden ihnen neue und immer neue Kosten auf und sparen sie so langsam kaputt. In den letzten 15 Jahren wurden im deutschen Theater 7000 Arbeitsplätze gestrichen. Da ist kein Speck mehr abzutragen, das ist ausgedünnt. Wenn man so weitermacht, ist es ein Tod auf Raten.

Es gibt ein Menetekel: das Berliner Schiller-Theater -- nicht nur für Ulrich Matthes eine offene Wunde. 1993 wurde es geschlossen, ein Haus mit wirklich großer Tradition – das waren immerhin mal die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin. Auch damals wollte das mit der Schließung erst keiner glauben. Auch damals wurde demonstriert. Holk Freytag, der Vorsitzende der Intendanten im Deutschen Bühnenverein, war zu jener Zeit Intendant am heute so gebeutelten Wuppertaler Haus. Er erzählt, wie alle NRW-Intendanten geschlossen nach Berlin gereist sind, um lautstark gegen die Schließung des Schiller-Theaters zu protestieren. Nie mehr, so schwuren sie, würden sie mit einer Aufführung nach Berlin kommen! Keine Zusammenarbeit, kein Gastspiel, keine Pina Bausch sollte es dort mehr geben! Selbst das Theatertreffen wollten sie boykottieren! Nun ja, man weiß, was aus der stolzen Androhung geworden ist, und wenn das Wuppertaler Protestspektakel vom Samstag so effektiv ist wie die Demonstration damals in Berlin, dann gute Nacht …

Die SMS, die Holk Freytag heute Mittag geschickt hat – wir waren wegen eines Artikels in Kontakt, den ich fürs Feuilleton geschrieben habe –, ist allerdings voller Zuversicht. Es klingt darin jener euphorische Optimismus an, den jeder kennt, der, gestärkt von der beglückenden Erfahrung menschlicher Solidarität, von einer Groß-Demo für eine gute Sache zurückkommt.

Hier also die Nachricht des Hauptorganisators:

„Es war ganz toll gestern, und es ging bis weit nach Mitternacht. Es waren Tausende auf der Straße, selbst die drei Kilometer lange Menschenkette vom Schauspiel- zum Opernhaus hat geklappt. Vielleicht schaffen wir da ja doch was .“

„Vielleicht schaffen wir ja doch was“ … ja! Das ist schön! Das wäre zu wünschen.

Ich war am Samstagabend nicht in Wuppertal, sondern bei der Premiere von “Don Carlos” am Staatsschauspiel Dresden (da, wo Holk Freytag zuletzt Intendant war, bevor Wilfried Schulz ihn ablöste). Beim Schlussapplaus, der mit Fug und Recht begeistert und sehr ausgiebig war, zeigte sich Regisseur Roger Vontobel im gelben Wuppertal-Solidarität-T-Shirt. Die Dresdner Schauspiel-Gesandtschaft hatte es frisch von der Wuppertaler Protestaktion mitgebracht. Fand ich gut.

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos"  (Fotos: cd)

Regisseur Roger Vontobel im Solidaritäts-T-Shirt, rechts: Burghart Klaußner, Darsteller des Philipp im Dresdner "Don Carlos" (Fotos: cd)

Nach der Vorstellung, die bis zwanzig nach elf ging (die Sommerzeitumstellung mit einkalkuliert, war es fast schon halb eins -- so viel zu den Arbeitszeiten einer Theaterkritikerin!), also nach der Vorstellung lief ich dem Intendanten Wilfried Schulz über den Weg. Der trug einen Wuppertal-Solidaritäts-Button -- und außerdem von der linken Schulter bis zum Arm einen nicht zu übersehenden Klettschienenverband. Was für ein Kämpfer! Sah aus, als wäre er selber bei der Wuppertaler Demo dabei gewesen und hätte sich dort ganz schön ins Zeug gelegt, ja regelrecht fürs Theater geschlagen.

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Kämpfer für Wuppertal ... und überhaupt: Der Dresdner Intendant Wilfried Schulz mit Solidaritäts-Button und geschientem Arm

Nein, so weit ist es natürlich nicht gekommen. Er ist beim Skifahren gestürzt, der Arme. Letzter Tag, letzte Abfahrt, alles schon gepackt, Auto stand abfahrbereit, einmal noch rauf … und dann das: Trümmerbruch. Schulz, dieser wirklich nette Mensch mit dem lustigen Kiebich-Gesicht, legt auch bei dieser Unglücksschilderung einen milden Ton und sein immer so freundlich scheues Lächeln auf. Diese deutschen Intendanten! Hart im Nehmen sind sie ja schon. Einfach nicht kleinzukriegen.

Wäre doch gelacht, wenn mit denen der Kampf gegen den Theatertod nicht zu gewinnen wäre.

3 Kommentare »

  1. Im Gegensatz zu Ihrem Artikel “Die Angst der Intendanten vor dem Flächenbrand” und obenstehendem Bericht sehe ich die Sache völlig anders. Wenn schon aus finanziellen Gründen harte Sparmaßnahmen in den Gemeinden sein müssen, dann überall, also auch in der Kulturszene. Denn auch hier hat sich Wildwuchs breitgemacht. Wenn sich die Theater schon nicht selbst tragen, dann macht sie dicht wie Bäder, Sportstätten u.ä. Wer braucht Bayreuth, Deutsches Theater usw.? Doch nur eine spezielle Kaste von Großkopferten, die sich auf Kosten des Steuerzahlers zur Schau stellt.

    Comment by Anti Theater — März 30, 2010 @ 8:07 am

  2. >>Wer braucht Bayreuth, Deutsches Theater usw.? Doch nur eine spezielle Kaste von Großkopferten, die sich auf Kosten des Steuerzahlers zur Schau stellt.<< … Mit so einem Statement, Herr/Frau Anti-Theater, desavouieren Sie sich selbst als ein armer Kulturbanause, wenn nicht als bekennender Kleinkopferter. Mit Ihnen braucht man ja gar nicht zu diskutieren anzufangen.

    Comment by Christine Dössel — April 2, 2010 @ 9:25 pm

  3. Leserbrief
    Schauspielhaus; noch einmal und dann nimmermehr. Wim Wenders 3D-Tanzfilm über Pina Bausch
    “Der erste große Drehtag im Schauspielhaus ist Montag, der 12. April. Wim möchte an diesem Tag Totale mit „Publikum“ drehen .Dazu brauchen wir 80 Leute aus unseren Familien- und Freundeskreisen, die Lust und vor allem Zeit haben, am Montag, den 12. April von 10:00 bis 19:00 Uhr durchgehend am Set zu sein. Es gibt kein Geld dafür, aber gute Verpflegung (catering) und sicher auch Spaß und einen spannenden Tag.“
    Nur 80 Auserwählte, verteilt auf die ersten vier Reihen, durften ihrer Begeisterung freien Lauf lassen. Zwei mal wurde Kontakthof gegeben. Wim Wenders hatte uns mit dem Hinweis begrüßt: „ Sie sind wahrscheinlich die letzten Zuschauer, die auf diesen Stühlen sitzen“! Warum, wo doch unser Schauspielhaus seit Jahrzehnten eine wunderbare und gut funktionierende Spielstätte ist?
    Grund ist der Brand am Düsseldorfer Flughafen, eine Verkettung unglücklicher Umstände.
    Rückblick: Bei Fahrbahnarbeiten floss brennender Teer in einen Lüftungskanal. Hier und jetzt hätte eine gute Fee oder ein Rauchmelder das Gebläse ausschalten müssen. Die Katastrophe wäre verhindert worden. Aber es gibt keine Fee und auch keine Rauchmelder in Lüftungskanälen. Also fachte Frischluft den brennenden Teer (Brandlast) an und blies giftigen Qualm bis in den letzten Winkel des Flughafengebäudes. Hier erstickten die Opfer, von undurchdringlichen Glasfronten gefangen.
    Als Konsequenz entstanden unbezahlbare Bauvorschriften die für alle Gebäude mit Lüftungskanälen gelten und für unser Schauspielhaus das Aus bedeuten.
    Zunehmend wird technischer Sachverstand und Verantwortung durch Juristen ersetzt. Vor Eschede hätte der mutige Griff zur Notbremse die ICE Katastrophe verhindert. Der entgleiste Radsatz hatte schon 6 km vorher deutliche Klopfzeichen gegeben.
    Nach der Entdeckung eines Risses im Gerüst unserer Schwebebahn wurde der Eindruck vermittelt, das 100 Jahre alte Bauwerk könnte möglicherweise, jedenfalls nicht auszuschließen, im Vorweihnachtstrubel wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
    Es gibt keine 100% Sicherheit, selbst wenn diese fünffach eingeplant wurde. Wenn in Köln mit krimineller Energie 80% des Bewehrungseisens gestohlen wurde, finden sich sogar Sprecher, die die verbliebenen 20% als ausreichend bezeichnen und mutmaßlich keine Ursache für den Einsturz des Stadtarchivs darin sehen.

    16.4.2010

    Volker Fahrney Reihe 1 Platz 18
    Brillerstr 1B
    42103 Wuppertal
    0202 2574864

    Comment by Volker Fahrney — April 18, 2010 @ 6:36 pm

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